ZOOLOGISCHE lAHRBÜCHER
iBTEHUNS
FÜR
SYSTEMATIK, GEOGRAPHIE UND BIOLOGIE
DER TIERE
HERAUSGEGEBEN
PROF. DR J. W. SPENGEL
IN GIESSEN
BAND 40
MIT 22 TAFELN. 37 ABBILDUNGEN IM TEXT UND 6 TABELLEN
JENA
VERLAG VON GUSTAV FISCHER
1917
Alle Rechte, nameutlich das der Übersetzung, vorbebalten.
Inhalt.
Erstes und zweites Heft.
(Ausgegeben am 25. November 1915.)
Seite
V. BOETTICHER, Hans, Untersuchungen über den Zusammenhang
zwischen Klima und Körpergröße der homöothermen Tiere , 1
Springer, Fritz, Über den Polymorphismus bei den Larven von
Miastor metraloas. Mit Tafel 1 — 2 57
Karny, H., Ergebnisse der Forschungsreise des Herrn Dr. Adalbert
Klaptocz nach Französisch Guinea. Orthoptera und Oothecaria 1 19
Chappuis, P. A., Bathynella natans und ihre Stellung im System.
Mit Tafel 3 und 17 Abbildungen im Text 147
Drittes und viertes Heft.
(Ausgegeben am 9. Februar 1916.)
DE Heuere, J. C. H., Beiträge zur Kenntnis der Dipteren-Larven
und -Puppen. Mit Tafel 4—14 177
Berichtigung zu : BoETTGER , Caesar R. und Fritz Haas , Bei-
träge zur Molluskenfauna des Sudans (Bd. 38, Heft 6) . . . 322
Fünftes Heft.
(Ausgegeben am 20. Oktober 1916.)
Armbruster, Ludwig, Zur Phylogenie der Geschlechtsbestimmungs-
weise bei Bienen. Mit Tafel 15 und 6 Tabellen 323
Babic, K., Zur Kenntnis der Theneen. Mit Tafel 16—18 . . . 389
Döderlein, Ludwig, Über die Gattung Oreaster und Verwandte,
Mit 18 Abbildungen im Text 409
\.^\'\
IV luhalt
Sechstes Heft.
(Ausgegeben am 18. Jamuir 1917.)
Seite
MicOLETZKY, Heinkich, Freilebende Süßwasser-Nematodeu der
Bukowina. Mit Tafel 19—22 441
Hasebroek, K. , Stellung und Lage der Zwillingsflecke und des
Randfleckes auf den Flügeln von Vanessa urticae L. und var.
ichnusa Bon. als neue Gesichtspunkte für die Bestimmung des
phyletischen Alters der urticae-Rassen. Mit 2 Abbildungen
im Text 587
Nachdruck verboten.
Übersetzungsrecht vorbehalten.
Untersuchungen über den Zusammenhang zwischen
Klima und Körpergröße der homöothermen Tiere.
Von
Uans V. Boetticher.
Die neue Begründung-, welche Dakwin in seiner Schrift „Ent-
stehung der Arten" der Abstammungslehre gab, und die gewaltige
Anregung, die von seiner Selektionstheorie ausging, hatten einen
großen Aufschwung der biologischen Forschung zur Folge.
Die große Mehrzahl der Botaniker, Zoologen und Paläontologen
stellte ihre Arbeit in den Dienst der neuen Lehre, und besonders
die Morphologie, aus der die Beweismittel für die Descendenztheorie
vorwiegend beschaftt werden konnten, wurde vor anderen Forschungs-
richtungen bevorzugt. — Wenn sich damit auf der einen Seite eine
Fülle neuer interessanter Ergebnisse herausstellte, so traten anderer-
seits aber auch wichtige . Zweige der Biologie zeitweise stark
zurück, und manche Errungenschaft ihrer Betrachtungsweisen geriet
in Vergessenheit, um erst neuerdings wieder aufgenommen zu
werden.
Dahin gehört u. a. auch die Verbindung der anatomischen und
physiologischen Untersuchungsmetliode, wie sie Bergmann u. Leuckart
in ihrer „vei'gleichenden anatomisch-physiologischen Übersicht des
Thierreichs" so erfolgreich anwandten. So verdient denn die Theorie
aufs neue geprüft zu werden, welche K. Bergmann in seiner Schrift
„Über die Verhältnisse der Wärmeökonomie der Thiere zu ihrer
Größe" (1849) aufstellte : daß bei den warmblütigen Tieren, also bei
Zool. Jahrb. XL. Abt. f. Syst. 1
2 Hans v. Boetticher,
den Säugetieren und Vögeln, die größeren Formen einer engeren
Gruppe in kälteren, die kleineren dagegen in wärmeren Gebieten
bessere Lebensbedingungen fänden.
Er geht dabei von folgender Betrachtung aus:
Wenn auch die Säuger und Vögel infolge ihrer Eigenwärme
von der sie umgebenden Temperatur nicht in dem Maße abhängig
sind wie die Wechsel warmen Tiere, so übt doch auch auf sie die
Außentemperatur einen gewissen Einfluß aus. Ist letztere nämlich
höher als die Körperwärme, so kann sie eine Steigerung der Eigen-
wärme bewirken, welche dem Tiere gefährlich und schädlich werden
kann, wenn sie nicht wieder herabgesetzt werden kann. Dieses ge-
schieht in erster Linie durch Abkühlung des Körpers durch Wasser-
verdunstung an den Lungen und den Schleimhäuten der Mund- und
Rachenhöhle, bei einigen Säugern auch an der Oberfläche durch
Schweißdrüsen.
Andrerseits aber wird die Außentemperatur auch, wenn sie
niedriger als die Körperwärme ist, eine Herabsetzung der letzteren
bewirken. Der Verlust an Wärme muß durch neue, durch den Stoft-
Wechsel erzeugte Wärme ersetzt werden. Damit nun aber nicht
mehr Wärme bei der Abkühlung durch die niedrigere Außentempe-
ratur abgegeben wird, als gleichzeitig durch den Stoff'wechselprozeß
neu beschaff"t werden kann, muß das Tier gegen allzuviel Wärme-
abgabe geschützt werden. Dies kann, so sagt Bergmann, außer
durch dichtes Haar- oder Federkleid oder durch Fettpolster der
Unterbaut auch durch Vergrößerung des Körpers geschehen. Denn,
so führt er aus, ein großer Körper hat eine verhältnismäßig kleinere
Oberfläche als ein sonst gleichgestalteter kleiner Körper.
Ein Würfel von 1 cm Kantenlänge hat 1 ccm Inhalt und 6 qcm
Oberfläche, ein Würfel von 2 cm Kantenlänge einen Inhalt von
8 ccm und eine Oberfläche von 24 qcm, während ein Würfel von
3 cm Kantenlänge 27 ccm Inhalt und 54 qcm Oberfläche aufweist.
Die Oberfläche des kleinsten Würfels verhält sich zu seinem Inhalt
wie 6 zu 1, des mittleren wie 24 zu 8 oder wie 3 zu 1, des größten
wie 54 zu 27 oder wie 2 zu 1. Die Oberfläche wird also, je
größer der Körper seinem Inhalte nach wird, im Verhältnis desto
geringer.
Da nun natürlicherweise ein wärmeerzeugender Körper mit ver-
hältnismäßig großer Oberfläche mehr Wärme durch Ausstrahlung an
eben dieser Oberfläche abgibt als ein Körper mit kleinerer Ober-
fläche, der große Körper aber bei sonst gleichen Verhältnissen ab-
Klima und Körperg-rüße der liomöothermeu Tiere. 3
sohlt, seiner Masse entsprechend, im ganzen mehr Wärme erzeugt,
so kann ein derartiger großer Körper in kalter Umgebung seine
Eigenwärme besser erhalten als ein kleiner, sonst aber gleichgestal-
teter Körper, der ja im Vergleich zur Wärmeerzeugung mehr Wärme
ausstrahlt. Es müßten daher von nahe verwandten Säugetier- und
Vogelformen die größeren in kalten, die kleineren in warmen Gegen-
den bessere Daseinsbedingungen antrelfen. Im Anschluß an diese
Betrachtung gibt Bergmann eine kleine Liste paläarktischer Vogel-
formen, um zu zeigen, daß diese von ihm vermutete Erscheinung
tatsächlich in vielen Fällen sich feststellen läßt. Bergmann ist sich
dabei sehr wohl bewußt gewiesen, daß eine verminderte Wärme-
abgabe auch auf anderem Wege erreicht werden kann und daß
dadurch die Verhältnisse recht kompliziert werden und daß jeden-
falls nur bei einer Vergleichung sehr nahe verwandter Tierformen
mit möglichst gleicher Lebensw^eise seine Annahme eine Bestätigung
finden könne.
Er erwägt in gewissenhaftester Weise alle Fehlerquellen, die
notwendigerw^eise mitzuberücksichtigen sind. Da aber die systema-
tischen Kenntnisse der damaligen Zeit noch ziemlich bescheiden
waren und viele Formen, welche nur recht weitläufig miteinander
verwandt sind, damals in ganz engen Gruppen, teilweise sogar in
derselben Gattung, vereinigt w^aren, so erheischte jene Zusammen-
stellung Bergmann's eine durchgehende Eevision, bzw. eine ganz
neue Ausarbeitung und Prüfung. Eine derartige, zunächst nur ganz
vorläufige Zusammenstellung habe ich an der Hand der Angaben
der neueren Literatur unter dem Titel: „Über den Zusammenhang
zwischen Klima und Körpergröße der warmblütigen Tiere" (in : Zool.
Anz., Vol. 41) veröffentlicht. Nachdem nun neuerdings Hesse in
seiner Schrift: „Die ökologischen Grundlagen der Tierverbreitung"
(in: Geogr. Ztschr., Vol. 19) den BsRGMANN'schen Grundsatz eben-
falls eingehend berücksichtigt hat, unternahm es Klatt in seinem
„Bericht über eine Reise nach Eritrea im Frühjahr 1913" (in: SB,
Ges. naturf. Freunde Berlin, 1913, No. 8) an der Hand des auf
unserer Reise nach Eritrea gesammelten Materiales ebenfalls Belege
beizubringen, die nach Bergmann's Grundsatz zu erklären sind,
wobei er allerdings in Ermangelung von Untersuchungen von nächst
verwandten Tieren zum Teil Formen zum Vergleich heranzog, bei
denen von naher verwandtschaftlicher Zugehörigkeit nicht schlechthin
gesprochen werden kann.
Bei der Diskussion jenes Vortrages von Klatt in einer Sitzung
1*
4 Hans v. Boetticher,
der Gesellschaft iiaturforschender Freunde stieß die von Hesse und
Klatt wieder in Erinnerung- gebrachte BEEGMANN'sche Theorie an
verschiedenen Seiten auf Widerstand, wenigstens insoweit, als da-
gegen angeführt wurde, daß die damit in Verbindung gebrachte Er-
scheinung der Größenzunahme nach den kalten Gebieten hin zwar
manchmal zutrifft, aber sehr oft auch nicht zu beobachten sei (was
u. a. auch schon Allen [s. Lit.Verz.] hervorgehoben hati) und des-
halb nicht mit dem Klima in Verbindung gebracht werden dürfe.
Hierdurch angeregt, unternahm ich es, an der Hand eigener Messungen
am Material des Kgl. Museums für Naturkunde in Berlin und der
Kgl. Landwirtschaftlichen Hochschule ebendort, vornehmlich aber an
der Hand der in der einschlägigen Literatur gemachten Maß-
angaben, eine etwas ausführlichere Zusammenstellung verschiedener
Säuger- und Vogelgruppen und einen kritischen Vergleich derselben
zu geben.
Ich entspreche nur einer angenehmen Pflicht, wenn ich an dieser
Stelle den Herren Prof. Dr. A. Brauer, dem Direktor des Kgl.
Museums für Naturkunde, Zool. Abt., Prof. P. Matschie, Prof.
0. Neumann, Geh. Rat Prof. Dr. A. Reichenow sowie den Herren
Dr. B. Klatt und Grafen 0. Zedlitz und Trützschler, sämtlich in
Berlin, und vor allen Dingen meinem hochverehrten Lehrer, Herrn
Prof. Dr. R. Hesse, jetzt in Bonn a. Rh., meinen aufrichtigsten und
herzlichsten Dank für die Liebenswürdigkeit ausspreche, mit welcher
diese Herren mir durch Erlaubnis der Benutzung der Sammlungen,
Büchereien usw. oder durch gütige Bekanntgabe eigener Beobach-
tungen manche wertvolle Hilfe gewährt haben.
Wenn wir uns im Folgenden die verschiedenen Tiergruppen
daraufhin ansehen, ob bzw. in welchen Fällen die eingangs be-
sprochene Erscheinung zutrifft, daß große Formen in kälteren, kleine
in wärmeren Gegenden vorkommen, so müssen wir uns vor allen
Dingen eines klar machen. Selbstverständlich soll und kann nicht
behauptet werden, daß der Einfluß der Temperatur der einzige
Faktor der Größenbildung ist und daß die Größenbildung andrer-
seits der einzig mögliche Weg der klimatischen Anpassung ist.
Beides ist ganz selbstverständlich nicht der Fall und kann auch von
niemand ernstlich behauptet werden. Aber um etwaigen Mißver-
ständnissen vorzubeugen, muß ich das an dieser Stelle besonders
hervorheben. Es gibt außer der Temperatur noch unzählige Fak-
Klima \uul KörpergTöße der honiüothermen Tiere. 5
toien, welche die Größe eines Tieres zu bestimmen vermögen, wie
etwa Beschränkung des Wohngebietes oder auch eine auf Nahrungs-
knappheit oder anderen Bedingungen beruhende Ungunst der Ver-
hältnisse usw. Man denke nur an die Inselformen, wo wir besonders
unter den Säugern oft wahre Zwerg- und Kümmerformen antreffen,
oft aber auch, so namentlich bei verscliiedenen Vögeln und auch bei
Kriechtieren, gerade im Gegenteil richtige Riesenformen. In diesen
letzteren Fällen liegt wahrscheinlich, wie es 0. Neumaxn annimmt,
eine nachträgliche Besiedelung eines feindlosen und in Hinsicht der
Ernährungsmöglichkeit noch gänzlicli jungfräulichen Gebietes durch
ausgewanderte Festlandsformen vor. Auch mögen andrerseits in
manchen Fällen für bestimmte Tierformen in kalten Gebieten die
übrigen Lebensbedingungen (Nahrung usw.) so ungünstig sein, daß
dort zwerghafte Kümmerformen entstehen, obwohl das Tier dem
einen Faktor, der niedrigeren Temperatur, gegenüber günstiger ge-
stellt wäre, wenn es größer wäre. Andrerseits hat die Natur noch
recht, recht viele Mittel, um einem Tier das Leben in einem kalten
Klima zu ermöglichen. Man denke doch nur an die mannigfache,
verschiedenartige Behaarung bzw. Befiederung, durch welche eine
allzu große Wärmeausstrahlung ebenfalls vermieden wird, ferner an
den starken Fettansatz mancher Tiere, an die erhöhte Wärmeerzeu-
gung durch lebhafteren StoöVechsel, die in der Vergrößerung des
Herzens ihren Ausdruck findet, wie solche, um nur von nahe ver-
wandten Formen zu reden, J. Steohl (1910) für die Moor- und
Alpenschneehühner festgestellt hat. Ferner kann auch die Ober-
fläche, auch bei einem verhältnismäßig großen Körper, noch dadurch
vergrößert werden, daß einzelne seiner Teile, welche wenig massig
sind, stark vergrößert werden, so die Ohren der Säuger, Kämme,
Kehllappen und andere nackte Hautgebilde der Hühner und anderen
Vögeln usw. — Auch durch die Lebensweise können sich viele
Tiere vor den Einflüssen des Klimas schützen. Viele, wenn nicht
die meisten Vögel ziehen in der kalten Jahreszeit in wärmere Ge-
biete, dasselbe tun viele Flattertiere, einige Nager, und, wie be-
hauptet wird, unternimmt auch eine Renntierart, das Barrengrundren,
im Winter größere Wanderungen nach dem Süden. Die meisten
kleinen Säuger, in Deutschland alle in der Größe vom Hasen ab-
wärts, leben in Höhlen, Löchern und anderen Schlupfwinkeln und
sind dadurch der Einwirkung niedei'ster Temperaturen entzogen.
Viele Säuger halten gar einen Winterschlaf, der es ihnen allein er-
möglicht, in den von ihnen bewohnten Gebieten zu leben.
6 Hans v. Boetticher,
Diese, weiter unten noch zu besprechenden verschiedenen Mittel,
der Kälte zu trotzen, können natürlich auch in den mannigfachsten
Zusammenstellungen bei den verschiedenen Tierformen auftreten,
und andererseits, je stärker sie im einzelnen entwickelt sind, andere,
dasselbe bezweckende Mittel ganz oder zum Teil ersetzen.
Aufgabe der vorliegenden Betrachtung ist es lediglich, zu unter-
suchen, ob außer den vielfachen anderen, oben kurz erwähnten
Wärmeschutzmitteln bzw. Anpassungen an das Leben in kalten Ge»-
bieten auch die von Beegmann als eine solche Anpassung be-
zeichnete Größenzu- bzw. abnähme bei warmblütigen Tieren gesetz-
mäßig vorkommt, d. h. mit anderen Worten, ob Vögel und Säuger
nach den kalten Gebieten hin wirklich größer werden als in den
warmen und ob dieses Größerwerden nur vereinzelt und ganz zu-
fällig auftritt oder ob diese Erscheinung sich in vielen Fällen
wiederholt, und endlich, ob aus der Zusammenstellung solcher etwa
vorkommenden Fälle sich ein Schluß auf eine gewisse Gesetzmäßig-
keit der Erscheinung ziehen läßt.
Je nach den geographischen, klimatischen, Vegetations- und
anderen Verhältnissen eines Landgebietes müssen innerhalb seiner
Grenzen andersgestaltete Tierformen leben als in einem anderen
geographischen Gebiet mit andersartigen Verhältnissen. Die Tiere
eines Landes bilden eine „Funktion" des betreffenden Gebietes, wie
es Matschie vor Jahren genannt hat. Ihre Gestaltung ist das
Resultat aller der in Betracht kommenden, für das betreffende geo-
graphische Gebiet eigentümlichen Faktoren: nicht zuletzt auch des
Klimas !
Klimatische Anpassungen, welcher Art sie auch sein mögen,
werden wir stets antreffen. Wir wollen im Folgenden sehen, ob die
von Beegmann als Anpassung an das kalte Klima bezeichnete rela-
tive Körpergröße, bzw. die als Anpassung an das warme Klima an-
gesehene relative Körperkleinheit, in den beiden Klassen der warm-
blütigen — oder, besser gesagt, eigenwarmen — Tiere vorkommt.
Werfen wir zunächst einen Blick auf das allgemeine Vorkommen
der Angehörigen der beiden Klassen, so müssen wir u. a. die auch
von Hesse besonders hervorgehobene Beobachtung machen, daß die
Vögel den Säugetieren darin überlegen sind, daß sie bei gleicher
Masse eine viel kleinere Oberfläche haben (vgl. Hesse, 1913, p. 449).
Dies würde im Einklang mit der BEEGMANN'schen Theorie es er-
klären, daß selbst sehr kleine Vögel bei uns überwintern können,
ohne A^'ohnungen und Höhlen aufzusuchen, während, wie oben er-
Klima und Körpergröße der homüothermeu Tiere. 7
Wähnt, alle dem Hasen an Größe nachstellenden Säuger vor der
Kälte unseres Winters Schutz in Höhlen, Löchern und anderen
Schlupfwinkeln suchen müssen.
Die im Folgenden bei einigen Formen angegebenen Maße stellen
absolute Rumpflängen dar, d. h. bei Säugern die Gesamtlänge weniger
Schwanzlänge, bei den Vögeln Gesamtlänge weniger Schwanz- und
Schnabellänge, und zwar so, wie ich sie der Literatur entnehmen
konnte oder, so namentlich bei dei- Gattung Corvus, durch Messungen
am Material des Zoologischen Museums in Berlin gefunden habe.
Besser würden sich ja für unsere Zwecke die Gewichte der Tiere
eignen, da sie ein besseres Bild von der Größe des Körpers, eines
Begriffes der dritten Potenz, geben würden. Doch liegen allgemein
nur sehr wenige Gewichtsangaben vor, weshalb wir uns mit den
manchmal ein sehr schlechtes Bild gebenden Längenangaben be-
gnügen müssen. Auch an den getrockneten, teilweise gedehnten,
teilweise geschrumpften Bälgen der Museen sind ganz genaue Maße
der Rumpflänge nicht festzustellen, so daß in vielen Fällen die An-
gaben um einige Millimeter nicht genau stimmen dürften. Doch
wurden natürlich allzu deformierte Stücke nicht mit berücksichtigt.
Die hinter der Heimatsangabe des öfteren verzeichneten Temperatur-
angaben beziehen sich auf die durchschnittlichen Januar- Isothermen,
zwischen welchen ungefähr das Verbreitungsgebiet der Tiere liegt.
Dies geschah aus dem Grunde, weil die kalte Zeit, in der die
Lebensbedingungen hinsichtlich der Temperatur die ungünstigsten
sind, in den nördlichen Winter fällt, und nach dem bekannten sog.
„Gesetz vom Minimum" ist für das Gedeihen eines Geschöpfes unter
mehreren vorhandenen, notwendigen Faktoren derjenige ausschlag-
gebend, welcher in ungünstigster Weise vertreten ist. Bei einigen
südäquatorialen Tieren wurden in analoger Weise die Juli-Isothermen
angeführt.
Betrachten wir uns nunmehr die Vögel!
Hier liegen die Verhältnisse nicht ganz klar zutage, da, wie wir
sahen, die Zugvögel in Wirklichkeit unter anderen klimatischen Ver-
hältnissen leben als die Standvögel desselben Landes. Es eignen
sich daher für unsere Betrachtungen nur die letzteren.
Wenn wir die lange Reihe der Vögel uns ansehen, so finden
wir vieles, was uns hier interessiert.
So ist der Schopfvvehrvogel in Venezuela und Columbia (Chauna
chavaria [L.]) kleiner als in Süd-Brasilien, Paraguay, Uruguay und
Argentinien (CJi. cristata [Sw.]).
g Hans v. Boetticher,
Der Anden-Flamingo ist in Peru [Phoenicoparrus jmnesi [Rahmee])
kleiner als in Chile {Ph. andiniis [Phill.]).
Das Laufhülinclien von Süd-Europa und Nord-Afrika (Turnix
sylvatica [Desf.]) ist größer als die sehr ähnliche T. Jcpurana (A. Sm.)
aus Afrika.
Das Steppenhuhn ist in der Kirgisensteppe bis zur Mongolei
und Nord-China [Syrrhaptes paradoxus [Pall.]) kleiner als in Tibet
[S. tibetanus J. Gd.).
Das Steißhuhn von Süd-Brasilien {Tinamus soUtarius [Vieill.])
ist größer als sein sehr ähnlicher Vertreter in Mittelamerika (T. ro-
hustus Sgl.).
Der Gänsegeier ist im Himalaya {G\jps Jnmalayensis Hüme) be-
deutend größer, in Vorder- und Hinterindien {G. indicus [Scop.])
dagegen kleiner als in den Mittelmeerländern (G. fulvus [Gm.]).
Der Aasgeier ist in Indien {Neophron ginginianus [Lath.]) kleiner
als in dem Mittelmeergebiet {N. percnopterus [L.]).
Der mitteleuropäische Mäusebussard {Buteo hiiteo [L.]) wird in
Süd-Europa durch den kleinereu B. arrkjonn Picchi ersetzt.
Der Lämmergeier ist auf Sardinien {Gypaetus subcdpinus Br.)
und im Atlas (G. atlantis Erl.) kleiner als in den Pyrenäen, See-
alpen, Appenninen, dem Balkan und dem Hochgebirge Asiens bis
China {G. harhatus [L.]).
Der Fischadler ist in Australien, Neuguinea, den Molukken und
den Bismarck-Inseln (Pandion leucoceplialus J. Gd.) kleiner als in
Europa, Nord- und Mittel-Asien (P. Jmliaetus [L.]) und in Nord-
amerika (P. caroUnensis Gm.).
Der Wespenweih von Nord- und Mittel-Europa bis West-Sibirien
[Pernis apivorus [L.]) ist kleiner als sein Vertreter in Ost-Sibirien
(P. Orientalis Tags.).
Der Rauhfußkauz ist in den Vereinigten Staaten (Nyctala aca-
dica [Gm.]) kleiner als im arktischen Amerika {N. richardsoni Bp.)
und in Nord-Europa und Nord-Asien (2V. tengmalmi [Gm.]).
Der Uhu ist in Sibirien [Buho Sibiriens Schlegel) größer als in
Europa (B. biibo L.), in Nord-Afrika (P. ascalaphus Sav.) und in
Indien (P. bengalensis [Feankl.]) dagegen kleiner. Ebenso ist B.
arcticus Sw. vom arktischen Nordamerika größer als P. virginianus
(Gm.), der das östliche Nordamerika bis Costa Rica bewohnt.
Der Habichtskauz von Nordost-Europa und Sibirien (Syrnium
uralense [Pall.]) ist größer als der von China und Japan (S. fusces-
cens Temm.).
Klima und Körpergröße der liomöotliermen Tiere. 9
Der Steinkauz ist in Süd-Europa {Athene glaux Sav.) kleiner als
in Nord- und Mittel-Europa {A. nodua [Retz.]).
Die Fischeule ist in Malakka und Java [Ketupa l'etupa [Hoesf.])
kleiner als in China {K. flavipes [Hodgs.]) und in Palästina und in
Indien (K. ceißonensis [Gm.]).
Die Gattung- Corvus eignet sich für unsere Untersuchungen in
ganz besonderem Maße. Ihre Vertreter bewohnen mit Ausnahme
von Südamerika die ganze Welt. Im höchsten Norden wie in den
Tropen gibt es Raben. Sie sind mit Ausnahme einiger im Winter
etwas weiter umherschweifender oder auch wohl zum Teil ziehender
Formen, der Krähen, im wahrsten Sinne des Wortes Standvögel,
die als Freibrüter zudem den klimatischen Einflüssen ganz besonders
ausgesetzt sind.
Der Kolkrabe (C. corax L.), der Nord- und Mitteleuropa unge-
fähr zwischen den mittleren Januar-Isothermen -\-b^ und — 10^ be-
wohnt, wird durchschnittlich etwa 320 mm lang (vgl. das über die
Maße oben Gesagte). Seine nördlichen Vertreter sind alle stärker.
C. islandicus Hantzsch von Island mit durchschnittlich über 320 mm,
der Rabe von Skoarö (Nord-Norwegen) gar mit 390 mm, der ebenso
große C. littoralis Be. von Süd- und Ost-Grönland, C. herincjianus Dtb.,
von den Commandor-Inseln mit etwa 385 mm, C. sibiricus Tacs. aus
Ost-Sibirien und vom Ussuri mit mehr als 360 mm, der etwas kleinere
C. ussurianus Tags, aus der etwas wärmeren Süd-Mandschurei und
der sehr große C. Mmtschaticus Dyb. aus Kamtschatka leben in
Gegenden, die zwischen den mittleren Januar-Isothermen 0^ und
— 30*^ und niedriger liegen. Der Rabe von Tibet (C. tihetanus Hodgs.),
wo im Winter die Temperatur oft bis — 30° und darunter sinkt, ist
ebenfalls „riesengroß"'. V. Almäsy weist darauf hin, daß „Exemplare
von C. corax aus den österreichischen Alpen, aus der Schweiz usw.
wahre Riesen gegen die ungarischen Raben sind."
Der größte Riese unter den Raben aber ist C. principalis Ridgw.,
der das arktische Nordamerika bis über die Januar- Isotherme —So'*
als Standvogel bewohnt. Das im Berliner Museum befindliche Stück
mißt ohne Schnabel und Schwanz 410 mm. In den westlichen Ver-
einigten Staaten bis Mexico hinunter, zwischen den Januar-Isothermen
—20 und -|-25° lebt der nur etwa 340 mm lange C. sinuatus Wagl.,
auf der Insel Clarion mit durchschnittlicher Jahrestemperatur von
-|-20 bis +30" lebt der kleine nur 260 mm lang werdende C. cla-
rionensis Rothsch. et Haet.
Die süd-europäischen Kolkraben sowie die aus dem warmen
10 Hans v. Boetticher,
Asien und aus Afrika sind alle kleiner, zum Teil beträchlicli kleiner
als C. corax, so C. hispanus Hart, et Kleinschm. aus Spanien, der
in der Größe zwischen corax und dem folgenden tingitanus steht, so
C. sardus Kleinschm. von Sardinien mit nur 280 mm ßumpflänge,
C. Imvrencei Hume aus Nord-Palästina und Ost-Persien mit etwa
290 mm, C. umhrinus Süxdev. aus Äquatoi'ial-Afrika, Sokotra und
Arabien bis Sindh mit 250—260 mm, C. torquaius Less. aus China
mit etwa 230 mm, der etwa ebensogroße C. tingitanus Irby aus
Nordwest-Afrika, C. ruficolUs Less. von den Capverden, der noch
viel kleiner als umbrinus ist, der kleine nur etwa 220 mm lang
werdende C. canariensis Hart, et Kleinschm. und die ungefähr
gleichgroßen C. infumatus Wagn. und C. Jcrausei Zedl. vom Sinai
und den Küsten des Roten Meeres, die ungefähr 220—250 mm lang
werden. Auch C. edithae Phill. von Somali bis zum Rudolphsee
ist ein kleiner Rabe. Auch der den Raben wohl näher als den
Krähen verwandte Schildrabe Afrikas (C. scaimlatus Daud.) ist nur
etwa 270 mm groß. Das Verbreitungsgebiet aller dieser Raben geht
nicht über die Januar-Isotherme —5", überschreitet andrerseits die
von -j-SO** an mehreren Stellen.
Eine zweite Gruppe der Gattung Corvus bilden die Krähen, bei
denen allerdings, wie wir sahen, die Verhältnisse insofern kompli-
zierter sind, als viele Formen, wenn nicht die meisten, wenigstens
in kälteren Gebieten, im Winter sehr weit streichen, vielleicht sogar
echte Zugvögel sind. So finden wir zwar bei der einen Unter-
gruppe, den Nebelkrähen, daß C. cornix L. von Nord- und Ost-
Europa und West-Asien mit etwa 230 mm, sowie die rumänisch-
serbische Form C. valachus Tschusi, deren Verbreitungsgebiet unge-
fähr zwischen den Januar-Isothermen 0 und — 10** liegt, größer
sind als C. sardonius Kleinschm. von Sardinien mit etwa 210 mm
und C. palescens Madak. von Cypern mit nur 180 mm, deren Heimat
zwischen den Januar-Isothermen -j-5 und -]-15** liegt. Andrerseits
ist aber C. sharpei Oates aus West-Sibirien, Turkestan und Afgha-
nistan kleiner als cornix; ihre Heimat grenzt zwar im Süden an die
Januar-Isotherme +10°» i™ Norden aber an — 15*^ und weniger. —
Doch ist zu berücksichtigen, daß in dortiger Gegend der Sommer,
dem kontinentalen Charakter des Klimas entsprechend, sehr heiß
ist, — im Juli durchschnittlich -f20 bis +35" und sogar oft noch
mehr — und daß möglicherweise C. sharpei in den nördlichen Teilen
im Winter nach Süden geht, was in gewisser Hinsicht auch von den
deutschen Krähen gelten dürfte. Dies würde es vielleicht auch
Klima und Körpergröße der homöothermeu Tiere. 11
erklären, daß unsere Krähen hinter den mesopotamisch-süd-persischen
Nebelkrähen (C. capellanus Scl.) an Größe zurückstehen.
In noch höherem Maße sind die Eabenkrähen Strich- und auch
Zugvögel. Dementsprechend sehen wir hier noch weniger regel-
mäßig die Formen nach kalten Gebieten hin größer werden. Aller-
dings ist die in Ost-Sibirien vom Jenissei bis zum Stillen Ozean und
Kamtschatka zwischen den Januar-Isothermen — 20 und —40" und
niedriger lebende Rabenkrähe C. orientalis Eveesm., mit 230 und
mehr Millimeter, etwas größer als die durchschnittlich 220 mm lange
Bewohnerin von West- und Mittel -Europa, etwa zwischen den
Januar-Isothermen 0 und -\-W^ und mehr, C. corone L. In Nord-
amerika aber lebt in der Gegend von Washington bis Kadiak und
Alaska, also ungefähr zwischen den Januar-Isothermen -)-5 und —20**,
eine kleine nur etwa 185 mm lange Form, C. caurinns Baird, und
in der Gegend von Hudson bis Florida an der atlantischen Küste
und an der Golfküste, also ebenfalls ungefähr in demselben Klima,
die nur wenig, etwa 5 mm, längere Form C. ossifragus Wilson. Da-
gegen wird C. cryptoleucus Couch aus Wyoming, Nebraska, Zentral-
Mexico und Süd-Californien und C. brachtjrhynchus C. L. Br. aus
dem gemäßigten östlichen Nordamerika etwa 217 mm lang, obwohl
ihre Heimat zwischen den Januar-Isothermen — 5 und +10"* liegt.
Ebenso ist C. pascmis Coues von Florida (+10 bis +20** Januar-
Isothermen) mit 223 mm und C. hesperis Ridgw. aus Texas und
Arizona bis West-Nordamerika (+10 bis +15**) mit 195 mm ver-
hältnismäßig groß. Doch liegt auch hier die Vermutung nahe, daß
die nördlichen Formen im Winter recht weit nach dem Süden
wandern und nicht den kalten Winter in ihrer eigentlichen Heimat
durchmachen. Auf jeden Fall sind in den nördlichen Strichen die
weit streichenden oder gar ziehenden Krähen stets weit kleiner als
die in denselben Gegenden lebenden als echte Standvögel auch im
Winter stets dableibenden eigentlichen Kolkraben.
Der allerkleinste amerikanische echte Corvus, der nur 150 mm
lang wird, C. mexicanus Gm., lebt zum Teil schon in den Tropen,
in Sonora bis Tepek und Colima, ungefähr zwischen den Januar-
Isothermen +15 und +25**. Auf den westindischen Inseln leben
Raben, die wegen der nackten Haut um den Schnabelwinkel auch
als Mkrocorax Sharpe, d. i. „Kleinrabe", abgesondert werden. Und
in der Tat zeichnen sich die bekannten fünf Arten durch außer-
ordentliche Kleinheit aus. Ebenso sind die altweltlichen tropischen
Cormts-Arten alle sehr klein, zum Teil winzig. C. insularis Heinroth
\2 Hans v. Boetticher,
vom Bismarck-Arcliipel, C. orru Bp. von den Molukken und Neii-
g-uinea, C. ausfrcdis Gould und C. hennetti North, aus Australien
und Tasmanien, C. enca Hoesf. von den Sunda- und Celebes-Inseln,
C. pusülus TwEEDD. von den Philippinen, C. tropicus Blaxam von
Hawaii, C. meeki Rchw. von Bougainville, C. valicUssimus Schleg.
von den Molukken, C. compüator Richm. von Sumatra und Borneo.
C. osai Ogawa von den Riu-Kiu-Inseln. C. macrorkynchus Wagl. von
Indien, Ceylon, Malakka und den Sunda-Inseln, C. japonensis Bp. aus
Japan, C. hassi Rchw. aus Tsingtau, C. latirostris Hart, von Tenimber,
C. samarensis Steere von der Philippinen-Insel Samar, C. violaceus Bp.
von Ceram, C. kubaryi Rchw. von den Palau-Inseln, C. annectens
Brügg., C. fallax Brügg. und C. modestus Brügg. von den Celebes-
Inseln. C. florensis Butt, von Flores, C. splendens Vieill. aus Indien,
C. mcdedivicus Rchw. von den Süd-Malediven, C. prolegatus Madar.
von Cej^lon und C. insolens Hume aus Hinterindien sind alles Tiere,
deren Rumpflänge zwischen 150 und 240 mm schwankt. Bemerkens-
werterweise ist unter den durch sehr starken Schnabel auffallenden
Formen die japanische C. japonensis Bp. und die nord-chinesische
C. hassi Rchw. größer als die typische Art C. macrorhyncJms Wagl.
aus Indien, Ceylon, Malakka und von den Sunda-Inseln.
Die Saatkrähe ist sowohl in Nord-Persien, Turkestan und Süd-
west-Sibirien (Trypanocorax tscJmsii Hart.) als auch in China und
Japan {T. pastinator Gould) schwächer als die europäisch-sibirische
Form (T. frugilegus [L.]).
Der Kaprabe von Süd-Afrika und der Kapkolonie (Heferocorax
capensis [Licht.]) ist größer als die in Ost- Afrika und Nordost- Afrika
lebende Art, H. minor (Heugl.).
Die Elster ist auf der iberischen Halbinsel (Pica melanonota Bp.)
und in Algier, Tunis und Marokko (P. mauretanica Malh.) kleiner
als in Mittel- und Nord-Europa (P. pica [L.]), während sie in Nord-
Asien, (P. haäriana Bp.), im Hochgebirge von Sikkhim, Bhutan und
Ost-Tibet (P. bottanensis Deless.) und im nördlichen Nordamerika bis
Alaska (P. hudsonia Sab.) größer wird. Letztere übertrift't auch die
calitbrnische Form (P. nuttalli [Auu,]) an Größe, ebenso wie die
Elster von Korea, Süd-Japan, Formosa, Hainan und Burma (P, se-
ricea Gould) kleiner bleibt als die genannte Form aus dem Hoch-
gebirge von Tibet (P. bottanensis Deless.).
Die Blauelster ist in Japan (Cyanopolius japonicus Paerot), in
China (C swinJwei Hart.) und in Spanien (C. coold Bp.) kleiner als
in Sibirien (C. cyanus Pall.).
Klima und Kürpergröße der liomöothermeu Tiere. 13
Die Eichelhäher {Garriilus Beiss.) folgen, der Größe nach ge-
ordnet, ungefähr wie folgt: dem europäischen Häher {G. glandarius
[L.]) mit mittlerer Rumpflänge von etwa 155 mm kommen ungefähr
gleich: G. IrynicJcü Kalenicz aus dem Kaukasus mit 140 — 160 mm,
G. peMnensis Rchw. aus Nord-China und G. rufescens Rchw. vom Ost-
Himala^'a mit 15ö mm, während C. atricapiUus Geoffe. aus Syrien,
Palästina und Nord-Persien mit 130—160 mm (140 mm im Durch-
schnitt) und G. hrandtii Eversm. mit 130 — 150 mm aus Sibirien,
Korea, Mandschurei und Nord-China ziemlich gleich groß werden,
öfters aber kleiner bleiben, obwohl Haeteet von ersterem sagt, daß
er stärker sei als glandarius, was wohl auf Kosten des längeren
Schwanzes zu setzen ist. G. iclinusae Kleinschm, von Sardinien und
G. corsus Rchw. von Corsica sind ebenfalls mit 150 mm etwas
schwächer. Noch kleiner sind G. hihernicus Rchw. von Irland mit
145 mm, G. leucotis Hume aus Burma, G. Jioenighi Rchw. aus Tunis
beide mit 140 mm, G. cervicdlis Bp. aus Nord- Algier und Nord-Tunis,
G. tvhüaJieri Mad, aus Cypern, G. caspius Seeb. aus Lenkoran,
G. sinensis S"\\t:nh. aus dem südlichen China, alle mit etwa 130 mm,
während G. 7ninor Veee. aus Marokko, G. hyrcanus Blanf. aus dem
nördlichen Persien, G. bispecularis Yig. aus Kaschmir bis Khasia,
G. japonicus Schleg, aus Süd-Japan und endlich G. taivanus Gould
von Formosa die kleinsten, 120—126 mm langen Formen sind.
Der Tannenhäher ist im Himalaja {Nucifraga hemispila Haet.)
viel, in Kaschmir (2V. multipundata Gould) etwas größer als in
Europa (iV. carijocatactes (L.) und N. reUcta Rchw.) und als in Sibiren
(N. jnacrorhjncha Be.), die aber alle größer sind als N. japonica
Haet. aus Japan und von den Kurilen.
Der Unglückshäher ist in Nord-Europa {Perisoreus infaustus [L.])
kleiner als in Sibirien (P. sibiricus Bodd.) Ebenso ist er in La-
brador (P. nigricapillus Ridgw.), in Alaska (P. fumifrons Ridgw.)
und in Kanada (P. canadensis [L.]) größer als in Britisch-Columbia,
Washington, Oregon und Nieder-Californien, wo die kleineren Formen
P. capitalis Baied, P. ohscurus Ridgw. und P. griseus Ridgw. leben.
Der Raub Würger ist in Lappland und Sibirien {Lanius fnajor
Pall.) größer als in Nord- und Mittel- Europa (L. excnhitor L. und
verwandte).
Der Seidenschwanz ist in Nord-Europa und Sibirien {Bomhycilla
garndus [L.]) größer als in Japan und dem Amurgebiet {B. phoeni-
coptents Temm.) und als die nordamerikanische, im Winter bis Mittel-
Amerika und Westindien ziehende Art (B. cedrorum Vieill.).
14 Hans v. Boetticher,
Der Kernbeißer ist in Nordwest-Afrika {Coccothraustes huvryi
Cab.) kleiner als in Europa (0. coccothraustes [L.]).
Der Maskenkernbeißer ist in Ost-Sibirien und dem nördlichen
China {Eophone magnirostris Hart.) bedeutend größer als in Japan
{E. personatus Temm. et Schleg.).
Der Grünling" ist sowohl in Syrien, Palästina und Kleinasien
(Chloris c/dorotica Bp.) als auch in Süd-Frankreich, Spanien und
Nordwest-Afrika (C. aurantiiveniris Gab.) kleiner als in Nord- und
Mittel-Europa [C. cliloris [L.]). Ebenso ist er in Kamtschatka und
auf den Kurilen [C. JcmvaraMba Temm.) größer als in Japan (C. minor
Temm. et Schleg.) und in China {C. sinica [L.]).
Der Stieglitz ist auf Sardinien und Corsica (Carduelis tsclmsii
Aerig), auf Madeira [C. parva Tsch.) und in Spanien und Nordwest-
Afrika (C. africanus Hart.) kleiner, in Turkestan und Sibirien [C.
major Tacz.) größer als in Mittel-Europa [C. carduelis [L.]). Kussische
Vög-el sollen zwischen major und carduelis stehen. — Der in Sibirien
lebende grauköpfige Stieglitz (C. orientalis Eversm.) ist merklich
größer als der mittel-asiatische C. caniceps Vig.
Der Bluthänfling ist an den Nordküsten des Mittelmeeres
(Acanthis mediterranea Tsch.) und auf Madeira, den Kanaren und in
Nordwest-Afrika {A. nana Tsch.) kleiner als in Nord- uud Mittel-
Europa [A. cannabina [L.]).
Der Birkenzeisig ist im „äußersten Norden" {Linaria holhoelli
Bß.) und in Grönland {L. rostratus Cowes) größer als in Nord-Europa,
-Asien und Nordamerika (L. linaria [L.]), während er in Mittel- und
West-Europa (L. cabaret P. L. S. Müll.) kleiner bleibt. Ebenso ist
er in Grönland, Island, Spitzbergen und Jan Mayen (L. hornemanni
Hole.) größer als der zwar circumpolar brütende, aber im Winter
bis in die Vereinigten Staaten wandernde Leinfink {L. exilipes
[Cowes]).
Der Girlitz ist in Mittel-Europa {Serinus serinus [L.]) im Rumpf
größer als auf den Kanaren iß. canaria [L.]), durch längeren Schwanz
erscheint der letztere jedoch größer (vgl. die Angaben bei Hartert).
Der Meisengimpel bleibt sowohl am unteren Amur (üragus
sanguinohntus [Temm. et Schleg.]) merklich als auch in Nord-China
etwas {TJ. lepidus Dav. Oust.) kleiner als U. sibiricus (Pall.) aus
Sibirien und Tibet.
Der Wüstengimpel ist auf den Kanaren {Erijthrospisa amantum
Hart.) kleiner, in Palästina, Ost-Persien und Afghanistan bis Pundjab
Klima und Körpergröße der homüothermen Tiere. 15
(E. crassirostris Blyth) und im zentral-asiatischen Hochg-ebirge {E.
mongolica Savinh.) gTÖßer als in Nord-Afrika {E. githacjina Licht.).
Der Karming'impel des Hochgebirges des Kaukasus {Carpodacus
rubicüla [Güld.]) ist merklich größer als sein nächster Verwandter
aus Ost-Nanschan, Kukunoor und Ost-Kansu, C. ruhiciUoides Pkzw.
Der Fichtenkreuzschnabel ist in Europa, Sibirien, Kamtschatka
und Nord-Japan {Loxia curvirostra L.) größer als in Turkestan, China,
Mittel- und Süd-Japan (L. albiventris Swinh.) Doch soll der Kreuz-
schnabel im Himalaya (L. himcdayensis Blyth) ein „wahrer Zwerg"
sein. Das wäre dann allerdings eine bemerkenswerte Ausnahme!
Der Schneeflnk ist im Kaukasus, in Persien und Afghanistan
{MontifringiUa alpicola Pall.) und in Kaschmir und Sikkhim {M.
adanisi Adams) kleiner als in den europäischen Alpen, Pyrenäen
und dem Appennin {M. nivcdis [L.]). Auch die verwandte Art von
den Beringsinsein und von Alaska {Leucostide griseomicha Beandt)
ist viel größer als ihre Vertreter in den gemäßigteren Strichen
Nordamerikas {L. tephrocoiis Sw. und L. liitoralis Baird).
Der Steinsperling ist auf Madeira und den Kanaren {Petronia
madeirensis Erl.) kleiner, in Kaschmir (P. intermedia Hart.) größer
als in Süd-Europa (P, petronia [L.]), der von Hartert als größer
bezeichnete P. puteicola Festa aus Palästina ist nach Abzug der in
diesem Falle sehr beträchtlichen Schwanz- und Schnabellängen in
bezug auf den Rumpf in Wirklichkeit um ein gutes Stück kleiner
als petronia, wie ich mich durch von mir selbst vorgenommene Mes-
sungen überzeugen konnte.
Ähnlich verhält es sich mit dem Haussperling von Syrien [Passer
hiUicus Hart.), der nach Hartert größer sein soll als unser Haus-
spatz (P. domesticus [L.]): ich vermag an dem reichen Material des
Berliner Museums keine durchgehenden Unterschiede in der Größe
beider Formen festzustellen. — Dagegen ist der Haussperling am
Nil (P. arboreus Bp.) und ebenso P. indicus Jard. et Selby aus Hinter-
indien bis Persien um vieles kleiner. In Sindh (P. pijrrhonotus
Blyth) ist er sehr klein.
Passer tnoahiticus Tristr. vom Toten Meer ist kleiner als sein
nächster Verwandter in Ost-Persien und West-Afghanistan P. yatii
Sharpe.
Der Feldsperling ist in Mittel-Europa (P montanus [L.]) größer
als der indisch-sondaische P malaccensis Dyb.
Der Grauspatz ist in Nord-Afrika (P. saharae Erl.) größer als
in Süd-Nubien (P. simplex Licht.).
16 Hans v. Boetticher,
Emberim cioides Beandt von West-Sibirien und Tiirkestan ist
größer als ihre nächste Verwandte in der Mandschurei und Korea,
E. castaneiceps Mooke. Ebenso ist E. pyrrJntloides PALii. von Süd-
west-Rußland g-rößer als ihre Vertreterin in Süd-Italien, E. imlustris
Savi.
Der Schneeammer wird am Beringsmeer und auf den Berings-
insein (Passerina toiiiisendi Eidgw.) bedeutend größer als in Nord-
Europa und -Asien (P. nivalis [L.]).
Der Zaunkönig wird, je weiter man nach Norden kommt, immer
größer. Unser Troglodytes troglodytes (L.) wird auf den Fgeröern
durch den größeren T. borealis Fisch, ersetzt, auf den Shetland-
Inseln lebt der große T. settandims Haet., sehr groß ist auch T.
hirtensis Seeb. von der rauhen Insel St. Ivilda in den Hebriden, und
hoch im Norden, auf Island lebt der „Eiese unter den Zaunkönigen"
T. islandiciis Haet.
Die Meisen sind als Höhlenbewohner den klimatischen Ein-
flüssen weniger ausgesetzt. Doch auch bei ihnen läßt sich in vielen
Fällen eine Größenzunahme nach den kälteren Gebieten hin fest-
stellen.
So ist die Schwanzmeise in Nord-Europa (Aegithalus caudatus
[L.]) größer als in Mittel-Europa {Ae. vagans Lath.), in Süd-Europa
aber noch kleiner als letztere {Ae. irbyi Sp. et Deess.),
Bei der Haubenmeise konnte ich Naumann's Angabe, die nörd-
liche Form {LophopJianes cristatus [L.]) sei kleiner als die deutsche
(L. mitratus [Be.]), am gemessenen Material nicht bestätigen; beide
Formen scheinen ziemlich gleichgroß zu sein.
Die Tannenmeise ist im persischen Gebirge {Periparus phaeonotus
[Blanf.J), im Balkan und im Kaukasus (P. tnickaloivsJcü [Bogd.])
größer, in Großbritannien (P. hritannicus [Deess.]) ebenso groß wie in
Mittel-Europa (P. ater [L.]).
Die Kohlmeise ist auf Sardinien und Corsica {Panis corsus
Kleinschm.) kleiner als in Nord- und Mittel-Europa (P. major L.).
In Asien ist sie u. a. in Süd-China (P. commixtus Swinh.) und auf
den nördlichen Liu-Kiu-Iuseln (P. aJcinaivae Haet.) kleiner als in
Ussurien, der Mandschurei, Nord-China, Nord-Japan und Korea (P
minor Temm. et Schleg.).
Die Blaumeise ist sowohl in Nordwest-Afrika (Cyanistes uUra-
marinus [Bp.]) als auch auf den Kanaren {C. degener [Haet.]) kleiner
als in Nord- und Mittel-Europa (C. caenüeus [L.]), dagegen größer
in Nord-Rußland (C. plesliei [Cab.]). Die Lasurmeise ist im östlichen
Kliiua und Körpergrüße der homüothermeu Tiere. 17
Sibirien und Turkestan (C. iianschanicus [Menzb.]) kleiner als in
Nordost-Rußland und dem nördlichen West-Sibirien {C. c?/am(S [Pall.]).
Die Japanmeise ist in Japan und Korea (Parus varius Temm. et
ScHLEG.) größer als auf Formosa (P. owstoni Ijima).
Parus rufonuchdis Bltth aus dem Hochgebirge von Turkestan
und vom Himalaya. in Höhen bis zu 3700 m. ist größer als P. bea-
vani Jerd., der ihn in Nepal, Sikkhim und West-China vertritt.
Die Nonnenmeise ist in Nord-Europa [Poecile meridionalis Liljeb.)
größer, in Großbritannien, Frankreich und Belgien (P. dresseri Stejn.)
kleiner als in Deutschland (P. suhpalustris Bß.).
Die Weidenmeisen bewohnen, der Größe nach geordnet, folgende
Gebiete: Poecile montanus Baldenst. die Alpen, P. assimüis Be. die
Karpathen, transsilvanischen Alpen und Galizien, P. horealis (Selys-
LoNGCHAMPs) Nord-Europa, P. accedens Be. die mittel-europäischen
Mittelgebirge, P. salicarius Br. Mittel- und West-Deutschland, P.
murimts Br. das mittlere und südliche Deutschland bis an die nörd-
lichen Teile der Karpathen. Die sibirische Weidenmeise (P. macrurus
[Tacz.]) wiederum ist größer als die nord-europäische horealis.
Der Felsenkleiber ist sowohl im Hochgebirge von Turkestan,
Tianschan und Afghanistan {SiUa tephronoia Sharpe) als auch im
Süd-iranischen Hochgebirge {S. tschitschenni Sarudnyj größer als in
Südost-Europa (S. neumayri Michah.).
Der Baumkleiber ist in Nord-Europa {Sitta europaea L.) größer
als der sibirische {S. uralensis Glog.), der mandschurisch-nord-chine-
sische {S. amurensis Swinh.) und der mittel- und süd-europäische,
S. caesia (Wolf), welcher ebensogroß ist wie der englische, S. bri-
tannica Haet. Noch kleiner ist der Südwest - persische, S. persica
WiTHEEBY, und der chinesische, S. sinensis Vere.
Der Baumläufer bleibt in Mittel- und Süd-Europa {Cerihia fami-
liaris [L.]) und in Süd-Japan (C japonica Hart.) unter 50 mm lang,
während er in Sibirien, Nord-China und Nord-Japan {C. scandulaca
Fall.) 55 mm Rumpflänge aufweist. Die sich wiederum durch
Größe auszeichnenden Brutvögel der gebirgigen Gegenden Vorarl-
bergs und der Schweiz sowie der süd-französischen Bergketten,
Basses Alpes, Savoyen und Seealpen hat neuerdings Ingeam (C. costae
Inge.) beschrieben. Andrerseits bleiben C. montana Ridgw. von den
Rocky-Mountains und Neumexico, C. selotes Osgood vom Kaskaden-
gebirge, C. albescens Beelp. von Nordwest-Mexico und Arizona sowie
C. alticola G. S. Müll, von Guatemala an Größe hinter C. americana
Br. vom östlichen Nordamerika u. zw. von den „nördlicheren und
Zool. Jahrb. XL. Abt. f. Syst. 2
18 Hans v. Boetticher,
höher gelegenen" Teilen und hinter C. occidentalis Ridgw. von der
Pacifik-Küste, nördlich bis an Alaska reichend, zurück. C. hima-
laijana Vig. vom Himalaya übertrifft die sie in Turkestan vertretene
Art C. taeniura Severtz. in der ßumpflänge um etwa 5 mm.
Melanochlora suUanea (Hodgs.) vom Himalaya, Assam und Burma
ist größer als M. flavocristata (Lafresn.) aus Tenassarim, Malakka
und Sumatra.
Das Goldhähnchen ist in Trans-Kaspien, Turkestan und Oren-
burg ißegulus tristis (Pleske) und in Japan und in der Mandschurei
(R. japonicus Blakist.) kleiner, im Himalaya (R. himalaijensin Jerd.)
größer als in Europa, Kleinasien und im Kaukasus {R. regulus [L.]).
Das Feuerköpfchen ist auf Madeira {R. madeirensis Harc.)
kleiner als unser R. ignicapillus (Temm.). Dagegen ist R. obscurus
Ridgw. von Guadeloupe einerseits und R. grinnelli W. Palmer von
der Insel Sitka bei Alaska andrerseits ebensogroß wie R. Calendula
(L.) von Nord- und Mittel-Amerika.
Ebenso liegen die Verhältnisse u. a. auch bei der zentral-asia-
tischen Gattung Leptopoccüe Sev. Hier lebt die größte Form mit
etwa 48 mm Rumpflänge in Höhen von 1000 bis 4000 m (/;. sophiae
Sev.), eine kleinere mit 47 mm Rumpflänge in Höhen von 4000 bis
4600 m (L. ohscura Przw.) und die kleinste mit nur 44 mm Rumpf-
länge in Höhen von 5000 m (L. Jienrici Oüst.).
Dieses würde also scheinbar der BERGMANN'schen Theorie wider-
sprechen ! Die Meisen, Hähnchen, Kleiber, Baumläufer u. a. ähn-
liche Vögel vermögen sich aber eben durch Aufsuchen von Höhlungen
vor Kälte erfolgreich zu schützen und sich so künstlich andere
klimatische Verhältnisse zu schaffen. Außerdem sind gerade die
Hähnchen (Regulus) keineswegs echte Standvögel, sondern zum Teil
sogar Zugvögel.
Man kann, wenn man will, noch viel mehr Beispiele aus der
Vogelwelt zur Erhärtung der BERGMANN'schen Theorie heranziehen.
So hat erst jüngst 0. Neumann in: Ornithol. Monatsber. 1914 Vol. 1
einen neuen Kibitz, Lobivanellus senegallus major Neum., aus dem Ge-
birge von Nordost- Afrika , Nord-Abessinien, Schoa und Galla be-
schrieben, welcher sich von der typischen Art L. s. senegallus (L.)
von Senegal, Casamanse, Kayes, Togo, Cambaga, Nord-Kamerun,
Njam-Njam, Uganda und vom Akoba, mit anderen Worten aus dem
heißen äquatorialen Afrika, lediglich durch die bedeutend erheb-
lichere Größe unterscheidet. —
Von größtem Interesse ist es. daß in dem so überaus heißen
Klima und Körpergröße der homöothermen Tiere. 19
Siid-Somali-Land die Vögel sich zu einem sehr großen Teile von
ihren Verwandten in benachbarten, kühleren Gebieten durch auf-
fallende Kleinheit des Wuchses unterscheiden. Folgende überaus
wertvolle Angaben verdanke ich der großen Liebenswürdigkeit des
Herren Grafen 0. v. Zedlitz-Teützschler, der zur Zeit im Journal
für Ornithologie (1914 If.) über seine ornithologische Ausbeute im
Süd-Somali-Land zu berichten begonnen hat. Dort werden auch
die an dieser Stelle mit snbsp. n. bezeichneten Formen neu be-
schrieben.
Im einzelnen sehen wir:
Hagedash hageclash erlangen Neum. aus Süd-Somali bis Deutsch
Ost- Afrika ist kleiner als H. h. nüotica Neum. aus Abessiuien.
Turtur semitorquatus minor Eel. aus Süd-Somali ist kleiner als
T. s. intermedius Eel. aus Süd-Abessinien und Äquatorial- Afrika und
als T. s. semitorquatus Rüpp, aus Nord-Abessinien und Eritrea.
Turtur decipiens elegans Zedl. aus Süd-Somali ist kleiner als T.
d. perspicillatus Rchw. Fsche. aus Britisch und Deutsch Ost-Afrika
und als T. d. permistus Rchw. aus dem Schoanischen Seengebiet.
Turtur capicola somalicus Erl. aus Süd-Somali und Galla ist
kleiner als T. c. tropicus Rchw. aus Britisch und Deutsch Ost- Afrika
und als T. c. ehctus Madae. aus Süd-Abessinien.
Francolinus saphaena juhaensis Zedl, aus Süd-Somali ist kleiner
als F. s. granti Haetl. aus Britisch und Deutsch Ost-Afrika und als
F. s. schoensis Heügl. aus Süd-Abessinien und Nord-Somali.
Astur tachiro orienticola Obeeh. aus Süd-Somali ist kleiner als
A. t. tachiro Daud. aus Südost- und Süd-Afrika und als A. t. undu-
liventer Rüpp. aus Nordost- Afrika.
PolioMerax semitorquatus decl'eni suhsp. n. von Süd-Somali bis
Baringosee ist kleiner als P. s. semitorquatus A. Sm. von Ost- und
Süd-Afrika und als P. s. homopterm Obeeh. vom Stephanie-See bis
Hanasch.
Indicator variegatus juhaensis Neum. aus Süd-Somali ist kleiner
als /. V. variegatus Less. aus Ost- und Süd-Afrika.
Indicator exilis erlangeri Zedl. aus Süd-Somali ist kleiner als
/. e. tertensis Neum. aus Britisch und dem nordöstlichen Deutsch
Ost- Afrika.
Barbatida pusilla affinis Rchw, aus Süd-Somali bis Ost-Afrika
ist kleiner als B. p. pusilla Desm. aus Süd-Afrika und als B. p.
minuta Bp. aus Schoa und Galla.
Colius striatus affinis Shell, aus Süd-Somali und Britisch Ost-
2*
20 Hans v. Boetticher,
Afrika ist kleiner als (1 st. erlangen Zedl. aus Süd- und Südwest-
Abessini en.
Halcyon albiventris erlangeri Neum. aus Süd-Somali ist kleiner
als H. a. Orientalis Ptes. aus Deutsch Ost-Afrika.
Rhinopomastes minor somalicus Ekl. aus Süd-Somali ist kleiner
als Bli. m. minor Rüpp. aus Abessinien und Nord-Somali.
Tachornis parvus laemostigma Rchw, aus Süd-Somali ist kleiner
als T. p. myochrous Rchw. aus Deutsch Ost-Ofrika.
Bradornis griseus erlangeri Rchw. aus Süd-Somali und Britisch
Ost- Afrika ist kleiner als B. g. griseus Rchw. aus Deutsch Ost- Afrika
bis Mossambik und als B. g. pumilus Shaepe aus Nord-Somali.
Balis minor minor Eel. aus Süd-Somali ist kleiner als B. m.
suahelicus Neum. aus Deutsch Ost-Afrika und als B. yn. erlangeri
Neum. aus Abessinien.
Eurocephalus anguitimens decJmii Zedl. aus Süd-Somali bis Witu
ist kleiner als E. a. fischeri Zedl. aus dem nördlichen Deutsch Ost-
Afrika und als E. a. erlangeri Zedl. aus Abessinien.
Prionops cristata intermedia Shaepe aus Süd-Somali und Britisch
Ost-Afrika ist kleiner als P. c. melanoptera Sharpe aus Abessinien
und Nord-Somali.
Sigmodus retsii neumanni Zedl. aus Süd- Somali ist kleiner als
S. r. graculiniis Gab. aus Britisch und dem nordöstlichen Deutsch
Ost-Afrika.
Nilaus afer erlangeri Hilg. aus Süd-Somali bis Tarusteppe ist
kleiner als N. a. massaims Neum. aus dem nördlichen Deutsch Ost-
Afrika nnd als N. a. minor Shaepe aus Nord-Somali.
Laniarius funehris degener Hilg. aus Süd-Somali ist kleiner als
L. f. funehris Hartl. aus Deutsch Ost-Afrika, als L. f. rothschildi
Neum. aus Südwest-Abessinien und als L. f. atrocoeruleus Hilg. aus
Zentral- Abessinien und Nord- Somali.
Laniarius aethiopiciis somaliensis Rchw. aus Süd-Somali ist kleiner
als L. ae. aethiopicus Gm. aus Nordost-, Britisch Ost- und dem nörd-
lichsten Deutsch Ost-Afrika.
Oriolus larvatus reich enoici siihsp. n. aus Süd- Somali und von der
Küste Ost- Afrikas ist kleiner als 0. l. larvaUis Licht, vom Niassa
und Süd-Afrika und als 0. l. rolleti Salvad. von Schoa und dem
weißen Nil.
Plocepasser mahali erlangeri Rchw. aus Süd-Somali ist kleiner
als P. m. pectoralis Ptes. aus Deutsch Ost-Afrika und als P. m.
meJanorhyncJms Rüpp. aus Abessinien.
Klima und Körpergröße der homöothermen Tiere. 21
Spermestes nigriceps minor Ekl. aus Sttd-Soinali ist kleiner als
S. n. nigriceps Cass. aus Deutsch Ost- Afrika.
EstriUa astrild minor Gab. aus Süd-Somali und Britisch Ost-
Afrika ist kleiner als E. a. cavendishi Sharpe von der Küste Deutsch-
Ost-Afrikas und als E. a. erlangeri Rchw. aus Abessinien und Galla.
Esirüda crijfhronota charniosina Rchw. von Süd-Somali bis Stephanie-
see ist kleiner als E. e. delamerei Sharpe aus dem inneren Deutsch und
Britisch Ost- Afrika und als E. e. nigrimentum Salvad. aus Abessinien.
Lagonosticta senegdla somäliensis Salvad. von Süd-Somali und
Guaso-Njiro ist kleiner als L. s. ruherrima Echw. aus Britisch und
Deutsch Ost- Afrika, als L. s. ahayensis Neum. aus Südwest-Abessinien
und als L. s. carlo Zedl. aus Hanasch, Nord-Somali.
Uraeginthus cyanocephalus mülleri Zedl. aus Süd-Somali ist kleiner
als U. c. cyanocephalus Richm. aus Britisch und dem nördlichen
Deutsch Ost-Afrika.
Gymnoris pyrgita reichenoici stihsp. n. aus Süd-Somali ist kleiner
als G. p. massaica Neüm. aus Britisch und dem nördlichen Deutsch
Ost-Afrika und als G. p. pyrgita Heugl. aus Eritrea, Abessinien
und Nord-Somali.
Serinus angolensis hilgerti Zedl. aus Süd-Somali ist kleiner als
S. a. somereni Hart, von Nyanda und Kawirondo und als S. a. rei-
chenowi Salvad. aus Süd-Abessinien und Galla.
Serinus dorsostriatus harterti subsp. n. aus Süd-Somali ist kleiner
als S. d. dorsistriatus Rchw. aus Ost- Afrika und als S. d. mactdi-
collis Sharpe aus Galla und Nord- Somali.
Zosterops fJavilateralis jubaensis Erl. aus Süd-Somali bis Galla
ist kleiner als Z. f. flavilateralis Rchw. aus Ost- Afrika.
Anthreptes coUaris elachior Mearns von Süd-Somali uud von der
Küste von Britisch Ost- Afrika ist kleiner als A. c. sambesianus Shell.
von der Küste Deutsch Ost- Afrikas bis Sambesi.
Anthreptes longmari neumanni subsp. n. aus Süd-Somali ist kleiner
als A. l. Orientalis Harte, vom nördlichen Britisch und Deutsch Ost-
Afrika und Süd-Abessinien.
Calamonastes simplex hilgerti Zedl. aus Süd-Somali ist kleiner
als C. s. Simplex Gab. aus Ost-Afrika und als C. s. erlangeri Zedl.
aus Abessinien und Nord-Somali.
Camaroptera griseoviridis erlangeri Rchw. aus Süd-Somali ist
kleiner als C. g. griseigula Sharpe aus Ost- Afrika und als C. g.
abessinica Zedl. aus Abessinien und Nord-Somali.
Eremomela flaviventris erlangeri Rchw. aus Süd- Somali ist
22 Hans v. Boetticher,
kleiner als E. f. abdominalis Echw, aus Britisch und Deutsch Ost-
xifrika und als E. f. flavicrissalis Shaepe aus Südost-Abessinien und
Nord-Somali.
Cicliladusa guUata miilleHsuhsi).n.'^)'A\x^^\\^-SomdXi ist kleiner als
C. g. rufipennis Shaepe von der Küste Ost-Afrikas und als C. g.
guttata Heugl. aus Schoa und vom weißen Nil.
Erythropygia quadrivirgata erlangen Rchw. aus Süd-Somali ist
kleiner als E. qu. quadrivirgata Rchw. aus Ost-Afrika.
Wenn man diese Erscheinung mit 0. Neumann damit erklären
will, daß sich das Süd-Somaliland in einem Stadium der Austrock-
nung befinde und infolgedessen die Vögel allmählich zu Kümmer-
formen würden, da wegen der durch das Meer und die Gebirgs-
massen hervorgerufenen Abgeschlossenlieit des Landes keine Möglich-
keit zur Auswanderung vorhanden sei, so steht diese Theorie, die
ja viel für sich hat, in gar keinem direkten Widerspruch zu der
BEEGMANN'schen. Denn es ist wohl möglich, daß durch die all-
mählich sich einstellende und immer mehr fortschreitende Austrock-
nung und damit verbundene Erhitzung des südlichen Somalilandes
die Tiere in der Weise immer kleiner werden, daß die kleineren
Individuen in der Hitze noch erträgliche Lebensbedingungen finden
und sich ruhig fortpflanzen und die günstige Eigenschaft der Klein-
heit immer konstanter vererben, während die größeren Individuen,
denen die Hitze unerträglich wird, allmählich aussterben, so daß
sich im Lauf der Zeiten durch Selektion, in Anpassung an das all-
mählich immer trockener und heißer gewordene Klima, die ver-
schiedenen Arten in neue, sich besonders durch Kleinheit auszeich-
nende Formen umgestaltet haben.
Wenden wir unsere Blicke vom wüstenheißen Süd-Somaliland
nach den Gebieten des ewigen Schnees, so können wir auch dort
Belege für unsere Frage finden. So lebt die kleinste Form der
Pinguin-Gattung Sphenisctts Beiss. am weitesten im Norden, schon
innerhalb der Tropen, nämlich auf den Galapagos-Inseln {S. mendi-
culus Sund.), während seine größeren Verwandten im gemäßigten
und kalten Gebiet zu Hause sind. Andrerseits sehen wir den aller-
größten aller Pinguinen, Aptenodytes forsteri Gr., den allerkältesten
Teil des Gesamtverbreitungsgebietes, das antarktische Festland, be-
völkern und hier seinen kleineren Vetter, A. patachonica Foest.
1) snbsp. 71.: die so bezeichneten Formen sind, wie erwähnt, neue
vom Grafen v. Zedlitz entdeckte , aber zurzeit der Niederschrift dieser
Arbeit noch nicht beschriebene Arten.
Klima \md Körpergröße der homöotliermen Tiere. 23
von der Magellanstraße, den Falkland-Inseln, Südgeorgien, Marion,
Kerg-nelen, Macquarie-, Snares- und Steward-Inseln vertreten. —
Ferner möchte ich nicht unerwähnt lassen, daß Steohl (vgl.
Literatur) für das Moorschneehuhn aus Lappland bedeutend größere
Gewichte angibt als für das Alpenschneehuhn aus der Schweiz.
Und so könnte man noch sehr viele Beispiele für die BEK&MANN'sche
Theorie aus der Vogelwelt anführen. Natürlich kommen auch mit-
unter durch andere Faktoren bewirkte Ausnahmen vor, auch bei
Vögeln, die nicht imstande sind, größere Wanderungen vorzunehmen
oder sich in Schlupfwinkeln zu verstecken. So lebt von den 3 Arten
des südamerikanischen Nandu oder Pampasstrauß die kleinste Form,
Darwin's Strauß, EJiea pennata d'OKB., im südlichsten, kältesten
Gebiet. Doch auch diese Ausnahme ist vielleicht nur eine schein-
bare! Denn, wie es bei den lebenden Exemplaren im Zoologischen
Garten in Berlin zu sein scheint, erklärt sich vielleicht die be-
deutendere Größe der nördlichen Form, Rh. americana L., dadurch^
daß der Hals und die Beine zwar länger, der Rumpf selber aber
nicht größer ist. Dann wäre die Oberfläche des Rumpfes selber nicht
größer, die des ganzen Körpers aber durch die Vergrößerung des
verhältnismäßig wenig Masse, aber eine infolge der langgestreckten
Form ziemlich große Oberfläche habenden Halses und der Beine
um ein Bedeutendes größer. So würde also hier auf eine etwas
andere Weise doch genau dasselbe Prinzip zur Geltung gelangen,
so daß auch diese scheinbare Ausnahme eigentlich nicht als eine
solche bezeichnet werden kann. —
Bei der großen Masse der Zugvögel liegen, wie wir schon oben
bemerkten, die Verhältnisse nicht so klar wie bei den vorhin an-
geführten Standvögeln, die für ein ganz bestimmtes Gebiet konstant
eigentümlich sind. Und wenn wir hier die verschiedenen Arten
miteinander vergleichen und lediglich das Brutgebiet in Betracht
ziehen, so kommen wir zu Resultaten, welche auf den ersten Blick
allerdings der Richtigkeit der BEEGMANN'schen Theorie zu wider-
sprechen scheinen, indem oft gerade die kleinen Arten das kältere
Gebiet bewohnen. Aber das ist nur scheinbar, da ja diese Formen
die kalte Jahreszeit in einem anderen Lande unter einem ganz
anderen Klima zubringen. Möglicherweise zieht eine nord-russische
Art im Winter in eine viel wärmere Gegend als etwa eine süd-
französische. Wüßten wir ganz genau die betrefi'enden Winter-
herbergen für jede geographische Form, was aber bis jetzt leider
noch nicht der Fall ist, so könnte man ja das Winterklima dieser
24 Hans v. Boetticher,
Länder in Verbindung mit dem Sommerklima des Aufenthaltsortes
im Sommer berücksichtigen. Außerdem müßten aber auch die Zug-
daten auf das genaueste für jede Art und für jedes Gebiet fest-
gestellt werden, um sich ein richtiges Bild vom Klima rekonstruieren
zu können, unter dessen Einfluß der betreffende Zugvogel in Wirk-
lichkeit steht. Dann würde sich vielleicht auch für die Zugvögel
ein Zusammenhang zwischen Klima und Körpergröße feststellen
lassen. — Solange aber unsere Kenntnisse all jener Verhältnisse
noch so gering sind, ist diese nicht möglich, und wir müssen daher
die Zugvögel außerhalb unserer Betrachtung lassen. — Andrerseits
können scheinbar abweichende Ergebnisse in den Verhältnissen
zwischen Körpergröße und Klima des Wohnortes gerade dieser
Formen aus demselben Grunde nicht als Gegenbeweis gegen die
Theorie von Bergmajjn angeführt werden. —
Wenn wir gerade bei den Vögeln, die doch so wenig an die
Scholle gebunden sind, trotzdem so viele und so passende Beispiele
dafür antreffen, daß im allgemeinen nach den kalten Gegenden hin
eine Größenzunahme der Formen stattfindet, so ist dies doch wohl
schon ein sehr starkes Argument für die Richtigkeit der Theorie
von Bergmann. —
Bei der anderen homöothermen Tiergruppe, den Säugetieren,
liegen die Verhältnisse in einer Hinsicht für die Untersuchung
unserer Frage günstiger. Das Säugetier ist weit mehr an ein be-
stimmtes Gebiet gebunden als der fliegende Vogel. Zwar kommen
auch hier zum Teil sehr ausgedehnte Wanderungen vor, z. B. bei
den Lemmingen, Eichhörnchen, vielen Chiropteren u. a., aber diese
Fälle stehen doch ziemlich vereinzelt da. Im allgemeinen hat jedes
geographische Gebiet sozusagen „seine", ihm eigentümliche Form,
deren Verbreitung durch die natürlichen Grenzen des Landes, vor-
nehmlich die hohen Gebirge, bestimmt wird. Da nun aber die Tiere
in der Verbreitung meist dem Lauf der Flüsse folgen werden, hohe
Bergketten in der Regel aber nicht werden übersteigen können, so
sind es eigentlich die Wasserscheiden, welche die einzelnen Tier-
gebiete abgrenzen, und diese letzteren werden daher in der Regel
mit den betreffenden Stromgebieten zusammenfallen, — eine Theorie,
welche Matschie ihre Entstehung verdankt und meines Erachtens,
wenigstens für die Säuger, viel Überzeugungskraft besitzt. Für die
Vögel dürften Wasserscheiden keine so unüberwindliche Grenzen
Klima und Körpergröße der homöothermeu Tiere. 25
darstellen und daher auch keine so ausgeprägte Bedeutung haben.
Das Säugetier wird daher, da es, wenn ich so sagen darf, mit der
Scholle so eng verwachsen ist, die Anpassung an das Klima seiner
Heimat viel klarer zur Schau tragen als der Vogel.
Nun treten aber gerade bei den Säugern andrerseits wieder
sehr oft noch so viele andersartige Anpassungen an das Klima in
Erscheinung, namentlich die stärkere Behaarung, Fettpolster unter
der Haut und anderes mehr, in vielen Fällen mehrere solcher An-
passungen gleichzeitig und in verschiedenen Kombinationen, so daß
die hier zu besprechende Anpassung durch Verringerung der Ober-
fläche mittels entsprechender Rumpfvergrößerung nicht immer nötig
ist und daher in solchen Fällen ganz unterbleiben oder nur teil-
weise undeutlich in Erscheinung treten kann.
Ebenso liegt die Sache auch bei den Tieren, welche, wie wir
gesehen haben, in Höhlen und anderen Verstecken hausen. Jacobi
u. Appel haben bei einer Außentemperatur von — 15" in einem
Kaninchenbau ^U m vom Eingang eine Temperatur von 0 <* und
2 m vom Eingang entfernt eine solche von + 4*^' festgestellt. Ebenso
fand Radde im Bau des sibirischen Murmeltieres {Ardomys hohal
P. L. S. MÜLL.) eine Wärme von 2,75" R— „— der enge Zugang (zu
einer solchen Wohnung des Alpenmurmeltieres . . .) wird auf eine
Strecke von 1—2 ra von innen aus mit Erde und Steinen, zwischen
welche Lehm, Gras und Heu eingeschoben werden, geschickt und
fest verstopft, so daß das Ganze einem Gemäuer gleicht, bei dem
das Gras gleichsam den Mörtel abgibt. Durch diese Vermauerung
wird die äußere Luft abgeschlossen und im Inneren durch die Aus-
strahlung des Körpers selbst eine gewisse Wärme hergestellt". Was
hier in Brehm's Tierleben vom Alpenmurmeltier berichtet wird, gilt,
wenn auch nicht in seinem ganzen Umfange, so doch im allge-
meinen für alle Höhlentiere, die in ihren Löchern Schutz vor Kälte
suchen. Sie alle sind in ihren im Winter warmen, im Sommer
dagegen verhältnismäßig kühlen Schlupfwinkeln den klimatischen
Einflüssen ihrer Heimat in weit geringerem Maße ausgesetzt als die
im offenen Felde lebenden Tiere derselben Gegend.
Vielfach sind in den kälteren Gebieten die in Höhlen lebenden
Tiere noch überdies Winterschläfer, die während der kalten Jahres-
zeit in einem lethargischen Zustande unter ganz absonderlichen
Verhältnissen dahinleben. Ihnen entsprechen in den heißen und
trockenen Gegenden die sog. „Sommerschläfer'', wie z. B. der Borsten-
igel Madagaskars, Centetes Illig. — Zu diesen „Schläfern" gehören
26 Hans v. Boetticher,
sehr viele, wenn nicht gar die meisten Kerfjäg-er, Flattertiere nnd
auch recht viele Nager. Solche Formen sind natürlich für unsere
Betrachtung ebenso ungeeignet wie etwa die Zugvögel. —
Die im Wasser lebenden Wale, Sirenen und Robben scheiden
ebenfalls als ungeeignet aus. Das Wasserleben ist von nicht ge-
ringem Einfluß auf die klimatische Abhängigkeit dieser Tiere. Hier
kommt auch die Temperatur des Wassers in Betracht. Doch kann
man auch hier die Beobachtung machen, daß in den kalten circum-
polaren Gebieten die Riesenwale zu Hause sind, während die kleineren
Delphine u. a. in warmen Gegenden leben. Auch kommt bei den
meisten dieser Tiere der unter der Haut gelegene Fettansatz als
Kälteschutzmittel hauptsächlich in Betracht, daneben bei gewissen
Robben die pelzartige Behaarung.
Wir wollen im folgenden einen Blick auf einige verschiedene
Säugetiergruppen werfen, bei denen die eben erwähnten Vorrich-
tungen zur Linderung oder Meidung der Winterkälte nicht oder
doch nicht in dem Maße vorhanden sind. Dabei wollen wir den
Tieren Europas und Nordamerikas eine besondere Berücksichtigung
angedeihen lassen, da einmal die subtile Säugetierforschung mit
genauester Unterscheidung der geographischen Abweichungen gerade
in diesen Ländern uns verhältnismäßig reiches Material bietet,
andrerseits aber gerade innerhalb dieser Faunengebiete sich ver-
hältnismäßig viele klimatische Abstufungen und Zonenbildungen vor-
finden, wie uns schon ein flüchtiger Blick auf eine Isothermenkarte
lehrt.
Doch wird man der Vollständigkeit halber auch die übrigen
Erdteile nicht unberücksichtigt lassen können, und in de)- Tat finden
sich überall auf der Erde höchst interessante Beispiele für unsere
Frage. —
Schon in der untersten Ordnung, bei den Monotremen, finden
wir, daß die Größe der typischen Echidna aculeata Shaw von Austra-
lien die Mitte hält zwischen den Maßen der kleineren E. lawesi
Rams. von Neuguinea und der größeren E. setosa E. Geoffe. von
Tasmanien.
Ebenso ist nach Haacke Fetrogale xanthopus Gray von Süd-
Australien größer als P. penicülata Gray aus Ost-Australien, die
Känguruhratte Potorous tridadylus Kerr. von Ost- Australien und Tas-
manien größer als P. gilherti Gould und P. platijops Gould von
West-Australien, die australische Opossumratte Bettongia peniciUafa
Gray bedeutend kleiner als die tasmanische B. cimkulm Og.
Klima und Körpergröße der homöothermeu Tiere. 27
Ebenso bildet der Beutelfuclis {Trichosums vulpecula Kerk.) in
Tasmanien eine dunklere und größere Spielart, die als T. fuligi-
nosus Og. bezeichnet wird.
Da der Wombat ein ausgesprochenes Höhlentier ist, so dürfte
sich auch der scheinbare Widerspruch erklären, der darin besteht,
daß Phascolomys mitcheUi Owen von Neusüdwales größer, Ph. ursinus
G. CüviEß von Tasmanien dagegen kleiner ist als Ph. latifrons Owen
aus Süd-Australien.
Auf dieselbe Weise dürfte sich der Umstand erklären lassen,
daß, nach den im Berliner Museum aufbewahrten Schädeln zu
urteilen, mit das größte Erdferkel (Orijctero^ms E. Geoffk.) im heißen
Kamerun, ein sehr kleines, vielleicht das kleinste dagegen im kühlen
Hochgebirge von Abessinien zu Hause ist. Doch ist es von größtem
Interesse, daß das nordost-afrikanische Erdferkel (0. aethiopiais Sund.)
verhältnismäßig kurze, nur 140 mm messende Ohren hat, während
diese bei der süd- und mittelafrikanischen Art (0. capensis Gm.)
162 mm lang werden und hierdurch die Oberfläche dieses Tieres ver-
größern.
Bei den kleineren Raubtieren, Musteliden, Viverriden,
auch Procyoniden und anderen mehr, tritt uns das Größerwerden
der Formen nach kälteren Gebieten hin nicht sehr deutlich vor
Augen. Auch sie vermögen sich durch Aufsuchen von Schlupf-
winkeln vor Kälte zu schützen. Manche unter ihnen, wie die Dachse
u. a,, halten Winterschlaf. Auch ist es ja allgemein bekannt, daß
gerade unter ihnen die nördlichen Formen zu den wertvollsten Pelz-
tieren gehören, während ihre südlicheren Vertreter für den Kürschner
meist völlig wertlos sind. Hierher sind vor allen Dingen die Marder,
Wiesel, Hermeline, Nörze, Ottern, Stinktiere (Skunks) und andere
mehr zu zählen.
In Europa kommen von Viverriden nur 2 Gattungen vor:
die Ichneumonen und die Ginsterkatzen. Der Ichneumon ist in
Spanien {Mungos widdringionii Gray) größer als in Marokko {M.
ichneumon [L.]). Bei jenem fand Miller als Maximum eine Condylo-
basal-Länge von 103 mm, bei dieser eine solche von 99 mm. Die
Ginsterkatzen sind in Europa ziemlich gleich groß. Am kleinsten
ist noch Genetta rhodanica Matsch, in Südwest-Frankreich von der
Rhone und Loire bis zum Golf von Biscaya. Größer ist G. genetta (L.)
aus Mittel- und Süd-Spanien und G. balearica Thos. von den Balearen,
obwohl diese Länder wärmer sind als ersteres. Diese gewandten
28 Hans v. Boetticher,
Schleicher und Schlüpfer linden eben überall in jeder Ritze Unter-
kunft und Schutz vor Kälte.
Bei den europäischen Dachsen ist, obgleich sie auch Höhlenbe-
wohner und sogar Winterschläfer sind, doch eine Größenzunahme
nach kälteren Gebieten hin festzustellen. Meles marianensis Gkaells
ans Spanien ist kleiner als M. meles (L.) aus Schweden bis Italien
und zu den Pyrenäen. Noch kleiner ist M. arcalus Mill. von Kreta.
Auch in Nordamerika ist Taxidea neglecta (Mearns) aus Californien
kleiner als T. americana (Bodd.), die an der Hudsonbai und vom
58. Grad nördlicher Breite bis südlich nach Oklahoma lebt. x\llen
gibt für seine T. americana folgende Schädelmaße in inches an:
Max. Med. Min.
Lg. Br. Lg. Br. Lg. Br.
aus nördlichen Gebieten 5,22 3,50 5,00 3,18 4,92 2.97
aus südlichen Gebieten 4,75 3,07 4,62 2,92 4,50 2.80
Die Tiere im Norden sind also größer. Hingegen lebt in Texas,
Oklahoma, Arizona und Neumexiko, ungefähr zwischen den Januar-
Isothermen 0 und +15*^, ein recht großer Dachs, T. herlandieri
(Baird), der mit etwa 590 mm Rumpflänge den nur etwa 340 mm
langen T. americana (Bodd.), dessen Heimat an die Januar-Isotherme
— 30" reicht, erheblich an Größe übertrifft, also eine infolge seiner
Lebensweise uns gut verständliche Ausnahme bildet.
Ganz ähnliche Verhältnisse treffen wir bei den den Dachsen
nahestehenden nordamerikanischen Stinktieren an, die sich zudem
noch durch dichte Behaarung auszeichnen ; die „Skunks"felle sind ja
hochberühmt. Hier können wir irgendeinen Zusammenhang zwischen
Größe und Klima nicht feststellen.
Bei den Mardern ist die Größenzunahme auch nicht durch-
gängig zu beobachten. Maries martes (L.) aus Europa nördlich vom
Mittelmeergebiet bis nach Asien ist ebenso groß wie die ihn im
Mittelmeergebiet vertretende Art, M. latinorum Barr. Ham. Die
Steinmarder, die als solche kleiner als die eben genannten Baum-
marder sind, leben in Europa in 3 Formen: 31. foina (Erxl.) auf
dem mittleren und südlichen europäischen Festland außer Spanien,
M. meclüerranea Barr. Ham., über dessen Größe ich leider nichts
linden konnte, und M. hunites (Bäte) von Kreta, eine kleinere Form.
Die 3. Gruppe unter den paläarktischen Mardern bildet der seines
hervorragenden Pelzwerkes wegen hochberühmte Zobel, Jf. sibellina (L.),
der interessanterweise mit etwa 400 mm Rumpflänge kleiner ist als
Klima uiul Körpergröße der homöothermea Tiere. 29
M. martes (L.) mit et^^'a 445 mm und als M. foina (Erxl.) mit etwa
430 mm Rumpfläiige, obwohl die Heimat des Zobels Sibirien bis
Nord-Rußland ist. In Nordamerika sehen wdr inneihalb der engeren
Gruppe, deren Typus M. caurina (Meer.) bildet, die größte Form,
31. acinosa (Osgood), in Alaska zwischen den Januar-Isothermen — 35
und —30" das kälteste Gebiet, die zweitgrößte, M. hrumalis (Bangs),
in Nord-Labrador (Okak) etwa zwischen den Januar-Isothermen — 25
und — 20" das zweitkä] teste Gebiet bewohnen. Eine 3. Form, M.
ö/mto(BAKGs), von Neufundland etwa zwischen den Januar-Isothermen
—15 und 0" ist dagegen kleiner als M. caurina (Merr.) von der
Nordwestküste Kaliforniens bis zum Puget Sund, also etwa zwischen
den Januar-Isothermen 0 und -flO". Innerhalb der 2. Gruppe, zu
der sehr große Tiere gehören, geht die kleinere Form. M. pennanti
(Erxl.), aus Nordamerika, nördlich vom 35. Breitengrad, bis zur
Januar-Isotherme — 25" hinauf, während die größere, M. pacifwa
(Rhoads), von der Pacifikküste zwischen Californien und Alaska nur
bis — 10" geht. Der Vertreter der 3. Gruppe, M. amerkana (Turton),
lebt im nördlichen Nordamerika, westlich bis zum Felsengebirge,
südlich bis New York zwischen den Januar-Isothermen — 20 und 0",
bleibt aber in der Größe hinter all den eben besprochenen Formen
zurück.
Unter den nordamerikanischen Nörzen ist der größte Lutreola
ingens (Osgood) mit etwa 580 mm Rumptlänge und bewohnt das
kälteste Gebiet, Alaska Yukon, wo er die Januar-Isotherme —35"
erreicht. Andrerseits überschreitet er südlich nicht die Januar-Iso-
therme —15". Bis —35" geht auch der kleinere, etwa 406 mm
lange L. vison (Briss.) aus Ost-Nordamerika, f Janada bis Ontario,
der aber südlich an manchen Stellen — 5" überschreiten dürfte.
L. Jutreocephalus Harlan vom Maine bis Nordcarolina und M. energu-
menus (Bangs) vom Gestade des Stillen Ozeans von Nord-Californien
bis Alaska sind ebenfalls mittelgroß, ersterer 425, letzterer etwa
395 mm lang, und leben beide zwischen den Januar-Isothermen —10
und +10" etwa, in gemäßigteren Gegenden. Kleiner ist mit etwa
390 bis 395 mm L. viüvivagus (Bangs) vom Gestade des Golfes von
Mexico zwischen den Januar-Isothermen -|-10 und +15", und am
kleinsten L. Mensis Bangs von Südcarolina und Florida, zwischen
den Januar-Isothermen +5 und +20". Der von Nord-Asien bis
westlich nach Südwest-Frankreich und südlich bis Ost-Rumänien
lebende L. lutreola (L.) ist mittelgroß.
Der Iltis Mittel-Europas, von Mittel-Skandinavien bis Nord-
30 Hans v. Boetticheh,
Spanien und zum Mittelmeer, Puforius imtorius (L.), ist größer als in
Spanien, P. aureolus Baee. Ham. In den Bergen der Schweiz lebt
eine große, im Eurapf gegen 480 mm lange, also um etwa 30 bis
40 mm P. putorius (L.) übertreibende Form (P. manium Baee. Ham.).
In Südost-Rußland, Kaukasien, Turkestan, wohl bis nach Süd-Sibirien
hinein, lebt die kleine, nur etwa 352 mm lange Art P. eversmanni
(Less.).
Auch bei den europäischen Hermelinen können wir ein Größer-
werden der Arten in den kalten Gebieten beobachten. In Nord-
und Mittel- Skandinavien lebt Idis erminea (L.), etwa 300 mm lang,
zwischen den Januar-Isothermen — 10 und 0", es folgt zwischen —4
und +6" /. aestiva (Keee.) aus Süd-Schweden bis zu den Alpen und
Pyrenäen mit 251 bis 292 mm, I. siahilis Baee. Ham. mit 254 bis
280 mm aus England und Schottland zwischen -f-2 und -^6'^, 1. ri-
cinae Mill. mit 220 bis 270 mm von Islay und Jura-Insel (Südwest-
Schottland) zwischen +4 und +6" und /. hihernica Thos. et Baek.
Ham. mit 228 — 283 mm aus Irland und von der Insel Man zwischen
+4 und +80.
Bei den Wieseln müssen wir die auffallende Beobachtung
machen, daß die Formen nicht nur nach Norden hin nicht größer
werden, sondern zum Teil sogar kleiner. So ist I. nivalis (L.) aus
Nord-Europa, bis an die Januar-Isotherme —10^ und darunter
reichend, nur 170 — 215 mm lang, während u. a. /. hoccamela Bechst.
von Sardinien und Corsica, also die Januar-Isotherme +12" er-
reichend, bis 250 mm, I. ibericus Baee. Ham. von Spanien (+6 und
+14*^) bis 278 mm und /. subpalmatus Hempe. et Eheenb. von Malta,
Ägypten und den Azoren zwischen den Januar-Isothermen +12 und
+16" und mehr, gar bis zu 300 mm lang wird. Die kleinste Art,
/. minutus Pomel, etwa 150 mm lang, lebt in Mittel-Frankreich.
Bei den amerikanischen Arten kann ich leider nicht beurteilen,
welche Formen näher zusammengehören und engere Formenkreise
bilden, welche als Wiesel und welche als Hermeline anzusprechen
sind, da sie mir unbekannt sind. Allerdings lebt hier die größte
Art, {Arctogale) arcticus Meee., im kältesten Gebiet, an den arktischen
Küsten und auf den Tundren, aber auch die kleinste Art, {A.) rixosus
Bangs lebt in einer sehr kalten Gegend, von der Hudsonbai bis
Alaska. Die zweitgrößte Form {A.) frenatus Licht, lebt wiederum
in einem heißen Klima, in Süd-Texas und Mexico. Doch können,
wie gesagt, diese Tiere zu ganz verschiedenen Formenkreisen ge-
hören und dürften vielleicht gar nicht miteinander verglichen werden.
Klima imd KörpergröCe der boiuöotliermeu Tiere. 31
Jedenfalls ist in der Gruppe dieser kleinen, behenden, überall ein
Loch zum Verstecken findenden und in kälteren Gebieten ein schönes,
dichtes Fell tragenden Tiere eine klare Bestätigung der Bekgmann-
sclien Theorie nicht zu finden, aber auch nicht zu erwarten.
Dasselbe gilt von den Ottern. Die kleinste nordamerikanische
Form Lutra canadensis (Kekr.) lebt in Ost-Nordamerika, nördlich
von Nordcarolina; in Südcarolina lebt die bedeutend größere L. la-
taxina F. Cüv., noch größer ist L. vaga Bangs von Ost- Georgien und
Florida, während die bis Alaska hinaufgehende L. pacifica Rhoads
wieder kleiner ist. Die größte Art, L. sonora (Rhoads), lebt im
heißen Miexico, während im kalten Neufundland eine recht kleine
Art, L. degener Bangs, zu Hause ist.
Allen gibt für die nordamerikanischen Mustelinen und Lutrinen
folgende Schädelmaße in inches an:
Max.
Med.
Min.
Putorius vison:
Lg.
Br.
Lg.
Br.
Lg.
Br.
A. Alaska (—35 u. 0«)
3,02
1.90
2,68
1,58
2,30
1,40
B. New York (—5 u. 0'')
2,60
1,48
2,40
1,34
2,17
1,18
Mustela americana :
Peel River (—35 u. 30«)
3,50
2,12
3,39
2.07
3,35
2,02
Yukou River (—35 u. —10«) 3,55
2,15
3,34
1,98
3,00
1,73
Frt. Good Hope (—35 u. —30«
•) 3.37
2,05
3.24
1.95
3.15
1,73
Ober-See (—15 u. — 5«)
3,23
1,89
3,14
1,76
3,02
1,65
Umbagog-See, Maine
(—5 u. +5»)
3.10
1,85
2,96
1.72
2.73
1.50
Nord-New York (0 u. -\-b^)
3,10
1,68
3,02
1,61
2,92
1,50
Lutra canadensis :
Neufundland, Umbagog-See
4,50
3,00
4,24
2,79
3.96
2,55
Südliche Gebiete
4,50
2,95
4,37
2,86
4,22
2,75
Bei den Waschbären liegen die Verhältnisse ähnlich wie bei
der vorigen Gruppe. Auch sie sind Pelztiere und leben in Höhlen.
Beim Katzenfrett liegen die südlichen Grenzen der verschiedenen
in Nordamerika lebenden Arten ungefähr in demselben Klima, sie
reichen an die Januar-Isotherme +15*^. Nach Norden hin dagegen
dringt die kleinste Art, Bassariscus raptor (Baird), aus Californien
und Oregon am weitesten in das kalte Gebiet hinein, bis an die
Januar-Isotherme 0«, während B. astutus (Licht.) aus Arizona, Neu-
mexico, Texas und Californien nur bis an +5*^ geht, und die größte
Form, B. flavus Rhoads, aus Texas sogar nur +10*- erreicht.
32 Hans v. Boetticher,
Beim eigen tliclieu Waschbären ist eine durch das Klima bedingte
Gesetzmäßigkeit in der Körpergröße im allgemeinen nicht festzu-
stellen. Allerdings lebt die größte, 630 mm lange Art, Procyon paci-
ficus Mere., in einem kalten Klima am Pugetsund und im Kaskaden-
gebirge zwischen den Januar-Isothermen 0 und -|-5^ die kleinste
Art, P. hernandesi Wagl., nur etwa 390 mm lang, aus Texas bis
Stillen Ozean, reicht südlich bis in ein sehr heißes Gebiet, das im
Sommer zu den allerheißesten Teilen Nordamerikas gehört (+35"
i. M. und mehr). Die zweitkleinste Art, P. pijgmaeus Mere., die
nur etwa 437 mm lang wird, bewohnt auf der Insel Cozumel, Yucatan,
den — im Januar — heißesten Teil des von den besprochenen Arten
bewohnten Gebietes. Dagegen leben in ziemlich warmen Gegenden,
zwischen den Januar-Isothermen +10 und +20'^, ziemlich große
Formen, so P. eliicus Bangs, etwa 606 mm lang, in Ostgeorgia und
Florida und P. imllidus Meee., etwa 560 mm lang, in der Colorado-
Wüste und Californien. Andrerseits ist der bis an die Januar-Iso-
therme — 20*^ heranreichende P. lotor (L.) aus Canada, bis West-
georgien, westlich bis zum Felsengebirge, nur etwa 513 mm lang,
hat aber das wertvollste Fell.
Bei den Feliden sehen wir. daß bei den Wildkatzen Europas
und den Ozelots Nordamerikas eine Größenzunahme nach kälteren
Gebieten keineswegs stattfindet, doch gilt auch für diese kleinen
Katzen das u. a. bei den Mardern gesagte. Namentlich die Wild-
katzen haben im Norden ein recht dichtes Fell. Beide suchen häufig
Höhlungen auf.
Felis süvestris Schreb. wird 545 mm lang und lebt in Nord-
Deutschland bis Nord-Spanien (Januar-Isotherme — 2 u. +8"),
Felis grampia (Mill.) wird 534 mm lang und lebt in Großbri-
tannien (+2 u. +8*^),
Felis fartessia (Mill.) wird 650 mm lang und lebt in Süd-Spanien
(+8 u. +14«),
Felis sarda Lataste wird 600 mm lang und lebt in Sardinien
(+8 u. +12«).
Für die Ozelots Nordamerikas (Zibefhaihirus pardalis [L.] und
Z. limitis Meaens) gibt Allen folgende Schädelmaße in inches an:
Max. Med. Min.
Lg. Br. Lg. Br. Lg. Br.
Matamoras, Mexico (+5 u. +20«) 5,25 3,50 4,98 3,33 4,50 3,05
Costa Rica (+25 u. +30«)
Süd-Mexico (+20 u. +25«)
6,20
4,19
5,89
3,86
5,35
3,60
6,20
4,19
5,78
3,74
5,35
3.60
Klima und Körpergröße der liomöothenneu Tiere.
33
Dagegen ist eine Größenzunahme nach den kälteren Gebieten
hin bei den Jaguaren und Pumas deutlich zu beobachten. Diese
großen Tiere haben in kälteren Gebieten zwar auch ein etwas
dichteres Fell, aber die Pelzunterschiede bei den einzelnen Formen
sind doch ziemlich geringfügig.
Leopardus hernmidesi (Gray) ist 1340 mm lang und lebt in Mexico,
Mazatlan und Sinaloa (Januar-Isotherme -j-15 u. -|-20*'),
Leopardus (joldmanni Meaens ist 1240 mm lang und lebt in Cam-
peche, Yohatlan (+20 u. +25'^),
Leopardus centralis Meaens ist 1225 mm lang und lebt in Costa
Rica, Panama (+25 u. +300).
Bei den Pumas liegen die Verhältnisse wie folgt:
Pumas ßumpflänge Basilarlänge lebt in
Felis hippolestes Merk.
Felis Olympus Mere.
6
2400
2025
196
Felis coryi Bangs 1297 1248
Felis cougouar Kerr. — —
Felis astecus Merr. 1537
175
158
158
154
Felis costaricensis Merr.
Felis hangsi Merk.
Felis concolor L.
Felis puma Molina „groß" —
Felis patagonica Meer. 1345 —
Felis pearnsoni Thos. 1370 —
Zool. Jahrb. XL. Abt. f. Syst.
159,5 Wyoming, Colorado
—5 : +5»
1320 192 161,5 Washington, ßrit.
Columbia, Oregon
bis Californien
0 : +15"
Florida +10: +20«
AdirondakjAllegha-
nis, Maryland, Vir-
ginia —10: +10"
Chihuahua (Mexico)
+10: +15" (Jua-
rez bis — 15")
Costa Rica, Panama
+25 : +30"
Columbia +25:
+30" (Juli-Isoth.)
Süd-Brasilien,Ama-
zonas bis Bolivia
+20: +25" u. m.
171,5 149
1000 — —
990 162 141
— — 171 141
— Chili +5: +15"
168 Patagonien, Ost-
Anden +5 : +15"
— Süd-Patagonien
0:+10"
3
34 Hans v. Boetticher,
Mit Ausnahme von F. couguar Keee., von dem allerdings nur
Scliädelmaße vorliegen, ist hier eine Größenzunahme nach kalten
Gebieten sehr deutlich.
Auch bei den Luchsen wird die Behaarung nach Norden hin
dichter. Trotzdem ist Lijnx lynx (L.) vom europäischen hohen Norden
bis an die Alpen und Pyrenäen und aus Sibirien bis Sachalin größer
als L. cervaria (Temm.) aus Ost- und Süd-Eußland, vom Ural und
Kaukasus. In Nordamerika reicht die größte Art, L. moUipüosa Stone,
aus Nordwest-Amerika bis südlich Britisch - Columbia bis an die
Januar-Isotherme — 35^ und darunter und wird im Rumpf etwa
910 mm lang. L. subsolana Bangs aus Neufundland reicht nur bis
— 15^' mittlerer Januar-Temperatur heran und wird nur 810 mm
lang, L. canadensis Desm. aus dem borealen Nordamerika von Maine
bis zum 60. Breitengrade, also auch bis über die Januar-Isotherme
— 25** hinausreichend, wird dagegen auch nur 637 mm lang.
Eucervarm pardella Hill, von der iberischen Halbinsel und
E. pardina Oken von Calabrien, Corsica, Sardinien, Sizilien, Griechen-
land und dem Kaukasus, also aus einem ähnlichen Klima, sind ziem-
lich gleich groß.
Unter den amerikanischen Cervaria-Arten ist C. gigas (Bangs)
aus Neuschottland, also ungefähr zwischen den Januar-Isothermen
0 und — 10**, mit 824 mm die größte Form. Ebenso lebt die kleinste,
nur etwa 602 mm lange Art, C. californica Meaens, im heißesten
Gebiet, an der Küste von Californien und in Niedercalifornien
zwischen den Januar-Isothermen -j-lO und +25°. Auch die kleineren
Arten, C. pallescens Meee. aus dem Shastagebirge in Californien,
C. oculeus Bangs von der Küste von Californien nödlich von San
Francisco, etwa 638 mm lang, C. haüeiji Meee. aus Arizona, etwa
613 mm lang, leben in wärmeren Gebieten, ungefähr zwischen den
Januar -Isothermen -f5 und +15°, ebenso wie in Oregon und
Washington bis an die Isotherme 0° reichend, die größere, gegen
750 mm lange Form C. fasciata (Rafin.) lebt. Andrerseits finden
wir in Südgeorgien bis Maine, also zwischen — 10 und +10°, die
nur 643 mm lange Form C. rufa (Güldenst.) und auch in warmen,
zwischen den Januar-Isothermen +5 und +20° liegenden Gebieten
größere Formen, so in Texas bis Californien C. macidata (Vig. et
HoESE.) mit 774 mm, in der Colorado-Wüste bei San-Diego in Cali-
fornien C. eremica Meaens mit 755 mm, in Texas, Neumexico bis
Süd-Californien C. texensis (Allen) mit 709 mm und C. floridana
(Rafin.) mit 715 mm Rumpflänge.
Klima und KöipergröUe der homüotheriiieu Tiere. 35
Allen gibt folgende Scliädelmaße in inches:
Max. Med.
Br. Lg. Br. Lg.
Britisch Nordamerika ( — 25 ii. +5*'): cana-
äensis 3,70 5,30 3,52 5,01
Washington, Oregon (0 u. +10^): fasciata 3,95 5,50 3,56 5^03
Texas, Matamoras, Mexico (-1-5 u. -|-20^):
maculata 3,72 5,27 3,40 5,00
Vereinigte Staaten, Frt. Tejon (0 u. -flO«):
rufa 3,82 5,50 3,47 4,91
Hiernach wäre fasciata allerdings größer als maculata im Gegen-
satz zu obiger, auf Elliot's Angaben fußender Zusammenstellung.
Wir sehen ferner den Tiger in Bengalen {Felis tigris L.) be-
deutend größer als auf Malakka und Java {Felis sondaicus). In
Zentral- Asien, China und der Mandschurei wird er zwar in vielen
Fällen nicht größer als in Indien, wird dafür aber im Winter durch
einen ungemein dichten Pelz vor Kälte wirksam geschützt {F. longipilis
Matsch.).
Auf die Leoparden möchte ich nicht näher eingehen, da es, wie
mir Matschie mitteilt, höchstwahrscheinlich mehrere Formenkreise
dieser Tiere gibt, welche sich sowohl durch Färbungscharaktere als
auch durch Größe unterscheiden dürften, und deren beiderseitigen
Vertreter möglicherweise nebeneinander dieselben Gebiete, wenn
auch in verschiedenen Lokalitäten, wie Wald und Steppe, be-
wohnen.
Von den Geparden hat erst neuerdings Hilzheimee eine kleine
Form, Acinomjx liecki Hilzh., vom warmen Senegal und zwei große
Arten, A. ohergi Hilzh. und A. ngorongoroensis Hilzh., aus dem
kühleren Südwest- Afrika beschrieben.
Über Eis- und europäische Braunbären können wir uns kein
klares Bild machen, da die Größenverhältnisse der verschiedenen
aufgestellten, aber doch wohl noch sehr unsicheren Arten einwands-
frei nicht bekannt sind, andrerseits aber auch erhebliche indivi-
duelle Schwankungen aus demselben Gebiet bekannt sind. Letz-
teres gilt auch von den, im allgemeinen jedoch sehr großen Braun-
bären des arktischen Alaska, das sich überhaupt, seinem kalten
Klima entsprechend, durch sehr große Tiere auszeichnet, ähnlich wie
das Süd-Somaliland sich, wie wir sahen, durch Zwergformen aus-
zeichnete. Ursus middendorfi Merk, und U. dalli Mere., ersterer
3*
36 Hans t. Boetticher,
von der Kadiak-Insel, letzterer von der Yakutat-Bai, sind solche
Alaska-Riesen.
Auch beim Grislibären sehen wir die Alaska-Form vom Norton-
Sund, Banis alascensis (Merr.), den gewöhnlichen Grisli von den
Rocky-Mountains, nördlich von Wyoming und Utah und aus Britisch-
Columbia, D. horriUlis (Ord.), an Große übertrelfen. Auch am großen
Sklavensee und am Barrengrund lebt ein den horriUlis an Größe
übertreffender Grisli, D. rkhardsoni (Mayne Reid), und in Colorado,
Süd-Utah, Neumexico und Arizona bis Süd-Californien lebt die kleinste
Art, D. horriaeus (Bairp).
Also auch hier sehen wir die Formen in kalten Gebieten die
aus wärmeren Gegenden stammenden Arten an Größe übertreffen,
obwohl doch auch die Bären durch starke Pelze gegen Kälteeinllüsse
genügend geschützt erscheinen. Bezeichnenderweise aber können
wir gerade bei den Baribals, dei en eigenartig dichte und starke Be-
haarung u. a. Brehm in seinem „Tierleben" besonders hervorhebt,
eine mit dem Klima in Verbindung zu bringende Größenzunahme
nicht beobachten. Eimrdos mnerkanm (Pall.) vom östlichen Nord-
amerika stellt eine mittelgroße Form dar. Im Vergleich zu ihm
sind E. sornhorgeri (Rangs) von Okak, Labrador und E. emmonsi
(Dall.) vom St. Elias- Gebirge bis Yunean, Alaska klein, E. floridanus
(Merr.) von Florida jedenfalls nicht um vieles kleiner, E. hdeolus
(Grief.) von Louisiana bis Texas dagegen groß.
Bei den Grauwölfen ist eine Größenzunahme sowohl in Europa
wie in Nordamerika deutlich wahrnehmbar, sobald wir in ein kälteres
Gebiet kommen. Canis Iiiptis L. aus Nord- und Mittel-Europa ist
der größte Europäer. C. signatus Cabreea aus Mittel-Spanien ist
schon kleiner, ebenfalls C. deitanus Cabeera aus Murcia, Spanien.
Li Amerika lebt C. niibüns Sat, der etwa 1092 mm lang wird, am
großen Sklavensee bis zur Länge von Idaho, südlich bis Nebraska,
in Nebraska bis Idaho und bis nach Mexico hinunter lebt der nur
etwa 1050 mm lange C. oecidentalis Rich.
Dementsprechend gibt Allen folgende Schädelmaße in inches
für die nordamerikanischen Grauwölfe:
Max. Med. Min.
Lg. Br. Lg. Br. Lg. Br.
Frt.Simpson,Yukonu.Rae( -25 U.-350J 11,50 6,20 10,38 5,40 9,20 4,50
Frt. Benton und Union (-5 u. —15«) 10,50 5,50 9,45 5,07 8,75 4,50
Frt. Kearney und Harker (-0 u. —5») 10,15 5,50 9,69 5,18 9,35 4,85
Rio Grande und Sonora {-\- 20 u.-f 5'^) 8,75 4,62 8,37 4,31 7,75 4,05
Klima und Kürpergrüße der homöothermen Tiere. H7
Anders steht es bei den Heulwölfen, der latrans-GYu\)i)e. Zwar
haben auch hier teilweise die größeren Formen in kälteren Gebieten
ihre Heimat, So lebt Canis latrmis Say, der etAva 825 mm lang
wird, vom Mississippital bis nacli Alberta (—10 bis —5^), C. nehrascensis
Meer,, der kleiner als der vorige ist, in Nebraska ( — 5 bis -fö")
und C. fmstror Woodh., etwa 860 mm lang, am Arkansasfluß im
Indianerterritorium (0 bis -}-5"). Auch finden wir hier einige
kleine Formen in warmen Gegenden, so C. Testes Herr,, nur 796 mm
lang, in Nevada (+5 bis 10") und C. mearnsi Meer., 770 mm lang,
in Arizona (+10 bis +15°), auch in den Wüsten Nevadas, Utahs
und Ost-Californiens lebt ein kleiner, nur etwa 752 mm langer Heul-
wolf, C. estor Merr, Aber die Reihenfolge der Größen entspricht
doch nicht genau der der Klimastufen, Außerdem lebt im warmen
Californien eine recht große, bis etwa 815 mm lange Form, C. ochropus
EscHscH. Doch sind diese Verhältnisse nicht unverständlich, da die
Heul Wölfe, wie es auch Brehm besonders hervorhebt, in kälteren
Gebieten eine sehr dichte, geradezu fuchsartige Behaarung haben
im Gegensatz zu den echten Grauwölfen, die nach Norden hin zwar
auch dichteres Haar bekommen, aber doch nicht so auffallend stark-
pelzig werden.
Unter den asiatischen Wölfen ist die, im Vergleich zu den
europäischen Tieren auffallende Kleinheit des indischen Wolfes,
C. pallipes Sykes, und des japanischen C. hodoplujlax Temm. be-
merkenswert.
Die Füchse sind meist Höhlenbewohner und in kälteren Gebieten
starke Pelzträger und schon auf diese Weise gegen starke Kälte
geschützt. Unter ihnen sind die Nord-, Mittel- und Süd-Europäer
alle ziemlich gleich groß, jedenfalls nicht im Norden größer. Vulpes
vulpes (L) aus Skandinavien, V. crucigera Bechst. aus Mittel- und
Süd-Europa und F. süncea (Mill.) aus Spanien variieren kaum in
der Größe. Kleiner dagegen ist F. ichnusae Mill. von Sardinien und
Corsica. Klein ist auch der japanische Fuchs F, japonica Gray,
ferner F, aüantica Wagn. aus Nordwest- Afrika, Marokko, Tunis und
Algier und F. aegypUaca (Desm.) aus Ägypten und Abessinien, und
ganz besonders klein ist der südarabische Fuchs F, araUca Thos,
aus dem heißen Aden, Hadramaut und Maskat, Unter den Nord-
amerikanern sind leider die in den kältesten Gegenden lebenden
Arten, wie F, hangsi Merr. aus Labrador und F, alascensis (Merr.)
aus Nord-Alaska, z, Z. noch zu wenig bekannt und daher zunächst
von unserer Betrachtung fortzulassen. Dasselbe gilt von F, aUetorum
38 Hans v. Boetticher,
(Meee.) aus Britisch Columbia. Sonst leben in Alaska recht große
Formen, so V. harrimanni Meee. von Kadiak und der vielleicht noch
größere V. Jcenaiensis Meee. von der Kenai-Halbinsel. Doch lebt
auch in Nebraska bis Californien und Arizona ein großer, 811 mm
langer Fuchs, V. macrura (Baied), der bis an die Januar-Isotherme
-|-15" reicht. Andere so weit südlich gehende Füchse sind allerdings
kleine Tiere, so V. pennsißvanica (Bodd.), etwa 505 mm lang, aus
Virginia und Georgia, V. argentata (Shaw), etwa 540 mm lang, aus
Louisiana, V. necator Meee., etwa 622 mm lang, aus der südlichen
Sierra Californiens. Größer ist F. regalis Meee. (697 mm) aus
Dakota und Alberta und F. cascadensis Meee. aus dem Kaskaden-
gebirge (658 mm), deren Heimat ungefähr zwischen den Januar-
Isothermen — 10 u. +10^ liegt. Andrerseits aber ist F. ruhricosa
(Bangs) aus Neuschottland nur 676 mm und F. deletrix Bangs
von Neufundland nur 623 mm lang. Eine Größenzunahme nach
kälteren Gebieten hin ist also bei den Rotfüchsen nur zum Teil zu
beobachten. Allen's Schädelmaße für nordamerikanische Rotfüchse
sind folgende:
Max.
Lg.
Alaska (—35 u. 0") 6,20
Mackenzie (—35 u. Ö") 6,10
Ober-Missouri (—15 u. 0") 6,00
Essex, New York (—5 u. -f 5«) 5,86
Interessant sind die afrikanischen Wüsten- und die asiatischen
Steppenfüchse. Die Maße der letzteren sind folgende:
Rumpf- Basilarlänge
länge d. Schädels
T'. corsac (L.) aus Ost-Europa und Südwest-
Asien 525 106
T^. Jcaragan Eexl. vom Ural bis Kaspien und
Turkestan — 124
F. fernlata Hodgs. aus Tibet (Lhasa) 655 129
F. leucopus Blyth aus Persien, Afghanistan,
Arabien und Kutsch-Punjab 550 —
F. cana Blanf. aus Belutschistan und Süd-
Afghanistan 530 —
F. hengalensis Shaw, aus Indien, vom Himalaya
bis Assam 565 —
Med.
Min
Br.
Lg.
Br.
Lg.
Br.
3,32
5,98
3,20
5,70
2,90
3,28
5,80
3,02
5,55
2,87
3,20
5.78
2,90
5,40
2,78
2,95
5,40
2,80
5,20
2,70
Klima uud Körpergröße der homöothermeu Tiere. 39
Bei diesen Füchsen, die im ganzen kleiner sind als etwa die
vorhin behandelten Rotfüchse Europas, lebt die größte Art im Hoch-
gebirge von Tibet. Die beiden kleinsten leben in den südost-
europäischen und zentral-asiatischen Steppen sowie in den dürren
Wüstensteppen Belutschistans. Die indische, aber bis an den Hima-
laja hinaufgehende Art ist ziemlich groß.
Die afrikanischen Wüstenfüchse werden nach den wärmeren Ge-
bieten zu immer kleiner und außerdem verhältnismäßig immer groß-
ohriger.
F. chama A. Smith aus Süd- Afrika vom Sambesi bis zur Kapkolonie
(+15 bis +25o) hat bei 680 mm Rumpfig. 80 mm lange
Ohren (etwas mehr als Vs)-
y. famelkus Cretzschm, aus Ägypten, Nubien, Kordofan, Klein-
asien, Palästina, Persien und Afghanistan (4-15 bis -[-30'^
Jan.-Is.) hat bei 490 mm Rumpfig. 85 mm lange Ohren
(etwas mehr als Ve)-
V. palUdus Ceetzschm. aus Dongola, Somali und Suakin (+25 bis
+30") hat bei 405 mm Rumpfig. 55 mm lange Ohren
(weniger als V?)-
V. serda Zimmeem. aus den Wüsten Nord- Afrikas, der Sahara bis
Kordofan (+25 bis +30") hat bei 400 mm Rumpfig. 80 mm
lange Ohren (etwa Vs)-
Die Maße von T"^, dorsalis Gray vom Senegal konnte ich leider
nicht feststellen.
Nun wird die Großohrigkeit so vieler Wüstentiere meistens
damit erklärt, daß diese Tiere in der Wüste besser hören müßten
als andere Tiere in anderen Gebieten. Gewiß können Waldtiere
sich nicht so auf das Gehör verlassen, da der Schall durch die
Bäume usw. aufgehalten und abgelenkt wird, was in Wüsten nicht
der Fall ist. Andrerseits ist es sicher nicht falsch, daß Wüsten-
tiere, namentlich am Boden lebende, das Gesicht nicht so sehr be-
nutzen können, da infolge der Dünenbildung und ähnlicher Verhält-
nisse der Gesichtskreis beschränkter ist als etwa für Bergtiere und
teilweise auch für Baumtiere oder auch für hochgewachsene Ge-
schöpfe, wie etwa Giralfen usw. Auch das Geruchsvermögen der
Wüstentiere kann, so sagt man, nicht als ein verläßliches Organ
gelten und daher nicht von großer Wichtigkeit sein, da es in der
heißen Wüste zu sehr der Gefahr der Austrocknung ausgesetzt ist,
wie auch unsere Jagdhunde in Afrika den scharfen Geruchssinn
40 Hans v. Boetticher,
sehr bald verlieren. Daher müsse das Gehör bei diesen Tieren be-
sonders gut entwickelt sein, und daher haben die Wüstentiere so
große Ohren. — Gewiß sind diese Überlegungen alle ganz richtig.
Aber sollte es nicht noch einen anderen Grund für die Großohrig-
keit der Wüstentiere geben? Die Verhältnisse in der Schneewüste
sind denen in der Sandwüste im großen und ganzen analog. Hier
haben wir aber u. a, gerade die sehr kleinohrigen Eisfüchse. Brauchen
diese nicht so gut zu hören wie die Wüstenfüchse? — Für das
Auge liegen die Verhältnisse in beiden Fällen doch ganz gleich: in
beiden Fällen eine einfarbige, weite Fläche, in beiden Fällen durch
Dünung (des Sandes ebenso wie des Schnees) hervorgerufene enge
Begrenzung des Gesichtsfeldes. Und für die Nase? Im höchsten
Norden ist die Luft bei der starken Kälte so trocken, daß ,.der aus-
gestoßene Atem nicht dampft, daß der Mensch, bevor er sich
in seinem Zelt zur Ruhe legt, das Innere seiner Kleidungsstücke
nach außen wendet und sie so auf den Schnee legt am nächsten
Morgen sind sie vollkommen trocken" (vgl. Weule 1. c. p. 6). Hier
liegt für die Nasenschleimhäute dieselbe Gefahr der Austrocknung
vor wie in der heißen Wüste. Und außer dieser noch die des Er-
frierens. Der Einwand, die Eisfüchse könnten bei dem starken Ge-
töse des Eismeeres und der polaren Stürme doch nicht viel hören,
fällt w^ohl in sich selbst zusammen, da einmal die Eisfüchse doch
auch sehr weit im Inneren der polaren Länder leben, wo man vom
Meeresrauschen beim besten Willen nichts hören kann, andrerseits
aber die Stürme in der Wüste, wie der Samum und der Chamsin u. a.,
wohl kaum weniger Geräusch verursachen dürften als die Polar-
stürme. Die Verhältnisse in beiden Gebieten sind also ganz ent-
sprechende, und es bleibt nur das eine zur Erklärung übrig, daß
die Wüstentiere die großen Ohren allerdings auch zum guten Hören,
aber auch zur Vergrößerung der Körperoberfläche besitzen, während
die Eisfüchse die großen Ohren zum besseren Hören zwar ebensogut
brauchen könnten, solche aber wegen des kalten Klimas ihrer Heimat,
wenn ich so sagen darf, sich nicht leisten können, da infolge der
großen Oberfläche dieser Gebilde bei verhältnismäßig geringer Masse
zu viel Körperwärme ausgestrahlt würde, was den Tieren nicht zu-
träglich wäre. Und gerade dieses Organ würde selbst durch zu
große Wärmeausstrahlung besonders und zuerst darunter leiden,
indem die Ohren einfach abfrieren würden.
Bei den schlanken Kit-Füchsen (w/oa:- Gruppe) ist kein Zusammen-
hang zwischen Klima und Körpergröße zu bemerken. V. velox Say,
Klima uud Körpergröße der lioiuöothennen Tiere. 41
419 mm lang, lebt in Saskatschewan, Colorado nnd Nord-Nebraska
(—25 bis +5*^), F. neomexicanits (Merr.), 520 mm lang, lebt in Neu-
mexico (-|-5 bis +15*'), V. hehes (Merr.), 532 mm lang, lebt in
Canada, Alberta und Calgary (—25 bis 0°), V. macrotis Merr., 560 mm
lang, lebt in Süd-Californien (-}-10 bis +20**) und V. mutims Merr.,
600 mm lang, lebt in Californien (+5 bis +15**). Auffallend, aber
nach dem vorhin auseinandergesetzten uns nicht unverständlich, ist
die Größe (68 mm) der Ohren des im heißesten Gebiet lebenden
süd-californischen V. macrotis Merr.
Wenn auch alle Füchse im Norden Pelztiere sind, die zudem
noch meist in Höhlen leben, so zeichnen sich die Eisfüchse durch
ganz besonders dichte Felle aus. Ihr Körper ist außerdem für
Füchse auffallend plump und gedrungen gebaut, wodurch auch schon
eine gewisse Oberflächenverringerung erzielt wird. Untereinander
verglichen kann man sich schlecht ein Urteil über einen etwaigen
Zusammenhang zwischen Körpergröße und Klima bilden, da bei ihnen
die Pelzbeschaffenheit wohl von ausschlaggebender Wichtigkeit ist.
Andrerseits sind die Größendifferenzen keine allzu starken, und die
bewohnten Gebiete unterscheiden sich auch nicht sonderlich durch
das Klima.
Alopex lagopus (L.) aus dem arktischen Europa und Asien wird
etwa 525 mm lang.
A. spitzbergensis Barr. Ham von Spitzbergen und Island ist
kleiner.
A. innuüus Merr. von Nord-Canada und dem Barrengrund bis
Alaska ist ähnlich lagopus (L.).
A. ungava Merr. von Labrador ist größer als immitus Merr.
A. lienaiensis Merr. von der Kenai-Halbinsel in Alaska ist größer
als lagopus (L.).
A. hallensis Merr. von den Inseln St. Michael und Hall ist
535 mm lang.
A.prihüofensisM^nn.\o\\ den Pribiloft'-Inseln ist der ,. größte" und
A. bekrmgensis Merr. von den Behring-Inseln ist „groß, ähnlich
prihüofensis Merr."
Von den Griesfüchsen ist die größte Art, Urocijon ocythous (Bängs),
vom oberen Mississippi (—20 bis — 5**) Bewohnerin des kältesten
Gebietes, die kleinste, U. littoralis (Baird), von der San Miguel-Insel
und der Küste Californiens die des heißesten Gebietes (+10 bis +20°).
Bei den anderen Formen findet sich scheinbar ein Widerspruch in
42 Hans v. Boettichek,
den Angaben von Elliot, indem das Längenmaß für U. cinereo-
argenteus (Müll.) von ihm mit 613 mm als geringer angegeben ist
als für U. fJoridamis (Rhoads), 640 mm. Beim ersteren sagt er aber
ausdrücklicli „size large", beim letzteren ,,size small"! U. floridanus
ist demnach in der Masse zwar kleiner, aber dabei länger, wodurch
die Oberfläche noch mehr vergrößert wird. U. einer eo-argenteus
(MÜLL.) lebt im kälteren Gebiet, in Georgien bis Neuengland
(—10 bis +10^), während U. floridanus (Rhoads) von Georgien bis
Florida (-j-5 bis -1-20^) ihn vertritt, ü. iexensis (Meaens) aus Texas
(-f5 bis -|-15°) ist einer eo-argenteus ähnlich, hat aber bezeichnender-
weise längere Ohren. In Arizona, Süd-Californien und West-Neu-
mexico (+5 bis -f 15** und mehr) lebt der kleinere, nur etwa 580 mm
lange U. scotti (Mearns). In Californien kommen noch zwei kleinere
Arten vor, U. californicus (Meaens) und U. toivnsendi (Merr.),
die aber doch immerhin noch größer sind als der vorhin ge-
nannte U. liUoraUs (Baird). Allen gibt folgende Schädehnaße in
inches an:
Max. Med. Min.
Lg. Br. Lg. Br. Lg. Br.
Pennsylvania. Washington. Vir-
ginia (-5 bis +10*') 4,70 2,70 4,97 2,64 4,62 2,56
Texas (+5 bis +15*^) 4,60 2,70 4,56 2.64 4,50 2,58
Süd-Californien (+10 bis +15*») 4,63 2,65 4,56 2,54 4,50 2,43
Tehuantepec, Mexico (+20 bis
+25") 4,40 2,37 4.20 2,32 4,15 2,25
Inseln bei Californien (+15 bis
+25«) (littoralis) 4,85 2,23 3,80 2,03 3,75 2,05
Merida, Yucatan (+20 bis +25») 3,75 1,98 3,75 1,98 3,75 1,98
Bei den Caniden ist noch zu erwähnen, daß Cuon alpinus (Fall.)
aus Süd- Sibirien, dem Altaigebirge, dem Jenisseitale, von der Lena,
Turkestan, Tibet und Amurland größer, C. javanicus Desm. aus
Hinterindien, Malakka, Java, Sumatra und Borneo kleiner ist als
C. dukhuensis Sykes aus Vorderindien.
Die Schakale bieten für unsere Untersuchungen insofern einige
große Schwierigkeiten, als in der Systematik und Geographie dieser
Tiere wohl noch viel Unklarheit herrscht. Hilzheimer trennt in
seiner großen Schrift über die nord-afrikanischen Schakale adustus
Sundev., lateralis Sclat. und Jcaffensis Neum. als Schaeffia Hilzh. und
mesomelas Schreb. als Lupidella Hilzh. von den Grauschakalen Thos
Klima nud Körpergröße der homöothermeu Tiere. 43
ab und kommt in bezug auf letztere zur Ansicht, daß zwischen Wölfen
und diesen Schakalen keine scharfe Trennung möglich sei. Dann
wären aber die T//os-Arten allerdings kleine, in heißen Gebieten
lebende Wölfe! Auch Matschie nennt an einer Stelle in den
Sitzungsberichten der „Gesellschaft naturforschender Freunde" den
Canis hohihi Lorenz, hadramauticus Noack und den ü. lupaster
Ehrenb. geradezu „Miniaturwölfe". Das Verhältnis der Schakale
zueinander ist ganz und gar nicht klar. Hilzheimer gibt für Th.
lupaster graiji Hilzh. aus Tunis und Algier als Basilarlänge des
Schädels 155 mm, als größte Gaumenbreite 51^2 nam an, für Th. l-
lupaster H. et E. aus Ober- Ägypten 154 bzw. 49 mm, also kleinere
Maße an. Hartmann sagt über lupaster oder wohl besser über seine
verschiedenen geographischen Rassen : „hi höher gelegenen, kühleren
Gegenden zeigt dasselbe [Tier] mehr Fülle, eine muskulösere
Statur als in den heißeren Ebenen."
Von abessinischen Schakalen führt Hilzheimer folgende Schädel-
maße an:
Basilarlänge ,. ^ , .,
Gaumenbreite
1. riparius H. et E. aus den tiefgelegenen
Ländern, von der Küste 134 mm 44 mm
2. varierjatus Cretzschm. von Sennar, Ailet
(etwa 200 m) 138 „ 43 ,,
3. gallaensis Lorenz aus dem süd-abessi-
nischen Hochgebirge 147 V.2,- 48 „
Klatt gibt für die auf unserer gemeinschaftlichen Reise nach
Eritrea 1913 gesammelten Schakale folgende Minimal-, Medial- und
Maximalmaße der Basilarlängen an:
1. in Mai-Atal und Ailet (etwa 200 m) 129 mm 135 mm 139 mm
2. in Adi Uogerah und Adi Kaieh
(2200 m) und Akrur (1870 m) 135 „ 142 „ 150 „
^ "^ Die unter 1. angeführten Exemplare sind wohl Th. variegatus
Cretzschm., da Fundort und Größe bei beiden Forschern überein-
stimmen. Sie sind bezeichnenderweise größer als Th. riparius H.
et E. aus dem Tiefland. Klatt gibt für seine Schakale noch
folgende Gewichte:
aus Saati (200 m) 5000—5500 g
Akrur (1870 m) 8250—8300 „ und
Adi Kaieh (2300 m) 6600—10750 „
44 Hans v. Boetticher
Welcher Art die in Akrur und in der Umgebunj? von Adi Kaieh
gesammelten Exemplare angehören, weiß ich leider nicht. Jeden-
falls sind diese Hochgebirgstiere noch größer als die von etwa 200 m
Höhe [TIk mriegatus Cretschm.). Aber, wie gesagt, bin ich über
die natürliche Systematik der Schakale mir nicht ganz im klaren
und kann mir daher auch kein maßgebendes Urteil darüber erlauben.
Ich glaubte aber doch die Größenverhältnisse dieser Tiere und die
klimatischen Verhältnisse ihrer Heimat etwas beleuchten zu müssen.
Nach dem Ausgeführten scheint doch ein Zusammenhang zwischen
Klima und Körpergröße auch bei den Schakalen zu bestehen. Im
Anschluß hieran möchte ich noch darauf hinweisen, daß die größte
von HiLZHEiMEE angeführte Schakalform, Th. doederleini Hilzh. aus
Ober-Ägypten, nach seiner Meinung wohl auch in Nord-Abessinien
vorkommt.
Bei den Huftieren können wir u. a. beobachten, daß z. ß. das
Gnu vom südlichen Afrika, Connochoetus taurinus Buch., größer ist
als etwa C. aJbojuhaüis Thos. oder C. Jiecki Neum. aus dem tropischen
Afrika. Das kleine C. gnu (L.) ist eine abweichende Art und kommt
daher hier nicht in Betracht.
Ebenso ist unter den verschiedenen Oryx- Antilopenarten Oryx
gasella Geay aus Süd- Afrika die größte.
Isemorhoedus hubcdinus Hodgs. vom Himalaya, von Kaschmir bis
Mischmi (1800—3600 m hoch) ist größer als iV^. sumatrensis Shaw
von Moupin, Yünnan bis Sumatra.
Hemitragus jemlaicus Hodgs. vom Himalaya wird in Südost-
Arabien durch eine Zwergform, H. jaijakari Thos., vertreten.
Die Kropfgazelle der Mongolei, Gasella gutturosa Pall., ist größer
als 6r. subgutturosa Güldenst, von Persien und Ost-Turkestan.
Unter den asiatischen Wildschafen ist nach Haacke das cyprische
Ovis ophion Blyth mit 660 mm Höhe das kleinste; 0. gmelini BijYib.
von Ost-Persien und Kleinasien wird 840 mm hoch, und 0. vignei
Blyth, das allgemein 800 mm hoch wird und in Tibet lebt, wird in
Ladak und Saskar in der Höhe von 3600—4000 m, wo es ,,Scha"
genannt wird, sogar 900 mm. Das allergrößte Wildschaf Asiens
aber, 0. hodgsom Blyth, lebt in Tibet nicht unter 4500 m Höhe.
Unter den nordamerikanischen Wildschafen wird Ovis nelsoni
(Meke.) vom Grapevine-Gebirge, etwa zwischen den Januar-Isothermen
-|-5 und +10", ohne Schwanz 1180 mm lang, 0. cervina Desm. aus
dem Hochgebirge vom Coloradostrom und Arizona bis Britisch
Columbia ( — 5 bis +10") ähnlich groß. Am oberen Missouri (—15
Klima und Kürpersrülie der homöothermeu Tiere. 45
bis 0") lebt das „große" 0. uuduhoni Merr., im Gebirge von Alaska
und auf der Kenai-Halbinsel ( — 25 bis 0^) lebt das 1374 mm lange
0. dalli Nelson, bei Dawson am Yiikou, Nordwest-Territorium ( — 25
bis — 35*^) das 1525 mm lange 0. fannini Homaday und auf den
Gipfeln des Cassiar-Gebirges, am 61. Breitengrad, wo es vielleicht
noch kälter und rauher sein dürfte, haust das riesige, 1587 mm lange
0. stonei Allen, Gegen alle diese Schafsriesen ist unser Muffel-
schaf (0. musimon [Pall.]) von den Bergen Corsicas und Sardiniens
mit seinen 1270 — 1300 mm Länge ein Zwerg.
Die typische Bezoarziege, Capra aegagrus Gm., aus dem Hoch-
gebirge von Mittel-, West- und Kleinasien wird am Widerrist 950 mm
hoch, Sie wird in den weißen Bergen von West-Kreta durch die
kleinere C. cretensis (Briss.) und auf der Insel Erimomelos durch
die schwächste Form C. pida Erhard ersetzt.
Der Alpensteiubock {Ihex ihex [L,]), dessen Winterkleid be-
sonders rauh mit viel Grundwolle ist, wird 1400—1600 mm lang und
830—880 mm hoch. Der Pyrenäensteinbock, I. pijrenaica (Schinz),
ist von derselben Größe. Dagegen ist /, lusitanica (Fean^a) aus
den galizischen und nord-portugiesischen Bergen und I. victoriae
(Cabreea) aus der Sierra de Gredos merklich kleiner. /. hispanica
(ScHiMPER) aus der Sierra Nevada ist als südlichste Art die kleinste
und bleibt in der Länge um rund 165 mm hinter I, victoriae (Cabrera)
zurück. Der westliche Kaukasus-Steinbock, /, severtsoivi (Menzb.),
der östlich bis zum Elbrus im Kaukasus lebt, und der im mittleren
Kaukasus, östlich vom Elbrus, ihn vertretende I. caucasica (Güldenst.)
sind als Bewohner noch höherer Gebirge, als es die Alpen und die
PjTenäen sind, beide sehr groß und erreichen im Widerrist die Höhe
von 1000 mm.
Die Gemsen von den Alpen, Appenninen, vom Balkan und Kau-
kasus, Bupicapra rupicapra (L.) und von den Pyrenäen, R. pyrenaica
Bp., sind wohl ziemlich gleich groß. Kleiner sind B. ornata Neum.
von den Abruzzen im südlichen Italien und R. parva Cabrera aus
dem Cantabrischen Gebirge in Spanien.
In Texas, das ungefähr zwischen den Januar-Isothermen 0 und
-f 15^ liegt, ist der Bison {Bison americanus [Gm.]) nach Elliot's An-
gaben kleiner als der große Bison vom großen Sklavensee {Bison
athahascae [Rhoads]), dessen Heimat zwischen den Januar-Isothermen
—25 und —35^ liegt. Zugleich gibt Elliot für americanus 2949
und für athabascae 2846 mm Rumpflänge an. Der kleinere atneri-
canus ist also zugleich auch länger als athabascae, wodurch die schon
46 Hans v. Boetticher,
an und für sich größere Oberfläche des americanus noch mehr ver-
größert wird. Etwas ähnliches haben wir schon bei den Gries-
füchsen gesehen. — Bison honasus (L.) aus dem rauhen Litauen und
B. caucasicus Hilzh. aus dem west-kaukasischen Gebirgsland dürften
sich wohl kaum in der Größe unterscheiden.
Bihos gaurus H. Smith, der in Vorderindien und auf den Berg-
zügen von Assam, Barma und Malakka lebt, ist größer als B. fron-
talis Lambert aus Hinterindien.
Auch bei den Hirschen begegnet oft dieselbe Erscheinung der
Größenzunahme nach kalten Gebieten hin.
Coassus rufus (Cuv.) aus Brasilien ist allerdings nach Heck
größer als C. nemorivagus Loht, aus Bolivien, doch wird man viel-
leicht diese Tiere, wie es Matschie tut, in verschiedene Gattungen
(Manama und Donjceros) trennen müssen und sie dann nicht mit-
einander vergleichen dürfen.
Furcifer vel Xenalophus aniinensis (d'Orb.) aus den Anden von Peru,
Bolivien und Nord-Chile ist kleiner als F. vel X. chilensis (Gray) von
den Anden von Süd-Chile und Patagonien.
Axis axis Erxl. ist nach Blanford und auch nach Haacke
in Nord- und Zentral-Lidien größer als in Süd-Indien und Ceylon
{A. sp.?).
Ebenso ist Eusa aristotelis Cuv. aus dem nördlichen Vorderindien
größer als B. equinus Cuv. von Sumatra und als B. penncmti auct.
von Borneo.
Pseudaxis mantsclmricus Swinh. aus Nord-China ist größer als
P. sila Temm. von Japan. Noch größer wird P. duhowsUi Tacz.,
welcher weiter im Norden am Amur und weiter lebt.
Unser Damwild, Dama dama (L.), dessen ursprüngliche Heimat
in Kleinasien zu suchen ist, wird von D. mesopotamica Brooke aus
dem Gebirge von Luristan, das teilweise recht rauh ist, an Größe
übertroffen.
Der Wapiti von Ost-Canada, Cervus canadensis Erxl., dessen
Heimat sich ungefähr zwischen den Januar-Isothermen — 20 und 0**
erstreckt, wird 2760 mm lang und übertrifft im ganzen den nur
2410 mm messenden C. occidentalis H. Smith von Vancouver, Wa-
shington, Oregon bis Nordwest-Californien (also zwischen 0 und
+15*0 an Größe.
Die sibirischen Marals sind allgemein größer als die europä-
ischen Edelhirsche. Unter den letzteren finden wir starke Tiere in
Süd-Schweden {C. elaphus L.) und in Deutschland (C. germanicus
Klima und Körpergröße der homöothermen Tiere. 47
Desm.), neuerdings in halikus Matsch., alhicus Matsch., rhenanus
Matsch, und hajovaricus Matsch, zerlegt. Kleiner als elaphus L. ist
C. aüantkus Lönnb. aus West-Norwegen, das infolge des Golfstronies
unter den verhältnismäßig hohen Januar-Isothermen 0 und +2''
liegt. Auch C. scoticiis Lönnb. von Schottland ist eine kleine Form.
Noch kleiner sind C. corsicanus Eexl. von Corsica und Sardinien
und C. hispanicus Hilzh. aus Süd-Spanien, während C. holivari Ca-
BEEKA aus Nord-Spanien den letzteren an Grüße wieder übertrifft.
Der nord-afrikanische C. barharus Bm. fällt durch seine geringe
Größe ebenfalls auf.
Unter den europäischen Rehen, die von den sibirischen bis nord-
russischen und ost-asiatischen Rehen, Capreolus pygargus (Fall.) u. a.,
an Größe bedeutend übertroflfen werden, ist wohl die größte Art die
schwedische, C. capreolus (L.). Deutlich kleiner ist das britische,
C. tJiotti LÖNNB., ferner das spanische C. canus Mill, und, wenigstens
in italienischen Exemplaren, das südost-europäische, westlich bis an
die italienischen Alpen gehende, C. transsylvanicus Matsch.
Von den nordamerikanischen Odocoüeus - Arilin bewohnt die
größte, etwa 1982 mm lange Form, 0. macrourus (Rapin.), in Kansas,
Nebraska und Dakota das kälteste Gebiet zwischen den Januar-
Isothermen -(-5 und — 20°. Die zweitgrößte Form, 0. americanus
Erxl., mit etwa 1843 mm Rumptlänge, lebt im zweitkältesten Ge-
biet, in Virginia, zwischen den Januar-Isothermen +5 und 0**. Die
drei anderen nordamerikanisclien Formen leben in wärmeren Ge-
bieten und sind erheblich kleiner, so 0. couesi (Coues et Yare.) aus
Arizona (-{-5 bis -flö^), ferner die nur etwa 1320 mm lange Form
0. texensis (Meaens) aus Texas und Mexico (+5 bis -f 20*') und
0. Qsceola (Bangs) aus Florida (-[-5 bis +20*'), die ebenso groß wird.
In der nahe verwandten Gattung Eucervus ist die größte Art,
E. Jiemionus (Raein.), etwa 1780 mm lang und geht in den west-
lichen Vereinigten Staaten am weitesten nach Norden, bis zur
Januar-Isotherme —15**, hinauf. Eine Spielart von ihr aus Cali-
fornien, E. californicus (Caton), ist kleiner. Ebenso wird E. sca-
phiotes (Meee.) aus Californien nur 1328 mm und E. crooki (Meaens)
aus Neumexico nur 1245 mm lang, ihre beiderseitige Heimat liegt
zwischen den Januar-Isothermen -f-5 und +20*'. Andrerseits wird
E. colmnbianus (Rich.) aus Britisch Columbia und Vancouver ( — 5
bis +5**) größer, 1552—1628 mm lang. Allerdings lebt in Sitka
(—5 bis 0**) auch eine kleine Form, E. sitkensis (Meer.), für welche
als Maß 1132 mm angegeben ist; doch ist von dieser Art bis jetzt
48 Hans v. Boetticher,
nur ein weibliches Stück bekannt, auf welches sich die obigen
Maße beziehen. Wir brauchen also der Kleinheit dieser Form zu-
nächst keine allzu große Bedeutung beizumessen.
Unter den Rentieren ist beachtenswert, daß das in Nord-Finn-
land, Lappland und auf der Kola-Halbinsel lebende ßen (Rangifer
fennicus Lönnb.) größer ist als das skandinavische R. tarandus (L.).
Letzteres wird etwa 2000 mm lang. Große Formen finden wir in
einigen recht kalten Gebieten. So lebt R. tnontanus Thos. in Südost-
Alaska (0 bis —25") und wird 1930—2413 mm lang, so lebt ferner
jR. stonei Allen auf der Kenai-Halbinsel bei Alaska (0 bis —15'^)
und wird 2159 mm lang. Kleiner als R. tarandus (L.) sind, obwohl
zum Teil in kälteren Gegenden lebend, das nur 1933 mm lange
R. caribou (Gm.) von Labrador, Neuschottland, Neubraunschweig und
Maine, das noch kleinere R. groenlandicus (Gm.) aus Grönland, das
etwas gi'ößer als dieses werdende R. terraenovae Bangs von Neu-
fundland, sowie R. iMyrhynclms Vkolik von Spitzbergen. Eine
kleine, dem R. caribou an Größe etwa gleichkommende Art, R. arc-
ticus (RicH.), bewohnt wohl das allerkälteste Gebiet, die Landstriche
am Barrengrund nördlich der Baumgrenze, ungefähr zwischen den
Januar-Isothermen —25 und —35** und niedriger. Dieses verhältnis-
mäßig kleine Ren ist aber — und das ist von größtem Interesse —
gezwungen, im Winter weite Wanderungen nach dem Süden zu
unternehmen und in wärmeren Ländern Schutz vor der Winter-
kälte seiner eigentlichen Heimat zu suchen. Wohl das verhältnis-
mäßig wärraste Gebiet bewohnt R. daivsoni Thos., eine ausgesprochen
kleine Art von der Königin-Charlotte-Insel (0 bis +5'^. Mit Aus-
nahme der obengenannten, trotz der ziemlich kalten Heimat, ver-
hältnismäßig kleinen Formen können wir auch hier die Bekgm^nn-
sche Theorie nicht als unzutreäend ansehen, zumal da, wie wir an-
fangs betonten, ja auch andere Faktoren für die Größenbildung in
Betracht kommen, wie Nahrungsknappheit und andere ungünstige
Lebensbedingungen, die vielleicht gerade bei diesen Tieren eine
sehr wichtige Rolle spielen.
Unter den Elchen geht die größere, etwa 2900 mra lange nord-
europäisch-asiatische Form Alces alces (L.) weit höher in das kalte
Gebiet hinein als das kaum 2200 mm lange Moosetier von Labrador,
Neubraunschweig und Neuschottland {A. americanus Jaed.). Dieses
wird in den kältesten Gebieten von Alaska bis weit über die Januar-
Isotherme —35*' hinaus, durch das riesige, bis zu 3048 mm lang
werdende Alaska-Elch, A. gigas Mill., ersetzt, das sich noch durch
Klima und KörpergröLie der homöothermen Tiere. 49
auffallend kurze Ohren und kurzen Schwanz auszeichnet und also
auch dadurch eine Verminderung- der Körperoberfläche erreicht.
Auch bei den Wildschweinen können wir interessante Beobach-
tungen machen. So ist Sus attila Thos. aus Ungarn und Rußland
größer als Sus scrofa L. aus Mitteleuropa, das ja ein wärmeres Ge-
biet bewohnt, da die Isothermen des Januar ziemlicli genau von
Nordwest nach Südost verlaufen und die Kälte daher nicht nur
nach Nord, sondern auch nach Ost zunimmt. Kleiner als Sus scrofa L.
ist das sardinische Schwein, S. meridionalis Majok, und das nord-
spanische S. castiUanus Thos, Noch kleiner ist das süd-spanische
Schwein, S. haeticus Thos. Auch das im milden Japan lebende
Schwein, S. leucomystax Temm., ist kleiner als sein nächster Ver-
wandter auf dem infolge des ausgesprochenen Kontinentalklimas
rauheren chinesischen Festland, S. continentalis (Neheing).
Wenn wir vorhin die Nagetiere als für unsere Betrachtungen
ungeeignet bezeichneten, weil die Mehrzahl dieser Tiere als Höhlen-
bewohner (Mäuse, Kaninchen), Nesterbauer (Eichhörnchen, Zwerg-
mäuse), Wanderer (Eichhörnchen, Lemminge), Winterschläfer (Buche,
Murmeltiere) usw. den klimatischen Einflüssen nur in beschränktem
Maße und in veränderter Weise ausgesetzt sind, so ist es doppelt
interessant, an den wenigen Nagern, bei denen die obigen Faktoren
nicht in Betracht kommen, den etwaigen Zusammenhang zwischen
Klima und Körpergröße bzw. das Vorhandensein anderer klimatischer
funktioneller Anpassungen zu untersuchen.
So finden wir in der neuen von Heck bearbeiteten 4. Auflage
von Beehm's ,.Tierleben" (Vol. 11, Säugetiere, Vol. 2 p. 120) folgende
interessante Stellen über die Hasen: „Auf den ersten Blick unter-
scheidet ihn — [es ist von den nordrussischen, „mit anderem
Worte: nordosteuropäischen Hasen" die Rede] — schon die Größe:
man .muß staunen, wenn man z. B. bei den Moskauer Wild-
händlern die riesigen weißgrauen Feldhasen der Gegend neben
den viel kleineren reinweißen eigentlichen Schneehasen hängen
sieht!" Hilzheimee unterscheidet in seiner Abhandlung über
die Hasen in Europa 4 Verbreitungszonen dieser Tiere, die un-
gefähr gleiche klimatische Verhältnisse umfassen und von Nord-
westen nach Südosten verlaufen entsprechend dem Verlauf der
Januar-Isothermen und den so gebildeten winterlichen Kältezonen.
Die 1. Zone erstreckt sich von England über Frankreich und Spanien,
Italien, Griechenland und die Türkei, wahrscheinlich bis nach Klein-
asien. Sie umfaßt die südlichen kleinen Formen. In der 2. Zone,
Zool. Jahrb. XL. Abt. f. Syst. 4
50 Hans v. Boetticher,
von den Vogesen über Deutscliland, Österreich-Ungarn, Rumänien
bis nach Süd-Rußland, leben schon größere Formen. In der 3. Zone,
von Seeland in Dänemark über die Ostseeländer, die Petersburger
und Moskauer Gegend bis Charkow, lebt die größte Form, von der
Heck das Obengesagte im „Bkehm-' schreibt. In der 4. Zone sind
die Schneehasen zu Hause. — Diese unterscheiden sich von den
Grau- oder Feldhasen auch in der Lebensweise, und zwar dadurch,
daß sie nicht wie jene das freie offene Feld, sondern den geschützten,
daher wärmeren Wald bewohnen. Sie sind, zumal sie auch be-
deutend stärker behaart sind, bezeichnenderweise kleiner als die
Feldhasen, haben auch kürzere Ohren. Egon Freiherr v. Kapherr,
der bekannte Jagdschriftsteller und wohl einer der besten Kenner
des russischen Wildes, schreibt in „Meerwarth's Lebensbildern aus
der Tierwelt" folgendes über den Schneehasen: „Der Schneehase
des hohen europäischen ^'ordens, der sibirische, grönländische und
kanadische Polarhase ist sehr klein im Vergleich zum Feldhasen.
Ebenso ist der Alpenhase gering. ... Im Durchschnitt stärker sind
die russischen, baltischen und skandinavischen Holzhasen (wie Kap-
herr bezeichnenderweise die Schneehasen nennt), sie erreichen fast
die Durchschnittsstärke des grauen deutschen Hasen, niemals aber
die Größe und das Gewicht eines Feldhasen aus den baltischen Pro-
vinzen oder Nordwest-Rußland. Eine einzige Ausnahme bildet der
veränderliche Hase aus dem Waldai — einem Wald- und Hügel-
lande im Gouvernement Nowgorod — in Nord-Rußland. Dieser
Schneehase kommt dem stärksten grauen Hasen an Größe gleich
und teilt mit dem Feldhasen — ganz im Gegensatz zu den übrigen
Holzhasen — die Gewohnheit, gern zu Feld zu ziehen und wohl
dort auch tagelang zu liegen."' Letzteres ist für uns nach dem
Obengesagten von größtem Interesse.
Nach Süden hin werden, im Gegensatz zu dem eben Gesehenen,
die Hasen, dem wärmeren Klima entsprechend, immer kleiner. Dahin
gehört u. a. auch Lepus medüerraneus Wagn., der kleine Hase Sar-
diniens. „Auffallende Ohrenlänge (!) bei schmächtigem Körperbau
und blassen Farben ist ein gemeinsames Merkmal der meisten afrika-
nischen Hasen" sagt Heck im neuen „Brehm".
Ebenso wie bei den Hasen ist es auch bei anderen, ähnlich
lebenden Nagern. So ist die Mara Patagoniens, Dolichotis patagonica
Shaw, größer als D. saliuicola Burm. aus der Salzwüste „Salina" in
Inner- Argentinien.
Auch das Aguti vom unteren Amazonas, Basijprocta croconota
Klima und Körpergröße der homöothernieu Tiere. 51
Wagn., ist kleiner als das Aguti vom oberen Amazonas und dem
östlichen Peru (D. aguti L.).
Selbst bei den Aifen, welche doch in verhältnismäßig- ähnlichen
Klimaten leben, können wir in manchen Fällen sehen, daß Formen,
die sehr hoch ins Gebirge hinaufgehen, größer sind als ihre Ver-
wandten aus dem heißeren Tiefland, So konnte ich im Hagenbeck-
schen Tierpark in Stellingen die Beobachtung machen, daß die
Mantelpaviane {Hamadrijas) aus Arabien viel kleiner als die aus dem
abessinischen Hochgebirge sind.
So ist SemnopitJiecus schistaceus Hodgs. aus dem Himalaya, Kaschmir
und Bhutan, in Höhen von 2000 bis 3600 m lebend, beträchtlich
größer als sein Verwandter in Nord- und Zentral-Indien, S. enteUus
(Dueresne).
Presbypithecus johni Fisch, aus Paluai, Anaimalai, Nilagiri und
West-Ghat, und zwar aus Höhen von 750 bis 900 m, ist größer als
P. ursiiius Blyth aus Süd-Ceylon.
Ebenso ist Cynomolgus sinicus (L.) aus dem Gebiet zwischen
Bombay und Godawari größer als C. püeatus Shaw aus Ceylon.
Wenn man will, kann man noch eine lange Reihe von Bei-
spielen dafür anführen, daß in allen geeigneten Gruppen der Vögel
und Säuger und in allen Gebieten der Erde die in Frage stehende
Erscheinung der Größenzunahme nach den kalten Gebieten hin
auftritt. —
Zum Schluß möchte ich noch ganz besonders darauf hinweisen,
daß die besprochenen Verhältnisse natürlich nur für die freilebenden
Wildtiere Geltung haben, nicht aber für Haustiere und auch nicht
für die Menschen. — Beide leben ja unter ganz anderen, künstlichen
Verhältnissen.
Die Haustiere werden zumeist in festen, gegen Witterungs-
einflüsse geschützten Stallungen gehalten, ihre Körperform, mithin
auch ihre Körpergröße wird nach dem Willen und Geschmack des
züchtenden Menschen durch künstliche Zuchtwahl geändert und ge-
bildet. Daß unter anderem die Shetlandponies so klein sind,
ist nicht etwa eine Folge des kalten Klimas ihrer Heimat, sondern
es spielen hier insulare Abgeschlossenheit, Degeneration, auch Ge-
schmack und vielleicht sogar Absicht des Züchters stark mit. Diese
Tiere sind, wie man sagen könnte, trotz des kalten Klimas so klein
geworden. Denn einerseits gibt es solche Zwergpferdchen gerade
4*
52 Hans v. Boetticher,
auch in den heißesten Ländern, wie z. B. in Java, andrerseits gibt es
in noch kälteren Gegenden sehr große Pferde, z. B. die sogenannten
Bitjugs in Nord-Rußland. Und diese haben, was uns zu denken
geben müßte, auch im Winter eine von der unserer gewöhnlichen
Pferde nicht abweichende Behaarung, während das ungemein starke
und zottige Winterkleid der Shetlandponies geradezu auffällt
und allgemein bekannt ist. Erwähnen möchte ich nur noch, daß
von den auf Nutzleistung gezüchteten und daher auch im Hinblick
auf die Anpassung an das Klima allein in Betracht kommenden
Hühnerrassen, wie es mir auch von dem besten wissenschaftlichen
und praktischen Geflügelkenner Beuno Dürigen bestätigt wird,
gerade diejenigen gegen Kälte am widerstandsfähigsten sind, welche,
wie z. B. die L a n g s c h a n , P 1 y m o u t h Rock, 0 r p i n g t o n ,
Wyandottes u. a., körperlich sehr groß sind und gedrungene und
runde Formen haben, während die kleineren Rassen, namentlich
solche, deren Körperoberfläche durch große Kämme und Kehllappen
noch mehr vergrößert wird, wie etwa die Leghorn, Minorka, Spanier
u. a., weit empfindlicher gegen Kälte sind. Gerade die Kämme und
Kehllappen, als Körperteile mit verhältnismäßig großer Oberfläche
und kleiner Masse, leiden sehr unter der Kälte, da die Masse ver-
hältnismäßig weniger Wärme erzeugen kann, als zu der gleichen
Zeit an der großen Oberfläche ausgestrahlt wird. Die Folge davon
ist die, daß diese Gebilde sehr leicht abfrieren. —
Ebenso wie die Haustiere muß auch der Mensch außerhalb
unserer Betrachtung bleiben. Der Mensch bedeckt zunächst einmal,
in kälteren Gebieten fast ausnahmslos, seinen Körper mit künst-
lichen Kleidungsstoff'en, baut sich Hütten und Häuser, welche außer-
dem noch vielfach künstlich erwärmt, geheizt werden. Der kleine
Eskimo, der dick in Pelze gehüllt ist und in seiner Schneehütte am
wärmenden Feuer sitzt, kann nicht etwa mit einem Tag und Nacht
völlig nackt herumlaufenden, womöglich unter freiem Himmel näch-
tigenden, größeren Südamerikaner oder Papua vergliclien werden.
Zudem dürften sich die einzelnen „Rassen" des Menschen verwandt-
schaftlich kaum so nahe stehen wie die geographischen Arten einer
Tiergattung im heutigen Sinne des Begriffes. Auch die geographische
Verbreitung des Menschen ist keine „natürliche", durch Meere und
Gebirge begrenzte, wie die der Wildtiere. Auf künstlichen Fahr-
zeugen hat der Mensch die Meere durchkreuzt und ferne Lande er-
reicht, sich dort angesiedelt, die dort lebende Urbevölkerung in das
Innere oder in die Berge zurückgedrängt oder gar ganz ausgerottet.
Klima und Kürpergröße der homöothermen Tiere. 53
Vielfach haben sich die Eindringlinge auch mit der Urbevölkerung
vermischt und haben neue „Rassen", sogenannte metamorphe
Rassen, gebildet. Beim Menschen liegen die Verhältnisse so kom-
pliziert, daß wir uns hier nicht damit befassen können. Aber ich
möchte es doch nicht unerwähnt lassen, daß z. B. die kleinsten
Menschen, die sogenannten Pygmäen, gerade in den heißesten Ge-
bieten, in den Tropen, zu finden sind und zwar bezeichnenderweise
in den Urwäldern und nicht in den Steppen mit dem starken Tem-
peraturwechsel. Ferner ist innei-halb einer näher verwandten
Gruppe, wie z. B. in der der archimorphen Leucodermen
oder Archileu coder men, die südlichere Rasse, der Homo medi-
terraneus, von verhältnismäßig geringer Körpergröße, während die
nordische, der Homo europaeus, hochgewachsen ist. „Beider gemein-
same Heimat ist nach dem italienischen Anthropologen Sergi das
nördliche Afrika, von wo sich ein Teil nach Nord-Europa ausgebreitet
habe, wo er unter dem Einfluß des Eiszeitklimas [!J oder der ge-
schlechtlichen Zuchtwahl blond und großwüchsig geworden sei" (vgl.
Weule 1912 p. 4). Daß der Unterschied der beiden Rassen heute
nicht so klar zutage tritt, liegt an der starken Vermischung beider:
mehr als 50" ^ der Bewohner Mittel-Europas sind als Mischlinge an-
zusprechen. Auch bei den Chinesen können wir sehen, daß die
gelben oder rötlichen Nord-Chinesen durchgängig größer sind als
die bräunlichen Süd-Chinesen. Nicht unerwähnt darf ferner bleiben,
daß der Eskimo zwar klein, aber von sehr runden Formen ist,
Avodiirch ja auch eine Verringerung der Oberfläche erzielt wird,
während die Eingeborenen tropischer Gebiete meist langgliedrig und
dürr sind.
Alles das habe ich nur erwähnt, um zu zeigen, daß man beim
Vergleich richtig gewählter, möglichst wenig vermischter „Rassen"
unter Umständen vielleicht zu ganz befriedigenden Ergebnissen auch
bei den Menschen gelangen kann.
Wenn ich jetzt die Untersuchungen abschließe, möchte ich als
deren Ergebnis folgendes aufstellen:
1. Die Anschauung Bergmamn's, daß — rein theoretisch be-
trachtet — eine Vergrößerung des Körpers und die hierdurch be-
wirkte Verminderung der Oberfläche bei homöothermen Tieren eine
wirksame Anpassung an das Leben in kalten Gegenden und um-
gekehrt eine Verringerung der Körpergröße in analoger Weise eine
wirksame Anpassung an das Leben in warmen Gegenden sein kann,
muß als richtig bezeichnet werden.
54 Hans v. Boetticher,
2. In vielen Fällen können wir in der Tat bei Vögeln und
Säugern eine Größen z u nähme nach kälteren und umgekehrt eine
Größen ab nähme nach wärmeren Gebieten hin feststellen.
3. In den Fällen, wo wir eine solche Beobachtung nicht machen
können, finden wir meistens irgendein anderes Mittel zum Schutz
gegen die klimatischen Einflüsse besonders stark ausgebildet, so
gegen Kälte: starke Behaarung und Befiederung, Fettansammlung
unter der Haut, eine in der Lebensweise begründete Anpassung,
wie Höhlenleben, Nesterbau, Winterschlaf. Wanderung und Zug und
anderes mehr.
Sonach kann die Körpervergrößerung bzw. Körperverkleinerung
als eine den anderen gleichwertige und neben und außer diesen gar
nicht so selten auftretende funktionelle Anpassung an das Leben
unter den gegebenen klimatischen Verhältnissen der betreffenden
Tierart bezeiclmet werden.
Literaturverzeichnis.
Allen, I. A., 1876, Geographical Variation among North- American Mammals,
in : Bull. geol. geograph. Survey Territories, 2, No. 4, Washington.
V. AlmäSY, G., 1896, in: Ornithol. Jahrb., p. 209.
Bergmann, K. , 1849, Über die Verhältnisse der Wärraeökonoraie zur
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Nachdruck verboten.
Uberse tzungsrech t vorheha llen.
Über den Polymorphismus bei den Larven von
Miastor metraloas.
Von
Fritz Springer.
(Aus dem Zoologischen Institut der Universität Greifswald.)
Mit Tafel 1-2.
Inhaltsverzeichnis.
1. Einleitung.
Geschichte.
2. Material, Vorkommen.
3. Technik.
4. Leben der Larven in der Natur.
5. Zuchtversuche.
Taktische Reaktion. — Einwirkung des Lichtes. — Feuchtigkeit. —
Trockenheit, — Wanderer.
6. Ergebnisse der Zuchten.
7. Erklärung der Vorgänge im Freien.
8. Unterschiede der einzelnen Larvenformen.
a) Typisch pädogenetische Larve.
Anatomie : Mundwerkzeuge. — Darm. — Peritrophische Membran.
— Hautmuskelschlauch. — Bewegung. — Nervensystem. — Fett-
körper.
Veränderungen der pädogenetischen Larve.
b) Puppenmütter.
c) Puppenlarven.
Kennzeichen. — Darm. — Augen. — Hypodermis. — Brustgräte.
d) Wanderer.
58 Fritz Springer,
9. Rückblick.
Die Unterschiede der einzelnen Larvenforraen.
Die Entstehung der verschiedenen Larvenforraen.
Die Bedeutung der Larvenforraen.
a) Die typisch-pädogenetische Larve.
b) Die Wanderer.
c) Die Puppenlarve.
Die Entstehung der pädogenetischen Fortpflanzung
Vergleich mit Axolotl.
1. Einleitung.
Geschichte.
Am 12. August 1861 fand der Prof. der Zoologie Nikolas Wagnek
ganz zufällig in der Umgebung von Kasan unter der Rinde einer
abgestorbenen Ulme eine Gruppe von weißlichen Würmchen, Insecten-
larven, von denen jede mit anderen Larven angefüllt war. Der Ent-
decker war fest überzeugt, daß er es mit einem Falle von Parasi-
tismus zu tun hatte, und in dieser Überzeugung machte er sich an
das Studium der Tiere. Hierdurch gelangte er aber zu einer ganz
anderen Einsicht. Er fand, daß die dem Larvenkörper innewohnenden
Embrj^onen und jungen Larven zu dem sie beherbergenden Tiere
direkt gehörten, daß es sich um eine Art Fortpflanzung im Larven-
stadium handelte. Die dem Ei entschlüpfte Larve erzeugt in ihrem
Innern eine Anzahl Tochterlarven, die hier heranwachsen, aus der
Mutter ausschlüpfen und nun diesen Prozeß von vorne beginnen.
Das geht durch den Herbst, Winter und Frühling so weiter, bis
sich eine Generation verpuppt und aus den Puppen Imagines beider
Geschlechter ausschlüpfen, die nun zu einer Copulation schreiten
können. Das Weibchen des Insects, für das Wagner die Zugehörig-
keit zu den Diptera erkannte, legt wenige große Eier, aus denen
Larven ausschlüpfen, die den eigenartigen Fortpflanzungsprozeß von
neuem aufnehmen. Die Art der Fortpflanzung liegt aber nach Wagnee's
Untersuchungen vollständig im unklaren, er hielt sie für ungeschlecht-
lich. Ovarien hatte er nicht gesehen und glaubte deshalb an eine
innere Knospung von unmittelbar aus dem Dotter entstandenen
Keimen, die aus dem Fettkörper der Mutterlarve hervorgehen sollten.
Da die Fettkörper nicht eigentlich Geschlechtsorgane genannt werden
können, so glaubte er diesen Fall der Fortpflanzung nicht als
Parthenogenese bezeichnen zu dürfen. Über die Ursachen, die zur
Bildung von Puppen führen, hat er noch keine bestimmten Vor-
Polymorphismus bei den Larven von Miastor metraloas. 59
Stellungen gewonnen: ,. Wahrscheinlich hat diese Fortpflanzung der
Larven keine Grenzen, wenn nicht endlich die Larven die zu ihrer
Verpuppung nötigen Bedingungen finden." Über die Bedingungen
selbst sagt er nichts.
Im November desselben Jahres schickte Wagner einen Bericht
und Präparate an Prof. C. Th, v. Siebold, den damaligen Heraus-
geber der Zeitschrift für wissenschaftliche Zoologie, zur Veröifent-
lichung. Allein die Präparate gelangten zertrümmert in die Hände
Siebold's, und trotz eifrigen Nachforschens konnte dieser keine den
Larven Wagner's ähnliche Tiere in der Umgebung Münchens finden.
So kam es, daß sich Siebold der sehr unwahrscheinlich klingenden
Ausführung Wagner's gegenüber skeptisch verhielt, sie nicht zu
veröft'entlichen wagte, sondern auf weitere Nachiichten wartete. Da
keine Autwort von Siebold eintraf, entschloß sich A\'agner, seine
ganze Arbeit in der Zeitschrift der Kasanschen Universität zu ver-
öffentlichen; er hielt seine Sendung entweder für verloren gegangen
oder glaubte, die Gewissenhaftigkeit seiner Untersuchung sei bei
dem deutschen Forscher in Verdacht gekommen. Diese Vermutung
wurde ihm bestätigt durch den Italiener Prof. de Filippi, der ge-
legentlich einer Forschungsreise nach Persien durch Kasan kam.
Filippi nahm hier eine Nachprüfung der WAGNER'schen Präparate
vor und konnte, nach Turin zurückgekehrt, Siebold die Richtigkeit
der Beobachtungen bezeugen. Nun entschloß sich, Siebold (im
Herbst 1863) zur Veröffentlichung der WAGNER'schen Abhandlung
(Wagner, 1863). Von ihm stammt die Bemerkung, daß er, den Ab-
bildungen nach zu urteilen, die Larve für eine Cecidomyide halten
müsse.
Das Mißtrauen, das Siebold empfunden hatte, wurde den WAG-
NER'schen Beobachtungen auch von seifen der Petersburger Gelehrten-
welt entgegengebracht. Schon im Oktober 1862 hatte Wagner einen
Separatabdruck seiner Arbeit der Petersburger Akademie vorgelegt
und war, obgleich sein Kollege Owsjannikoff als Augenzeuge für
die Entdeckung eintrat, nur auf Widerspruch gestoßen. Ein be-
sonderer Gegner erwuchs ihm in dem Akademiker Brandt, auch
K. E. V. Baer verhielt sich ablehnend. Doch letzterer überzeugte
sich bald darauf persönlich von der Eichtigkeit der WAGNER'schen
Beobachtung, er kam selbst nach Kasan, sah die infizierten Baum-
stämme und stellte die gleichen Beobachtungen an. In einer Schrift
(1865) bestätigt er die Entdeckung Wagner's und tritt für ihre An-
erkennung ein. Auf seinen Vorschlag wurde für diese Art der
ßO Fritz Springer,
Fortpflanzung der Name Pädogenesis eingeführt. Hauptsächlich
durch sein Eintreten wurde bewirkt, daß die WAGNER'sche Schrift
von der Petersburger Akademie mit einem Preise ausgezeichnet
wurde.
Inzwischen waren sowohl aus dem Norden wie aus Deutschland
selbst neue Bestätigungen von der Existenz einer pädogenetisch
sich fortpflanzenden Fliegenlarve gekommen, doch bevor ich auf sie
eingehe, muß ich eine zweite in der Zeitschrift für wiss. Zoologie
erschienene Abhandlung Wagner's erwähnen. Es war dies eine Ant-
wort, die Wagner im Oktober 1864 auf verschiedene Fragen Sie-
bold's an diesen sandte, sie enthält einige neue Punkte über die Lebens-
geschichte der viviparen Gallmücken. Siebold hatte bereits Exem-
plare von Larven und Imagines durch Meinert erhalten, auch waren
die PAGENSTECHER'sclien Resultate bekannt, so konnte er jener Ab-
handlung einen Zusatz über die Systematik der Fliege hinzufügen.
Die eine der soeben erwähnten Bestätigungen kam aus Däne-
mark. Hier hatte im Juni 1864 der Student Lund auf den Anhöhen
von Huulsö bei Frederiksdal unter der Rinde eines Buchenstumpfes
große Mengen von Cecidomyiden-Larven gefunden, die Tochterlarven
hervorbrachten. Er sandte sie Fr. Meinert nach Kopenhagen, der
sie dann selbst am Fundorte aufsuchte und die Idendität mit den
WAGNER'schen Larven feststellte. Es gelang ihm, die Imagines zu
züchten, und er beschrieb sie in einer Arbeit in der Naturhistorisk
Tidsskrift, deren Separatabdruck er (nebst Larven und Imagines)
Siebold zur Veröft'entlichung zusandte. Meinert schließt sich der
Auffassung Wagner's über die Bildung der Embryonen an, auch er
hat keine Ovarien gefunden. Das Entstehen der Brut aus dem Fett-
körper erklärt und rechtfertigt er damit, „daß dieser bei den Insecten
ursprünglich nichts anderes ist als eine mehr oder weniger ange-
sammelte Menge jener Zellen, aus welcher überhaupt der Leib der
Brut aufgebaut wird. Es ist dies gleichsam der übriggebliebene und
unverbrauchte Rest jenes Bildungskörpers, welcher bei diesen Larven,
anstatt wie gewöhnlich zu vergrößern und aufzuspeichern, um zur
Entwicklung der Nymphen und vollkommenen Insecten zu dienen,
zur Entwicklung von neuen larvenförmigen Individuen verwendet
wird." Er stellte ein neues Genus, Mmstor . auf und nannte die
Fliege: Miastor metraloas.
Siebold war noch mit der Übersetzung der MEiNERT'schen
Arbeit beschäftigt, als ihm eine Abhandlung des Prof. Pagenstecher
aus Heidelberg zuging. Dieser hatte die „große und freudige Über-
Polymorphismus bei den Larven vou Miastor metraloas. 61
raschung-" erlebt, daß ihm der gleiche sonderbare Vorgang- der pädo-
genetischen Fortpflanzung einer Cecidoniyiden-Larve vor Augen ge-
bracht wurde, freilich unter ganz anderen Umständen. An die
Heidelberger Universität waren eine Menge Runkelrüben-Preßrück-
stände aus einer Zuckerfabrik zur Prüfung übersandt worden. In
den Rückständen hielt sich eine reiche Fauna niederer Tiere und
Insectenlarven auf, von denen besonders die Anguilluliden einer ein-
gehenden Untersuchung unterworfen wurden. Hierbei geriet dem
Forscher eine mit Brut gefüllte Dipterenlarve unter das Mikroskop,
die wohl Ähnlichkeit mit der WAONER'schen Form, doch auch wieder
Unterschiede zeigte, so vor allem eine weit größere Durchsichtigkeit.
Diese Eigenschaft der Larve verhalf Pagenstechek zu einer Reihe
von Berichtigungen über das Wesen der Pädogenese. Zu einem
Glauben an die Entstehung der Brut aus dem Fettkörper konnte
er sich nicht entschließen, er sah vielmehr in den jungen Keimen
richtig die Eier und nahm dadurch dem Vorgange schon viel des
Befremdenden. Leider hinderte ihn am weiteren Forschen die ge-
ringe Zahl der Larven, die ihm überdies bald eingingen; doch war
er der festen Überzeugung, daß es noch gelingen würde, bei diesen
Tieren Keimstöcke zu finden. Sie wurden auch wirklich noch in
demselben Jahre von zwei anderen Zoologen, Ganin und Leuckart,
beobachtet.
M. Ganin, Prosektor an der Universität zu Charkow, fand im
Winter 1864 eine ebenfalls durchsichtige Form der Larve unter
ganz eigenartigen Verhältnissen, deren Schilderung ich ihm selbst
überlassen möchte. ,.An einer schwach erleuchteten und immer
nassen Stelle eines Hauses (unter dem Waschgefäss) verfaulte in der
Diele das Bret, und es entstand eine ziemlich grosse Öffnung, wohin
man beständig jeden Kehricht hinein fegte, so dass während etlicher
Jahre in dieser Grube sich ein Boden bildete, sehr reich an faulenden
organischen Substanzen. Hier fand ich die Larve. Es ist schwer,
eine annähernd genaue Beschreibung von diesem Boden zu geben,
daher werde ich hier nur das wichtigste und für die Larve noth-
wendigste Material nennen, worin sie ihre Nahrung und Zuflucht
findet. Zur Verbindung dieser faulenden Masse von organischen
Theilen dienen hauptsächlich erdige Substanzen mit kleinen Quanti-
täten von Sand; von organischen Theilen finden sich Samen von
Helianthus annuus, unter denen einige unbeschädigt sind, und sich
in der Periode der Keimung befinden, andere zerdrückt und in halb
verfaultem Zustande; Samen von Curcurbita citrillus, C. pepo; die
62 Fritz Springer,
Schale von den Nüssen der Corylus avellana; Stückchen von ganz
verfaultem Holze, von dickem Papier, mit Kleister verklebt; Theile
von Spielkarten, Papyrusstümmel mit Watte und Tabak etc." In
all diesen Substanzen lebten die Larven in großer Zahl und pflanzten
sich reichlich fort.
Die Untersuchungen Ganin's ergaben , daß sich die jungen
Larven aus Eiern bilden, die aus einem Eierstocke hervorgehen;
der Fettkürper hat mit der direkten Entwicklung nichts zu tun.
Auch findet er im Prozesse der Eibildung sowie der Entwicklung
des Embryos Ähnlichkeiten mit denen anderer Dipteren. In der
morphologischen Deutung der von ihm aufgefundenen Organe sind
ihm freilich noch Irrtümer untergelaufen.
Anfang 1865 wurde die PAGENSTECHEß'sche Larvenform von
Leuckaet in Gießen unter der Rinde eines halb abgestorbenen
pilzkranken Apfelbaumes gefunden. Auch ihm gelang es, wie
Ganin, im 11. Segment der Larve rundliche Ballen festzustellen,
aus denen die Fortpflanzungskörper hervorgingen. Seine Unter-
suchungen über die embryonale Entwicklung übertreffen alle voran-
gegangenen und sind von grundlegender Bedeutung für die folgenden.
Er sah, daß die einzelnen Keimballen eines Keimstockes genau die
Verhältnisse eines Keimfaches (Follikels) aus den Eiröhren anderer
Insecten wiederholten. Den Keimstock faßt er als eine Eiröhre
auf, deren Keimfächer lose nebeneinander stehen. In jedem Keimfach
unterscheidet er ein äußeres Follikelepithel und eine innere Zelle,
das spätere Ei mit den Dotterbildungszellen. Obgleich er den Keim-
stock, für den er den Namen Pseudovum vorschlägt, für ein
Analogon der Geschlechtsdrüse hält, glaubt er doch nicht, die Fort-
pflanzung als Parthenogenese bezeichnen zu dürfen, sondern hält sie
für ungeschlechtlich und begründet diese Auffassung dadurch, daß
hier das Ei, oder vielmehr der ungeschlechtliche Fortpflanzungs-
körper, nicht einmal die Möglichkeit einer Befruchtung hat. Nach
ihm handelt es sich um einen Generationswechsel, der sich dem der
Aphiden eng anschließt. Wichtig für die folgende Untersuchung ist
eine Stelle aus seiner Schrift (in : Arch. Naturg., Jg. 31, Bd. 1, p. 300),
nach der er vermutet, daß es äußere Verhältnisse sind, die die Ent-
wicklung der Larven zu pädogenetischen oder Geschlechtstieren be-
stimmen: „Allem Anscheine nach sind auch die Larven der ge-
schlechtsreifen Cecidomyien bei der ersten Anlage der Genitalien
von den früheren Zuständen der viviparen Larven so wenig ver-
schieden, daß man vermuthen sollte, es möchte das Schicksal der
Polymorphismus bei den Larven von Miastor metraloas. 63
eben genannten Organe und damit aucli das der zugehörigen Tliiere
hier, ebenso wie bei den Aphiden, durch gewisse äußere Verliältnisse
(Ernährung usw.) abhängen, ob die Larve zu einem Geschlechtsthiere
oder zu einem viviparen Individuum sich entwickle."
Mit Arbeit überlastet, übergab Leuckakt die weitere Unter-
suchung der Larve seinem Schüler E. Metschnikoff, der sie auch
in vielen Punkten mit Erfolg weiter geführt hat. Metschnikoff
hält an der Auffassung Leuckart's von einer ungeschlechtlichen
Fortpflanzung fest und führt daher auch die Bezeichnung Pseudo-
vum weiter. Doch ist es sein Verdienst, die ersten Stadien der
pädogenetischen Entwicklung genau beobachtet und beschrieben zu
haben. So weist er nach, daß die im Innern des Eies sich bildenden
ersten Kerne an die Oberfläche verlagert werden und es so zur
Bildung des Blastoderms kommt. Mit diesem Nachweise wendet er
sich gegen die damals herrschende Theorie Weismann's über die
Blastodermbildung.
Einen in anderer Hinsicht ebenso eigenartigen Wohnort der
Miastof-hsirve, wie ihn Ganin gefunden hatte, entdeckte R. Schneider
im Jahre 1886. Er fand das Tier tief im Schachte der Kohlen-
bergwerke des Plauenschen Grundes bei Dresden, wo es zu einer
Pilzbewohnerin geworden war. Die Schachtwände waren dicht mit
degenerierten Mycelien von Hymenomyceten (Rhizomorpha sub-
terranea) bedeckt, die von den stark zirkulierenden Grundwässern
beständig bespült und durchtränkt wurden. In und auf diesen
Rhizomorphen herrschte ein sehr reichhaltiges tierisches Leben.
Unter den vielen Tieren, von denen 50 Species genannt werden,
befand sich neben 2 anderen Dipterenlarven eine Cecidomyiden-
larve, deren Imago von Karsch als Miastor suUerraneus beschrieben
wurde.
Die embryologische Untersuchung der Larve wurde auf Chun's
Anregung von Walther Kahle 1905 wieder aufgenommen. Dieser
fand in der Umgebung von Grimma und Leipzig viele Fundorte,
die stark besetzte Larvenkolonien von Miastor metraloas im faulenden
Holze von Baumstümpfen verschiedener Art, so der Eiche, Buche,
Birke, Ulme, Hainbuche und Fichte, enthielten. Kahle's Unter-
suchungen erstreckten sich fast nur auf die embryonale Entwicklung
der einen von ihm gefundenen Larvenart, die mit Miastor metraloas
identisch ist. Diese Untersuchungen sind so ausführlich und durch
die Befunde des Amerikaners ß. W. Hegener vollständig bestätigt
w^orden, daß sich eine Nachprüfung erübrigt. Wegen der Resultate
64 FßiTZ Springer,
verweise ich auf Kahle's Arbeit. Die biologischen Beobachtung-eii
treten in dieser Arbeit sehr zurück; es sind kurz folgende. Die
Entwicklungsweise bringt es mit sich, daß die Miastor-Letrven in
meist stark besetzten Kolonien beieinander leben, die oft nach
hunderten und tausenden von Individuen zählen. Hier sind Tiere
der verschiedensten Größe und des verschiedensten Alters zu ein-
zelnen Nestern zusammengeschart, von den großen und träge da-
liegenden Mutterlarven an bis zu den jungen fast ständig kriechenden
und bohrenden Tochterindividuen. Ein ziemliches Maß von Nässe
gehört zu den Lebensbedingungen. Das Licht fliehen sie. Äußerst
widerstandsfähig zeigen sie sich sowohl gegen natürliche Einflüsse,
so können sie mehrere Tage lang ohne Nahrung oder im Wasser,
sogar in der Sonne liegen, ohne ihre Lebenskraft zu verlieren. Die
Kälte kann ihnen nicht viel anhaben; auch gegen die bei der
Fixierung angewandten Chemikalien zeigen sie sich sehr wider-
standsfähig. Die Pädogenese wird nur im Winter eingestellt, dauert
sonst das ganze Jahr hindurch an. Die letzte pädogenetische Gene-
ration bildet keine neue Brut, sondern die Larven gewinnen Ima-
giualscheiben, werden zu Puppen und Imagines. Es werden sowohl
männliche wie weibliche gebildet. Kahle erhielt beide aus einer
Zucht am 1. Juni. Der Autor hält es für wahrscheinlich, daß in
den einzelnen Kolonien nicht jedes Jahr Imagines gebildet werden,
sondern vielleicht ein Zwischenraum von 2 bis mehr Jahren
zwischen Metamorphosen liegt. Über die Ursache der Metamorphose
macht er keine Angaben.
Kahle's Untersuchungen der embryonalen Entwicklung der
Miastor-hsiYYen fanden ihre wichtige Ergänzung durch die bio-
logischen Beobachtungen von G. W. Müller. Müller fand im Ok-
tober 1911 in der Umgebung Greifswalds unter der Rinde von
Birkenstümpfen zahlreiche pädogenetische Jfias^or- Larven. Von
diesen legte er im Greifswalder Institut Zuchten an, indem ein
Stück Holz mit der dazu gehörigen Rinde von Stamm abgesägt und
durch Umwickeln mit Bindfaden in der ursprünglichen Lage erhalten
wurde. Die Stammteile wurden dann in ein Glasgefäß gebracht.
Ein Anfang Januar 1912 angelegter derartiger Versuch ergab am
5. April, an einer Stelle, wo sich die Borke vom Holze infolge des
Eintrocknens abgehoben hatte, einen Haufen von mehreren tausend
starrer, aber nicht geschrumpfter Larven. Die Maße derselben be-
trugen 2,9 — 3,2/0,48—0,57 mm, also ungefähr die gleichen wie die
in freier Natur vorkommenden Mutterlarven. Aber statt der 6—25
Polymorphismus bei den Larven von Miastor metraloas. 65
Tochterindividuei], die sonst die Mutterlarven enthielten, trugen
diese nur 2 Larven in ihrem Innern. Die Gewebe der Mütter
waren meist völlig geschwunden. Durch Befeuchten des Haufens
wurden die Lebensfunktionen wieder aufgenommen, und schon nach
3 Tagen war eine große Zahl der Tochterindividuen ausgeschlüpft.
Diese jungen Larven maßen 1,9 X 0,3 mm, waren also größer als
sonst junge pädogenetische Tiere sind (1,4 X 0,2 mm). Sie unter-
schieden sich von den letztgenannten auffällig dadurch, daß die
beiden Pigmentbecher der Augen weit auseinander gerückt waren,
daß ihnen die lebhafte Bew^eglichkeit abging und sie nicht zu
fressen versuchten. Müllee gab ihnen die Bezeichnung „Puppen-
larven". Unter diesen Puppenlarven befanden sich kleinere (1,4 X
0,2 mm), die den jungen in normalen Zuchten sich findenden pädo-
genetischen Larven gleichen, sich lebhaft bewegten und einander
genäherte oder verschmolzene Pigmentbecher besaßen. Wahrschein-
lich stammten diese von Larven ab, die sich unter anderen Existenz-
bedingungen (Mitte des Haufens) befanden. Vermutlich hat es sich
hier um Wanderer (s. unten) gehandelt. Nach weiteren 4 Tagen
zeigten die Puppenlarven Imaginalanlagen, und in den nächsten
6 Tagen hatten sie sich fast alle verpuppt. Am 25. April begannen
die Fliegen auszuschlüpfen, und am 1. Mai hatte sich die Umwand-
lung in Imagines fast vollständig vollzogen. Die kleinen lebhaften
Larven verwandelten sich nicht, sie fraßen, zu charakteristischen
Gruppen vereinigt, im Holze bohrend. Trotz des sehr langsamen
Wachstums begannen sie 1—2 Tochterlarven zu bilden.
Müller gelang es im Institut 4mal die Larven zu einer Zeit
zum Verpuppen zu bringen, während welcher draußen nichts von
Puppen und Puppenlarven zu sehen war. Es war also die An-
nahme unabweisbar, daß diesen Vorgang die veränderten Existenz-
bedingungen bewirkt hatten. Den Reiz, der zur Verpuppung führte,
vermutete er nun in der Einwirkung des Lichtes. Die Bedeutung
dieser Reaktion sieht er darin, daß nur diejenigen Imagines ins
Freie gelangen können, um sich hier zu begatten, die in der Nähe
des Randes des Baumstumpfes oder eines Risses in der Rinde zum
Ausschlüpfen gelangen, wohin das Licht eindringen kann. Es spricht
ferner für die Vermutung die Tatsache, daß die Imagines stark
positiv heliotropisch sind und Vermögen und Neigung haben, sich
durch enge Spalten hindurchzudrängen. Auch wird das Vorhanden-
sein von wohl entwickelten Augen der viele Generationen hindurch
im Dunkeln lebenden Larven durch diese Annahme erklärlich. Ob
Zool. Jahrb. XL. Abt. f. Syst. 5
ßß Fritz Springer,
eine Larve zur Puppenlarve oder pädogenetischen Larve sich ent-
wickelt, v^ird wahrscheinlich schon sehr früh im Mutterleibe be-
stimmt, da sich die erstgenannten in viel geringerer Anzahl
(1 — 2 statt 6—25) in der Mutter entwickeln. Pappenlarven bleiben
verhältnismäßig klein, da eine Nahrungsaufnahme nach der Geburt
bei ihnen nicht mehr vorkommt; eine pädogenetische Fortpflanzung
ist bei ihnen nie beobachtet worden. Nicht klar zu entscheiden
war die Frage, ob im mütterlichen Ovar bei Bildung von Puppen-
larven von vornherein nur 1 — 2 Eier sich entwickelten oder ob
nach einer anfangs umfassenderen Eientwicklung ein Teil der Eier
und Embrj^onen später zurückgebildet wurde. Die meisten Fälle
schienen die erste Annahme zu bestätigen, doch konnte auch ein
Fall für die zweite angeführt werden. Zur Produktion von Puppen-
larven gingen bereits Larven von sehr geringer Größe über (1,4 bis
2,3 mm), aus deren Tochterindividuen entstanden dann auffallend
kleine Puppen von 1,4 (statt 2,1) mm Länge.
2. Material, Vorkommeu.
Anfang August 1912 beauftragte mich Herr Geheimrat Müller,
den Ursachen weiter nachzuforschen, die zur Bildung der pädo-
genetischen Larve einerseits und zu den Puppenlarven andererseits
führen. Zu diesem Zw^ecke legte ich mir zu verschiedenen Zeiten
und unter verschiedenen Verhältnissen Zuchten an, die ich mit den
Kolonien in freier Natur vergleichen konnte. So erhielt ich ein
deutliches Bild von den Beeinflussungen der Larven durch die
äußeren Zustände. Diese Untersuchungen stellte ich nur an der „un-
durchsichtigen" Larvenform an, die auch Wagner, Meinert, Kahle
und Müller für ihre Beobachtungen verwandten, weil mir nur
diese in großer Menge zur Verfügung stand. Sie ist nach ihren
Imagines unzweifelhaft durch Herrn Prof. Rübsaamen als Miastor
meiraloas festgestellt worden.
Das Material war in der Umgebung Greifswalds reichlich vor-
handen. Meinen Bedarf deckte ich vor allem an drei Stellen: dem
Guester Moor bei Kl.-Schönwalde, am Sölkensee im Potthagener
Walde und im Hanshagener Forste. An allen drei Orten kamen
die Larven nur unter der Rinde von Birkenstümpfen vor, die schon
einige Jahre als Stumpf gestanden haben mußten, denn der Bast
war in Zersetzung begriffen. Doch war das Holz noch fest und die
Rinde dicht anliegend. In dem Baste, also zwischen Borke und
Polyniorphismus bei den Larveu von Miastor nietraloas. 67
Holz, befanden sich die Kolonien. Für die beiden ersten Stellen
gilt weiter das Gemeinsame, daß die Stämme in nnmittelbarer Nähe
von kleineren Seen standen, der Boden also stets reichlich feucht
war. Wenn auch bei dem dritten Fundorte im Hanshagener Walde
die unmittelbare Nähe eines offenen Wassers fehlte, so war der
Boden doch auch hier nie trocken. An ganz jungen Stümpfen mit
noch weißen Baste und an älteren, die schon morsch oder gar dem
Zerfallen nahe w^aren, fand ich die Larven nicht. Wohl aber kam
es vor, wenn auch selten, daß in den Stämmen, die den soeben
erwähnten Bedingungen genügten, neben 3Iiastor-Ko\omeTi solche
anderer größerer Insecten, wie Ameisen, gefunden wurden.
Die Birke scheint in der hiesigen Gegend von den Larven be-
vorzugt zu werden. Ferner fanden sich Jf/as/or-Larven iu der Um-
gebung Greifswalds unter der Rinde von Walnuß; diese zeichneten
sich durch Durchsichtigkeit aus. Weiter wurden sie unter der Rinde
eines pilzkranken Apfelbaumes und eines Buchenstammes getroffen ;
in diesen beiden Fällen handelt es sich um ziemlich vereinzeltes
Vorkommen, so daß Zuchtversuche resultatlos verliefen. Sicher
liandelt es sich bei der durchsichtigen Form um eine andere Art
(vgl. Kahle), aber auch die anderen Funde dürften zu anderen
Arten gehören. Dagegen werden ein Fund an einem Erlenstumpf
bei Greifswald und zahlreiche Funde unter Eichenrinde in Thüringen
zu Miastor metraloas zu rechnen sein.
Die Beschaffenheit der Stümpfe war in allen Fällen die gleiche,
der Bast muß in langsamer Zersetzung begriffen sein; meist wird
der Stumpf noch von Moos oder Rasen umhüllt.
3. Technik.
Die von den Fundplätzen mit in das Listitut genommenen Larven
wurden dort in Aquarienbecken untergebracht, deren Boden zu
Unterst eine Schicht von Kies und darüber Erde oder Sand enthielt.
Auf diese Unterlage wurden die zusammengehörigen flolz-Borke-
stücke (vgl. S. 64) gelegt, die, je nachdem die zwischen ihnen be-
findlichen Larvenkolonien Licht empfangen sollten, mehr oder w^eniger
dicht aufeinander gebunden waren. Diese Anordnung empfahl sich als
die beste, die Kolonien gediehen hierin gut und wurden fast gar
nicht vom Schimmel heimgesucht. Boden und Holzteile konnten
stets auf einem gleichen Feuchtigkeitsgrade gehalten werden. Ältere
Anlagen, in denen als Unterlage Fließpapier oder Moos verwendet
5*
58 Fritz SpcxINGer,
war, sowie solche, bei denen die Stammteile teilweise in Erde
steckten und von Gras und Moos umhüllt waren, neigten sehr zur
Schimmelbildung, die dem Fortbestehen der Kolonien nachteilig
waren und oft ihr Eingehen veranlaßten. Auch Blumentöpfe, deren
Boden mit Erde belegt war und in denen Moos oder Gras die Holz-
teile umgab, ließen trotz des Abflußloches Schimmel aufkommen, da
die Durchlüftung ungenügend war. Ohne jede Feuchtigkeit haltende
Unterlage in Gefäßen aufgehobene Stammteile trockneten zu leicht
aus. Für Dunkelversuche verwandte ich kleinere Aquarienbecken
oder Glaszylinder, die in der zuerst beschriebenen Weise hergerichtet
waren und in denen die Holzstücke dicht miteinander verbunden
standen oder lagen. Hier wurden auch Stammteile verwandt, bei
denen die Rinde überhaupt nicht abgelöst war. Die Vorrichtungen
wurden in mit schwarzem Papier und Lack überzogene Kasten ge-
stellt. Je nachdem ich die Gefäße in geheizten oder kalten Räumen
aufstellte, sie übermäßig feucht, normal oder trocken hielt, konnte
ich mir verschiedene Lebensbedingungen für die Zuchten herstellen
oder sie mitten im Entwicklungsgange abändern. Für die täglichen
Beobachtungen hielt ich verschiedene Larvenkolonien in mittelgroßen
doppelten Glasschalen, ohne jeden Untergrund, in denen sich die
Tiere bei täglichem Nachsehen auch gut hielten.
Bei der anatomischen Untersuchung der Larven stieß ich auf
dieselben Schwierigkeiten, die auch Kahle empfunden hatte: die
gewöhnlichen Tötungs- und Fixierungsmittel, wie Alkohol, Pikrin-
säure, Pikrinessigsäure usw., vermochten infolge der äußerst großen
Widerstandsfähigkeit der Cuticula diese nicht schnell genug zu
durchdringen, und die Tiere quälten sich in den Flüssigkeiten
stundenlang ab. In den so getöteten Larven waren die Organe und
deren Lage völlig verzerrt und zur Untersuchung nicht brauchbar.
Formol wirkte zwar etwas besser, doch gab ich auch dieses Mittel
sehr bald auf, da das Wässern sehr langwierig war und die Organe
nach solcher Behandlung nur schlecht und ungleichmäßig Farben
annahmen. Da die KAHLE'sche Methode in erster Linie die Er-
langung guter Schnittpräparate bezweckte, auf die es in dieser
Arbeit fast gar nicht ankam, so war ich von vornherein bestrebt,
mir ein anderes, bequemes, für Totalpi'äparate geeignetes Mittel zu
verschaft'en. Ich fand es in dem Fixierungsmittel, das Leeüwen
hauptsächlich für Larven angegeben hat. Es hat folgende Zusammen-
stellung :
Polymorphismus bei den Larven von Miastor metraloas. 69
Chloroform 2
Formol 40 "/o 2
Dieser vorrätig- gehaltenen Flüssigkeit wird vo]- dem Gebrauch
ein Teil Eisessig zugesetzt.
Die Maden starben in dieser Flüssigkeit sehr bald, ohne durch
Verzerrung Form und Lage der Organe verändert zu haben. Ich
ließ die Tiere mindestens 24 Stunden darin liegen und bewahrte
sie dann in 96% Alkohol auf, der anfangs mehrmals gewechselt
werden mußte. Die verschiedenen (Formen) Arten der Larven und
die Beute der einzelnen Sammeltage hob ich stets gesondert in
kurzen, einseitig geschlossenen Glasröhrchen auf, in das ein Zettel-
chen mit kurzer Angabe über Fundplatz, Datum, Art usw. mit hinein-
kam und außerdem eine Nummer, die auf eine ausführliche Beschreibung
in einem Sonderverzeichnis hinwies.
Die undurchlässige Chitinhülle erschwerte auch die weitere Ver-
arbeitung der Larven; Farbstoife drangen nicht in das unverletzte
Tier ein. Es war deshalb notwendig, die Haut teilweise zu zer-
stören, was durch Präparation mit Nadeln geschah. Anfangs benutzte
ich hierbei die binokulare Lupe, fand dann aber das bildumkehrende
Prisma, das auf das Mikroskop aufgesetzt ward, noch besser für
diese Zwecke geeignet. Wollte ich ein Totalpräparat haben, so riß
ich mit der feinen Nadel die Haut an den ersten und letzten Seg-
menten auf oder öifnete die Seite mit der harpunenförmigen Nadel.
Das Eindringen der Farbstoffe mußte bisweilen durch gelinden Druck
mit der Nadel unterstützt wei-den. Kam es auf einzelne Organe
an, so zerlegte ich denselben entsprechend die Larve durch Quer-
schnitte mit der Harpunennadel in mehrere Teile, damit die Flüssig-
keit leichter an die gewünschten Stellen dringen konnte. Gefärbt
habe ich hauptsächlich mit Alaunkarmin, Bleu de Lyon und Borax-
karmin, später fast nur noch das letztgenannte benutzt, da es die
besten Bilder gab. Ich ließ die Objekte meist 24 Stunden in der
kalten Flüssigkeit, kleine, wenig geöffnete Larven sogar 48 Stunden.
Differenziert habe ich dann in saurem Alkohol je nach der Zeit des
Färbens, oft bis 24 Stunden. In der erwärmten Flüssigkeit geschah
die Durchfärbung bedeutend schneller, und in kochendem Borax-
karmin gelang es sogar des öfteren unverletzte Larven zu färben.
Auch die Differenzierungsflüssigkeit habe ich dann warm angewandt.
Die Aufhellung der Objekte geschah in der üblichen Weise durch
Xylol oder Kreosot.
70 Feitz Springer,
Sehr gute Präparate einzelner Organe habe ich durch das Zer-
zupfen lebenden oder frisch abgetöteten Materials erlangt. Die in
einer Fixierungsflüssigkeit (Alkohol, LEEuwEN'sche Lösung usw.)
liegenden Larven wurden an beiden Enden mit spitzen Nadeln ge-
packt und auseinander gerissen. Geschah dies unvorsichtig und
wurde nur eine Stelle der Haut zerrissen, so quollen an dieser Stelle
die ganzen Organe als unförmlicher und unbrauchbarer Klumpen
heraus. Nach einiger Übung gelang es aber bald, den Darm mit
seinen Anhangsorganen und die Speicheldrüsen, die P^ettlappen mit
den Ovarien und das Gehirn mit der Ganglienkette herauszuziehen.
Die Färbung dieser frei liegenden Organe war dann leicht und be-
quem. Wegen der Kleinheit der Objekte nahm ich das Zerzupfen,
Fixieren, Färben usw. gleich auf dem für das fertige Präparat
bestimmten Objektträger vor; von dem Fixieren an geschah oft die
weitere Behandlung unter dem Deckglase. Auf die Weise verlor ich
selten wichtige Teile des Organismus, was bei der Übertragung aus
den einzelnen Glasschälchen unvermeidlich gewesen wäre. Auch diese
Präparation geschah unter dem Umkehrprisma oder der einfachen
lOfach vergrößernden Lupe.
4. Leben der Larven in der Natur.
Die Schilderung des Entwicklungslaufes der Larven von Miastor
metraloas im Freien möchte ich mit dem Zustande dei- Kolonien gegen
Ende August und Anfang September beginnen. In dieser Zeit sind
sie an den Fundorten reichlich vorhanden. Jeder geeignete Baum-
stumpf zeigt sich stark mit Larvenansammlungen besetzt, die den
Kaum zwischen Rinde und Holz ausfüllen. Die einzelnen Kolonien
erstrecken sich in senkrechter Richtung nicht selten bis zu 7 oder
9 cm Länge, während sie in der horizontalen ungefähr 4 cm messen.
Solche Kolonien sind an einem Stamme stets mehrere vorhanden,
eine besondere Himmelsrichtung wird nicht bevorzugt. Zwischen
diesen mehr oder weniger scharf umgrenzten Ansammlungen liegen
Individuen zahlreich in den Zwischenräumen zu kleineren Gruppen
zerstreut. Die Larven zeigen sicli in pädogenetischer Fortpflanzung.
In ihrer Größe bieten sie die mannigfachsten Abstufungen dar. Die
ältesten liegen wie prall gefüllte zylindrische Säckchen starr und
bewegungslos da, ihre Maße betragen 2,67 X 0,37 bis 4,9 X 0,6 mm.
Es sind „Mutterlarven", die reichlich (8—30) zum Ausschlüpfen
reife „Tochterlarven" in sich bergen. Jüngere Mutterlarven, von
Polymorphismus bei den Larven von Miastor metraloas. 71
der Größe von 2,5X0,33 bis 2.8X0,36 mm, bewegen sich langsam
und träge weiter. Die Tochterindividuen in einer Mutter sind stets
gleich alt, doch da Mutterlarven verschiedenster Größe und Alters
vorhanden sind, so kann man alle Entwicklungsstadien erhalten.
Bei anderen in pädogenetischer Fortpflanzung begriffenen Larven
ist mit der Entwicklung erst vor kurzem begonnen, sie sind kleiner
als die vorhergenannten: 1,59 X 0,14 bis 1,8 X 0,25 mm. Alle bisher
erwähnten Larven sind durch die auffallend entwickelten Fettlappen
oder Fettropfen, die in die Hypodermis eingelagert sind, weiß ge-
färbt und undurchsichtig. Im Gegensatz zu ihnen sind die jungen
vor kurzem ausgeschlüpften Larven durchsichtig, lassen zum mindesten
die einzelnen Organe erkennen, da bei diesen die Fettlappen zu
einzelnen Abteilungen gesondert und schärfer begrenzt sind und
deshalb einen geringeren Raum im Körper einnehmen. Ihre Maße
betragen 1,28 X 0,14 bis 1,37 X 0,16 mm ; die Eier lassen noch keine
beginnende Entwicklung erkennen. In der Mitte der Kolonien, wo
mehrere Schichten von Tieren übereinander gehäuft sind, bewegt
sich alles regellos durcheinander, wobei sich die jungen Mutter-
larven und vor allem die jungen, vor kurzem ausgeschlüpften, pädo-
genetischen Larven durch große Lebhaftigkeit auszeichnen, während
die älteren Mutterlarven träge weiterkriechen oder ganz unbeweg-
lich daliegen. Am Rande der Kolonien und an deren Berührungs-
stellen mit dem Holz und der Borke liegen hauptsächlich die jüngeren
Stadien und zwar in ganz bestimmter Anordnung.
Die Larven sind zu Gruppen vereinigt. Entweder liegen die
Tiere radiär angeordnet und berühren mit den dicht beieinander
befindlichen Köpfen eine möglichst kleine Stelle des Holzes, oder
die Larven liegen dicht aneinander geschmiegt parallel neben oder
hintereinander. Um zu verstehen, daß diese Anordnung für die
Tiere eine große biologische Bedeutung hat, müssen wir kurz auf
die Art der Ernährung eingehen. Der Darm der Tiere enthält stets
eine braune Flüssigkeit ohne feste Holzpartikelchen. Der Mund
zeigt keine beweglichen Mundwerkzeuge, sondern ist hauptsächlich
zum Saugen eingerichtet. Die Nahrung kann also nur in flüssiger
Form aufgenommen werden, das Holz wird vor der Aufnahme ge-
löst und zwar in dem Secret der wohl entwickelten Speicheldrüsen,
andere Organe kommen dafür nicht in Frage. Aus ihnen fließt ein
Secret auf das Holz, das ein holzlösendes Ferment enthalten muß.
Durch die oben beschriebene Anordnung wird bewirkt, daß der von
dem einen Individuum abgesonderte Speichel auch den andern Indi-
72 Fritz Springer,
viduen zugute kommt. Jedes Tier ist von der Speichelflüssigkeit,
resp. dem gelösten Holz, völlig überzogen, und ebenso das Holz unter
ihnen. Durch diese Aneinanderlagerung und die damit zusammen-
hängende Bedeckung einer größeren Holzmenge mit Speichel geht
mehr Holz in Lösung, und die Ernährungsverhältnisse sind dadurch
besser, als wenn die Tiere vereinzelt für sich wären. Nach Ent-
fernung der Larven zeigen sich auf dem Holze (Borke), dort wo die
Körper aufliegen, mehr oder weniger tiefe Eillen, die durch die Zer-
setzung durch den Speichel entstanden sind. Eine Beobachtung
Pagenstecher's mag hier angefügt werden. Der Autor fand „die
etwas starren Larven eingebettet in einer Art kleiner Höhlen in
den Runkelrüben-Rückständen. Oft einige nebeneinander in dem-
selben Klümpchen des Stoft'es". Durch das Benetzen der pflanzlichen
Substanz mit Speichel und die dadurch bewirkte Auflösung des
Bastes und Holzes beginnt die Verdauung schon außerhalb des Körpers.
Das Tier liegt gewissermaßen in einer Ernährungsflüssigkeit.
Den September hindurch geschieht in den Kolonien draußen
keine Veränderung. Die pädogenetische Vermehrung geht weiter
vor sich, und die Larvenansammlungen nehmen an Umfang zu.
Mitte Oktober ist die Vermehrung auf ihrem Höhepunkte angelangt.
Die Kolonien, die sich an den Birkenstümpfen in der Höhe des Erd-
bodens oder tiefer befinden, bergen ungeheuere Mengen von Larven.
Beim Lösen der Rinde hat man den Eindruck, als ob das Holz von
schwammartigen Pilzwucherungen überzogen sei; es sind viele
tausende von Larven, die in größerer Tiefe fast den ganzen Umfang
des Stumpfes einnehmen. Die Tiere liegen in dicken Ballen zu
10 — 20 Individuen übereinander. Auch die einzelnen Larven haben
an Größe gegen früher zugenommen, junge pädogenetische Tiere
messen kaum unter 1,78 X 0,16 mm, der Durchschnitt 2,6 X 1,75 mm
und die größten 2,8 X 0,196 mm. Sie zeichnen sich durch Durch-
sichtigkeit aus, die die Organe gut erkennen läßt. Die undurch-
sichtigen Mutterlarven schwanken in der Größe von 3,36 X 0,28 bis
4,9X0,56 mm (Durchschnitt 3,9X0,43 mm) und sind fast immer
entsprechend der Größe mit jungen Embryonen bis zu reifen Tochter-
larven gefüllt.
Eine eigentümliche Art der Fortbewegung kann man leicht be-
obachten, wenn man einen wirren Knäuel von Larven vor sich hat,
wie er jetzt in der Natur vorkommt oder sich in gut angelegten
Kulturen bald bildet. Es ist dies ein Fortschnellen, das die leb-
haften jungen Larven anwenden, wenn ihnen die Lage nicht zu-
Polymorphismus bei den Larven von Miastor metraloas. 73
sagt. Die Bewegung- geschieht folgendermaßen : die ersten und
letzten Segmente werden nach einer Seite eingebogen, so daß das
Tier die Form eines Halbmondes annimmt. Durch eine plötzliche
ruckweise Drehung um seine Längsachse bewirkt nun die Larve
ein Empor- und Seitwärtsschleudern des Körpers. Die bei diesem
Weiterschnellen zurückgelegte Strecke ist nur gering. Wie erwähnt,
kann man diesen Vorgang am häufigsten sehen, wenn man eine
größere Ansammlung von Larven beobachtet, wo sie durch die
Flüssigkeit, die jedes Individuum umgibt, ziemlich fest aneinander
geheftet werden. Die Bewegung wird dann ausgeführt, um sich
loszureißen. Das Fortschnellen geschieht ferner, wenn eine Larve
allein auf dem Holz oder der Borke liegt oder auf dem Objekt-
träger, wenn das Wasser, von dem sie ursprünglich umgeben wurde,
verdunstet ist.
Die reiche Entwicklung der Kolonien erhält sich den Oktober
und November hindurch. Mit dem Eintreten des Frostes hört die
Vermehrung auf, die Tiere erstarren und liegen regungslos den
ganzen Winter hindurch da. In diesen Winterkolonien befinden
sich Maden vom jüngsten durchsichtigen Stadium an bis zu einer
Länge von ungefähr 3 mm. Aber selbst bei diesen größten Exem-
plaren liegen keine Embryonen in der Leibeshöhle, dafür sind die
fest umschlossenen Fettkörperschläuche sehr reich mit Nahrungs-
material angefüllt. Werden Kolonien in dieser Zeit in das Zimmer
mit genommen, so nehmen sie in der wärmeren Temperatur sehr
bald ihre Vermehrungstätigkeit wieder auf. Sobald das Wetter
wärmer wird, kommt auch draußen in die Tiere wieder Leben, und
Anfang März habe ich schon viele sehr umfangreiche Kolonien in
voller Tätigkeit gefunden. Die Larven sind in den verschiedensten
Größen vorhanden, alle in pädogenetischer Fortpflanzung. So bleibt
es den April und Anfang Mai hindurch. Am 20. Mai 1913 fand ich
an den Fundstellen zum ersten Male im Freien Puppenlarven, frei-
lich erst in viel geringerer Anzahl als die pädogenetischen Larven
und noch keine gesonderten Gruppen bildend. Aber schon nach
3 Tagen war das Bild der Kolonien draußen allgemein ganz anders
geworden. Schon mit dem bloßen Auge unterscheidet man jetzt 2
ganz verschiedene Gruppenbildungen. Die eine befindet sich stets
in einiger Tiefe unter Erdbodenhöhe und besteht nur aus Mutter-
larven, die mit Tochterlarven erfüllt sind. Langgestreckt liegen sie
in den typischen, durch die Fraßrillen bedingten Reihen und be-
wegen sich kaum. Weit über Erdbodenhöhe befindet sich eine
74 Fritz Springer,
andere Gruppe, die gebildet wird aus dicken Knäueln rundlicher
und undurchsiclitiger Larven, die sich schon durch den Besitz der
Spathula sternalis (vgl. S. 104) als Puppenlarven auswiesen.
Ein großes Eindenstück, das ich von der ganzen Höhe eines
Birkenstumpfes abbrach, gab weiteren Aufschluß über die Vorgänge
der Puppenbildung. An dem Teile der Rinde, der sich unter Erd-
bodenhöhe gefunden hatte, liegen ganz in der Anordnung einer weit
ausgedehnten pädogenetischen Kolonie dicht aneinander gedrängte
leere Häute von langzettlicher Form und Mutterlarvengröße. Sie
sind durchsichtig, etwas glänzend und nur noch mit Tracheenresten
versehen. Eine Anzahl von ihnen ist bereits in Verwesung über-
gegangen und kaum noch sichtbar. Über diesen Resten einer Kolonie
zeigen einige kriechende mit Brustgräte versehene Larven einen
Zug an, der senkrecht nach oben geht, und 10—12 cm darüber be-
finden sich die dichten Knäuel der Puppenlarven, dem oberen Stumpf-
ende sehr genähert. Wieder nach einigen Tagen (am 1. Juni) finden
sich unter der Rinde Puppen von rotbrauner und dunkelbrauner
Farbe, auch leere Puppenhäute. Sie liegen entweder dicht am oberen
Ende der Stümpfe oder an Rissen in der Rinde. In ihrer Umgebung
befinden sich Puppenlarven und leere Häute. Tiefer am Stumpfe,
nahe über oder unter der Höhe des Erdbodens, kann man 2 weitere
Gruppen von Larven unterscheiden. Die eine Gruppe enthält große,
typisch pädogenetische Mutterlarven in verschiedenen Stadien und
kleine seit kurzem ausgeschlüpfte Tiere. Die andere Gruppe ist
von dieser räumlich getrennt, doch an demselben Stamm befindlich
und besteht aus kleinen sehr lebhaften, gelb gefärbten Larven; ich
werde sie weiter unten (vgl. „Wanderer" S. 106) ausführlich beschreiben.
Das Ausschlüpfen der Imagines fand ich in den 1. Junitagen
(bis Mitte Juni dauernd) ganz allgemein. Die durch die trockene
Witterung klaftender gewordenen Borkenstücke sind teilweise mit
leeren Puppenhäuten übersät. Bei den dunkelbraunen Puppen kann
man häufig das Ausschlüpfen der Imagines beobachten. Die nur aus
Puppenlarven bestehenden Kolonien, die sich ziemlich hoch am
Stumpfe, jedenfalls über Erdbodenhöhe, befinden, werden gegen Ende
Juni immer seltener und verschwinden Anfang Juli ganz. Jetzt
kommt es nur noch ganz selten zur Bildung dieser Larven, die dann
vereinzelt liegen. Ein Fund vom 4. Juli zeigte bedeutend weniger
Kolonien an den Baumstümpfen, und auch die Zahl der Larven war
viel geringer als früher. In den in Erdbodenhöhe befindlichen An-
sammlungen herrschen junge pädogenetische Larven von der Größe
Polymorphismus bei den Larven von Miastor metraloas. 75
1,540X0,14 mm bis 1,988X0,19 mm vor. Diese Larven sind zwar
dnrchsichtig, doch nicht so klar wie die Wanderer, auch haben sie
keine gelbe, sondern lediglich die durch die Fettmassen bedingte
weiße Färbung. Wanderer sind in den Kolonien gar nicht vor-
handen. Von den jungen pädogenetischen Tieren gibt es, wie sonst,
alle Übergänge in Grüße und Undurchsichtigkeit (also Vermehrung
der Fettmassen) zu den älteren Larven, bei denen die Entwicklung
in den Ovarien schon fortgeschritten ist. Die Maße dieser Individuen,
die noch keine Tochterlarven, sondern nur Eier bis mehr oder weniger
entwickelte Embryonen enthalten, betragen 2,07 X 0,28 bis 2,35 X
0,42 mm. Von den mit Tochterindividuen erfüllten Muttertieren
finden sich nur sehr wenige, die eine geringe Zahl junger Larven
beherbergen (die Maße der Mutterlarven 2,7 X 0,3 bis 3,1 X 0,5 mm),
und diese tragen keine Anzeichen der Puppenlarve. Weit häufiger
sind ältere Mutterlarven, die eine große Anzahl Tochterlarven in
sich bergen. Ihre Maße, sowie Zahl und Maße der Tochterindividuen,
seien in folgender Übersicht wiedergegeben.
Maße der Maße der Zahl der
Mutterlarven Tochterlarven Tochterlarven
2,566 X 0,448 mm
1,1 X0,13 mm
15
2,85 X0,53
1 1,371X0,12 1
11,4 X 0,168/
27
3,36 X0,42
1,2 X0,14
11
3,5 X 0,6
1,36 X0,13
29
3,56 X0,56
/ 1,104X0,168 \
\ 0,98 X 0,167 1
10
Die Tochterlarven sind reif zum Ausschlüpfen sowohl der inneren
Organisation wie der Grüße nach. Ganz junge pädogenetische Larven
von gleichem Aussehen und kaum größer kriechen frei in den Kolonien
umher. Die alten Mutterlarven bilden unbewegliche Säcke, dick auf-
getrieben und je nach der Lage der Tochterindividuen ausgebuchtet.
Andere kriechen schwerfällig umher. Puppenlarven fehlen, wie die
Wanderer. Den Juli (1912 und 1913) hindurch findet man die
Larven überall in gleich geringer Zahl. Alle Kolonien enthalten
rein pädogenetische Formen, von Puppenlarven und Wanderern ist
nichts zu sehen. Auch im Anfang August sind die spärlichen
Kolonien nur klein. Zusammensetzung und Aussehen bleiben sich
gleich. Gegen Ende dieses Monats setzt eine erhöhte Vermehrung
ein, die Zahl der Larven nimmt beträchtlich zu, und die Kolonien
76 Fritz Springer.
bedecken größere Strecken der Bastschicht. Bestanden sie bisher
nur aus verstreuten kleinen Gruppen, die auf dem Holze verteilt
lagen, so bildet sich jetzt eine Larvenschicht über der andern, und
durch die dichten Haufen ist von dem Untergrunde nichts mehr zu
sehen. Das Aussehen und die weitere Entwicklung der Kolonien
schließt sich nun an die Schilderung an, die ich zu Anfang dieses
Abschnittes (S. 70) gegeben habe.
Auf eine Erklärung dieser Tatsachen komme ich nach der Be-
sprechung der Zuchtversuche zurück (S. 91).
5. Zuchtversuche.
Nach den Ausführungen von G. W. Müllee, spielt bei der Ent-
stehung der Puppenlarven das Licht eine wichtige Eolle (vgl. S. 65).
So galt es denn, den Einfluß des Lichtes auf die Kolonien durch
Versuche festzustellen. Entsprechend dieser Fragestellung wurden
Versuche angestellt, die die Beeinflussung durch Dunkelheit, Feuchtig-
keit und Wärme darlegen sollten.
Über die Herrichtung der Kulturen habe ich schon in dem Ab-
schnitt „Technik"' gesprochen (vgl. S. 67j, hier soll nun der Verlauf
einiger meiner Züchtungen geschildert werden.
Meine erste Kultur legte ich am 5. Aug. 1912 von dem Larven-
material an, das ich an diesem Tage am Kl.-Schönwalder Fundplatze
gesammelt hatte. Es war ein Bestand von Mutter- und Tochter-
larven der verschiedensten Größe, sie waren, in pädogeuetischer
Vermehrung begriffen. Die Holz- und Borkestücke, zwischen die die
Larven gelegt wurden, paßten schlecht aufeinander, boten daher den
Tieren kaum zwei Berührungsflächen zu gleicher Zeit. Da ich die
ganze Kultur nur bei der Einrichtung, nachher nicht wieder ange-
feuchtet hatte, so waren bald die Stammteile außen vollständig
trocken. Am 15. August sah ich au Stelle der Kolonie nur noch
einige träge Mutterlarven, die nahe daran waren ihre Brut zu ent-
lassen. Alle anderen Tiere waren verschwunden. Am 30. August
fand ich nicht eine Larve mehr auf der Holz- und Borkefläche, dafür
zeigten aber tiefe, schmale Rillen und Gänge an, daß die Tiere den
Weg in das Innere der Baumstücke genommen hatten. Beim Zer-
brechen der Stücke wurden denn auch die Larven in einer Tiefe
von ^2 — 1 cm, je nach der Dicke des Holzes oder der Borke, in
denselben gefunden. Die jetzige Umgebung der Larven, also die
Mitte der Holzstücke, zeigte immer noch etwas Feuchtigkeit, wäh-
Polymorphismus bei deu Larven von Miastor metraloas. 77
i-eud die Oberfläche vollständig; ausgetrocknet war. Ferner waren
die Tiere hier in Dunkelheit, da die schmalen Rillen, die in die
Tiefe der Borke führten, schon wegen der Lage der Holzstücke
kaum Licht eindringen lassen konnten. Die Larven selbst hatten
ihren pädogenetischen Charakter beibehalten, waren also im wesent-
lichen unverändert, nur war die Vermehrung ins Stocken geraten.
Im Anschluß an diesen Versuch möchte ich gleich einen späteren
erwähnen, der zu der gleichen Beobachtung Anlaß gab. Am 10. Juli
1913 setzte ich pädogenetische Larven, die ich an diesem Tage von
dem Fundorte geholt hatte, auf einem Borkestück ohne jegliche
Überdeckung dem Lichte aus. Puppenlarven befanden sich nicht
unter dem Material. Am 20. hatte auch hier eine taktische Reak-
tion alle jugendlichen Larven in die Borke hineingetrieben, ältere
Mutterlarven, meist mit einer großen Zahl von Tochterindividuen
versehen, lagen noch auf der Oberfläche. Nun war leicht zu beob-
achten, wie die Tochterindividuen, die den Müttern entschlüpften,
nach kurzer Zeit des Umherkriechens auf der Borke den Weg ins
Innere nahmen. Ebenfalls auf der Oberfläche der Borke befanden
sich einige Larven, die Puppenlarven entwickelten. Sie unterschieden
sich schon durch die geringere Größe von den typisch pädogenetischen
Mutterlarven. In ihren Ovarien befanden sich neben den vielen
unentwickelten und normal großen Eiern 1—2 größere Embryonen,
die noch von der gemeinsamen Ovarhaut umgeben waren. Oder neben
den zerrissenen, mit entwickelten Eiern erfüllten Ovarien lagen frei
in der Leibeshöhle 2—3 (4) Embryonen in fortgeschrittenem Zu-
stande. Am 30. des Monats befanden sich auf dem Borkestück
einige Puppenlarven; die in der Tiefe der Borke reichlich vorhan-
denen Maden waren pädogenetisch.
Die vorerwähnte taktische Reaktion hatte ich stets Gelegenheit
zu beobachten, wenn sich junge typisch pädogenetische Larven in
einer Umgebung befanden, in der sie nicht gleichzeitig von der
Unterlage und dem Deckstücke berührt wurden. Die Larven ver-
schafften sich dann sehr bald die allseitige Berührung des Körpers
mit dem umgebenden Medium durch Eindringen in Holz und Borke.
Ruhende pädogenetische Mutterlarven, Puppenmütter und Puppen-
larven zeigten diese Eigentümlichkeit nicht.
Am 12. Oktober brachte ich von den Fundplätzen Kolonien mit,
die jetzt draußen besonders reich an Individuen waren (vgl. S. 72),
und legte mir von ihnen eine Kultur in der Weise an, daß das Licht
Zutritt zu den Stammstücken hatte. Jedoch lagen die Holzborke-
Yg Fritz Springek,
teile dicht aneinander, so daß sie den sich zwischen ihnen bewegenden
Larven von oben nnd nnten Berührnngsflächen boten. Es handelte
sich anch hier nur um pädogenetische Formen. Diese Kultur hielt
ich feucht, doch so, daß sich nie Wasser auf dem Boden des Glas-
gefäßes ansammelte; außerdem stand sie in einem mäßig warmen
Raum. Es zeigte sich eine starke Vermehrung des Larvenbestandes,
die den Oktober hindurch und Anfang November anhielt, ohne daß
eine wesentliche Veränderung in der Beschaffenheit der einzelnen
Larven stattgefunden hätte. Auch hier lagen in wirrem Knäuel,
wie dies schon vorher beschrieben wurde, die Larven in großer Zahl
zwischen Holz und Borke, hauptsächlich an und in dem Baste. In
der Mitte des Haufens befanden sich die großen, dicken Maden
(3,6 X 0,5 bis 4,5 X 0,69 mm) mit zahlreichen Tochterlarven angefüllt,
dazwischen undurchsichtige pädogenetische Larven mittlerer Größe
(2,5 X 0,3 bis 3,3 X0,4 mm) mit allen Übergängen zu den großen
Mutterlarven wie zu den durchsichtigen beweglichen jungen Maden
(1,68 X 0,2 bis 2,8 X 0,19). Nach dem Rande der Anhäufung zu sowie
etwas .abseits von ihr lagen große Mutterlarven, deren Haut zwar
noch ganz war, aber nur noch einen steif ausgestreckten Sack
bildete. Diese Maden waren regungslos, die Mund Werkzeuge außer
Tätigkeit, und der Darm, der auch schon bei älteren träge umher-
kriechenden Mutterlarven außer Funktion w^ar, Avar hier völlig auf-
gelöst. Das gleiche Schicksal hatten auch schon alle anderen inneren
Organe je nach der Zeit der Ruhe mehr oder weniger erlitten.
Außer den Tracheen war bei den meisten nichts mehr vorhanden.
Der Fettkorper hatte seine Form längst verloren , er war zum
größten Teil aufgelöst und für die Ernährung der jetzt reifen Tochter-
larven verwandt worden. Die Maße dieser Mutterlarven betrugen
2,56 X 0,4 bis 4,93 X 0,56 mm , in dem Hautsacke selbst befanden
sich mindesten^ 8 Tochterlarven (1,1X0,167 bis 1,4 X 0,168 mm),
die die pädogenetische Larvenreihe fortsetzten. In dieser Kolonie
konnte ich häufig die schon S. 72 besprochene Fortschnellbewegung
beobachten.
Ende November (28.) beobachtete ich in der Kultur verstreut
am Rande der Borkestücke einige kleinere Mutterlarven, die ver-
einzelt unter der großen Menge der eben beschriebenen Mutterlarven
lagen. Von diesen unterschieden sie sich außer der geringeren
Größe (2,0 X 0,3 bis 2,3 X 0,3 mm) dadurch, daß sie nur 2-5 Tochter-
larven enthielten. Im übrigen war die Vermehrung weiter gegangen,
die Kolonien angewachsen.
Polymorphismus bei den Larven von Miastor metraloa?. 79
Das Scliicksal dieser kleinen Mutterlarven konnte ich vorläufig-
nicht weiter verfolg-en ; irgendwelche Zustände der Kultur (das Glas-
gefäß stand während der Zeit in einem dunklen kalten Räume) müssen
störend auf ihre Entstehung und Weiterbildung gewirkt haben.
Jedenfalls zeigten sie sich während des ganzen Dezembers nur selten.
In den ersten Tagen (5.— 10.) des Januar zeigte das massen-
hafte Auftreten einer neuen Larvenform eine Umwandlung an, und
zwar erfolgte diese in den dem Lichte stark ausgesetzten Borke-
stücken. Es w^aren dies kleine Maden, die in Bau und Größe den jungen
pädogenetischen außerordentlich glichen (1,2X0,128 bis 1,59X 0,15 mm),
von ihnen aber durch ihre gelbe Farbe und sehr große Beweglich-
keit zu unterscheiden waren. Die auffälligste Eigenschaft dieser
kleinen gelbeu Larven war, daß sie in dichten Zügen die Kolonie
verließen and weiter wanderten, weswegen ich sie mit der Bezeich-
nung ,. Wanderer"' belegt habe. Die weiteren Schicksale dieser
\\'anderer habe ich in einem eigenen Versuche verfolgt, den ich am
Ende dieses Abschnittes bringen werde.
Wenn auch die ganzen Glaswände mit diesen Larven überstreut
waren, so hielten sich doch die Wanderer in der Hauptsache zu
Zügen vereint, in denen die Tiere in mehreren Schichten überein-
ander hinwegglitten. Kamen ihnen bei der Wanderung Hindernisse
entgegen, wie sie die steilen Borkeränder und die Kante des Glas-
gefäßes bildeten, so ballten sich die Maden zu wimmelnden Klumpen
zusammen, indem die tiefste Schicht mit dem Vorkriechen einhielt,
die nachfolgenden über die unteren bis zum Rande weiterglitten,
wieder von den nächsten überschichtet wairden usf. Hatte sich nun
eine Kugel fortwährend mit dem Vorderkörper in der Luft umher-
tastender Larven von 1 cm Durchmesser aufgetürmt, so geriet die
ganze Masse durch die nachdringenden und immer von neuem darüber
kriechenden Tiere ins Schwanken, verlor das Gleichgewicht und
stürzte vom Rande der Borke oder des Glases herab. Auf dem
Boden angelangt, löste sich der Knäuel auf, und der Zug ging
weiter. Die Erscheinung forderte zu einem Vergleiche mit den
Zügen des Heerwurms heraus, wenn auch nicht die Stärke dieser
erreicht wurde.
Mitte Januar, während also die Auswanderung im besten Gange
war, traten in der Kolonie die „Puppenlarven" zahlreicher auf, die
sich bald verpuppten und nach einigen Tagen (20.) die Imagines
ausschlüpfen ließen. Sie sind uns schon Ende Juli begegnet
(vgl. oben S. 77), in der Zwischenzeit habe ich sie nur vereinzelt
gO Fritz Springer,
beobachtet, wahrscheinlich ist die größere Zahl von mir übersehen
worden. Die Kolonie bot nun ein ganz verändertes Aussehen. In
der Mitte der größeren sich deckenden Holzborkestlicke, wo also
verhältnismäßig wenig von dem eindringenden Lichte hingelangen
konnte, lagen nur wenig pädogenetische Mutterlarven und junge
Tiere, weiter zum Eande der Ansammlung hin kam eine Region,
in der sich hauptsächlich Mutterindividuen befanden, die Puppen-
larven erzeugten, also nur wenig Tochterlarven bargen. Diese
Larven nenne ich „Puppen mütter". Die Puppenlarven selbst
lagen noch weiter gegen das Ende der Holzstücke und der Kolonie,
also auch zum einfallenden Lichte hin. Sie waren deutlich, und
zwar schon im Mutterleibe, durch verschiedene Merkmale von allen
anderen Larven unterschieden. Es traten Imaginalanlagen für Kopf,
Flügel, Beine und Geschlechtswerkzeuge auf. die Ovarien blieben
klein wie bei jungen pädogenetischen Larven, erfuhren keine Ent-
wicklung zu Embryonen. Die Augen, die bei den anderen Larven
sich mit der konvexen Seite berührten, waren auseinandergerückt,
das Gehirn umfangreicher.
Ein sehr auffälliges Merkmal der Puppenlarven, das ich bei
den Miastor-hsLYYen zum ersten Male hier sah und auch immer nur
bei den Puppenlaien wiederfand, war die bei den Cecidomyiden-
larven weit verbreitete Spathula sternalis, die Brustgräte.
Auf dieses Organ komme ich bei der genaueren Beschreibung der
Puppenlarve (S. 104) zu sprechen.
Hatten die Puppenlarven die Haut der Mutter verlassen, so
krochen sie träge umher, ohne Nahrung aufzunehmen. Sie begaben
sich, wenn das Mutterindividuum noch nicht am Rande der Kolonie
in der Nähe der Lichtöftiiungen gelegen hatte, dorthin und ver-
puppten sich hier bald. Die anfangs weißen Puppen färbten sich
nach einigen Stunden rot, dann rotbraun und dunkelbraun ; alle
diese Färbungsstadien lagen durcheinander auf dem Holze. Nach
einer 3— ötägigen Puppenruhe schlüpften die Imagines aus. Zwischen
den Puppen und Puppenlarven krochen Wanderer umher und schickten
sich an, in Holz und Borke einzudringen oder die Kolonie zu ver-
lassen. Alle pädogenetischen Larven waren zur Puppenlarven- oder
Wandererbildung übergegangen. Das Licht hatte, um es noch ein-
mal hervorzuheben, zu allen Teilen der Kultur Zutritt. Der soeben
geschilderte Zustand der Kultur erhielt sich den Januar und An-
fang Februar hindurch, in dieser Zeit traten besonders starke
AVanderzüge auf. Die Auswanderung ließ mit Ende Februar nach,
Polymorphismus bei deu Larven von Miastor metraloas. 81
ein großer Teil der Wanderer war zur Bildung- von typisch pädo-
geuetischen Larven geschritten. Doch entwickelten sich stets be-
trächtliche Wanderzüge, wenn der Kultur zuviel Wasser zugesetzt
wurde. In der Zeit vom Februar bis Mai zeigten sich alle Larven-
formen nebeneinander. Am 15. des Monats hatte das Ausschlüpfen
von Imagines eine bisher nicht erreichte Stärke angenommen.
Ein besonders interessantes Bild bot in derselben Kultur ein
längeres Holzstück, dessen bedeckende Borke beim Auffinden abge-
nommen, nachher aber genau in seine alte Lage gebracht worden
war. Eine Hälfte der Borke hatte sich eng dem Bastteile des
Holzes wieder angefügt, während die andere durch den hier auf-
gelockerten Bast etwas abstehend vom Holze blieb, der entstandene
Hohlraum selbst war jedoch von dem Bast ausgefüllt. Mitte Mai
fand ich die Oberfläche des Holzes in eine weißgelbe und rotbraune
Hälfte geteilt. Die Farbe wurde verursacht von den sehr zahl-
reichen Puppen. In der rotbraun gefärbten Abteilung, derjenigen,
deren Rinde stark gelockert war, hatte das Licht früher unter die
Borke dringen können. Hier hatten sich alle Larven verpuppt, und
die Puppen hatten bereits die Farbe angenommen.
In der anderen Abteilung war noch keine Puppe höheren Alters,
also von dunkler Farbe, vorhanden, hier lagen nur solche jüngeren
Stadiums, dazwischen eine Menge Puppenlarven, Puppenmütter und
junge Maden, von denen ein Teil in pädogenetischer Fortpflanzung
begriften war. Die Larven und die jungen nicht ausgefärbten Puppen
gaben diesem Teile des Holzes die weißliche Färbung.
Obwohl nach der Lage der Larven und Puppen kein Zwischen-
raum zwischen beiden Abteilungen vorhanden war, so waren doch
beide Gruppen (durch die Farbe) scharf voneinander abgegrenzt,
und die Trennungslinie fiel als fast geradliniger Strich mit der
Linie der Borke zusammen, an der diese die innige Verbindung mit
dem Holze verloren hatte. Beim Zerbrechen der Borke fand ich
Wanderer im Innern, der andere Teil dieser Larvenform hatte die
Kolonie bereits verlassen. In der Tiefe der dickeren Holzborke-
stücke fanden sich einige Exemplare pädogenetischer Mutterlarven,
die von den eingedrungenen Wanderern stammten. Zunehmende
Wärme und die austrocknende Wirkung der Sonnenstrahlen ließ
auch das Gefüge dieser Holzteile sich lockern und dem Einflüsse
des Lichtes zugänglich werden. So hielt die Umwandlung der
Larven zu Puppen und Imagines den Juni hindurch an, wobei sich
naturgemäß die Kolonien durch den Verlust der verwandelten
Zool. Jahrb. XL. Abt. f. Syst. 6
32 Fritz Springer,
Puppenlarven immer mehr verkleinerten. Am 28. d. M. waren alle
Puppen geschlüpft, die Borkestücke waren weiß von leeren Puppen-
häuten, die alles bedeckten und bei Luftzug fortflogen. Auf der
Stelle der alten Kolonien krochen wenig Wanderer und aus ihnen
hervorgegangene pädogenetische Larven zwischen den Puppenhäuten
umher. Beim Zerbrechen der Borke- und Holzstücke konnte man
Wanderer und seltener auch junge pädogenetische Larven an-
treffen.
Eine Veränderung der Kolonie trat in der Folgezeit nicht ein.
Die Wanderer, die die Kultur nicht verlassen hatten, waren alle
mehr oder weniger tief in Holz und Borke eingedrungen. Auch
jetzt (Mitte Juli) zeigten sie zum Teil, soweit sie nicht schon zur
pädogenetischen Fortpflanzung übergegangen waren, noch ihre alten
Merkmale, ihre gelbe Färbung und die deutliche Sonderung der
einzelnen Fettlappen. Dafür hatten sie an Größe zugenommen: ihre
Maße betrugen 1,4X0,19 bis 1,9X0,19 bis 2,24X0,196 mm. Die
pädogenetischen Larven hatten sich nur wenig vermehrt, sie lagen
wie früher zwischen Holz und Borke in nur schwachen Gruppen.
Ein Teil von ihnen, meist jüngere, war auch tiefer in die Stamm-
teile gewandert.
Den Juli hindurch blieben die Ansammlungen schwach, und die
Wanderer behielten Gestalt und Farbe bei, doch wuchsen sie immer
noch heran, um die Kulturen erstarken zu lassen, entzog ich sie
mehr der Lichtbeeinflussung. Als einzige Veränderung der Kultur
im August konnte man bemerken, daß nun bei einem größeren Teil
der Wanderer die scharfe Umgrenzung der einzelnen Fettlappen
verschwand, mehr Fett abgelagert wurde, so daß die Tiere von
einer großen Fettmasse durchzogen waren. Die gelbe Färbung verlor
sich bei ihnen, und die Ovarien begannen mit der Entwicklung von
Eiern, Es gingen also immer mehr Wanderer zur pädogenetischen
Vermehrung über. Im September 1913 wurde die Verwandlung der
Wanderer zu pädogenetischen Larven allgemein. In den Kolonien
begann eine regere Vermehrung, und sie wuchsen wieder annähernd
zu dem alten Umfange heran. Außer einigen verstreuten Wanderern
war der ganze Bestand der Larven pädogenetisch.
Während die Verwandlung der Wanderer zu typisch pädogene-
tischen Larven leicht verfolgt werden konnte, habe ich nie beob-
achtet, daß sie sich direkt zu Puppenmüttern entwickelten.
Mitte September 1912 richtete ich mir Kulturen zur Beob-
achtung des Lichteinflusses ein, indem ich gleichzeitig Larven-
Polymorphismus bei den Larven von Miastor metraloas. 83
mateiial sowohl dem Lichte aussetzte wie auch in Dunkelheit ließ.
Die erste Art der Zuchten richtete ich in der gewöhnlichen Weise
her. Ich gab das vom Fundort heimgebrachte Material zwischen
lose aufeinandergelegten Holz- und Borkestücken dem Tageslicht
preis.
Bei einem anderen Teile der Kolonien brachte ich Holz und
Borke in der ursprünglichen Lage sorgfältig zur Deckung und be-
festigte die Teile durch Umwinden, Ferner ließ ich Stammteile von
vornherein in natürlichem Zusammenhang, von denen ich Avußte, daß
sie Kolonien bergen mußten, wie aus den im Umkreise um sie herum-
kriechenden Maden zu erkennen war. Von den beiden letztgenannten
Kulturen ließ ich einige in ihren Glasgefäßen ohne weitere Um-
hüllung im Zimmer stehen. Die meisten brachte ich unter eine
Kiste, die mit schwarzem Papier verklebt und mit schwarzem Lack
überzogen war und deren ebenso behandelter Deckel gut abschloß.
Durch diese Maßnahme war das Licht abgeschlossen ; leider lockerte
sich später der Deckel.
Die dem Lichte zugängliche Kultur sandte Anfang November
(4.) eine große Menge von Wanderern aus, es traten Puppenmütter
und Puppenlarven auf. Am 9. d. M. hatte in derselben Kultur die
Auswanderung der Wanderer bedeutend zugenommen, die Larven
verließen in dichten Zügen, wie sie S. 79 beschrieben sind, die
Holzteile.
Die Kulturen, deren Borkestücke ich in der ursprünglichen Lage
gelassen hatte, waren mit der Zeit durch Ausdörren an den Rändern
etwas aufgesprungen. Auch in ihnen erschienen vereinzelt Wanderer
und Puppenmütter, aber in so geringer Menge, daß von einem Zuge
oder einem Zusammenschluß der Wanderer nicht die Rede sein konnte.
Dagegen schritten die in der schwarzen Kiste befindlichen
Zuchten nicht zur Wandererbildung. Die frei im Zimmer stehenden
Kulturen, die schon Wanderer gebildet hatten, waren einige Tage
(Mitte November) trocken gehalten worden. Die Trockenheit hatte
zunächst zu einer Lockerung der Rinde, weiter zum Eindringen der
pädogenetischen Maden in das Holz und zur Verstärkung der
Wanderer-Erzeugung geführt.
In den Kulturen, die durch den schwarzen Kasten möglichst vom
Licht abgeschlossen waren, bestanden die Kolonien vom November
1912 bis in den April 1913 aus rein pädogenetischen Larven aller
Größen und Stadien, die sich bei gleichmäßiger Befeuchtung reich-
lich vermehrten. Es zeigte sich hier also keine Veränderung, von
6*
g4 Fritz Springer,
Wanderern, Puppenmüttern und Puppenlarven war nichts zu sehen.
Bei dem regehnäßigen Befeuchten und dem in letzter Zeit häufiger
vorgenommenen Nachsehen ließ es sich jedoch nicht vermeiden, daß
Licht in die Kulturen eindrang. Auch war der Deckel der Kiste
an einer Ecke undicht geworden und ließ von hier aus Licht ein-
dringen. Daraus ist es zu erklären, daß Anfang Mai (9.) die Dunkel-
kultur doch zur Puppenbildung schritt. Der größte Teil der Larven
blieb jedoch tj^pisch pädogenetisch (in der Mitte der Holzborkestücke)
und pflanzte sich reichlich fort. Nur ein kleiner Teil der Larven,
die am Rande der Kolonien lagen und beim ÖlFnen am leichtesten
Licht empfangen mußten, war zur Bildung von Puppenlarven über-
gegangen.
Die sich verwandelnden Larven hatten als Puppenmütter die
Holzteile verlassen und waren auf dem Boden des Glasgefäßes dem
schwachen Lichtschimmer, der unter dem Deckelrande einzudringen
vermochte, nachgegangen, soweit es das Glasgefäß gestattete. Hier
hatten sie Puppenlarven geboren, die den eventuell noch fehlenden
Rest des Weges zurücklegten und sich dann in der der Lichtquelle
am nächsten liegenden Ecke verpuppt hatten. Die wenigen Puppen,
die überhaupt gebildet waren, lagen an dieser Stelle vereint.
Wanderer waren in dieser Bucht ebenfalls nur in sehr geringer An-
zahl vorhanden, sie lagen verstreut auf den Borkestücken, bisweilen
krochen einzelne auf dem Glase umher, ohne daß es zu einer Zug-
bildung gekommen wäre.
Die dem Lichte ausgesetzte Parallelkultur hatte zu der gleichen
Zeit bereits seit langem Puppenmütter und Puppenlarven gebildet,
die sich teilweise schon zu Puppen verwandelt und Imagines ent-
sandt hatten.
Den Mai und Anfang Juni hindurch hielt sich die Dunkelzucht
auf dem gleichen Stadium, es wurden zwar hin und wieder Puppen-
larven gebildet, doch nur vereinzelt. Das oftmalige Nachsehen der
Kultur mag durch die dabei erfolgende Belichtung dazu beigetragen
haben, daß die Bildung der fertigen Fliegen den Juni hindurch und
Anfang Juli anhielt und auch etwas zunahm, doch blieb die Zahl
der Puppen und Puppenlarven im Verhältnis zu den pädogenetisch
gebliebenen Maden klein. Wanderer wurden wenig gebildet, ent-
sprechend der geringen Menge der Imagines.
In den dem Lichte ausgesetzten Kulturen waren im Juli alle
pädogenetischen Larven zur Puppenlarvenbildung geschritten. Durch
das Ausschlüpfen der Imagines war die Zahl der Individuen sehr
PolymorphisnuTS bei den Larven von Miastor metraloas. 85
reduziert. Ende Juli gab es in diesen Lichtkulturen nur noch ver-
hältnismäßig- junge pädogenetische Tiere, die sich aus Wanderern
herangebildet hatten, und Wanderer selbst.
Mitte Oktober erhielt ich von Herrn Prof. G. W. Müller
Kolonien von Jf«rts/or-Larven, die er in Groß-Tabarz (Thüringen) an
Eichenstümpfen gefunden hatte und die mit meinem Material iden-
tisch waren. Sie wurden zur Herrichtung einer neuen Zucht benutzt.
Die nur aus pädogenetisch sich fortpflanzenden Tieren bestehende
Kolonie kam im Institut jedoch zu keiner guten Entwicklung, da
ich versäumt hatte, die Stammteile von andern, teilweise tief in der
Borke sitzenden Dipterenlarven (Museiden) zu befreien. Diese Räuber
hatten sich schnell über die Kolonie hergemacht und sie zum großen
Teile vernichtet, ehe ich dem Übelstande abhelfen konnte. Nach
Beseitigung der unangenehmen Gäste (November 1912) erholte sich
die Miastor-Kolonie wieder so weit, daß die Tiere sich regelmäßig
fortpflanzten und Beobachtungen ermöglichten.
Mitte Januar schritt die dem Lichte ausgesetzte Kolonie zur Bil-
dung von Wanderern und Puppenlarven, von denen besonders die erst-
genannten sehr zahlreich auftraten und im Verhältnis zur Gesamt-
stärke der Larven stattliche Züge hervorbrachten. Gegen Ende des
Monats kam eine kurze Flugzeit der Imagines. Es erfolgte dann
allmählich die Verwandlung der in der Kolonie verbliebenen Wanderer
zu typisch pädogenetischen Maden. Durch diese neuen Larven-
verluste war die Kolonie wieder sehr schwach geworden und pflanzte
sich nur kümmerlich bis zum Juni fort. Die Erzeugung von Puppen-
larven hielt, da ich die Holzteile stets dem Licht zugänglich ließ,
dauernd an, so daß schließlich der Larvenbestand derart zusammen-
schmolz, daß er weitere Beobachtungen nicht mehr ermöglichte. Es
gab Ende Juni nur noch wenig tief in der Borke sitzende Wanderer,
bisweilen erschien eine pädogenetische Larve, die aus den vor-
genannten hervorgegangen war.
Am 28. April 1913 holte ich von den Fundorten neues Miastor-
Material, das noch vollständig aus pädogenetischen Mutter- und
Tochterlarven bestand. Die Rinde war beim Sammeln der Larven
von den Holzteilen entfernt worden und nur locker wieder befestigt.
Es konnte genügend Licht zu den Tieren gelangen. Die Kolonie
vermehrte sich gut und bildete schon nach 2 Wochen Puppenmütter,
die in der erwähnten Weise hauptsächlich die Ränder der Borke-
holzteile zu ihren Ruheplätzen machten. Am 20. Mai waren bereits
massenhaft Puppenlarven vorhanden, die sich verpuppten und nach
86 Fritz Springer,
den wenigen Tagen der Puppenrulie die Imagines hervorbrachten.
So schlüpften am 25. bedeutende Mengen von Fliegen aus. Wenige
pädogenetische Tochterlarven und Wanderer waren die einzigen
Tiere, die am 30. Mai noch in der Kolonie vorhanden waren.
Eine Anfang Oktober angesetzte für das Licht zugängliche
Kultur hielt ich während des Januar übermäßig feucht, um das Ver-
halten der Larven gegen das Wasser festzustellen. Die Stammteile
wurden täglich derart befeuchtet, daß sie ganz mit Wasser durch-
und überzogen waren und auf dem Grunde des Glasgefäßes die
Flüssigkeit in einer Höhe von ungefähr 1 cm stand. Die Larven
begannen bereits nach einigen Tagen abwärts zu wandern und ge-
rieten dabei in das stehende Wasser auf dem Grunde des Gefäßes,
Es waren zunächst nur junge pädogenetische Larven mit ziemlich
unentwickelten Ovarien, die auf dem Boden in der Flüssigkeit ein
wenig umherkrochen, dann aber, nach einem Tage, bewegungslos
dalagen und nur ab und zu einige windende Bewegungen ausführten.
Am 10. Januar erschienen auf dem Grunde größere Mengen von
Wanderern, die jedoch nicht planlos unter dem Wasser umherirrten,
sondern es in gerader Richtung durchzogen, an der Glaswand in
die Höhe und unter dem eng aufliegenden Glasdeckel hindurch-
krochen. Sie entwickelten dabei eine große Lebhaftigkeit und
legten den Weg durch das Wasser und über die Glaswand bis zur
Tischplatte in verhältnismäßig kurzer Zeit zurück. Nach einer Woche
(12. Januar) war die ganze Einwohnerschaft der Borke auf dem Gefäß-
boden angelangt, jetzt lagen alle Stadien der pädogenetischen Larven
im Wasser von den jüngsten eben ausgeschlüpften bis zu den
ältesten Mutterlarven, die kürzlich Angekommenen umherkriechend,
einige sich windend, die meisten aber regungslos. Unter den still-
liegenden befanden sich auch einige Puppenlarven und Puppen-
mütter. Die Wanderer hatten alle vermöge ihrer größeren Beweg-
lichkeit und Ausdauer das Wasser durchquert, waren dann aber auf
den Glaswänden oder dem Tische eingetrocknet. Während dieser
Zeit schien die Produktion von pädogenetischen und Puppenlarven
in geringerem Maße vor sich zu gehen und dafür Wanderer in großen
Mengen erzeugt zu werden.
Ich ließ die Tiere über 2 Wochen in dem Wasser liegen, ohne
daß sie zugrunde gingen. Zwar lagen sie regungslos und wie tot
da, erholten sich aber, auf feuchte Borke gebracht, sehr schnell,
nahmen am folgenden Tage Nahrung auf und gingen zur Produktion
neuer Larven über.
Polymorphismus bei den Larven von Miastor metraloas. 87
Derartige Feuclitigkeitsversuche habe ich einigemale wieder-
holt, auch an solchen Kolonien, in denen alle Larvenformen reichlich
vorhanden waren. Änderte man bei derartigen dem Lichte ausge-
setzten Kulturen die äußeren Verhältnisse, indem man die Stamm-
teile reichlich feucht hielt, so traten zunächst die Wanderer ganz
allgemein ihren Ausmarsch an. Ihnen folgten die jungen pädogene-
tischen Larven, die den jetzt unzweckmäßig gewordenen Wohnplatz
aufgaben. Sie hielten mit ihrer Wanderung aber ein, sobald das
übermäßige Wasser entfernt worden war, die örtlichen Verhältnisse
also günstiger wurden. Die Wanderer kamen dagegen erst nach
längerer Zeit zur Ruhe. Die Puppenlarven beteiligten sich meist
nicht an den ^^'anderungen. Hielt man eine Kultur, in der sich
alle Larvenformen befanden, trocken (vgl. S. 76), so bohrten sich
die Wanderer außer denen, die auch jetzt fortzogen, tief in die Borke
hinein, mit ihnen die pädogenetischen Larven jungen und mittleren
Alters. Die älteren Mutterlarven blieben an ihrem Standorte liegen.
Ein Teil der ausschlüpfenden jungen Generation, der an dem dunkel
gehaltenen Stellen der Kulturen geboren wurde, schlug auch den Weg
in das Innere der Holzteile ein. Daneben kam es an den dem Licht
ausgesetzten Stellen der Kolonien reichlich zur Bildung von Puppen-
larven. Diese und ihre Mütter blieben liegen, und die Puppen ließen
bei der Trockenheit, besonders wenn noch Wärme hinzukam, die
Imagines sehr bald entschlüpfen.
So w^ar jedesmal eine Kultur, die längere Zeit hindurch nicht
befeuchtet war, bald auf der Oberfläche von allen Larven befreit,
die dann in größerer oder geringerer Tiefe der Borke wieder an-
getroffen wurden. Selbst wenn die Borke vollständig ausgetrocknet
war, hielten sich die Tiere, vor allem die Wanderer, in dieser Um-
gebung monatelang am Leben.
Im Anschluß an die Feuchtigkeits versuche möchte ich noch die
von Schneider und Kaesch gemachten Beobachtungen erwähnen,
die die Fähigkeit der iH/as/or-Larven, im Wasser lange Zeit lebend
auszuhalten, zeigen. Wie bereits in der Einleitung (S. 63) gesagt
wurde, fand Schneider in den Gruben des Potschappel-Burgk'schen
Steinkohlenreviers Miastor-Ls.r\eu, die hier zu ständigen Wasser-
oder P'euchtigkeitsbewohnerinnen geworden waren. Einen ähnlichen
Fall beobachtete derselbe Forscher bei der Untersuchung der Halle-
schen Braunkohle-Schachtwässer, in denen er zahlreiche weiße Ceci-
domyidenlarven fand, die wohl auch aus unterirdischen Pilzen
gg Fritz Springer,
stammten. Von diesen lebten einige über 2 Jahre lang in bloßem
Wasser, das einen Bodensatz von Koblepulver enthielt.
Auch RÜBSAAMEN erwähnt in seiner „Lebensweise der Ceci-
domyiden" die große Widerstandsfähigkeit der Larven dieser Familie
gegen das Wasser wie auch gegen das Vertrocknen.
Um genaueren Aufschluß über die weiteren Schicksale der
Wanderer, ihr Verhalten zum Licht usw. zu erhalten, stellte ich
(10. Februar 1913) folgenden Versuch an. Auf zwei nebeneinander-
gestellte Tische wurden lange Handtücher gelegt, deren Enden in
ein Wasser enthaltendes Gefäß tauchten, auf die Handtücher kam
feines Fließpapier. So wurde dieser Boden immer gleichmäßig feucht
gehalten, ohne daß sich stehendes Wasser bildete. Li die Mitte des
Tisches wurde eine große Zahl Wanderer gesetzt, die auf dem
feuchten Grunde nicht austrocknen konnten. Ungefähr 45 cm von
diesem Haufen Larven befand sich sowohl nach der Lichtseite
(Fenster) wie nach der mehr im Dunkeln liegenden Seite je ein
Stück nicht infiziertes Birkenholz mit Rinde von einem alten ge-
fällten Stamm aus dem Institutsgarten. Die Holzstücke waren
vorher von allen Lebewesen durch sorgfältiges Reinigen und Wässern
befreit, der Stamm hatte auch nie Miastor-Ls.rYen enthalten. Schon
am nächsten Tage hatten sich die Larven nach verschiedenen Rich-
tungen hin verstreut, die Hauptmasse lag aber noch zusammen auf
dem alten Fleck. Nach 3 Tagen (11. Februar) waren beide Holz-
stücke mit einigen Larven besetzt, die sich sofort an die Nahrungs-
aufnahme machten. Leider schien der Boden (Fließpapier) ungünstig
für das Kriechen zu sein, und ich glaube, wenn ich Erde als Unter-
lage verwendet hätte, würde das Resultat noch besser gewesen
sein. Ein Stückchen Holz, das ich auf einem Stück Fließpapier in
15 cm Entfernung von einem Wandererhaufen hinlegte, war schon
nach einigen Stunden stark von Larven besetzt und nach ein paar
Tagen ganz zersetzt und zerfressen.
Auch die beiden in größerer Entfernung liegenden Holzstücke
infizierten sich immer mehr und waren bald (15. Februar) mit einer
großen Menge eingewanderter Larven besetzt. Eine Bevorzugung
der im intensiveren Lichte gelegeneu Holzborkestücke konnte nicht
festgestellt werden.
Diese von Wanderern infizierten Holzstücke wurden nun als
gesonderte Zucht weiter beobachtet und dabei gefunden, daß die
meisten der Larven sich sofort imd kräftig an die Nahrungsauf-
nahme machten. Nach kürzerer Zeit (24. Februarl hatte ein Teil
Polj'inoriJhismus bei den Larven von Miastor nietraloas. 89
von ihnen bereits die gelbe Farbe verloren, reichlich Fett ange-
sammelt und war durch dieses weiß gefärbt. Diese Tiere lagen zu
den besprochenen charakteristischen Fraßfiguren auf dem Holze ver-
eint, krochen nur wenig umher und begannen pädogenetisch eine
neue Generation heranzubilden, die nicht wieder Wanderer, sondern
weiter junge pädogenetische Larven erzeugte. Eine direkte Bildung
von Puppenmüttern kam nicht vor.
Der geringere Teil der Wanderer hatte Form und Farbe bei-
behalten, fraß jedoch auch und wuchs bis zu 1,9 X 0,19 mm heran,
ohne jedoch im Gegensatze zu dem eben besprochenen Teile der
Wanderer zur Pädogenese überzugehen. Sie krochen (im Gegensatz
zu den zur Pädogenese übergegangenen Larven) rege umher und
bohrten sich in das Holz ein. In der Tiefe des Holzes befand sich
eine große Zahl von ihnen.
Während in der folgenden Zeit (Mitte Juli) immer mehr
Wanderer zur Pädogenese übergingen und die Kolonie sich wie eine
typisch pädogenetische verhielt, fand ich noch Ende Juli Wanderer
in der Borke, die sich nicht verändert hatten, sondern nur ge-
wachsen waren (2,3 X 0,2 mm). Sie bildeten in der Tiefe der Borke,
zu Gruppen von Individuen vereinigt, eine Dauerform, deren außer-
ordentliche Widerstandsfähigkeit bemerkenswert ist. Die Tiere
können es hier monatelang aushalten.
6. Ergebnisse der Zuchten.
Wir unterscheiden 3 Larvenformen: tj^pisch pädogenetische Larven,
Puppenlarven und Wanderer. Die uns am meisten hier interessierende
Frage ist die nach der Ursache oder nach den Bedingungen für die
Entstehung dieser verschiedenen Formen. G. W. Müller hat die
Anschauung ausgesprochen, daß Puppenlarven unter dem Einflüsse des
Lichtes entstehen. Ähnliche Anschauungen vertrete ich für die
Wanderer. Entscheidend müßten in dieser Beziehung Parallel-
versuche sein zwischen Kolonien, die dem Licht ausgesetzt sind,
und solchen, die im Dunkeln gehalten werden. Aber der in diesem
Sinne angestellte Versuch (vgl. S. 82-84) ist nicht rein und kann
nicht rein sein. Die im Dunkeln gehaltenen Larven müssen doch von
Zeit zu Zeit nachgesehen und dabei der Wirkung des Lichtes aus-
gesetzt werden; abgesehen davon scheint auch ein Fehler in der An-
ordnung des Versuches vorgekommen zu sein. Immerhin sehen wir
bei den dem Licht ausgesetzten Kolonien alle Individuen zur Pro-
90 Fritz Springer,
duktioii von Puppenlarven oder von Wanderern übergehen, während
beide Formen in den Dunkelkolonien sehr selten blieben.
Man könnte nach der vorgetragenen Theorie erwarten, daß in
Kolonien, die dem Lichte ausgesetzt sind, stets alle Individuen zur
Produktion von Puppenlarven oder Wanderern übergingen. Das
ist nicht immer der Fall. Wenn nur ein Bruchteil oder zunächst
überhaupt keine Individuen dazu übergehen, so erklärt sich das daraus,
daß die Tiere, veranlaßt durch die tactische Eeaktion, in die Tiefe
eindringen, sich der Einwirkung des Lichtes entziehen. Wie Ver-
suche zeigten (S. 76), können die Tiere sich in dem Maße aus dem
Wirkungsbereiche des Lichtes entfernen, daß es überhaupt nicht
zur Bildung von Puppenlarven oder Wanderern kommt.
Sehr deutlich für eine Einwirkung des Lichtes spricht der Ver-
such S. 77. Wie wir uns die Einwirkung des Lichtes in der Natur
vorzustellen haben, scheint einigermaßen der S. 81 wiedergegebene
Versuch darzulegen. Danach erfolgt keine Produktion von Wanderern
und Puppenmüttern, resp. Puppenlarven, solange Holz- und Borke-
stücke dicht aufeinander liegen. Sobald sie sich wenig voneinander
abheben, beginnt die Einwirkung des Lichtes, ohne daß die Larven
durch den Tangoreflex (tactische Reaktion) zu einer Flucht vor dem
Licht veranlaßt werden. In diesem Falle verwandeln sich dann
alle Individuen zu Puppenmüttern, Puppenlarven und Wanderern.
Ferner sind hier auch die Versuche von G. \\. Müller zu er-
wähnen.
Diese Versuche scheinen auch eine andere Frage zu beantworten,
nämlich die, ob etwa nur gewisse Individuen der Einwirkung des
Lichtes zugänglich sind oder sämtliche. Nach den eben genannten
Versuchen würden sämtliche Individuen der Einwirkung zugäng-
lich sein.
Alle Versuche über die Einwirkung des Lichtes leiden unter
einer Schwierigkeit. Es ist nicht möglich, einzelne Tiere zu isolieren
und unter verschiedenen Bedingungen zu beobachten. Man würde
dabei die natürlichen Existenzbedingungen zu sehr verändern. Andrer-
seits wirkt der mehrfach erwähnte Tangoreflex überaus störend.
Immerhin glaube ich, daß durch die Versuche der Nachweis geliefert
ist, daß Puppenlarven und Wanderer lediglich unter dem Einfluß
des Lichtes entstehen. Wovon es abhängt, ob die eine oder andere
Form gebildet wird, werden wir weiter unten sehen.
Bezüglich des Wandererversuches habe ich kurz folgendes zu
bemerken. Die Wanderer werden bei Lichteinfluß von pädogene-
Polymorphismus bei den Larven von Miastor metraloas. 91
tischen Mutteilarven gebildet. Sie stellen eine Art Dauerform dar,
bestimmt, die Kolonien unter ungünstigen Bedingungen zu erhalten,
wie sie andrerseits durch ihr Auswandern für die Weiterverbreitung
der Art in der näheren Umgebung sorgen. Erst wenn sie sich
dauernd an einem Orte festgesetzt haben, gehen sie allmählich zur
Pädogenese über. Die gelbe Farbe verschwindet, und in den Ova-
rien beginnt die Entwicklung der Eier in gleicher Weise wie bei
den typisch pädogenetischen Tieren, von denen sie sich dann nicht
mehr unterscheiden. Ihre Tochterindividuen sind stets typisch pädo-
genetische Larven, eine direkte Entwicklung der Wanderer oder
ihrer unmittelbaren Nachkommen zu Puppenlarven habe ich nie be-
obachtet.
Ein gewisser Feuchtigkeitsgrad der Umgebung ist für die Kolo-
nien notwendig. Beginnt die Oberfläche der Holzteile auszutrocknen,
so erfolgt eine Wanderung der Larven in das Innere, das immer
noch lange Zeit etwas Feuchtigkeit bewahrt. Zuviel Feuchtigkeit
vertreibt die Larven von ihren Aufenthaltsorten. Ausgenommen
sind hier die bewegungsunfähigen Mutterlarven sowie die ruhenden,
sich umbildenden Puppenlarven und Puppen. Ein Übermaß von
Trockenheit sowohl wie von Feuchtigkeit können die äußerst wider-
standsfähigen Larven lange Zeit überstehen, doch wirken diese
Umstände hemmend auf die pädogenetische Vermehrung ein. Diese
Fortpflanzung ist überhaupt am stärksten, wenn in der betreffenden
Kolonie nur die pädogenetische Larvenform vorhanden ist, sie sich
also im Dunkeln befindet.
7. Erklärung der Torgäiige im Freien.
Im Sinne der soeben ausgeführten Theorie läßt sich nun auch
eine Erklärung für die Vorgänge im Leben der Miastor-h-dwen in
der freien Natur geben. Die im September angetroftenen Larven-
kolonien befinden sich unter der Borke der Baumstümpfe sowohl
über wie unter Erdbodenhöhe. Da die Rinde stets dicht am Holze
anliegt und der Stamm meist von Gras und Moos umgeben ist,
herrscht in der Umgebung der Tiere völlige Dunkelheit. Die
Larven sind durchweg pädogenetisch und in starker Vermehrung
begriffen. Der Frost bringt die Winterstarre der Tiere, die bis
Ende Februar anhält; während dieser Zeit wird die pädogenetische
Vermehrung völlig eingestellt. Mit dem Eintreten der wärmeren
Tage beginnt auch wieder die Fortpflanzung, die bis Mitte Mai
92 Fritz Springer,
gleich bleibt. Die nun schon stärker einwirkende Frühlingswärme
bedingt eine Lockerung der Holz- und Rindenteile des Baumstumpfes,
so daß das Licht eindringen kann. Durch den Einfluß des Lichtes
kommt es in den Kolonien zur Bildung von Puppenmüttern, die
vermöge ihrer positiv-heliotropischen Eigenschaft dem Lichtschimmer
nachgehen, also stammaufwärts wandern und immer mehr in den
Einfluß des Lichtes gelangen. Das Klaffen der Rinde veranlaßt
andrerseits wieder pädogenetische Larven, ihrer tactischen Reaktion
zu folgen und tiefer zu wandern. Sehr tief gelegene Kolonien werden
überhaupt nicht vom Licht erreicht. So ergeben sich Ende Mai an
denselben Baumstümpfen zwei getrennte Gruppen von Kolonien;
unterhalb der Erdbodenhöhe befinden sich im Dunkeln die pädo-
genetischen Larven, während oberhalb des Erdbodens im Bereiche
des Lichtes die Puppenlarven-Ansammlungen sind. Die Puppenlarven
selbst setzen vom Licht angezogen ihre Wanderung nach der Schnitt-
fläche des Stumpfes fort (vgl. S. 73).
Durch die wärmere Temperatur wird die Rinde immer mehr
gelockert und rissiger, so daß Licht auch in größere Tiefen ein-
dringen kann.
Die Puppenlarven sind auf ihrer Höhenwanderung an die Risse
der Borke gelangt und haben sich hier, an der inneren Mündung
des Lichtschachtes, verpuppt, von wo aus für die Imagines der Weg
ins Freie ziemlich offen daliegt. Die ausschlüpfenden Imagines, die
in den ersten Junitagen häufig beobachtet werden können, zwängen
sich durch die Spalten hindurch und fliegen im Sonnenschein leb-
haft davon. Sie zeigen sich hier, wie auch bei den Zuchten im
Institut, positiv-heliotropisch, indem sie sich durch enge Spalten und
Risse zum Lichte hindurchzwängen.
Zugleich mit der Entwicklung von Puppenmüttern kommt es
in den lichtbeeinflußten Kolonien zur Bildung von Wanderern, die,
zu eigenen Gruppen vereint, teils in Erdbodenhöhe unter der Rinde
bleiben, teils nach oben streben, um hier die Rinde zu verlassen,
an der Außenseite des Stammes in mehr oder weniger starken
Zügen herabzuwandern und sich in der Umgebung zu zerstreuen.
Die kleinen gelben Wanderer erhalten derart den alten Wohn-
platz, indem sie sich an ihm als Dauerform niederlassen; andrer-
seits sorgen sie durch ihr Auswandern für Neugründungen von
Kolonien in der näheren Umgebung und tragen dadurch, wie die
Imagines, zur Verbreitung der Art bei.
Ende Juli haben sich die vom Lichte getroffenen Kolonien zu
Polymorphismus bei den Larven von Miastor metraloas. 93
Puppenlarven verwandelt, das Ausschlüpfen der Imagines ist be-
endet. Unter der Borke befinden sich jetzt im Bereiche der Dunkel-
heit nur noch Kolonien der pädogenetischen Form sowie die Gruppen
der Wanderer, die sich allmählich zu pädogenetischen Larven um-
wandeln.
Durch die im Juni erfolgende Ablage der wenigen (2—5)
großen Eier durch die Weibchen kommt es zu Neugründungen von
Kolonien an weiter entfernten Baumstümpfen. (Der vorhandene
große Nahrungsvorrat der Eier befähigt die ausschlüpfenden Larven,
bald zur Pädogenese überzugehen.)
8. Interschiede der eiuzeluen Larvenformeu.
Da die Anatomie der pädogenetischen Larven von Miastor
metraloas schon von den älteren Autoren eingehend beschrieben
worden ist, will ich außer Berichtigungen nur die unterscheidenden
Merkmale der einzelnen Larvenformen bringen. Was allgemein
gültig ist, führe ich bei der Beschreibung der typisch pädogene-
tischen Larve mit auf.
Die typisch pädogenetischen Larven besitzen, wenn
sie dem Muttertiere entschlüpfen, eine durchschnittliche Größe von
1,35X0,16 mm (ihre Maße schwanken zwischen 1,2 X 0,128 und 1,4 X
0,17 mm). Der aus 14 Segmenten bestehende Körper ist spindelförmig
und trägt ventral am 1. Segment an einer Kopf kapsei die Mundwerk-
zeuge. Die Kopf kapsei (Taf. 1 Fig. 10—12) besteht aus einem kompli-
zierten System von Chitinspangen, sie trägt die Antennen und die
Reste der mit ihr ziemlich vollständig verschmolzenen Mundwerk-
zeuge. Eine Deutung der einzelneu Teile des Mundes ist wegen der
hochgradigen Verschmelzung und der geringen Größe des Kopfes
schwierig. Es ließen sich höchstens eine verdickte Oberlippe, zwei
kieferartige Gebilde und eine sehr stark umgeformte Unterlippe er-
kennen, aber diese Deutung ist sehr unsicher.
Der Darm zerfällt in 3 deutlich getrennte Abschnitte. Der
schlauchförmige Vorderdarm bildet nur wenig Schlingen (oft nur
eine) und reicht bis zum 5. Segment. Der viel dickere Mitteldarm
ist gerade gestreckt und mit Anhangsdrüsen versehen, er reicht bis
in das 10. Segment. Ihm schließt sich der wieder dünne Enddarm
an, der sich mehrfach in Windungen legen kann.
94 Fritz Springer,
Ein Paar, bei den typisch pädogenetischen Larven sehr umfang-
reiche, Speicheldrüsen (Taf. 1 Fig. 1, Taf. 2 Fig. 14 S. D) liegen im b. und
6. Segment seitlich vom Darm. Jede von ihnen ist im gut entwickelten
Zustande deutlich in 2 Teile gesondert, die winklig gegeneinander
geneigt liegen. Die zwei aus den Speicheldrüsen entspringenden Vasa
efferentia ziehen die größte Strecke ihres Weges voneinander getrennt
unter dem Gehirn entlang und vereinigen sich zu einem einzigen
Gange, der erst kurz vor der Mundöffnung in den Schlund mündet.
Ein eigentliches Fressen oder Benagen des Holzes findet nicht statt,
da die Beschaffenheit der Mund Werkzeuge dies nicht zuläßt. Die
Tiere benetzen mit dem holzlösenden Secret der Speicheldrüsen
die Fraßstellen, um dann die in Lösung gegangene Nährmasse auf-
zusaugen. Eine Folge dieser Ernährungsart sind die charakte-
ristischen Fraßfiguren, die schon ihre Würdigung fanden (S. 72).
Durch die Mundöffnung gelangt die Holzlösung in den ziemlich
langen Ösophagus, der bei Larven jugendlichen und mittleren Alters
in fast beständiger saugender Bewegung ist.
Bei seinem Übergange in den Mitteldarm ragt der Ösophagus
ein Stück weit in diesen hinein und besitzt hier ein von Kahle auf-
gefundenes Ventil. Der gerade Mitteldarm (Taf. 1 Fig. 1 M. D) gliedert
sich in 2 Teile, von denen der erste eine ziemlich gleich dicke Röhre
von dem 4 — 5 fachen Durchmesser des Ösophagus bildet. Am Ende des
ersten Drittels seiner Länge liegen symmetrisch 2 Anhangsorgane,
jedes aus einem kleineren nach vorn und einem größeren rückwärts
gerichteten Blindsack gebildet. Der zweite Teil des Mitteldarmes
ist von länglich-ovaler Gestalt und mehr oder weniger blasenartig
erweitert. Gegen sein Ende läuft er spitz zu und nimmt an der
Übergangsstelle in den Enddarm die 4 MALPiam'schen Gefäße auf.
Die Darmwand wird gebildet aus großen vier- oder vieleckigen
Zellen, die einen großen Kern führen.
Der Enddarm ist eine Röhre ungefähr vom Querschnitt des
Ösophagus ; sie führt mit einigen Windungen in den etwas erweiterten
After, der von den erwähnten Analklappen begrenzt wird.
Bereits älteren Beobachtern war ein merkwürdiger Darminhalt
aufgefallen. So berichtet Wagnee von einer vom Tractus intestinalis
unabhängigen farblosen Röhre, die die Schleimhaut zu vertreten
schien. Durch vielfache Windungen erreichte die Röhre eine viel
bedeutendere Länge, als sie das ganze Tier besaß. Ihr Inhalt war
bei jüngeren Tieren gelblich, erhärtete und färbte sich bei älteren
braun, besonders bei Mutterlarven. Nach Wagnek's Vermutungen
Polymorphismus bei den Larven von Miastor metraloas. 95
ist durch dieses Gebilde eine Verlängerung des Darmes zur besseren
Ausnützung der Nahrung geschaffen. Pagenstecher hält die Röhre
nicht für „einen Teil der Organisation des Darmkanales", sondern
für ein striiktui'loses hautartiges Gebilde, vielleicht ein Secret der
Magenspeicheldrüsen, das die Nahrung umhüllt. Auch Kahle findet
in dem durch gelbliche Färbung hervortretenden Mitteldarm ein
gelbes Secret von ziemlich zäher Konsistenz, das oft in Form von
scharf umrissenen zickzackförmigen Strängen erscheint. Die anderen
Beschreiber der ilf/«sfor-Larve haben eine derartige Eöhre nicht ge-
funden, und Ganin hebt das Fehlen ausdrücklich hervor.
Es gelang mir, diesen merkwürdigen Darminhalt bei allen pädo-
genetischen Larven, aber auch nur bei diesen, nachzuweisen; nur
ganz junge pädogenetische Tiere besaßen ihn noch nicht.
Er tritt nach einer kurzen Zeit bei den jungen Tieren als voll-
kommen durchsichtiges einfaches Band auf, das, aus dem ersten Teile
des Mitteldarmes kommend, in den zweiten hineinragt; es ist in
diesem Zustande leicht zu übersehen. Das Band legt sich dann am
Ende des blasenartigen Darmes in einigen Schlingen zusammen und
verfärbt sich gelblich, wodurch der gefärbte Inhalt von der durch-
sichtigen gleichartigen Umhüllung unterscheidbar wird. Mit dem
Alter der Larve verlängert sich das Band, neue Schlingen legen
sich zu den alten, und der Inhalt wird zäher und kräftiger gefärbt.
Die Ablagerung der Schlingen geschieht ganz regelmäßig, durch
den Druck der neu hinzutretenden Schlingen werden die alten fester
zusammengepreßt, und die Umkehrungsstellen erscheinen eckig. Man
hat den Eindruck, als ob es sich um Pilzhyphen handle, deren
Aufnahme natürlich schon durch die rein saugende Tätigkeit der
Mund Werkzeuge ausgeschlossen ist ; außerdem versagt jegliche Cellulose-
reaktion.
Man kann sich gute Präparate des Bandes verschalten, indem
man den herauspräparierten Mitteldarm an beiden Enden mit Nadeln
faßt und auseinanderzieht. Der Knäuel fällt dann heraus und läßt
sich bei vorsichtiger Behandlung leicht als ein zusammenhängender
Faden auseinander wickeln. Der Faden nimmt wenig mehr Farbe
an als das Chitin der Haut, Zellen und Kerne können nicht fest-
gestellt werden. An den Umkehrungsstellen kann man erkennen,
daß der Querschnitt des Bandes eher flach-oval als kreisförmig ist.
Die beste Erklärung dieses Gebildes scheint mir die zu sein,
daß es sich um die peritrophische Membran handelt. Diese
96 Fritz Springer,
dürfte hier, wie bei anderen Insecten, ausgestoßen werden, solange
dei- Enddarm funktioniert. Der Enddarm scheint bei den typisch
pädogenetischen Larven nur kurze Zeit durchlässig zu sein, und
zwar im jugendlichen Stadium; es findet sich bei diesen Maden keine
Ablagerung der Membran. Bei älteren pädogenetischen Tieren jedoch,
bei denen die Eier bereits das Ovar verlassen haben und sich in
der Leibeshöhle weiter entwickeln, ist der Enddarm sicher undurch-
lässig und erfährt schließlich mit anderen Organen eine (gleich zu
besprechende) Auflösung. Von diesem Stadium an wird nun in den
Larven die peritrophische Membran, die schließlich nur noch Un-
verdauliches enthält, im Darme selbst abgelagert. Mit zunehmendem
Alter vergrößert sich die Menge des abgelagerten Bandes immer
mehr, bis es dann bei alten Mutterlarven das ganze Lumen des
Mitteldarmes erfüllt. Wenn die Organe der Mutterlarven nach und
nach aufgelöst werden, bleibt der erhärtete Darminhalt unverändert
bestehen, und man findet daher in den Häuten längst abgestorbener
und von den Tochterindividuen verlassener Tiere dieses gelbe Ge-
bilde, das die Form des umgebenden Darmes angenommen hat
(Taf. 1 Fig. 7 M.B). Es ist mit den Tracheen der einzige
Rest, der von dem gesamten Körperinhalt der Made in der leeren
Haut zurückbleibt; er ruft zunächst den Eindruck einer Chitin-
verdickung hervor. Bisweilen sieht man, daß diese Reste aus
nebeneinanderliegenden und zusammenhängenden Bändern gebildet
werden, meist ist die Aneinanderlagerung so dicht, daß man nur
eine gelbe (bis braune) gestreifte Masse wahrnimmt. Mit ziem-
licher Regelmäßigkeit ist an den verlassenen Häuten der letzte
erweiterte Teil des Mitteldarmes so erhalten, daß er das Aus-
sehen einer Keule hat. Doch findet man auch häufig den ganzen
Mitteldarm mit den Darmblindsäcken von dem Bande ausgefüllt, so
daß dadurch ein Bild des Verdauungstractes von dem Darmventil
an bis zur Einmündungssteile der MALPiom'schen Gefäße entsteht.
Die MALPiGHi'schen Gefäße, der Ösophagus und der Enddarm sind
nie mit den gelben Resten erfüllt; nur selten sieht man noch rudi-
mentäre Partikel von ihnen.
Am Ende des 14. Segments liegt der After, neben dem 2 symme-
trische Analklappen stehen, welche weit vorstreckbar sind und auch
wieder vollständig in das Segment zurückgezogen w^erden können,
wodurch der Enddarm geschlossen wird. Ferner umgeben den After
kranzförmig 6 bewegliche Chitinhaken.
Polymorphismus bei den Larven von Miastor metraloas. 97
Ein g-ut ausgebildeter M u s k e 1 s c li 1 a u c li befähigt die
jungen Tiere zu lebhaften Bewegungen. Der Bewegung dienen
kleine Chitiuzähnchen, die in dicht hintereinanderliegeuden Quer-
reihen angeordnet sind und die Made gürtelartig umgeben. Sie
fehlen dem 1., 3. und 14. Segment (Kopf nicht als Segment gerechnet),
befinden sich im 2. am hinteren Rande, während sie sonst am Vorder-
rand jeden Segments stehen. Es sind durchschnittlich je 10 Quer-
reihen vorhanden, dorsal etwas weniger, während in der Mitte der
ventralen Seite die Zahl etwas höher ist. Die Chitinspitzen sind
sowohl auf der Bauch- wie Rücken seite entwickelt, zum Unterschiede
von anderen sehr nahe stehenden Cecidomyidenlarven, die solche
Spitzen nur ventral tragen und nur auf einer „Unterlage" leben.
Diese Tatsache steht im Zusammenhang mit der bereits erwähnten
tactischen Reaktion (Tangoreflex) der jungen typisch pädogenetischen
Larven, durch die die Tiere zum Aufenthalt in engen Rillen und
Spalten des Holzes und der Borke gezwungen sind. Da in solchem
Falle die dorsale wie die ventrale Seite der Made an das umgebende
Holz stößt und für die Fortbewegung in Betracht kommt, so sind
auch an beiden Seiten die Chitinspitzen vorhanden. Fühlt sich die
Larve nicht zugleich dorsal und ventral mit der Umgebung in Be-
rührung, so sucht sie sich eine derartige Berührungsfläche zu ver-
schaffen. Daß nicht eine Flucht vor dem Lichte die Ursache des
Tiefwanderns ist, wurde durch Versuche bewiesen.
Bei dem gegenseitigen Verschieben der Segmente, dem Aus-
strecken und Zusammenziehen der Larve, werden die Spitzen nach
Bedarf gegen die Unterlage gedrückt und liefern dadurch die Stütz-
punkte zur Fortbewegung. Eine ähnliche Aufgabe haben die in
der Umgebung des Afters gelegenen Chitinhäkchen, die, ins Holz
eingeschlagen, durch Zusammenziehen der Made deren Rückwärts-
bewegung bewirken. Die Häkchen können in das Segment zurück-
gezogen werden.
Eine weitere Bewegungsart ist außer dem schon erwähnten
Fortschnellen (vgl. S. 72) folgende: der spitze und stark chitini-
sierte Kopf (mit dem 1. Segment) wird gegen das 2. Segment zurück-
gebogen und gegen die Unterlage gedrückt; er bildet jetzt den Stütz-
punkt zum Nachziehen der anderen Segmente, die dabei teilweise
ineinandergeschoben werden. Ist dies geschehen, so faßt das Tier mit
dem letzten Segment festen Fuß und dehnt den Körper in der Rich-
tung nach dem Kopfe wieder aus. Die große Beweglichkeit des
Kopfes und des 2. Segments sowie das Zurückziehen dieser beiden
Zool. Jahrb. XL. Abt. f. Syst. 7
98 Feitz Springer,
Segmente in die folgenden wird durch eine im 2., 3. und 4. Segment
besonders stark entwickelte Muskulatur ermöglicht. Diese und die
vorher beschriebene Art der Fortbewegung gehen meist Hand in
Hand.
Das Nervensystem (Taf. 2 Fig. 14 — 16) ist gut entwickelt. Zu
erwähnen ist ein großes Ganglion, daß dem eigentlichen Gehirn vor-
gelagert ist und als Träger der Augen fungiert (Ganglion opticum).
Dieses Ganglion liegt im 2. Segment und ist von dreiteiliger, herz-
förmiger Gestalt. Die Augen sind eiförmige Gebilde, deren untere Hälfte
mit violettrotem Pigment angefüllt ist, das dem ganzen Gebilde seine
Farbe gibt. Über dem gefärbten Teile liegt eine sehr durchsichtige
Linse, die schwer zu sehen ist. Da der Pigmentbelag an den Wänden
vorn und hinten weit heraufreicht, so erscheinen die Augen in ge-
neigter Lage wegen der Durchsichtigkeit der Linse bohnenförmig.
Bei den typisch pädogenetischen Larven sind nun die beiden Augen
dicht aneinandergelagert und berühren sich mit den einander zuge-
kehrten Seiten, so daß die bekannte X-Form erscheint.
Der Fettkörper (Corpus adiposum) läßt lange Zeit einen
kleinen isoliert liegenden Teil von viereckiger bis ovaler Gestalt
gleich hinter dem Gehirn im 4. und 5. Segment unterscheiden.
Weitere langgestreckte Lappen finden sich symmetrisch zur Sagittal-
ebene angeordnet, sie behalten ihre scharf umrissene Form nur
kurze Zeit. Hat die Larve eine Größe von 1,6 X 0,168 mm erlangt,
so haben die seitlichen Lappen derart an Masse zugenommen, daß
sie sich dicht aneinander lagern, teilweise ineinander übergehen und
wie eine einheitliche Fettmasse wirken. Zugleich geht eine Ver-
änderung mit den Fettropfen vor sich, auch diese nehmen an Menge
und Größe zu und bewirken mit der allgemeinen Ausdehnung des
Fettkörpers ein Undurchsichtigwerden der pädogenetischen Larve
mittleren Alters. Die glasige Durchsichtigkeit der Jugend ist damit
verschwunden, und an ihre Stelle ist eine durch das Fett bedingte
milchig weiße Farbe getreten. Über die Auflösung des Fettkörpers
berichte ich weiter unten im Zusammenhange mit der Auflösung
der anderen Organe.
Am hinteren Ende zweier seitlicher Fettlappen liegen, mit dem
Fettkörper eng verbunden, die beiden Ovarien als helle, ovale
Ballen. Sie sind im Anfangsstadium so durchsichtig, daß es leicht
zu verstehen ist, wenn die ersten Beobachter sie nicht fanden. Da
Polymorphismus bei den Larven von Miastor metraloas. 99
sie mehr als die anderen Organe Farben annehmen, sind sie durch
Färbung leicht sichtbar zu machen. Die Eifollikel sind dann gut
zu erkennen. Auf die Entwicklung- des Eies und des Embryos
innerhalb und dann außerhalb des Ovars will ich nicht eingehen,
da hierüber die ausführliche Arbeit Kahle's berichtet, auf die ich
verweise.
Veränderungen der pädogeneti sehen Larve. Die
Zeit der Aufnahme der pädogenetischen Fortpflanzung bei den
jungen geschlüpften Larven und die ganze Zeitdauer vom Aus-
schlüpfen einer Generation bis zum Gebären einer neuen kann nicht
allgemein angegeben werden, da sie von den äußeren Umständen
der betreffenden Kolonie abhängig ist. Temperatur, Feuchtigkeit
und Nahrungsverhältnisse spielen eine große Rolle. Doch kann
man bei einer gut gedeihenden Kolonie beobachten, daß die ausge-
schlüpften Larven nach ungefähr 5 Tagen mit der Ausbildung einer
weiteren Generation beginnen und daß sich der Zeitraum zwischen
dem Ausschlüpfen zweier aufeinanderfolgenden Generationen auf
ungefähr 14 Tage (auch mehr) beläuft.
Beim Verlassen des Mutterleibes ist die junge Larve mit ihrer
Ausbildung fertig — auf den Vorgang des Ausschlüpfens komme
ich weiter unten zu sprechen — und weist bereits das haupt-
sächlichste Kennzeichen der jugendlichen pädogenetischen Form auf,
nämlich eine verhältnismäßige Durchsichtigkeit, die die Lage der
Organe deutlich erkennen läßt. Der Fettkörper wird aus einzelnen
gut begrenzten, langgestreckten Schläuchen gebildet, die aufge-
speicherte Reservestoffe in Form kleiner Fettröpfchen enthalten und
wegen ihres geringen Querschnittes und ilirer scharfen Umgrenzung
den Blick zwischen sich hindurch zu den anderen Organen frei
lassen.
Mit der Entwicklung der Embryonen gehen im Innern der
Mutterlarve Veränderungen vor sich, die sich am deutlichsten am
Fettkörper zeigen. Die Larve wächst während dieser Zeit noch
weiter, weniger durch eine Neubildung von Zellen als durch Ver-
größerung der alten, was sich besonders bei der Hypodermis ver-
folgen läßt, deren Zellen ihre ursprüngliche Größe bald um ein be-
deutendes übertreffen (Taf. 2 Fig. 23): von 0,026 auf 0,052 mm Durch-
messer.
Mit zunehmenden Alter wird die typisch pädogenetische Mutter-
larve in ihren Bewegungen immer träger und hört, wenn sie eine
J^QQ Fritz Springer,
Länge von 3 — 4 mm erreicht hat. mit der Nahrungsaufnahme durch
den Mund auf. Die meist zahlreichen Embryonen (5—30) sind
unterdes in ihrer weiteren Entwicklung in der Leibeshöhle weit
vorgeschritten und haben die Form junger Larven angenommen.
Jetzt löst sich der Fettkörper auf, und die Fettröpfchen zerstreuen
sich, die Leibeshöhle ist mit einer Flüssigkeit erfüllt, die infolge
der vielen in ihr herumschwimmenden Fettropfeu verschiedenster
Größe ein milchig-getrübtes Aussehen besitzt. Während die Nähr-
flüssigkeit zur Weiterbildung der in ihr liegenden Embryonen ver-
braucht wird, hören in dem Muttertiere die Lebensfunktionen all-
mählich aut, das Herz schlägt kaum noch ; die Larve wird zu einem
regungslosen Sack. Mit der Aufzehrung der Reste des Fettkörpers
setzt eine Auflösung der weiteren Organe ein. Es verschwinden
das Herz und die Augen, der Vorder- und der Enddarm sowie die
Speicheldrüsen und MALPiGHi'schen Gefäße, desgleichen die gesamte
Muskulatur und das Nervensystem.
Die auffälligste Erscheinung in diesem Stadium bietet die
Hypodermis. Sie wird gebildet aus verhältnismäßig großen
Zellen (0,05 mm Durchmesser) von vieleckiger Gestalt, deren jede
einen großen Kern führt. Die Haut erscheint zu dieser Zeit durch
die Einlagerung zahlreicher Fettröpfchen getrübt. Zwischen diesen
Fettröpfchen markieren sich helle Linien, die polygonale Felder be-
grenzen. Diese Felder sind nichts anderes als die sehr großen
Hypodermiszellen mit eingelagerten Fettröpfchen, die an den Grenzen
der Zellen fehlen. Nicht immer sind die Hypodermiszellen so groß.
Bei jugendlichen Larven haben sie nur eine Größe von 0,02—0,03 mm,
da sie sich aber beim Wachstum des Tieres nicht vermehren, ledig-
lich an Größe zunehmen, erreichen sie schließlich den erwähnten
Durchmesser.
Woher kommen diese Fettropfen in den Hypodermiszellen? Die
nächstliegende Annahme ist natürlich die, daß sie aus dem aufge-
lösten Fettkörper oder aus den zerfallenden Organen stammen. Ich
bemerke schon hier, daß es sich wahrscheinlich um aus der Um-
gebung aufgenommene gelöste Nahrung handelt. Wir müssen be-
denken, daß sich die Tiere in einer Lösung von Holzstoft" befinden,
wie sie dem Tiere als Nahrung dient, der ganze Körper mit einer
solchen Lösung überzogen ist. Ich komme auf die Frage wiederholt
zurück.
Mit dem Eintreten der Reife der jungen Larven verschwinden
auch die Fettröpfchen in den Hj'podermiszellen und diese selbst.
Polymorpliisiims bei den Larven von Miastor nietraloas. 101
Von Imaginalscheiben ist zu keiner Zeit etwas zu sehen.
Das Muttertier ist schließlich nur noch ein Schlauch, der durch
die Flüssigkeit prall angefüllt ist und je nach Lage und Zahl der
Tochterindividuen ausgebeult erscheinen kann. Außer den Embryonen
enthält er nur harte Gebilde, die Tracheen und den Darminhalt,
zwischen denen größere und kleinere Fettropfen umherschwimmen.
Die bewegungslose Mutterlarve nennt Pagenstecher in seiner Arbeit
einen „Puppeuzustand", ein Ausdruck, der leicht Mißverständnisse
hervorrufen könnte und den ich deshalb nicht annehmen möchte.
Die Tochterlarven haben also das Ende ihrer Ausbildung in
dem Mutterkörper erreicht. Sie liegen in ihm von zwei Häuten
umhüllt; die äußere, das Amnion, ist von langgestreckter ovaler
Form, umgibt nur locker die junge Larve und ragt besonders am
Kopf und Afterende weit über das Tier hinaus. Sie besitzt weder
Chitinspitzen noch Mundwerkzeuge und Antennen. Die innere ist
die erste Körperhaut der jungen Larve, sie liegt ihr dicht an, be-
sitzt Mundwerkzeuge, Antennen, Chitinspitzenringe und Afterklappen
und -haken. Unter ihr wird kürzere Zeit vor dem Ausschlüpfen
eine neue Körperhülle gebildet.
Die Tochterlarven vollführen im Innern der Mutter Bewegungen,
die um so lebhafter werden, je näher der Zeitpunkt der völligen
Ausbildung und des Ausschlüpfens kommt. Durch solche seitlichen
Bewegungen zerreißt meist schon innerhalb der Mutterhaut die
äußere embryonale Hülle, aus denen sich das junge Tier, noch von
der enganliegenden, aber schon losen ersten Körperhaut umgeben,
herauswindet. Bei den sehr heftigen Windungen schlagen der Kopf
und die ersten Segmente gegen die stramm gespannte Mutterhaut, die
dadurch gesprengt wird, indem sich ein Riß durch ein Segment hin-
durch bildet. Diese Geburtsöffnung ist an keinen Ort gebunden,
doch liegt sie meist innerhalb der vorderen sechs Segmente. Durch
weitere schlängelnde und schlagende Bewegungen gelangen die
Larven aus der hinter ihnen zusammenschrumpfenden Mutterhaut
und veranlassen hier durch Zusammenziehen und Ausdehnen der
Segmente ein Zerreißen der ersten Körperhaut, aus der sie sich
dann ebenfalls herauswinden.
Gewöhnlich bleibt das Amnion im Muttersack zurück, während
die erste Körperhaut außen abgestreift wird. Es können auch beide
Hüllen schon innerhalb oder, in seltneren Fällen, beide erst außer-
halb der Mutter abgestreift werden. Ich vermute, daß bei der Ge-
burt der Tochterlarven Druckdifferenzen zwischen der im Innern
102 Fritz Springer,
des Miitterschlauches befindlichen Flüssigkeit und jener, die ihn um-
gibt, mitwirken, infolge deren die Haut so gespannt wird, daß sie
durch die Stöße der sich bewegenden jungen Larve leicht zum
Platzen gebracht werden kann. Benetzt man eine bewegungslose
mit reifen oder fast reifen Tochterindividuen gefüllte Mutterlarve
mit Wasser, so platzt die Haut, und die Geburt geht in kürzester
Zeit vonstatten.
In der von den Tochterindividuen verlassenen Mutterhülle
bleiben, wie schon erwähnt wurde, nur die Tracheen, der verhärtete
Darminhalt und, jedoch nicht immer, vereinzelte Fettropfen und die
Embryonalhäute der Tochterindividuen zurück.
Unter dem im vorhergehenden Teile beschriebenen Einfluß des
Lichtes kommt es zur Bildung von Puppenmüttern (Taf. 1 Fig. 2).
Sie gleichen anfangs vollständig den typisch pädogenetischen Mutter-
larven, Unterschiede machen sich erst geltend, wenn mit der Pro-
duktion von Tochterindividuen begonnen wird. Zunächst dürfte uns
auffallen, daß bei gewissen Individuen die Zahl der Tochterlarven eine
sehr geringe ist (2—5), besonders kleine Individuen bergen sogar nur
eine Tochterlarve. Beobachten wir derartige Individuen genauer,
so dürfte uns auffallen, daß sich unter ihnen sehr kleine Exemplare
befinden, kaum größer als ganz jugendliche pädogenetische Exemplare.
Die volle Größe der typisch pädogenetischen Mutterlarven erreichen
sie nie, sondern höchstens eine Größe von 3,2 X 0,5 mm. Wir stellen
weiter fest, daß die in solchen Individuen entstandenen Kinder
Imaginalscheiben tragen, also zu Puppen und Imagines bestimmt
sind, weshalb wir die Mütter als „Puppenmütter" bezeichnen.
Schließlich finden wir die Individuen im allgemeinen nicht in großen
Haufen beieinander, sondern sehr vereinzelt. Sie haben die Tendenz
sich zu zerstreuen und nach dem Lichte hin zu wandern. Ich gehe
auf die Unterschiede noch näher ein.
Die geringe Zahl der erzeugten jungen Larven wird entweder
dadurch bedingt, daß im Ovar der jungen Puppenmutter nur die
geringe Zahl der Eier zur Entwicklung gelangt, oder es entwickelt
sich eine größere Zahl von Eiern, die dann in der Leibeshöhle eine
Reduktion erfährt, indem hier nur 2 oder 3 Embryonen weiter ent-
wickelt werden, während die übrigen zerfallen. (Ein Zerfall von
Embryonen, der zur Reduktion der Zahl der Eier führt, kann nur
erfolgen, solange die Embryonen noch sehr klein sind.) Welcher
Polymorphismus bei den Larven von Miastor metraloas. ]03
von den beiden Wegen eingeschlagen wird, scheint nur von dem
Zeitpunkte der Lichtbeeinflussung abzuhängen.
Die geringe absolute Größe beweist, daß unter Einwirkung des
Lichtes Individuen zur Fortpflanzung iibergehen, die unter normalen
Verhältnissen noch eine längere Wachstumsperiode vor sich gehabt
hätten. Auf die biologische Bedeutung dieser Tatsache komme ich
weiter unten zurück.
Wenn die Puppenmütter durchweg beträchtlich kleiner sind,
nur eine Größe von 2,0 X 0,25 bis 3,2 X 0,5 mm erreichen, so scheint
das zu beweisen, daß mit der Bildung der Puppenlarven eine selb-
ständige Ernährung und ein Wachstum der Puppenmütter aufhört.
Ob wirklich jede weitere Ernährung und jedes weitere Wachstum
unterbleibt, lasse ich dahingestellt. Jedenfalls werden infolge des
Zerstreuens der Puppenmütter die Bedingungen für die Ernährung
sehr viel ungünstiger. Besonders bemerkenswert erscheint das Ver-
halten der Hypodermiszellen. Zunächst erreichen sie nicht die
gleiche Größe, nur 0,026 statt 0,052 mm, aber das erklärt sich zur
Genüge daraus, daß ja auch die Larve selbst nicht so groß wird.
Wir vermissen aber auch jede Ablagerung von Fettröpfchen in den
Hj^podermiszellen. Diese könnte aber auch nach der vorgetragenen
Anschauung nicht erfolgen, da ja das Tier nicht von gelöster Nah-
rung überzogen ist. Ich sehe in dieser Tatsache (in dem Fehlen
der Fettröpfchen in den Hypodermiszellen) eine wesentliche Stütze
für die oben ausgesprochene Annahme, daß bei den typisch pädo-
genetischen Mutterlarven eine osmotische Ernährung durch die
Hypodermiszellen erfolgt.
Die Puppenlarven (Taf. 1 Fig. 3, 4) sind so auffallend
von den anderen Larvenformen unterschieden, daß sie sehr leicht
zu erkennen sind. Ihre Größe schwankt bei der Geburt zwischen
1,7 X 0,25 und 2,7 X 0,26 mm. Die kleinen Individuen von nur
1,7 mm Länge finden sich in der Einzahl in den kleinsten Mutter-
larven. Der Fettkörper ist gut ausgebildet, weswegen sie wie
die älteren pädogenetischen Tiere undurchsichtig sind, dagegen ist
die Muskulatur etwas schwächer als bei den pädogenetischen
Larven und den Wanderern entwickelt. Die 3 Thoraxsegmente ent-
halten die Imagin alanlagen für Beine, Flügel und Schwingkölbchen,
im 11. Segment liegen die sich während des Larvenstadiums nicht
weiter entwickelnden Anlagen der Geschlechtsdrüsen, und im letzten
Segment befinden sich neben den Analklappen die Anlagen für den
2^04 Fritz Springer,
äußeren Geschlechtsapparat. Alle diese Organanlageu nehmen in
hohem Maße Farbe an, treten also bei gefärbten Tieren sehr stark
vor den anderen Organen hervor.
Speicheldrüsen, Ösophagus und Enddarm habe ich nicht immer
nachweisen können, jedenfalls bleiben sie rudimentär. Im ganzen
erscheint der Darm gleich dem der pädogenetischen Larven ange-
legt, doch ist er kürzer und einfacher, der Mitteldarm nicht so weit
ausgebuchtet. Eine Ablagerung von peritrophischer Membran mit
verhärtetem Darminhalt kommt nicht vor.
Charakteristisch ist die Stellung der Augen (Taf. 2 Fig. 17, 18).
Diese sind bei den typisch pädogenetischen Maden und den Wanderern
so weit genähert, daß sie sich seitlich und etwas geneigt mit der
konvexen Seite berühren. Bei der Puppenlarve sind sie um 0,11 mm
auseinander gerückt. Diese Erscheinung wird bedingt durch die Ver-
größerung der einzelnen Teile des Nervensystems. Das Vorhirn-
ganglion ist wesentlich größer als bei den typisch pädogenetischen
Larven und schiebt dadurch die Augen auseinander.
Bei den Puppenlarven haben die Hypodermiszellen ein ganz
anderes Aussehen als die bei den pädogenetischen Muttertieren.
Zwar sind sie auch großkernig, doch nicht über die normale Größe
gewöhnlicher Hypodermiszellen hinausgehend (durchschnittlich von
0,015—0,21 mm Durchmesser). Ihnen fällt ja auch eine andere Auf-
gabe als bei den Muttertieren zu. Sie haben die Puppenhaut zu
bilden, während eine Ernährung durch sie nicht stattfindet (vgl.
hierzu Taf. 2 Fig. 24). Da auch, wie erwähnt, der Darm rudi-
mentär ist, sind die Puppenlarven für ihre Ernährung lediglich auf
den Mutterkörper angewiesen, und zwar dürfte die Nahrungsaufnahme
hier osmotisch erfolgen. Eine Nahrungsaufnahme nach der Geburt
auf dem einen oder anderen Wege findet nicht mehr statt.
Das auffälligste Kennzeichen der Puppenlarven ist die Spathula
Sternalis, die Brustgräte (Taf. 1 Fig. 3, 8, 9). Es handelt sich um ein
Organ, das den Gallmückenlarven eigentümlich ist, aber je nach der Art
Verschiedenheiten aufweist. Übereinstimmend ist bei allen Arten die
ventrale Lage in der Mittellinie des 1. Thoraxsegments. Hier durchzieht
ein stark chitinisierter Stiel die ganze Länge des Segments als
Verdickung der Haut. Die Basis und die Spitze dieses Chitinstieles
sind verbreitert, und die etwas über die Haut hervorragende Spitze
trägt ein oder mehrere Zähnchen, deren Form und Zahl je nach
der Art verschieden ist.
Bei der Puppenlarve von Miastor metraloas beginnt die ver-
Polyniorpbisnius bei den Larven von Miastor nietraloas. 105
dickte und nach den Rändern etwas ausgezogene Basis der
Brustgräte an der Grenze des 1. und 2. Thoracalsegments, der
sich anschlieiSende leicht gebogene Stiel geht unter der Haut des
1. Segments nach vorn und verläuft am vorderen Eand dieses Seg-
ments in die besonders stark chitinisierte frei liegende Spitze, Es
ist ein einzelner abgerundeter Höcker, der aus der Haut hervorragt,
sich nach beiden Seiten zu schwach einbuchtet und dann wieder
unter der Haut je eine schwache Chitinspange entsendet, die eine
kurze Strecke der Segmentgrenze folgt. Das ganze Organ ist rot-
braun gefärbt und hebt sich auffallend gegen die farblose Haut ab.
Bei sehr jungen Puppenlarven findet man die Brustgräte erst
teilweise, und zwar die Spitze, chitinisiert, so daß bei flüchtiger Be-
obachtung eine Verschiedenheit vorzuliegen scheint, doch erfahren
die anderen Teile sehr bald ihre Verdickung und Färbung.
Von den früheren Bearbeitern der Miastor-h?iYve haben diese
Brustgräte nur Wagnek und Ganin beobachtet, die Anderen fanden
sie nicht; es läßt sich daraus wohl ein Rückschluß ziehen auf die
Formen, die den Betreffenden zur Untersuchung vorlagen. Wagnek,
der Entdecker der Larve, fand das Organ nur bei starken, mit
kräftig entwickelter Muskulatur und reichlichen Fettkörpern ver-
sehenen Exemplaren, während es bei vielen nur als Ansatz vorhanden
war und den meisten Tieren ganz fehlte. Ganin berichtet, daß alle
Larven, die er untersucht hat, die Brustgräte besaßen, er beschreibt
sie allerdings weit einfacher. Pagenstechek und Kahle erwähnen
ausdrücklich das Fehlen des Organs.
Über den Zweck der Spathula sternalis gehen die Ansichten der
Forscher auseinander. Rübsaamen, der das Organ für viele Gallen
bewohnende Gallmückenlarven beschrieben hat, macht in seiner
..Lebensweise der Cecidomyiden" (1899, p. 529 ff.) einige Angaben.
Danach soll es ein Bewegungsorgan der Larve sein oder zur Ver-
änderung der Lage der Larve innerhalb der alten Larvenhaut (Tönn-
chen) und der Galle dienen. Bei gewissen Larven, die ihre Gallen
zur Verwandlung in der Erde verlassen, soll es eine fortschnellende
Bewegung ermöglichen. Von anderer Seite wird angenommen, daß
die Mundwerkzeuge der Maden ungeeignet sind, die Verletzung der
Nährpflanze zu vollziehen, um den ernährenden Saft zum Ausfließen
zu veranlassen. Hier soll die Gräte als Ersatz dienen. Ferner wird
gesagt, daß das Organ einen Bohrapparat darstelle, mit dem die in
der Galle selbst sich verwandelnden Larven die Wandung fast ganz
durchbohrten, so daß die Puppe oder die Imago das stehen gebliebene
106 Fritz Springer,
dünne Häutclien leicht durchbrechen könnten. Endlich soll der
Chitinstiel bei der Anfertigung der Kokons Verwendung linden.
Beauee berichtet in seiner Schrift „Die Zweiflügler d. k. Mus. zu
Wien" von der Ausrüstung der Cecidornjidenlarven ..mit einer als
E'uß dienenden Chitinplatte, welche aus einem queren Spalte des
3. Ringes hervorstreckbar ist"; ich habe niemals ein sonderliches
Hervorstrecken der Brustgräte aus dem Segment oder deren Ver-
wendung als Bewegungsorgan überhaupt beobachten können. In
gewissen Grenzen mögen die Ansichten Wagnee's und Ganin's zu-
treffen, nach denen das Organ beim Gangbohren oder beim Einziehen
des Kopfes als Stützpunkt Verwendung finden soll. Doch kann ich
für die Miastor -La-rve der Brustgräte keine wesentliche Bedeutung
zumessen, da sich alle die Funktionen, die von dem Organ ausgeübt
werden sollen, bei der pädogenetischen P'orm auch ohne dasselbe
vollziehen.
Wie ihre Erzeugerinneu sind die Puppenlarven positiv helio-
tropisch. Sie setzen den von den Puppenmüttern zum Lichte hin
eingeschlagenen Weg fort und gelangen an das obere Ende des
Baumstumpfes oder an Risse in der Borke, w^o sie sich verpuppen.
Bei der Charakterisierung der Wanderer (Taf. 1 Fig. 5, 6) kann
ich mich kurz fassen, da sie anatomisch vollständig der jungen pädo-
genetischen Form gleichen. Ihr einziges, aber sehr auffallendes Merk-
mal ist die gelbe Färbung der Fettkörperlappen, die so lange bestehen
bleibt, wie die Larve die Lebensweise der Wandererform besitzt; an
Durchsichtigkeit übertreffen sie noch die jungen pädogenetischen Tiere.
Die Wanderer sind außerordentlich lebhaft und, außer den Individuen,
die sich in der Tiefe der Borke oder des Bastes befinden, immer in
Bewegung. Sie zeichnen sich durch größere Ausdauer und Wider-
standsfähigkeit vor den anderen Formen aus, ihrer Wanderungen ist
schon genügend Erwähnung getan (vgl. S. 79, 86). Die gelben Fett-
körperlappen bleiben in ihrer stark umrissenen Form bestehen, selbst
wenn die Tiere von ihrer ursprünglichen Größe von 1.2 X 0,13 auf
1,7 X 0,17 mm herangewachsen sind. Ebenso bleiben die Ovarien in
ihrer anfänglichen Gestalt bestehen, eine Entwicklung der Eier tritt
nicht ein. Da der Enddarm funktionsfähig bleibt, solange die Larve
ein Wanderer ist, kommt es zu keiner Ablagerung verhärteter Sub-
stanz im Mitteldarm. Über die Entstehung aus pädogenetischen
Mutterlarven sowie die spätere Umwandlung zur typisch pädogene-
Polymorphismus bei den Larven von Miastor metraloas. 107
tischen Form vgl. S. 88, 89. Die Wanderer zeigen keine ausgesprochene
Zu- oder Abneigung gegen das Licht.
9. Rückblick.
Die Unterschiede der einzelnen Larvenformen.
a) Die typisch pädogenetische Larve.
Die stark umgebildeten und verschmolzenen Mundwerkzeuge
sind saugend (S. 71, 93).
Zwei gut entwickelte Speicheldrüsen liefern ein Holz lösendes
Secret, das schon außerhalb des Körpers die Verdauung einleitet
(S. 94).
In dem mit 2 geteilten Blindschläuchen und 4 MALPiGHi'schen
Gefäßen versehenen Darm lagert sich mit zunehmendem Alter der
Larve die peritrophische Membran ab, die unverdauliche Speisereste
umhüllt. Der Enddarm funktioniert in diesem Stadium nicht mehr
(S. 95, 96).
Das Wachstum der Fettkörper veranlaßt ein Undurchsichtig-
werden der anfangs durchsichtigen Made (S. 98).
Die Augen sind einander genähert, durch die Berührung ihrer
konvexen Seiten entsteht die bekannte X-Form (S. 98).
Die Hypodermis besteht aus vier- oder vieleckigen Zellen, die
je einen großen Kern führen. Sie erreichen bei den erwachsenen
Tieren einen Durchmesser von 0,05—0,06 mm (S. 100).
Imaginalscheiben werden nicht gebildet (S. 101).
Durch eine tactische Reaktion werden die Larven zum Aufent-
halte in Holz- und Borkerissen oder zwischen eng aneinanderliegende
Holz-Borkestücke und durch die Art der Ernährung zu geselliger
Lebensweise gezwungen (S. 11, 77).
Die Zahl der Nachkommen ist immer groß, sie schwankt zwischen
5 und 30.
Der Zeitraum zwischen dem Ausschlüpfen zweier aufeinander-
folgender Generationen beträgt ungefähr 14 Tage (S. 99).
Größenverhältnisse: jung: 1,3X0,15 bis 2,6 X 0,25 mm, mittel
(undurchsichtig): 1,6 X 0,15 bis 3,4 X 0,3 mm, alt (mit Tochterlarven):
2,8 X 0,5 bis 4,9 X 0,6 mm.
b) Die Wanderer (S. 106) gleichen im anatomischen Bau den
jungen typisch pädogenetischen Larven, von denen sie sich durch die
auffallende gelbe Farbe des Fettkörpers unterscheiden.
108 Fritz Springer,
Sie behalten ihre Durchsichtigkeit bei.
Von viel größerer Lebhaftigkeit als die anderen Larvenfornien,
zeigen sie auch größere Widerstandsfähigkeit als diese.
Eine peritrophische Membran gelangt nicht im Darm zur Ab-
lagerung, der Darm funktioniert in seiner ganzen Länge.
Ihr Verhalten gegen das Licht ist indifterent.
Maße: 1,2X0,13 bis 1,7X0,17 mm.
c) Die P u p p e n m ü 1 1 e r (S. 102, 103) gleichen in ihrem anato-
mischen Bau anfangs vollständig den typisch pädogenetischen Mutter-
larven.
Während jedoch diese im Stadium der Entwicklung der Tochter-
generation weiter wachsen, findet bei den Puppenmüttern während
dieser Zeit keine Größenzunahme statt.
Daraus ergibt sich die geringe Größe der Form (s. unten) und
auch die Beschaffenheit der verhältnismäßig kleinen Hypodermiszellen
(ungefähr 0,026 mm Durchmesser).
Die Puppenmutter entwickelt in ihrem Innern nur 2 — 3 (höchstens 5)
Tochterindividuen, die Puppenlarven. Die geringe Zahl wird ent-
weder dadurch erreicht, daß nur ein bestimmter Teil der Eier im
Ovar zur Entwicklung gelangt oder die Zahl der Embryonen in der
Leibeshöhle auf 2—3 reduziert wird.
Die Puppenmütter wandern dem Lichte entgegen. Dem-
entsprechend linden wir sie meistens vereinzelt. So erklärt es
sich, daß wir keine Fettropfen in der Hypodermis finden. Ob bei
Anhäufung von Puppenmüttern, die auch vorkommt, sich die Tiere
anders verhalten, weiß ich nicht.
Sie können bereits bei so geringer Größe fertige Puppenlarven
enthalten, bei welcher typisch pädogenetische Larven noch nicht mit
der Ausbildung von Embryonen begonnen haben,
Maße: 2,0 X 0,25 bis 3,2 X 0,5 mm.
d) Die Puppenlarve (S. 103—106).
Mundwerkzeuge und Speicheldrüsen sind rückgebildet, desgleichen
der Darm schwächer entwickelt.
Der Fettkörper ist von Anfang an stark ausgebildet, weshalb
die Larven auch in der Jugend nicht klar durchsichtig sind.
Die peritrophische Membran wird nicht abgelagert.
Die Augen sind auseinandergerückt, ein Umstand, der mit einer
Vergrößerung der Ganglien zusammenhängt.
Polymorphismus bei den Larven von Miastor inetraloas. 109
Die Hypodermis ist normal, die Zellen 0.02 mm im Durchmesser.
Imaginalanlagen sind vorhanden.
Ventral am Thorax tritt die Spathiila sternalis auf.
Die Larven zeigen positiven Heliotropismus.
Maße: 1,7 X 0,25 bis 2,7 X 0,26 mm.
Die Entstehung der verschiedenen Larvenformen.
a) Die typisch pädo genetische Larve entsteht unter
Abschluß von Licht, stets, solange dieser anhält.
Die Larve entwickelt wieder typisch pädogenetische Tochter-
larven. Diese Art der Fortpflanzung scheint unbegrenzt zu sein.
b) Unter der Einwirkung des Lichtes auf Kolonien von
typisch pädogenetischen Larven kommt es gleichzeitig zur Bildung
von Wanderern und Puppenlarven (S. 90).
Die Wanderer w^erden bei Lichteinfluß von pädogenetischen
Mutterlarven gebildet.
c) Die Bildung von Puppenlarven erfolgt unter dem Einfluß
des Lichtes, es werden typisch pädogenetische Mutterlarven zu
Puppenmüttern, indem in ihnen entweder nur 2—3 Eier zur Ent-
wicklung gelangen oder die Zahl der schon in Entwicklung be-
griftenen Eier und. Embryonen auf die angegebene Zahl reduziert
wird (S. 102).
Da sich in der Tiefe der Baumstümpfe stets Stellen befinden,
zu denen das Licht nicht dringen kann, werden dort auch jahrelang
in ununterbrochener Generationsfolge typisch pädogenetische Larven
als solche erhalten bleiben.
Die Bedeutung der Larven formen.
a) Die typisch pädogenetische Larven form repräsen-
tiert eine Anpassung an eine starke Vermehrung an Ort und Stelle
unter Ausschluß der normalen Fortpflanzungsweise, die unter den
obwaltenden Verhältnissen nicht erfolgen kann, ferner an die
eigenartigen Ernährungsverhältnisse. Die geselligen Larven finden
sich eingehüllt in einen gelösten Speisebrei (S. 71) ; die Hypodermis,
die wieder eine neue Haut noch Imagiualscheiben zu bilden hat,
scheint eine osmotische Ernährung zu vermitteln (S. 100).
b) Die Wanderer repräsentieren eine Larvenform, die berufen
ist, beim Eintritt von Existenzbedingung, die für die typisch pädo-
IIQ Feitz Springer,
genetischen Tiere ungünstig sind (Trockenheit, Licht), den Wohnort
zu behaupten, auch neue Wohnorte in der Nachbarschaft zu erobern.
c) Die Bedeutung der Puppenlarven liegt in ihrer Be-
stimmung für die Bildung der Imagines, und diese dienen der Ver-
breitung der Art. So erklärt sich ohne weiteres das Vorhandensein
der Imaginalscheiben, wohl auch die Beschalfenheit der Hypodermis
und das stärker entwickelte Nervensystem (S. 104),
Die Spathula sternalis hat meiner Ansicht nach keine andere
Bedeutung als den eines Rückschlags in die ursprüngliche Larvenform
Eigenartig und sicher nicht ursprünglich ist die Ernährung der
Puppenlarven. Sie nehmen nach ihrer Geburt keinerlei Nahrung
mehr auf und entstehen lediglich, aber in geringer Zahl, auf Kosten
des mütterlichen Körpers. Ich sehe die Bedeutung dieser Eigen-
schaft in Folgendem: wenn die Bedingungen eintreten, unter denen
die Puppenlarven entstehen — das wird im allgemeinen nach an-
haltender Trockenheit der Fall sein — , so ist es für die Tiere von der
größten Wichtigkeit, daß die Entwicklung der Puppen möglichst
beschleunigt wird, da jeder Regenguß Rinde und Holz zum Quellen
bringt und die Ausgänge schließen kann. Die in Ausbildung be-
griffenen Puppenlarven würden dann zugrunde gehen. So sehe ich
darin, daß sich die ganze Entwicklung der Puppenlarven im mütter-
lichen Körper vollzieht, dafür aber nur eine geringe Zahl von Nach-
kommen produziert wird, ein Mittel zu einer starken Beschleunigung
der Entwicklung (Zeitdauer nur einige Tage). Auch die Tatsache,
daß unter Einwirkung des Lichtes sehr jugendliche Lidividuen, die
sich unter normalen Verhältnissen noch nicht fortgepflanzt hätten,
zur Produktion von Puppenlarven übergehen, scheint in ähnlichem
Sinn zu deuten. Auch diese Individuen würden sonst aller Wahr-
scheinlichkeit nach zugrunde gehen, während sie so der Erhaltung
der Art dienen.
Der positive Heliotropismus veranlaßt das Wandern der Puppen-
larven an solche Stellen, von denen aus es den Imagines leicht ist,
ins Freie zu gelangen.
Wie haben wir uns die Entstehung der pädo-
geneti sehen Fortpflanzung zu denken?
Von Miastor nehme ich an, daß die Vertreter dieser Dipteren-
gattung ursprünglich die normale Art der Fortpflanzung besaßen
(Parthenogenese vgl. unten). Die Larven mögen unter der Rinde
Polymorphismus bei den Larveu von Miastor metraloas. Hl
älterer Stümpfe vom faulenden Baste gelebt haben, doch stets nur
in einer solchen geringen Entfernung von der Schnittfläche des
Stumpfes resp. einem Risse in der Borke, daß es ihnen möglich
war, nach der normalen kurzen Fraßzeit sich an die LichtöfFnung
zu begeben und sich dort zu verpuppen. Eine Verpuppung erfolgte
nur. wenn die Larve das Licht erreichte. Allmählich mögen die
Larven dem Baste nach tiefer und tiefer unter die Rinde einge-
drungen sein, so daß schließlich ein Teil von ihnen den Weg zum
Lichte nicht mehr fand, der dann vermutlich das Larvenleben be-
trächtlich ausdehnte, aber doch schließlich zugrunde ging. Es
könnten sich nun neben den unendlich vielen zugrunde gegangenen
Maden einige gefunden haben, die die Fähigkeit besaßen, sich als
Larven zu vermehren. Sobald einmal derartige Individuen aufge-
treten Avaren, wurde die Auslese eine sehr scharfe. Nur die mit
dieser Fähigkeit ausgestatteten Individuen würden sich vermehrt
haben, alle andern würden ohne Hinterlassung von Nachkommen zu-
grunde gegangen sein, und so könnte sehr schnell eine Varietät resp.
Art mit der eigentümlichen pädogenetischen Fortpflanzung ent-
standen sein. Man könnte sich vielleicht vorstellen, daß die Ver-
längerung der Larvenzeit zu einer Reifung und Entwicklung der
Eier während der Larvenperiode führte. Die Geschlechtszellen, die
ja vielfach ein sehr selbständiges Leben führen, reiften, während
der übrige Körper auf einer früheren Stufe stehen blieb. Allerdings
würde diese Annahme voraussetzen, daß sich bereits bei der Stamm-
form die Fähigkeit parthenogenetischer Fortpflanzung fand. Leider
wissen wir noch nichts über Partlienogenese bei den anderen Cecido-
myiden (vgl. die folgende Ausführung über den Axolotl). Kamen die
Larven an das Licht, so bedeutete das eine Rückkehr zu den ur-
sprünglichen Lebensverhältnissen, und mit dieser Rückkehr trat
auch ein Rückschlag zu der ursprünglichen Art der Fortpflanzung
ein. Es entstanden Puppenlarven, Puppen und Imagines. Dazu
paßt die Feststellung, daß die Puppenlarven Charaktere besitzen,
die ohne Bedeutung für sie sind (Brustgräte), aber als Rückschlags-
bildungen aufgefaßt werden können.
Es drängt sich hier ein Vergleich mit dem Axolotl auf,
dessen Fortpflanzung von manchen Autoren (Boas) ebenfalls als
Pädogenese bezeichnet wird, von Anderen mit Rücksicht auf die
Amphigonie als Neotenie (Kollmann). Das Wichtige ist, daß wir
es in beiden Fällen mit Larvenformen zu tun haben, die sich fort-
pflanzen. So möchte ich denn die Frage aufwerfen, ob und inwie-
-112 Fritz Springer,
weit Analogien zwischen der Fortpflanzung- von Miastor und dem
Axolotl vorhanden sind.
A. Weismann berichtet in seiner Abhandlung: „Ueber die Um-
wandlung des mexikanischen Axolotl in ein Amblystoma" (in : Studien
zur Deszendenz-Theorie, Heft 2, Leipzig, 1876) : „Es gibt also sicher
Siredon- Arten, welche auch unter ihren natürlichen Lebensbedingungen
regelmässig die Amblj'stoma-Form annehmen und sich in ihr fort-
pflanzen, während es andrerseits mindestens zwei Arten gibt, welche
sich unter ihren jetzigen natürlichen Lebensbedingungen nur als
Seredon fortpflanzen" (1. c, p. 238). Zu diesen letztgenannten g-ehört
nun der echte Axolotl, der die Seen um die Stadt Mexiko bewohnt
und sich dort niemals in die Ämblysfoma-Form verwandelt, wohl
aber diese Verwandlung in der Gefangenschaft unter gewissen Be-
dingungen eingeht. Über diese Bedingungen unterrichten uns die
Versuche des Frl. v. Chauvin (1874). welche zeigten, daß die Axolotl-
larven ihre Metamorphose zu Amblystomen vollenden, wenn sie
(bei richtigem Ernährungszustand usw.) vom Atmen unter dem
Wasser zum Atmen über dem Wasser gezwungen werden. Läßt
man sie jedoch bei Wasseratmuug, so tritt die Metamorphose nicht
ein. Nun, berichtet Weismann weiter, mag ein hypothetisches Ambly-
stoma, die Stammform des heutigen mexikanischen Axolotl, „dadurch
zum Kückschlag in die Perennibracheniatenform veranlasst worden
sein ^), dass ihm die Möglichkeit, ans Land zu gehen, entzogen und
es zum Verharren im Wasser gezwungen worden sei". Es folgt
eine Aufzählung von Gründen, die das Anlandgehen und die Er-
nährung dort (der Salzgehalt und die Überkrustung des Seebodens
und Ufers) erschweren. Den Hauptgrund, daß es nicht zur AmUy-
sfo»«a-Bildung kommt, sieht Weismann darin, daß die Luft auf jenem
mexikanischen Hochland das ganze Jahr über hochgradig trocken
ist. Amblystomen können dort nicht existieren und müssen ver-
trocknen. Daß früher an der Stelle Verhältnisse gewaltet haben,
die die Existenz von Landsalamandern ermöglichten, geht aus den
Angaben Humboldt's hervor, nach denen der Wasserspiegel der
Seen einst viel höher gestanden hat und die Verdunstung der großen,
weniger salzreichen Wasserflächen eine sehr feuchte Atmosphäre ge-
schaffen hat, „welche der Vegetation günstig und der Lebensweise
nackter Amphibien angemessen war".
1) Auf die Deutung der Amhhjskmm-F orm als früheres phyletisches
Stadium, nicht als Larvenform, gehe ich nicht ein.
Polymorphismus bei den Larven von Miastor metraloas. l\'g
Weismann meint, daß in der Fortpflanzung des Axolotl keine
Parallele ,.niit der echten Larvenfortpflanzung der WAGNER'schen
Cecidomjiden-Larven" vorliegt, da es sich beim Axolotl um einen
,.Rückschlag auf ein älteres phyletisches Stadium" handelt, was bei
den Insecten nicht zutrifft. Aber doch glaube ich, daß ein weit-
gehender Parallelismus zwischen der Fortpflanzung des Axolotl und
der von Miastor vorhanden ist. In beiden Fällen werden die Tiere
vor dem völligen Abschluß der Entwicklung (in der Larvenform)
geschlechtsreif. (Die Mehrzahl der Forscher bezeichnet den Axolotl
als Larvenform, Weismais-n bezeichnet ihn [1. c, p. 249] als Rück-
schlagsbildung. Mir scheint dieser Unterschied in der Auffassung
unwesentlich zu sein.) In beiden Fällen ist nach der hier vorge-
tragenen Auffassung die Fortpflanzung in einem früheren Entwick-
lungsstadium entstanden unter dem Zwang äußerer Verhältnisse,
welche das Tier verhinderten, die Metamorphose zu Ende zu führen.
In beiden Fällen kehren die Tiere zur ursprünglichen Fortpflanzung
als AmUystoma resp. als Fliege zurück, wenn die Tiere in die ur-
sprünglichen Verhältnisse versetzt werden. Daß neben diesen Ana-
logien eine ganze Reihe von Unterschieden besteht, daß das Zurück-
versetzen in die ursprünglichen Verhältnisse das eine Mal spontan
und leicht, das andere Mal nur gezwungen erfolgt, ist mir natürlich
bekannt.
Zum Schlüsse sei es mir gestattet, meinem hochverehrten Lehrer
Herrn Geheimen Regierungsrat Prof. Dr. G. W. MtJLLER meinen
herzlichsten Dank auszusprechen für das Interesse, das er dieser
Arbeit entgegenbrachte, sowie für die vielen Ratschläge und Unter-
stützungen während der Abfassung derselben.
Dank schulde ich auch dem Assistenten Herrn Dr. W. Baunacke
für manchen nützlichen Rat.
Zool. Jahrb. XL. Abt. f. Syst.
]^J^4 Fritz Springer,
Literaturverzeiehiiii«
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32. Weismann, August, Studien zur Deszendenz-Theorie. II. lieber
die letzten Ursachen der Transmutationen, Leipzig 1876.
33. WiNNERTZ, J., Beiträge zu einer Monographie des Gallmücken, in:
Linnaea entomol.. Vol. 8, 1853.
Erklärung der Abbildungen.
A. B Aufhängeband g. o Ganglion opticum
Af After H. Z Hypodermiszellen
A)n Amnion 1. A Imaginalanlagen
Ak Analklappen M. D Mitteldarm
at Antennen oes Ösophagus
All Auge Or Ovarien
B. D Blindschläuche des Mitteldarmes P. M Peritrophische Membran
C. H Chitinhaken um den After /?. T Reste der Tracheen
C. S Chitinspitzen der Spitzenringe *^'. D Speicheldrüsen
Ed Enddarm *S'. s Spathula sternalis
Em Embryo T. L Tochterlarven
E. Z Epithelzellen des Mitteldarmes Ve Vasa eflferentia der Speicheldrüsen
F. K Fettkörper T'. M Vasa Malpighii
(Alle Abbildungen sind mit dem AßBE'schen Zeichenapparat gezeichnet.)
Tafel 1.
Fig. 1. Junge pädogenetische Larve. Eingezeichnet ist der Darm-
tractus mit Blindschläuchen und Malpighi'schen Gefäßen, das Hirn mit
vorgelagertem Ganglion opticum, die Speicheldrüsen und die Ovarien.
2,6 X 0,25 mm.
Fig. 2. Puppenmutter mit 2 Puppenlarven. Die Organe der Mutter
sind aufgelöst , einige Fettropfen schwimmen noch im Muttersack. Die
Tochterlai'ven sind vom Amnion umgeben. 2,0 X 0,25 mm.
Fig. 3. Pnppenlarve. Vorderende der Larve ventral mit der Spa-
thula sternalis.
Polymorphismus bei den Larven von Miastor metraloas. 117
Fig. 4. Puppenlarve, dorsal. Die Imaginalanlagen am Thorax, am hinteren
Körperende und die Ovarien treten deutlich hervor. 1,7XÖ'25 ram.
Fig. 5. Wanderer, dorsal. Deutliche Gliederung des Fettkörpers.
Ovarien sehr durchsichtig. 1,7 X 0,2 mm.
Fig. 6. Wanderer, seitlich. Wie Fig. 5.
Fig. 7. Leerer Hautsack einer alten typisch pädogenetischen Mutter-
larve , aus der die Tochterlarven ausgeschlüpft sind. In dem Hautsack
nur noch Tracheenreste und der verhärtete Inhalt der peritrophischen
Membran, der hier den ganzen Tract des Mitteldarmes ausfüllt. Kopf-
kapsel mit den Antennen bleibt erhalten. 4,9 X! 0,6 mm.
Fig. 8. Spathula sternalis (Brustgräte) der Puppenlarve. Ventrale
Aufsicht. Der Stiel liegt unter der Haut, der abgerundete Zapfen ragt
aus ihr hervor. 400 : 1.
Fig. 9. Dasselbe seitlich.
Fig. 10. Kopfkapsel mit den Antennen in dorsaler Aufsicht. 400 : 1.
Fig. 11. Kopf kapsei, optischer Schnitt in mittlerer Höhe.
Fig. 12. Kopfkapsel, von der Seite.
Fig. 13. Körperende einer älteren pädogenetischen Larve. Die
Chitinhaken sind fast vollständig ausgeschlagen, zwischen ihnen die Anal-
klappen. 400 : 1.
Tafel 2.
Fig. 14. Kopf und Vorderkörper einer typisch pädogenetischen
Larve von der Seite. Der (Ösophagus zieht unter dem Ganglion opticum
und dem Hirn durch. Über dem Hirn der Hirnfettlappen. Speichel-
drüsen mit ihren Ausführgängen. 265: 1.
Fig. 15. Das Gleiche in Aufsicht. Die dem Ganglion opticum auf-
gelagerten Augen liegen dicht aneinander. 265 : 1.
Fig. 16. AVie Fig. 15 bei tieferer Einstellung, Anfang der Ganglienkette.
Fig. 17. Kopf und Ganglion opticum einer Puppenlarve, seitlich.
265 : 1.
Fig. 18. Das Gleiche in Aufsicht. Die Augen sind auseinander
gerückt.
Fig. 19. Epithel des Mitteldarmes einer typisch pädogenetischen
Larve älteren Stadiums. Durch die Zellen scheint die peritrophische
Membran hindurch, die sich abzulagern beginnt. 140 : 1.
Fig. 20. Ovar einer kürzlich geschlüpften Puppenlarve, an einem
Fettkörperlappen befestigt, mit Aufhängeband. 210 : 1.
Fig. 21. Ovar einer älteren Puppenlarve. Differenzierung der Eier.
210 : 1.
Fig. 22. Ovar einer Puppenmutter. In jedem Ovar ist nur ein Ei
zur Entwicklung gelangt. Ein Embryo hängt noch am Ovar, von dem
118 Fkitz Springer, Polymorphismus bei den Larven von Miastor nietraloas,
anderen hat sich der 2. Embryo bereits gelöst und liegt in der Leibes-
höhle. 210 : 1.
Fig. 23. Hypodermiszellen der älteren typisch pädogenetischen Mutter-
larve (bis 0,06 mm Durchmesser). Durch die Zellen scheinen die
Embryonen hindurch. 400 : 1.
Fig. 24. Hypodermiszellen einer Puppenlarve (0,015 — 0,026 mm
Durchmesser). 400 : 1.
Nachdruck verboten.
Ubersetzimgsrecht vorbehalten.
Ergebnisse der Forschungsreise des Herrn
Dr. Adalbert KLAPTOCZ nach Französisch Guinea.
Orthoptera und Oothecaria.
Von
H. Karny, Wien.
(Eingelaufen am 22. Juni 1914. ^)
In vorliegender Arbeit überg-ebe ich die Resultate meiner Unter-
suchungen über Dr. Klaptocz's Guinea-Ausbeute der Öttentlichkeit,
die aus mehrfachen Gründen allg-emeineres Interesse verdient. Einer-
seits ist das Material recht reichlich und datier geeignet, uns ein
ziemlich gutes Gesamtbild der Orthopterenfauna des behandelten
Gebietes zu liefern; es liegen nämlich in Klaptocz's Ausbeute im
ganzen 75 Arten vor, von denen 12 neu sind. Manche davon sind
faunistisch sehr bemerkenswert, wie z. B. Tmetonota peregrina, die hier
eine Gattung vertritt, welche bisher nur aus Süd-Afrika bekannt
war. Vom faunistischen Standpunkte ist übrigens das ganze Material
recht interessant, da es aus einem Gebiete stammt, über welches eine
faunistische Bearbeitung der Orthopteren noch nicht vorliegt; es liegt
aber zwischen zwei schon besser bekannten Gebieten, nämlich dem
vom Senegal (Krauss, 1877) und dem Togoland (Kaesch, 1893). Es
ist daher lehrreich, zu vergleichen, in welcher Weise es zwischen
beiden Gebieten den Übergang vermittelt, welche Arten es mit dem
einen, welche mit dem anderen gemeinsam hat. Ich brauche dies
hier nicht näher auszuführen, denn der Vergleich der vorliegenden
Arbeit mit den beiden zitierten ergibt all dies ohne weiteres. Inter-
1) Die Veröffentlichung wurde infolge des Krieges verzögert.
120 H. Karny.
esse verdient ferner, daß auch Arten vorliegen, die bisher aus keinem
der beiden genannten Gebiete bekannt sind, darunter zum Teil alte
und seither verschollene, bzw. verkannte Species, wie z. B. Bochmia
cMoronota. Endlich verdient noch Beachtung, daß trotz der großen
Entfernung sich auch eine gewisse Übereinstimmung mit dei- Fauna
des ägyptischen Sudans zeigt, was wohl hauptsächlich durch den
gleichen oder ähnlichen Vegetationscharakter bedingt ist, so daß wir
annehmen müssen, daß viele Arten quer durch ganz Afrika ver-
breitet sind. Ein Vergleich der hier mitgeteilten Species mit meiner
Arbeit über die Orthopterenfauna des ägyptischen Sudans (1907)
wird dies ohne weiteres ergeben.
Ich spreche auch an dieser Stelle Herrn Dr. A. Klaptocz
meinen wärmsten Dank dafür aus, daß er auf seiner Reise so eifrig
Orthopteren gesammelt und dadurch ein so reichhaltiges und inter-
essantes Material zusammengebracht hat, sowie auch dafür, daß
er dies mir zur Bearbeitung übergeben und mir für meine Samm-
lung überlassen hat.
Bemerken möchte ich noch, daß ich in dieser Arbeit gelegent-
lich - gewissermaßen als Anmerkung — auch einige neue Arten
meiner Sammlung beschrieben habe, die aus Dar-es-Salam stammen;
ich verdanke dieselben Herrn Dr. Plason.
Fam. GrijTlidae.
1. Muscyrtus bivittatiis Guer.
Dubreka; A. Klaptocz, 1911. 1 macropteres Exemplar.
2. Bnscyrtus plnniceps Karsch.
Hierher stelle ich ein leider sehr defektes Exemplar, das sich
von E. bivittatus auffallend durch die Kopfbildung unterscheidet, in
welcher es mit der Beschreibung bei Karsch gut übereinstimmt. —
Fühler hell, dunkel geringelt, Halsschildrücken mit verwaschener,
aber breiter dunkler Längsbinde. Elytren mit 3 schmalen dunklen
Längsstreifen. Hinterschenkel fein dunkel punktiert, nicht gestrichelt.
Wie man aus dieser Beschreibung ersieht, weicht das Exemplar
merklich von E. planiceps in der Färbung ab; da es stark lädiert
ist, muß ich davon absehen, es als neue Varietät oder Art zu be-
schreiben.
Mamou; A. Klaptocz, Sept. 1911.
Orthoptera und Oothecaria ans Französisch Guinea. 121
3. HomoeogrijUns renosus Sauss.
Hierlier ein stark defekter Hinterleib samt Elytren nnd Hinter-
Hüj^el; Kopf, Prothorax und Beine vollständig fehlend. Da es sich
um 1 ^ handelt, ist jedoch eine Verwechslung wegen des äußerst
charakteristischen Geäders kaum möglich.
Ob. Niger; A. Klaptocz, Nov. 1911.
4. Acheta conspersa Schaum.
1 ? der typischen Form, mit Stirnbinde und ..alis abortivis".
Ob. Niger; A. Klaptocz, 1911.
Hierher stellte ich auch 1 ^ mit ganz schwarzem Kopf, ohne
Stirnbinde und mit „alis caudatis".
Mamou; A. Klaptocz, Okt. ]911.
Seitenlappen des Halsschilds bei diesem Exemplar ganz schwarz,
nicht wie beim $ unten hell. Da mir nur dieses einzige Exemplar
vorliegt, betrachte ich es bloß als Varietät und sehe davon ab, es
als neue Species zu beschreiben.
5. Acheta latifrons Kaesch,
Das mir vorliegende $ stimmt gut mit der Beschreibung bei
Karsch überein, nur ist es etwas dunkler; auf der Stirn zwischen
den unteren Enden der Fühlergruben eine Querreihe von 4 dunkleren
Pnnkten; die Verbindungslinie der paarigen Ocellen und die davon
scheitelwärts gehende Linie war deutlich vorhanden, aber nicht gelb.
Mamou; A. Klaptocz, Sept. 1911. 1 $.
Dubreka; A. Klaptocz, 1911. 1 Larve.
6. Bi'achytrupes nienibranaceus Drury.
Mamou; A. Klaptocz, Okt. 1911. 1 (J.
Konkoure; A. Klaptocz, 1911. 2 (^(J.
Fam. Tetti(joniidae.
7. Lanista affinis Bol.
Ob. Niger; A. Klaptocz, 1911. 1 ^.
8. Honiorocoryphus alhidonervis Redt.
Dubreka; A. Klaptocz, 1911. 6 ^^c^, 8 $9.
Ob. Niger; A. Klaptocz, 1911. 1 ^.
122 H. Karny,
9. Ho^norocovyitlins nitidnlus Scop.
Mamou; A. Klaptocz, 12./9. 1911. 1 ?.
Ob. Niger; A. Klaptocz, 1911. 1 ?.
Dubreka; A. Klaptocz, 1911. 2 ?$.
Konkoure; A. Klaptocz, 1911. 1 ^.
Dieser Species steht eine neue aus Dar-es-Salam sehr nahe, die ich
bei dieser Gelegenheit auch gleich beschreibe :
Homorocoryiilius ni ediotesseliatu s n. sp.
Fastigium verticis brere, Tolnndatut)i, haud conicum, subtus coneolor,
a si(2)ero visum saltem aeqne long um ac kaum. Pronotum jjostice parum
dilatatum. Elytra abdomen valde superantia, angusta, feinoribus posticis duplo
longiora, viridia, area antica reticulo albido nidlo, venis radiaUbus concoloribus,
ante venas radiales maciilis appositis nigris ornata necnon in dimidio
ajncali ante et pone radii sectorem sparse fusco-tessellata. Femora 4 anteriora
inermia, postica gracilia, basi parum inci-assata, extus 0 — Gspinosa^ intus
5 — Sspinosa. Tibiae anticae rimis tymp)anorum longitudinaliter nigro-
circumdatis instrudae, piosticae spimdis compluribus, basi Jiaud fnsco-macn-
latis armatae. Ovipositor apicem elytrorum hand attingens.
?
Lo}igitudo corporis 26 — 2fl mnt
,. fasiigü 1,4
,, pronoti 7 — 7,5
,, elytrorum 42 — 47
„ femorum p)osticorum 21^H — 22,7)
,. orqjositorus 20 — 2L')
Die neue Art steht unter den bisher bekannten wohl dem nitiduhis
am nächsten und unterscheidet sich von allen verwandten durch die an-
gegebenen Merkmale, so besonders schon auf den ersten Blick durch die
charakteristische dunkle Punktierung der Elytren.
Dar-es-Salam. 2 $$.
10. Xiphidiou /'ksciiui Fabr.
Ob. Niger; A. Klaptocz, 1911. 1 ?.
11. Xiphidion niaculatum Guill.
Dubreka; A. Klaptocz, 19ll. 1 (^, 1 ?.
12. ZabaJitts Uitlpennis Kaesc h.
Ob. Niger; A. Klaptocz, 1911. 1 $.
Ortboptera und Ootliecaria aus Französisch Guinea. 123
13. LloceHtriiiii aduncuni Karsch.
Mamou; A. Klaptocz, 12./9. 1911. 1 S-
14. Euf'ycoryiJha klaptoczi n. sjk
Lade viridis. Fastii/iuni rerticis inipressum, apice fere subtilüer
sulcaiiun, marginihus lateralibus subtumidis. Fastigium frontis tumidum,
a fronte impressione transversa divisum. Pronotum disco piano, margine
antico emarginato, postico rotundato, carinis lateralibus expressis, reetissimis,
parallelis, laete flavis; lobi laterales margine antico recto, postico late rotun-
dato. Elytra lata, ovalia, dense venosa, apice late rotiindata, ramo radiali
ad medium Oriente, paido post furcato. Aloe campo triangidari viridi
elytra distincte superantia. Femora omnia subtus sulcata, antica margine
antico 3 — 4spinulosa, p)Ostica inermia; intermedia antice spinis 2, postice
nullis ; postica extus spinis 5 — 6, intus 4 — 5 armata. Tibiae anticae supra
utrinque carinatae, planae, vix sulcatae, nee teretes, spina apicali excepta
inermes. Cerci $ conici , leviter incurvi. Ovipositor fortiler incurvus,
protioto subaequilongus, tibiis anterioribus brevior, margine inferiore rotundato,
integre, quarta parle apicali solum crenidato et ferrugato, margine snperiore
basi angulato-incnrvo, deinde recto, crenulato, ferrngoto. Lamina snbgeni-
talis 5 triangularis, apice breviter triangulariter excisa. (^ ignotum.
?
Longitudo corporis 20 mm
,, pronoii 4,8
„ elytrorum 29,5
Latiiudo elytrorum 9
Longitudo alarum 31
„ femorum posticorum 14,')
,, ovipositoris 4/1
Dedicata haec species Dom. Dr. Adalbert Klaptocz, qui eam in itinere
suo per Guineam gallicam invenit.
Mamou; A. Klaptocz, 12./9. 1911.
Die neue Species gehört in die Verwandtschaft von E. securifera
Br. V. W. und E. aequatorialis Kr. Von beiden unterscheidet sie
sich durch die oben ebenen, beinahe ungefurchten Vorderschienen
und die ßedornung der Vorderschenkel; die Hinterschenkel haben
innen und außen ungefähr gleich viel Dornen und zwar viel mehr
als bei securifera, während sie bei aequatorialis innen viel weniger
Dornen besitzen als außen ; schließlich ist auch die Legeröhre kürzer
als bei aequatorialis.
124 H. Karny,
15. Tfjlopsis irregularls Karsch.
Hierher stelle ich ein ziemlich einfarbiges braunes $, das durch
die Form der Subgenitalplatte zu dieser Spezies verwiesen wird, sich
aber durch etwas geringere Größe und etwas kürzere Legeröhre
unterscheidet.
Dubreka; A. Klaptocz, 1911. 1 $.
16. Tfjlopsis conflnens n. sj),
lestaeea. Pronotum dorso obscuriore, utrinque yallide marginato, piano,
mcdio hatid constridum, lohis lateralibus pallidis, margine inferiore siibro-
tundatOj angido postico late rotundato instructis. Elytra testacea , genua
postica rix superantia, campo praecostali ac costali dilute obscuris, vena
costali ipsa pallida^ deinde uftque ad venam mediam obscnra, parte cetera
testacea, ad venam mediam maculis dilutis obscuris, intervenosis ornata ;
ramus radialis primus cum vena media confluens ac deinde trifurcatus.
Älae elytra longe superantes, parte apicali testaceae. Pedes testacei, extus
infuscaii. Ovipositor formoribus anticis distincte brevior, latus, margine
inferiore fortiter curvato, parte apicali cremdato, s^iperiore leviter simiato,
subtoto crenidaio, apice ipso acidm. Lamina subgenitalis $ obtuse triquetra.
?
Longitudo corporis 15 mm
„ pronoti 4
elytrormn 32
,. femorum posiicorum 27
Die neue Species wird durch die Form der weiblichen Subgenital-
platte in die Verwandtschaft der T. continua verwiesen und unter-
scheidet sich von allen mir bekannten Ttßopsis-Xrten durch das
charakteristische Geäder: der erste Ast des Radius tritt schon nach
kurzem Verlauf mit der Media in Verbindung und gibt dann gegen
den Hinteri-and 2 Seitenzweige ab, so daß er im ganzen Sgabelig
ist. Bei allen anderen T gl opsis- Arten ist er — soweit mir bekannt
-^ stets von der Media deutlich getrennt und einfach oder nur ein-
fach gegabelt. Auch die Färbung ist eine andere als bei anderen
Tglopsis- Arten; da mir aber nur 1 Exemplar vorliegt, möchte ich
darauf kein Gewicht legen; vielmehr möchte ich davor warnen, bei
der systematischen Bewertung der T glopsis-F ormen die Färbung gar
zu sehr in den Vordergrund zu stellen, wie dies von manchen Autoren
leider geschehen ist. Wer jemals eine TyJopsis-S^ecies (z. B. thymi-
folia) in der Natur beobachtet und selbst gesammelt, ist wohl
Orthoptera und Oothecaria aus Französisch Guinea. 125
sicherlich zu der Überzeugung gekommen, daß die Färbung sehr
variabel und ohne alle systematische Bedeutung ist.
Ob. Niger; A. Klaptocz, 1911. 1 $,
17. JPhaiieroptera nana Fieb.
Mamou; A. Klaptocz, 12/9. 1911. 1 ?.
Dubreka; A. Klaptocz, 1911. 1 ö^. 1 $.
Farn. Acrididae.
18. Pauteli'a cristulala Bol.
2 Exemplare der KLAPTOcz-Ausbeute stimmen gut mit Bolivak's
Beschreibung und Abbildung überein, doch kann man die Augen
kaum als ,,subst3iati", sondern nur als „globosi, prominentes" be-
zeichnen. Mit dieser Species soll auch Walkee's Cladonotus horrendus
identisch sein (Kieby, Catal., Vol. 3, p. 10); doch fällt es mir bei
Walker's Beschreibung auf, daß er den äußerst charakteristischem
Verlauf des Halsschild-Mittelkiels nicht näher angibt, sondern ihn
nur als ,.fortis, inordinatim serrata" bezeichnet, obwohl die stumpf-
winklige Abknickung in der Mitte, die nur ganz schwache Zähne-
lung im vorderen und die auffallend starke im hinteren Teile doch
sehr bemerkenswert gewesen wäre. Danach würde es fast scheinen,
als hätte Walkee eine andere Art vorgelegen, bei welcher der
ganze Kiel mehr gleichmäßig gesägt ist. Ein solches Exemplar
findet sich in der Coli. Be. v. W. (No. 17186) von der Goldküste
als ,,Pantelia cristnlata'-', gehört aber sicher nicht zu dieser Species,
sondern ist nach dem Vorhandensein von Elytren und der Form
des Halsschildkieles wohl am ehesten der P. uncinata zuzurechnen;
mit der WALKEE'schen Art ist dieses Exemplar nicht identisch,
denn jene wird als „apterus" angegeben. Bei dem Exemplar der
Coli, Be. V. W. fällt mir auf, daß die horizontal seitwärts gerichteten
Vorsprünge des Halsschildes ziemlich hoch oben — in der Schulter-
höhe — sich befinden, bei Fantelia cristulata dagegen am ünterrand,
an den Hinterecken der Seitenlappeu. Da Bolivae auf diesen sehr
beachtenswerten Unterschied bei Beschreibung seiner P, uncinata
nicht aufmerksam macht, bin ich nicht ganz sicher, ob das in Rede
stehende Exemplar der Coli. Be. v. W. dieser Art zugehört.
Mamou; A. Klaptocz, 12./9. 1911. 1 (^, 1 $.
-[2Q H- Karny.
19. Paratettix africanns Bol.
Maniou; A. Klaptocz, 12.9. 1911. 1 Imago.
20. Faratettix sp.?
Mamoii; A. Klaptocz, 1911. 1 Larve imit kurzem Processus
pronotij.
21. Acrlda tiivrita Linn.
Dubreka; A. Klaptocz, 1911. 1 9, 1 Larve.
22. Aei'ida sulphuripennis Gerst.
Mamou; A. Klaptocz, 12./9. 1911. 3 SS: 1 ?, 1 Larve.
23. Calanus linearis Sauss.
Oline einen Grund anzugeben, trennt Kirby (Catal, Vol. 3,
p. 97, 98) die west-afrikanischen Exemplare als ,,C hirschr'. Ich
kann mich dieser Trennung nicht anschließen.
Ob. ^%er; A. Klaptocz, 1911. 1 c^, 1 $.
24. OcJirilidia trijxalicera Fisch. Fe. (= Bnichijcrotaphus
steindachneri Kr.).
Ein mir vorliegendes ^ stimmt gut mit den KRAuss'schen Tj'pen
vom Senegal überein; doch fehlt ihm die lichte Längsbinde am
Hinterkopf und Pronotum, und das Scapularfeld der Elytren ist
etwas schmaler. Durch beide Merkmale nähert sich dieses Exemplar
sehr dem Brachycrotaphus stuhlmamii Karsch, den ich aber nach wie
vor höchstens als Varietät von trijxalicera ansehen möchte (cf. Karny,
Orthopterenfauna des ägypt. Sudans, 1907, p. 100).
Ob. Niger; A. Klaptocz, Nov. 1911. 1 c^.
25. Chri/socJiraon pictus n. sp.
Rufo-ferrugineus • caput nigrimi, rertlce ac oecipite ferruglncis, utrinqne
fascia obliqua palliäe lutea, distinde dellneata, ab insertione aniemiariim
usque ad marginem externum mandibularum perduda ornatum ; foveolae
verticis nullae. Pronotum antice postweque rotmidato-siibtruncatum, carinis
S disfindis redLssimis, retrorsum leviter divergentibus ; disco ferrugineo,
lohis lateralibus nigris, ad marginem inferiorem vitta longitudinali pallide
lutea ornatis, Lobi meso- et metasternales distantes, mesosternales duplo
latius quam metasternales. Elytra ($) dimidkini abdominis vix obtegentia,
ferruginea, area mediali atro-tesselata. Femora postica apicem abdominis
Orthoptera und Oothecaria aus Französisch Guinea. 127
vix superaniia, gcnuhus ni(jnrr»us, nnic iis aniinlo perdihdo fulvo ; lihiae
posticae ad genicidn nigrac, deindc auraiitiaco-tesiaccac, spi7iis apice nigris
armatae.
?
Long'äudo corporis 23 nun
., pronoti 4
;, ehjtrorum 7,5
,, femoriim postkorum 14
Mamou; A. Klaptocz, Okt. 1911. 1 $, 1 Larve.
Durch die sehr charakteristische Färbung' leicht von allen
anderen Arten des Genus zu unterscheiden.
26. Faraclitenia tricolor Thunb.
Konkourre; A. Klaptocz, 1911. 1 $.
27. CtjniocJitlia nif/ricovnls Karsch.
Lumina supraanalis ^ rotundato-triangidaris , marginibus rotimdatis,
apice ohtuso, superne longitudinaliter impresso-excavata. Cerci ^ gracüiorcs,
rccti, conici, opice subacuti, laminam. siipraanalem haud vel vix superantes.
Laniina subgenitalis (^ subscapJioidea, quam in pachycerca minus acuta.
Mamou; A. Klaptocz, Okt. 1911, 3 ^<^- 12./9. 1911, 2 Larven.
Durch Vergleich der beiden aus dem Sudan stammenden Exem-
plare der WERNER-Ausbeute mit diesen west-afrikanischen konnte
ich mich von ihrer Identität überzeugen : die beiden Sudan-Exemplare
sind etwas weniger lebhaft gefärbt, stimmen aber sonst in allen
wesentlichen Punkten (auch im Bau der männlichen Genitalien) gut
mit den west-afrikanischen überein.
28. Ct/niochtha paclujcerca lu sp,
Laete vircscens, dorso ferrugineo, ittrinque fusco-marginato. Fastigium
certicis parum latius quam long ins, foveolis mdlis superne linea semicir-
cidari impressa instructuni. Costa frontalis longitudinaliter sulcata, carinis
subtiis minus acutis, diivrgcntibus. Antennae longae, angnstissime e.nsiformes,
fusco-testaceae ($) vcl nigrae, ima basi pallidiores (3*). Pronotum carinis
tribiis rectis, retrorsum vix divergentibus, sulcis transversis distinctis 3, quorum
tertio solo carina mediana intersecta ; lohi laterales trapexoidei, antice posti-
ceque obtusanguli, suljtus margine vix curvato. Lobi mesosternales distincte
distantes, ynetasternales retrorsum convergentes ibique in ^ siäura hrevi
128 H. Karny,
contigui, Ehjtra ge)tva ■postica atimgeiitia, apicein ahdontinis hand ($) vel
rix {(^) sKperaniia , 7nargine antico laete viridia , deinde lonc/itudinaliter
fusco-fasciata , parte reliqua feiruginea vel margine j^ostico solum dilute
virescentia; camjjus discoidalis reiiculo in venam intercalatam [spuriam)
undulatam , basin versus evanescente-ni, nomiunquani dilutam vel jja?'/?//?/
dup)licatam, irregulärem, inter venam mediam ac cvbitum suhintermediam
confluente. Femora j)ostica utrinque hasi laete viridia, apicem versus ferrii-
gata, apice ipso in i^ fusciore ; tibiae posticae laete violaeeo-roseae, in ^ basi
jmllidiores, genubus ipsis fuscis. Laniina siipraanalis ^ acuia-triangularis,
marginibus parum sinuatis, superne basi subiiliter longitudinaliter sulcata,
deinde {ante medium) transverse impiressa. Cerci ^ o-assi, recti, cylindriei,
apice obtusi, laminam supraanalem parum, sed distinde superantes. Lamina
suhgenitalis ^ snhscaphoidea. tumida, opice ipso saf nni1a.
S ?
Long'itudo corporis 2(! — ^-S' mm 44 vim
,, pronoti r> ,S
,, elytroriivi 21 Sl
„ femonan posticorum IS— VI 2.'i
Mamou; A. Klaptocz, 12./9. 1911. 3 c^c^, 1 ?, 1 Larve.
Die neue Art steht der Cymochtha nigricornis außerordentlich
nahe, unterscheidet sich aber von ihr deutlich durch den Bau des
männlichen Hinterleibsendes und außerdem nach den vorliegenden
Stücken auch durch die Färbung: bei nigricornis ist die Grund-
farbe ein Gelbgrün und zwar am Rücken und an den Seiten gleich,
die Seitenbinden sind ziemlich breit, schwarzbraun bis schwarz; bei
pacJiycerca sind die Seiten lebhafter grün, der Rücken dagegen rost-
braun, höchstens ganz in der Mitte mit schwach grünlicliem An-
flug, die Seitenbinden sind schmaler und mehr bräunlich.
Die Beschreibung der Cymochtha prasina Bol. ist leider so un-
vollständig, daß es sehr schwer ist, sich über die systematische
Stellung dieser Species ein sicheres Urteil zu bilden. Obwohl Bo-
LivAR auch ^^ vorlagen, gibt er über den Bau ihres Hinterleibs-
endes gar nichts an, sondern beschreibt fast nur Färbungsmerkmale ;
in diesen scheint die BoLivAE'sche Art eher mit nigricornis als mit
pachycerca übereinzustimmen. Übrigens unterscheidet sie sich nach
Bolivak's Beschreibung von beiden durch die Form der Halsschild-
Seitenlappen und etwas längere Elytren. Cymochtha deserticola
Keaüss ist von den übrigen Arten nach des Autors ausführlicher
Beschreibung und schöner Abbildung leicht zu unterscheiden.
Ortboptera und Oothecaiia aus Französisch Guinea. 129
29. Orthochtha bisulcata Krauss.
Das einzige mir vorliegende ^ stimmt mit dem Original-
exemplar von Krauss vollständig überein, doch ist auch die vordere
B\irche des Halsschildrückens, die beim Originalexemplar vollständig
fehlt, angedeutet; den Mittelkiel erreicht sie freilich nicht. Die
Hintertibien sind blaß rosa gefärbt, die Elytren überragen den
Hinterleib kaum merklich und erreichen die Hinterknie nicht.
Außerdem stelle ich hierher 2 $2 (neu), bei denen die Elytren das
Hinterleibsende knapp erreichen.
Ob. Niger; A. Klaptocz, 1911. 1 c^, 2 ??.
30. DuronieUa Jucasii Bol.
Von dieser Species liegen mir 3 ^c^ und 2 $$ aus Mamou vor,
wo sie zusammen mit Bodunia pharaonis vorkommen, von dieser
aber auf den ersten Blick durch die Form der Halsschildkiele zu
unterscheiden sind. In allen übrigen Merkmalen stimmen sie aller-
dings mit dieser Species überein. Von den anderen Fundorten ist
mir die Art nicht bekannt geworden.
Mamou; A. Klaptocz, 12./9. 1911. 3 <^(^, 2 ?$.
31. Hoduuia pharaonis Karny.
Diese von mir aus dem Sudan beschriebene Species liegt mir
jetzt auch aus West- Afrika vor; sie ist der Diironiella lucasii außer-
ordentlich ähnlich und unterscheidet sich von ihr im wesentlichen
nur durch die ganz geraden Halsschild-Seitenkiele, die nach hinten
undeutlicher werden, aber doch auch dort vorhanden und ganz
parallel sind. Dieses Merkmal begründet nach Brunner v. W. (Rev.,
p. 121) gleichzeitig die generische Trennung der beiden Species,
obwohl sie einander meiner Ansicht nach vielleicht sogar fast so
nahe stehen wie Chorthipims dorsatus und alhomarginatus.
Mehrere Exemplare beiderlei Geschlechts von folgenden Fund-
orten :
Dubreka; Ob. Niger; Mamou; A. Klaptocz, 1911.
mr. ferruginea n. Das einzige von Konkourre (Okt. 1911) vor-
liegende (^ ist durch seine lebhafte rostgelbe Färbung von den
anderen unterschieden; da es aber in der Form des Kopfgipfels, im
Bau des Flügelgeäders und allen anderen wesentlichen Merkmalen
mit der Hauptform übereinstimmt, betrachte ich es nur als Farben-
varietät. Das gleiche gilt von der
Zool. Jahrb. XL. Abt. f. Syst. 9
130 H. Karny,
var. virescens n.. bei welcher Scheitel, Hinterhaupt, der zwischen
den Seitenkielen gelegene Rückenteil des Halsschilds und der Anal-
teil der Vorderflügel grün gefärbt ist, die seitlich daran angrenzenden
Partien schwärzlich und erst ganz unten findet sich wieder die nor-
male gelbbraune Färbung. Mir liegen davon 3 c^^? ^i^s Maniou vor,
die im übrigen von der Hauptform nicht zu trennen sind.
Überhaupt möchte ich davor warnen, auf die Färbung bei den
Arten der i^oc^wma-Gruppe zu viel Gewicht zu legen; dieselbe
scheint ebenso variabel zu sein wie bei unseren einheimischen Chor-
thippen.
32. Hodnnia tricolor Kaeny.
Ob. Niger; A. Klaptocz, 1911. 1 (^, 1 ?.
Das ö" ist etwas größer als die Exemplare vom ägyptischen
Sudan und am Rücken deutlicher grün gefärbt.
33. Rodunia chloronoUi Stal?
Hierher stelle ich 4 Exemplare (2 ^<^, 2 $?) aus Mamou, die
mit der STAL'schen Originaldiagnose gut übereinstimmen, nur hat
das cJ etwas kürzere Cerci (nicht länger als die Supraanalplatte),
und die Elytren sind nur im distalen Teil (nicht „maxima parte")
durchsichtig, ganz ebenso wie dies auch bei Truxdlis brevicornis
der Fall ist; überhaupt sind die mir vorliegenden Stücke der ge-
nannten südamerikanischen Art zum Verwechseln ähnlich, was mich
auch dazu bestimmt, sie mit Rodunia chloronota zu identifizieren.
Denn Stal sagt beim Vergleich mit Truxalis brevicornis von seiner
Art: „varietati dorso virescente hujus speciei magnitudine et ceteris
simillima*'. Allerdings trifft dies nicht zu für jene Art, die Keauss
als Phlaeoba mridula vom Senegal angab, wie ich mich durch Ver-
gleich des Originalexemplars tiberzeugen konnte. Diese ist von der
mir vorliegenden Species ganz auffallend verschieden; allerdings
führt Krauss auch bei seiner Art den STAL'schen Namen als Syno-
nym an, doch möchte ich nach der STAL'schen Diagnose eher die
von Klaptocz gesammelten Exemplare mit chloronota identifizieren
als die KEAuss'schen. Daß Keauss die Art als viridula Pal.-Beauy.
bezeichnet und behauptet, dieser Autor hätte sie aus Chama ange-
geben, beruht auf einem Irrtum ; viridula stammt nach Angabe Pal.-
Beauv.'s aus Amerika und wurde von Kirby mit Recht in die
Synonymik von Truxalis brevicornis verwiesen. Es bleibt somit für
die KRAüss'sche Art als gültiger Name nur Rodunia basalis Walk.,
Orthoptera imd Oothecaria ans Französisch Guinea. 131
vorausgesetzt daß Kirby's Identifizieniüg richtig ist; sie ist sehr
verschieden von der mir aus Mamou vorliegenden Art, die ich für
Rodimia chloronota halte; diese kann ich von allen mir bekannten
Arten nur mit Truocalis hrevicornis vergleichen, von der man sie nur
bei genauer Untersuchung unterscheiden kann. Ich würde sie daher
sogar geradezu zu Truxalis stellen, wenn dieses Genus nicht ex-
quisit neotropisch wäre. Die Merkmale, durch die sich meine
Rodimia chloronota von Truxalis hrevicornis unterscheidet, sind
folgende: Kopf kaum merklich stumpfer, Stirnkiel im oberen Teile
etwas breiter (und nur wenig schmaler als unten). Kopfgipfel an
den Seiten nur schwach eingedrückt, wogegen er bei hrevicornis
eine deutliche halbkreisförmige Vertiefung um den Mittelkiel herum
besitzt. Halsschild-Seitenkiele nach vorn etwas stärker konvergierend,
etwas gebogen (mit der Konvexität nach außen), nicht ganz gerade,
wie dies gewöhnlich bei hrevicornis der Fall ist. Halsschildrücken
hinten etwas deutlicher Avinklig, Elytren am Ende nicht so breit
abgestutzt, sondern etwas mehr verschmälert, und mehr gerundet
abgestutzt. Subgenitalplatte beim ^ etwas kürzer und stumpfer
als bei hrevicornis. In allen anderen Merkmalen stimmen die beiden
Arten, so viel ich sehe, vollständig überein und die angegebenen
Unterschiede sind auch durchweg sehr minutiös und meist nur
graduell. — Die Längenangabe bei Stal stimmt mit meinen
Exemplaren vollständig überein, vom Kopfgipfel bis zur Elytren-
spitze gemessen; die Körperlänge beträgt: ^ 23—24 mm, $ 35 bis
B6 mm.
34. Acteana Maptoc^i n. sp,
Fasca, laterihns atris, suhUis late paüide marginaüs. Corpus totum
rugulosuni, opacum. Äntennae basi depressac , angustissimc ensiformes.
Frans a ledere visa suhrecta, haud emarginata, distincie obliqua ac reclinata;
Costa frontcdi distincta, utri^ique carinata, longitudincditer sidcata^ rccta, basin
versus dilatata. Vertex carina arcuata, acuta utrinque marginatus, piostiee
linea arcuata suhtili, sed distincta ab occipite sejunctiis. Foveolae nullae.
Pronotum subcylindricimi, margine antico subreeto, postico levissime exciso,
carinis tribus longitudinalibus rectissimis , disiinciis^ antrorsum levissime
divergeniibiis, mediana usque ad apicem, verticis percurrente; lobi laterales
margine inferiore antice sinuato-ascendenie, postico subreeto, angulo postico
obtuso, sinu Immerali nullo. Ehjtra lateralia , sat angusta, lanceolata,
latitudine plus diiplo longiora, ante apicem quam pone medium latiora, apice
rotundata, dimidium segmrnti abdominalis tertii attingentia, fusca, ad
9*
132 H. Karny,
marginem j^osiicuni palUdiora. Femora poslica graciliuscula, flaro-testacea,
geniculis nigris, apiceni abdominis attingentia.
Dedico lianc speciem Dom. Dr. A. Klaptocz, egregio Guineae gallicae
exploratori.
$
LoJtgitudo corporis 21,4 mm
„ pronoti 4,6
„ elylrorum 4,1
„ femorum jyosticorum 11
Von Acteana dlasonica durch die angegebenen Merkmale, nament-
lich an der Fühlerbildung und der Form der Pronotum-Seitenkiele,
sehr leicht zu unterscheiden. Von Lohopoma durch die Form und
Größe der Elytren und die Form der Halsschild-Seitenlappen ab-
weichend. Von Odontomelus nach der Form des Kopfgipfels und
der Hinterknie sofort zu trennen. — Im Gesamthabitus erinnert
die neue Species sehr an das Genus Duronia, von dem sie sich aber
sofort durch die rudimentären Flugorgane unterscheidet. Das (^
kenne ich nicht.
Mamou; A. Klaptocz, 12./9. 1911. 1 ?.
Ich besitze außerdem von diesem Genus noch 2 neue Species aus
Dares-Salara und Tassamaganga (Deutsch Ost- Afrika), die ich Herrn Dr.
Plason verdanke :
Acteana brachyptera n. sp.
Testaceo-fusea, vittis longitudinalibus dilutis vel nullis. Corpus totum
rugulosum, opacum. Antennae basi depressae, ensiformes. Frons a latere
visa sinuaio-emarginata, distincle obliqua ae reclinata ; costa frontali sulcata,
utrinque distincte earinata, superne ad insertionem antennarum perangusta,
basin versus dilataia. Vertex distincte longitudinaliter carinatus, a fronte
margine acuto sejunctus, foveolis nullis. Pronotum margine antico rotun-
datO'truncato, 2)ostico levissime inciso, carinis 3 expressis, subrectis, lateroMbus
retrorsum diver g entibus ; lobi laterales margine inferiore antice sinuato-
ascendente, postico leviter sinuato, angulo posiico recto, sinn humerali vix
ullo. Elytra lateralia perangusta, parte basali quam apicali angustiora,
latitudine plus duplo longiora, ajnce rotundata, segmentum abdominis secun-
dum obtegentia, fusca. Femora postica crassiuscida, opaca, geniculis vix
obsciirioribus, apicem abdominis attingentibus.
Orthoptera und Oothecaria aus Französisch Guinea. 133
$
Longitndo corjjoris 23,5 — 26 mm
,, pronoti 4,5 — 5
„ elytrorum 3,8
„ femorum posticorwn 13 — 14
Von den bisher bekannten Arten anscheinend mit Acteana alazonica
am nächsten verwandt; unterscheidet sich von derselben vor allem durch
den länglicheren, mit deutlich durchlaufendem Mittelkiel versehenen Scheitel,
die Form des Hinterrandes der Halsschild-Seitenlappen und die bedeutendere
Größe. Das ^ kenne ich nicht, doch scheint die Species von A. nigro-
geniculata, die mir vom selben Fundort nur in männlichen Exemplaren
vorliegt, nach Färbung und Fühlerform gut getrennt zu sein. Steht viel-
leicht auch der A. tiearei BOL. bis zu einem gewissen Grade nahe, unter-
scheidet sich aber von derselben durch die deutlich längeren, nicht ge-
sägten Fühler.
Dar-es-Salam. 5 $$.
Actanea iiigrogeniculata n. sp.
Testacea, utrinque viüa longüudinali fusco-nigra ornata. Corpus riigu-
losum. Antennae fuscae, jjerlongae, dimidio corporis distmcte longiores, hast
parum , sed distinde depressae. Frons a latere visa sinuato-emarginata,
reclinata; costa frontali utrinque distinde carinata, longitudinaliter suhata,
hasin versus dilatata. Vertex subexawatus, margine arctmto-acuto, carina
longitudinali suhtili percurrente ; foveolae verticis nullae. Pronotum margine
antico redo, truncato, postice leviter eniarginato, carinis longitudinalihus
tribus, lateralibus levissime curvatis, retrorsicm diver gentibus ; lobi laterales
margine inferiore dimidio antico oblique truncato, postice redo, angulo pos-
tico ohtuso, ynargine postico vix sinuato, sinu humerali nidlo. Elytra fusca,
lateralia, angustissima, apicem versus dilatata, latitudine triplo fere longioi-a,
apice rotundata, marginem posticum segmenti abdominalis secundi attingentia.
Femora postica testacea, area externa concolore vel leviter infuscata, genicidis
nigris, apicem abdominis valde superantia. Tibiae posticae testaceae, ad
genicula nigrae, tarsmn versus infuscatae, utrinqtie spinis jMllidis, ajnce
nigris armatae.
Longitudo corporis 13,5 — 15 nun
„ pronoti 2,7 — 3,3
„ ehjtrorum 2,3
„ femorum posticorum 9 — 10
Unterscheidet sich auffallend durch die langen und verhältnismäßig
schlanken Fühler, die langen Hinterschenkel und die übrigen oben ange-
gebenen Merkmale. Zeigt vielfach Beziehungen zu Pargaella ludnosa BoL.,
134 H. Karny,
doch läßt sich diesbezüglich nichts Näheres feststellen, da BOLIVAK nur
die Färbung beschreibt.
Dar-es-Salam. Tassamaganga (Deutsch Ost-Afrika). 4 ^(^.
Durch die verkürzten Flugorgane erinnert an Acteana auch die Gattung
Gymnobothroides n. g.
Caput a latere visum rotundatum, haud acute produdum. Fastigium
verticis breve, haud laminato-extenswn . Foveolae verticis inferae. Antennae
tereies. Cariuae pronoti 3 distinctae, laterales angulato-incurvae. Lobi
meiasternales haud contigui. Elytra lobiformia , apice j'otimdatg, ; alae
ahoriivae. Femora postica angulis apicaUbus rotundatis deflexis. Tibiae
posticae spinis parum numerosis, tdrinque 8 — llarmatae. Germs africanum.
Das neue Genus scheint von den bisher bekannten Gattungen Gymno-
hothrvs am nächsten zu stehen , unterscheidet sich aber von allen ver-
wandten durch die verkümmerten Flugorgane, von Adeana aber durch die
Kopfform.
Gymnobothroidcspidlns u. sp.
Testaceo-fusca, pronoto uirinque vitta nigra, a carinis lateralibus palli-
dioribus interrupla ; abdomen lateribus obscurius conspersis ; femora p)ostica
superne plus minus distinde fusco-maeulaia , geniculis infuscatis , subtus
mm toto venire dilute cinnabarina ; tibiae posticae infuscatae, infra genicula
annulo lato pallido ornalae, spinis ajnce nigris armatae.
Antennae teretes. Frons a latere visa rotundata, parum sed destinde
obliqua; costa frontali basin versus ampliata , ad ocellum longitadinaliter
impressa. Vertex parvus , dimidio oculi vix latior nee longior, concavus,
carina nulla instrudus ; foveolae verticis inferae, distinctae, sed p)ct'^uni pro-
fundae et subrepletae, sat angustae. Pronotum, margine antico roiundato-
truncato, postico obtuse subangidato ; carina media subtilis, sulcis transversis
3 interrup)ta, secundo in medio sito ; carinis lateralibus angulato-incurvis,
retrorsiim quam antrorsiuu magis divergentibus ; lobi laterales subquadrati,
margine inferiore parte anteriore sinuaio, postice redo, angulo postico obtuso,
sinu humerali nullo. Elytra rotundata, superne inter se non atlingentia,
parum sed distinde sejuncta, ovata, latitudine vix dimidio longiora, seg-
mentum abdominale secundum attingentia. Femora postica crassa, apicem
abdominis vix superantia.
?
Longitudo corporis
16,5—17 1
,. pro)ioti
3,6
„ elyiro7-um
3,3—3,8
„ feviorum
pjosticorum
9,7—10,3
•-es-Salam. 2 $$.
Orthoptera und Ootbecaria ans Französisch Guinea. 135
35. Avcyptera eoeriilipes ^i. sj).
Fusco-olivacea, dorso vitta mediana palUdiore nidla. Vertex obscure
olivaeeo-virescens, fere niger, foveolis distinctis, sed obtuse delineaiis, inipresso-
pimctatis. Costa frontalis obiusa, os versus pariini dilatata, carinis late-
ralibus perobtusis ; genis distincte carinatis. Pronotum carina mediana
subtili, sed distincta, lateralibiis antice nullis , postice perohsoletis. Elytra
{in ^) abdomen ac genua postica distincte superantia, subpellucida, area
costali dilatata, regulariter transverse venosa, vitta longitudinali pallide sul-
phurea ornata ; vena intercalata mala. Alae pallide flav^scentes. Femora
postica vitta transversa, diluta obscura necnon genieulis nigris ornata; tibiae
posticae laete coeriileae, infra genieida anntdo pallido ornatae.
Longitndo corporis 23,5 nnn
„ pronoti 4,7
„ ehjtrornm 22
„ femorinn posticormn 15
Ein einzio'es Exemplar aus Mamou, 12./9. 1911, das durch den
Mangel der Vena spuria in der Area medialis zu Arcyptera s. str.
verwiesen wird, sich aber von allen bisher bekannten Arten dieser
Gattung durch die Hinterschienentärbung sofort unterscheidet.
36. Aiolopus tJialassinus Fabr.
Konkourre; A. Klaptocz, Okt. 1911. 1 $.
37. Chorthoicetes alboniarf/matiis n. sp.
Testaceus. Caput subtus pallidius, superne obscurius, utrinque fascia
longitudinali nigrofusca ab ocidis ad partcm superiorem loborum lateralium
pronoti producta. Costa fro7italis os versus dilatata, in ^ magis quam
in $, marginibiis lateraUbus acute delineatis ((^) vel subtus obtusis ($).
Foveolae verticis distinctae, sid)trigonae, antrorsum angustatae, marginibus
obtusis. Äntennae in läroque sexti capite et pronoto unitis distincte lon-
giores. Frotiotum marginc antico recio, postico obtuse angulaio ; carinis
rectis subparallelis, mediano a sidco tertio ante medium sito soliim intersec.to,
lateraUbus reirorsum leviter divergent ibits et subevanescentibus. Meso- et
metapleurae infuscatae. Lobi meso- et metasternales in ^ late distantes,
spatio intermedio mesosternali transi:erse, metasternali longitudinaliter reo-
tangidari; lobi mesosternales ^ retrorsum divergentes, metasternales conver-
gentes et ante apicem contigui. Elytra femora jwsticß et apicepi abdominis
longe superantia, apice rotundata, testacea, ante venam radialem fascia an
136 H. Karny,
gvsta lo7iffüu(linali albidula interdum diliita vel ohsoleta ornata, apice infuscata,
area mediali nigrofusco vel fusco-tessellaia ; vena intercalata intermedia vel
basi cubit'us, apice mediae pxtrum appropinquata ; margo anterior basi distincte
rotundato-dilaiatus ; venae principales haiid flexuosae. Femara postica superne
fasciis transversis latis 2 vel 3 pallidioribus, genubus fiiscis ; tibiae j)osticae
sordidae, medio dilute infuscatae.
s ?
Longittido corporis 13,5 mm 19,5 mm
„ ]}ronoti 3 3,3
„ elytroruni 14,5 17,5
,, femorum j)osticortim 0,5 10
Diese charakteristische Species ist von allen bisher bekannten
nach den angegebenen Merkmalen sofort zu unterscheiden. Im
Gesamthabitus erinnert sie sehr an unseren ChortJdppus alhomarginatus,
von dem sie sich leicht durch den Genuscharakter (Besitz der Vena
intercalata) unterscheidet, auch durch die nicht S-förmig gebogenen
Hauptadern. Die Coli. BR. v. W. besitzt sie auch aus Tananarive
(Madagaskar); sie scheint also in Afrika weit verbreitet zu sein.
Mir liegt sie in mehreren Exemplaren {^ und $) aus Mamou (Sept.
bis Okt. 1911) vor und eines aus Dubreka.
38. Morj^hacris sulcata Thunb.
Mamou; A. Klaptocz, 12./9. 1911. 1 ?.
Ob. Niger; A. Klaptocz, 1911. 1 S-
39. Heteroptemis hyalina Saüss.
Unter den vorliegenden Exemplaren befinden sich auch 2 mit
spangrün gezeichnetem Pronotum. — Nahe verwandt mit dieser
Species ist auch die ursprünglich als Chorthoicetes beschriebene H.
acuiangula Karny.
Mamou; A. Klaptocz, 12./9. 1911. 2 ^^, 2 $?.
Konkourre; A. Klaptocz, 9./9. 1911. 1 $.
40. Gastrhnargus marnioratus Thunb.
Mamou; A. Klaptocz, Okt. 1911. 1 $.
41. Tmetonota peregrina n. sj),
Sat crassa, griseo-fusca, valde rugosa, tuberc2dosa. Costa facialis ad
frontem lata, parallela, deinde distincte constricta, infere dilatata, ad clypeum
evanescens. Antennac graciles. Vertex rugosissivms, postice täritique cari-
Orthoptera niul Oothecaria aiis Franzüsisch Guinea. 137
7iulis amiatis, aniice foveoUs distinctis, subroktndatis, quam in T. verrucosa
majoribns, sed partim profundis. Occipitis carinulae juxta-oculares Irans-
versae, Pix arcuaiae, utrinque 2, subobsoletae, sed seriebus tuberculorum promi-
nentium elevatis compensatae. Pronoium granosum, tubercidaitim, rugosum,
reirorsuni parum dilataiu?n, quam in T. verrucosa dislinde gracilius ; pro-
%onae crista elevaia, per sulcum anticuni profunde incisa eoqtie modo dentes
duos tnagnos, obiusos, qnorutn anterior major, form ans ; metazona granulata,
carind distinctd arcuatd, margine postico integro, nee radiaio nee inciso,
processu rectangido ; lobt laterales Jmud retroproducti, postice obtusanguli,
angiilo ipso non — iiti in T. verrucosa — rotundato. Os et pecttis nigra,
parum flavovariegata. Ehßra ^ apicem abdominis vix superantia, uii in
ceteris Tmetonotis formata, usque ad apicem fulvo-grisea, subopaea, fasciis
iransversis perdilutis ; parte basali irregulariter reticulaia, parte apicali venulis
transversis parallelis, perfectis. Alae $ obtusae, margine externo arcuato,
lobis apicalibus binis aeque longis; campus anterior nigrofuscus, venis nigris,
area cubitali haud dilatata, quam medialis haud latiore; campus analis nigro-
fuscus, disco basali minore miniaio. Femora postica crassa, marginibus
arcuatis, latere interno nigro, ante apicem pallide bifasciata, externo fusco-
grisea, superne perdilute obscure-bifasciata. Tibiae posticae coerulescenti-
nigrae, annulis transversis pallidis 2 ornatae, spinis concoloribus nigris, in
parte pallida pallidis, apice nigris.
?
Longitudo corporis 22 mm
„ pronoli 0,5
., elytrorum 17
„ femorum posticorum 13
Ob. Niger; A. Klaptocz, 1911. 1 ?.
Diese interessante neue Species gehört einer exquisit süd-
afrikanischen Gattung an und ist bisher die einzige Art dieses
Genus, welche aus dem tropischen Afrika bekannt geworden ist.
Sie kann mit keiner der bisher bekannten Arten verwechselt werden :
mit T. verrucosa stimmt sie im Geäder und in der Färbung der
Hinterflügel überein, wogegen sie in Form und Skulptur des Pro-
notums die T. rugosa nachahmt und sich durch dieses Merkmal sehr
wesentlich von T. verrucosa unterscheidet, neben welche sie durch
das schmale Cubitalfeld der Hinterflügel verwiesen wird.
42. Acrotylus coeviilfms Kaeny.
Das einzige vorliegende ^ stimmt gut mit dem einzigen $ vom
ägyptischen Sudan überein, nur ist es dunkler gefärbt.
Ob. Niger; A. Klaptocz, 1911. 1 ^.
138 H. Karny,
43. Pyrgomorplia f/ranulata Stal.
Konkourre; A. Klaptocz, 1911. 1 $.
44. Oxt/a cyanipes Kakny (als Catantops beschrieben).
Hierher 2 Exemplare vom Ob. Niger, von denen eines an den
Seitenkielen des Halsschilds jederseits eine schiefe gelbe Längsbinde
trägt, die sich über die Hinterhauptseiten bis zum Scheitel fortsetzt
und noch je eine breitere, ebenso gefärbte am Unterrand der Hals-
schild-Seitenlappen; das andere Exemplar ist fast ganz einfarbig.
Beide haben schon blaue Hintertibien; hierdurch und durch die
dunkle Körperfarbe von Oxya hyla leicht zu unterscheiden.
0. Niger; A. Klaptocz, 1911. 2 (^^.
45. Spathostermuni nif/rotaeiiiattiiti Stal.
Ob. Niger; A. Klaptocz, 1911. 4 ^(^, 1 ?.
46. Tt'lstfia pallida Karny.
Von dieser sehr leicht kenntlichen Art liegen mir leider nur
3 Larven vor, 2 vom Ob. Niger, eine von Mamou (Okt. 1911).
47. Oxt/t'rJiepes iwosternaHs Karny.
Dubreka; A. Klaptocz, 1911. 1 ?.
48. Oxyrrhepes elef/aiis Bol.
Vielleicht nur als Varietät von 0. vireseens anzusehen. Der
einzige Unterschied, den ich nach der Originaldiagnose Bolivaks
herausfinde, ist in der charakteristischen Tibienfärbung gelegen.
Ein so gefärbtes Exemplar hat aber schon Krauss als vireseens aus
dem Senegalgebiet angegeben {^). Mir liegt davon 1 $ vor (Ob.
Niger, Okt. 1911) und 1 $ von dem tj^pischen
49. Oxyrrhepes vireseens Stal.
mit blassen Hinterschienen. Die Coli. Br. v. W, besitzt beide
Formen; im Bau des männlichen Hinterleibsendes stimmen sie voll-
ständig miteinander überein.
Ob. Niger; A Klaptocz, Nov. 1911. 1 $.
Mamou; A. Klaptocz, 12./9. 1911. 2 Larven.
50. Oxyrrhepes jyvocera Burm.
Dubreka; A. Klaptocz, 1911. 1 $.
Orthopteni und Oothecaria aus FrauzüsLsch Guinea. 139
51. Mesopsis Jaticovnis Keauss.
Dubreka; A. Klaptücz, 1911. 1 ^.
Ob. Niger; A. Klaptocz, 1911. 1 $.
Das $ hat die Basalhälfte der Hinterschenkel innen fast ganz
schwarz.
52. Ctjrtacanthacris ru/icornis Serv.
Dabola; Jan. 1912. 1 ^.
53. JPhf/xacra raviolosa Keauss.
Ob. Niger; A. Klaptocz, 1911. 1 ?.
54. Epistaiiriis holivari Karny.
Hierher stelle ich 1 $, das nach den Genusmerkmalen (cf.
Bolivae, 1889, p. 164) zu Episiaurus gehört und sich hierdurch
von Coptacra succinea unterscheidet. Auch ist der Kopfgipfel zwischen
den Fühlern deutlich schmaler und die Stirnrippe deutlich schärfer
gerandet als bei dieser Art. Die Färbung ist heller, aber doch
dunkler als bei dem Typus von Epistaurus holivari. Die Flugorgane
sind kürzer als bei beiden erwähnten Arten, indem sie die Hinter-
knie nur ganz wenig überragen und das Hinterleibsende kaum er-
reichen. Von Epistaurus crucigerus durch die orangegelben Hinter-
tibien (bei crucigerus braun) und durch die Form des Halsschild-
Mittelkiels sofort zu unterscheiden. Derselbe ist (in der Seiten-
ansicht) viel stärker gebogen als bei E. crucigerus und bei C.
succinea und stimmt hierin nur mit E. holivari überein, als dessen
Varietät ich das Exemplar vorläufig betrachte; doch ist es nicht
ausgeschlossen, daß es sich vielleicht um eine neue Art handelt.
Mamou; A. Klaptocz, 12./9. 1911. 1 $.
55. Ccitantops modestus n. sp.
Fascus , pedibiis omnibus totis riridi-flavis. Oculi ohliqui , magni;
spatiiim interocidare verticis aiitennis vix latius. Costa frontalis distincie
margiiiata, longitudinaUter sulcala^ infra ocellum parum coarctata, cetermn
aeqnilata. Pronotum margine antico rotundato-truncato , ptosiico rotundato-
angidato ; carina mediana suhtili, sed distincta, a sulcis transversis 3 inter-
secta, jyostico post medium sito ; carinae laterales nullae. Elytra apiceni
abdominis haud vel vix attingentia, onaxima parte pellucida, ad marginevt
anteriorem infuscata. Femora postica cum tibiis viridi-flava, concolora
c?
?
18 mm
22—23 mm
3,5
4,5
12,5
15
0,5
12
140 H. Karny,
vcl exkis levissime infuscata, genulms pallidis. Lohi meso- et ynetasternales
$ intus rotundatae, distantes ; mesosternales ^ ad hasin contigid, deinde
valde divergentes, metasternales ^ apice contigui. Lamina supraanalis ^
rotundato-triangularis, longitudinaliter sulcata; cerci ^ graciles, recti, lamina
siibgenitali distincte hreviores , apice subtiUter hißdi. Lamina subgenitalis
^ obtuse scaphoidea, $ rotundato-angnlata.
Longitudo corporis
„ pronoti
„ ehjtrornm
„ femorum posticornm
Diese unscheinbare, aber doch interessante neue Art ist von
den bisher bekannten dem C. rufipes und fuscipes am nächsten ver-
wandt; namentlich dem ersteren ist sie ziemlich ähnlich, aber doch
leicht zu unterscheiden (schon durch die Tibienfärbung).
Mamou; A. Klaptocz, 12./9. 1911. 2 <^<S, 2 $?.
56. Catantops stylifer Krauss.
Dubreka; A. Klaptocz, 1911. 1 $.
57. Catantops kraussi Karny.
Mamou; A. Klaptocz, 12./9. 1911. 1 ?.
58. Catant02)s melanostictiis Schaum.
Dubreka; A. Klaptocz, 1911. 2 ??.
Das eine der beiden Exemplare hat die Innenseite der Hinter-
schenkel fast ganz schwarz.
59. Catantops pulchripes n, sp.
Fusco-testacPAis , genis infra oculos vitta longitudinali pallida ohliqua
ornatis. Costa frontalis infra ocellum longitudinaliter impressa. Pro-
notum antice rotundato-truncatum , postice obtuse angidatum; lobi laterales
niacida iiigra abbreviata ornati, margine antico anguste j)allidiora, jaar/e
postica dilute palUdo, margine inferiore sat late pallide flavo. Elytra apicem
abdominis ac genua postica perparum superantia, fusco-testacea, fisco-con-
spersa. Alae pallide coeruleae, apice infumatae. Prosterni tuberculum
cylindricum , obtusissimum . Lobi meso- et metcLsternales nigromarginati;
mesosternales vix distantes, metasternales contigui. Meso- ac metajjleurae
oblique pallide flavo-hivittatae. Femora postica superne transverse fusco-
trivittata, vittis binis anterioribus in area externo-media continuatis, quaruni
Orthoptera uud Oothecaria aus Französisch Guinea. 141
prima marginem iiiferiorem versus dilatata ; ante eam area externo-media
macula fusco-nigra ornata; area interno-media aurantiaca, maculis trans-
versis nigris 4 ornata. Genua testacea. Tihiae posticae ima hasi nigrae,
deinde annulo lato laete aurantiaco ornatae, deinde angusto nigro, j)'>'<^i6'>'^(^
laete coeruleae , s2)mis nigris armatae. Abdomen subtus pallide testaceum ;
superne laete coertdeum, nigro-macidatum. Lamina supraanalis ^ viarginibiis
lateralibus diiplo sinuatis, elongata, acuminata, jJ^'i'tß basali perdistincte sid-
cata. Cerci ^ graciles, sinuati, acuminati. Lamina subgenitalis ^ sca-jyhoidea,
subtits medio impresso-excavata, eercos rix superans.
Longitndo corporis 21 mm
„ pronoti 4,2
„ elytrorum 17,4
„ femornm posticornm 12
Die schöne neue Species erinnert etwas an C. melanostidus,
unterscheidet sich von demselben aber sofort durch den dunklen
Querfleck am Grunde der M-ea externomedia und die sehr charak-
teristische Färbung der Hintertibien.
Dubreka; A. Klaptocz, 1911. 1 c^.
60. Catanto2)s niarf/inatus Karny.
Dubreka; A. Klaptocz, 1911. 2 ??.
In dasselbe Genus gehören auch 2 neue Formen , die ich aus Ost-
afrika besitze :
Catantops decoratus rar. concolor n.
Differt a specie typica j^ronoti dorso obscuro, margine loborum lateralium
et meso- et metapleuris concoloribns, obscuris, haud jmllide faseiatis.
Kilima-Ndjaro. 1 (^, 1 ?.
Catantops viridipes n. sp.
Laete virescens. Spatiiim interoeulare antennis distincte latius. Frons
impresso-punctata. Costa frontalis inter antennas subampliata, subtus longi-
tudinaliter sulcata. Pronotwn unicolor, dense impresso-punctatum , angulo
postico subrecto, lobis lateralibus partim obsaurioribus. Tuberculum prosternale
rectum, conicum. Lobi mesosternales linea longitudinali brevi contigui.
Elytra apicem abdominis ac femorum superantia, basi laete virescentia, apice
testacea, reticido j^artim fusco. Alae laete aurantiaco -miniatae, apice succi-
neae. Femara postica obscure viridida, extus subunicolora, vittis longitudi-
142 H. Karny,
nalibus obsoletis ac intcrriiptis fnscis, intus suhtota fusca. Genicula jjallida,
viridia. Tibiae posticae vircscentes, spinis coneoloribus, apice nigris, intus 8 — 9,
extus 7 armatae. Abdomen viridi-flavum, superne purpureum. ^ ignotum.
?
Longitudo corpoj'is - 27 mm
,, pronoti G
„ elytrorum 23,0
,, femoruin posticorum 14
Die neue Art steht dem C. ra>ius aus Sansibar sehr nahe, unter-
scheidet sich von demselben aber durch viel geringere Grröße, den spitzen
Brustzapfen, die roten Hinterflügel und die geringere Zahl der Dornen
der Hinterschienen,
Dar-es-Salara, 1 5-
61. Metaxfjniecus iMitagiatus Karsch.
Diese von Karsch aus Adeli beschriebene Art stimmt mit
einem mir in der KLAprocz-Ausbeute und einem ans Dar-es-Salam
vorliegenden Exemplar ziemlich gut überein, unterscheidet sich aber
von ihnen in der Färbung. Karsch gibt an : „Seitenlappen des Pro-
notum vorwiegend schwarz, glänzend, punktiert, schalgelb gefleckt.
Deckflügel dunkel, mit gelbem Postradialfelde." Dagegen sind sie
bei den beiden mir vorliegenden Exemplaren ziemlich einfarbig
dunkel, nur bei dem aus Französisch Guinea stammenden Exemplar
im Discoidalfeld hell gefleckt und davor mit heller Längsbinde.
Der Brustzapfen (über den Karsch nichts angibt) ist stark depreß,
etwas nach hinten gebogen, gegen das Ende zu verbreitert und
dort zweilappig. Jedenfalls möchte ich die Abweichungen von der
KARSCH'schen Diagnose in der Färbung nicht als Speciesmerkmal
ansehen, sondern hier nur Farben Varietäten annehmen; bei den
von Karsch beschriebenen Exemplaren scheint es sich um eine
rar. marginella zu handeln.
62. Eyprepocnemm ploraiis Charp.
Mamou; A. Klaptocz, 12,9. 1911. 1 $.
Ob. Niger; A. Klaptocz, 1911. 1 ?.
Das Exemplar von Mamou ist auffallend kleiner als das vom
oberen Niger.
63. Tylotropidius stueli Kirby.
KiRBY trennt die westafrikanischen Exemplare von den süd-
Orthoptera imd Oothecaria ans Französisch Guinea. 143
afrikanischen (didymus), mit denen sie bisher vereinigt waren, leider
aber ohne einen Unterschied anzugeben.
Dubreka; A. Klaptocz, 1911. Mehrere Exemplare.
64. Cataloipiis klaptoczi n, sp,
Fnsco-tesiaceits, riridi-pidus. Costa froiüaUs obhim, haud sidcata, iiu-
presso-pundata. Foveolae veriicis nullae. Pronotum marcjine antico rotim-
dato, postico truncato, fuscum, ad carinas laterales utrinque longitudinaUter
viridi-vittatum, carinis ipsis redis, antrorsum pariim convergenübus, lobis
lateralibus nonnumquam pallidioribus, margine inferiore obtuse subangulaio,
sinn hiimerali nidlo. Elytra testacea, maculis parvis nigris ornata, posiice
saepe longitudinaUter viridi-vittata , apicem dbdominis attingentia {^) vel
distindr breciora ($). Alae hyalinac decolores. Prosterni tiibercidum acte-
ininatum, recurrum. Lobi meso- et metasternales distantes, margine interno
mesosternales retrorsitm divergente, metasternales parallelo. Femara postica
apicem abdominis partim siiperantia, extus coneolora vel obsolete infuscata,
intus pallida. Tibiae posticae laete comdeae, hasi obsolete testaeeae, spinis
pallidis apice nigris utrinque 0 — 11 ariuata. Lamina siqnaanalis ^ diseoidea,
spinis aciUis duabus cruciatis arinata. Cerci ^ magni, compressi, foliacei,
late trianguläres. Lamina subgenitalis (^ magna, medio p7-ofunde rotundato-
ineisa, incisione fere usque ad basin laminae perduda, plus duplo latitudine
tongiore, eoque modo utrinque appendice longo, depresso, taeniiformi formato.
3 ?
Longitudo corporis 24 — 28 mm 50 — 51 mm
„ pronoti 4,0' — 5 9 — 10
,, elytrorum 18 — 19 25,5 — 27
„ femorum posticorum 18,4 — 19 31,5 — 34,5
Maraou; A. Klaptocz, Sept. bis Okt. 1911. 3 ^^, 2 $$, 3 Larven.
Die neue Art erinnert in der Färbung- und im Gesamthabitus
ganz auffallend an Eyprepocnemis herbacea Sebv. und noch mehr an
E. speciosa Sjöst., unterscheidet sich aber von beiden durch die
blassen Hinterflögel und vor allem durch den ganz charakteristischen
Bau des männlichen Hinterleibsendes, durch den sie auch von allen
bisher bekannten Cataloipus- Xxttw wesentlich abweicht.
Fam. Phasmidae.
65. Gratidia (ßvacilipes Westw.
Ob. Niger; A. Klaptocz, 1911. 2 Exemplare.
144 H. Karny,
Farn. ForfkuUdae.
66. Forficiila barroisi Bol.
Hierher stelle ich ein mir aus Dabola vorliegendes Exemplar,
das mit der BoLivAR'schen Originaldiaguose recht gut übereinstimmt
und sich nur durch etwas schlankeren Körper, etwas geringere
Größe und einfarbige Elytren unterscheidet. Gegenüber der nach
Keauss-Bormans damit synonymen F, escherichi würde sich noch
ein Unterschied darin finden, daß nach Keauss das Analsegment
„um die Mitte des Hinterrandes einen Querwulst, nicht aber
zwei Querwülste über jeder Zangenwurzel besitzt", worin das mir
vorliegende Exemplar mit F. lucasi übereinstimmt, sicli von dieser
aber sofort durch die viel längeren schlankeren Zangen unter-
scheidet. BoLiVAE gibt dagegen an: ,.Segmento anali . . . prope
marginem posticum callis duobus transverse rugosis, fovea media
separatis", so daß also auch in dieser Beziehung völlige Überein-
stimmung zwischen meinem Exemplar und der F. harroisi herrscht.
Übrigens wurde die von Kirby vorgenommene Trennung auch von
Bure (Gen. Ins.) nicht anerkannt.
Dabola; A. Klaptocz, Jan. 1912. 1 ^.
Fam. Blatiidae.
67. Ischnoj^tera pluriraniosa n. «/>.
Fusco-testacea. Spatium interoeulare late transverse fnsco-fasciaiinii,
necnon fronte puncfis fnsco-nirpis ornata. Pronotuw dense et siibtiliter
fasco -pundatum , maeulis majoribus nullis. Elytra ad renas longi-
tudinales punctis discretis fuseis ornata, ramis cosialibus circa 20 in-
structa, Vena radiali 5-ramosa, mediali ac cubitu unitis 12-ramosis. Alae
infuscatae venis fusco-nigris, ramis cosialibus 14, vena radiali furcata, ranio
anteriore ramulos 5 in marginein anticum emittente, posteriore apice hifarcato :
vena media simp)lex; cubütis retrorsuni ramos 9 — 10 emittens, quoruni 4
marginem attingentes, ceteri 5 vel 6 incompleti, erga venam dividentem directi.
Femora omnia postice in margine supteriore ac inferiore spinis 3 — 4 armata.
Lamina supraanalis ^ non p)roducta , subgenitalem haud superans. Cerci
^ modice longi, ferruginei, apice infuscati. Lamina subgenitalis ^ rotun-
data, leviter asymmetrica, stylis duobus instructa, quorum dexter in exemplari
unico vix visibilis, verruciformis {rudimentarius an fractt(s?).
Ortboptera und Oothecaria aus Französisch Guinea. 145
Longiludo tota 15,6 mm
„ corporis 13,5
,, pi'onoti 3,4
Latiludo pronoti 4,3
Longiludo elytrorum 13
Mamou; A. Klaptocz, 12./9. 1911. 1 c^.
Die neue Art kommt in der Färbung von den bisher bekannten
Arten wohl der /. relucens aus Kamerun am nächsten, unterscheidet
sich aber von derselben durch die punktierten Elytren und die
durchwegs dunklen Adern der Hinterflügel; von allen mir bekannten
Arten durch das Geäder deutlich abweichend, namentlich durch die
große Zahl der Seitenäste des Cubitus der Hinterflügel, von denen
5—6 den Flügelrand nicht erreichen, sondern nur gegen die Vena
divideus gerichtet sind. Bildet in dieser Beziehung den vollständigen
Gegensatz zu der von mir aus Südwest- Afrika beschriebenen I. uni-
ramosa, von der sie sich überhaupt durch viel reichere Verästelung
aller Hauptadern unterscheidet.
68. Blattella germanica Linn.
Mamou; A. Klaptocz, Okt. 1911.
Ein einziges Exemplar, das sich nach dem Geäder der Hinter-
flügel als var. shuguroffi erweist.
69. Calolanixtva morio Kaeny.
Mamou; A. Klaptocz, Sept. 1911. 2 $$.
Fam. Mantidae.
70. Tenodeva si).?
Mamou; A, Klaptocz, 12./9. 1911. Junge Larve,
71. Tenodera superstitiosa Fabk.
Ob. Niger; A. Klaptocz, 1911. 1 $.
72. Sphodroniantis lineola Buem. ?
Mamou; A. Klaptocz, 12./9. 1911. Einige Larven.
Zool. Jahrb. XL. Abt. f. Syst. 10
146 H. Karny, Orthoptera und Oothecaria aus Französisch Guinea.
73. Mantis religlosa Linn.
Dubreka; A. Klaptocz, 1911. 2 ^<^, 3 ^$.
74. Oxt/otJiespis senegalensis Sauss.
Mamou; A. Klaptocz, Sept. 1911. 1 Larve.
Ob. Niger; A. Klaptocz, 1911. 2 Imagines.
75. Cftlidoinantis coxalis Sauss.
Hierher stelle ich 1 grünes (Mamou; A. Klaptocz, 12./9. 1911)
und 1 braunes $ (Konkourre, A. Klaptocz, Okt. 1911) und 2 braune
$^ (Dubreka; A. Klaptocz, 1911), obwohl sie etwas vom Typus
der Art abweichen. Die Vordercoxen tragen bei den $$ innen
3 schwarze Punkte, bei den S3 sind sie einfarbig. Vorderschenkel
innen mit 3 schwarzen Punkten und außerdem einigen solchen am
Grunde der größeren Dornen. Elytren beim $ fast bis zum Hinter-
leibsende reichend; Hinterflügel der $$ lebhaft orangegelb, nur die
opake, die Vorderflügel überragende Spitze ist so gefärbt wie die
Elytren.
Nachdruck verboten.
Übersetzungsrecht vorbehalten.
Bathynella natans und ihre Stellung im System.
Von
P. A. Cliappuis.
(Aus der Zoologischen Anstalt der Universität Basel.)
Blit Tafel 3 und 17 Abbildungen Im Text.
Geschichtliches.
Bei seinen Untersuchungen über die Fauna der Brunnengewässer
von Prag fand Vejdovsky im Jahre 1880 einen mei-kwürdigen
Kruster, den er Batlujnella natans nannte. Das Tierchen wurde in
2 Exemplaren erbeutet. Von diesen ging eines zugrunde, und so
mußte Vejdovsky an Hand des einzigen überlebenden die Be-
schreibung seines Fundes vornehmen.
Mit einigen Bedenken, wie er selbst sagt, veröffentlichte der
Prager Zoologe die Abbildung und Beschreibung der neuen Art.
In seiner Abhandlung (Lit. No. 1) sagt er: „Ich belegte ihn [den
Krebs] mit dem Namen Batlujnella natans, trotzdem ich über dessen
Organisation und systematische Stellung sehr unvollkommene Auf-
schlüsse gewinnen konnte. Deshalb veröffentliche ich bereits jetzt
die jedenfalls dürftigen Kesultate meiner Beobachtungen, um meine
Fachgenossen auf dieses Krebschen aufmerksam zu machen. Ich
bin überzeugt, daß es wohl in den Brunnengewässern verbreiteter
ist, und lediglich seiner Winzigkeit wegen übersehen wurde."
Im Jahre 1900 erschien eine kurze Beschreibung des Tieres
von W. T. Calman (3), der das Präparat Vejdovsky's von neuem
10*
148 P- ^- Chappius,
untersuchte und mit Anaspides tasmaniae G. M. Thomson verglich.
Er kam zu dem Schlüsse, daß diese zwei Tiere ohne Zweifel ver-
wandt sein müßten, doch konnte der englische Autor nichts Neues
über Bathynella mitteilen.
33 Jahre nachdem der erste Fund gemacht wurde und nachdem
Bathynella von manchen Forschern als Phantasiegebilde auf die
Seite geschoben worden war, war es mir vergönnt, durch einen
glücklichen Zufall, in einem verlassenen, von Gebüsch umwucherten
Sodbrunnen bei Basel, BaihyneUa natans Vejd. wiederzufinden.
Die Abbildungen und Beschreibung Vejdovsky's sind allerdings,
wie zu erwarten war, lückenhaft und weisen an manchen Orten
Fehler auf, die nach schriftlicher Mitteilung Vejdovsky's nur durch
die damals sehr mangelhafte Konservierungsmethode sich erklären
lassen.
Herr Prof. Vejdovsky hatte die Freundlichkeit, mir das von
ihm als Canadabalsam-Präparat aufbewahrte Exemplar aus dem
Prager Brunnen zu senden, und ich konnte mit Leichtigkeit die
Idendität meines Untersuchungsmaterials mit Bathynella feststellen.
Das Prager Präparat selbst ist im Laufe der Jahre stark ge-
schrumpft, so daß man nur wenig Einzelheiten erkennen kann; da
jedoch das gleiche Tier jetzt wieder gefunden \»orden ist, hat das
Präparat nur noch historischen Wert.
An dieser Stelle möchte ich Herrn Prof. Vejdovsky und Herrn
Dr. W. T. Calman für die freundliche Hilfe, die sie mir bei Be-
schaffung der Literatur leisteten, bestens danken. Die vorliegende
Arbeit ist in der Zoologischen Anstalt der Universität Basel aus-
geführt worden, und es ist mir eine angenehme Pflicht, meinen ver-
ehrten Lehrern Herrn Prof. Zschokke und Herrn Dr. Janicki meinen
Dank für ihr reges Interesse und ihre Unterstützung auszusprechen.
Fang.
Wie schon gesagt, fand ich Bathynella in einem lichtlosen
Brunnenschachte, wo das Tier, sich von Detritus ernährend, ein
verborgenes Dasein führte.
Ganz zufällig gelangte ich an diese verlassene, von Gebüsch
umwucherte Stelle, an der in früheren Zeiten ein schon seit
10 Jahren abgebranntes Bahnwärterhäuschen stand.
Die Untersuchung des 8 m tiefen und 1 m im Durchmesser
messenden Brunnenschachtes geschah auf folgende zwei Arten. Ein
Bathyuella natans. 149
kleines Säckchen aus Müllergaze wurde an der Ausflußöffnung der
Brunnenpumpe befestigt und diese in Bewegung gesetzt. Nachdem
eine genügende Menge Wasser durchgeflossen, wurde das Säckchen
abgenommen und in einem mitgebrachten Gefäße ausgewaschen.
Nachdem dies geschehen, ließ ich ein kleines Planctonnetz wieder-
holt in den Schacht hinunter, wirbelte den am Grunde des Brunnens
angesammelten Schlamm auf und brachte den Inhalt des Netzes in
ein besonderes Gefäß.
Mit der ersten Methode, dem Pumpen, förderte ich die frei im
Wasser schwimmenden und die an der Brunnenröhre herumkriechenden
Tiere, wie Cyclopiden, einige Oligochäten und Bathfjnella, zutage;
mit der zweiten Methode aber fing ich die im Detritus sich auf-
haltenden Organismen, Difflugia, Harpacticiden, Nematoden usw. und
einige Bathynellen. Auf diese Weise hatte ich eine gewisse Sonde-
rung; denn obgleich ich in dem nach Methode 2 erbeuteten Material
auch solche Tiere hatte, die ich durch Pumpen herauf beförderte,
so fehlten im Pumpmaterial doch meist die im Detritus lebenden
Tiere. Das auf diese Weise gewonnene Material wurde dann im
Laboratorium mittels eines Binokulars untersucht und sortiert. Die
weitere Bearbeitung der Tiere geschah immer, während sie noch
lebten, und nur in w^enigen Fällen war ich gezwungen, meine Fänge
durch Formol vor Zersetzung zu schützen.
Die nähere Untersuchung geschah am lebenden Tiere, das
seiner Durchsichtigkeit wegen gute Resultate zutage förderte, an
Totalpräparaten sowie an Schnittserien.
Die zu Präparaten verarbeiteten Exemplare wurden mit Pikrin-
essigsäure, ÜARNOY'scher und ScHAUDiNN'scher Lösung fixiert. Mit
Chromessigsäure erzielte ich keine guten Resultate. Gefärbt wurden
die Totalpräparate mit Boraxkarmin bzw. Delafield's Hämatoxjiin,
die Schnittpräparate mit Delafield's oder Eisenhämatoxyin mit
Nachfärbung durch Eosin.
Biologie.
Der Brunnen, in dem Vejdovsky die ersten Exemplare von
Batlujnella fand, beschreibt der Autor mit folgenden Worten:
Karmelitengasse.
No. 528:
„Der etwa 20 M. tiefe Brunnen mit 4 M. Wasserstand ist in
gutem Stande. Das Wasser bildete einen schwachen grünlichen
150 P- ^- Chappüis,
Ansatz. Am Boden befinden sich viele in Fäulniss begriffene orga-
nische Stoffe, mit zahlreichen niederen Thier- und Pflanzenorganismen.
Es erschienen darin Würmer, Enchytraens BuchhoUü und ventriculosiis,
ferner ein interessantes Krustenthier, Bathynella. Am 7. December
1880."
In meinem Journal über die Beobachtungen an Grundwasser-
brunnen bei Basel schrieb ich am Tage nach dem ersten Funde:
Niederholzstraße.
No. 135:
Fangmethode: Planctonnetz und Gepumpt.
Tiefe: 7 m. Temp. 10,5".
Verlassener Brunnen, im Gebüsch versteckt, bei einem abge-
brannten Bahnwärterhäuschen. 20 m von Bahndamm. Mit einem
Holzdeckel schlecht verschlossen. Faulende Mäuse und Schnecken
und viel Detritus auf dem Boden. Wasserstand : 30 cm.
Gefunden :
Crust. Batliynella natans Vejdovsky
Cyclojjs unisetiger Geäter
Phijllognalhopiis viguieri Mrz.
Alona rectangula Saks
V e r m e s. Plectus j^alustris
Mononchus maerosioma
Dorylainms macrolaimiis
Oligochäten
Rotifer macfriirus
Protozoa. Paramaecium s}).
Stentor eoeruleus
Spirostomum sp.
Difflugia piriformis var. lacustris Pen.
Vergleichen wir nun diese zwei Mitteilungen, so fällt uns sofort
der Eeichtum an faulenden organischen Stoffen und an niederen
Organismen auf, die in beiden Brunnen vorhanden waren. Dies ist
aber auch die einzige x^nalogie der beiden Brunnen, denn während
im Fundort Basel die Crustaceen stark vertreten waren, fehlten sie
in Prag vollständig. Das Gleiche gilt für die Würmer, die in
meinem Material in großer Zahl auftraten und in Prag bis auf 2,
die einer meist terrestrischen Art angehören, fehlten.
Von den Krusteru, die ich gefunden habe, waren 2 Arten bis
jetzt nur für unterirdische Gewässer nachgewiesen worden, zu denen
ich nun noch PhyUognathopus viguieri hinzufügen kann, der nach
meiner Überzeugung nur passiv, d. h, durch Quellen verschleppt, an
ßathyiiella natans. 151
die Erdoberfläclie gelangt ist und sieh dort, durch sein geringes
Feuchtigkeitsbedürfnis und seine große Fruchtbarkeit begünstigt,
von neuem angesiedelt und verbreitet hat. Ich bezweifle jedoch,
daß die Exemplare, die Meazek (12) in Böhmen fand, und der
Belisarius viguieri von Maupas identisch sind, erstens weil ein
Forscher wie Mkazek, auf das vibratile Organ in der Maxillen-
drüse aufmerksam gemacht, dieses unmöglich übersehen hätte, und
zweitens, weil die Furcalborsten beider Arten große Unterschiede
in Länge und Breite aufweisen.
Die Tiere, die ich gefunden, stimmen in allen Einzelheiten mit
den Exemplaren von Maupas (13) aus Algier überein, wie ich es in
meinem Aufsatz in Zool. Anz., Vol. 44, No. 12, schon bemerkt habe.
Die 2 anderen Kruster, die der Höhlenfauna angehören, sind
Cyclops unisetiger, der 1908 von Grätee (16) in der Grotte de Vert
im Neuenburger Jura gefunden wurde, und Batlujnella natans Vejd.
Über die Art und Weise, wie diese Tiere in die Brunnen gelangen,
gibt Vejdovsky in seiner Arbeit über „Thierische Organismen der
Brunnengewässer von Prag" bei der Behandlung der Herkunft des
Brunnenflohkrebses, Niphargus puteanus, folgende Erklärung ab:
„Es ist nicht anzunehmen, dass dieses Krustenthier von der Ober-
fläche in die Brunnenwasser eingedrungen w^äre, aus Ursachen,
welche schon Fkies und Joseph hervorgehoben. Auf das bestimm-
teste kann man jedoch behaupten, daß Niphargus in unsere Brunnen
einzig mit Grund- und Quellwasser gelangt. Diese Erklärung unter-
stützen folgende Facta: Der Brunnenflohkrebs kommt schon im
Wasser des Gemeindebrunnens am Josephsplatz vor, obwohl dieser
erst vor fünf Jahren angelegt wurde. Dass dieser Krebs von der Ober-
fläche in das Wasser des besagten Brunnens eingeschleppt worden
wäre, ist kaum anzunehmen, weil der Brunnen auf der Oberfläche
vorzüglich verschlossen ist. Eier und Keime desselben werden vom
Winde nicht übertragen, weil sie das Weibchen in einem besonderen
Sacke mit sich herumträgt, selbst jedoch an der Luft sogleich um-
kommt. Und eine noch festere Stütze für unsere Erklärung ist der
oben erwähnte Brunnen in Bechlin; er wurde im Jahre 1881 an-
gelegt und schon im folgenden Winter und Frühjahr erschienen
darin mehrere Exemplare des Brunnenflohkrebses.
Es verbleibt desshalb nur die einzige Möglichkeit in der Er-
klärung des Ursprungs besagten Krustenthieres in den Brunnen-
gewässern. Das Grund- und Quell wasser hat an den betreffenden
Orten seinen Ursprung in unterirdischen Basinen und Höhlen, wo
152 P- A- Chappuis,
der eigentliche Sitz des Brunnenflohkrebses ist; von dort gelangt
er vermittelst der Quellen in die Trinkwässer."
Diese Erklärung Vejdovsky's stimmt auch mit meiner An-
schauung über den Ursprung der ßrunnenfauna, die zugleich die
der Höhlen ist, überein.
Eine andere Art der Brunnenfauna ist die, die jedem einzelnen
Brunnen eigen ist und durch Umformung der von der Erdobei'fläche
rezent hineingefallenen oberirdischen Formen entstanden ist. Daß
Bathijnella nicht zu dieser Art der Brunnenfauna gehört, ist klar,
denn wo würden wir auf der Erdoberfläche irgendein Wesen finden,
das durch die Folgen der unterirdischen Lebensweise Bathijnella
ähnlich geworden wäre?
Es ist darum interessant zu hören, wie Vejdovsky, trotz seiner
sehr unvollkommenen Kenntnis dieses Krusters, über dessen Her-
kunft dachte. Er sagt auf p. 25 der schon genannten Arbeit: „Sehr
schwierig ist es, sich über den zarten Kruster Bathijnella natans
auszusprechen, welcher nur in einem Brunnen auf der Kleinseite
(deutsche Lehrerbildungsanstalt) in 2 Exemplaren entdeckt wurde.
Möglich, dass er in Brunnengewässern verbreiteter ist, aber seiner
Winzigkeit wegen wird er leicht übersehen. Wir fanden ihn in be-
sagten Brunnen im Monat December 1880, in der Zeit, wo die
fernere Untersuchung der prager Brunnen überhaupt unterlassen
wurde. Wo soll man den Ursprung dieses Krustenthieres suchen?
Vielleicht ist es eine abgeleitete Art von irgend welchem Kruster,
der mit der Zeit in den Brunnen gelangt war, in welchem Falle
man nur an einen, den Copepoden nahestehenden Vertreter denken
könnte. Es ist auch möglich, dass Bathijnella mit Quellwasser in
die Brunnen eindringt, daß sie jedoch in den Gewässern der unter-
irdischen Grotten überhaupt ihrer Kleinheit wegen übersehen
wurde."
Die Höhlen sind noch zu wenig vollständig erforscht worden,
als daß man sich ein klares Urteil über ihre Fauna bilden könnte,
allein wenn Bathijnella bis jetzt noch in keiner hat nachgewiesen
werden können, so rührt das nicht von ihrer Kleinheit, sondern wohl
von ihrer verborgenen Lebensweise her.
Daß Bathijnella einmal, im phylogenetischen Sinne, ein Bewohner
der Erdoberfläche war, ist höchst wahrscheinlich ; vielleicht läßt sich
als eine Reminiszenz davon das Auftreten der $^, das an eine
Periodizität geknüpft ist, betrachten.
Bathyiiella iiataiis. 153
Die auffallende Tatsache, die mich an eine solche Periodizität
in der Fortpflanzung- von Bathynella denken läßt, ist folgende:
Als ich im August 1913 die ersten Exemplare von BaÜiynella
fand, bemerkte ich, daß nur $$, die schon reife Ovarien besaßen, sich
unter dem Material befanden. Von Zeit zu Zeit besuchte ich den
Fundort, in der Hoffnung auch ^,$ zu erbeuten. Bei einem Besuche
am 17. November 1913 fand ich wieder nur $$ vor. 2 Tage später
aber, am 19, desselben Monats, bemerkte ich eine starke Zunahme
der erbeuteten Tiere, und als ich die Exemplare näher untersuchte,
fand ich, daß über die Hälfte derselben ^S waren. Sie hatten sich
binnen höchstens 48 Stunden so weit entwickelt, daß ich nur ein
einzig"es Jugendstadium auffinden konnte. Beide Male war die Me-
thode der Untersuchung des Brunnens genau die gleiche; somit halte
ich es für ausgeschlossen, daß ich am 17. November etwa vorhandene
junge ^^ nicht ins Netz bekommen haben sollte. Im Monat Dezember
begannen die $$, nachdem sie ihre Eier abgelegt hatten, auszu-
sterben, und Ende Januar hatte ich in meinem kleinen Aquarium
nur noch S3, die gleich wie die zur selben Zeit noch im Brunnen
lebenden vollständig- steril waren, Ende Februar waren alle Bathij-
)iella, die ich im Laboratorium besaß, ausgestorben, und wiederholte
Besuche am Fundorte förderten keine lebenden Exemplare zutage.
Im Monat P'ebruai* wurde unglücklicherweise der Brunnen, in dem
ich den interessanten Kruster gefunden hatte, zugeschüttet, und ob-
gleich ich sofort in anderen Brunnen nachschaute, fand ich kein
Exemplar von Bathijnella mehr. Ehidlich am 3. Juli 1914 fand ich,
daß das kleine Laboratoriums-Aquarium, das ich letzten Herbst
ausschließlich mit Material aus dem Brunnen besetzt und in welchem
Bathynella dem Fortpflanzungsgeschäft obgelegen hatte, wieder das
seltene Tier beherbergte.
Die bei dieser Gelegenheit beobachteten 3 Tiere waren junge $$,
mit unentwickelten Geschlechtsorganen, so daß ich wohl daraus
schließen kann, daß dieselben, trotzdem im Aquarium anormal hohe
Temperatur herrschte, sich aus den im Winter abgelegten Eiern
entwickelt hatten.
Das plötzliche Auftreten der (^^ zu einer Jahreszeit, wo sonst
alles Geschlechtsleben zu erlöschen pflegt, und das Aussterben der
Tiere in den Monaten Januar-Februar geben zu allerlei Vermutungen
Aulaß.
Über den Grund, warum Bathy)tella die subterranen Gewässer
aufgesucht hat, kann man sich selbstverständlich nicht aussprechen.
154 P- A. Chappuis,
da noch keine genüg-enden Beobaclitunj^en vorliegen, aber die Tat-
sache, daß Bathynella, obwohl ein Bewohner kalter Orte, bei Tem-
peraturen bis zu 20 '^ C ohne irgendwelche Störungen leben und
sich fortpflanzen kann, schließt dieses Tier von der Gruppe der
Stenothermen Tiere aus.
Wenn die obengenannten Voraussetzungen sich als richtig er-
weisen sollten, so erinnert das Verhalten gewisser Cladoceren, die
während des Sommers sich parthenogenetisch vermehren und deren
^(^ nur zu einer gewissen Jahreszeit auftreten, stark an das oben
über Baihynella Gesagte. Obwohl keine Beobachtungen über die
Herkunft und das Ausschlüpfen der $$ vorhanden sind, ist die An-
nahme, daß sich diese den Sommer durch parthenogenetisch ver-
mehren und dann zur Überwinterung Dauereier bilden, unwahr-
scheinlich. Die ersten weiblichen Exemplare fand ich Ende August,
und das Auftreten der S6 fällt erst in Mitte November; wenn sich
nun die $$ während dieser Zeit vermehrt hätten, so würde mir
höchstwahrscheinlich einmal eines derselben in einem mehr oder
weniger jugendlichen Stadium in die Hände geraten sein. Dem
war aber nicht so ; sämtliche gefangenen Exemplare zeigten während
des Zeitraums von l^/., Monaten stets dieselben Eigentümlichkeiten;
das Ovarium war immer in gleicher Weise mit 1 — 2 reifenden und
einer Reihe anderer mit weniger Dotter versehenen Eiern gefüllt.
Morphologie.
Die folgende Beschreibung von BathijneJla natans ist das Resultat
von längeren Untersuchungen an zahlreichen Exemplaren. Eine
vorläufige Mitteilung wurde im Zool. Anz., Vol. 44, 1914 veröffent-
licht. Wenn man das 1,5 — 2 mm lange Tier mit bloßem Auge
schwimmen sieht, so erinnern uns die Bewegungen, mit Hilfe deren
es vorwärts strebt, an das mühsame Rudern der Harpacticiden.
Unter dem Mikroskop aber bietet uns die Form des Körpers und
der Gliedmaßen zunächst das Bild gewisser Anisopoden, wie z. B.
Apseudes u. a.
Im allgemeinen ist das Tier durchsichtig und von gelblicher
Farbe, die sich in der Kopfregion stärker ausprägt und nach hinten
in grau übergeht. Der Körper ist schlank, 8— 9mal so lang wie
breit, und überall von gleicher Breite. Die vorderen Segmente sind
zylindrisch, erst das Abdomen zeigt manchmal eine schwache
laterale Komi)ression, die im letzten Segmente wieder abnimmt.
Bathynella iiatans. 155
Das Integument ist dünn und durchsichtig- und zeigt weder Kalk-
einlagerungen noch Unregelmäßigkeiten irgendeiner Art.
Der ganze Körper besteht, den Kopf eingerechnet, aus 15 voll-
ständigen Segmenten, die alle gegeneinander beweglich sind und
sich in folgende Regionen zusammenfassen lassen:
1. Segment Kopf
2.-9. Segment Thorax
10. — 15. Segment Abdomen.
Der Kopf ist ungefähr gleichlang wie die 2 darauffolgenden
Segmente, deutlich vom Thorax getrennt und daher frei bew^eglich.
Sein frontaler, ein wenig abgeplatteter Teil trägt 2 Antennenpaare.
Augen sind nicht vorhanden. Die Muudgliedmaßen bestehen aus einer
quadratischen Oberlippe, einer kleinen Mandibel, einer aus 2 kleinen
beborsteten Tastern zusammengesetzten Unterlippe und 2 Maxillen-
paaren.
Die folgenden Thoracalsegmente sind alle einander ähnlich ; das-
selbe gilt von den Beinpaaren, die jedes von ihnen trägt. Eine Aus-
nahme macht das Fußpaar des 8. Thoraxsegments, das beim ^ zum
Begattungsapparat umgewandelt ist, beim $ dagegen zu Stummeln
degeneriert erscheint.
Das Pleon oder Abdomen ist wenig kürzer als der Thorax und
trägt ein verkümmertes Pleopodenpaar im 1. Segment sowie die
Uropoden. Den Abschluß des Körpers bildet das anormal ent-
wickelte Telson.
Antennen (Fig. A u. B). Die 1. Antenne ist so lang wie
der Kopfabschnitt und das 1. Thoracalsegment zusammen. Sie
besteht aus einem kräftigen 9gliedrigen Schafte mit einem warzen-
förmigen Endopoditen am 5. Gliede und Borsten, die an verschiedenen
Stellen des Schaftes inseriert sind. Vejdovsky hatte in seiner ersten
Beschreibung die 2 basalen Glieder als 1 einziges Glied betrachtet,
doch Beobachtungen mit starker Vergrößerung zeigten mir, daß es
sich um 2, sehr undeutlich voneinander getrennte Glieder handelt.
Am vorletzten und letzten Gliede der 1. Antenne sind große Sinnes-
kolben angebracht, die sich durch ihre Durchsichtigkeit auszeichnen.
Die 2. Antenne besteht aus einem Sgliedrigen Protopoditen, einem
ögliedrigen Exopoditen und einem kleinen, Igliedrigen, walzenförmigen
Exopoditen, der an seinem distalen Ende 2 Borsten trägt. Die eine
davon ist kurz und reicht ungefähr bis zur Hälfte der anderen.
Letztere verdickt sich an ihrem oberen Ende und teilt sich dann
in 2 Teile. Ob diese Borste sensitiver Natur ist oder nicht, konnte
156
P. A. Chappuis.
ich ihrer Struktur nach nicht ermitteln. Die Verdickung aber an
der Spaltungsstelle sowie Ganglienzellen, die der Protopodit der 2.
Antenne belierbergt, lassen sensitive Eigenschaften vermuten.
Die 1. Antennen werden beim Schwimmen und Kriechen wag-
recht, in der Fortsetzung der Körperachse gehalten, während die
2. am Ende des Protopoditen ein „Knie" bilden, so daß sie beinahe
senkrecht zu den 1. Antennen zu stehen kommen, wie das aus Fig. 1
Taf. 3 ersichtlich ist. Unterschiede in Bau, Bewehrung und Glieder-
zahl der Antennen zwischen ^ und $ konnte ich nicht beobachten.
Erste Antenne.
Fig. B. Zweite Antenne.
Was die Beborstung anbetrilft, so waren immer einige Unter-
schiede auch bei Tieren gleichen Geschlechts zu bemerken, wie
überhaupt Bathynella in dieser Hinsicht wenig Beständigkeit zeigt.
Mundgliedmaßen (Fig. C, D, E): Die Oberlippe ist qua-
dratisch und mit einem feinen Borstenraude versehen.
Die M a n d i b e 1 besteht aus einer kräftigen Kaulade und einem
Sgliedrigen Taster, der an seinem distalen Ende 2 starke Haken
trägt (Fig. C). Die Lade ist verhältnismäßig schmäler als die der
Verwandten von Bathynella. Sie scheint nur zum Schneiden geeignet
Bathvnella uataus.
157
zu sein. Auch der Taster zeigt wenig" Ähnlichkeit mit dem der
Pleopodophora. Er ist viel kleiner als bei diesen und besteht aus
2 gleichlangen Gliedern und einem 3. kugelförmigen, das auf das
2. aufgesetzt ist.
Die Unterlippe wird durch zwei eiförmige, am freien Ende
behaarte Plättchen gebildet.
Die erste Maxille ist eine einfache, 2gliedrige Platte mit
beborstetem Endgliede. Die kurzen und dicken Borsten inserieren
am inneren Rande der Maxillenplatte (Fig. D).
Die zweite Maxille ist schon wesentlich komplizierter ge-
baut, sie besteht aus 2 Laden, die je eine befiederte Borste tragen,
einem Endopoditen und einem als Taster ausgebildeten Exopoditen
(Fig. E).
Fig. C. Mandibel.
2. Maxille.
Fig. F. 1. Thoracalbeiu.
Fig. D. 1. Maxille.
Beim lebenden Tiere werden die Mundgliedmaßen eng aneinander
gelegt, und aus diesem Grunde konnte Vejdovsky nur die Mandibel
erkennen. Wegen der Kleinheit der Tiere bietet die Präparation
der Mundgliedmaßen einige Schwierigkeit.
Bein paare des Thorax (Fig. F — K u. ß).
Auf die Mundgliedmaßen folgen 7 Paare gespaltener Beine,
die an ebensovie]en, scharf abgegrenzten Segmenten des Mittelleibes
entspringen und unter sich eine große Ähnlichkeit zeigen.
Als Typus eines solchen Beins kann gelten der Besitz eines
158
P. A. Chappuis,
Fig. G. 2. Thoracalbein.
Fig. H.
5. Thoracalbein.
Fig. K. 8. Thoracalbein. c/'.
Fig. J. 7. Thoracalbein.
Fig. L. 1. Pleopod.
Bathynella nataiis. 159
2glie(lrigen Protopoditen, eines 4gliedrigen Endopoditen und eines
Ij^liedrigen, blattförmigen Exopoditen.
Das 1. Glied des Protopodits stellt sich als breite Platte dar. die
selten scharf vom 2. Gliede getrennt ist. Sie trägt die als Respira-
tionsapparat funktionierenden Epipodialanhänge, die aus 2 kurzen
Fortsätzen, einem schuppenförmigen und einem mehr fingerförmigen,
bestehen. Auf das 2. Glied des Protopoditen folgen die 2 Spalt-
fußäste. Sie sind frei beweglich und dienen beim Schwimmen als
hauptsächlichstes Fortbewegungsmittel. Obwohl die Beinpaare des
Thorax im wesentlichen gleichgebildet sind, so zeigen sich doch
gewisse Abweichungen in der Beborstung und in den Größenverhält-
nissen, so daß das 1. und das 7. Beinpaar leicht voneinander zu
unterscheiden sind. Die Borsten am Innenrande des Endopoditen,
die am 1. Beinpaare gut entwickelt waren, treten nach hinten zu
immer mehr zurück. Beim 7. Paare bleiben nur noch Reihen von
Börstchen und 2 Borsten am Ende seines 4. Gliedes übrig. Bei
verschiedenen Individuen kann auch der Borstenbesatz sich ändern;
ebenso ist die Länge der Borsten mannigfachen Variationen unter-
\vorfen.
Das 8. Beinpaar weicht, wie schon gesagt, von den vorher-
gehenden im Bau ab (Fig. K u. R). Dieser Umstand mag dazu bei-
getragen haben, daß Vejdovsky bei seiner ersten Beschreibung die
Grenze zwischen Thorax und Abdomen um 1 Segment nach vorn
verschoben hatte. Beim r^ dient der 8. Thoracopod (Fig. K). zur
Copulation. Das 1. Glied seines Protopoditen ist in einen kurzen
Zapfen ausgezogen, so daß das 2. Glied an die hintere Seite zu
liegen kommt. Dieses 2. Glied trägt den Exo- und Endopoditen.
Der erstere ist Igliedrig, kaum sichtbar und mit 3 Borsten versehen,
während der ebenfalls Igliedrige Endopodit 4 Borsten trägt. Ein
Epipodialanhang findet sich nicht. Beim $ (Fig. R) trägt die breite
Basalplatte des 8. Thoracopods das 2. Glied des Protopodits und den
Epipodialanhang, der im Verhältnis zur Länge des Beines sehr groß
ist. Exopodit und Endopodit sind Igliedrig und von gleicher Größe.
Sie tragen an ihrer Spitze 2 Borsten. Das 8. Beinpaar des $ von
Bathynella scheint phj^siologiscli keine Rolle zu spielen, es ist ein
kümmerlicher Rest eines normalen Fußes.
Gliedmaßen des Hinterleibes.
Das Pleon trägt an seinem 1. Segment einen rudimentären,
keiner Funktion fähigen Anhang (Fig. L). Dieses einzige Pleopoden-
160
P. A. Chappuis,
paar, das BathyneUa besitzt, ist eine 2gliedrige Lamelle, die am
ersten Gliede stets 1 und am zweiten Gliede 5 Borsten trägt. Beim
Schwimmen sowie beim Krieclien wird dieses Beinpaar eng an den
Leib gehalten. Ich habe nie gesehen, daß diese Gliedmaße eigene
Bewegungsfreiheit besäße.
Die anderen Segmente des Pleons sind extremitätenlos, mit Aus-
nahme des 6., dem die Uropoden angehören. Wegen dieses Mangels
an Pleopoden nannte ich in meiner vorläufigen Mitteilung zur vor-
liegenden Arbeit (15) die Unterordnung, in die ich BathyneUa als
einzigen Vertreter gestellt hatte, Apleoijodoyhora. Inzwischen habe
ich allerdings dem in Rede stehenden Merkmal eine andere Be-
wertung gegeben, worauf ich später noch zurückkommen werde.
Fig. M. Hinterleibe des cr^ mit den Geschlechtsorganen und der Uropodendrüse.
Die Uropoden entspringen am 6. Pleonsegment. Sie bestehen
aus einem Igliedrigen Protopoditen, der einen kleinen, mit 2 langen
Borsten bewaffneten Exopoditen und einen dickeren, mit 3 langen,
starken und 3 kürzeren, schwachen Borsten ausgerüsteten Endo-
poditen trägt (Fig. 1 u. 2 Taf. 3). Der Protopodit weist an seiner inneren
Seite eine Reihe von starken Dornen auf, die sich von der Spaltungs-
stelle des Fußes bis in die Mitte des Basalgliedes hinzieht. Die
Uropoden bilden im Gegensatz zu den meisten Malacostraken mit
dem Telson keinen Schwanzfächer. Sie dienen auch nicht zum
Schwimmen ; ihre Aufgabe besteht darin, beim Kriechen den Hinter-
leib zu unterstützen und ihm bei den schnellenden Bewegungen des
Tieres den nötigen Halt zu geben.
Telson.
Von einem Telson im wahren Sinne des Wortes kann bei Bathy-
neUa nicht gesprochen werden. Viel eher erinnern die 2 vollständig
Batbynella natans. 16t
voneinander getrennten Caudalplatten , die am Ende des 6. Pleon-
segments angewachsen sind, an eine Furca (Taf. 3). Da aber das
Analsegment hier schon die Uropoden trägt, so ist die Deutung der
2 Schwanzplatten als Furcalglieder ausgeschlossen. Zudem ist
BatlujneUa ein Malacostrak, und wenn man das 6. Pleonsegment als
ursprüngliches Analsegment betrachten wollte, so würde Batlnjnella
ein Pleonsegment weniger als alle Malacostraken besitzen und da-
mit aus ihrer systematischen Stellung herausfallen. Betrachten wir
aber die 2 Anhänge als ein Telson, das durch Läugsspaltung seine
Bedeutung als Analsegment verloren hat, so läßt sich Bathynella
ohne Schwierigkeit in die Ordnung der Anomostraken, mit deren
Vertretern sie so viele Ähnlichkeiten hat, einreihen. Die After-
öfthung ist mit der Spaltung des Telsons nach vorn in das letzte
Abdominalsegment verlegt worden. Die 2 Schwanzplatten bestehen
aus je einer kleinen quadratischen Chitinlamelle mit 5 starken
Borsten. Wie schon gesagt, kommt es nicht zur Bildung eines
Schwanzfächers. Dieser Mangel erklärt sich durch die Lebensweise
yow BatlujneJla. Die Krebschen schwimmen selten im freien Wasser;
sie tun es nur, wenn sie dazu gezwungen sind. Dagegen wühlen
sie im Detritus herum, steigen an den Wänden des Sodbrunnens
hinauf und sind bessere Läufer als Schwimmer.
Die Spaltung des Telsons, wie wir sie bei Bathynella vor
uns haben, ist nirgends so vollkommen durchgeführt wie bei eben
diesem Kruster. Wir treffen allerdings bei den Mysideen und Gam-
mariden schwache Anzeichen einer Spaltung, die aber nirgends so
weit fortgeschritten ist, daß das Telson nicht mehr als Analsegment
angesprochen werden kann.
Eine bekannte Tatsache, die Spaltung und Wiederverschmelzung
des Telsons während der embryonalen Entwicklung des Flußkrebses,
die die Verlegung der ursprünglich dorsal liegenden Afteröffnung
auf die ventrale Seite des Telsons zur Folge hat, könnte vielleicht
einige Vergleichspunkte bieten, doch spaltet sich auch in diesem
Falle das Telson niemals bis zu seiner Basis. Ich habe nie Eier
und ganz junge Larvenstadien von Bathynella beobachten können
und bin daher nicht imstande, irgendwelche Angaben über die Ent-
wicklung und infolgedessen auch über die Form und Gestalt des
Telsons während der Embryogenese und der darauffolgenden Stadien
zu geben.
Bemerkt sei nur, daß bei allen von mir untersuchten Exemplaren,
Zool. Jahrb. XL. Abt. f. Syst.
11
162 P- -^- Chappuis,
das Larvenstadium mit 5 entwickelten Beinpaaren eingerechnet,
nirgends ein Anzeichen früherer Zusammengehörigkeit der beiden
Schwanzplatten zu finden war.
Nervensystem.
Im Gegensatz zu den Anaspidaceen, deren Nervensystem aus
Gehirn, Hinterschlundmasse und 8 -{- 6 Ganglien mit paarigen Con-
nectiven besteht, die sich in den entsprechenden Metameren des
Körpers vorfinden, bildet sich bei Bathynella im Pleon eine Ganglien-
konzentration, deren Ursache später besprochen werden soll.
Von dem großen, fast den ganzen Kopf erfüllenden Gehirn-
ganglion aus gehen zwei paarige Nervenstränge ab, die in die An-
tennen und Antennulen münden. Ein Lobus opticus ist beim voll-
ständigen Fehlen eines lichtempfindlichen Organs höchstwahrschein-
lich nicht ausgebildet, wenigstens konnte ich trotz aller Bemühungen
weder beim lebendigen Tiere noch auf Schnitten und Totalpräparaten
Spuren davon auffinden.
An die kurze, nur bei ausgehungerten und infolgedessen äußerst
durchsichtigen Exemplaren gut sichtbare Schlundcommissur schließt
sich die Hinterschlundmasse an, die die Mundgliedmaßen versorgt.
Darauf folgt in jedem Segment ein Ganglienpaar, dessen 2 Kompo-
nenten miteinander verschmolzen sind, so daß das Strickleiter-
system kaum mehr zu erkennen ist. Von jedem Ganglion gehen
lateral die Nerven ab, die die Gliedmaßen des betreffenden Metamers
innervieren.
Im 2. Segment beginnt die, wie schon erwähnt, für Baikynella
typische Ganglienkonzentration, die durch das AVandern der einzelnen
Ganglienpaare den Connectiven entlang entstanden ist. Die Ur-
sache dieser Konzentration ist im Fehlen der Pleongliedmaßen zu
suchen. Durch die Zusammenziehung bildet sich indessen keine An-
schwellung. Die Ganglien rücken einander einfach näher, ohne
dicker zu werden, und verschmelzen untereinander zu einem stahl-
förmigen Gebilde. Die einzelnen, verschmolzenen Ganglien sind
noch durch schwache Furchen voneinander getrennt. Vom letzten
Ganglion aus geht jederseits ein Nervenstrang in die Uropoden ab.
Auf Totalpräparaten und auf Schnittserien ist das Nerven-
system der auffallendste Teil des Tieres. Der größte Abschnitt des
Gehirns besteht aus umfangreichen kugligen Zellen, die sich stark
mit Boraxkarmin oder auch Eisenhämatoxylin färben. Diese Zellen
Bathynella iiatans. 163
bilden die Gehirnrinde und überdecken in ziemlich dicker Schicht
die zentraler gelegene Gehirnmasse, die von faseriger Struktur ist
und sich leicht mit Eosin färben läßt.
Sinnesorgane.
Bafhynella ist ein Grundwassertier; seit langer Zeit wird es
sich in den unterirdischen Gewässern aufgehalten und dort sein
Leben gefristet haben. Damit sind die Bedingungen für eine Ver-
kümmerung der Augen gegeben. Bei Bathynella hat der Verküm-
merungsprozeß seinen Höhepunkt erreicht: der Krebs ist vollständig
augenlos; ich konnte trotz aller Mühe, die ich mir gab, ein Eudi-
ment des Auges nachzuweisen, nirgends auch nur die leiseste An-
deutung eines lichtempfindlichen Organs bemerken.
Der Mangel von Augen ruft aber einen Ersatz hervor, der bei
den meisten Höhlentieren in Form von trefflich ausgebildeten dast-
und Sinnesborsten auftritt. Bei Bathynella konnte ich deren 3 finden.
An den ersten Antennen sind 3 hyaline Sinneskolben vorhanden,
die in Gestalt und Struktur an die entsprechenden Organe bei Cope-
poden und anderen Krebsen erinnern.
Auch die am Ende des Endopodits der 2. Antenne angebrachte
große gespaltene Borste scheint mir sensitiver Natur zu sein.
Gegen chemische Reagentien, wie z. B. Essig- oder Pikrinsäure,
ist Bathynella sehr empfindlich, und schon geringe Mengen davon
bringen sie in große Unruhe.
Organe wie Statocysten konnte ich nicht nachweisen ; es werden
auch höchstwahrscheinlich keine ausgebildet sein, denn Bathynella
schwimmt gleichmäßig gut auf dem Rücken und auf dem Bauch.
Da sie auch spezifisch schwerer als das Wasser und ein schlechter
Schwimmer ist, sinkt sie von selbst, ohne eines Orientierungs-
organs zu bedürfen, immer wieder auf den Grund, wo sie ihre
Nahrung findet.
V e r d a u u n g s 0 r g a n e.
Der Darmkanal unterscheidet sich von dem der Tasmanischen
Verwandten von Bathynella und der meisten der übrigen Malac-
ostraken durch das Fehlen eines Cöcums. Er bildet einen laugen
gestreckten Schlauch, der in der Längsrichtung durch das ganze
Tier hindurch reicht.
Der Schlund ist trichterförmig und von starken Ringmuskeln
11*
164 P- A. Chappuis,
iimg-eben. Auf ihn folgt der glatte, muskulöse Ösophagus, der sich
bis ins 6. Thoraxsegment fortsetzt. Der Magen ist eine von 4 bei
durchfallendem Lichte dunkelpigmentierten, bei auffallendem aber
weiß erscheinenden drüsigen Längsstreifen bekleidete Erweiterung
des Ösophagus, welche sich bis ins 8. Körpersegment fortsetzt.
Wenn man das Tier zerdrückt, so erscheinen die Bestandteile
der dunkel pigmentierten Magenleisten als kleine Kügelchen, die
Öltröpfchen ähnlich sind. Vom Magen an erweitert sich der Ver-
dauungskanal zum Mitteldarm. Dieser erstreckt sich vom 8. Thorax-
segment bis ins 4. Pleonsegment. Auf seiner dorsalen Seite ist eine
dicke drüsige Schicht aufgelegt, während die ventrale Seite dünn-
wandig bleibt.
Der Enddarm besteht aus einem dünnen, gegen das Ende hin
sich verbreiternden Rohre, das drüsige Struktur zeigt.
Der Inhalt des Darmes war bei allen untersuchten Tieren recht
spärlich. Bei den meisten war der ganze Kanal leer; bei anderen
waren im Mitteldarm oder im Enddarm einige Reste von Nahrung
sichtbar. Ob sich Bathynella von Detritus nährt oder den zahlreich
in diesem Brunnen vertretenen Protozoen nachstellt, konnte ich
nicht entscheiden. Ein einziges Mal konnte ich Bathynella beim
Raube beobachten, und dabei zog der Kruster den kürzeren. Ich
hatte 3 Exemplare in einem besonderen Schälchen isoliert und als
Nahrung Detritus und Difflugien beigegeben. Als ich später nach-
schaute, fand ich meine 3 Versuchstiere tot vor, jedes mit einer
Difflugia zwischen den Mundgliedmaßen. Ich denke mir, daß die
Difflugien die Mundwerkzeuge der Räuber so verpappt haben, daß
letztere daran zugrunde gingen.
E X er etions Organe (Fig. N, 0, Pj.
Das hauptsächlichste Excretionsorgan von Bathynella besteht
aus einer Maxillendrüse, die gegenüber den anderen gleichbenannten
Drüsen der Crustaceen eine Sonderstellung einnimmt. Die Drüse
setzt sich aus 3 mehr oder weniger scharf voneinander getrennten
Teilen zusammen :
1. dem Cölomsäckchen, 2. dem Nephridialkanal und 3. dem pul-
sativen Apparat.
Der Cölomsack liegt unweit der äußeren Öffnung am hinteren
Rande der Basis der 2. Maxille. Er stellt sich als ein in 2 Zipfel
ausgewachsener Sack dar, dessen Wand aus einem dünnen, einige
Fig. N.
Die 5 ersten Segmente mit den entsprechenden Orgauen.
a Gehirn, b Nephiidialgang. c Nephrocyten. d Blutgefäß, e Herz, f Darm.
g Kespirationsorgau. h Cölomsäckchen. i Piüsativer Apparat.
w
Fig. 0.
Pulsativer Apparat der
Maxillendrüse.
1. Xephridialgaug. 2. Blase.
3. Spalt. 4. Muskel.
Fig. P. Cölomsäckchen.
Kerne einschließenden Häutchen gebildet wird. Der Übergang in
den Nephridialkanal ist sehr deutlich zu sehen, doch konnte ich
IQQ P. A. Chappuis,
keine Andeutung eines Tricliterventils, wie es bei vielen Krustern
vorkommt, bemerken. Der Nephridialkanal zieht gegen das Innere
des Körpers bis zum Schlund hinauf, biegt dort in melir oder minder
scharfem Bogen um und setzt sich, der lateralen Seite des Ösophagus
aufliegend, bis ins 4. Segment fort. Dort bildet der Gang eine
Schleife und folgt dem caudalwärtsstrebenden Gang, bald an den-
selben angeschmiegt, bald von ihm getrennt, aufwärts bis in die
Nähe des Cölomsäckchens. An dieser Stelle öffnet sich in der
Seitenwand der Maxille eine Spalte, durch die das Secret ausfließen
kann. Die Spalte kann durch eine eigene Vorrichtung geöffnet und
geschlossen werden. Sie liegt parallel zur Längsachse des Tieres.
Der Nephridialgang {1} mündet zuerst in einem größeren Hohl-
raum, {2) der blasenförmig aufgetrieben und von Chitin ausgekleidet
ist. In diese Blase öffnet sich der schon genannte Spalt (3). Auf
der unteren Halbkugel der Blase inseriert ein Muskel (4), der am
Chitin der Maxille einen festen Halt hat. Die Pulsationen des
Apparats rühren von den i'hythmischen Kontraktionen dieses Muskels
her, der die Unterseite der Blase (2) abwärts zieht und den Spalt (3)
öffnet. Weitere Feststellungen lassen sich am lebenden Tier nicht
machen. Ob irgendwelche saugende Bewegung mit dem Öffnen
und Schließen verbunden ist, konnte ich nicht ermitteln, doch ist
eine solche Annahme ziemlich unwahrscheinlich, da, um die Eeibung,
die in der Capillare des Nephridialganges herrscht, zu überwinden,
eine viel größere Kraft als der schwache Muskel nötig w^äre. Die
Zahl der Pulsatiouen in der Minute beträgt 40—60.
Was den histologischen Bau der Maxillendrüse anbetrifft, so
stimmt derselbe genau mit der Beschreibung Geobben's von der
Antennendrüse überein. Er sagt in seinem Werke über die Antennen-
drüse der Crustaceen (10): „Das Endsäckchen besteht aus einer
strukturlosen Membran und einem Epithel von flachen Zellen, die
da, w^o der Kern aufliegt, ein wenig gegen das Lumen des Säckchens
vorgewölbt sind. An den gefärbten und den gehärteten Antennen-
drüsen zeigen die Zellen einen feinkörnigen Inhalt. Das Harn-
kanälchen dagegen besitzt eine dicke Epithelauskleidung, W'elche
gleichfalls einer strukturlosen Membran aufsitzt. Zellgrenzen ver-
mochte ich am lebenden Objekt und an Präparaten nicht nachzu-
weisen." Die Protoplasmakörnchen des Zellinhaltes färben sich
sehr stark, doch konnte ich eine Anordnung in Stränge, die senk-
recht zur Achse des Harnkanälchens verlaufen, wie Grobben es
bemerkt, nicht sehen. Die Zellkerne sind oval bis extrem länglich
Bathynella nataus. 167
oval und wölben sich gegen außen zu vor. Gegen das Lumen zu
überkleidet eine dicke cuticulaartige Intima die Oberfläche des
Epithels.
Kurz vor der Einmündung in den pulsierenden Apparat ver-
dickt sich das Epithel des Harnkanälchens. und ich konstatierte auch
dort eine Konzentration der Kerne, die sonst in
unregelmäßigen Abständen dem Nephridialgang
folgen.
Der pulsierende Apparat selbst wird vom Ecto-
derm gebildet und hat einen dünnen Chitinüberzug,
der den Hohlraum bekleidet. Es ist der zu be-
sonderen Zwecken umgebaute Harnleiter der
Maxillendrüse.
Die Verlängerung des Nephridialganges bis ins
4. Thoraxsegment und das Vorhandensein eines
pulsierenden Apparats verleiht der Maxillendrüse
von BathyneUa unter homologen Organen anderer
Krebse eine Sonderstellung. Meines Wissens ist nur
noch bei einem Kruster, dem PMjUognathopus viguieri, Nep'hndial<^^angel^
ein pulsierendes Organ an der Maxillendrüse ge-
funden worden, und dieses liegt, wie Maupas, der diesen Harpacti-
ciden 1892 in Algier gefunden und untersucht hat: „ä l'extremite
interne de la glande du test," also am Anfang der Drüse, statt wie
bei Bathynella am Ende derselben, Verhältnisse, welche mir aus
eigener Anschauung von Phyllognathoims bekannt sind (14).
Außer der eben geschilderten Maxillendrüse besitzt Bathynella
auch noch andere Excretionsorgane. die ich hier erwähnen muß.
Im Kopfe, an der Basis der ersten Antennen, liegen zwei kleine
Säckchen, die mit kugligen Zellen angefüllt sind. Ich deute
diese zwei Zellenhaufen als Nephrocytenhaufen, wie sie bei den Iso-
poden an der gleichen Stelle bekannt sind. Die zwei Organe traten
erst auf, als das Fortpflanzungsgeschäft in vollem Gange war, und
später, als die Tiere vollständig steril waren, konnten sie nur noch
mit größter Mühe erkannt werden. Außer den Kopfnephrocyten
traten bei der Vitalfärbung mit Neutralrot auch noch andere Drüsen
hervor. In jedem Segment findet sich lateral in halber Höhe des
Körpers jederseits eine Nephrocyte. Im Thorax gut entwickelt,
nehmen diese Organe gegen das Abdomen zu an Deutlichkeit ab.
Bei den verschiedenen Exemplaren war nach Anwendung von Neutral-
rot das 1. Nephrocytenpaar schon nach 2 Stunden schwach gefärbt,
\QQ P. A. CHAPruis,
es bedurfte aber ca. 48 Stunden, bis das 5. und 6. gefärbt wurde.
Die Intensität der Farblösung war sehr schwach, gerade so, daß die
Flüssigkeit einen weingelben Ton annahm.
An dieser Stelle muß ich ferner eine andere Drüse nennen, die
sog. Anal- oder Uropodendrüse. Sie besteht aus 6—7 fächerartig
aneinander gereihten flaschen- oder kolbenförmigen, aus großen
runden Zellen bestehenden Drüsen, die zu beiden Seiten des End-
darmes im Analsegment liegen. Der eine Teil ragt in die Uropoden
hinein, wo zugleich der Sammelgang ausmündet. Diese Drüsen sind
wahrscheinlich den Drüsen in den Furcalzweigen von Nebalia, welche
von Claus (8j beschrieben worden sind, von Copepoden, bei welchen
Krustern ich selbst und früher andere Autoren ähnliche Gebilde
beobachtet haben, sowie der Uropodendrüse einiger Isopoden (Lere-
boullet) homolog, doch fand ich nirgends in der Literatur nähere
Auskunft über die Bedeutung der Drüse, die fettartige Stoffe ab-
sondern soll. Ähnlich wie die Nephrocyten erreichte die Uropoden-
drüse das Maximum ihrer Ausbildung in der Zeit der Fortpflanzung.
Das Herz und Gefäßsystem.
Das kleine Herz ist im 4. Thoracalsegment dorsal, gleich unter
dem Integument, gelegen. Hinten und vorn schließt sich an das
Herz ein Gefäß von gleichem Durchmesser an: die Arteria dorsalis,
die vom Herz gegen den Kopf hinzieht und sich dort in Lacunen
auflöst, und eine Vena dorsalis, die die Blutflüssigkeit im 6. Pieon-
segment sammelt und dem Herzen zuführt. Ostien konnte ich nicht
erkennen. Die Wand des Herzens sowie der Blutgefäße ist dünn
und äußerst durchsichtig, eine Struktur ist beim lebenden Tiere
nicht nachzuw^eisen. Leider mußte ich mich darauf beschränken,
das Herz am lebenden Tiere zu studieren ; auf Schnittserien ist das
außerordentlich zarte Gebilde auch bei gutem Erhaltungszustand
aller übrigen Organe nicht aufzufinden.
Die Pulsationen, deren ich bis gegen 100 in der Minute zählte,
werden durch die Muskelbänder hervorgerufen, die teils senkrecht,
teils in einem Winkel zur Längsachse des Herzens stehen. Manch-
mal können die Pulsationen auch ausbleiben; die Circulation wird
dann durch rhythmische Kontraktionen des Darmes aufrecht er-
halten.
Außer den 2 oben erwähnten Gefäßen kommen bei JBathynella
keine anderen vor: das Blut circuliert in Lacunen. Vom Kopf
Bathynella iiataus. 169
aus gellt ventral zwischen dem Darm und dem Nervenstrang eine
große Lacune bis ins 6. Abdominalsegment. Von dieser aus ziehen
Abzweigungen in die Beine und Respirationsorgane. Die Blut-
llüssigkeit ist farblos und wenig lichtbrechend. Die Blutkörper
(Lencocyten), die in geringer Zahl, 100 — 150, vorhanden sind, haben
eine rundlich ovale mehr oder weniger abgeplattete Gestalt und
eine körnige Struktur. Ihre Größe beträgt im Durchschnitt 5 — 7 ij,.
Beim Eintritt in das Herz stauen sie sich öfters, da sie nur einzeln
durch die enge Öffnung eintreten können.
Die Respirationsorgane bestehen aus Kiemensäckchen, die zu
zweit am Coxopodit der Thoracalbeine angewachsen sind. Sie sind
von geringer Größe; doch finden sie sich an allen Thoracopoden,
das 8. des ^ ausgenommen.
Der Pleopod trägt keinen Epipoditen. Die Blutzufuhr in die
Kiemen geschieht durch Abzweigungen der großen ventralen Lacune.
Bathynella scheint ein sehr geringes Sauerstotfbedürlhis zu be-
sitzen, denn ich fand alle meine Untersuchungsobjekte in einem mit
faulenden organischen Substanzen angefüllten Brunnen.
Geschlechtsorgane.
Die weiblichen Geschlechtsorgane von Bathynella bestehen aus
einem langen Ovarialschlauch, der sich vom 6. Abdominal- bis zum
6. Thoraxsegment zu beiden Seiten des Darmes hinzieht. Der cau-
dale Teil dieses Rohres ist mit jungen Eizellen angefüllt, die rostrad
an Größe zunehmen und mit Dotter umgeben werden. Die reifen
Eier bleiben bis zur Begattung in der Gegend des 2. Pleonsegment
liegen. Der einfache Oviduct geht im 6. Thora-
comer ab, besitzt keine Anhangsdrüsen und ist mit
einer Flüssigkeit angefüllt, die sich auf Präparaten
mit Eosin färbt. Die Mündung der Oviducte liegt im
6. Thoracomer. Die männlichen Geschlechtsorgane ent-
sprechen im gi'oßen und ganzen den weiblichen. Die
Testes liegen im 5.— 6. Pleonsegment. Von dort aus
zieht sich das engere Vas deferens bis zum 8. Tho-
racomer hin, Avo es im rechten Winkel umbiegt und
in das zu Copulationszwecken umgeformte 8. Bein- Fig. R.
paar einmündet (s. Beschreibung S. 159). Die Sperma- 8. Beinpaar des 9.
tozoen haben eine kuglige Gestalt, doch konnte ich
nicht sehen, ob sie geschwänzt sind oder nicht.
Sekundäre Geschlechtsorgane sind außer dem umgeformten
]^70 P- ^- Chappuis,
8. Tlioracalbeinpaar nicht vorhanden, doch ist es leicht, eben durch
die Verschiedenheit dieses Beines die Geschlechter zu erkennen. Die
Eier werden nach der Befruchtung einzeln abgelegt. Leider konnte
ich den Begattungsakt nicht verfolgen.
E n t w i c k 1 u n g.
Das einzige Jugendstadiuni, das ich untersuchen konnte, sah im
großen und ganzen einem adulten Tiere ähnlich. Das Tier stammte
aus dem Fang vom 19. November und muß demnach ein junges cJ
sein. Auf das Kopfsegment folgen 8 -j- 6 Segmente sowie das
Telson, das bereits gespalten ist, und die Uropoden. Die ersten
Antennen sowie alle Kopfgliedmaßen waren vollständig entwickelt,
ebenso die 4 ersten Thoracopoden. Das 5. Beinpaar war dem 8. des
erwachsenen $ ähnlich, bloß besaßen die 2 Spaltfußäste 3 Borsten
statt 2 an ihrer Spitze. Die 3 folgenden Beinpaare waren noch
nicht entwickelt, sie waren durch Höcker angedeutet. Der einzige
Pleopod des erwachsenen Tieres hingegen war schon in diesem
Stadium völlig ausgebildet, eine seltsame Erscheinung, da ja die
Bildung der Beinpaare bei den meisten Malacostraken von vorn
nach hinten vorschreitet und die Pleopoden, die Uropoden ausge-
nommen, erst zuletzt angelegt werden. Die Entwicklung wird nach
meiner Vermutung wie bei den Amphipoden eine direkte sein, also
ohne Einschiebung eines freischwimmenden Larvenstadiums, Nauplius,
sich abspielen.
S 3' s t e m a t i k.
Obwohl die Morphologie von BafJnjneUa nur ungenügend bekannt
war, ist die systematische Stellung dieses Krusters von verschiedenen
Autoren diskutiert worden.
Vejdovsky beschrieb die Gattung als incertae sedis. Dies ist
leicht begreiflich, da damals kein einziger lebender Kruster bekannt
war, der BafhijneUa einigermaßen ähnlich gewesen wäre. Zudem
waren ja die Resultate Vejdovky's unvollständig und unsicher.
Ende der neunziger Jahre wurden in einigen Seen und Bächen
Tasmaniens und Australiens Krebse gefunden, die lebhaft an die
fossilen Formen aus der Carbon- und Permzeit erinnerten. Es waren
dies Anaspides tasmaniae Thomson und Koonunga Cursor Sayce, zu
denen sich in letzter Zeit noch Paranaspides Jacustris Smith hinzu-
Bathynella natans. 171
nach dem Fund des ersten lebenden Vertreters der S y n c a r i d a Ha.nsen
auf die Ähnlichkeit zwischen Anaspides und Bafhynclla aufmerksam
und versuchte, Batlujndla mit dem tasmanischen Krebse verg-leichend,
die systematische Stellung des Präger Brunnentieres aufzuklären.
Infolge der Ausführungen Calman's wurde Baiinjnella von
Grobben (9) in die von ihm geschaffene Ordnung der Anomostraca,
in welcher er die tasmanischen Krebse eingereiht hatte, gestellt.
Im Jahre 1909 veröffentlichte Geoffrey Smith (18) eine größere
Arbeit ,.The Anaspidacea living and fossil", in der er den Versuch
macht, alle bis jetzt bekannten Formen der Anaspidaceen in die
gleiche Ordnung einzureihen. Er benützte die Nomenklatur Hansen's,
die von Calman weitergeführt wurde, und unterscheidet:
Subclass Malacostraca
1. Serie. Eumalacostraca
1. Division. Syncarida
Order Anaspidacea
1. Fam. Änasjndidae
2. Fam. Koonungidae
3. FaiD. Gampsonychidae.
In meiner vorläufigen Mitteilung (1914) hatte ich mich der
Systematik von Claus u. Grobben angeschlossen. Geobben defi-
niert die Ordnung der Anomostraken als: „Malakostraken vom
Habitus der Arthrostraken mit gestielten oder sitzenden Augen,
oder augenlos, mit 7 — 8 freien Thoraxsegmenten und Spaltfüßen an
denselben. Eine Schalenduplicatur fehlt."
Grobbex bemerkt dazu: „Als Anomostraca sind hier Krebs-
formeu zusammengefaßt, welche in ihren Merkmalen Mischcharaktere
von Thorakostraken und Arthrostraken aufweisen und sich am
besten an die palaeozoischen Gattungen üronectes (Gampsonyx) und
Palaeocaris anschließen lassen. Sie scheinen Reste alter Krebs-
formen zu sein, von denen aus die Arthrostraken ihren Ursprung
genommen haben."
In diese Ordnung stellt er nun 2 Familien, die Anaspidae
und die B a t h y n e 1 1 i d a e.
In meiner Mitteilung versuchte ich, die Anaspidaceen Smith's
und Bathynella in einer natürlichen Weise zusammenzustellen,
unter besonderer Berücksichtigung der durch Smith gegebenen
Systematik.
Bathynella unterscheidet sich in mancher Hinsicht so weitgehend
von ihren Verwandten, daß eine Trennung in Familien nicht mehr
172
P. A. Chäppuis.
ZU genügen schien nnd ich daher den Vorschlag machte, die Ordnung
der Anomostraken in 2 Unterordnungen zu spalten. Eines der
wesentlichsten Unterscheidungsmerkmale war das Vorhandensein
sämtlicher Pleopoden, resp. nur derjenigen des ersten Abdominal-
segments, und so benannte ich die beiden Gruppen P 1 e o p o d o p h o r a
resp. A p 1 e 0 p 0 d 0 p h 0 r a.
Entgegen den Anschauungen Smith's, daß die lebenden Anaspi-
daceen 7 oder 8 freie Thoracalsegmente besitzen, machte Calman
mich darauf aufmerksam, daß nach seinen neuesten Forschungen
(5, p. 23) sämtliche lebenden Vertreter dieser Ordnung, Bathynella aus-
genommen, nur 7 freie Thoracalsegmente aufweisen und daß dies
vielleicht eine bessere systematische Basis bieten würde als der
Unterschied in der Anzahl der Pleopoden.
Ich studierte die Frage genauer und untersuchte Exemplare
von Pamnaspides und Anaspides, die mir die Herren Dr. Vavea in
Prag und Calman am Britischen Museum geschickt hatten, und
kam zu dem Schluß, daß angesichts unserer noch sehr unvollkom-
menen Kenntnis der fossilen Arten eine absolut sichere Basis vom
phylogenetischen Standpunkte aus nicht gelegt werden kann. Die
Spaltung der Anomostraken in 2 Unterordnungen, deren hauptsäch-
lichstes Unterscheidungsmerkmal das Vorhandensein von 8 oder
7 Thoracalsegmenten ist, scheint mir berechtigt, zumal da in der
Systematik der übrigen Malacostraken in manchen Fällen viel Ge-
wicht auf die Anzahl der Thoracalsegmente gelegt wird.
Die Systematik der Anomostraken bzw. der Syncariden würde
sich somit folgendermaßen gestalten:
Ordnung
A n o ni 0 s t r a c a
Anaspidacea
(Calm.)
Bathynellacea
Anaspididae
Koonungidae
Plfurocaridae
i Bathijnellidae
I Gampsonychidae
Anaspides
Par anaspides
Koonunga
Phurocaris
Acanthotelson
Bathynella
Gampsofiyx
Palaeocaris
Gasocaris
I. Ordn. Anomostraca Grobben (9).
Malacostraken vom Habitus der Arthrostraken mit gestielten
oder sitzenden Augen oder augenlos, mit 7—8 freien Thoraxsegmenten
und Spaltfüßen an denselben. Eine Schalenduplikatur fehlt.
Batbynella nataiis. 173
I. Unterordii. Aiiaspidacea Calman (4),
Körper länglich, gestreckt, mit 7 freien Thoracal Segmenten, ge-
stielten oder sitzenden Augen. 3 Familien.
1. Fam. Anaspididae Thomson (25).
Der Thorax besteht aus 7 freien Segmenten. Augen gestielt,
erste Antenne des <^ ohne sensorische Modifikation. Eine Antennen-
schuppe ist vorhanden. Die Mandibel besteht aus 3 Fortsätzen,
einem schneidenden, einem mit Borsten besetzten und einem molaren.
Der Palpus der 1. Maxille ist eine unbeborstete Papille. Das
1. Thoracalbein trägt gnathobasische Fortsätze, einen schlanken Exo-
poditen und 2 Branchien, die am Exopoditen angewachsen sind. Die
folgenden Thoracalbeinpaare sind alle deutlich Sgliedrig. Das letzte
Thoracalbeinpaar ist lästig. Die Pleopoden sind alle 2ästig mit
einem kleinen Endopoditen.
2 Genera, Anaspides und Paranaspides, mit je 1 Species. Ana-
spides tasmaniae Thomson und Paranaspides lacustris Smith.
2. Fam. Koommgidae Sayce (17).
Der Thorax besteht aus 7 deutlichen Segmenten. Die Augen
sitzend. Erste Antenne des ^ mit sensorischen Modifikationen. Eine
Antennenschuppe ist nicht vorhanden. Die Mandibel besitzt einen
schneidenden und einen beborsteten Fortsatz, aber keine molare
Erhöhung. Der Palpus der ersten Maxille ist reduziert, aber deut-
lich und trägt Borsten. Das erste Thoracalbein hat einen schlanken
Exopoditen. aber keine gnathobasischen Anhänge. Die Thoracal-
beine bestehen nur aus 7 Segmenten. Die letzten 2 Thoracalbeine
sind lästig. Die Pleopoden sind alle lästig, ausgenommen die
ersten 2 Paare des ^, welche als Copulationsorgane umgewandelt
sind und ihre Endopoditen behalten.
Ein Genus, Koommga, mit einer Species, Koommga cursor Sayce.
3. Fam. Pleurocaridae n. fam.
7 freie Thoracalsegmente, Augen wahrscheinlich sitzend, Telson
mit den Uropoden keinen Schwanzfächer bildend und mit Borsten
besetzt.
Zwei fossile Genera, Pleurocaris und Acanihotelson, mit 3 Species
Pleurocaris anniilaris Calman (7), Acanthotelson stimpsoni M. et W. und
Acanihotelson inaequalis Meek et Woethen.
174 P- A. Chappuis,
IL Unterordn. Ba thy ne] lacea n. subo.
K(3rper gesti'eckt, mit 8 freien Thoracalsegmeuteii. Augen ge-
stielt oder nicht vorhanden. 2 Familien.
1. Farn. BathyneUidae n. fam.
Körper anisopodenähnlich, mit 8 freien Thoracalsegmenten, augen-
los. Erste Antenne mit warzenförmigem Endopodit, zweite Antenne
mit schmalem ungegliedertem Endopodit. Brustfüße mit 2gliedrigem
Protopodit , 4gliedrigem Endo- und Igliedrigem Exopodit. Ein
Epipodialanhang an allen 8 Thoracopoden, mit Ausnahme des 8, des
(^, der zum Copulationsorgan umgewandelt ist. 2. — 5. Pleopod fehlt.
Uropoden spaltfußähnlich, mit dem gespaltenen Telson keinen Fächer
bildend.
Ein Genus, Bathynella, mit einer Species, Bathyuella natans Vejd.
2. Fam, Gampsonychidae Packard (26).
In diese Familie mögen vorläufig die 3 fossilen Genera Gamp-
sonyx {üronectes), Falaeocaris (Fmeanaspides) und Gasocaris eingereiht
werden.
Thorax aus 8 deutlichen Segmeuten, von denen das 1. kleiner
ist als die folgenden. Eine Antennenschuppe ist wahrscheinlich vor-
handen gewesen und wahrscheinlich alle Thoracalbeine gespalten.
Bei Gampsonyx und Gasocaris lag im Telson eine Otoc3'ste.
3 Genera mit je 1 Species.
Gampsonyx ßinhriaticus Jordan et Meyer
Falaeocaris typus Meek et Worthen
Gasocaris krejcii Fritsch.
Basel, den 15. Juli 1914.
Bathynella uataus. 175
Literatur Verzeichnis.
1. Vejdovsky, Thierische Organismen der Brunnengewässer von Prag,
Prag 1882.
2. — , 0 systematickem umisteni studnicneho koryse Bathynella natans,
in: SB. böhm. Ges. Wiss. Prag, 1898.
3. CäLMAX , On the characters of the Crustacean genus Bathynella
Vejdovsky, in: Journ. Linn. Soc. London, Vol. 27, 1899.
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Mag. nat. Hist. (7), Vol. 13, 1904.
5. — , Crustacea: Treatise on Zoology edited by Sir Ray Lankestee,
Part 7, fasc. 3, London 1909.
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Coal-measures, in: Geol. Mag. (Decade 5), Vol. 8, 1911.
7. — , Ou Pleurocaris, a new Crustacean from the English Coal-measures,
ibid. (Decade 5), Vol. 8, 1911.
8. Claus, Über den Organismus der Nebaliden und die systematische
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1888.
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wassers, in: Zool. Jahrb., Vol. 7, Syst., 1894.
13. Maupas, Sur le Belisarius Viguieri, nouveau Copepode d'eau doux,
in: CE. Acad. Sc. Paris, 1892, Vol. 115.
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viguieri, in: Zool. Anz., Vol. 44, 1914.
15. — , Über die System. Stellung von Bathynella natans, ibid., Vol. 44,
1914.
176 ^- A- Chappuis, Batbynella nataiis.
16. GrKAETER, E., Die Copepoden der unterirdischen Gewässer, Dissert.,
Basel 1910.
17. Sayce , 0. A., On KoonuDga cursor, a remarkable new type of
Malacostracan Crustaceans, in: Trans. Linn. Soc. London, 1908.
18. Smith, Geoffrey, Tbe Anaspidacea, living and fossil, in: Quart.
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19. — , Preliminary account of the habits and structure of tbe Anaspi-
didae, witb remarks on some otber freshwater Crustacea from
Tasmania, in: Proc. Roy. Soc. London (B), Vol. 80, 1908.
20. Jordan und V. Meyer, Über die Steinkohlenformation von Saar-
brücken, in: Palaeontographica, Vol. 4, 1856.
21. Woodward, H., Some Coal-Measure Crustaceans with modern
representatives , in: Geol. Mag. (N. S., Decade 5), Vol. 5, 1908.
22. GiesSBRECHT, Crustaceen, in: Lang's Handbuch der Morphologie.
23. Calman, in: Zool. Anz., Vol. 25, 1902.
24. Reichenbach, Studien zur Entwicklungsgeschichte des Flusskrebses,
in: Abh. Senckenberg. naturf. Ges. Frankfurt, Vol. 14, 1888.
25. Thomson, in : Trans. Linn. Soc. London (2), Vol. 6.
26. Packard, On the Syncarida etc., in : Mem. nation. Acad. Sc. Washington,
Vol. 3, 1884.
Erklärung der Abbilduugen.
Tafel 3.
Fig. 1. BathyneUa natans, ^ von oben.
Fig. 2. dsgl., 9 ^•'^ ^®^ Seite.
G. Pätz'sche Buchdr. Lippert & Co. G. m. b. H., Naumburg a. d. S.
Zoolog.Jahrbücher Bd.40Abt.f. Syst
F. Springer je:
Ve 1U9 von Gustav- Fischer m Jena.
Zoologiahrbücher Btl 1 J Abt.f. Syst.
P Springer ge:
Ve rkg toii Gus I av Fischei- ni
Zooloi). Jnltrhiirlier Btl. W Aht. f. Syst
Verlag von Gusta»^ Fischer lu J(
Nachdruck verboten,
tlbersetziingsrecht vorbehalten.
Beiträge
zur Kenntnis der Dipteren-Larven und -Puppen.
Von
J. C. H. de Meijere,
a. ö. Professor an der Universität zu Amsterdam.
Mit Tafel 4-14.
Inhaltsangabe.
Seite
Einleitung 178
I. Spezieller Teil ' . . 180
Scatopse notata L 180
Dilophus vulgaris Meig 183
Plecia fulvicollis F 186
Ptjichoptera 188
Trichocera 191
Tricijphona immacidata Meig 195
Dicranomya umbrata de Meij 197
Limnohia hifasciata SCHR 198
Rhypholoplms varius Meig 201
Limnophüa ferruginea Meig 204
Pachygaster miniäissima TiKYT 206
Berts vallata Föest 208
Therem 210
Chrysopilus atratus F 214
Leptis lineola F 215
Dioctria baumhaueri Meig 218
Dysmachus trigonus Meig 220
Medeterus • 222
Zool. Jahrb. XL. Abt. f. Syst. 12
178 J- ^'- H- D^ Meijere,
Tlirypticus smaragdinus Gerst 225
Dolichopus 226
Hilara maura F
Rhamphomyia ? 230
Syrphus hifasciatus F 232
Sijrphus venifstus Meig 234
Pipunculiden 234
Drosophila obscura Fall 239
II. Allgemeiner Teil 241
1. Zur Kenntnis der Dipteren-Larven 241
a) Kopfbau 241
b) Segmentzabl 276
c) Stigmen 278
2. Zur Kenntnis der Puppe der Dipteren 282
3. Über die Bedeutung der Larven für die Systematik . . . 291
Einleitung.
In keiner Insectenordnung ist die Verschiedenheit der Larven
eine so große wie bei den Dipteren. Schon in der äußeren Er-
scheinung weichen sie außerordentlich viel voneinander ab, aber
auch an tiefgreifenden Modifikationen fehlt es nicht. Namentlich
der Kopfbau ist dermaßen verschieden, daß es trotz mehrerer Ver-
suche bis jetzt nicht gelungen ist, in befriedigender Weise die Homo-
logien festzustellen. Seit Weismann's grundlegenden Arbeiten ist dies
von mehreren Forschern versucht; es sind hier besonders van Rees,
HoLMGREN, in neuester Zeit U. Becker ^) zu nennen. Beide letzt-
genannte Autoren haben eine Formeureihe aufgestellt, welche von
den Formen mit freiem, vollständig chitinisiertem Kopf zu dem sehr
reduzierten Kopf der Eumyiden hinüberleiten soll. Da R. Becker
vor wenigen Jahren eine Übersicht über die bezüglichen Arbeiten
älterer Autoren gegeben hat, so kann ich mir an dieser Stelle eine
solche ersparen. Becker war in der Lage auch eine Art aus der
Gruppe Orthorhapha brachycera, nämlich die Larve von Ailierix, ein-
gehend zu untersuchen und kommt zur Annahme folgender phylo-
genetischen Reihe: Simulia, CMronomus, Stratiomyia, Atherix, Lon-
choptera, Musca, wobei die verschiedenen Formen je als Repräsen-
1) Becker, R., Zur Kenntnis der Mundteile und des Kopfes der
Dipteren-Larven, in: Zool. Jahrb., Vol. 29, Anat., 1910, p. 281—312.
Ebendort auch Literaturangaben.
Dipteren-Larven und -Puppen. 179
tauten der durchlaufenen Stufen zu betrachten sind, natürlich nicht
als die wirklichen Vorfahren.
Am Ende seiner Arbeit führt er indessen einige Bedenken gegen
seine Entwicklungsreihe an, nämlich im besonderen, daß die als An-
tenne bzw.Maxillartaster gedeuteten Sinnesorgane nach seiner Deutung
auf das 1. Thoracalsegment verschoben sein sollen, zweitens, daß er die
von Weismaxn bei der Embrj'onalentwicklung der Musca-hnrYe wahr-
genommene Einstülpung des Vorderkopfes nicht erklären kann. Es geht
hieraus wenigstens soviel hervor, daß auch mit seinen Ausführungen
nicht das letzte Wort in dieser Frage gesprochen ist. Da icli in den
letzten Jahren eine Anzahl Dipteren-Larven gesammelt und gezüchtet
hatte, so wurde bei mir der Wunsch rege, diese soviel wie möglich
zur Erklärung dieser überaus interessanten Verhältnisse zu benutzen.
Im Untenstehenden gebe ich zunächst eine Beschreibung einiger
von mir aufgefundenen bzw. gezüchteten Dipteren-Larven und
-Puppen. Ich bin mir ganz klar bewußt, daß diese keine vollständige
ist, es bleibt an jeder Art noch genügend zu erforschen, es lag eben
nicht in meiner Absicht, alle Einzelheiten zu erwähnen, und auf die
innere Anatomie bin ich nur wenig eingegangen. Das Hauptgewicht
legte ich bei den vorliegenden Untersuchungen auf die vergleichende
Betrachtung des Kopfbaues, über welchen, wie gesagt, die Akten
bis jetzt noch bei weitem nicht abgeschlossen sind, sowie einiger
anderer Punkte im Körperbau der äußerst verschiedenartig ge-
bildeten Dipteren-Larven. Bei der Erörterung des Kopfbaues entstand
von selbst die Frage nach seiner systematischen Bedeutung, nament-
lich in Hinsicht auf die Stellung von Trichocera zu den übrigen
Tipuliden, weil gerade unlängst auch von Keilin die große Ver-
schiedenheit der TricJwcera-hd^YYen vom gewöhnlichen Tipuliden-
Typus hervorgehoben war. Den Schluß bilden einige Betrachtungen
über die Dipteren-Puppen.
Von einigen der unten aufgeführten Arten besitzen wir schon
Beschreibungen von älteren Autoren, namentlich von Beling und
Perris. Da von diesen Autoren auf die feineren Strukturen nicht
oder kaum eingegangen wird, so ergaben sich diese Beschreibungen
für die von mir gestellten Fragen als unzureichend, und ich habe
deshalb vorgezogen, von den betreffenden Tieren neue zusammen-
fassende Beschreibungen zu geben. Die ältere Literatur findet man
bei Fii. Beauee, Systemat. Studien auf Grundlage der Dipteren-
Larven. Zweiflügl. d. K. Museums zu Wien III 1883, in : Denkschr.
Akad. Wiss. Wien, math.-nat. CL, Vol. 47.
12*
180 J. C. H. DE Meijere,
I. Spezieller Teil.
Scatojyse notata L, (Fig. 1—4).
Obgleich diese Larve schon von mehreren der älteren Forscher,
von Pekeis, L. Dufour, Bouche, Heegee, beschrieben wurde, so
dürfte eine genauere Beschreibung derselben nicht überflüssig sein.
Der etwas abgeflachte zylindrische Körper besteht aus Kopf und
12 Körpersegmenten. Der Kopf ist (Fig. 1) stark chitinisiert und
ganz frei, von brauner Farbe, etwas runzelig, nur mit wenigen
Sinnesborsten, im übrigen nackt ; die Fühler (Fig. 2) sind kurz, drei-
gliedrig, das 1. Glied äußerst kurz, das 2. Glied ist kurzzylindrisch,
fast ebenso lang wie breit, es trägt außer dem schmaleren, aber
relativ langen 3. Glied ein viel kürzeres Sinneszäpfchen.
Die Oberlippe ist von gerundet viereckiger Gestalt ; oben liegen
in der Höhe der Fühler 2 Paar Sinnespapillen, von welchen das
vordere eine kurze zerschlitzte Borste besitzt ; am gerundeten V^order-
rand ist die Oberlippe dicht kurz behaart; dicht dahinter finden
sich am Rande ein Paar zerstreute Härchengruppen ; an der Unter-
seite trägt sie vorn eine Anzahl zerstreuter, nach hinten gerichteter
brauner Zähne mit kammartig eingeschnittener Spitze, dann folgen
2 größere Chitinwarzen und weiterhin 6 braune längsstreifenartige
Chitinrippen, deren freier Rand mit nach hinten gerichteten Härchen
besetzt ist. An der Außenseite dieser Gruppe von Längsrippen liegt
jederseits eine am freien Rand 3 stumpfe Zähne aufweisende Chitin-
platte; außerhalb dieser wieder ein Büschel von Härchen.
Die Oberkiefer sind stark, das Endglied ist schaufeiförmig, am
Rande beiderseits stumpfgezahnt; die 3 mittleren Zähne sind größer
als die übrigen, welche von winziger Größe sind; an der Außen-
seite liegt über dieser Schaufel eine Gruppe von starken, gekrümmten
Borsten. Der untere Abschnitt des Oberkiefers trägt an seiner
Oberseite eine starke, gerade, beiderseits kurzbedornte Borste, an der
Seite findet sich ein starker zahnartiger Vorsprung.
An dem stark reduzierten Unterkiefer ist eine untere Chitinspange
bemerkbar, welche das Basalglied (Cardo) repräsentiert, das Endglied
bildet eine gerundete, am Innenrand dicht behaarte Platte, welcher
ein sehr kurzer, aber breiter Taster aufsitzt; dieser trägt auf der
kurzovalen Endfläche mehrere sehr wenig vorragende Sinnesorgane.
Die Unterlippe ist relativ klein, wenig chitinisiert, größtenteils
Dipteren-Larveu uud -Puppen. 181
dicht behaart; vorn ündet sich eine (iiierovale Stelle mit mehreren
kurzen Sinnesorganen. Weiter nach vorn und mehr nach innen zu
liegt als g-erundete behaarte Platte der Hypopharynx.
Die Thoracalsegmente zeigen an der Oberseite einen breiten
Vordersaum von dichtgelagerten kurzen Härchen, welche in Quer-
gruppen angeordnet sind ; am Prothorax ist dieser Saum am breitesten.
Darauf folgen nach hinten zu 5 Längsgruppen von stärkeren Haar-
borsten, von welchen wenigstens in den 3 mittleren Gruppen die
vorderen gleichfalls kurze Quergruppen bilden, die mehr nach hinten
gelegenen und die der äußersten Gruppen stehen vereinzelt; auch
diese Gebilde stehen trotz ihrer Stärke meistens nicht in besonderen
Chitingrübchen.
Das hintere Ende dieser Gruppen ist durch eine Querlinie ver-
bunden, welche am Prothorax eine in der Mitte unterbrochene Reihe
kurzer brauner Chitinhöckerchen trägt; am Mesothorax ist die Reihe
vollständig, am Metathorax desgleichen, aber die Anhänge sind hier
nicht höckerförmig, sondern zeigen den Charakter der vor ihnen
liegenden Borsten ; die Querreihe geht in die äußeren Gruppen über,
wie es mit den Höckerchen der vorhergehenden Ringe allmählich
auch der Fall ist.
An den 7 jetzt folgenden Abdominalsegmenten ist das Verhalten
ähnlich, aber die Härchen des Vordersaumes sind stärker und stehen
vereinzelt ; die Borstenhaare der mittleren Gruppen sind länger, aber
spärlicher, namentlich die äußeren Gruppen schmal, mehr nach hinten
auch die mittleren, so daß die aus ebenso langen Haaren bestehende
Querreihe, welche das hintere Ende der Gruppen verbindet, mehr in
die Augen fällt; besonders an dem hinteren Segment erreicht diese
Reihe eine recht beträchtliche Länge. Am 6. Segment sind die
Längsgruppen schon auf einige (ca. 5), aber dementsprechend dickere
Borsten beschränkt, am 7. ist nur die mittlere Gruppe noch von dieser
Größe, von den äußeren sind nur spärliche Reste übrig, der Hinter-
saum ist aber geschlossen und stark entwickelt, unregelmäßig
2reihig. Am 8. Segment, welches an seinen Hinterecken die beiden
Hinterstigmen trägt (Fig. 3), ist diese Querreihe mehr nach vorn
gerückt, mit rundlich nach hinten umgebogenen Seitenenden ; in der
Mitte stehen die Borsten mehr vereinzelt und sind kürzer und
dicker, nach den Seiten stehen die Borsten gedrängt; die Längs-
gruppen sind ganz verschwunden. Das letzte, 9. Segment zeigt 2
längliche braune Flecke, welche ringsum von starken Haarborsten
182 J- t,'- H. DE Meijere,
umgeben sind, außer am Vordereude; auch der Seitenrand dieses
Segments ist beborstet.
Die Bewaffnung der Ventralseite zeigt mit derjenigen der
Dorsalseite Ähnlichkeit; auch hier findet sich an den Thoracal-
segmenten vorn ein breiter Saum von in kleinen Quergruppen an-
geordneten Härchen, am Prothorax finden sich 2 solche Quergürtel
hintereinander, durch eine gebogene, nackte Strieme voneinander
getrennt. Nach hinten folgen wieder 5 Gruppen von etwas stärkeren,
mehr vereinzelt stehenden Härchen, welche mit dem vorderen Quer-
gürtel mehr oder weniger zusammenhängen ; namentlich am Prothorax
ist die mittlere Gruppe breit und mit dem Vordersaum verbunden,
die Härchen gehen hier auch allmählich ineinander über und werden
überhaupt wenig länger. Auch hier sind schon am Metathorax die
Gruppen hinten durch Querbrücken von Härchen miteinander ver-
bunden. Weiter nach hinten liegen an den vorderen Thoracal-
segmenten nur zerstreute kurze Härchen; am Metathorax bilden
diese einen mehr vollständigen, oben schmalen Gürtel.
An den Hinterleibssegmenten findet sich statt des vorderen
Gürtels nur eine mehr oder weniger vollständige sehr schmale Binde
zerstreuter kurzer Härchen. Die Längsgruppen und der sie be-
rührende hintere Gürtel sind namentlich im Mittelfelde stark ent-
wickelt, so daß mit Ausnahme der Seitenteile fast die ganze Unter-
seite hier mit wenig an Größe verschiedenen Härchen dicht besetzt
ist, welche zum Teil einzeln, zum Teil in kleinen Gruppen stehen;
nur nahe ihren Vorderrändern finden sich in diesen behaarten Partien
einige nacktere Stellen. Der Härchengürtel des Hinterendes ist
etwas stärker als am Metathorax, die Härchen sind aber kurz,
meistens zerstreut, bisweilen bilden sie kleine Quergruppen.
Am letzten Segment liegt die längsovale Analspalte, am Bande
von einem Ring zum Teil sehr starker Borstenhaare umgeben.
Sinnesborsten finden sich an der Dorsalseite zwischen den Borsten
des hinteren Gürtels zerstreut. Sie sind diesen sehr ähnlich, da-
durch indessen zu erkennen , daß sie in kleine Chitingrübchen be-
weglich eingepflanzt sind. Im querovalen nackten Felde vor den
Hinterstigmen stehen gleichfalls 2 Sinnesborsten.
An der Ventralseite fallen am meisten die in kleine Gruppen an-
geordneten Sinnesborsten der Thoracalsegmente auf. Sie liegen am
Prothorax zu beiden Seiten der mittleren Haargruppe, an den beiden
folgenden liegen zwischen ihnen je 3 schmale Längsgruppen, welche also
zusammen mit den Mittelgruppen des Prothorax zu vergleichen sein
Dipteren-Larven und -Puppen. 183
dürften : jede Gruppe besteht aus 4 Borstenhaaren, 2 läng-eren und
2 kürzeren. Dies sind die Gruppen, welche Keilin bei einer Anzahl
Dipteren-Larven aufgefunden und als „formation" oder „organe pleu-
rale*' bezeichnet hat ^).
Dicht neben dem Seitenrande liegt an Thoracal- und Abdorainal-
segmenten eine durch seine Stärke und größere Länge auffallende
Sinnesborste.
Stigmen sind vorhanden am 1, Thoracalring und am 1.— 8. Ab-
dominalring. Die 8 ersten Paare sind von gleicher Größe und Bildung
(Fig. 4), sie ragen als kurze Zäpfchen senkrecht zur Seitenlinie her-
vor. Sie sind nach dem Schema der Tüpfelstigmen gebaut und
zeigen nahe ihrer Spitze einen nicht geschlossenen Kreis von ca. 8
ovalen dünneren Stellen; die Stigmennarbe liegt also lateral, aber
die Zahl der Knospen ist eine relativ große. Die Hinterstigraen
stehen als braune, zylindrische Zapfen vor (Fig. 3), ihr oberes Ende
trägt das Tüpfelstigma, welches aus einem ringsum geschlossenen
Kreis von ca. 30 ovalen Tüpfeln besteht, mit großer, zentraler
Stigmennarbe; das Tüpfelstigma ist durch einen Saum nach unten
gerichteter Härchen umgeben.
Dilophus vuUfaris Meig. (Fig. 5—10).
Auch diese Larve ist, was die oberflächlichen Merkmale anlangt,
schon durch die Beschreibungen von Eatzebueg, Beling usw. be-
kannt, im besonderen ist aber noch manches hinzuzufügen.
Die Larven haben die zylindrische Körpergestalt der Bihio-
Larven, unterscheiden sich aber besonders durch die glattere Ober-
fläche, indem die i?iiio-Larven eine Anzahl länglich konische Körper-
anhänge aufweisen, die von Dilophus nur einige wenige, sehr kurze.
Der Kopf ist stark chitinisiert, von rotbrauner Farbe. Die Fühler (Fig. 5)
sind äußerst kurz, eingliedrig; das einzige Glied springt als kurzer,
gerundeter Höcker vor und trägt auf seiner oberen Fläche einige
wenig vorragende Sinnesorgane, nur eins hat die Gestalt eines kurzen
Stäbchens. Die Oberseite des Kopfes trägt einige wenige starke
Borsten, welche in eine sehr feine Spitze enden. Ein Paar solcher
Borsten finden sich auch auf der Oberlippe, dicht vor der Ein-
pflanzungsstelle der Fühler, zwischen ihnen liegt ein Paar als halbe
1) Keilin, D., Sur certains organes sensitifs constants chez les larves
deDipteres et leur signification probable, in: CR. Acad. Sc. Paris, Vol. 153,
p. 977.
184 J. C. H. DE Meijere,
Kreischen erscheinende Sinnesorgane. Überdies trägt die Oberlippe
an ihrem vorderen Rande eine Anzahl kurze, zapfenförmige Pa-
pillen ; einige finden sich auch an der Unterseite, welche im übrigen
kurz behaart ist, wenigstens im vorderen Abschnitt. An der Ober-
seite zeigt die Oberlippe nahe der Basis eine kleine Grube. Die
Oberkiefer (Fig. 6) sind nicht lang, aber stark, wenig gebogen; an
der Spitze zeigen sie 4 kurze, stumpfe Zähne, an der Außenseite
nahe der Basis 2 längere Borsten, an der Innenseite auf einem
kurzen Vorsprung ein dichtes Büschel von steifen Härchen.
Die Unterkiefer (Fig. 7, 8) sind für eine Dipteren-Larve stark
entwickelt; das Grundglied (Cardo) ist an der Unterfläche durch
einen Chitinstreifen ausgezeichnet, welcher 3 starke Borsten trägt.
Es trägt innen eine ungefähr viereckige Lade, welche an ihrer
Unterseite eine starke Borste aufweist; an der Oberseite findet
sich in der oberen Außenecke ein Haarbüschel, mehr nach innen zu
eine Reihe von Sinneskreischen, in der inneren Uuterecke ein kleineres
Haarbüschel, während der Innenrand eine Längsreihe von konischen
Zähnen erkennen läßt. An der Außenseite liegt der Stipes mit dem
eingliedrigen Taster ; letzterer mit mehreren kürzeren Sinneszäpfchen.
Die Unterlippe springt als eine länglich viereckige, stark chitini-
sierte, nackte Platte vor; nur dicht hinter dem Vorderrand zeigen
sich einige kiirz-zapfenförmige Sinnespapillen. Nach innen zu liegt
über der Unterlippe ein kurzes aber breites Läppchen mit kurz-
gezälineltem Rand, der Hypopharynx. Auch ventral ist die Kopf-
kapsel vollständig geschlossen, hinten aber vollständig kreisförmig
eingebuchtet.
Die Körperhaut ist überall mit einander nicht berührenden
schuppenartigen Wärzchen (Fig. 9) besetzt, welche breiter als lang
sind und an ihrem freien Hinterrande eine Quergruppe von dorn-
artigen Härchen besitzen ; die Anzahl dieser Haare ist auch an einer
und derselben Körpergegend stark wechselnd, bald findet sich nur
1, bald wächst die Anzahl bis auf 10; meistens findet sich eine
Zwischenzahl.
An der Oberseite trägt jedes der Thoracalsegmente 1 Paar
kurzer konischer Höcker, Avelche selbst auch wieder dicht mit be-
haarten Schüppchen besetzt sind und also Vorsprünge der ganzen
Hautschicht darstellen; die Hinterleibssegmente zeigen außerdem
ein 2. Paar, welches mehr nach außen und nach vorn liegt. Die
Hinterleibsspitze zeigt vor dem hintersten Stigmenpaar eine Quer-
reihe von 6, dahinter eine von 4 Fortsätzen, welche, namentlich die
Diptereu-Larveu uud -Puppen. 185
4 letztgenannten, länger sind als die der vorhergehenden Segmente.
Diese liegen am oberen Kand der abgestutzten Hinterleibsspitze;
ihre Spitze ist nackt, wenig gefärbt und zarthäutig. Die Zahl der
Stigmen ist dieselbe wie bei BiUo; sie finden sich am Pro- und
Metathorax und am 1. — 7., dann am 9. Hinterleibsringe. Das 1. Paar
ist größer als die folgenden, am größten ist aber das allerletzte,
welches sich außerdem im Bau von den übrigen unterscheidet.
Während die übrigen, ebenso wie die entsprechenden Stigmen der
i)?620 - Larve , nur eine einzige zentrale Stigmennarbe aufweisen,
rings um welche die Tüpfel in einen Kreis angeordnet sind, zeigt
das hinterste i?iÄio-Stigma deren 2, dasjenige von DüopJtus 3 (Fig. 10).
Dieses Stigma von Bibio ist dementsprechend von ovaler Gestalt,
während das von Düophus mit den 3 sternförmig nebeneinander
liegenden Narben wieder von kreisförmiger Gestalt ist, wie die ein-
fachen Stigmen der Bibioninen-Larven es öfters sind. Genau kreis-
föiniig sind aber bei Düophus auch die übrigen Stigmen nicht, nament-
lich dasjenige des Prothorax ist deutlich queroval, die Stigmennarbe
liegt hier fast im Zentrum, die folgenden, kleineren Stigmen nähern
sich einem Kreis in größerem Maße, aber ihre Narbe liegt exzentrisch,
ist der Dorsalseite etwas näher gerückt. Alle diese Stigmen sind
von einem schmalen braunen Chitinring eingefaßt ; die dunkelbraune
Stigmennarbe ist durch einen heller braunen Saum umgeben, au wel-
chem die inneren Stützsäulchen des Stigmas ansitzen; der Tüpfel-
kreis liegt mehr nach außen und ist wenig gefärbt, die Zahl der
Tüpfel beträgt an den kleineren Abdominalstigmen ca. 20, an dem
Prothoracalstigma ca. 38, an dem dreiteiligen Hinterstigma ca. 80;
die Tüpfel sind sehr schmal, linienförmig. Die zwischen den 3
Stigmennarben liegende Partie ist etwas vorgewölbt. Im Endabschnitt
der Trachee münden unmittelbar unter dem Stigma zahlreiche feine
Tracheenäste, welche an der anderen Seite sich in äußerst feine
Tracheolae verteilen ; Büschel von dergleichen Tracheolae finden sich
an den größeren Tracheen in den letzten Segmenten und an der
Quercommissur des letzten, Verzweigung zeigen diese Tracheolae nur
an ihrer Basis. Während am stigmenlosen Mesothorax noch eine
kleine braune Stigmennarbe als Ansatzstelle des Stigmenfadens auch
äußerlich erkennbar ist, findet sich eine solche an dem stigmenlosen
Segment vor dem Endsegment nicht ; auch hat der Längsstamm zwi-
schen den 2 letzten Stigmen nur einen Seitenast, wie zwischen den
vorletzten, was dafür spricht, daß hier das letzte Stigma um ein
Segment nach hinten verschoben ist, es also eigentlich dem Stigma
]^86 J C. H. DE Mei.jere,
des 8. Segments entspricht; es wäre demnach mit dem Stigmenhorn
von Scatopse, welches unmittelbar hinter dem 8. Segment aufsitzt,
diesem aber noch deutlich zugehört, homolog.
Die Sinnespapillen haben die Gestalt kurzer, bi'auner Borsten;
auf der Dorsalseite zeigt sich deren je eine Querreihe von 6 zwischen
den mittleren Fortsätzen, auch lateral finden sich noch ein Paar;
am Prothorax liegt weiter nach vorn noch eine 2., vollständige Quer-
reihe. Auch ventral liegen einige dergleichen Sinnesborsten ; an den
Thoracalsegmenten findet sich jederseits eine neben einem braunen
Punkt, welches im Zentrum einer Gruppe von kleineren Schüppchen
liegt und der Ansatzstelle einer Bein-Imaginalscheibe entsprechen
dürfte.
Die Speicheldrüsen sind von einfacher, langgestreckter Gestalt.
Am Anfang des Magens finden sich 8 kurze Blindsäcke, während
nahe seinem Ende ein längerer Anhang vorhanden ist. Es sind 4
MALPiGHi'sche Gefäße vorhanden, je 2 entspringen aus einer und
derselben Stelle, ein gemeinsamer Abschnitt ist aber kaum vorhanden;
die beiden Paare entspringen dicht nebeneinander; sie sind von
gleichmäßiger Stärke, nur das eine Paar ist eine kurze Strecke ent-
lang etwas erweitert, enthält aber auch dort keine besonderen Con-
cremente.
I*fecl(( fiilricollis F. (Fig. 11-13).
Die Larve dieser Art wurde nach javanischen Stücken von mir
in Studien über südostasiatische Dipteren IV, in : Tijdschr. Entomol.,
Vol. 53, 1910, p. 59, beschrieben. Ich ging damals auf eine Be-
schreibung der Mundteile und andere Einzelheiten nicht ein, weil
mir gerade diese von größerem Interesse zu sein schienen, wenn sie
gleichzeitig mit der Untersuchung anderer Formen vergleichend
unternommen werden konnte.
Die Fühler (Fig. 12) sind ganz rudimentär; die Gegend, wo man
sie suchen muß, ist ganz tiefschwarz, und erst nach Entfärbung mit Eau
de Javelle erscheint hier eine halbmondförmige Stelle, in deren
Nähe einige Sinneskreischen gelegen sind. Die Oberlippe (Fig. 11)
zeigt vorn oberseits 1 Paar kurzer, dicker, dolchförmiger Borsten ; ihr
Vorderrand ist dicht kurz behaart, zwischen den Härchen stehen
mehrere kurze Zäpfchen, einige dunkler und kürzer, einige heller
und mit längerer Spitze. Unterseits ist die Oberlippe, wenigstens
im Mittelfelde, mit dicken borstenartigen, nach der Mittellinie ge-
Dipteren-Larven und -Puppen. 187
lichteten borstenartigen Gebilden dicht besetzt, an dieser Linie stehen
zwischen den Borsten dünnere Haare, am Seitenrande stehen 1 Paar
Büschel solcher nach vorn schauender Borsten; weiter nach hinten
hat die Oberlippe jederseits einen großen zahnartigen Vorsprung.
Im ganzen zeigen die Mundteile eine große Übereinstimmung
mit denjenigen von Dilophus. Die Oberkiefer zeigen auch hier an
der Innenseite einen Haarbüschel, dessen Haare hier einander sehr
dicht anliegen; an der Kaufläche finden sich 4 sehr stumpfe Zähne.
Auch die Unterkiefer haben dieselbe Gestalt, die Lade hat an der
Unterseite nahe dem inneren Rande 2 starke Borsten, am Rande
selbst eine dichte Reihe grober, borstenähnlicher Haare und darüber
2 braune Chitinzapfen, am Oberrande finden sich noch 1 Paar
kleinere Chitinhöcker; die Innenseite ist größtenteils kurzbehaart,
bzw. beborstet und trägt eine Längsreihe von Sinnespapillen; der
Taster hat relativ längere Sinnespapillen als bei Büophus. Auch
die Unterlippe hat ungefähr dieselbe Gestalt, vorn findet sich zu
beiden Seiten der Gruppe von Sinnespapillen eine dicht kurzbehaarte
Stelle.
Schuppenartige Felderchen, wie sie bei Dilophus beschrieben sind,
also mit einer Querreihe von Haaren am freien Rande, finden sich
hier hauptsächlich auf den zahlreich vorhandenen Körperfortsätzen,
im übrigen zeigt sich ein etwas anderes Verhalten; die nur durch
dunklere Färbung hervortretenden Felderchen tragen eine Gruppe
von Börstchen, welche eine Querreihe bilden und auch viel dunkler
gefärbt sind a\s hei DüopJms; die Zahl dieser Börstchen ist auch' hier
sehr wechselnd ; auf der großen Platte unten am Prothorax sind die
Schuppen sehr breit und kurz, nur am Rande, dort aber mit zahl-
reichen Haaren besetzt. Dasselbe Verhalten findet sich an der
Dorsalseite zwischen dem Kopf und der vordersten Reihe von Fort-
sätzen.
Die große Zahl der Fortsätze wurde in der Beschreibung in
„Tijdschrift voor Entomol." schon erwähnt und ihre Anordnung an-
gegeben. Diese sind an der Ober-(Vorder-)seite dicht mit kurze
Querreihen bildenden Börstchen besetzt, an der Unterseite größten-
teils nackt und blaß gefärbt, auch die Spitze ist mehr oder weniger,
bei den längeren Fortsätzen eine bedeutende Strecke weit, von
dieser Beschaftenheit ; die kürzeren sind oben bis zur Spitze behaart.
An den meisten Fortsätzen beobachtete ich an der behaarten Seite,
etwas unter der Mitte, ein kleines Kreischen; bei den Fortsätzen
der Dorsalseite kommt, der Basis näher gerückt, öfters noch ein
188 J- C. H. DE Meijere,
zweites vor; es sind helle, runde oder etwas ovale Fleckchen, welche
sehr schmal schwarz gerandet sind. Schnitte lehrten, daß nach
solchen Stellen feine Fädchen sich verfolgen ließen, Avelche die dicke
farblose Chitinschicht der Haut durchsetzen (Fig. 13). Es handelt
sich hier ohne Zweifel um kleine Sinnespapillen; von Drüsenzellen
ließ sich jedenfalls nichts erkennen.
Was die Stigmen anlangt, so habe ich in der früheren Be-
schreibung schon angegeben, daß deren jederseits 10 vorhanden
sind; die Anordnung ist dieselbe wie bei DilopJms] sie haben die
Gestalt schwarzer Höckerchen, das hinterste Paar ist am größten,
dagegen ist hier im Gegensatz zu Dilophiis das prothoracale Paar
den folgenden kaum an Größe überlegen. Jedes Stigma zeigt
einen Kreis von sehr schmalen dünneren Stellen, bei dem großen,
letzten Paar bilden dieselben ein Oval. Wegen der tiefschwarzen
Färbung hält es schwer, den Bau des Stigmas zu erkennen;
nach teilweiser Entfärbung vermittels Eau de Javelle zeigte sich,
daß im Zentrum hier nur eine Stigmennarbe vorhanden ist, über-
dies daß der Tüpfelring an der einen schmalen Seite des Ovals
sehr schmal unterbrochen ist, so daß das Stigma noch gleichzeitig
einen extremen Zustand der Stigmen mit lateraler Stigmennarbe
vertritt und als Übergang deshalb von Interesse ist. Die kleineren
fast kreisrunden Stigmen der vorhergehenden Segmente besitzen
gleichfalls eine zentrale Stigmennarbe; ihr Tüpfelkreis weist keine
Unterbrechung auf.
JPtychoptera (Fig. 14—20).
Über die in verschiedenen Hinsichten sehr merkwürdige Ptycho-
ptera-hn^vye erschien seinerzeit eine Abhandlung von Carl Grobben:
„Über bläschenförmige Sinnesorgane und eine eigentümliche Herz-
bildung der Larve von Ptychoptera contaminata" ^), welche außerdem
eine Beschreibung der Larve enthält. Es ist dies gleichzeitig die aus-
führlichste, welche über diese Larve veröffentlicht ist. Ich möchte
sie, was die äußere Morphologie anlangt, in einigem ergänzen und
berichtigen.
Grobben zählt an dem Tiere 12 Körpersegmente ; eine so große
Zahl von Abschnitten ist eben auch erkennbar, aber auf den
1)Grobbex, C, in: SB. Akad. Wiss. Wien, Abt. 1, 1875, November-
heft, p. 1 — 22.
Dipteren-Larveu und -Puppen. 189
morphologischen Wert derselben geht Grorben nicht näher ein.
Nach meiner Ansicht gehört der sehr kurze erste Abschnitt zum
Prothorax, also bildet es zusammen mit dem zweiten Abschnitt
Geobben's den Prothorax. Die 3 Thoracalringe sind dann alle
dadurch erkennbar, daß sie ventral keinen hakentragenden Höcker
besitzen, wie er am Hinterende des 1., 2. und 3. Abdominalringes
wohl vorhanden ist.
Damit stimmt auch, daß nach Geobben, der frisches Material
untersuchen konnte, der erste Ganglienknoten an der Grenze zwischen
dem 2. und 3. Leibessegment liegt, der zweite im 3., so daß seinem
1. und 2. Segment nur ein Ganglienknoten entspricht.
Während die 5 ersten Hinterleibsringe von zylindrischer Ge-
stalt sind, ist das 6. (Grobben's 10. Segment) nach hinten zu stark
verschmälert.
Was den hinter dem 6. Hinterleibssegment liegenden zum Teil
zurückziehbaren Abschnitt anlangt, so betrachtet Grobben diese als
2 Segmente ; ihnen entspricht nach ihm ein Doppelganglion, welches
an das Ende des vorhergehenden, also des 6. (sein 10. Körpersegment),
verlagert ist. Jedenfalls folgen hier aufeinander: ein behaarter
konischer Abschnitt, welcher den Hauptteil des 6. Segments bildet,
dann ein kürzerer, unbehaarter, zylindrischer Abschnitt, welcher in
ersteres zurückziehbar ist ; dann ein längerer aber dünner, wenigstens
teilweise behaarter Teil von zylindrischer Gestalt, nur teilweise
einziehbar, und dann ein kurzer, ganz zurückschiebbar nackter Ab-
schnitt ; dieser trägt den Anus, die beiden schmalen Tracheenkiemen
und die Atemröhre, deren Spitze nach innen umgestülpt ist. Falls
man alle diese Abschnitte als Segmente deutet, so sind hier 9 Ab-
dominalringe vorhanden, eine Anzahl, welche auch bei Culiciden-
Larven und auch bei Bibioniden erkennbar ist, desgleichen von
MiALL 1) für die Dicranota-Lsirye angegeben wird. Bei dieser und
bei PtijcJioptera finden wir dann weiter die Eigentümlichkeit, daß
das hintere Stigmenpaar sich vom 8. auf den letzten Körperring
hinübergeschoben hat; bei Dicranota sind die beiden Stigmen noch
getrennt und nicht vortretend, während sie bei Ptt/choptera dicht
beisammen auf einem sehr langen Fortsatz, der Atemröhre, ein-
gepflanzt sind. Auch sind bei Dicranota die verschiedenen hinteren
Abdominalsegmente gleichartig, alle behaart, bei Ptyclioptera sind
sie zum Teil wenig oder nicht behaart und einziehbar.
1) MiALL, L. C, Dicranota, a carnivorous Tipulid. larva, in: Trans,
entomol. Soc. London, 1893, p. 235.
190 J- ^- H. DE Meijere,
Die Fühler (Fig. 14) bezeichnet Geobben als 2gliedrig; es sind
eben auch nur 2 deutliche Glieder vorhanden, als Rudiment eines
8. Gliedes wäre aber wahrscheinlich der größte Zapfen zu betrachten,
welchen das 2. Glied trägt.
Die Mundteile wurden von Grobben ausführlich beschrieben;
nur wenn er von der Maxille angibt: „Der lunenrand des erst-
genannten Stückes ist mit einer Reihe scharfspitziger Zähne ver-
sehen, die aufrecht nach oben stehen. Hinter derselben findet sich
noch ein kleiner Kamm", so hat er hier offenbar den über der
Maxille liegenden Oberkiefer als Teil der Maxille mitbeschrieben.
Bei zurückgezogener Lage des Mandibels kann es jedenfalls so aus-
sehen, wie es auch bei einem meiner Präparate der Fall war. Die
Zähne und der Kamm sind aber in Wirklichkeit die Endschaufel
der Mandibel. Derselbe Fehler wurde auch von Brauer gemacht;
das in seiner tab. 2 fig. 19 ^), rechte Hälfte als Unterkiefer be-
zeichnete Organ ist in Wirklichkeit der Oberkiefer. Da Grobben
von den Mundteilen keine Abbildungen gibt, so habe ich dies hier
nachgeholt (Fig. 15—19).
Die Untei'lippe sehe ich etwas anders, als sie von Grobben be-
schrieben ist. Die verschiedenen Teile sind hier relativ gut unter-
scheidbar. Unten liegt eine große, in der Mitte quergeteilte braun-
gelbe Chitinplatte, dessen Vorderrand eine Reihe von ca. 18 ziem-
lich zarten Zähnen aufweist. Der hintere Teil dieses Abschnitts
läuft jederseits in einen kurzen breiten Fortsatz aus; diesen hinteren
Teil betrachte ich als das Submentum, das vordere mit dem ge-
zahnten Rand als das Mentum ; vielleicht wäre das sehr kurze
Stück, welches am hinteren Rande des Submentums durch eine deut-
liche Querlinie abgetrennt ist, als das Sternit des betreffenden Kopf-
segments zu deuten. Vor dem Mentum liegt der häutige, farblose
übrige Teil der Unterlippe, welcher also Laden und Taster homolog
ist; er ist noch deutlich zweiteilig, wenigstens vorn, wo es überdies
dicht behaart ist, der hintere Teil ist nur mit feinen Wärzchen
versehen. Vorn beobachtete ich auch jederseits einen kurzen Zapfen
auf einem kurzen Höcker. Einen Seitenast, welchen Grobben hier
erwähnt, habe ich nicht beobachtet. Vor der Unterlippe liegt der
wenigstens vorn wieder gelb gefärbte und dort Querstreifung zeigende
Hypopharynx, welcher jederseits in ein stabförmiges Fulcrum ausläuft.
Die Körperhaut ist mit zerstreuten, kurzen, höcker-, zahn- oder
1) In: Denkschr. Akad. Wiss. Wien, math.-oaturw. GL, 1883.
Diptereu-Larven und -Puppen. 191
kurz doriiförmigeii Wärzchen übersät; diese sind namentlich an der
Spitze gebräunt.
Zwischen diesen findet sich zerstreut eine auffällig große An-
zahl von längeren Borsten, welche in Chitingrübchen eingepflanzt
sind und wohl größtenteils als Sinnesborsten zu deuten sind; diese
sind dorsal mehr oder weniger in Querreihen angeordnet, jedes
Segment besitzt deren eine ganze Anzahl hintereinander; auf den
hinteren der breiten Segmente stehen die Borsten weiter auseinander.
An der Ventralseite sind die Borsten größtenteils zerstreut, aber
gleichfalls zahlreich, nur an den Thoracalsegmenten sind Querreihen
deutlicher erkennbar; an diesen beobachtete ich auch je 1 Paar
kleine Gruppen von Borsten, welche die die Beinscheiben begleitenden
sein dürften, was auch ihrer Lage entsprach.
Gewöhnlich wird angegeben, die PtycJwptera-'LsiYye sei amphi-
pneustisch, womit doch gesagt sein soll, daß ein prothoracales und
ein hinteres Stigmenpaar vorhanden ist. Am Prothorax ist es mir
aber nicht gelungen etwas davon zu beobachten. Vielleicht ist bei
frischen Stücken ein Endfaden nachweisbar; ein wirkliches Stigma
dürfte jedoch nicht vorhanden sein.
Die beiden Tracheenstämme in der Atemröhre enden mit einem
länglichen Abschnitt, der an der Außenseite statt mit den Spiral-
faden mit runzligen Zeichnungen versehen ist; das Ende ist abge-
rundet, an der Innenseite liegt hier aber eine ungefähr halbkreisförmige,
schwach braun gefärbte Stelle (Fig. 20). Wir haben es hier mit
einer Modifikation eines Tüpfelstigmas zu tun, im Anschluß an die
aquatische Lebensweise. Von einem Tüpfelkreise und überhaupt
von Tüpfeln ist jedenfalls weiter nichts zu beobachten. Die beiden
halbkreisförmigen Stellen liegen dicht nebeneinander, sie sind sehr
schmal braun gerandet und liegen an dem inneren Ende der ein-
gezogenen Spitze der Atemröhre, welches braun gefärbt ist. Sie
lösen sich bei der Präparation leicht von der Filzkammer ab, so
daß es dann den Anschein hat, als ob diese je eine entsprechende
Öönung besitzen.
Trichocera (Fig. 21—23).
Als ich im Anfang des Jahres 1912 dazu kam, eine Anzahl von
mir gezüchteter Dipteren-Larven einer näheren Untersuchung zu unter-
werfen, befand sich darunter auch die Gattung TricJwcera; ich hatte
schon eine Beschreibung der Larve und Puppe derselben fertig, als
meine darauf bezügliche Arbeit im Januar desselben Jahres durch eine
192 »^- ^- H- ^^ Meijere,
Abhandlung Keilik's überholt wurde. \) Da diese Beschreibung
ausführlich und gut ist, so kann ich mich in dieser Hinsicht auf
einige Notizen beschränken, möchte aber weiter unten, im allge-
meinen Teil, auf einen Punkt eingehen, welchen Keilin infolge
der von dem gewöhnlichen Verhalten abweichenden Larve dieser
Mückengattung aufwirft, ohne sie endgültig zu entscheiden, d. h. die
Stellung dieser Gattung im System. Auch Keilin konnte die schon
von Peeris angegebene Tatsache bestätigen, welche auch mich sehr
frappiert hatte, daß die Tnc/?ocera-Larve einen ganz freien, voll-
ständig entwickelten Kopf hat, abweichend von der meistens fast
ganz eingezogenen, nur zum Teil chitinisierten Kieferkapsel der
meisten Tipuliden, und daß sie überdies amphipneustisch ist: außer
den größeren Hinterstigmen findet sich auch 1 Paar kleinerer am
Prothorax. Keilin fragt nun. ob deswegen nicht Trichocera aus der
Gruppe der Tipuliden auszuscheiden und zu Beauee's Eucephalen
zu stellen ist, in derselben Weise und aus demselben Grunde, wie
es von Brauer bezüglich der Ptychopteriden verteidigt wurde.
Keilin neigt zu ähnlichem Verfahren hin; er weist auch besonders
auf die große Übereinstimmung zwischen der Trichocera- und der
Rhijphus-Lm^ve hin und meint, Trichocera könne nicht länger zu den
Tipuliden gestellt werden und ihre Tipuliden-Eigentümlichkeiten wären
auf Konvergenz zurückzuführen. Es liegt hier eine Beziehung
zwischen larvalen und imaginalen Merkmalen vor, welche wegen der
sehr verschiedenartigen Larvenformen der Dipteren gerade in dieser
Ordnung in mehreren Fällen für die phylogenetischen Auffassungen
von Bedeutung ist, weshalb ich im allgemeinen auf den Wert der
Larvenmerkmale für das System unten etwas näher eingehen möchte.
Hier mögen aber einige Notizen über Larve und Puppe von
Trichocera einen Platz finden, im Anschluß an die Beschreibung von
Keilin.
Der Kopf (Fig. 21, 22) ist, wie gesagt, frei und fast vollständig
chitinisiert. Bemerkenswert ist, daß an der Ventralseite die Lateral-
platten weit voneinander getrennt sind ; im Medianfelde sind sie nur
hinten durch eine schmale Brücke verbunden. Auf Längsschnitten
ist diese Brücke als eine nach innen vorspringende starke Verdickung
der im übrigen in dieser Region sehr dünnen äußeren, braunen
Chitinschicht erkennbar.
1) Keilin, D., Recherches sur les Dipteres du genre Trichocera,
in: Bull. sc. France Belgique (7), Vol. 46, 1912, p. 172—190.
Dipteren-Larven und -Puppen. 193
Die Fühler sind meines Erachtens als 2g-liedrig- zu bezeichnen,
das sehr kurz scheibenförmig-e 1. Glied trägt neben dem viel schma-
leren eiförmigen 2. Gliede mehrere kleine Sinnespapillen; das 1. Glied
ist auf einer großen braungerandeten Scheibe eingepflanzt, welche mit
der Kopfhaut nicht gelenkig verbunden ist.
Die Mandibel bestehen aus 3 Teilen, dem Grundglied, welches
an der Innenseite nahe der Wurzel einen offenbar für sich beweg-
lichen Anhang trägt; dieser zeigt außer der großen Endspitze
3 kleine Sekundärzähnchen; an der Spitze des Grundgliedes findet
sich die beiderseits am Rande stumpf gezähnelte schuppenförmige
Endplatte. Erstgenannter Anhang ist die „Prostheca", welche nach
Vbimer ^), der sie als modifizierte Borste deutet, nicht nur an den
Mandibeln der Larven aus der Gruppe Polyneura, sondern auch an
den Larvenmandibeln der Gruppe Eucephala vorkommt. Ich möchte
sie nicht als Borste deuten, sondern als primitiven, in vielen Fällen
noch beweglichen Anhang der Mandibel. Bei Wiyphus scheint
dieser Anhang einen unbeweglichen, zahnartigen Vorspi-ung zu bilden.
Die Körperringe zeigen sekundäre Ringelung und sind dadurch
schwer zu zählen; auf jedem der 3 Thoracalringe findet sich ven-
tral ein einziger Härchengürtel fast von der Länge des Gliedes;
die Hinterleibsringe tragen ventral je 3 dergleichen Gürtel, von
welchen der hinterste breiter ist. Am 1. Hinterleibsring fehlt einer
der schmalen Gürtel, auch am Rücken finden sich alle diese Gürtel,
sind daselbst aber etwas schmaler, und die Gürtel der Thorax-
segmente sind durch eine Querfurche in 2 Teile geteilt.
Wie auch von anderen Forschern angegeben, sind 2 Paar
Stigmen vorhanden. Die Hinterstigmen haben, wie bei Tipuliden-
larven im allgemeinen, eine zentrale Stigmennarbe; diese ist von
brauner Farbe und von ovaler Gestalt: daß im Zentrum oft eine
spaltförmige Öffnung nachweisbar ist, kann nicht wundernehmen,
weil durch diese Öffnung der benachbarte Tracheenabschnitt des
vorhergehenden Stadiums bei der Häutung entfernt wurde, wie es
durch Keilin's Abbildung fig. 12 bestätigt wird. Der eigentliche
Knospenring ist schwer wahrnehmbar; jedenfalls läßt sich beob-
achten, daß dieser von der Stigmennarbe durch einen ziemlich breiten,
helleren Saum getrennt bleibt, in welchem man die punktförmig er-
scheinenden Enden der inneren Trabekel beobachtet. Die Vorder-
stigmen sind nach demselben Schema gebaut, nur ist hier dieser
1) ViMMER, in: Soc. entomoL, Vol. 27, 1912, p. 110.
Zool. Jahrb XL. Abt. f. Sy.st. 13
194 J- C. H. DE Meijere,
Saum relativ breiter, der Knospeiisaiim schmaler, so daß dieser von
der Narbe weit entfernt bleibt; diese Narbe liegt hier auch nicht
in der Mitte sondei-n am Rande des Stigmas, dem Ventralrand an-
gelagert, was insofern von Bedeutung ist, als wir hier also einen
Übergang vor uns haben von einem Stigma mit gesondert neben
dem Stigma liegender Stigmennarbe, wie sie auch bei der Puppe
vorhanden sind, und einem solchen mit zentraler Stigmennarbe, wie
bei den Hinterstigmen der Larve. Die Übereinstimmung letzterer
mit den Stigmen der Bibioninenlarven ist eine sehr große.
Ich will hier vollständigkeitshalber noch erwähnen, daß nach
Carpenter, in: Econom. Proc. Dublin Soc, Vol. 2. 1912. p. 57 — 60
die Larven von Trichocera fuscata gelegentlich Kartoifeln fressen
und dadurch schädlich werden können.
Puppe von Trichocera regelationis.
Gleich über der Wurzel der Fühlerscheide findet sich eine
Querreihe länglicher stark lichtbrechender Strichelchen. Unmittelbar
über dem Ursprung der Fühlerscheide stehen 2 Borsten, eine längere
mediane und mehr nach außen eine von halber Länge; am Unter-
gesichtsteil des Kopfes beobachtet man jederseits 2 kurze Börstchen.
Auch am Thorax finden sich mehrere kurze Sinnesborsten,
meistens paarweise gestellt, so z. B. einige in einer Querreihe vor
den Hörnchen, weiter nach hinten einige in einer zweiten Querreihe,
auch der Metathorax trägt davon einige.
Die eigentlichen Hinterränder der Segmente sind durch eine
Querreihe ziemlich starker gelblicher Zähnchen angedeutet. Daraus
geht hervor, daß die mittleren Ringe in je 3 sekundäre Ringe
untergeteilt sind, denn es findet sich auch an der Puppe sekundäre
Querringelung. Die gelben, dornartigen Zähnchen bilden auf jedem
Segment eine einzige Querreihe, sie sind auch an der Ventralseite
vorhanden, hier aber an den vorderen Segmenten schwächer und
fehlen hier auf der Seite des Segments. Hin und wieder finden
sich in der Zähnchenreihe Sinnesborsten, welche etwas länger und
dünner sind als erstere und in eine Chitinpfanne eingepflanzt sind,
während die Zähnchen nur unmittelbare Cuticularfortsätze der Chitin-
schicht darstellen.
Die Stigmen sind schon von Keilin beschrieben ; sowohl die
größeren Stigmenhörner des Thorax wie die kleineren, aber ähn-
lich gebauten Abdominalstigmen haben eine außerhalb des Stigmas
gelegene Stigmennarbe.
Diptereu-Larven und -Pnpiieii. 195
Tricyphona^) [Aiiialopis) uuniacuhiUi Meig,
(Fig. 29-31.)
BelinCt, in: Verh. zool.-bot. Ges. Wien, Vol. 28, p. 47 (Larve).
Die Larve (Fig. 29) fand ich im Moder, welcher mit faulen Vege-
tabilien, faulen Blättern und dergleichen gemischt war, bzw. zwischen
faulen Blättern an sehr feuchter Stelle am Ufer eines Gewässers in der
Nähe von Hilversum im März und April. Sie ist gelblichweiß, bis ca.
13 mm lang, 1 mm breit, von zj^indrischer Gestalt. Der Kopf ist fast
ganz in den Prothorax zurückgezogen. Außer den 3 Thoracalringensind
äußerlich 8 Abdoniinalringe erkennbar, der 4. — 7. Eing zeigt ventral
nahe dem Vorderrand einen querelliptischen Wulst, welcher mit sehr
feinen Wärzchen besetzt ist; im übrigen ist die Haut wieder sehr
dicht, meistens anliegend, fein behaart; die Härchen sind ziemlich
lang, von gelblicher Farbe. Besonders dicht und regelmäßig in
dichtliegenden Querreihen angeordnet ist diese filzartige Be-
haarung an dem Hinterrand des vorletzten und dem Vorderrand des
letzten Segments; sie schaut hier nach vorn. Diese Region ist in
den vorangehenden Teil des Körpers zurückziehbar, andrerseits,
auch bei konservierten Tieren, oft angeschwollen.
Der Kopf (Fig. 25, 26) ist fast ganz zurückgezogen. Die Fühler
stehen sehr weit auseinander je an einer Seite des vorderen Kopf-
endes, sie sind zylindrisch, etwas gebogen und bestehen aus einem
langen Grundgliede und einem sehr kurzen Endgliede. Die Ober-
lippe bildet ein breites Plättchen mit biskuitförmigem Vorderende;
unten ist sie dicht mit Härchen besetzt. Die Oberlippe ist oben
fast glatt, unten dicht behaart.
Die Mandibeln (Fig. 27) sind stark, mit scharfer Spitze und
darunter 4 Sekundärzähnen. Die Maxillen sind lappenförmig, der
Cardo ist sehr kurz, nur von ein paar, zum Teil borstentragenden
Chitinplättchen gestützt, der Stipes ziemlich stark, mit schmaler
Kinnlade und zylindrischem Taster. Das Mentum bildet eine zwei-
teilige Platte, deren 2 Hälften je 3 nebeneinander liegende starke
Zähne aufweisen. Das Findol abium ist viel zarter und zeigt als eine
am abgestutzten Vorderrande fein gezähnelte Platte den Hypopharynx.
Die Kieferkapsel ist fast vollständig schwarzbraun; sie ist
dorsal am Hinterrande dreilappig, der mittlere Lappen ist etwas
1) Triciiphonn Zett. hat die Priorität, und es liegt kein Grund vor,
diesen Namen fallen zu lassen. Beegroth, A new genus of Tipulidae
from Turkestan etc., in: Ann. Mag. nat. Hist. (8), Vol. 11, 1913, p. 583.
13*
196 J. C. H. DE Meijere,
größer; median findet sich eine dunklere Längslinie. An beiden
Seiten biegt sich die Kapsel nach unten um; vorn nähern sich die
beiden Teile in der Medianlinie und enden hier in das Mentum;
jederseits desselben zeigt sich je ein kurzes Börstchen, und weiter
nach hinten liegt in der von der Kapsel freigelassenen Partie jeder-
seits ein braunes Wärzchen.
Das Hinterende (Fig. 28, 29) des Tieres ist schief abgeschnitten ;
die hinteren, unteren Ecken laufen je in einem kurzen Fortsatz
aus, welcher dicht mit Filzhaaren besetzt ist Das abgestutzte
Hinterende selbst ist nackt, der Rand wird durch eine Reihe etwas
stärkerer und weiter als sonst voneinander entfernter Haare gebildet.
Die Hinterstigmen finden sich an der abgestutzten Partie; sie
sind oval, schwarz, nach oben einander nähernd; am Rande ent-
halten sie einen Kreis sehr schmaler Tüpfel.
Aus der Analöffnung können jederseits 2 in der Mitte einge-
schnürte Analkiemen hervorgestülpt werden.
Puppe (Fig. 30).
Gelbbraun, die Beinscheiden und das dünnwandige Abdomen
mit dunkelbraunem Anflug. Fühlerscheiden kurz, gekrümmt, auch
etwas verdunkelt, die Oberfläche zeigt schwache, dicht aufeinander
liegende unregelmäßig Querringe. Tasterscheiden groß; Unterlippen-
scheide zweiteilig. Auffällige Borsten sind am Körper nicht vorhanden.
Die Prothoracalstigmen (Fig. 31) ragen nur als nierenförmige Höcker
vor, an dessen gerundetem Außenrand man eine Reihe von ovalen
Tüpfeln beobachtet. Von den Beinscheiden sind die vorderen etAvas
kürzer als die mittleren, diese etwas kürzer als die hinteren. Die
Chitinschicht des Hinterleibs ist sehr zart, nur an der Spitze von
derberer Beschaffenheit; der Hinterrand der Ringe trägt je einen
Quergürtel sehr kleiner Zälmchen, welche auf jedem Ring in zahl-
reichen unregelmäßigen Querlinien und Quergruppen angeordnet
sind; es sind ca. 7 dergleichen Quergürtel erkennbar. Auf diesen
Quergürteln ist die Chitinhaut etwas gebräunt, und auch die drei-
eckigen Zähnchen haben eine bräunliche Farbe; auf den vorderen
Segmenten sind die Zähnchen nach vorn gerichtet. Zwischen den
Zähnchen beobachtet man hin und wieder meistens paarweise ge-
stellte kleine Kreischen mit sehr kurzer Sinnesborste.
Die männliche Puppe trägt an der Hinterleibsspitze 1 Paar
breite Scheiden für die Zangenarme und darunter 1 Paar höcker-
artige Fortsätze; beim Weibchen sind 1 Paar größere und 1 Paar
kleinere Scheiden für die Legeröhrklappen erkennbar.
Dipteren-Larven und -Puppen. 197
DirranonH/ia tnuhrata de Meijeee. (Fig. 32—36.)
DE Meijeke, Studien über südostasiatische Dipteren. V., in: Tijdschr.
Entomol., Vol. 54, 1911, p. 25.
Von dieser Art hat Jacobson auf Java (Semarang, Dezember)
die Metamorphose beobachtet. Die Larven leben in den schleimigen
grünen Algen, welche sowohl in stehendem wie in fließendem
Wasser allerhand Objekte mit einer Schicht überdecken. Die Puppe
findet sich in einer Art Kokon in der Algenschicht, so daß das Kopf-
ende einigermaßen aus dieser Schicht hervorragt. Die Larven sind
10—11 mm lang, zylindrisch, ca. 0,6 mm breit, von gelblicher Farbe.
Der Kopf ist fast ganz eingezogen, der Körper fast glatt, nur an
dem 2. Hinterleibssegment, am Hinterrand, mit einer wenig hervor-
tretenden Querwulst, die äußerste Hinterleibsspitze ist etwas ange-
schwollen, hinten abgestutzt; diese abgestutzte Fläche ist rundlich,
oben in der Mitte schwach eingeschnitten, während die unteren
Ecken schwach vorspringen. Eigentliche Fortsätze finden sich hier
also nicht. Oben zeigen sich hier die relativ kleinen und schwach
gefärbten Hinterstigmen (Fig. 32).
Der Kopf ist bis auf seine vordere Basis zurückgezogen; die
Kieferkapsel ist sehr unvollständig, oben zeigt sich eine V-förmige
Platte, welche am Kande schmal schwarz gesäumt ist bis auf den
vorderen Teil, wo die schwarze Färbung jederseits einen großen
Flecken einnimmt, welcher am hinteren Ende, an der Außenseite des
Schenkels des V, einen kurzen, schmalen, schwarzen Anhang zeigt.
Die Ventralseite zeigt nur 2 schmale, nach vorn konvergierende
braune Streifen, welche sich nur vorn etwas erweitern und in die
gezahnte Unterlippe übergehen.
Die Fühler sind mäßig lang, 2gliedrig, das 1. Glied ist farblos,
das 2. ist etwas kürzer und schmaler, braun, oben gerandet; es
trägt ein Paar Sinneskreischen.
Die Oberlippe ist kurz und breit, vorn gerade abgestutzt; oben
finden sich nahe dem Vorderrand als hellere Stellen 2 Sinnesorgane,
am Vorderrande selbst mehr nach außen hin jederseits ein kurzes
Stäbchen. Weiter nach hinten fällt ein dunkler gefärbtes Querband
auf. Die Unterseite ist dicht fein behaart, die Haare sind größten-
teils median gerichtet. Mehr nach hinten zu liegt eine Querreihe
von 8 Zähnchen, von welchen die mittleren 4 etwas kürzer sind. Die
Oberkiefer (Fig. 33) sind stark, rotbraun, mit 6 stumpfen Zähnen,
198 J- C. H. DE Meijere,
von welchen der 2. und 3. von oben am stärksten sind, der 3. am
meisten vorragt.
Der Unterkiefer (Fig-. 34) ist kurz, aber noch ziemlich voll-
ständig; man beobachtet ein breites Basalstück (Cardo), an welches
sich nach oben hin 2 kurz behaarte Läppchen anschließen, von
denen das äußere in seiner oberen Außenseite das kurz ovale
Tasterglied trägt ; die verschiedenen Abteilungen des Dllojjhus-'ünter-
kiefers findet man demnach noch alle wieder. Das Endolabium
(Fig. 35) ist eine kleine quadratische Platte von braungelber Farbe,
welche an der Unterseite, außer am Rande, dicht kurz behaart ist
und am Vorderrand ca. 10 ziemlich spitze Zähne aufweist; an der
Basis derselben ist der sehr wenig hervorragende Hypopharynx
erkennbar.
Das Mentum trägt an der Spitze eine Querreihe von 8 stumpfen
Zähnen, von welchen der mittlere am größten ist und aus der
A-förmigen Reihe der übrigen hervorragt; nach hinten zu setzt es
sich in 2 lange Fortsätze fort.
Im Gegensatz zu den meisten anderen Tipuliden-Larven zeigt
die vorliegende eine fast glatte Körperhaut, es fehlt also die dicht-
anliegende äußerst feine und kurze Behaarung, welche hier gewöhn-
lich vorhanden ist. Nur auf den erwähnten Quervvülsten kommen
solche vor; hier liegen sie in je 3—5 Querreihen am Vorder- und
Hinterrand des Gürtels, deren Mitte durch eine Querbinde ein-
genommen wird, welche mehrere Querreihen zerstreute, kurze braune
Wärzchen enthält, welche weniger dicht gelagert und weniger aus-
gesprochen in Quergruppen angeordnet sind. Diese Gürtel sind
ventral am breitesten, an den Seiten unterbrochen, dorsal kaum
halb so breit wie ventral.
Die Hinterstigmen (Fig. 36) zeigen rings um den großen zentralen
Teil (die Stigmennarbe) einen einzigen Kreis dicht gelagerter, sehr
schmaler Tüpfel. Das abgestutzte Hinterende zeigt nahe seinem
Rande einen nahezu vollständigen Ring von ziemlich langen gelblichen
Borstenhaaren, welcher den etwas vorspringenden Teilen entsprechend
in verschiedene Abschnitte geteilt ist. Nahe der Ventralseite liegen
unter den Stigmen 2 längliche braune Fleckchen, dicht darunter am
Rande ein kurzes Sinnesstäbchen.
Lunnohia bifasciata Scheank.
Die Larve dieser Art beschreibt J. Pastejrik, in: Gas. cesk.
Spol. Entomol. V, 1908, p. 5 (unter dem Namen LhnnoUa xantJiopfera
Dipteren-Larven und -Puppen. 199
i\[G.. welcher ein Synonym ist). Diese Beschreibung ist in böhmi-
scher Sprache verfaßt, welche mir leider unbekannt ist. Es
dürfte auch für andere nicht überflüssig sein, wenn ich meine eigenen
Kesultate hier publiziere. Nach den von PastejkIk gegebenen Ab-
bildungen zu urteilen, stimmen unsere Beobachtungen genügend
überein. Vimmer ^) hat noch darauf hingewiesen, daß in PastejMk's
flg. II richtig der Hypopharynx mit seinen Fulturen und dem Aus-
führgang der Speicheldrüsen abgebildet ist. Das Organ ist ungefähr
trichterförmig und trägt an dem Umkreise 2 Reihen Zähne.
Die Larve fand ich bei Hilversum den 21. September 1909 im Stiel
einer Agaricinee. Sie hatte den Stiel fast leergef i-essen, die Höhle war
ringsum von Excrementen überdeckt, so daß das Tier sich gleichsam in
einem aus Excrement gebildeten Höcker befand, in welchem es schnell
auf und nieder kriechen konnte. Am 26. Sept. kroch sie in die Erde.
Die Larve ist ca. 20 mm lang, 2 mm breit, glänzend weiß, die
Eingeweide schimmern bräunlich durch; sie ist von zylindrischer
Gestalt, der Kopf ist zurückziehbar; besondere Anhänge zeigen sich
am Körper nicht, auch das Hinterende ist einfach gerundet, unten
etwas eingebuchtet, ohne besondere Fortsätze. Der Körper trägt
schmale Quergürtel von sehr feinen braunen Börstchen; diese Gürtel
sind deshalb matt. Sie finden sich am Vorderrande aller 11 Seg-
mente, mit Ausnahme des Prothorax, sowohl an der Dorsal- als an
der Yentralseite. An beiden Körperseiten verschmälern sich die
Gürtel nach den Seiten hin, die Seiten selbst sind ganz glatt. Ven-
tral sind die Gürtel etwas stärker entwickelt als dorsal, wo sie
namentlich an den Thoracalsegmenteu nur Querlinien bilden. Im
übrigen ist die Körperhaut auch bei dieser Art mit dem gewöhn-
lichen dicht anliegenden Haarfilz bekleidet; dieser ist hier aber
äußerst zart, und die Härchen stehen weiter auseinander als bei
anderen von mir untersuchten Limnobiiden-Larven. Die Sinnes-
borsten, welche man vereinzelt auf der Haut beobachtet, bilden je
ein kurzes Basalstück, welches sich an der Spitze büschelförmig in
eine Anzahl feine Haare verteilt.
Der Kopf ist größtenteils in den Prothorax zurückgezogen. Die
Kieferkapsel ist ziemlich vollständig, sie besteht oben aus einer sich
nach hinten allmählich verschmälernden, dreieckigen Platte, deren
Rand vorn ziemlich breit schwarz ist. nach hinten sich ver-
1) Vimmer, Ant. , Über den Hypopharynx einiger Dipterenlarven
aus der Unterordnung Orthorrapha, in: Soc. entomol., Jg. 27.
200 J- C. H. DE Meijere,
schmälert; im hinteren Teile ist aucli die j\rittellinie verdunkelt, an
den Seiten schließen sich diesem Stücke vorn 2 breite muschelförmige
Platten an, welche auch auf die Ventralseite übergehen und dort
vorn zusammentreffen und an ihrem vorderen Ende die Unterlippe
tragen. Die Fühler stehen weit auseinander dicht neben den Seiten-
ecken des Kopfes, sie stehen auf kurzen Vorsprüngen und bestehen
aus einem zylindrischen, ziemlich langen Gliede nebst einem rudi-
mentären 2., letzteres ist nur halbkugelförmig und liegt neben
einigen kurzen Sinnespapillen an der Spitze des 2. Gliedes. Die
Oberlippe bildet eine kurze, breite, gerundete Platte, welche an
ihrem Basalteil eine dunkel chitinisierte Querbinde trägt, weiterhin
membranös ist und im vorderen Teil einige kleine Sinnespapillen
besitzt.
Die Oberkiefer sind stark, dunkel rotbraun, sie tragen an ihrer
Spitze 2 starke Zähne, hinter diesen am Unterrande eine Eeihe von
7 kleineren Zähnen und einen größeren hintersten Zahn. Die Unter-
kiefer sind relativ gut ausgebildet; es sind breite Läppchen, mit
deutlichem Cardo, Stipes, Lade und Taster. Die Lade trägt an der
Innenseite eine Haarreihe, unten einen kurzen, dicken, stumpfen
Dorn. Die Unterlippe ist eine spitze dreieckige Platte, welche
jederseits des Endzahnes 7 Sekundärzähne aufweist.
Am Prothorax sind keine Stigmen erkennbar. Die Hinterstigmen
sind große Platten von rundlicher Gestalt, sie sind von blaßbrauner
Farbe, nur das Zentrum ist schwärzlich. Am Rande findet sich ein
Kreis sehr schmaler, linienartiger Tüpfel; darunter beobachtet man
einen etwas breiteren Kreis, welcher durch die durchschimmernden
Chitinsäulchen, welche zum Teil verzweigt sind, der Filzkammer ge-
bildet wird.
P u p p e.
Die Verpuppung findet in der Erde statt. Bei den Exuvien
findet man den zarten Hinterleib von lose zusammengesponuenen
Sandpartikeln umgeben ; es scheint sich demnach die Larve eine
kurze Röhre anzufertigen, aus der später das Vorderende hervor-
gestreckt wird.
Die Puppe ist von zarter Beschaffenheit, Kopf, Thorax und die
äußerste Hinterleibsspitze sind braungelb, der übrige Teil des
Hinterleibs ist sehr zartwandig und farblos. Kopf und Thorax sind
glatt, die Haut auch ohne besondere Skulptur. Eigentümlich sind
die breit viereckigen Prothoracalhörner, deren Bau ich schon in
Dipteren-Larven nnd -Pnppen. 201
meiner Arbeit: „Über die Protlioracalstig'men der Dipterenpuppen-'
beschrieben habe. ^)
Die Fählerscheiden sind leicht gebogen, nicht geringelt.
Der Hinterleib zeigt an den Segmentgrenzen sehr schmale, aber
an den meisten Segmenten fast vollständig herumlaufende Quer-
binden von gekrümmten braunen Dörnchen, welche in der vorderen
Hälfte der Binden nach vorn, in den hinteren nach hinten gerichtet
sind. Vorn und hinten sind diese Binden durch einen Saum feiner
Härchen begrenzt; diese Härchen stehen dicht gedrängt, sind öfters
von der verdickten Wurzel an gabiig geteilt. Es sind 5 solche fast
vollständige Querbinden sichtbar; die 6. ist viel weniger entwickelt,
die dorsale und ventrale Hälfte ist weit getrennt, die Dörnchen
stehen weiter auseinander; der Harchensaum fehlt.
Die braune Hinterleibsspitze ist wieder glattwandig, besondere
Fortsätze sind auch hier nicht, außer den Scheiden der äußeren
Genitalien, vorhanden.
In der farblosen Hinterleibshaut finden sich zerstreute Sinnes-
papillen, es sind diese kleine ungefärbte Kreischen, in deren Zen-
trum sich eine sehr kurze, nach oben büschelig geteilte Borste
befindet.
Ithupliolopluis i'arivs Meig. (Fig. 37—47.)
Die Larve von Rhi/pholophus varms fand ich den Winter über
zwischen faulen Blättern an einer nassen Stelle neben einem Wasser-
graben, welcher sich in einem Kiefernwalde etwa 1 Stunde südlich
von Hilversum befindet. Schon im Januar sind sie ca. 10 mm lang;
ohne sich wesentlich zu vergrößern, verbleiben sie noch Monate
hindurch in diesem Zustande, um erst im Herbste sich zu ver-
puppen und die Mücke zu liefern, welche man bei uns am meisten
im September an feuchten Stellen in Wäldern beobachtet.
Das Tier (Fig. 37) ist von schmal zylindrischer Gestalt, vorn und
hinten etwas verschmälert, schwarzbraun, etwas seidenartig glänzend,
was von einem sehr dichten Besatz feinster kurzer Härchen auf der an-
scheinend nackten Haut herrührt. An den Segmentgrenzen ist der
Körper sehr schwach eingeschnürt. Der Kopf ist ganz im Prothorax
zurückgezogen. Besondere Fortsätze, Warzen oder dergleichen sind
am Körper nicht vorhanden; das letzte Segment zeigt jedoch 5 in
1) DE Heuere, J. C. H., in: Zool. Jahrb., Vol. 15, Anat., 1902,
p. 670.
202 J- ^'- H. DE Meijere,
einem Kreis angeordnete längliche Fortsätze, welche an der Hinter-
seite dnrch ein feines schwarzes Netzwerk dunkel erscheinen. Zwei
dieser Fortsätze tragen am hinteren Ende je eine der Hinter-
stigmen, während alle an den Seitenrändern lang gewimpert sind.
Vom Kopfe (Fig. 38, 39) ragt fast nichts mehr aus dem Pro-
thorax hervor. Die beiden kurzen Fühler (Fig. 40j stehen dicht
nebeneinander am vorderen Kopfrand, sie sind zweigliedrig, das
1. Glied ist bei weitem am größten, zylindrisch, das 2. Glied ist
länglich eiförmig. Die Oberlippe bildet ein halbkreisförmiges Plätt-
chen, welches in der distalen Hälfte oben und unten sehr dicht be-
haart ist; nahe der Wurzel beobachtet man oben 2 rundliche, ein-
ander berührende glatte Stellen mit mehreren Kreischen, wohl Sinnes-
organen. Die Oberkiefer (Fig. 40) sind kräftig, an der Spitze mit
3 stumpfen Zähnen untereinander nebst einem ebensolchen dicht
über dem 2. Zahn. In der Mitte des Innenrandes findet sich ein
kleiner halbkreisförmiger Vorsprung und darüber ein zahnartiger,
welcher an der diesem Innenrande zugewandten Seite ein sekundäres
Zähnchen aufweist. Dieser mit der Spitze nach außen gekrümmte
Zahn scheint beweglich eingepflanzt zu sein und ist offenbar mit
dem Anhang homolog, welchen Bengtsson^) von der Mandibel von
Phalacrocera replicata beschreibt. Er bezeichnet es als prostheca,
welchen Namen KiRBY u. Spence einem derartigen beweglichen Anhang
an der Mandibel von Staphylinen gegeben hatten. AVurzelwärts von
diesem Anhang ist der Innenrand lang und dicht behaart. Die
Maxillen (Fig. 41) sind schwach entwickelt, es sind behaarte Läpp-
chen, au welchen man ein Paar Abschnitte beobachtet, deren Homo-
logie mir indessen nicht ganz klar geworden ist.
Die Unterlippe (Fig. 42) ist ein fast kreisförmiges Plättchen,
am Außenrande lang behaart, auf der Fläche mit 2 Kreischen
(Sinnesorganen) nebeneinander. Hinter dieser Stelle liegt der flach-
gewölbte, behaarte Hypopharynx. Die Kieferkapsel ist bei dieser
Art sehr unvollständig, sie ist jederseits in 3 Spangen verteilt
(1 dorsale, 1 laterale, 1 ventrale), welche ungefähr von gleicher
Länge sind. Die 2 dorsalen berühren einander im hinteren Teil.
Von den dorsalen Spangen ist der Außenrand, von den lateralen
der Ober-, von den ventralen der Innenrand stärker und dunkler
chitinisiert, bei den beiden letzteren an der hinteren Spitze erweitert.
1) BengtSSON, S., Bidrag tili känuedoiueu om Larven af Phalacrocera
replicata, in: Act. Soc. physiogr. Luud, Vol. 8, 1897, p. 54.
Dipteren-Larven und -Puppen. 203
Die Lage im Innern des Protliorax ist aus den Querschnitten
(Fig. 43) ersichtlich.
Die Hinterstigmen (Fig. 44) sind rund, der große innere ge-
schlossene Teil ist schwarzbraun, ringsherum zeigt sich ein einziger
Kreis sehr schmaler Tüpfel. Die 2 unteren Fortsätze der Hinter-
leibsspitze zeigen nahe der Spitze eine starke Sinnesborste; an
ihrer Wurzel beobachtet man je 2 längliche helle Stellen dicht neben-
einander, welche gleichfalls Sinnesorgane sein dürften. Die die
Stigmen tragenden Fortsätze haben an der Spitze nur eine kurze
Borste, während der obere, mediane Anhang eine noch kürzere besitzt.
Puppe (Fig. 45) ca. 6 mm lang, von braungelber Farbe, das
Abdomen fast glashell, nur die Spitze orangegelb, die Hinterränder
der Segmente schwach bräunlich fingiert. Kopf und Thoraxhaut
fast glatt, am Thorax in der Mitte des Rückens 1 Paar schwache
Sinnesborsten bemerkbar. Auch der Metathorax trägt einige zer-
streute Sinnesborsten. Die vordere Kopfplatte ist sehr klein, die
Unterlippenscheide trapezförmig, die Oberlippe wenig deutlich, die
Tasterscheiden wenig nach außen gerichtet (Fig. 46). Prothoracal-
höcker (Fig. 47) relativ lang, zylindrisch, etwas gebogen, an der
Hinterseite mit 2 Reihen rundlicher Tüpfelchen, welche sich fast bis
zur Wurzel des Horns erstrecken. Etwas hinter den Hörnchen findet
sich jederseits eine schwarzbraune, am Hinterende in 4 Zäline aus-
laufende Schuppe, von denen der hintere am größten ist, die äußeren
allmählich kleiner werden. Die Flügelscheiden erstrecken sich bis
zum 3. Abdominalring, die Beinscheiden, welche von rötlich brauner
Farbe sind, bedeutend weiter nach hinten, etwa bis zum 7. Ringe,
ihre Spitzen liegen dicht nebeneinander, die der Vorderbeine sind
etwas kürzer.
Der 1. Hinterleibsring ist glatt und braungelb, etwas länger
als der Metathorax, im übrigen von derselben Beschaffenheit wie
dieser und ebenfalls mit einigen kurzen Sinnesborsten versehen. Die
folgenden 6 Hinterleibsringe sind sehr dünnwandig, vor dem Hinter-
rand zeigen sie eine etwas unregelmäßige Querreihe ziemlich langer
und spitzer brauner Zähnchen; zwischen den Zähnchen zerstreut
stehen ziemlich lange Sinnesborsten. Überdies sind die 2 vorderen
dieser Segmente auf ihrer ganzen Dorsalseite mit sehr feinen, ver-
einzelt oder in kurzen Quergruppen angeordneten Wärzchen versehen ;
auch auf den folgenden Segmenten sind solche vorhanden, bilden
hier aber Quergürtel an der vorderen Segmenthälfte.
Die Hinterleibsspitze ist wieder stark gebräunt; hier finden sich
204 J- C- H. DE Meijere,
an der Oberseite jederseits 3 dunkelbraune Zähne hintereinander, von
denen die beiden vorderen hinten , vor der Spitze, eine Sinnesborste
tragen, der hintere hakenförmig nach oben gekrümmt ist. Dicht
hinter diesen Haken ist der Hinterleib quer abgestutzt. Die Hinter-
leibsspitzen bilden Höckerchen, je mit 2 Tüpfelreihen.
Linmophila ferruffinea Meig. (Fig. 48—53.)
Die Larven (Fig. 48) dieser Art fand ich im April bei Hilversum
am Ufer eines Gewässers , zwischen faulen , vom Wasser fast
oder ganz überspülten, also sehr nassen Blättern. Sie sind zjiin-
drisch, von braungelber bis brauner Farbe, der Kopf (Fig. 49, 50)
ist fast ganz zurückgezogen; es lassen sich außer den 3 Thoracal-
segmenten 8 Hinterleibssegmente erkennen. Am Hinterende finden
sich 4 Fortsätze, welche außerordentlich lange Behaarung tragen.
Die Fühler stehen am vorderen Kopfende weit auseinander zu
beiden Seiten der Oberlippe. Sie sind relativ lang, ogliedrig, die
3 Glieder zylindrisch, das 2. Glied trägt neben dem schmalen 3. eine
dieses an Länge bedeutend überragende Borste. Die Oberlippe ist
ein gerundetes, oben nacktes, an den Seiten schwarzes, in dem
J\[edianfelde helles Plättchen, dessen Vorderrand jederseits 2 sehr
kurze Sinnesbörstchen trägt. An der Unterseite der Oberlippe findet
sich in der Mitte ein Vorsprung, welcher 2 zweigliedrige, nach vorn
schauende und über den Vorderrand hinausragende Lappen trägt.
Weiter nach hinten und mehr nach außen finden sich 2 kleinere
Läppchen, w^elche an der Wurzel verbreitert sind. Der lange An-
hang, welcher sich an der vorderen Außenecke des Kopfes befindet,
gehört zu den Maxillen. Der untere Teil ist rinneuförmig aufgerollt
und endet oben an der Innenseite mit einem kurzen Vorsprung,
welcher eine längere und eine sehr kurze Borste trägt, nebst einigen
sehr kleinen Sinnespapillen. Auch an der Spitze trägt der lange An-
hang einige kleine Papillen. Das ganze Organ stellt den Stipes mit
seinen Anhängen dar, welcher hier sehr in die Länge gezogen ist;
die Spitze dürfte dem Taster entsprechen, der in der Mitte der
Linenseite liegende Vorsprung der Maxillenlade. Ein sehr kleines
Chitinplättchen an der Basis des Gebildes wäre vielleicht eine An-
deutung des Cardos. Die Mandibeln (Fig. 51) sind stark, rotbraun, mit
langer, scharfer Spitze; in der Mitte zeigen sie einige blattförmige
Sekundärzähne.
An der Unterseite ist der Mund durch einen breiten, wenig ge-
färbten Querwulst begrenzt, welcher fein längsgerippt ist; die un-
Diptereii-Larveu und -Puppen. 205
regelmäßig- angeordneten, dunkelbrann gefärbten Rippchen enden je
in einen kleinen Zahn nnd sind auch weiterliin , namentlich die
unteren, gezähnt, so daß hier eine Art Reibfläche gebildet wird.
Auf dieser Stelle folgt caudalwärts ein Querleistchen, welches an
jeder Seite einen stabförmigen Anhang trägt; dieser trägt an seiner
Spitze einen kurzen zylindrischen Fortsatz. Während der Quer-
wulst mir mit dem Endolabium homolog zu sein scheint, dürfte in
diesem Leistchen das Mentum vorliegen.
Die Kieferkapsel ist bei dieser Gattung sehr stark reduziert;
es finden sich von ihr nur oben und unten je 2 schmale schwarze
Spangen. Die oberen biegen sich vorn hakenförmig zueinander
um, während sie nach hinten zu einander nähern und sich verbreitern.
Die unteren sind vorn gegabelt, der obere Ast endet dicht hinter
der ]\laxille, der untere trifft vorn mit einer bogenförmigen, gleich-
falls schwarzen Chitinspange zusammen, welche sich zwischen dem
gezähnelten Querwulste und dem als Mentum gedeuteten Leistchen
befindet. Der Bogen besteht aus 3 gesonderten Chitinstücken.
Außer daß der Kopf fast ganz fest in den Prothorax eingezogen
ist, ist letzterer selbst noch teilweise einstülpbar, wie es auch bei
anderen Tipuliden-Larven oft der Fall ist. Hier kann der Prothorax
fast ganz in den folgenden Ring eingestülpt werden, so daß dann
selbst von den langen Maxilleu nichts mehr außen sichtbar ist. Die
ganze Körperhaut ist mit dem gewöhnlichen Haarfilze dicht über-
deckt; dazwischen finden sich vereinzelte dünne und bisweilen recht
lange Sinnesborsten, welche oft bis zur Wurzel in mehrere Äste
geteilt sind. Von dem letzten Körperring ist die vordere Partie
anschwellbar; sobald das Tier beunruhigt wird, entsteht hier eine
Verdickung, wie sie auch in BßAUEB's Figur der Limnophila-hsirYe an-
gegeben wurde; andrerseits ist dieser Teil ganz in den vorher-
gehenden Ring zurückzielibar. Wie bei der Larve von Ämalopis
immacidata ist der Filzbesatz am Ende des vorletzten und am An-
fangsteil des letzten Segments von eigentümlicher Beschaifenheit ; dieses
ist quergestrichelt mit sehr kleinen in Querreihen angeordneten Härchen.
Der letzte Ring endet in 4 Zapfen (Fig. 52, 53), von welchen
die unteren etwas länger sind als die oberen; au der Linenseite
zeigen sie einen nackten schwarzen braunen Streifen, am Rande
sind sie mit Haaren besetzt, welche hier eine ganz besondere Länge
erreichen. In fig. 6 von Brauer's Larvenarbeit ist das Verhalten
dieser Behaarung nicht richtig angegeben; die Haare sind alle un-
verzweigt.
206 J- C. H. DE Meijere,
All der Innenseite der oberen Fortsätze lie^t das Hinterstigma.
Diese sind fast rund, schwarzbraun.
Aus der Analöifnung können jederseits 2 länglich ovale Anal-
kiemen hervorgestülpt werden, die 2 hinteren sind etwas größer als
die vorderen.
In der Medianlinie der Dorsalseite findet sich auf den 10 vorderen
Segmenten ein großer hellerer ovaler Flecken mit braunem Punkte
in der Mitte, sie liegen an den vorderen Segmenten nahe den 2
vorderen, weiterhin ungefähr in der Mitte der Segmente. Es dürften
Drüsen sein.
Die Puppe ist ca. 10 mm lang, gerade, schwarzbraun, etwas
glänzend. Auffällige Borsten sind an Kopf und Thorax nicht vor-
handen. Fühlerscheide kurz, deutlich geringelt. Am Thorax bilden
die Prothoracalstigmen eine glänzend gelbbraune, fast halbkreis-
förmige Schuppe. Die Flügelscheiden sind relativ kurz, sie er-
strecken sich bis zur Spitze des 2. Hinterleibsringes, die Bein-
scheiden erstrecken sich noch ein Segment weiter nach hinten, und
ihre Spitzen liegen alle ungefähr in einer Querlinie. Das Abdomen
zeigt scharfe Seitenränder. Der 1. Ring ist oben fast nackt, die
6 folgenden zeigen oben vor dem Hinterende eine dichte Reihe
kurzer, weißer Härchen, welche den Seitenrand nicht erreicht;
auch weiterhin zeigt die Dorsalseite dieser Ringe zerstreute weiße
Härchen , welche namentlich in 2 Längslinien vorhanden sind ;
auch diese Härchen lassen die Seitenteile der Ringe frei. Ventral
findet man am 3. Ringe nur neben der äußeren Beinscheide eine
Längsreihe weißer Härchen, welche hinten sich nach außen umbiegt
und eine kurze Querreihe neben der Spitze der Beinscheide bildet.
An den folgenden Ringen findet sich fast dasselbe Verhalten wie an
der Dorsalseite. An dem scharfen Seitenrande des Hinterleibs
kommen je am Ende jedes Ringes ebenfalls einige weiße Härchen
vor. An der Hinterleibsspitze beobachtet man die ziemlich großen
Scheiden der Legeröhrklappen ; außerdem finden sich an der Wurzel
dieser Region oben jederseits 2 braune dornartige Zähne hinter-
einander (die hinteren größer als die vorderen) und am Seitenrand
jederseits ein solcher Zahn.
Pacliy gaster miiiutissima Zett. (= pini Peee.). (Fig. 54—60.)
Der allgemeine Aspekt dieser Larve wurde von Peeeis schon
ausführlich beschrieben; ich möchte nur einiges hinzufügen in An-
schluß an die von mir gegebenen Abbildungen.
Dipteren-Larven und -Puppen. 207
Der Kopf (Fig-. 54. 55) ist bei dieser Art zum g-rößten Teil
frei; die in den Protliorax eindringende „Kopfplatte" ist bedeutend
kürzer als der freie Teil. Der mediane Teil der Dorsalseite (die
Postfrons) ist relativ schmal, zu beiden Seiten desselben stehen
vorn 2 Paar Borsten ; in derselben Höhe liegen die 2 zweigliedrig'en
Fühler in je einer etwas vorragenden Chitinpfanne. An der vorderen
Kopfspitze liegt oben die dreieckige Oberlippe; die zu beiden Seiten
desselben liegenden umfangreichen, sehr beweglichen Gebilde, welche
von Peeeis als „palpes ou barbillons" bezeichnet werden, sind offen-
bar die Unterkiefer; sie sind von sehr komplizierter Bildung
(Fig. 56, 57). Bei Betrachtung von oben erkennt man ein großes
längliches Basalglied, welches als dem „Cardo" homolog zu be-
trachten ist; es trägt oben eine am Rande dicht gewimperte Platte,
und außen an der Wurzel zeigt sich 1 eingliedriger Taster neben
einer starken stumpfgezahnten Schuppe und einigen weiteren Chitin-
zähnen. Die Platte mit seinen Anhängen betrachte ich als Stipes
samt Lade und Taster; bei Stratiomijia ist sie nach Beckee's^) Ab-
bildung relativ größer, dem Cardo gegenüber.
Betrachtet man das Organ von innen, so ergibt sich, daß der
Cardo eine ziemlich breite Platte ist. Unten an der Basis liegt
eine kleine Chitinplatte, welche mit zahlreichen bandförmigen An-
hängen, welche dicht aneinander anschließen, besetzt ist; wegen
des Vorhandenseins dieser Anhänge, welche dem Haarschopf mancher
Oberkiefer bei Dipteren-Larven ähnlich sehen, und wegen der Lage
möchte ich diese Platte als den Oberkiefer deuten, welche hier
also gegen den Unterkiefer weit zurücksteht; eine bezügliche Tendenz
ist aber bei vielen Orthorraphen vorhanden.
Am Hinterende des Mundes bildet das Mentum ein in der Mitte
in eine Spitze vorgezogenes Plättchen ; neben dieser Spitze liegt
jederseits eine kreisförmige Sinnespapille. Die Seiten des Mundes
werden von den weit medianwärts verbreiterten, hier membranösen
unteren Glied (Cardo) des Unterkiefers eingenommen; sie berühren
einander in der Medianlinie und liegen hier ventral von der gleich-
falls membranösen Unterseite des Labrums.
Das Submentum ist eine ovale Platte, welche den größten Teil
der Ventralseite einnimmt und sich durch dunklere Färbung von dem
helleren Saume, der sie von den nach unten sich umbiegenden Lateral-
platten trennt, abhebt ; auch in diesem Saume liegen ein Paar Boi'sten,
1) Beckee, in: Zool. Jahrb., Vol. 29, Anat., 1910, tab. 18 fig. 18.
208 J- ^'- H. DE Meuere,
ferner findet sich auf ihm dieselbe schuppenartige Felderung. welche
auch der übrige Teil des Kopfes zeigt. Auch das Submentum selbst
trägt einige Borsten.
Die Lage der Körperborsten wird auch von Perkis schon an-
gegeben. Er hat schon richtig beobachtet, daß diese nicht glatt
sind, sondei-n er bezeichnet sie als „tres-finement tuberculeuses".
Ich möchte eher sagen, daß sie fast ganz äußerst fein anliegend behaart
sind; auf der Ventralseite der Thoraxringe beobachtet man jeder-
seits, lateralwärts von dem inneren Borstenpaar, eine Gruppe von 3
dicht beisammen liegenden Borsten, wie solche Gruppen von Keilin
bei einer Anzahl Dipteren-Larven verschiedenster Familien auf-
gefunden wurden und schon seit langer Zeit von älteren Autoren
bei den Cecidomyiden-Larven erwähnt wurden, wo man wegen der
vorliegenden mikroskopischen Untersuchung dieser Larven wohl am
eingehendsten, auch zur Unterscheidung der Arten, auf die Sinnes-
papillen bzw. -Borsten geachtet hat. Perris erwähnt nicht, daß
an der Dorsalseite des Prothorax sich hinter dem Borstenwirtel
noch 4 Borsten in einer Querreihe befinden.
Was die Stigmen anlangt, so liegen die i)rothoracalen (Fig. 59)
jederseits am Seitenrande auf einem länglichen braunen Flecken;
jedes zeigt 2 kleine sitzende Knospen. Die Hinterstigmen (Fig. 60j
finden sich am letzten Segment zusammen in einer dreieckigen, mit
einem Querschlitz an der Oberfläche des Segments, dicht vor dessen
hinterem Rande, nach außen mündenden Höhle; jedem Stigma ent-
spricht eine Filzkammer, welche nur wenig länger als breit ist und
am Hinterrande ca. 4 kleine sitzende Knospen trägt ; der verborgenen
Lage entsprechend, sind die Stigmen sehr zartwandig. Neben der
äußeren Öffnung der Stigmenhöhle liegt jederseits ein kurzes Börstchen.
Die Analöffnung liegt an der Ventralseite als lang ausgezogene
Längsspalte, welche beiderseits von 3 Borstenhaaren begleitet wird.
Beris vaJlata Forst. (Fig. 61.)
Von dieser Art schlüpfte mir den 23. Juni 1905 ein Exem-
plar aus einem zwischen faulen Blättern in Hilversum befindlichen
Puparium (Fig. 61). Leider ging mir das abgeworfene Deckelchen
verloren, so daß ich nur über den übrigen großen Hinterteil des
Pupariums Angaben machen kann.
Dieser aus 10 Segmenten (Meso- und Metathorax und 8 Abdominal-
segmenten) aufgebaute Teil ist von langgestreckter Gestalt, 7 mm
lang und 2 mm breit, sehr dunkel matt graubraun, an den Ein-
Dipteren-Larven und -Pappen. 209
schnitten ins dunkel Rotbraune ziehend, die Unterseite ist im ganzen
mehr rotbraun. Die Segmente sind deutlich voneinander getrennt,
fast alle von gleicher Breite, das hintere ist hinten abgestutzt, mit
abgerundeten hinteren Seitenecken und sehr wenig gebogenem Vorder-
raud. Die querliegende Stigmenspalte ist ganz an das Hinterende
gerückt, die untere Lippe derselben ragt etwas vor und ist in der
Mitte etwas eingebuchtet. An der Unterseite des letzten Segments
findet sich eine Längsfurche, welche vorn in die querliegende Anal-
spalte endet. Anstatt der öfter relativ langen und starken Borsten
zeigt diese Art kurze Büschel feiner gebogener gelber Häi'chen ; man
beobachtet deren im Mittelfelde der mittleren Ringe je 4 in einer
Querreihe, welche dicht vor dem Hinterrande des betreffenden
Segments liegt. Eigentlich sind deren je 6 vorhanden, wie denn
auch bei anderen Arten jeder Ring dorsal 6 Borsten zu zeigen
pflegt; die beiden äußeren Büschel sind hier aber von winziger
Größe. Ebensolche Haarbüschel finden sich auch am Seitenrande
des Körpers; eine gerade Reihe tragen auch die Seitenränder des
letzten Segments. Die Unterseite ist mehr gleichmäßig kurz gelb
behaart; auch hier sind die Härchen in der Nähe der Hinterränder
länger und die Behaarung überhaupt auf das breite Mittelfeld be-
schränkt. Die Oberfläche des Pupariuras ist nur äußerst fein-
körnig, nicht schuppig gefeldert, wie es bei einigen Stratiomyiden der
Fall ist.
Die Sprengung findet in derselben Weise statt wie bei den
übrigen Stratiornj-iden, der Längsspalt verläuft über den Meso- und
Metathorax ; die Puppe bleibt beim Ausschlüpfen ganz im Puparinm
und zeigt eine zarte, bräunlich gefärbte Chitinhaut.
In Diptera danica I p. 74 gibt Lündbeck eine Bestimmungs-
tabelle der ihm bekannten Stratiomyiden - Larven. Daraus ergibt
sich, daß die Beris-LsiYYe, welche bis jetzt noch nirgends beschrieben
wurde, derjenigen von Sargiis ähnlich sieht; letztere hat aber einen
weit nach vorn vorgebuchteten Vorderrand am letzten Segmente,
auch finden sich dorsal an den Segmenten und am Seitenrande des
letzten Segments nur je 6 einzeln stehende Härchen, welche weit
voneinander entfernt sind, keine Büschelchen oder dicht gelagerte
Härchenreihen.
Handliesch 1) , der seinerzeit die Larve, bzw. das Puparium
von Chorisops tibialis untersucht hat, sagt, daß sich dieses von dem-
1) Handliesch, A., in: Verb, zool.-bot. Ges. "Wien, Vol. 33, p. 243.
Zool. Jahrb. XL. Abt. f. Syst. 14
2tö J- C- H. DE Mei.jere,
jenigen von Subula, mit der sie die sitzende Cornea und die schmälere
Kieferkapsel gemein hat, durch den Bau der hinteren Stigmenplatte
und die Form des letzten Ringes unterscheidet. Bei Subula zeigen
die Larven am letzten Ringe hinten eine gerade Querfurche, die
jederseits in eine oft borstige Ecke ausläuft und nach hinten von
dieser Furche, segmentartig abgeschnürt, die breiten Lippen der
queren Stigmenspalte. Ferner ist die Panzerung feiner, und die
Puppe bleibt in der Larvenhaut, während bei Subula die Puppe
sich aus der Spalte des Pupariums liervorhebt. Während mir die
Kopfgestalt der Beris-hRrve unbekannt blieb, kann doch gesagt
werden, daß in den übrigen genannten Merkmalen die Beris- und
(7/?omo29S-Puparien Übereinstimmung zeigen. Was die Beborstung
anlangt, so sollen die Segmente bei Chorisops an den Seiten je 2— 3
kurze Börstchen und ebenso eine Reihe derartiger an der Bauch-
seite besitzen; bei -Bern sind die Börstchen zahlreicher, auch ander
Rückenseite, bei Sulmla sind die vereinzelten Börstchen sehr winzig,
kaum wahrnehmbar. — Vollständigkeitshalber möchte ich noch hinzu-
fügen, daß, w^as den Kopfbau anlangt, die C/?or/so^.s-Larve sich von
der Sargus-lj2iV\^ unterscheidet durch den Mangel eines seitlich
stark vorstehenden Augenhügels, auf dem die halbkuglige Cornea
sitzt, und durch die dadurch nach hinten nicht plötzlich verbreiterte
Kieferkapsel. Die größere Augenwölbung trennt sie von den meisten
übrigen Stratiomyiden-Larven, von manchen aquatischen auch die
Abwesenheit eines Respirationsborstenkranzes.
Thereva (Fig. 62—72).
Thereva-h&YYen fand ich im Frühjahr 1912 an sehr verschiedenen
Stellen bei Hilversum. Man trifft sie unter faulen Blättern und in
Gartenerde, in Walderde nahe der Oberfläche fast zahlreicher, als
das zerstreute Vorkommen der Imagines vermuten läßt. Ihre all-
gemeine Gestalt ist schon längst bekannt; sie sind sehr gestreckt
zylindrisch (Fig. 62), von weißer Farbe, mit braunem Kopf, haben
eine relativ starke Körperhaut und bewegen sich mit schlangen-
artigen seitlichen Biegungen vorwärts, indem sie sich hin und wieder
mit den Mundteilen festgreifen oder mit den Nachschiebern am hinteren
Körperende vorwärts schieben.
Der Kopf (Fig. 63—66) ist klein, länglich eiförmig, mit starker,
rotbrauner Chitinhaut. Die Kieferkapsel überdeckt als eine un-
geteilte Platte den Kopf oben und an den Seiten; hinten ist dieser
Teil in der Mitte etwas vorgebuchtet. Vorn und an den Seiten be-
Diptereu-Larven und -Pnppeii. 211
merkt man jederseits eine starke Borste. Ventral findet sich eine
liinten gerundete, vorn in 1 Paar kurze Fortsätze auslaufende, breite,
braune Platte, welche ziemlich breit von der dorsalen Kopfplatte
getrennt ist; diese dünnere, hell gefärbte Hautstelle trägt jederseits
2 Borsten. Von der Dorsalwand des Kopfes springen dicht neben-
einander 2 Chitinplatten ins Innere des Kopfes vor; diese verbreitern
sich unten und treten dort miteinander in Berührung. Nach hinten
setzen sie sich je in einen stabförmigen Fortsatz fort, mit welchem
ein längerer, ebenfalls rotbrauner Chitinstab gelenkig verbunden
ist, der eine Strecke in den Prothorax hineinragt.
Die Fühler sind sehr kurz, sie bestehen aus einem weiten,
braunen Ring, auf welchem ein kurzes dreieckiges Endglied nebst
einem einige kleine Sinnesorgane tragende Kreischen sichtbar ist.
Die Oberlippe (Fig. 67) bildet einen schmalen, braunen, medianen
Fortsatz am vorderen Kopfrand, dessen oberer Rand nahe der
Spitze 1—2 untiefe Einschnitte zeigt; die Seitenteile sind membranös
und am Rande zerschlitzt. Die Oberkiefer sind stark, vertikal ge-
stellt, hakenförmig, am Außenrande durch schuppenartig nach oben
schauende Zähnchen rauh. An der Wurzel sind sie stark in der
Vertikalfläche verbreitert und mit den Unterkiefern verwachsen.
Die Unterkiefer (Fig. 68, 69) bilden breite, ungefähr dreieckige
Läppchen, welche nahe der ziemlich scharfen Spitze 2 kurze, stumpfe,
braune Zäpfchen aufweisen und an der Innenseite nahe der Basis
eine ziemlich kurze, aber starke Borste. In der Mitte tragen sie
den gutentwickelten, anscheinend 2gliedrigen Taster ; das Basalglied
desselben ist kurz und breit, dürfte mit dem Stipes homolog sein,
das Endglied, der eigentliche Taster länger und schmäler, zylindrisch,
am Ende schief abgeschnitten mit mehreren kleinen Sinnespapillen.
Die Unterlippe ist ein kleines, rundliches Plättchen mit mehreren
kurzen Borsten.
Mit dem medianen Vorsprung am Hinterende der Dorsalwand
des Kopfes gliedrig verbunden, zeigt sich eine lange, hinten er-
weiterte Chitingräte von schwärzlicher Farbe, welche sich bis in
den Mesothorax hinein erstreckt (Fig. 63, 67).
Der schlangenartige Körper ist durch sekundäre Ringelung in
eine große Anzahl Ringe geteilt, wie es auch schon von Bouche,
Brauer u. A. bemerkt wurde. Es sind deren 20 erkennbar. Die
Thoracalsegmente sind einfach, bei ihnen greift der Vorderrand des
folgenden Segments je über den Hinterrand des vorhergehenden. Sie
sind ferner durch den Besitz von je 1 Paar langer Borsten, welche
14*
212 J- C- H. DE Meijere,
ventral nahe dem Seitenrand eingepflanzt sind, gekennzeichnet. Der
Prothorax trägt nahe dem Hinterrand, mehr dorsal gelagert, das
vordere Stigma, dessen Bau ich seinerzeit ^) schon ausführlicher be-
sprochen habe. Ich bin indessen jetzt bezüglich der Auffassung
desselben einigermaßen anderer Ansicht als damals. Während ich
es früher als von den Tüpfelstigmen verschieden ansah, betrachte
ich es jetzt, nachdem mir zahlreichere Übergänge bekannt sind, als
eine einfache Sorte solcher Stigmen, bei welcher die Tüpfel noch
ganz ungestielt sind und gering in Anzahl. Dem entspricht auch
das im übrigen primitive Verhalten dieser Larve. Es besitzt 2
längere Tüpfel, welche nebeneinander auf der rundlichen Platte
liegen; am ßande der anderen Hälfte der Platte liegt die Stigmen-
narbe.
Von den folgenden Körpersegmenten sind die 6 nächstfolgenden
zweiteilig; auch hier greift der Vorderrand der Segmente je über
den Hinterrand der vorhergehenden; zwischen beiden findet sich
an diesen Segmenten ein schwarzer Eing, bei dem der vordere
Teil über den hinteren greift, also das umgekehrte der Fall
ist. Auch in anderer Hinsicht sind die vordere und die hintere
Hälfte verschieden; an der vorderen bemerkt man an den Seiten
einen rautenförmigen Eindruck, ventral fällt vor dem Hinterrand
ein weißes Dreieck, ein Lappen des Fettkörpers, auf; in der vorderen
Hälfte trägt der Tracheenlängsstamm die 2 großen Äste ; die hintere
Hälfte zeigt ventral 2 nach hinten zusammenstoßende Fettkörper-
bänder, die Seiten dieser Segmente zeigen keinen rautenförmigen
Eindruck, sondern nur mehrere punktförmige Eindrücke (Muskel-
ansätze). Das 8. Segment trägt das hintere Stigma, etwas vor ihrer
Mitte; die Verhältnisse zwischen dem 7. und S.King sind fast dieselben
wie an den beiden Teilen des vorhergehenden Einges. Das Hinter-
stigma ist nach demselben Schema wie das Vorderstigma gebaut,
hat aber 4 Tüpfel.
Nach diesem stigmentragenden Eing folgen noch 3 kurze Einge,
bei denen aber der Hinterrand je über den Vorderrand des vor-
hergehenden Einges greift. Der letzte dieser Einge ist sehr kurz
und trägt die beiden kurzen, zapfenartigen Nachschieber, welche
keine Häkchen tragen; das vorletzte zeigt jederseits 3 Borsten, 2
mehr nach vorn und dorsal, 1 weiter nacli hinten, von welchen
1) DE Meijere, J. C. H. , Über zusammengesetzte Stigmen bei
Dipteren-Larven, in : Tijdschr. Entomol., Vol. 38, p. 22.
Dij)teren-Larven uud -Piippeu. 21 3
2 lateral und 2 ventral eingepflanzt sind. Letztere Paare stehen
fast übereinander, das laterale um weniges mehr nach hinten.
Ein junges Exemplar von 7 mm Länge zeigte schon die gleiche
Gliederung wie die erwachsene Larve, auch der Kopf bau und die
Verteilung der langen Borsten am Körper sind ähnlich. Sehr ver-
schieden sind aber die Stigmen. Das vordere Paar ist noch gar
nicht vorhanden, das Ende der Trachee bildet hier einen feinen
Strang ohne Lumen ; das hintere Stigmenpaar (Fig. 71) ist noch viel
weniger kompliziert als später und zeigt nur ca. 5 verschieden große
Knospen; die Stigmennarbe ist undeutlich.
Eine kurze Beschreibung der Thereva-LsirYQ und -Puppe hat vor
einiger Zeit Collinge ^) gegeben. Der Verf. stimmt in der Auffassung
der sekundären Eingelung mit mir überein, nur faßt er die 2 letzten
Körperabschnitte als ein Segment zusammen. Er weist darauf hin,
daß Shaep (in: Vekeall, British Flies, Vol. 5, p. 37, flg. 65) das
vordere Stigma an den Mesothorax versetzt. Mir ist diese Angabe
ebensowenig klar; das vordere Stigma fand ich auch bei jüngeren
Larven, wenn es überhaupt vorhanden ist, immer am Prothorax.
CoLLmGE gibt eine gute Abbildung der Puppe, geht aber auf
die Bedeutung der einzelnen Bezirke nicht genügend ein. Die Larve
scheint mir noch etwas zu breit gezeichnet.
Die Puppe (Fig. 72) ist blaßgelb, glänzend, von zarter Be-
schaffenheit. An der unpaaren Kopfplatte beobachtet man 2 seit-
wärts abstehende zahnartige Fortsätze, welche unter der scharfen
Spitze ein kleines stumpfes Höckerchen aufweisen. Diese Fortsätze
sind die P'ühlerscheiden. Am vorderen Rand der Kopfplatte liegt
die Scheide der Oberlippe, welche in 2 sehr kurze Spitzen ausläuft;
zu beiden Seiten derselben die winzigen Scheiden der Unterkiefer,
hinter dieser Stelle die Scheide des Labiums, mehr nach außen zu
die Tasterscheiden. Die 2 großen Platten hinter der Unterlippen-
scheide enthalten die Vorderkiefer, nach außen hin schließen sich
an diese die Scheiden der Vorderschenkel an, nach hinten die
Scheiden der Mittelhüften. Die Scheiden der Vorderschenkel werden
zum Teil durch einen kurzen, breiten Anhang an der Seite der
Kopfplatte überdeckt.
Der Thorax zeigt am ßande das als ein kurzes Hörn vor-
1) Collinge, W. E., Observations on the life history and habits of
Thereva nobilitata Fabe., and other species, in: Journ. econ. Biol., 1909,
Vol. 4, p. 14—17.
214 J- 0. H. DE Meliere,
ragende Vorderstig-ma, dahinter eine längere, starke Borste, letztere
liegt unmittelbar über der Wurzel der Fühlerscheide. Die Spitzen
der letzteren werden nur durch die Scheiden der Vorderbeine von-
einander getrennt, die Beinspitzen einer und derselben Seite liegen
hintereinander; das Verhalten ist im allgemeinen dasselbe wie bei
den Leptiden.
Das Abdomen ist dorsal schuppig gefeldert, unten ist es feiner
runzelig; der 1. Abdominalring trägt oben eine Querreihe von
6 Borstenhaaren; an den 6 folgenden Segmenten ist hier je eine
Querreihe vorhanden, welche von viel zahlreicheren, aber kürzeren
Borsten gebildet wird ; zwischen den Borsten stehen, an den vorderen
dieser Segmente öfters abwechselnd, kürzere dornartige Anhänge.
Ventral finden sich 6 Borstenreihen; ferner finden sich am Seiten-
rande, dicht hinter den auf kurzen Zäpfchen sitzenden Stigmen,
kleine Gruppen von 3—4 Borstenhaaren. Die Hinterleibsspitze zeigt
keine Borstenwirtel, läuft aber, wenigstens bei den weiblichen
Puppen, in 2 starke, dicht nebeneinander liegende Borsten aus.
Ein weiterer Fall solcher anormal verlängerten und Segmente
vortäuschenden Intersegmentalmembranen ist seit längerer Zeit be-
kannt, nämlich von der Elateriden-Larve Cardiophorus. Kolbe er-
wähnt ihn schon in seiner „Einführung" p. 125. Vor kurzem hat
Shaep (in: Entomologist, Vol. 45, 1913, p. 189—191) die bezüglichen
Verhältnisse bei der Larve von Cardiophoms asellus genau beschrieben.
Chrysopiliis atratiis F.
Die Puppe ist ca. 10 mm lang, rotbraun, wenig glänzend, von
derber Beschafi:enheit ; die unpaare Kopfplatte zeigt hinten jeder-
seits ein winziges, eine Haarborste tragendes Höckerchen; etwas
weiter nach vorn in der Mitte 2 seichte Vorwölbungen nebeneinander
und dem Seitenrande näher jederseits eine anliegende, an der
Wurzel ziemlich breite, weiterhin kurz stabförmige Fühlerscheide.
Die Augenplatten tragen oben je ein winziges Höckerchen, auf
welchem ein kurzes Borstenhaar eingepflanzt ist. Größere Vor-
ragungen oder Haken finden sich also am Kopfe gar nicht. Die
Scheiden der Mundteile sind wenig umfangreich, man beobachtet
oben eine kleine Oberlippenplatte, dahinter die Unterlippenplatte,
welche kurz und breit ist, an den Seiten 2 nach außen gerichtete,
relativ große Tasterscheiden ; nach hinten zu folgen dann die schon
den Vorderhüfteji angehörigen Platten, welche von länglicher Ge-
stalt sind und bedeutend g-rößer als die Tasterscheide, ferner noch
Dipteren-Larven und -Puppen. 215
jederseits ein kleines, dreieckiges Plättchen, welches der Mittelhüfte
entspricht. Der Thorax zeigt keine Borsten, das Prothoracalstigma
ragt nur sehr wenig vor. Die Beinscheiden sind kurz und über-
ragen kaum die Flügelscheiden, die Beinspitzen jeder Seite liegen
hintereinander, die Flügelscheiden sind nur durch die Scheiden der
Vorderbeine getrennt.
Am Abdomen beobachtet man vor den Einschnitten am 2. bis
7. Eing vor dem Hinterrand je einen vollständigen Dörnchenring;
diese Dornen sind relativ kurz, viele sind an der Wurzel gegabelt;
die dorsalen sind ein wenig länger als die ventralen. Das letzte
Segment ist abgestutzt und trägt am oberen Rande eine Anzahl
kurze, aber starke zahnartige Vorsprünge, während unten 2 große
dreieckige Vorsprünge vorhanden sind.
Am Metathorax und 1. Hinterleibsring beobachtet man nur
einige Borstenhaare. Die Hinterleibsstigmen ragen als kleine
Höckerchen vor.
Leptis JineoJa F. (Fig. 73-84.)
Larven dieser Art fand ich bei Hilversum im März und April
in Wäldern in der Nähe des Wassers unter faulen Blättern und in
mit feuchten faulen Vegetabilien gemischter Erde. — Sie sind von
weißer, schwach gelblicher Farbe, von zylindrischer Gestalt (Fig. 73),
11-ringlig, das Vorderende ist verschmälert, das Hinterende zeigt
4 kurze Lappen, zwischen welchen die 2 kleinen Hinterstigmen
liegen. Sie sehen einer schmächtigen cyclorrhaphen Dipteren-Larve
ähnlich, haben jedoch ganz andere Mundteile, Augenflecken, ein
weniger spitzes Vorderende usw.
Der frei hervorragende Teil des Kopfes (Fig. 74—77, 79) ist nur
sehr kurz, außerdem nur wenig chitinisiert; dunkelbraun ist nur
eine dorsale mittlere Partie, an welche sich vorn die spitz zulaufende
Oberlippe anschließt. Diese Partie ist auch im Prothorax noch eine
Strecke weit zu verfolgen, verschmälert sich allmählich und ist am
hinteren Ende abgerundet. Die Fühler sind ziemlich lang, zylindrisch,
zweigliedrig, das 2. Glied ist aber äußerst winzig, sie stehen weit aus-
einander an den Seitenecken des Kopfes, mit Ausnahme der Basis
und der äußersten Spitze sind sie braun.
Die Oberlippe (Fig. 78) ist von oben gesehen eine schmal drei-
eckige, spitz zulaufende Platte, von der Seite gesehen zeigen sich an
ihrem Oberrande an der Spitze 3 — 4 Zähnchen. Zu beiden Seiten
derselben findet sich ein mit mehreren dornartig-en Fortsätzen be-
216 J- C- H. DE Meijere,
setztes Plättchen; der vorderste Fortsatz ist an der Spitze seknndär
gezahnt. Unter diesem Plättchen liegt ein am Oberrande kamm-
artig gezähneltes Chitingebilde.
Die Mandibeln sind stark, vertikal gestellt und nach hinten ge-
krümmt ; an ihrer Spitze zeigen sich einige Zähne. An ihre Wurzel
schließt sich vorn ein braunes Plättchen an, welches vorn einen an
der Spitze gezähnelten, dahinter mehrere dornartige Fortsätze trägt.
Diese Plättchen liegen bei Betrachtung von oben zu beiden Seiten der
Oberlippe. An der Unterseite der Oberlippe zeigt sich jederseits
ein am unteren ßand kammartig gezähnelter Anhang. Die Unter-
kiefer sind dreieckige Läppchen, deren auffälligster Teil die relativ
großen Taster bilden. Diese ragen weit vor, weiter als die Fühler,
und sind scheinbar zweigliedrig, der untere Abschnitt dürfte aber
wieder der Stipes sein ; es sind 2 braune Ringe an ihnen erkennbar,
einer in der Mitte, einer an der Spitze; zwischen beiden zeigt der
Taster an der Außenseite mehrere halbkugelförmige Yorwölbungen.
Die Unterlippe ist nur durch das Prämentum repräsentiert;
dies zeigt sich als 2 etwas vorragende kreisförmige Stellen neben-
einander, welche sehr kleine Sinnespapillen tragen. Der vorspringende
Kopfteil kann etwas zurückgezogen werden, in sich selbst einstülp-
bar, wie bei manchen Tipuliden, ist der Prothorax hier nicht.
Zwischen diesem Kopfteil und dem Prothorax bemerkt man, wenn
der Kopf stark vorgezogen ist, noch einen oben sehr schmalen, nach
unten stark verbreiterten Abschnitt, welchen Brauer als Zwischen-
segment betrachtet. Die Kieferkapsel setzt sich weit ins Innere
fort, bis in den Anfangsteil des Mesothorax.
Bei Betrachtung von oben zeigen sich 2 parallele, von der Seite
ausgehende obere Gräten, welche hinten durch eine breite Platte
miteinander verbunden sind, die in der Mittellinie verdunkelt ist
und hinten einen breiten spateiförmigen Fortsatz zeigt. Außer-
dem findet sich an jeder Seite eine vorn breite, bald sich in einen
Stab verchmälernde Gräte. Neben deren vorderer Hälfte liegt ein
ovaler schwarzer Fleck, welcher durch die Prothoraxhaut hindurch-
schimmert und ein rudimentäres Auge darstellt.
Der Körper zeigt 11 Ringe. Die Vorderränder der Segmente sind
durch einen Gürtel feiner, kurzer Querlinien ausgezeichnet, welcher
diesem Teile ein geschupptes Aussehen verleiht; am Prothorax ist
dieser Gürtel auf die Dorsalseite beschränkt. Am vorletzten Hinter-
leibssegment zeigen sich solche Linien auch am Hinterrande. An
den Abdominalsegmenten findet sich ventral am Vorderrande ein
Dipteren-Larven nud -Puppen. 217
aus mehreren nebeneiiianderliegenden Partien gebildeter Wulst,
welcher gleichfalls die feine schuppenartige Skulptur zeigt. Die
feinen Querlinien sind hier aber äußerst fein quergestreift, die Ränder
der kaum hervorragenden „Schuppen" sind hier demnach äußerst
fein gezähnelt.
Nahe dem Hinterrand des Prothorax liegt das vordere Stigma
(Fig. 81, 82). Dieses ist nach demselben Schema gebaut wie bei
der Thereva-LsLYve; es zeigt 2 (bei einem Exemplar 3) ovale Knospen
(Tüpfel) neben der Stigmennarbe.
Das letzte Segment ist von ovaler Gestalt (Fig. 80); unten an
der Basis zeigt sich die Analöifnung hinter einem ebensolchen
Querwulst, wie sie an den vohergehenden Segmenten vorhanden ist.
Am Hinterende ist dieses Segment in 4 kurze Zipfel ausgezogen.
An der oberen liegt unten an der Wurzel das Hinterstigma (Fig. 83).
Dieses ist von etwas ovaler Gestalt, braungelb, der große mittlere
Teil ist gewöhnlich verschlossen, während sich am Rande ein voll-
ständiger Kreis von 30 — 39 ovalen Tüpfeln findet. In einem mit
Kalilauge behandelten Präparate zeigte sich in dem mittleren Teil
jedes Stigmas eine lange spaltförmige Öffnung, welche offenbar die
primäre Stigmenöffnung repräsentiert; wir haben es hier für ge-
wöhnlich mit einer zentralen Stigmenuarbe zu tun, wie bei den
Tipuliden. Die Filzkammer, welche sich hinter dem Stigma befindet,
ist sehr kurz.
Die Puppe zeigt in den Hauptzügen denselben Charakter wie
die von Chrysopüus atratus. Sie ist von matt graubrauner Färbung,
einige Stellen, so z. B. das Untergesicht, sind mehr glänzend und
gelblich. Die ziemlich langen und dünnen Fühlerscheiden liegen
der unpaaren Kopfplatte unmittelbar an. Höcker oder Haare sind
an Kopf und Thorax nicht vorhanden. Die Stellung der Bein-
scheiden ist dieselbe wde bei Chrysopüus. Verschieden ist dagegen
die Bewaffnung des Hinterleibs. Diese zeigt hier dorsal am 2. bis
7. Ring je eine Querreihe von Dornen, welche aber viel kürzer und
breiter sind als bei Chrysopilus, auch viel weiter voneinander ent-
fernt und nicht gegabelt sind; außerdem stehen hier in der Nähe
des Vorderrandes meistens noch 2 ebensolche Dörnchen; ventral
tragen die Ringe nur 2 Dörnchen an ihren Hinterrändern. Die
Hinterleibsspitze zeigt oben 4 Dornen, unten 2 etw^as größere zahn-
artige Fortsätze.
218 -T- C. H. DE Meijere,
Dioctria baufuhaiierl Meig. (Fig. 84—88.)
Mitte April 1912 fand ich am Walde dicht unter der Ober-
fläche in ziemlich trockener Erde dicht neben den Stämmen von
Buchen und Birken zwischen deren Wurzeln mehrere Larven ; einige,
welche ich zur Zucht aufbewahrte, verpuppten sich Ende April;
die Imagines schlüpften Anfang Juni aus. Die Larven (Fig. 84, 85)
sind von weißer Farbe, der freie, sehr kleine Kopf ist braungelb,
die Mundteile sind dunkelbraun. Die dorsale Kopfwand (Fig. 86, 88)
ist breit und kurz, vorn halbkreisförmig ausgeschnitten; dicht am
Rande dieses Ausschnitts findet sich der sehr kurze Fühler, welcher
aus kaum mehr als einem halbkreisförmigen Gliede auf einer kurzen
Vorwölbung besteht. Dahinter findet sich eine sehr dicke Borste.
Die ventrale Kopffläche (Fig. 87) trägt jederseits 2 ebenfalls sehr
starke Borsten und am Seitenrande je 2 ebensolche dicht neben-
einander. Die Oberlippe ragt als eine schmale Spitze vor. Sie
liegt zwischen den beiden gleichfalls sehr schmalen und nicht langen
Oberkiefern, deren Basalstück sich seitwärts in eine dreieckige Platte
verbreitert, w^elche eine starke, kurze Borste und dicht dahinter
ein sehr kurzes Börstchen trägt.
Die am stärksten entwickelten Mundteile sind die Unterkiefer;
diese bilden breite, derbe, horizontal nebeneinander liegende und
beim lebenden Tier horizontal bewegende Platten von dunkelbrauner
Farbe, welche nahe ihrer Basis den kurzen, ebenfalls stark chitini-
sierten Taster tragen, der aus einem kurzen, ringförmigen Basal-
glied und einem länglich ovalen Endglied zu bestehen scheint,
welches an der Spitze mehrere kleine Sinnespapillen trägt. Vorn
liegt an der äußersten Basis des Unterkiefers wieder eine derbe
Borste. Ventral liegt als Rest der Unterlippe ein in der Mitte
längsgeteiltes, dunkles, dreieckiges Chitinplättchen ; die Spitze ist
nach vorn gerichtet (Submentum).
An die Kieferkapsel schließen sich nach innen zu 2 Paar lange
Chitingräten an, welche schwärzlich gefärbt sind und sich fast bis
zum Mesothorax erstrecken. Der Kopf ist zum Teil in das trichter-
förmig einstülpbare Vorderende des Prothorax einziehbar; ein un-
gefärbtes Zwischensegment zwischen Kopf und Prothorax ist nament-
lich ventral gut erkennbar.
Der Körper ist zylindrisch, schlank, die Segmente sind deutlich
voneinander abgeschnürt, namentlich die mittleren; die vorderen
sind etw^as breiter und kürzer, kürzer als breit, die mittleren so
Dipteren-Larven und -Puppen. 219
lang- wie breit, die hinteren länger als breit. Die Oberfläche der
Haut ist äußerst fein läng-sgestrichelt; die Vorderränder der
3 Thoracalringe sind fein schuppig-, die Schuppen farblos, am
Hinterrand durch sehr feine Zähnchen rauh; unten ist diese
Schuppenzone nur wenig- entwickelt. Am 2.— 6. Hinterleibssegmente
finden sich unten nahe dem Vorderrand der Segmente 2 Querwülste
nebeneinander, welche ebenfalls schuppig gefeldert sind.
Der Prothorax trägt nahe seinem Hinterrande das sehr kleine,
braungelbe Vorderstigma, welches 2 sitzende Knospen neben einer
kleinen Stigmennarbe zeigt, während die Filzkammer von Chitin-
säulchen gestützt wird; außerdem zeigen alle Thoracalringe in ihrer
Mitte, der Ventralseite genähert, ein braunes Borstenhaar.
Das letzte Segment zeigt noch ziemlich deutlich eine Trennung
in 2 Ringe, von denen der kürzere vordere das ebenfalls sehr
kleine Hinterstigma trägt; es zeigt, wie das Vorderstigma, 2 Tüpfel
von länglicher Gestalt; zwischen den beiden divergierenden Tüpfeln
fällt auf allen Stigmen ein sehr feiner heller Punkt auf. Die etwas
längere Endhälfte läuft hinten in eine kurze, braune, nach oben
gekrümmte Spitze aus, vor welcher 4 braune AVärzchen in einem
Halbkreis angeordnet sind; zwischen diesem Halbkreis und der
Endspitze liegen jederseits 2 Borsten, außerdem trägt der Ring
4 Borsten in einer Querreihe ungefähr in seiner Mitte.
Auf der größtenteils farblosen Exuvie finden sich hin und
wieder sehr feine, aber dicke gelbliche Kreischen mit hellem Zen-
trum; es sind dies die Sinnespapillen; vereinzelt tragen sie ein
kurzes, dickes Sinnesböi'stchen.
Die Analöftnung bildet eine längliche Spalte in einem ovalen
Felde, sie wird nicht von Chitinwärzchen umgeben.
Die Puppe (3^) von Dioctria haumJiaueri sieht der von Di/s-
macJiits trigomis ähnlich, sie ist 8—10 mm lang, von blaßgelber Farbe.
Die Fühlerscheide zeigt 8 starke braune Zähne, welche ungefähr
den 3 letzten Abschnitten des Fühlers entsprechen, alle aber sind
kürzer als das vordere Dornenpaar des Kopfes. Die Prothoracal-
stigmen sind sehr kleine braune Zäpfchen, nur punktartig; an der
Basis der Flügelscheide findet sich keine braune Schuppe. Die
Dornen an der Oberseite der Hinterleibssegmente sind relativ lang;
am 1. finden sich deren 8, am 2, — 6. 6, und zwischen je zwei der-
selben ein kurzes Dörnchen, welche aber am 6. Ring sehr schwach
entwickelt sind. Am 7. und 8. Ring finden sich nur längere Dornen.
Auch am 8. Ring finden sich 2, weit voneinander getrennte Dornen.
220 J- C". H. DE Meijere,
Die ünterleibsspitze zeigt jederseits einen geraden, starken Dorn und
dicht darunter ein sehr kurzes Dörnchen. An den Seiten und
ventral finden sich weiße Borstenhaare, je in einer Querreihe vor
dem Hinterrand der Segmente.
Ui/smachds triffonus Meig. (Fig. 89—91.)
Die Larve sieht derjenigen von Dioctria baumhauen ähnlich, ist
aber mehr gedrungen, die Ringe sind relativ breiter. Die Bildung des
relativ breiteren Kopfes und der Mundteile ist nahezu die gleiche,
desgleichen die Anordnung der auch hier sehr starken Borsten. Die
Unterkiefer sind aber schmäler und am Innenrande mit zahlreichen
kurzen Börstchen besetzt. Die Oberlippe ist gelb, vor der Spitze
findet sich an der Oberseite 1 und dicht dahinter 2 Zähnchen neben-
einander. Die Oberkiefer sind schmal, fast gerade, rotbraun, am
Ende zugespitzt. Die 4 Fortsätze sind schwärzlich braun, die oberen
breiter und bedeutend länger als die unteren. Das Submentum ist
größer, eiförmig, mit der Spitze nach vorn.
Die Vorderstigmen (Fig. 90a) sind punktartig, braun, sie be-
sitzen 2 länglich ovale Tüpfel; die Filzkammer ist 2 mal so lang
wie breit. Zerstreut finden sich auf der Haut kleine, gewölbte
rundliche Fleckchen von brauner Farbe mit schmalem hellem Rande.
Die Hinterstigmen (Fig. 90 b) sind bedeutend größer als bei Dioctria,
etwas trichterförmig, am Hinterrande zeigen sie einen Halbkreis von
14 länglichen Tüpfeln; diese sind durch dunkler braungelbe Cliitin-
haut voneinander getrennt, im übrigen ist das Stigma nur blaßgelb.
Die Filzkammer ist ungefähr ebenso lang wie breit.
Am Hinterende des Körpers zeigt sich nicht die dornartige
Spitze von Dioctria ; es ist von oben nach unten abgeflacht, der scharfe
Hinterrand gerundet. Unmittelbar vor der Spitze finden sich oben
und unten je 2 weit voneinander entfeinte Borsten; weiter nach
vorn liegt ein 2. Wirtel von 4 Borsten ; der vordere stigmentragende
Teil vom 11. Ring ist relativ schmäler und deutlicher von dem End-
teil abgetrennt als bei Dioctria.
Schuppenartige Skulptur findet sich an dem Vorderrande der
Ringe nicht, ebensowenig sind an der Ventralseite Schwielen vor-
handen.
Die vorderen Stigmen zeigen 2 Knospen wie bei Dioctria; die
Hinterstigmen sind dagegen viel mehr kompliziert als bei dieser
Gattung; sie besitzen einen Halbkreis von 14 sitzenden Tüpfeln,
auch die Stigmennarbe ist viel größer.
Dipteren-Larven und -Puppen. 221
Puppe (nach den Exiivien beschrieben; Fig. 91).
15 mm lang-: von glänzend blaß braungelber Farbe; im all-
gemeinen glatt. Kopf und Thorax ohne Borsten. Am Kopf oben
jederseits mit einem rotbraunen, dreieckigen Stirnzahn, darunter die
mit 3 ebensolchen, aber etwas kleineren Zähnen versehene Fühlerscheide ;
die Augenschicht nicht facettiert. Die Rüsselscheide ist ziemlich
kurz; Ober- und Unterlippe, Unterkiefer und Taster sind alle er-
kennbar.
Der Thorax zeigt am vorderen Rande auf einem kleinen, ovalen,
braunen Fleckchen als kraterförmige Vorwölbung das kleine rot-
braun gerandete Vorderstigma von querovaler Gestalt, dicht da-
hinter, aber etwas mehr ventralwärts, an der Wurzel der Scheide
des mittleren Beinpaares 2 kurze, gekrümmte Dörnchen neben-
einander, ferner an der Wurzel der Flügelscheide ein Wärzchen,
welches in einen sehr kurzen Zahn endet. Die Flügelscheiden er-
strecken sich bis zur Mitte des 2. Abdominalsegments, die Spitzen
der Beinscheiden liegen jederseits in einer Linie hintereinander, die
der beiden hinteren Paare überragen die Flügelscheiden, die Scheide
der Hinterbeine ist größtenteils von der Flügelscheide bedeckt, nur
an ihrer Spitze frei. Der Metathorax ist äußerst kurz.
Am Abdomen sind die 7 ersten Ringe gut entwickelt; jeder zeigt
oben eine Querreihe von dicken, rotbraunen Dornen, von denen die
des I.Ringes am längsten und an der Spitze etwas gekrümmt sind; an
den folgenden Ringen sind sie viel kürzer und gerade, werden aber
nach hinten zu allmählich wieder länger. An den Seiten und unten
werden diese Dornen durch weißliche Borsten ersetzt, welche eben-
falls je 1 Querreihe an jedem Segment bilden. Am 1. Hinterleibs-
ring liegen die Dornen relativ weit nach vorn, es sind deren ca. 13
vorhanden, während an den Seiten dieses Ringes, von den Dornen
getrennt, nur jederseits 3 Borsten vorhanden sind. Die Stigmen
liegen als braune Punkte nahe den Vorderrändern der Segmente;
es sind jederseits 7 erkennbar. Der 8. und 9. Hinterleibsring sind
schmäler, der 8. hat jederseits 4 weiße Borsten; das letzte Segment
ist hinten schief nach vorn und unten abgestutzt und trägt daselbst
jederseits oben einen rotbraunen Zahn, in der Mitte ein kurzes Zähn-
chen und unten ein braunes Wärzchen. Beim Ausschlüpfen der
Imago entsteht eine Längsnaht auf Kopf und Thorax, welche sich
hinten bis zum Metathorax erstreckt, vorn in einer Quernaht endet,
welche vor den Augen und etwas hinter den braunen Stirnzähnen
jederseits nach unten verläuft.
222 J- C. H. DE Meijkre,
Medeterus, ^) (Fig. 92—101.)
Die Larve fand sich den Winter über unter der Rinde gefällter,
von Borkenkäfern befallener Kiefern bei Hilversum. Im Freien
finden sich Anfang Mai noch Larven. Sie sind von zylindrischer
Gestalt und von weißer Farbe. Kopfskelet und Gräten sind schwarz ;
der Prothorax zeigt meistens vorn oben eine breitere und gleich
dahinter eine schmale braune Binde. Die stark entwickelten Warzen
des Gürtels an der Ventralseite sind größtenteils gelb. Das letzte
Segment ist etwas angeschwollen und trägt an der Spitze, nahe
der Ventralseite, 2 sehr kurze dreieckige Vorsprünge ; 2 mehr dorsal
gestellte, nocli kürzere, tragen an ihrer Unterseite die Hinter-
stigmen.
Der Kopf (Fig. 92—95) ist relativ kurz, bedeutend breiter als
lang; die Dorsalplatte hat median einen langen, an der Spitze etwas
nach oben gekrümmten Fortsatz. Die seitlichen Fortsätze sind kurz,
verschmälern sich sehr bald in schmale, über den Fühlern gelegene
Streifen, welche auch von brauner Farbe sind. Vor denselben liegen
die bogenförmigen Platten, welche mit ihren Schenkeln einerseits
die Oberkiefer, andrerseits die Basis der Maxillen berühren. Die
Oberkiefer sind einfach dolchförmig ; die Maxillen breit ; oben findet
sich nahe dem Außenrande der sehr kurze Taster, welcher von
einem nicht geschlossenen Chitinring gestützt wird. Die Wand des
Tasters ist zum Teil stärker chitinisiert und gebräunt.
Die V-förmige, tief ins Innere eindringende Unterlippengräte
ist etwas gebogen, die vordere Spitze erscheint als kurzer, besonderer
Abschnitt abgetrennt.
Die Fühler sind sehr kurz, sie bestehen aus einem scheiben-
förmigen, durch einen nicht geschlossenen Chitinring gestützten
Gliede, welches einige Sinnespapillen trägt; ein etwas größerer
1) Aus den Larven, welche ich im Winter und Frühjahr unter ßinde
gefällter Stämme, meistens unter Kieferrinde, sammelte, züchtete ich ver-
schiedene Arten dieser Gattung, nämlich ohsmrus Zett., cnuhigmis Zett.,
und tn'stls Zett.
Auch mir war es schon aufgefallen, daß sich die Larven, z. B. hinsicht-
lich der Gelbfärbung der ersten Thoracalringe, nicht ganz gleich verhielten.
Da ich erst später auf diese Unterschiede achtete , so sind vielleicht
kleine Verschiedenheiten an den Mundteilen übersehen und ist unsere Be-
schreibung zunächst als eine allgemeine Larvenbeschreibung für diese
Gattung zu betrachten.
Diptereu-Larveu und -Puppen. 223
Höcker wäre als rudimentäres 2. Glied zu deuten. Auch hinter und
vor dem Fühler lieg'en einige Sinnespapillen.
Die 2 Grätenpaare setzen sich bis zum Hinterrande des Pro-
thorax fort; das obere ist etwas länger als das untere; sie sind an
der hinteren Spitze dreieckig verbreitert, die Vorderenden sind
ziemlich breit voneinander getrennt. Die unteren Gräten sind fast
gerade, nur die Spitze ist etwas gebogen, aber wenig verbreitert,
sie sind ungefähr so lang wie der gebräunte Teil der Pharynxwand.
Der Prothorax ist bei dieser Art sehr deutlich in eine vordere,
kürzere und eine hintere Partie getrennt; die Dorsalseite der vor-
deren Partie ist fast ganz gebräunt, und ein solcher Streifen findet
sich auch am Vorderrande der hinteren Partie. Querschnitte lehren,
daß hier die mittlere Chitinlage braun gefärbt ist, dieselbe, welche
bei der Färbung mit Hämatoxylin blau gefärbt wird. Nach außen
hin liegt eine dünne glashelle Cuticula, nach innen zu eine breitere
fast farblose Schicht. Dahinter trägt diese Partie eine Anzahl sehr
kleiner braungelber Chitinringe, welche offenbar Sinnesorgane sind.
Die Warzengürtel (Fig. 96) sind bei dieser Art von komplizierter
Bildung. Sie zeigen vorn eine Querreihe von meistens 2— Szähnigen
Schuppen, welche in der Mitte unterbrochen ist; hier liegt eine mit
sehr feinen Wärzchen besetzte Eegion. Hinter dieser Querreihe
liegen eine Anzahl bogenförmig verlaufende Querreihen von größeren
Wärzchen und median ein mit 3—5 stumpfen Zähnen besetzter
Vorsprung.
Die Vorderstigmen sind äußerst klein ; sie liegen in einer ovalen,
etwas helleren Grube, ragen nur wenig vor und zeigen nur eine
Knospe am Ende der länglichen Filzkammer; auch die Hinterstigmen
(Fig. 98) sind wenig entwickelt; sie zeigen je 2 viereckige sitzende
Knospen neben einer rundlichen Stigmennarbe; die dreieckige Platte,
welche diese 3 Gebilde enthält, wird von einem Saum umgeben,
der am oberen Rande 4 einmal oder mehrfach gegabelte Sinnes-
borsten aufweist.
Charakteristisch ist auch die untere an der Basis des End-
segments gelegene Analöffnung (Fig. 97); diese hat die Gestalt
einer von einem breitovalen Hof umgebenen Längsspalte , welche
von einer Anzahl gruppenweise angeordneter, größerer und kleinerer
Wärzchen umgeben wird, wie aus Fig. 97 hervorgeht.
An der ebenfalls von Pekeis beschriebenen, ziemlich gedrungenen
Puppe (Fig. 99) sind besonders die Prothoracalhörner (Fig. 100)
auffällig. Diese sind hier von bedeutender Länge, zylindrisch, nach
224 J- C'. H. DE Meijere,
der Spitze allmählich verjüngt; die Spitze selbst verschmälert sich
bald, ist etwas gebogen und fällt auch durch ihre dunklere Farbe
auf; von Basis bis zur Spitze werden sie von der Hornfllzkammer
durchzogen, welche besonders in der distalen Hälfte durch innere
Chitinsäulchen gestützt wird. Die Hornfilzkaramer liegt der einen
Seite des Hornes unmittelbar an, sie ist im ganzen zartwandig, zeigt
keine besondere, gut begrenzte Tüpfel, man vermißt diese hier also
ebenso wie bei gewissen Tipulidenstigmen. Die Hornfllzkammer ist
relativ lang, doppeltgefaltet, innen von einem dichten, feinen Filz
bekleidet; auch die Stigmennarbe ist erkennbar.
Die Augeugegend ist durch eine leichte Facettierung, welche
aber viel weniger deutlich ist als bei Hilara, erkennbar. Der Scheitel
trägt 2 Chitinzähne, in deren Nachbarschaft 4 Borsten stehen. Die
verschiedenen Bezirke, welche sich an der Ventralseite in dem Drei-
eck, das seitlich durch die Scheiden der Vorderbeine begrenzt
wird, befinden, sind folgend erweise zu deuten : median liegt als drei-
eckiges Plättchen die Scheide des Labium, vor demselben als oben
wenig scharf begrenzter Teil von viereckiger Gestalt die Labial-
scheide ; zu beiden Seiten dieser Teile findet sich eine schmale stab-
förmige Scheide, welche der Maxille entspricht, und an der Außen-
seite letzterer die relativ breite und große Tasterscheide. Nach
hinten zu folgen auf diese Region median 3 Paar Plättchen, von
welchen die 2 vorderen die vorderen Hüftenpaare enthalten, wie ich
das an einer fast ausgebildeten, noch von der Puppenhaut um-
schlossenen Imago feststellen konnte; das 3. Paar von Plättchen,
welche von sehr geringer Größe sind, enthält die äußerste Basis des
Mittelschenkels. Diese 2 Plättchen finden sich bei den übrigen hier
besprochenen Orthorrhaphenpuppen nicht, so daß hier die Scheide
dieses Schenkelpaares nirgends an die Oberfläche tritt. An der
Außenseite der Vorderhüftenscheiden liegt je eine längliche Platte,
welche dem Vorderschenkel entspricht. Die Scheiden der distalen
Beinteile sind relativ lang; die Beinpaare liegen übereinander, die
Spitzen der verschiedenen Paare sind weit voneinander entfernt, die
Tarsenscheiden sind gegliedert; die Scheiden der Hinterbeine er-
reichen das Ende des vorletzten Körpersegments.
Das Abdomen zeigt an der Dorsalseite 8 Querreihen von nach
hinten gerichteten, starken, braunen Dornen (Fig. 101), je eines am
1. — 8. Segment. Die Gestalt dieser Dornen ergibt sich aus Fig. 101,
welche Figur gleichzeitig erkennen läßt, wie an der Basis bestimmter
Dornen die Sinnesborsten eingepflanzt sind.
Dipteren-Larven und -Puppen. 225
ThryptU'us smaragäimis Geest. (Fig. 102, 103.)
In seiner Beschreibnng der Metamorphose von Thryptkus sma-
ragdiniis, einer Dolichopodide, welche als Larve in Schilfhalmen rainiert,
hat LÜBBEN ^) den Bau der Mundteile dieser Larve nicht näher be-
rücksichtigt. Dieselben sind eben sehr eigentümlich, so daß die
Homologie der verschiedenen Teile doch nicht festzustellen gewesen
wäre, solange vergleichende Untersuchungen der Verwandten und im
allgemeinen der Orthorrhaphen-Larven fast ganz fehlten.
Da mir zunächst Dolichopodiden-Larven ganz fehlten, so war
Herr Dr. Lübben so freundlich, mir auf meine Bitte gleich ein paar
Thrypticns-ljRvyen zur Untersuchung zuzusenden. Erst später kamen
mir die Medeterus-ljSiYYen zu Gesicht und erfuhr ich, daß letztere
sich viel mehr den Empiden-Larven anschließen, während die Thrtjpticus-
Larve im Anschluß an ihre eigentümliche Lebensweise stark modi-
fiziert ist und als allgemeines Beispiel demnach viel weniger tauglich
ist. Ihre Verhältnisse sind trotzdem in anderer Hinsicht sehr der
Beachtung wert.
Der Kopf (Fig. 102, 103) ist außerordentlich kurz, bedeutend
breiter als lang, größtenteils farblos. An der Dorsalseite liegt als
Rest der Chitinbekleidung die unpaare Dorsalplatte, deren schmälerer
vorderer Teil vorn in einen kurzen Lappen, die Oberlippe, vorragt.
Am hinteren Ende der Dorsalplatte schließen sich die sehr langen
und dünnen, am hinteren Ende kaum etwas verbreiterten Metacephal-
stäbe an. Zu beiden Seiten der Dorsalplatte beobachtet man einen
kleinen, vorn offenen Chitinbogen. Die umfangreichsten Mundteile
bilden wieder die lappenförmigen Maxillen, welche dorsal je ein
kurzes, teilweise gebräuntes Tasterchen tragen; ventral findet sich
ein ähnliches Sinnesorgan. Sehr leicht erkennt man auch die gleich-
falls sehr langen und überall fast gleich schmalen Tentorialstäbe.
Mit ihren vorderen Enden articuliert ein hinten gegabeltes Chitin-
stück, welches vorn durch die sehr schmale Unterlippe umfaßt wird
und wohl einen Teil derselben bildet; die vordere Spitze der Unter-
lippe zeigt einen Zahn, an dessen Basis jederseits ein stumpfes
Höckerchen liegt. Es bleiben dann noch ein Paar stabförmige
Chitingebilde übrig, deren Vorderende ein Paar zahnartige Höcker
aufweist. Diese Gebilde sind wohl als die Oberkiefer zu deuten,
welche hier wahrscheinlich mehr funktionieren, als es bei den Dolicho-
1) Lübben, H., Thrypticus smaragdinus Geest, und seine Lebens-
geschichte, in: Zool. Jahrb., Vol. 26, Syst., 1908, p. 319—332.
Zool. Jahrb. XL. Abt. f. Sy.st. 15
226 J- ^'- H. DE MeIJERE,
podiden im allgemeinen der Fall sein dürfte. Dafür spricht
auch, daß sich zwischen ihnen und den Tentorialstäben ein kurz
stabförmiges Zwischenstück befindet, welches eine flügeiförmige Ver-
breiterung an der Außenseite der Unterlippenschenkel bildet, sie
also indirekt auch mit diesen gelenkig verbunden sind.
Die winzigen Fühler liegen jederseits dicht neben der Dorsal-
platte; sie sind farblos, lassen ein zylindrisches Glied erkennen, an
dessen Spitze sich ein kleines Knöpfchen befindet.
Dolichopus sp. (Fig. 116—124.)
Diese Larve fand ich zu Hilversum im Januar in Gartenerde
überwinternd. Sie ist weiß, ca. 8 mm lang, zylindrisch, das Vorder-
ende ist weniger zugespitzt als bei den Musciden-Larven. Außer
dem kurzen Kopf sind 11 Körperabschnitte erkennbar, am Pro-
thorax liegt jederseits am 2. Drittel das kleine Prothoracalstigma.
Vom 1. Abdominalsegment an finden sich an den Einschnitten ven-
tral schwache Wülste, welche Warzengürtel (Fig. 120) tragen, im
übrigen ist der Körper nackt und glänzend. Das letzte Segment
ist etwas angeschwollen und läuft in 4 kurze Spitzen aus, von
denen die oberen etwas kürzer sind als die unteren. Die kleine,
von diesen 4 kurz dreieckigen Läppchen umgebene, abgestutzte
Hinterfläche trägt oben die beiden kleinen Hinterstigmen; an der
Basis dieses Segments liegt ventral als Längsspalt der Anus.
Der Kopf (Fig. 116, 117, 119) ist breiter als lang, halbkreis-
förmig, ihre Haut nur sehi- unvollständig chitinisiert. Diese zeigt
sich dorsal als eine breite, schwarzgefärbte Platte, welche jederseits
3 Fortsätze aufweist; das hintere Paar ist schmal und von hellerer,
brauner Farbe, das mittlere kurz, am Ende zweilappig, das vordere
am Ende erweitert und bräunlich. Die Platte zeigt einige löcher-
artige hellere Stellen. An jeder Seite des Kopfes findet sich
ein sehr kurzer Fühler (Fig. 118) in der Gestalt eines Chitinhalb-
riüges, innerhalb dessen sich einige Zäpfchen befinden; von diesen
ist eins größer als die übrigen und trägt oben einen halbkugligen
Fortsatz, außerhalb des Halbringes liegen noch 1 Paar Sinnes-
kreischen. Die Oberlippe ist der direkte Fortsatz der Kopfplatte
und ist schmal dreieckig, oben mit einer Längsreihe von Höckerchen
versehen. Die Mandibeln sind beim lebenden Tier schwer erkenn-
bar, neben der Oberlippe sieht man braune Chitinstreifen, welche
aber nicht genügend ihren Zusammenhang erkennen lassen. Sie
Dilitereii-Larveu und -Puppen. 227
sind dolcliföriiiig; ihre Lage stimmt mit derjenigen bei Hüaya
überein.
Die Maxillen sind die am stärksten entwickelten Mundwerk-
zeuge: sie ragen als 2 Läppchen vor, welche länger als breit sind
und die Oberlippe zwischen sich lassen; jedes zeigt am Außenrande
ventral und dorsal je ein kurzes Zäpfchen, welches am abgestutzten
Ende einige Sinnespapillen aufweist. Eins dieser Zäpfchen, nach
Analogie mit Dioctriad-ds dorsale, ist als das Tasterrudiment zu deuten.
Von einer Unterlippe findet sich äußerlich kaum eine Spur;
innerlich zeigt sich an ihrer Stelle eine V-förmige, mit der Spitze
nach vorn gerichtete Chitinspange, welche hinten mit dem übrigen
inneren Chitinskelet des Kopfes in Verbindung stellt. Dieses wird
zunächst aus 2 oberen Chitingräten gebildet, welche vorn mit der
Kopfplatte articulieren ; zwischen ihnen hat diese hier einen kurzen
Gelenkhöcker. Hinten erstrecken sich diese Gräten bis weit in den
Mesothorax. Mehr der Ventralseite genähert liegen 2 etwas kürzere
Chitingräten, mit welcher sich die Schenkel des Unterlippengerüstes
verbinden.
Das Prothoracalstigma liegt am hinteren Drittel des Prothorax,
es ist sehr klein und entspricht einem Tüpfelstigma (Fig. 123) mit
nur einer einzigen Knospe.
Auch die Hinterstigmen (Fig. 121, 124) sind relativ klein, rund,
etwas gew^ölbt; sie zeigen 2 langgestreckt birnförmige Knospen,
welche der Filzkammer ungestielt aufsitzen.
Die Analspalte (Fig. 122) ist von einem dreieckigen Saum von
äußerst feinen Wärzchen umgeben; am Vorderrand des Dreiecks
bilden diese Wärzchen eine Reihe von Quergruppen.
Dergleichen Wärzchen kommen auch an den Wülsten vor, welche
sich je zwischen 2 Hinterleibssegmenten finden; hier finden sich in
der Mitte jederseits ca. 5 Quergruppen, an die hinterste schließen sich
nach außen hin noch einige Quergruppen an; unmittelbar davor
liegt eine schiefliegende Querreihe viel größerer, aber sehr kurzer
stumpfzahnförmiger Höckerchen, welche durch je eine Längslinie
voneinander abgetrennt sind.
An den 3 Thoracalsegmenten ist auch hier je 1 Paar Pleural-
organe erkennbar; sie bestehen hier aus je 3 kurzen, aber dicken
Borsten.
Die meisten Segmente zeigen an jeder Seite 2 schwach ver-
tiefte Linien, eben solche finden sich am Endsegment 9, eine zu
beiden Seiten der kleinen Klappen, eine jederseits der großen
15*
228 J- ^"'^ H. DE Meijere,
Lappen (die ventrale median liegende ist beiden gemeinsam)
nnd eine in der Mitte derselben.
Vom Ende des 1. bis zum 6. Hinterleibssegment ist zwischen
je 2 Segmenten ein kurzes Zwischensegment erkennbar, welches an
der Seite vorn und hinten von den benachbarten Segmenten etwas
überragt wird; es sind also 5 erkennbar. Diese Zwischensegmente
sind hier aber sehr kurz, zeigen im übrigen den benachbarten
Eingen gegenüber dieselbe Lage wie die Zwischensegmente bei
Thereva, wo sie die Länge der echten Segmente erreichen.
HiJnra niaura F. (Fig. 104—115.)
Die Larve von Hüara maura (Fig. 104) fand ich im Winter in
Gartenerde bei Hilversum; ich traf sie einzeln von Januar bis April;
sie ist weiß, von zylindrischer Gestalt, ca. 8,5 mm lang. Außer dem
Kopf zählt man 11 Körperringe, von denen der letzte in eine
kurze, nach oben gekrümmte, mediane Spitze ausläuft. Ventral zeigt
sich eine Reihe von Warzengürteln.
Der Kopf (Fig. 105, 106) ist breiter als lang. Dorsal wird sie
von einer nach vorn in 3 lange Fortsätze auslaufende Dorsalplatte
überdeckt; die mittlere Spitze ist am längsten und endet vorn in
der Oberlippe, die seitlichen sind kürzer, an der Spitze abgestutzt.
Sie verlaufen gerade oberhalb der Fühler. Die Dorsalplatte ist, wie
das übrige Kopfskelet, von rotbrauner Farbe, der hintere Saum ist
dunkler. Vor den seitlichen Schenkeln liegt je eine bogenförmige
Chitinplatte, in deren konkaven Seite die dolchförmigen Oberkiefer
eingelenkt sind. Von den Mundteilen sind die Unterkiefer am
stärksten entwickelt, sie bilden breite, nach vorn hin verschmälerte
Lappen, welche einen eingliedrigen Taster tragen.
Die Fühler sind kurz, sie bilden einen flachen Höcker, welcher
einige Sinnespapillen trägt und von einem vorn oben weit geöffneten
Chitinring gestützt wird. Die Schenkel der V-förmigen Unterlippen-
gräte sind etwas gebogen.
Von den inneren, zum Kopfskelet gehörigen Gräten sind die
2 oberen stabförmig, mit ihren Vorderenden einander genähert. Die
unteren sind am Hinterende dreieckig verbreitert, vorn ist sehr gut
erkennbar, daß sie einerseits mit den Hinterenden der V-förmigen
Gräte, andrerseits mit unteren Anhängen der Dorsalplatte articulieren.
Das braune Pharjaixskelet ist kürzer als das untere Grätenpaar.
Die Warzengürtel (Fig. 107, 108) sind aus stumpfen, wenig ge-
Dipteren-Larven und -Puppen. 229
färbten Warzen zusammengesetzt. Die vordere Keilie, welclie in
der Mitte unterbrochen ist, enthält beiderseits ca. 6 größere Warzen,
die alle voneinander getrennt sind; in der hinteren Reihe findet
man median 2 Warzen dicht nebeneinander, zu beiden Seiten ca.
6 bogenförmige Quergruppen von kleineren Wärzchen, in der inneren
Gruppe sind diese am größten.
Am Prothorax liegen die sehr kleinen Vorderstigmen (Fig. 110);
diese ragen nur ganz wenig vor und zeigen am distalen Ende der Filz-
kammer 2 kurze Knospen. Auch die am letzten Segment befindlichen
Hinterstigmen (Fig. 111) sind wenig kompliziert; man beobachtet an
ihnen je 2 längliche, sitzende Knospen; zwischen diesen liegt die
runde Stigmennarbe; die 3 Gebilde liegen in einem Viereck, welcher
von einem helleren Saum umgeben wird; dieser trägt 2 kleine
Sinnesorgane und ist am Kande, mit Ausnahme des unteren Teiles,
gewimpert. Das letzte Körpersegment zeigt einige Längsfurchen;
unten an der Basis liegt die Analöffnung als Längsspalte (Fig. 109),
welche von einem ovalen Hof umgeben ist; zu beiden Seiten dieses
Hofes und vor denselben liegen in Querreihen angeordnete Chitin-
wärzchen. Zwischen jedem der Hinterstigmen und der medianen
Spitze liegt je eine Gruppe von 3 kleinen Sinnespapillen, diese sind
dicht aufeinander gedrängt und von einigen Härchen, wie die
Wimpern der Hinterstigmen , umgeben ; auch die mediane Spitze
trägt ein Paar Sinnesorgane.
Die Puppe (Fig. 112) ist weißlich, fast 6 mm lang.
Die Puppenhaut ist von blaßgelber Farbe, der Hinterleib außer
an der Spitze wenig gefärbt. Die Fühlerscheiden sind ziemlich
lang, zylindrisch, gebogen, am Ende abgestutzt, daselbst in der
Mitte mit einem kurzen länglich-kegelförmigen, ungefärbten Vor-
sprung. In ihrer Mitte ist die Fühlerscheide (Fig. 114) an einigen
Stellen teils etwas erweitert, teils dünnwandiger, ist hier also gleich-
sam gegliedert. Unmittelbar hinter der Scheide liegt ein starker,
nach vorn gerichteter Zahn, welcher außen an seiner Basis eine
lange Borste trägt; etwas weiter nach hinten findet sich eine 2.,
noch etwas längere. Am üntergesicht findet sich jederseits ein
kleinerer zahnartiger Vorsprung, unter diesen wieder je eine Borste,
während weiter nach außen deren jederseits 2 vorhanden sind. Die
Augengegend zeigt zahlreiche kleine Kreise mit stark lichtbrechen-
dem Mittelpunkt, welche Kreise wohl mit den Facetten der Imago
korrespondieren. Die Rüsselscheide ist ziemlich kurz; die Puppe
zeigt hier, wenn man sie von der Seite betrachtet, nur eine geringe
230 J- t'. H. DE Meijere,
Wölbung; die Bedeutung- der verschiedenen Teile ergibt sich aus
Fig. 113. Der Thorax ist fast glatt; er trägt jederseits 5 lange Borsten-
haare. Das Prothoracalstigma (Fig. 115) ist sehr klein und unschein-
bar. Es bildet einen kurzen zapfenförmigen Fortsatz, an dessen Spitze
kaum etwas von gesonderten Tüpfeln wahrnehmbar ist. Die Stigmen-
narbe ist in gewöhnlicher Weise erkennbar. Die Flügelscheiden er-
strecken sieh bis zum 5. Hinterleibsring, gleichweit nach hinten, wie
die beiden inneren Beinpaare; das hintere Paar erstreckt sich noch ein
Segment weiter nach hinten. Die 8 ersten x4.bdominalringe besitzen
dorsal nahe dem Hinterrand einen Quergürtel von fast abwechselnd
längeren und kürzeren braunen Dornen (Fig. 113); die kürzeren sind
einfach zugespitzt, die längeren stabförmig und fein gezähnelt. Die sehr
kurzen Sinnesborsten sind an der Basis dieser langen Dornen ein-
gepflanzt. An den Seiten der Segmente finden sich je 3—4 längere
Haare nebst einigen kleinen Dörnchen. Die Ventralseite trägt vor den
Hinterrändern eine Reihe brauner Borstenhaare, ebenfalls mit ge-
zähnelter Oberfläche, welche an den hinteren Segmenten vollstän-
diger ist als vorn. Der schmälere 8. Ring hat oben eine Querreihe
von Dornen, wie die vorhergehenden, der letzte (9. Ring) hat jeder-
seits eine Reihe von 9 braunen, mäßig langen und mit Zähnchen
besetzten Dornen. Am Hinterleib sind die 7 Stigmen gut erkennbar.
Die Übereinstimmung zwischen der Hilara- und der Medeterus-
Larve ist eine so große, und wir kennen noch so wenige Vertreter
dieser beiden Familien im Larvenzustande, daß ein durchgreifendes
Unterscheidungsmerkmal der Larven dieser beiden Familien augen-
blicklich noch nicht anzugeben ist.
Bhamphonii/ia? (Fig. 125—127.)
Auch diese Larve fand ich in den ersten Monaten des Jahres
bei Hilversum in Gartenerde; ich erbeutete mehrere Exemplare in
geringer Entfernung voneinander in der Erde. Sie ist, wie die
vorhergehende, zylindrisch und von weißer Farbe. Darmkanal samt
MALPiGHi'schen Gefäßen grünlich durchschimmernd. Kopfskelet und
die Gräten sind von brauner Farbe; die Warzengürtel sind aus
winzigen Wärzchen zusammengesetzt und daher wenig auffällig;
das letzte Segment ist am Ende kuglig gewölbt, ohne Fortsätze.
Die Körperlänge beträgt ca. 5 mm.
Der Kopf ist sehr kurz, viel breiter als lang; er kann überdies
noch größtenteils in den Prothorax zurückgezogen werden. Das
Kopfskelet zeigt dasselbe Schema wie bei Hilara, aber die gefärbten
Dipteren-Larven und -Puppen. 231
Partien sind weniger scharf abgegrenzt. Die Dorsalplatte ist drei-
eckig, sie yerscliniälert sich nach vorn hin allmählich und endet
vorn in der wieder etwas verbreiterten, ungefärbten Oberlippe. Neben
dem Hinterende der Dorsalplatte liegt jederseits ein vor dem Fühler
verlaufender brauner Streifen. Die Fühler sind relativ stark ent-
wickelt ; rings um die Basis findet sich ein vorn weit offener Chitin-
bogen, welcher ein deutlich 2gliedriges Gebilde umgibt. Ein ähn-
liches kommt auch bei den Fühlern anderer Empididen bzw. Doli-
chopodiden vor, ist hier aber bedeutend kleiner. Die beiden Kiefer-
paare sind in gewöhnlicher Weise vorhanden, desgleichen die V-
förmige Unterlippeuspange.
Die Grätenpaare sind lang, das obere ragt bis in den vorderen
Teil des Mesothorax; die oberen Gräten sind länger als die unteren,
sie sind gerade, nach hinten mäßig divergierend, am hinteren Ende
etwas verbreitert; die unteren Gräten sind gerade, länger als der
gebräunte Teil der Pharj-nxwand.
Der Prothorax ragt oben am Vorderrande etwas kragenartig
vor. An der Yentralseite des Körpers beobachtet man 7 Warzen-
gürtel, von denen der 1. am Vorderrand des 1. Abdominalsegmentes
liegt. Die Gürtel (Fig. 125) bestehen aus einer vorderen, in der
Mitte breit unterbrochenen Querreihe von Schuppen mit stumpf
gezähneltem Hinterrand ; darauf folgen nach hinten zu bogenförmige
Querreihen von sehr kleinen Wärzchen sowie in der Mittellinie
einige Schüppchen mit aus solchen Wärzchen gebildetem Hinter-
rand. Da alle diese Wärzchen farblos sind, so sind die Gürtel
sehr wenig auffällig.
Die Vorderstigmen sind äußerst klein; die Hinterstigmen
(Fig. 127) sind von mäßiger Größe, sie liegen in einem ovalen, brau-
nen Felde, welches am Eande 4 Sinnespapillen zeigt; das Stigma
selbst sieht wie ein Zahnrad aus; die Filzkammer scheint sich in
mehrere Äste zu teilen, welche je einige Knospen tragen; alle diese
Knospen liegen aber in einem Kreise, in welchem die benachbarten
Äste der Filzkammer miteinander in Verbindung treten. Die
kleine, rundliche Stigmennarbe liegt dem inneren Rande des Kreises
an. Dicht neben den Hinterstigmen liegen einige Sinnespapillen und
2 auf braunen Fleckchen eingepflanzte Börstchen. Sehr kleine Sinnes-
organe in Gestalt eines Ringes beobachtet man auch anderswo am
Körper.
Die an der Basis des letzten (11.) Segments befindliche Anal-
spalte (Fig. 126) ist langgestreckt, bräunlich, mit dicht gelagerten
232 J- C. H. DE Meijere,
äußerst kurzen Härchen besetzt ; sie liegt in einem eben angedeuteten
ovalen Hof.
Von dieser Art und dem JDolicJiopus gelang mir die Zucht nicht.
Die Bestimmung stützt sich auf spätere Zuchten verwandter Larven.
Sijf^phus Mfasciatus F. (Fig. 128—132.)
Schon seit mehreren Jahren war mir eine sich von Aphiden
ernährende Syrphiden-Larve bekannt, welche durch ihre flache Gestalt
sich vom gewöhnlichen Typus der >SyrpÄt*s-Larven entfernt. Ich
fand diese auf verschiedenen Pflanzen, Urtica dioica, Lonicera-Arten
in Gärten, Crataegus, Prunus zwischen Aphiden, in den Monaten
Juni und Juli. Die Tiere waren bald nachher, also schon früh im
Sommer, meistens im Juli erwachsen; meine Hofi'nung, bald die
Imagines kennen zu lernen, wurde aber getäuscht, weil es sich
ergab, daß sie im Larvenstadium den ganzen Winter verbringen
und überdies keine starke Konstitution besitzen. Wenigstens gelang
mir die Zucht mehrere Jahre hindurch nicht, die Larven gingen
meistens in den ersten Monaten des Jahres zugrunde, wenn sie nicht
schon vorher entweder vertrocknet oder verschimmelt waren. Als
ich sie im Jahre 1911 wieder in größerer Anzahl auf Prunus
domestica L. auffand, machte ich nochmals den Versuch; ich ver-
teilte die Larven auf mehrere Gefäße, hielt einige feuchter, einige
trockener, einige auf Erde, andere auf Torfmulm und hatte das
Vergnügen, zunächst daß mir noch im selben Jahre ein Exemplar
die Imago lieferte; das Exemplar, 1 $, erschien am 20. August 1911
und ergab sich als Sijrphus Ufasdatm F. Endlich, im Winter 1912/13,
gelang mir die Überwinterung. Ein bis April draußen lebend gehal-
tenes Exemplar brachte ich dann ins Zimmer und hielt den Torf-
mulm im Tumbler sehr feucht. Das Exemplar änderte öfters seine
Stelle, blieb aber immer an der Glaswand oberhalb des Torfmulms und
verpuppte sich Ende April gegen der Glaswand. Die Imago erschien
ca. 14. Mai 1913.
Die Larve (Fig. 128) ist, wie man sie zwischen den Blattläusen
findet, von schöner grüner Farbe, matt, hin und wieder mit winzigen
helleren Fleckchen, das Mittelfeld ist etwas heller, aber nicht scharf
abgetrennt. Das Tier ist breiter und flacher als die gewöhnlichen
/S«/r^/ms-Larven, die Mittellinie tritt ziemlich stark kielförmig her-
vor. Die vorderen Einge sind zurückziehbar, so daß in der Ruhe
der Metathorax das Vorderende des Körpers bildet; in diesem Zu-
stande beobachtet man 9 Körpersegmente; der Seitenrand zeigt einen
Dipteren-Larven nnd -Pnppen. 283
etwas welligen Verlauf und eine Reihe von sehr kurzen Fortsätzen
von dornartig-er Gestalt (Fig. 130), welche die Sinnespapillen dar-
stellen, wie sie bei den Dipteren-Larven vielfach vorhanden sind. Der
Metathorax zeigt am Vorderrande eine Reihe von 6 solchen Papillen ;
an den Seitenrändern der 7 folgenden Segmente findet man deren
jederseits 2 obere hintereinander und eine mehr nach unten; das
letzte Segment hat deren jederseits nur 1, in der Nähe seines Vor-
derrandes. Auf diesem Segmente befinden sich auch die beiden
Stigmen unmittelbar nebeneinander als ziemlich lange Zapfen auf
einem kurzen gemeinsamen Basalstück; sie sind von brauner Farbe
und tragen auf ihrer rauhen Spitze je 3 lange, schmale Knospen,
von denen 1 nach außen, 1 nach vorn und 1 nach hinten gerichtet
ist (Fig. 132). In der Ruhe ist das Tier ca. 11 mm lang. Auf der
Oberseite zeigen sich 6 Reihen kurze stabförmige Papillen ; überdies
ist diese Fläche, namentlich in der Nähe des Randes, grob gekörnelt.
Am vorderen Körperende ragt jederseits ein Sinneszapfen her-
vor, welcher auch hier wohl Antenne -f- Maxillartaster repräsentiert.
Jeder Zapfen endet mit 2 schwarzbraun gerandeten Vorsprüngen, von
denen der innere sich durch das kurze Endknöpfchen als Antenne
kundgibt. Außenwärts von diesem Zapfen findet sich am Rande ein
schwarzer, nach hinten gerichteter Chitinzahn. Das Schlundgerüst
ist ziemlich massiv. Die mit der Unterlippe vergleichbaren Teilen
sind gerade, in eine Spitze ausgezogen ; sie tragen weit vor derselben
unten einen kurzen Zahn.
Die Vorderstigmen sind von ovaler Gestalt; sie zeigen je
8 längliche Wölbungen (sitzende Knospen) nebeneinander. Dicht hinter
denselben findet sich, etwas mehr nach außen, wieder eine Papille.
Wie gesagt, sind diese Larven bisweilen schon im Juni, meistens
im Juli erwachsen, sie entleeren sich dann eines schwarzen Kotes und
suchen sich eine Stelle für ihre vielmonatliche Ruhe. In den Gefäßen
blieben sie entweder auf den trockenen Blättern oder krochen an
die Glaswände und saßen in beiden Fällen ihrer Unterlage enge
angeschmiegt. Oftenbar lieben sie die Feuchtigkeit nicht sehr.
Wurde dieEi;de angefeuchtet, so daß auch die Blätter feuchter wurden,
so krochen sie noch im Dezember von diesen auf die Glaswände,
um trocknere Stellen aufzusuchen. Ihre Farbe hat sich, als sie
in das Ruhestadium eintraten, bald geändert, sie wurden schmutzig
braun, öfters etwas rötlich, bisweilen war die Farbe ein schmutziges
Grün, die Dorsalseite zeigt hellere Fleckchen, die Mittellinie ist
schmal weißlich.
234 J- C. H. DE Meijere,
Das Puparium ist ca. 7 mm lang-, von bräunlicher Farbe, nur
etwas glänzend, ohne besondere Fortsätze, die Oberfläche fein ge-
körneltwie bei der Larve; es unterscheidet sich von den gewöhnlichen
Syrpkus-P]i\)a.vien dadurch, daß das hintere Körperende etwas breiter
und in der Mitte deutlicher gekielt ist; auch ragen die Hinterstigmen
weiter vor (ca. 1 mm).
In meinem Garten zu Rilversum erbeutete ich im April 1918
schon ein 3" dieser Art; dieses war also schon einige Wochen früher
erschienen als das von mir überwinterte Exemplar.
Si/rjyJius veatistiis Meig. (Fig. 133.)
Von der Larve dieser Art möge hier eine Abbildung publiziert
werden. Ich fand die Larve einige Male im Winter bei Hilversum
zwischen am Boden liegenden Blättern. Sie ist mattgrünlich schw^arz
bis graubraun, durch zahlreiche kleine hellere Flecken marmoriert,
ca. 1 cm lang. Durch die seitlichen Körperfortsätze ist sie von den
gewöhnlichen Syrphus-Ij-a.rYen zu unterscheiden. Das Puparium ist
mattschwarz, z, T. hell marmoriert, von der gewöhnlichen Gestalt.
Auch dieses ist durch die Fortsätze am Eande und, wie die Larve,
namentlich durch die zu beiden Seiten der Hinterstigmen befindlichen
Fortsätze charakterisiert; diese sind doppelt so lang wie das
Stigmenhorn.
Pijiunculidae. (Fig. 134—145.)
Über die Larven und Puparien der Pipunculiden ist bis jetzt
nur relativ wenig bekannt geworden. Seit längerer Zeit wissen
wir, daß die Larven in Cicadellinen parasitieren, genauere Angaben
über ihren Bau lagen aber bis vor kürzerer Zeit kaum vor. Am
ausführlichsten sind sie von Peekins^) beschrieben worden, welcher
mehrere Arten aus Hawaii und Australien gezüchtet hat. So wert-
voll seine Angaben auch sind, so läßt er doch einige Punkte unent-
schieden, welche für die Verwandtschaftsbeziehungen dieser Gruppe
von Interesse sind. Perkins hatte die große Freundlichkeit, mir
von dem von ihm gesammelten Material mehreres zuzusenden, und
weiter lag mir auch einiges aus Europa vor, was ich teils von
1) Peekins, R. C. L., Leaf-Hoppers and their natural enemies, Pt. 4
Pipunculidae, in: Report exper. Stat. Hawaiian Sugar Planters Assoc,
Bulletin No. 1, Part 4. — Hier findet sich auch die wenige vorliegende
Literatur zusammengestellt.
Diptereu-Larveii niul -Puppeu. 235
dem leider verstorbenen jungen holländischen Entomologen Herrn
BiEEMAN erhielt, teils selbst gesammelt hatte. Ich möchte dieses
Material im besonderen dazu benutzen, die Mitteilungen von Perkins
in einiger Hinsicht zu ergänzen.
Als Larve konnte ich ein mir am 3. Oktober 1908 aus Typhlo-
cyba ausgekrochenes Exemplar untersuchen. Die Larve war offenbar
erwachsen und im Begriff sich in ein Tönnchen umzubilden, als ich
sie konservierte; sie hatte schon dessen ovale Gestalt angenommen,
war vorn etwas breiter als hinten, schmutzig weiß, kaum etwas
glänzend. Am Hinterende liegen die beiden Stigmen auf einem
gemeinsamen abgerundet dreieckigen Plättchen, je in der Nähe eines
der Seitenecken. Das Plättchen ist tief schwarz, oben durch eine
gebogene, unten durch eine fast gerade Linie begrenzt; die Stigmen
bilden 2 hellbraune Fleckchen auf demselben, das eine zeigt 3, das
andere 4 ovale, fast sitzende Knospen (Fig. 137). Ein solches ge-
meinsames Stigmenplättchen scheint für die Pipunculiden charakte-
ristisch zu sein, denn man beobachtet ein solches auch in Peekins'
Abbildungen, seine Gestalt ist aber bei den verschiedenen Arten
sehr verschieden ; die beiden Stigmen liegen immer weit auseinander
und sind relativ klein, bei einigen Arten sind sie durch eine schmale
Brücke miteinander verbunden. Falls bei Syrphiden oder Museiden
eine einzige Stigmenplatte am Hinterende vorhanden ist, so berühren
die beiden Stigmen oder ihre Träger einander unmittelbar, bei
den Pipunculiden zeigt aber die Platte keine Spur einer Zweiteilung
in der Medianlinie. Was die Stigmen selbst anlangt, so sind auch
in Peekins' Figuren je ca. 3 Knospen bemerkbar; bisweilen, so bei
P. cruciata (Perkins, tab. 7, fig. 7) ist eine der Knospen mehr als
gewöhnlich von den anderen gesondert.
Unter dem Stigmenplättchen liegt die Analöffnung. Die Vorder-
stigmen (Fig. 130j sind sehr klein, sie bilden kurze Zapfen, an
deren oberem Ende man 5 festsitzende Knospen beobachtet. Sie sind
von brauner Farbe. Die Körperhaut des Tierchens ist fast glatt,
ohne Zähnchen, nur mit einem sehr feinen Netzwerk von Linien;
sie ist farblos und überhaupt zart. Die Sinnespapillen zeigen sich
als relativ große, etwas ovale Kreise mit stark lichtbrechendem
Mittelpunkt. Ihr längster Durchmesser beträgt ca. 0,03 mm.
Das Schlundgerüst (Fig. 134) ist klein, bräunlich gefärbt. Die
beiden Mundhaken zeigen keine Sekundärzähne, sind aber namentlich
an der Innenseite mit mehreren kurzen, stumpfen Zähnchen ver-
sehen. Nach hinten schließt sich an dieselben das Schlundgerüst in
236 J- <"'• H. DE Meijere,
der Gestalt zweier vertikal gestellter Platten an, welche hinten in
je einen oberen und unteren Fortsatz auslaufen.
Jederseits am Kopfe finden sich der Fühler und das gewöhnlich
als Maxillartaster gedeutete Sinnesorgan in unmittelbarer Berührung;
der Fühler besteht nur aus einem kleinen rundlichen Gliede, welches
etwas länger als breit ist. Das Vorderende des Kopfes oberhalb
der Fühler ist mit farblosen spitzen Wärzchen besetzt.
Eine am 5. Juli 1912 gleichfalls in Hilversum in einer Jasside
aufgefundene Pipunculiden-Larve gehörte offenbar einer anderen Art
an. Die Vorderstigmen (Fig. 138) zeigten bei ihr 5 ovale Knospen
in einem Kreis angeordnet, die Hinterstigmenplatte (Fig. 139, 140)
war bedeutend schmäler, von gelber Farbe ; an jeder Seite befand
sich wieder ein Stigma; jedes derselben enthielt 3 fast sitzende
Knospen. Die Platte zeigte am oberen Rande 2, am unteren 1
schwarzen Punkt, diesen Punkten entsprechen nach innen zu schwarze
Chitinfortsätze. Der After war bei dieser Art als kurzer, gelappter
Trichter ausgestülpt.
Von den Puparien interessierte mich im besonderen die Weise,
wie sich dasselbe beim Ausschlüpfen der Fliege öffnet, weil ich
gerade daraufhin auch andere Dipteren - Familien untersucht hatte.
Gelegentlich dieser Untersuchungen ^) gab ich auch einige Mit-
teilungen bezüglich Chalarus Walk., Ateleneura Macq., und sagte,
daß sich hier am vorderen Pol 5 Stücke lösen, zunächst unterseits
eine länglich ovale Platte (^1), welche die Mundöffnung und die
beiden Prothoracalstigmen der Larve trägt; dann oberseits ein läng-
liches Stück (^), welches durch eine trapezförmige Platte (C) von dem
unteren Deckel getrennt erscheint. Zu beiden Seiten derselben findet
sich dann noch je eine Platte von unregelmäßiger Form (Dj und D.^).
Zwischen dem oberen Deckel und je einer der seitlichen Platten
treten die kleinen Prothoracalhörner der Puppe nach außen. Über
die Beziehungen dieser verschiedenen Platten zu den Segmenten
habe ich damals nichts angegeben, eben weil diese Frage hier, und
wie ich beobachtet habe, bei den Pipunculiden überhaupt, nicht leicht
zu entscheiden ist. Die Segmentgrenzen sind bei den Puparien der
Pipunculiden im allgemeinen wenig deutlich, die bei Museiden z. B.
vorhandenen Wärzchengürtel am Vorderrand derselben sind nicht vor-
handen, und die Segmente sind in ihrer ganzen Oberfläche fast gleich-
1) DE Meijere, Über die Larve von Lonchoptera, in: Zool. Jahrb.,
Vol. 14, Syst., 1900, p. 12:3.
Dipteren-Larven und -Puppen. 237
artig beschaffen. Dazu kommt, daß sich öfters sekundäre Querlinien
ausbilden, welche den als Segmentgrenzen zu deutenden feinen
Linien täuschend ähnlich sind und die Entscheidung sehr schwierig
machen. Bei einigen Arten zeigen sich die Hinterleibssegmente
durch je 2 solche sekundäre vertiefte Linien in 3 fast gleichlange
Teile zerlegt. Bei dem Zählen der Ringe, welche die abgeworfene
Platte zusammenstellen, ist man deshalb, außer auf einige be-
stimmte Anhänge, z. B. der Vorderstigmen, auf die Lage der Sinnes-
papillen angewiesen, von denen jeder Ring eine Querreihe besitzt.
Auch bei den Teilen des Pupariums sind diese bei stärkerer Ver-
größerung erkennbar; sie sehen wie kleine Kreise aus, welche durch
radienartig verlaufende Linien in Felderchen verteilt sind. Auch
die Umgebung dieser Kreise, wie überhaupt die ganze Oberfläche
dieser Platten, ist fein gefeldert, aber weniger regelmäßig, und es
zeigen die Felderchen hier keine solche sternförmigen Anordnungen
rings um einen Zentralpunkt. So gelang es mir auch, die Zusammen-
stellung der Platten von Chalarus festzustellen. Die große Platte A
besteht aus 5 konzentrischen Halbringen, welche dem L, IL, IIL Thoracal-
ring und dem 1. und 2. Abdominalring angehören ; vom 2. erhält sie
aber nur einen ganz schmalen vorderen Saum. Die Platte B ent-
hält nur Teile des 1. und des 2. Hinterleibsringes, desgleichen die
Platten D^ und Dg, welche sich überhaupt als seitlich abgetrennte
Stücke der Platte B verhalten. Die Platte C enthält einen sehr
schmalen Teil des Prothorax, sie besteht größtenteils aus Abschnitten
des IL und des III. Thoracalringes. Die Figg. 144 und 145, auf denen
das Vorderende des Pupariums von vorn und von der Seite abge-
bildet ist mit Angabe der Trennungslinien (die der Platten in voll-
ständigen Linien, die der Segmente in punktierten Linien), werden die
Verhältnisse leicht verstehen lassen.
Eine vollständige Trennung, wie bei Chalarus, scheint bei Pipun-
culus nicht vorzukommen. Peekins gibt bei den von ihm unter-
suchten Arten nur 2 gelöste Platten an, eine dorsale, trapezförmige,
w^elche die beiden durchbrechenden Hörner (die Prothoracalhörner der
Puppe) trägt, und eine größere, fast halbkugelförmige, ventrale;
beide sind bisweilen unvollständig gelöst. Dasselbe Verhalten traf
ich auch bei den Puparien europäischer Arten; die 2 betreffenden Teile
sind in Fig. 141, welche das geöffnete Puparium einer dieser Arten, von
der Seite gesehen, darstellt, gut erkennbar. Die dorsale Platte ist
in Fig. 143 bei oberer Ansicht abgebildet, man erkennt die Öffnungen
für die durchbrechenden Hörner (ein Hörn ist eingezeichnet), die
238 J- t'- H. BE Meijere,
die beiden Löcher verbindende Linie stellt eine SegmentgTenze dar,
die übrigen Längslinien sind nur sekundäre Falten ; im oberen Teile
der Platte bemerkt man eine Querreihe von Sinnespapillen. Es er-
gibt sich, beim Vergleich mit Chalarus, daß diese Platte mit dem
Komplex D^ -{- B -\- D^ von letztgenannter Gattung identisch ist,
womit auch die Stellung der Hörn er übereinstimmt. Desgleichen
ist die große gebogene Platte als den Platten A-\-C von Chalarus
homolog zu betrachten; in Fig. 142 ist sie von vorn gesehen dar-
gestellt und beobachtet man deutlich eine Trennungslinie, welche
knapp über die Larvenvorderstigmen hinweg verläuft und als der
Trenuungslinie zAvischen A und C homolog zu betrachten ist; nur
scheint hei Pipunculus hier die Trennung meistens nicht vor sich zu
gehen; ob dies aber bei Chalarus immer der Fall ist, ist fraglich.
Es würde aus obigem hervorgehen, daß von den beiden Pipunculus-
Platten die obere aus dem 1. Abdominalring und einem schmalen hinteren
Saum des 2. besteht, während die große untere Platte die 3 Thoracal-
ringe ganz und vom 1. und 2. Abdominalringe die übrigen Halb-
ringe (den 1. in vollständiger Breite, von dem 2. nur einen schmalen
Saum) enthält. Wenn mau das hier beschiiebene Verhalten mit dem
von mir in der zitierten Arbeit über Lonchoptera für andere Cyclor-
rhaphen angegebenen Verhalten vergleicht, so findet man mit keiner
derselben Übereinstimmung. Die Trennungslinie zwischen C und A,
bzw. D und A wäre als die horizontale Naht der Eumyiden zu be-
trachten, aber bei diesen liegen die Vorderstigmen dorsal, bei Pipun-
culiden ventral von derselben. Auch die vertikalen Nähte entsprechen
einander nicht, denn diese liegt bei Eumyiden im Anfangsteile des 1.,
bei Pipunculiden im Anfangsteile des 2. Abdominalringes. Bei
Eumyiden befinden sich die Stigmenhörner hinter der abgeworfenen
Platte am übrig bleibenden Teil des Pupariums, bei Pipunculiden
an der abgeworfenen Platte.
Ebensowenig findet sich indessen Übereinstimmung mit dem
Verhalten der Syrphiden, denn hier verläuft die horizontale Naht
unter den Vorderstigmen, und von vertikalen Nähten findet sich hier
eine dorsale im Metathorax, welche zur Not mit derjenigen zwischen
Metathorax und 1. Abdominalring von PipuncuUts zu identifizieren
wäre, und überdies eine schief durch die ersten 3 Abdominalringe
gehende, welche bei Pipunculiden gar kein Analogon besitzt.
Mit dem Verhalten der Phoriden und der Platypeziden, wo nur
horizontale oder, wie bei einigen Phoriden, sagittale, also immerhin
nur Längsnähte vorhanden sind, zeigt sich überhaupt keine nähere
Dipteren-Larven und -Pnppen. 239
Übereinstimmung-, so daß wir die Spreugungsweise der Pipnnculiden
als eine eigene zu betrachten haben.
Icli möclite hier noch eine Bemerkung hinzufügen über das
eigentümliche Papai'ium des australischen Pipuncukis cinerasceus
Perkins. von welchen Perkins angibt, daß das Puparium, entgegen
dem Verhalten der übrigen, in die Erde gehenden Arten, sich frei
auf Baumblättern (Melaleuca) findet. Dieses Puparium zeichnet sich
nicht nur durch eine deutlicher gekörnelte Oberfläche aus, sondern
auch die Stigmen zeigen eigentümliche Verhältnisse. Die schwarze
Platte am Hinterrande ist groß und tief und trägt jederseits 3 Höcker,
von denen nach Perkins fig. 9, tab. 7 der obere die 3 Tüpfel trägt,
w^elche von schmaler Gestalt sind. Da, wo man die vorderen
Stigmenhörner erwarten würde, zeigt sich jederseits ein großer
Höcker, w^elcher an seiner Spitze einen feinen dornartigen Fortsatz
trägt. Perkins läßt unentschieden, ob letzterer oder ob der ganze
Höcker das Stigmenhorn repräsentiert. Ich habe mich überzeugen
können, daß ersteres der Fall ist. Der große Höcker bildet die un-
mittelbare Fortsetzung der larvalen Hautschicht, ist wie diese, nur
noch etwas gröber, schuppig und von rotbrauner Farbe; aus seiner
Spitze ragt das relativ dünne, braungelbe, fast gerade und stab-
förmige Stigmenhorn hervor, nur am oberen Ende desselben findet
sich eine Anzahl Tüpfel von ovaler Gestalt.
Di'oso^jhila obscura Fall. (Fig. 146—147.)
Von dieser Art erhielt ich von Fräulein Dr. N. de Eooy eine
Anzahl Larven, w^elche zu Alphen a. Rhein (Dezember, 1909) auf
Gefäßen mit gärendem Johannisbeerenwein gefunden waren. Die
Larven ernährten sich von dem gärenden Safte und den ausge-
preßten Resten der Johannisbeeren und ergaben bei weiterer Zucht
diese in Holland nur wenig beobachtete Art.
Die Larve ist 5 mm lang, weiß, zylindrisch, nach vorn hin
allmählich etwas verschmälert, hinten quer abgestutzt, mit Quer-
gürteln kleiner spitzer Wärzchen am Vorderrande der Segmente.
Mundhaken (Fig. 146, 147) schwarz, ziemlich groß und stark, unge-
zahnt. Vorderstigmen mit 11 fingerförmig verlängerten Knospen,
die Finger von etwas ungleicher Länge, ca. 7 fast gleichlang, die
übrigen mehr oder weniger verkürzt, der längste ca. 0.075 mm, das
ganze Stigma einziehbar. Hinterstigmen auf zylindrischem, mit
feinen spitzen Wärzchen besetztem Zapfen, w^elcher sich im oberen
Teile gabelt; jede Zinke trägt auf der Spitze ein Hinterstigma,
240 J- ^' H- DE Meijeee,
welches von einem zurückgeschlagenen Härchenkranz umgeben ist
und 3 sitzende ovale Knospen trägt.
Auch dieser Zapfen kann ganz zurückgezogen werden. Oben
au der Wurzel finden sich 2 und zu beiden Seiten des Zapfens 4
etwas länger behaarte konische Fortsätze.
Das Pu pari um ist 3,5— 4 mm lang, hell bräunlich-gelb, etwas
glänzend, dünnwandig; das Vorderende ist schief nach vorn abge-
stutzt, an den beiden Ecken des gerade abgestutzten Vorderrandes ragen
die fingerförmigen Fortsätze der larvalen Vorderstigmen nur ganz
wenig hervor. Das Hinterende zeigt den zapfenartig vorragenden,
an der Spitze gegabelten Hinterstigmenträger, neben demselben
jederseits 2 sehr kurze und weiter nach unten jederseits 2 etwas
längere Läppchen.
Die Metamorphose von DrosophUa funehris wurde seinerzeit von
Heeger (in: SB. Akad. Wiss., Wien, math.-naturw. Cl., Vol. 31, 1858,
No. 20, p. 305), neuerdings von Unwin (in : The vinegarfly, in : Trans,
entomol. Soc. Londou, 1907, p. 285 — 302) untersucht. Nach beiden
unterscheidet sich die Larve derselben durch den unten hinter der
Spitze mit 2 sekundären Zähnchen besetzten Mundhaken (nach
Unwin's fig. 2 steht der 2. weit nach hinten). Am Hinterende
finden sich nach Unwin's fig. 1 jederseits 3 gleichgroße konische
Vorsprünge.
Bei den Puparien treten die Vorderstigmen der Larve stark
hervor und tragen am Ende die fingerförmigen Fortsätze in
der Gestalt eines strauchähnlichen unregelmäßigen Büschels. Nach
Heegeks Figuren nehmen die Fortsätze bei den Larven jederseits
von der Mitte des Stigmas allmählich an Größe ab, was auch
mit Unwin's Abbildungen der Puparien übereinstimmt. Heegee
spricht von 18 Fortsätzen, in Unwin's fig. 8 zähle ich deren 15;
die Zahl mag etwas variieren, ist aber immerhin größer als bei
ohscura. Unwin's fig. 3 mit 11 Fingern bezieht sich auf eine Larve
des vorletzten Stadiums. Daß diese Stigmen, welche auch bei der
Larve vorstreckbar sind, erst bei der Puppe funktionsfähig werden,
darin stimme ich nicht mit ihm überein.
Diese Puparien zeigen auch eine ganz andere Färbung, sind
von mehr rotbrauner Farbe. Die Hinterstigmen liegen bald dicht
gegeneinander, bald divergieren sie und bilden eine kurze Gabel.
Ich habe diese Art auch aus konzentrierter salziger Flüssigkeit,
welche sich auf Einmachegefäßen befand, gezogen ( Waega tee Haar
leg. 1897).
Diptereu-Larveu und -Puppen. 241
Einen Beweis der großen Widerstandsfähigkeit der Drosophüa-
Larven gibt die kiirzlicli erschienene Mitteilung Schülze's ^), daß
eine große Anzahl DrosopJula ruhrostriata Beck, sich in Blechgefäßen
entwickelt hatten, welche in Formol konservierte Herero- und
Hottentottenköpfe enthielten. Selbst nachdem dieses Material mit
reinem Formol Übergossen war, lebten hierin die Larven weiter.
Auch über die Biologie weiterer Drosophüa-Arten ist in diesem Auf-
satz einiges zusammengefaßt.
Wie bei Drosopkila melanogaster Meig. (== ampelophila Loew)
findet sich auch bei dieser Art ein geschlechtlicher Dimorphismus
in der Bewaffnung des Vordertai'sus. Das ^ zeigt am 1. Tarsen-
gliede außen eine Längsreihe von 7—8 kurzen schwarzen Dornen;
eine ebensolche ist am 2. vorhanden. B. melanogaster zeigt nur die
des Metatarsus.
IL Allgemeiner Teil.
1. Zur Kenntnis der Dipteren -Larven.
a) Kopf bau.
Der Kopf bau ist bei den Dipteren-Larven ein sehr verschieden-
artiger. Bekanntlich ist schon bei den Nematoceren der Kopf nicht
immer frei, das offenbar ursprünglichste Verhalten des freien Kopfes
findet sich bei den Familien, welche Beauer nach diesem Larven-
charakter als Eucephala zusammengefaßt hat, d.h. bei den Myceto-
philiden, Bibioniden, Chironomiden, Culiciden, Blepharoceriden,
Simuliiden, Psj'chodiden, Ptychopteriden, Rhyphiden. Doch ist auch
unter diesen die Ausbildung dieses Kopfes im einzelnen eine recht
verschiedenartige, und es zeigt sich auch, daß keine einheitliche
Entwicklungsreihe festzustellen ist, sondern daß jedes Organ für sich
zu betrachten ist und bald das eine, bald das andere in der Ent-
wicklung bzw. Reduktion, welche hier auch eine bedeutende Rolle
spielt, vorausgeeilt ist. Obgleich von mehreren Arten genaue
Detailbeschreibungen vorliegen, welche auch die spezielleren Ver-
hältnisse der Muudteile usw. enthalten, so ist auf eine vergleichende
Phylogenie noch nicht eingegangen worden, und ich will hier ver-
suchen, nach dem allerdings noch nicht umfangreichen von mir
untersuchten Material die Hauptzüge einer solchen zusammenzustellen.
1) Schulze, P., Entwicklung von Drosophila rubrostriata Beckee in
Formol ; ein Beitrag zur Kenntnis der Lebensweise der Drosophilalarven,
in: Zool. Anz., Vol. 39, 1912, p. 199.
Zool. Jahrb. XL. Abt. f. Syst. 16
242 J- ^'- H- ^i^ Meijere,
Schon die Entwicklung des Kopfskelets ist nicht überall die
gleiche. Auf der dorsalen Kopffläche sind meistens 2 nach hinten
konvergierende Nähte unschwer erkennbar. Was die Terminologie
anlangt, so schließe ich mich möglichst der sich auf umfangreiche
Untersuchungen über die vergleichende Morphologie der Insecten
stützenden Bezeichnungsweise Berlese's an, wie er diese in seinem
ausgezeichneten Handbuch „Gli Insetti" zusammengestellt hat. Ein
allgemeines Schema der den Kopf zusammenstellenden Teile findet
sich hier auf p. 92. Wie bei anderen Larvenformen der Holometa-
bola sind auch bei Dipteren-Larven bei weitem nicht alle Abschnitte
voneinander getrennt geblieben. Das median liegende, nach hinten
rverschmälerte Stück der dorsalen Kopffläche ist offenbar die
Präfrons; dies ist das ungepaarte vordere Stück des 1. (Labral-
und Augen-)Segments. Die beiden lateralen Teile dagegen sind aus
wenigstens 3 Somiten zusammengesetzt, nämlich aus dem 2. ( Antennal-}
Segment, aus dem hinteren, einander in der Mittellinie berührenden
und durch das zwischengedrungene 2. Segment von der vorderen
Partie abgetrennten Teile des 1. Segments, und aus dem 4. (Mandi-
bular-)Segment. Zum Verständnis des verwickelten Verhaltens dieser
Teile in den Fällen, wo alles voneinander abgetrennt ist, sei auf
Beelese's figg. 24 und 25 hingewiesen, auf denen das Verhalten
bei der Ameise (nach Janet) dargestellt ist. Bei den Dipterenlarven
sind hier die Verhältnisse wegen des vollständigen Verwachsens
ganz einfach und ist nur auf die relative Größe der Präfrons zu
achten. Meistens ist sie nach hinten allmählich stark verschmälert;
hinten ziemlich breit ist sie bei Scatopse, im allgemeinen breit bei
mehreren Ouliciden.
Ventral kommen jedoch viel mehr verschiedenartige Zustände
vor. Außer den lateral liegenden Teilen des 4. Segments wären
hier noch Stücke des 5. (Maxillar-) und des 6. (Labialsegments) zu
erwarten; letztere sind aber in weitaus den meisten Fällen als
gesonderte Stücke oder überhaupt ganz verschwunden, im Anschluß
an die im allgemeinen geringe Entwicklung der Unterkiefer und
speziell der Unterlippe. Vielleicht wäre der schmale hintere Saum
der medianen Chitinplatte (Submentum) an der Unterseite des Kopfes
von PttjcJwptera (Fig. 19) noch als Rest dieser Sternite, im spezi-
elleren des 6., zu deuten.
So bleibt als Chitinbekleidung der Ventralseite fast nur das
4. Segment übrig. Zwischen den beiden, von oben bis auf die Ventral-
seite sich umbiegenden Teilen desselben liegt bei den Larven primi-
Diptereu-Larveu und -Puppen. 243
tiver Holometabola das gut entwickelte Labium. Ähnliches findet
sich noch hei PtycJioptcra (Fig. 19), wo auch die Basalteile des Labiums
noch ziemlich stark entwickelt sind. Bei Scatopse (Fig. 1) sind die
beiden Teile einander in der Mittellinie schon mehr genähert, und
die nicht mehr dazwischen, sondern davor liegende Unterlippe ist
klein. Bei anderen Eucephalen kommt es, der immer kürzer werden-
den und weit nach vorn gerückten Unterlippe entsprechend, zu einer
medianen Annäherung, bzw. Verschmelzung der lateralen Platten,
Avelche aber in verschiedener Weise vonstatten gehen kann. Bei
Trichocera und Ehyphus (Fig. 22) z. B. sind die Platten im ganzen
relativ breit getrennt geblieben, aber ziemlich weit nach hinten nur
durch eine schmale Brücke verbunden.
Bei den Mycetophiliden berühren die Platten einander meistens
breit, bisweilen zeigen sie beide vorn einen Vorsprung, welche Vor-
sprünge einander in der Mittellinie berühren (Mycetophüa).
Auch in anderen Fällen treten sie in der Mittellinie in breite
Berührung, höchstens noch eine feine Naht zwischen sich lassend,
wie bei Chironomus, oder ohne erkennbare Naht, wie bei Düophus.
XwqXi Simiäiuni und Culex scheinen nach den Figuren diesem Schema
zuzugehören.
Unter den Tipulideu finden wir, wie schon erwähnt, einen noch
ganz freien Kopf bei Trichocera. Die Präfrons ist hier noch
deutlich abgetrennt, von dreieckiger Gestalt, indem sie sich allmählich
nach hinten verschmälert und am Hinterrande des Kopfes ziemlich
spitz endet. Lateral- und Ventralplatten sind in gewöhnlicher Weise
verschmolzen, die ventralen Ränder dieser Platten sind sehr breit
getrennt, hinten durch eine sehr schmale Chitinbrücke miteinander
verbunden. Längsschnitte zeigen, daß diese Brücke durch eine sehr
seichte Falte des Chitins nach innen zu gebildet wird. Das Verhalten
ist demjenigen von Rhyphus sehr ähnlich, wie es auch Keilin richtig
beobachtet hat.
Bei den übrigen Tipuliden ist der Kopf gewöhnlich mehr oder
weniger reduziert. Er ist, was den hinteren Teil anlangt, dauernd
in den Prothorax zurückgezogen, und dementsprechend hat sich das
Kopfskelet in verschiedenem Maße rückgebildet. Daß überdies das
Vorderende des Körpers vorübergehend in den nächstfolgenden Ab-
schnitt einziehbar ist, ist von sekundärer Bedeutung; eine solche
Einziehbarkeit kommt auch bei ganz freien Larvenköpfen vor, so
z. B. schon bei Sciara.
Aus der Tatsache, daß in bestimmten Fällen dergleichen größten-
16*
244 J- C- H. DE Meijebe,
teils dauernd eing-ezogene Köpfe bisweilen noch ein vollständiges
Kopfskelet zeigen, geht hervor, daß die feste Verbindung des ein-
gezogenen Teiles mit dem Prothorax das primäre ist, die Reduktion
des Kopfes ein sekundäres Ereignis. Ein Beispiel eines solchen
vollständigen Kopfes findet sich bei Tricyphona {Amalopis) (Fig. 25,
26); hier ist die Dorsalseite des Kopfes ganz chitinisiert, und es
zeigt sich hinten in der Mitte die kleine Vorwölbung, welche auch
bei den freien Larvenköpfen gewöhnlich vorhanden ist. Die Grenzen
der dreieckigen Präfrons sind an diesem Kopf ziemlich deutlich
erkennbar. Die seitlichen Platten biegen sich ventralwärts um, be-
rühren einander vorn, da wo sie mit dem hier median geteilten
Mentum zusammenhängen, und weichen nach hinten zu allmählich
mehr auseinander.
In den meisten Fällen findet sich aber deutliche Reduktion,
welche von hinten nach vorn in der Gestalt mehr oder weniger
tiefer Einschnitte vorgreift. Bei den primitiveren Formen sind
auch hier die Fühler noch weit auseinander gelagert; die Be-
grenzung der Präfrons ist in dem frei vorragenden Teil des
Kopfes für gewöhnlich nicht erkennbar. Bei Tipula ist die Prä-
frons im hinteren Teil ganz gut erkennbar; es ergibt sich, daß
sie sich im Anfang des fest eingezogenen Teiles sehr bald verjüngt
und als schmaler Streifen nach hinten verläuft. Die Lateralplatten
sind tief eingeschnitten; die schmälere innere Partie, welche als
in t er no -laterale zu bezeichnen ist, liegt dicht neben der Prä-
frons, ist streifenförmig, während die Breite extern o-laterale
Partie sich in die Ventralplatte nach unten umbiegt.
Bei einer leider nicht näher bestimmten Larve, welche ich in
faulem Holze fand^), zeigt sich dasselbe Schema (Fig. 148), die
Präfrons ist aber kurz-dreieckig, viel kürzer als die hier breiten
nach hinten spitz auslaufenden Internolateralplatten. In anderen
Fällen, so bei Dicranomyia U7nbrata de Meij. (Fig. 32), erkennt man
nur eine einzige breite Mittelplatte, welche aus der Präfrons
und den damit verbundenen Internolateralplatten gebildet sein
dürfte. Eine solche einfache Medianplatte bildet Bengtsson auch
von Phalacrocera ab. Auch hier also finden sich offenbar die 2
1) Die Larve (Fig. 148, 149) fand ich am 18. April 1912 bei
Bassum in nassem vermodertem Holze. Sie war zylindrisch, bräunlich
weiß, das ziemlich vollständige Kopfskelet ist schwarz. Die Länge beträgt
10 mm.
Dipteren-Larveu und -Puppen. 245
liinteren Läiigskliifte nicht je zwischen Präfrons und Lateral-
platte, sondern in letzterer, so daß Bengtsson's und Holmgren's
Notalplatte demnach die Präfrons + Internolateralplatte enthält
und nicht = ersterer (dem ,.Clypeus") allein ist, wie Holmgren^)
meint. Die Grenzen der Präfrons sind hier aber auf der großen,
viereckigen Medianplatte nicht erkennbar, wie es ebensowenig bei
anderen Tipuliden, z. B. bei LimnoUa, der Fall ist; da die Fühler
einander genähert sind, ist sie jedenfalls als viel schmäler als die
Platte vorauszusetzen.
Viel bedeutender reduziert ist das Kopfskelet bei Rhjpholophus
(Fig. 38, 39). Hier erkennt man dorsal ein medianes Plattenpaar,
W'Clches den Internolateralplatten entspricht, nach vorn weichen
sie in der Medianlinie auseinander, ihre inneren Ränder entsprechen
hier offenbar der Präfrontalnaht, weiter nach vorn hin ist die Prä-
frons aber nicht von ihnen abgetrennt. Zu beiden Seiten der-
selben liegen die Externolateralplatten, deren verdickter und dunk-
lerer innerer Saum den lateralen Teil hinten eine Strecke weit
überragt. Auch ventral hat sich in der Lateroventralplatte eine
tiefe Spalte ausgebildet, welche zum Auftreten gesonderter, stab-
förmiger Ventralplatten geführt hat.
Unter den von mir untersuchten Arten ist bei LimnopJiüa am
wenigsten vom Kopfskelet beibehalten geblieben, die 2 dorsalen
Spangen entsprechen den Internolateralplatten, von der Präfrons ist
nur ganz vorn eine Spur infolge brauner Färbung deutlich sichtbar.
Die Lateroventralplatten werden durch die sehr schmalen, vorn ge-
gabelten Gräten vertreten; es ist also an diesen vorn ein tiefer
Einschnitt aufgetreten, und die vordere ventrale Verbindung in der
Region der Unterlippe ist hier sekundär weitgehend und eigentüm-
lich modifiziert.
Die Fortsätze sind ringsum durch eine Hypodermisschicht be-
kleidet, sie sind untereinander hinten nicht weiter verbunden, ragen
also ganz frei in die Höhle des Prothorax nach hinten vor.
Das innere Chitinskelet des Kopfes, welches als Tentorinm be-
zeichnet wird, ist bei der Larve von Trichocera stark entwickelt.
Es besteht hier aus 2 Chitinstäben, deren Verlauf auch von Keilin
angegeben worden ist. Sie entspringen von der vorderen Ecke der
Präfrons , also an der Grenze zwischen diesem und den Lateral-
platten, an der Innenseite der Antennen. Hier findet sich innen
1) Holmgren, N., in: Z. wiss. Zool, Vol. 88, 1907, p. 8.
246 J- t!. H. DE Meijere,
jederseits ein kurzer Vorsprung-, welcher vorn einen kurzen zapfen-
artigen Fortsatz zeigt, hinten sich in den Tentorialstab fortsetzt
(Keilin, tab. 6 fig. 13); die 2 Stäbe divergieren nach hinten zu,
und jede erreicht an der Ventralseite des Kopfes den unteren Eand
der Lateralplatte, gerade an der Stelle, wo die diese beiden ver-
bindende schmale Querbrücke (das 6, Sternit) ihren Ursprung nimmt
(Fig. 21-23).
Die Stäbe sind natürlich von einer Epithelschicht bekleidet,
welche die direkte Fortsetzung der Hypodermis darstellt.
Diese Vertikalplatten stellen somit Apodeme vor, welche jeder-
seits vom Vorderrande der Präfrons deren Seitenrand entlang
eine Strecke weit nach hinten verlaufen ; sie stimmen mit denjenigen
Apodemen überein, welche Beelese als „apodemi praefronto-antennali"
bezeichnet und als bei mehreren Insecten {Hijdrophüus , Grylhis,
Raupen, Blattwespenlarven) in größerer oder geringerer Ausdehnung
vorhanden angibt (cf. Gli Insetti , p. 354, fig. 415 Fv). Mit ihnen
stehen bei Dipteren-Larven die oberen Enden des Tentoriums in
nächster Verbindung. Bei anderen Insecten hat dieses Ende jeder-
seits mehrere Anheftungspunkte, von welchen einer am äußeren
Ende des querliegenden clipeo-präfrontalen Apodems, ein anderer
in der Nähe der Antennenbasis liegen kann (ef. Beelese, fig. 414.
416, 418). Daß erstere sich auf das Präfrontalapodem nach liinten
verschieben kann, ist ganz gut angängig.
Das gleiche Schema findet sich bei Bhyphus, wie es auch von
Keilin gezeichnet wurde und von mir bestätigt werden konnte.
Die Vorsprünge sind hier, dicht unter den Antennen, nur spurweise
vorhanden. Bei diesen Formen finden sich also vollständige, Dorsal-
und Ventralseite des Kopfes verbindende Tentorialstäbe, wie solche
auch von Imagines der Nematoceren bekannt sind, z. B. von Chiro-
nomiden ^) und Culiciden.
Der Umstand, daß die erwähnte schmale Querbrücke hier gleich-
zeitig die unteren Enden der Tentorialstäbe verbindet, macht es
wahrscheinlich, daß diese Brücke dem unteren Apodem homolog ist,
welches sich an dieser Stelle auch bei manchen anderen Insecten
findet, d. h. das von Beelese -) in fig. 418 als 5 a bezeichnete Stück,
welches das Sternum seines 6. (Labial-)Somits darstellt.
1) MiALL, The harlequin fly, p. 90.
2) Beelese, A.. Gli Insetti, p. 349—357, 77, fig. 418, 5 a. Den
Bau des Tentoriums der Ameise hat JaneT sehr ausführlich erörtert.
Man vgl. hierfür : Janet, Gh., Essai sur la Constitution morphologique
Dipteren-Larven imd -Puppen. 247
Bei den übrigen Nematoceien-Larven sind diese Gebilde weniger
vollständig oder gar nicht vorhanden. Bei Scatopse beobachtete ich
2 an der dorsalen Kopfseite von den vorderen Präfrontalecken ent-
springende Stäbe, welche aber die Ventralseite bei weitem nicht
erreichen.
Eine Mycetophiliden-Larve von mir unbekannt gebliebener Art
zeigte an der entsprechenden Stelle einen querliegenden zweihörnigen,
kurzen Vorsprung, also ohne stabartige Verlängerung nach unten zu.
Dagegen scheint sich bei der Mijcetopüa-LsiYYe noch die die unteren,
mit der ventralen Kopfwand in Verbindung tretenden Enden der
Tentorialstäbe verbindende linienförmige Verdickung zu finden,
welche ich eben für Trichocera und Bhjphns als Querbrücke erw^ähnte;
HoLMGEEN 1) bezeichnet diese Linie als Tentorium ; wie oben gesagt,
hat sie wirklich zu diesem eine gewisse Beziehung.
Bei PtycJwptera und DilopJms konnte ich überhaupt nichts von
diesem Apparat auffinden, und ebensowenig ist in den mehr oder
weniger reduzierten Köpfen der Tipuliden s. 1. etwas davon vor-
handen.
Die Antennen der Nemoceren-Larven sind immer relativ wenig
entwickelt, zeigen oft sehr starke Reduktion. Am stärksten scheinen
sie noch bei gewissen im Wasser lebenden Larven zu sein. Nach
Meinekt -) u. a. bestehen sie bei Chironomus aus einem großen
Basalglied, w^elches eine Geißel von 4 dünneren Gliedern trägt;
hier wären die Fühler demnach noch ögiiedrig, w^as wohl eine sehr
große Zahl für die Dipteren-Larven darstellt; von den Geißelgliedern
ist das erste noch etwas länger als die 3 folgenden zusammen.
Bause^^) gibt für einige Ta7iijtarsus-L?iYYen sogar 6gliedrige Fühler
de ]a tete de l'insecte 1899, tab. 4 fig. 1, 3. — Ders., Anatomie de la
tete de Lasius niger, 1905, p. 23, 30, tab. 5. fig. 8; — Ders., Sur la
morphologie de l'insecte, 1909, p. 45. — Nach Janet (1905, p. 30)
entsteht das Tentorium bei Lasius niger aus den Furcae des Antennal-,
Postantennal-, Maxillar- und Labialsegment ; nach Beklese (p. 351) kann
noch ein vom prcäantennalen Segment (Acren) herrührender Abschnitt vor-
handen sein. Die Querbrücke bei Lasius niger (ibid., fig. K.) soll nach
Jaxet ganz dem postantennalen Segment angehören, ist also anderer
Natur als die oben für Dipteren-Larven angegebene Querbrücke, welche mit
Beelese's fig. 418, 5 a übereinstimmt und dem Labialsegment angehört.
1) HoLMGEEN. in: Z. wiss. Zool., Vol. 88, tab. 1 fig. 3.
2) Meineet, De eucephale Myggelarver, p. 436.
3) Bause, E., Die Metamorphose der Gattung Tanytarsus, Inaug.-
Diss., 1913, p. 27.
248 J- ^' H. DE Meijere,
an. Auch bei Simulium sind nach demselben Autor ^) die Fühler
lang, borstenförmig ; sie bestehen hier aus 3 Gliedern, von welchen
die beiden ungefähr gleich langen Endglieder bedeutend kürzer sind
als das basale Glied.
Bei Blepharoceriden-Larven sind die Fühler bisweilen sehr lang,
zeigen aber keine deutliche Gliederung, in anderen Fällen sind sie
kürzer und deutlich 2 — Sgliedrig. ^)
Bei den von mir in vorliegender Abhandlung beschriebenen
terrestrischen Larven sind die Fühler durchweg sehr kurz, die Glieder
deshalb oft äußerst kurz scheibenförmig, was ihre Erkennung er-
schwert; dazu scheint das 3. Glied so verschieden groß zu sein, daß es
bei starker Reduktion nur zweifelhaft als solches zu erkennen ist.
Ziemlich stark finde ich es noch bei Scatopse (Fig. 2); die beiden
Grundglieder sind hier genügend erkennbar, aber kui-z, das 2. trägt
oben einen relativ langen Anhang, welchen ich als ein 3. Glied be-
trachten möchte. Gleich bei den Bibioninen trifft man aber auf
sehr starke Reduktion ; bei Düoplms (Fig. 5) ist an Stelle des Fühlers
nur ein sehr kleines, höckerartiges Gebilde erkennbar, und bei Plecia
ist selbst gar keine Wölbung vorhanden, sondern erst nach Ent-
färbung beobachtet man ein mondförmiges Fleckchen, welches
einige kleine Sinnespapillen trägt und als letztes Rudiment eines
Fühlers zu betrachten ist.
Der Ptychoptera-Fühler (Fig. 14) hat 2 sehr deutliche Grund-
glieder, während als Rudiment des 3. Gliedes ein Zapfen zu be-
trachten ist, welcher sich durch seine Größe von den übrigen An-
hängen des 2. Gliedes abhebt. Den Fühler von Trichocera (Fig. 21)
möchte ich in Übereinstimmung hiermit als 2gliedrig bezeichnen,
da das scheibenförmige 1. Glied hier außer kleineren Sinnespapillen
auch ein eiförmiges Gebilde trägt, welches ich, obgleich es viel
schmäler als das 1. ist, als rudimentäres 2. Glied betrachte.
Bei den Cecidomyiden finden sich nach Kieffer ■^) in den meisten
Fällen 2giiedrige Larvenfühler, bei einigen Lestremiinen könnte man
sie nach ihm als 3gliedrig bezeichnen. Bei Lestodiplosis und einigen
anderen Diplosinen, desgleichen bei einigen Lestremiinen und Epi-
1 ) Meinert, De eucephale Myggelarver, p. 459.
2) Bezzi, M., Blepharoceridi italiani, in: Bull. Soc. entomol. Ital.,
Vol. 44, 1912, p. 75 (8ep.).
3) Kieffee, Morphologie des Cecidomyides dEurope et d'Algerie,
in: Ann. Soc. entomol. France, Vol. 69, 1900, p. 288.
Diptereu-Larveii und -Puppeu. 249
dosiden ist das 2. Glied verlängert, bisweilen fast borstenförmig-.
An seiner Spitze kommt gewöhnlich eine kleine Sinnespapille vor.
An dem vor der Präfrons liegenden ungepaarten Stück, der
Oberlippe, sind die beiden zusammenstellenden Teile, Clypeus (im
Sinne Berlese's) und Labrum, meistens nicht als gesonderte Stücke
erkennbar. Doch finden sich z. B. bei Plecia (Fig. 11) noch deutlich
2 Abschnitte, ein größerer hinterer (Clypeus) und ein kürzerer
vorderer (Labrum); der Clj^peus hat an den vorderen Seitenecken
2 kurze Fortsätze.
Auch bei Chironomus ist der hintere Teil der Oberlippe ziemlich
scharf abgegrenzt. ( Johannsen, in : New York Stat. Mus., Bull. 86,
Entomol., Vol. 23, 1905, tab. 20 fig. 10.) Hierzu gehört wohl auch
das trapezförmige Plättcheu, w^elches nach Bause^) bei der Tanytarsus-
Larve am Vorderende des Kopfes vorhanden ist und durch den Be-
sitz von 2 oft charakteristischen Haaren ausgezeichnet ist; es wird
von ihm als Stirnschild bezeichnet und ist hier relativ schmal,
während es bei Chironomus deutlicher als hinterer Teil der Ober-
lippe erscheint.
Die verschiedenartige Bewaffnung, welche sich an der Unterseite
des Labrums (dem Epipharynx) finden kann, geht aus den Detail-
beschreibungen hervor. Hier kommt häufiger jederseits eine öfters ge-
zahnte Platte vor. Johannsen -j bezeichnet sie als „lateral arms" und
bildet sie u. a. von Diamesa waltlii und Chironomus ab, wo sie stark
entwickelt sind. Goetghebuek ^) bezeichnet sie als „praemaudibules" ;
Bause*) beobachtete sogar, daß sie durch besondere Muskelfasern
beweglich sind. Es mag sein, daß es sich hier wirklich um Beste
von Gliedmaßen des Präraandibulärsegments (des 3. Somits von
Beelese) handelt, wie solche auch bei Campodca z. B. verzeichnet sind.
Auch der Oberkiefer ist bald mehr, bald weniger kompliziert.
Er besteht zunächst aus einem großen Hauptabschnitt, an dessen
Spitze eine schaufeiförmige gezahnte Endplatte mehr oder weniger
deutlich abgetrennt vorhanden ist; an dem inneren Rande befindet
sich öfters ein besonderer, kleiner, ebenfalls meistens mit Zähnchen
versehener Abschnitt, w^elcher gleichfalls mehr oder weniger fest
1) Bause, E., Die Metamorphose der Gattung Tanytarsus, in: Zool.
Instit. Westf. AVilh. Univ., Stuttgart 1913, p. 21.
2) Johannsen, in: New York stat. Mus., Bull. 86, Entomol. 23,
1905, tab. 20 fig. 9; tab. 21 fig. 1.
3) Goetghebuee, in: Mem. Acad. Belgique, Vol. 3, 1912.
4) Bause, E., 1. c, p. 31.
250 J- ^'- H. DE Meijere,
verbunden erscheint. Beim Vergleich dieser Teile mit der von
Berlese p. 129 und 130 benutzten Nomenklatur für die öfters noch
viel mehr komplizierten Verhältnisse bei Käfern usw. und im be-
sonderen bei Diplopoden will es mir scheinen, daß das Hauptstück
mit der Mala homolog- ist, die Endschaufel mit dem Hauptzahn, welcher
hier sekundär gezahnt ist, während der Anhang an der Innenseite
der Prämala mit ihren Zähnen, welche bei den genannten Gruppen
oft noch mehr selbständig sind^ entspricht. Der Name Prostheca,
welcher für diese gesamten Zähne von verschiedenen Autoren be-
nutzt worden ist, kann hier auch ganz gut für diesen ganzen An-
hang benutzt werden. Bei Mj^cetophiliden findet sich eine solche
Prostheca an der Basis der Mandibeln gleichfalls bisweilen, so z. B.
bei Polijlepta leptogaster. Ob Holmgeen -) recht hat, wenn er bei
Mycetophüa die ganze feingezähnelte Schneide der Mandibeln als
Prostheca deutet, scheint mii- fraglich.
Kompliziert gebildet sind die Unterkiefer bei den Tipulinen
und einem Teil der Limnobiinen, u. a. bei den Cylindrotominen.
Über erstere verdanken wir genauere Kenntnisse namentlich den
Untersuchungen Vimmer's.'^) Hier unterscheidet man deutlich den
Cardo, welcher durch eine querliegende Chitinplatte gestützt wird,
ferner nebeneinander einen breiten Lappen, welcher an der Spitze
2teilig ist und die beiden Kauladen repräsentiert, und einen weniger
breiten zylindrischen Stipes, an dessen Oberende der Taster gelegen
ist. Die gleichen Teile findet Bengtsson^j auch bei der Phalacro-
cpm-Larve. Bei Bkranomyia fand ich gleichfalls vollständig ent-
wickelte Unterkiefer (Fig. 34). Sehr reduziert ist das Organ da-
gegen bei EhypJioloplws (Fig. 41). Gewöhnlich ist bei den Nemoceren-
Larven nur eine einzige Kaulade nachweisbar; bei mehreren Tipu-
liden ist auch die 2., innere, ziemlich deutlich vertreten.
Ziemlich stark sind sie noch bei Bilophus; auch hier ist aber
von den beiden Basalstücken nur ein einziger, breiter, aber sehr
1) Schmitz, H., Biologisch-anatomische Untersuclmng an einer höhlen-
bewohnenden Mycetojjhilidenlarve, Polylepta leptogaster WiKN., in: Naturh.
Genootsch. Limburg, Jaarboek 1912, tab. 3 fig. 4.
2) Holmgeen, in: Z. wiss. ZooL, Vol. 88, p. 10.
3) Vimmer, Über die Mundwerkzeuge der Tipulinen- und Pachyr-
rhinen-Larven.
4) Bengtsson, S., Bidrag til Kännedomen om Larven af Phalacrocera
replicata, in: Act. Soc. physiogr. Lund, Vol. 8, 1897, tab. 3 fig. 34,
tab. 4 fiff. 33.
Dipteren-Larven und -Pnppen. 251
kurzer Streifen übrig, welcher einige Borsten trägt. Es dürfte dies
der Cardo sein. An dieses breite Grnndstück schließt sich innen
eine einzige, fast quadratische Lade an, während gleich daneben,
aber mehr nach außen hin, ein scheinbar 2gliedriges Organ vor-
handen ist. Beim Vergleich dieser Verhältnisse mit den Tipuliden
kommt man zu dem Schlüsse, daß das untere dieser Stücke als Stipes,
das obere als der Igliedrige Taster zu bezeichnen ist. Bei mehreren
im Wasser lebenden Eucephalen-Larven, von welchen Meineet eine
Anzahl untersucht hat, kommt noch eine kleine mehr oder weniger
abgetrennte Innenlade vor; namentlich bei Dixa ist dies deutlich.')
Es geht hieraus hervor, daß die bei Düophus vorhandene Lade der
Außenlade entspricht.
Was HoLMGEEN ") bei der Mijcetopküa-L^rve als „Maxillarplatte"
bezeichnet und noch nicht zur Maxille rechnet, ist oifenbar der
Cardo, wie schon 1862 Osten-Sacken ^) die entsprechenden Teile der
von ihm untersuchten Mycetophiliden-Larven deutete („cardinal pieces
of maxillae").
Sehr wichtig ist das Verhalten der Unterlippe. Besonders
dieses Organ zeigt bei den Dipterenlarven eine weitgehende Reduk-
tion, nur sehr selten ist es eine deutliche, das ventrale Kopfskelet
in 2 laterale Teile auseinander treibende Platte mit den bekannten
Anhängen. Dieser primitive Typus ist am deutlichsten bei Ptyclioptera
vertreten, wo auch die verschiedenen Teile noch gut erkennbar sind.
Man findet hier als an Masse überwiegendes Stück eine große
Platte, welche etwas vor der Mitte quergeteilt ist und dessen vordere
Partie am Vorderrande gezahnt ist. Der vordere Abschnitt ent-
spricht hier dem Mentum, der hintere dem Submentum ; am Ende
des letzteren ist noch ein kurzer bandförmiger Teil durch eine
Querlinie abgegrenzt, dieser dürfte der Best des die Unterlippe
tragenden 6. Sternits sein, falls es überhaupt als ein besonderer
Abschnitt zu betrachten ist.
Vor dem Mentum liegen als weicherer, Aveniger gefärbter und
dicht , behaarter Teil die noch in der Mittellinie wenigstens distal
voneinander getrennten beiden Lappen. Besondere innere und äußere
Laden sind nicht erkennbar. Auch von besonderen Tastern ist nichts
erkennbar; ein Paar kurze zapfenartige Sinnespapillen an der Spitze
des Organs wären vielleicht als Überreste derselben zu deuten.
1) Meineet, Eucephale Myggelarven, tab. 4 fig. 108.
2j HoLMGEEN, in: Z. wiss. Zool, Vol. 88, 1907, p. 12. 13.
3) Osten-Sacken, Characters of the larvae of Mycetophilidae.
252 •^- ^- H. DE Meijere,
Ich möchte dieses durch Verschmelzung einheitlich gewordene
Organ als das „Prämentum" bezeichnen; der Name „Ligula" ist
hier, weil von anderen für einen etwas verschiedenen unpaaren
Anhang der Unterlippe gebraucht, zu vermeiden, zumal er auch
eine Verwechslung mit dem Hypopharjmx veranlassen kann, welcher
auch als Lingua bezeichnet wird.
Dicht oberhalb der Unterlippenladen liegt der Hypopharynx;
bei Ptycho2)tera ist dies ein schwach gewölbtes, Querstreifen auf-
weisendes Organ, an welches sich jederseits eine lange Chitin-
gräte anschließt, durch welche es gerade als Hypopharynx erkenn-
bar ist, denn diese Chitinfulturae sind für den Hypopharynx
charakteristisch. ^)
Maxillulae sind am Hypopharynx der Dipteren nicht nach-
gewiesen; auch Carpentee, der diese Organe bei Coleopterenlarven
studiert hat, ist der Ansicht, daß sie bei Dipteren fehlen (in: Rep.
2. entomol. Congress, 1913, p. 215); Oudemaxs meint ihre Spuren
neuerdings auch bei Floh-Larven aufgefunden zu haben (in: Tijdschr.
Entomol, Vol. 55, p. 265), sie sind hier als häutige, indessen nicht
bewegliche Läppchen erkennbar; an der entsprechenden Stelle findet
sich bei Ptychoptera z. B. nur eine seichte Wölbung. Deutliche
Reste dürften nach Johannsen's Angaben (in : New York Stat. Mus.,
Bull. 86, Entomol. 23, 1905, p. 123) bei Tanypus vorhanden sein.
Ob die Maxillulae, wie von mehreren Autoren angenommen, von
Berlese u. a. verneint wird, einem selbständigen Segment ent-
sprechen oder nur Anhänge des Labialsegments sind und wie ihre
Beziehung zum Hypopharynx ist, bleibe hier unerörtert, da es doch
aus dem Verhalten der Dipteren am wenigsten zu entscheiden ist.
Bei den übrigen Nemoceren ist meistens keine Grenze zwischen
Submentum und Mentum nachweisbar; ersteres geht bei manchen
Formen, wo die Lateralplatten an der Ventralseite miteinander in
Berührung treten, stark zurück, während hier das Mentum mit
seinem gezahnten Rand übrig bleibt, wie es bei Chironomus der Fall
ist. Bei einem Teil der Tipuliden zeigt das Labium eine eigentüm-
liche Modifikation. Das Mentum mit seiner Zahnreihe ist hier mit
dem Kopfskelet fest verwachsen und von hinten her tief median
gespalten (Dkranomyia [Fig. 34], Plialacrocera), öfters sogar bis vorn-
hin in 2 Hälften zerlegt, wie z. B. bei Trkyphona (Fig. 27). Weiter-
1) Vimmer, Über den Hypopharynx einiger Dipterenlarven aus der
Unterordnung Orthorrhapha, in: Soc. entomol., Vol. 27, p. 103 — 105,
110 — 112.
Dipteren-Larven und -Puppen. 253
liin ist bei diesen Formen das Prämentum öfters stark chitinisiert
und am freien Rand gleichfalls mehr oder weniger gezähnelt; an
der Außenseite finden sich dann auf einem weicheren Feldchen die
gewöhnlichen Sinnespapillen. Ein Parallelfall dürfte bei Tamjpus
vorliegen, wo nach Meinert's Angabe und Figur das Prämentum
gleichfalls ein gezahntes Plättchen bildet. Daß in dieses gezahnte
Prämentum der Tipuliden auch die Taster aufgenommen sind, dafür
spricht auch die von Miall beobachtete Lage der Scheiben der
imaginalen Taster jederseits an der Basis desselben bei Phalacrocera -).
In anderen Fällen, so z. B. bei Trichocera, EhypMis sind Submentum
und Mentum nahezu verschwunden, so daß von der Unterlippe nur
das Prämentum übrig geblieben ist. Bei Bibioniden sind Submentum,
Mentum und Prämentum zu einer stark chitinisierten länglichen
Platte verschmolzen.
Die Terminologie dieser Teile ist bei den verschiedenen Autoren
sehr verschieden,
Miall uud R. Becker bezeichnen bei Chironomus die gezahnte
Schuppe (Mentum) als Submentum, die davor liegende Papillen
tragende Partie als das Mentum. Keilin unterscheidet in der ven-
tralen Wand der Mundhöhle bei Trichocera ein Ectolabium und das
mehr nach innen gelegene Endolabium; da zwischen beiden die
Speicheldrüse ausmündet, so ist letzteres als identisch mit dem Hypor-
pharynx zu betrachten ; sein Ectolabium ist das Endolabium von
Holmgren und das Prämentum von mir. Der Name Ectolabium
wird im übrigen auch für das ganze Labium angewandt (Henneguy,
Les Insectes p. 38).
Die am Rande gezahnte Schuppe, das Prämentum, vieler Tipuliden
wird von anderen öfters als Endolabium bezeichnet, u. a. von Vimmer
und Bengtsson; das Mentum bezeichnet letzterer als Ectolabium,
Demnach sind zu unterscheiden:
Submentum ;
Mentum ^ Submentum (Miall, R. Becker), Ectolabium (Bengtsson);
Prämentum = Mentum (Miall) = Ectolabium (Keilin) ^ Endo-
labium (Holmgren, Vimmer, Bengtsson);
Hj^popharynx = Endolabium (Keilin).
Unter den Orthorrhaphen interessiert uns in erster Linie die
Thereva-hsLYYe, weil bei diesen äußerlich noch ein ganz vollständiger
1) Meinert , Eucephale Myggelarver, p, 446, tab. 3 fig. 94 c.
2) Miall, Phalacrocera, in: Trans, entomol. Soc. London, 1897,
tab. 8 fig. 6.
254 J- ^- H. DE MeIJERE,
Kopf sichtbar ist. Der Kopf (Fig. 63—66) ist von oben gesehen
eiförmig, die Präfrons ist schmal, nach hinten nur wenig ver-
breitert. Die Lateralteile biegen sich auf die Ventralseite um,
lassen hier aber einen breiten Zwischenraum übrig, in welchem eine
breite Platte liegt von etwas viereckiger Gestalt (Fig. 65); nach
Analogie mit PtycJwptera ist hierin das Submentum zu erblicken.
Die Mundteile sind alle nachweisbar; die Oberlippe (Fig. 67)
ist schmal, oben in der Medianlinie mit einigen Zähnen versehen.
Die Mandibeln sind stark, sichelartig gebogen, vertikal gestellt; sie
sind mit den großen Unterkiefern (Fig. 68, 69) zusammengewachsen.
Letztere sind von ziemlich komplizierter Bildung, wie das oben
S. 211 beschrieben wurde; sie lassen keine verschiedeneu Abschnitte
erkennen, sondern nur einen großen Kopf mit mehreren Anhängen
und einen relativ großen Taster. Dieser ist scheinbar 2gliedrig;
nach Analogie mit dem Verhalten bei Bibio und anderen Nemoceren
betrachte ich das untere Glied als den zurückgetretenen Stipes. Die
Unterlippe ragt nur sehr wenig vor; auf das schon erwähnte Sub-
mentum folgt nach vorn hin ein kurzer behaarter Höcker mit einigen
Sinuespapillen, welcher den Best der Kauladen darstellt.
Die Fühler sind kurz, 2gliedrig, das 1. Glied ist sehr kurz,
scheibenförmig.
Eine merkwürdige Erscheinung an dem Tlwreva-Ko\)fe bildet die
innige Beziehung zwischen den beiden Kieferpaaren. Wir werden
sehen, daß bei einem großen Teil der Orthorrhaphen die Mandibeln
mehr und mehr den Maxillen gegenüber zurücktreten.
Nach hinten zu schließt sich an den Kopf unmittelbar eine dunkel-
gefärbte Gräte an (Fig. 63, 70), welche mit dem Kopfe gelenkig
verbunden ist; sie ist nach hinten zu schwach spateiförmig erweitert.
Aus Schnitten ergibt sich, daß die m e t a c e p h a 1 e Gräte im Innern
ein feines Lumen aufweist, es sich also um eine stabförmige Einstülpung
handelt, welche an der Ventralseite bei weitem am stärksten chitini-
siert ist; wie zu erwarten, ist sie an ihrer Außenseite überall durch
eine Hypodermisschicht bekleidet. An das Ende dieser relativ sehr
langen Gräte, welche sich bis in den Mesothorax hinein erstreckt,
setzen sich die beiden Imaginalscheiben der xA.ugen an, welche, wie
immer, direkt über dem Oberschlundganglion liegen. Die ganze
Grätenbildung steht offenbar mit dem weit nach hinten Zurücktreten
dieses Ganglions in Verbindung.
Der Stab ist als eine exzessiv verlängerte sackartige Einstülpung
der Präfrontalnaht aufzufassen, denn obgleich die Grenzen der Prä-
Dipteren-Larven und -Puppen. 255
frons bei TJicreva nur in der vorderen Hälfte siclitbar sind, so
ergibt sich doch aus der Beobachtung, daß dieselbe hier hinten am
Kopf als sehr spitz endend zu betrachten ist, so daß sich der
Metacephalstab hier ohne Zwang als Verlängerung anschließt. Ver-
gleicht man nämlich Tnchocem, so findet man hier zu beiden Seiten
der Präfrontalnaht, aber in ihrer unmittelbaren Nähe, die mittleren
Kopf borsten; hinten steht hier jederseits ein Paar außerhalb der
Präfrons, und an entsprechender Stelle findet man auch bei Thereva,
aber alle einander sehr genähert, jederseits 2 Borsten, so daß sich
annehmen läßt, daß diese auch hier das allerdings nicht deutlich
begrenzte spitze Hinterende der Präfrons zwischen sich fassen.
Da die Präfrontalnaht von außen die Zentralplatte des Kopfes
berührt, zu der auch die Postfrons gehört, welche die Facetten-
augen trägt, so kann es nicht wundernehmen, daß eine faltenartige
Einstülpung dieser Naht imstande ist, die Imaginalscheiben
dieser Augen fortzubringen. Der Stab ist als Parallelbildung
mit der Querfalte zu vergleichen, welche bei der Chironomus-
Larve an gleicher Stelle als Fortsetzung des Kopfes im Prothorax
entsteht und aus welcher gleichfalls die Augenscheiben ihren Ur-
sprung nehmen (man vgl. fig. 99 bei Miall u. Hammond, The harle-
quin fly).
Außer dieser inneren Chitinbildung sind noch einige innere
Skeletteile im Kopfe zu erwähnen. Von den lateralen Nähten der
Postfrons erstrecken sich hier zwei Vertikalplatten nach
unten, welche mit ihren etwas ausgebuchteten Unterrändern ein-
ander vorn berühren. Der Hinterrand ist eingebuchtet, seine untere
Ecke trägt einen kurzen Fortsatz, mit welchem ein Chitinstab ge-
lenkig verbunden ist. Diese beiden Stäbe entsprechen dem Ten-
torium; 2 solcher Tentorialstäbe sind mir auch bei TricJiocera
und BJiyphus begegnet. Hier stehen sie aber hinten mit dem
äußeren Kopfskelet in Berührung, während sie bei Thereva hinten
frei enden; starke Muskeln des Kopfes nehmen von ihnen ihren
Ursprung, Den beiden Vertikalplatten begegnen wir hier aber zum
ersten Male. Sie entsprechen in ihrer Lage den Längsfalten des
Kopfes, aus deren hinterer Fortsetzung bei Chironomiden und Myceto-
philiden die imaginalen Fühler- und Augenscheiben entstehen. Hier
bei Thereva sind diese Falten mit Chitin ausgefüllt; mit den er-
wähnten Imaginalscheiben haben sie hier keine Beziehung; hier
haben sie den Nutzen, daß die Tentorialstäbe sich weiter nach hinten
erstrecken können und stärkerer Muskelbesatz ermöglicht wird.
256 J- C. H. DB Meijere,
Die vordere Unterecke der Vertikalplatten stößt gegen das Hinter-
ende der Mandibeln nnd bildet hier ein kräftiges Gelenk. Überhaupt
ermöglicht die gegenseitige Lage der Kiefer, Vertikalplatten und
Tentorialstäbe eine sehr kräftige vertikale Bewegung der Kiefer.
Dasselbe Schema wie bei Thereva finden wir bei einem Teil der
Orthorrhaphen wieder, nach meinem Befund bei Asiliden, Dolichopo-
diden und Empiden.
Bei den Asiliden (Fig. 84—89) ist der Larvenkopf relativ voll-
ständig chitinisiert, sein hinterer Teil ist in den Prothorax einzieh-
bar. Der Kopf ist von viereckiger Gestalt, vorn etwas breiter. Die
Fühler sind äußerst kurz, eingliedrig. Die Oberkiefer sind relativ
schwach, dolchförmig, sie liegen den Unterkiefern dicht an, sind
aber mit ihnen weniger fest verbunden als bei Thereva. Merk-
würdiger ist die derbe Beschaffenheit der Maxillarladen , welche
je eine fast vollständig stark chitinisierte, dreieckige, horizon-
tale Platte bilden; nahe ihrem Außenrande liegt der kurze Taster,
dessen scheinbares Basalglied wieder den Stipes vertreten dürfte,
während an der Oberseite des Kopfes, dessen Vorderrand hier stark
eingebuchtet ist, der Cardo als beborstete Platte erkennbar ist. So-
wohl bei Asilus wie bei Dioctria ragen die Tentorialstäbe weit aus
dem Kopfe hervor; Vertikalplatteu sind im Kopfe nicht eigentlich
vorhanden; nur findet sich ganz vorn ein kleiner medianer, von
unten gesehen viereckiger Höcker, an welchen sich die Stäbe ansetzen;
diese erstrecken sich hier also viel weiter nach vorn hin als bei
Thereva. Die stabförmige Einstülpung, welche hier wie bei Thereva
auf den Kopf folgt, ist auch hier sehr lang, sie ist in 2 stabförmige,
nebeneinander liegende, durch eine dünne Membran verbundene Ge-
bilde aufgelöst. Diese Stäbe erstrecken sich bis zum Mesothorax.
Nach Nielsen's Figuren ^) sehen die Bomhißins-hiirven, was die
Mundteile wenigstens anlangt, den Asiliden-Larven sehr ähnlich.
Eine merkwürdige Übereinstimmung findet sich zwischen den
Empididen- und den Dolichopodiden-Larven. Wenigstens ist das
Verhalten bei Hüara (Fig. 105, 106) und Medeterus (Fig. 92—95),
von welchen beiden Gattungen ich Larven untersuchen konnte,
wesentlich gleich (Fig. 92 — 95, 105, 106). Bei beiden ist der Kopf
wenig chitinisiert und kurz ; die Fühler sind mehr oder weniger rudi-
mentär. Die Oberlippe ragt als feine Spitze vor, ihre Chitinbekleidung
1) Nielsen, J. C, Über die Entwicklung von Bombylius pumilus
Meig., in: Zool. Jahrb., Vol. 18, Syst., 1903, tab. 28 fig. 5, 6, 11.
Diptereu-Larven und -Puppen. 257
verbreitert sich nacli hinten zu und bildet die mediane Kopfplatte;
ganz hinten zeigt diese jederseits einen breiten Schenkel, welcher
in einen feinen Streifen vor der Antenne ausläuft; jederseits des-
selben liegen die zwei Avenig- entwickelten dolchförmigeu Oberkiefer,
sie lieg-en den Maxillen dicht an, sind aber nicht mit ihnen ver-
Avachsen, sondern liegen mit ihrem Hinterende in einer Gelenk-
pfanne, deren Chitinbekleidung sich vorn, unter der Mandibel, als
(.'hitinstreifen auf die Maxille fortsetzt. Nach Analogie mit den
Asiliden wäre dies der Cardo. Die Maxille ist lappenförmig, stellen-
weise mit gefärbtem Chitin bekleidet; an der vorderen Außenecke
liegt ein äußerst kurzes Tasterchen, dicht darunter ein zweites Sinnes-
organ, ein Höckerchen mit einigen Sinnespapillen, welches dem Taster
nur wenig in Entwicklung nachsteht und wohl das Sinnesorgan der
Kaulade darstellt. Die Unterlippe ist sehr wenig ausgebildet, ragt
höchstens als kleines Höckerchen ohne besondere Organe vor. Während
also das Außenskelet auf ein Minimum reduziert ist, ist das Innen-
skelet des Kopfes stark und ragt weit nach hinten vor. Meta-
cephale Chitinstäbe sind 2 vorhanden; sie sind vorn je in eine kleine
Gelenkpfanne am Hinterrande der Kopfplatte eingelenkt. Der Ventral-
seite mehr genähert liegen die beiden Tentorialstäbe. Bei Hilara
wenigstens sind an der Unterseite der Medianplatte noch kurze,
sichelförmige Vertikalplatten vorhanden, mit welchen die Tentorial-
stäbe articulieren.
Diesen beiden Dipterenfamilien eigentümlich ist das Skelet der
Unterlippe; es hat die Gestalt eines V, dessen beide Schenkel hinten
mit den Tentorialstäben gelenkig verbunden sind. Dieser Skelet-
teil dürfte dem Submentum, wie es noch bei Thereva- und Asiliden-
Larven als Platte an der Ventralseite des Kopfes erkennbar ist,
homolog sein, die Chitinisierung ragt hier aber in der V-förmigen
Figur tiefer ins Innere hinein.
Jedenfalls schließen sich die Empididen und Dolichopodiden
(zusammen = die Orthogenya von Brauer) durch ihre Larven den
Asiliden sehr nahe an, einer Familie, mit welcher sie von Coquillett,
zusammen mit Scenopinidae und Therevidae, zu dem „superfamily
Asiloidea" zusammengefaßt wurden. Diese Gruppierung findet somit
durch die Larvencharaktere eine gewisse Bestätigung.
Auch schon bei den Stratiomjaden ist das Gehirnganglion nach
hinten verschoben und weit in den Thorax gerückt. Dementsprechend
liegen auch die Augenscheiben in diesem Segment. Statt eines be-
sonderen, mit dem Kopf gelenkig verbundenen Metacephalstabes ist
Zool. Jahrb. XL. Abt. f. Syst. 17
258 J- ^- H. DE Meuere,
hier der hintere Kopftteil selbst in den Prothorax hinein verlängert,
indessen nur was die Dorsalseite anlangt. Es tritt hier somit in
den Pi'othorax eine breite, schwach gebogene Platte, welche die un-
mittelbare Fortsetzung der dorsalen Kopfwand bildet, in den Thorax
ein. Die Veutralseite ist dagegen fast ganz frei. Bei der von mir
untersuchten PacJnjgaster-h?iYve (Fig. 54, 55) ist der freie Teil des
Kopfes noch relativ groß; die in den Thorax vordringende Partie (die
Kopfplatte nach Jusbaschjanz' Terminologie^)) ist relativ kurz.
Wie dieser Autor bei StraUomijia nachwies, entspringen die Augen-
imaginalscheiben mit gemeinsamem Abschnitt an der Unterseite
dieser Platte, dicht vor ihrem Hinterrand.
Der freie Kopfteil läßt erkennen, daß die Präfrons ziemlich
schmal ist, mit parallelen Seitenrändern. Ihre Grenzen sind nur
in der vorderen Kopfhälfte deutlicher erkennbar; weiterhin ist der
Kopf oben, auch die eingestülpte Partie, ganz einheitlich. Es ist
anzunehmen, daß die Präfrons hier sich nach hinten stark ver-
schmälert und schließlich nur die Mittellinie einnimmt, denn nach
Jusbaschjanz (Textfig. 2) nimmt die die beiden Imaginalscheiben
der Facettenaugen tragende Blase eben aus dieser Mittellinie ihren
Ursprung. Diese Blase liegt also weit nach hinten und hat hier
nichts mit derjenigen gepaarten Faltenbildung am Präfrontalrande
zu tun, welche den Vertikalplatten den Ursprung gibt.
Die Lateralplatten biegen sich wenig nach unten um ; der größte
Teil der Ventralseite wird durch eine große ovale Platte einge-
nommen, welche nach Analogie mit Thereva usw. dem Sub-
mentum entspricht. Eigentümlich sind auf demselben die starken
Borsten.
Die Fühler sind kurz, 2giiedrig. Von den Mundteilen sind
namentlich die Unterkiefer (Fig. 56, 57) sehr groß und von ver-
wickeltem Bau. Die Oberkiefer sind sehr klein und sind mit dem
Unterkiefer verwachsen; sie sind schwer zu erkennen, so daß
Becker ^) bei StraUomyia nur von einem einzigen Kiefer jederseits
sprechen kann und die Homologie der Teile unentschieden läßt.
Die schmale Oberlippe liegt zwischen den beiden weit vorragenden
Unterkiefern. Die Unterlippe ist äußerst klein. Meines Erachtens
1) Jusbaschjanz, S., Zur Kenntnis der nacherabryonalen Entwick-
lung der Stratiomyiden , in: Jena. Ztschr. Naturw. , Vol. 46, 1910,
p. 682—736.
2) BeCKEK, in: Zool. Jahrb., Vol. 29, Anat., 1910, p. 298, tab. 18
fig. 18.
Dipteren-Larveu \\m\ -Puppen. 259
ündet sich hier und auch bei Pachyyaster zunächst ein relativ großer
Cardo, welcher namentlich in letzterer Gattung sehr verlängert ist;
dann folgt der kleinere Stipes ; dieser ist namentlich bei Pachijgaster
sehr reduziert und trägt den kleinen Igliedrigen Taster; eine ge-
zahnte Platte wäre vielleicht als eine der Kauladen zu deuten,
während die langgewimperte Partie vielleicht der anderen ent-
spricht. Bei Pachijgaster liegt die schmale Oberlippe zwischen den
zwei wegen der Länge des Cardos weit vorragenden Unterkiefern. Von
der Unterlippe ist mit Ausnahme des großen Submentums wenig
übriggeblieben.
Bei anderen Stratiomyiden sind die Cardines nicht dermaßen
verlängert wie bei Pachygaster ; so zeigt sich bei Stratiomyia, und
dies ist nach meinem Befund auch bei Odontomyia der Fall, der
Unterkiefer in 2 fast gleichlange Stücke verteilt, von welchen das
untere der Cardo, das obere der Stipes mit seinen Anhängen ist.
Der Taster ist wieder Igliedrig und zylindrisch; die übrigen An-
hänge sind vom Stipes nicht deutlich abgetrennt. Der mit Quer-
reihen von Wimpern besetzte Teil dürfte der äußeren Lade ent-
sprechen, während der innere vielleicht durch einen kurzen Anhang
an der Innen-(Unter-)seite desselben vertreten ist. Auch hier liegt
innen nahe der Basis des Cardos und mit diesem verwachsen ein
Chitinstück mit zahnförmiger Spitze, welches ich als den mit der
Maxille verwachsenen Oberkiefer betrachte.
Deutlicher erkennbar sollen die Mandibeln und die verschiedenen
Teile der Unterkiefer bei den von Heeger^) untersuchten Oxijcera-
Larven sein. Hier soll neben einem Igliedrigen Taster eine innere
und eine äußere Lade erkennbar sein. Es ist aber sehr die Frage,
ob Heeger's Deutungen das Richtige treffen. Namentlich scheint
es mir fraglich, ob die von ihm als Oberkiefer gedeuteten Organe
wirklich diese Gebilde sind. Nach seiner fig. 6 tab. 3 wäre bei
Oxycera meigenii das Mentum relativ stark und durch eine am
Rande mit 5 stumpfen Zähnen versehene Platte vertreten. Auch
die von Beauee (Dipteren-Larven, 1883, tab. 2 fig. 22) bei Stratiomyia
als Oberkiefer gedeuteten Organe sind offenbar nicht diese Gebilde,
sondern offenbar Teile der Maxillen, wohl der stark gewimperte
Oberrand des Cardos. Überhaupt bildet der bis zur Unkenntlichkeit
sich erstreckende Zurückgang der Mandibeln bei den Larven der
1) Heegee, Neue Metamorphosen einiger Dipteren, in: SB. Akad.
AViss. Wien, math.-nat. Gl., Vol. 20, 1856, p. 345, tab. 3 u. 4.
17*
260 J- *^- H- °^ Meijere,
Stratiomyideii einen Charakter dieser Familie, wodurch sie in dieser
Hinsicht weiter fortgeschritten ist als z. B. die zu derselben Eeihe
gehörigen Tabaniden und Leptiden.
Ein eigentümliches Verhalten zeigt der Tentorialapparat der
Stratiomyiden. Es ist hier auf die Vorderhälfte des Kopfes be-
schränkt, besteht aus den 2 großen Vertikalplatten (= die laterale
Kopfhöhlenwand von Jusbaschjanz), welche mit ihren Unterrändern
im vorderen Abschnitt median durch eine Brücke verbunden sind.
Der Pharynx liegt hier als von oben nach unten zusammengedrückte
Eöhre über dieser Brücke, weiter nach hinten zwischen den unteren
Rändern der 2 Vertikalplatten, etwa wie in Jusbaschjanz' fig. 24,
in welchen die rotgefärbte Membran die obere Pharynxwaud dar-
stellt; die untere {vinp) finde ich in meinen Präparaten am Seiten-
rande vollständiger mit der oberen verbunden, obgleich sie am
äußersten Seitenrande auch die Vertikalplatten berührt (Fig. 58).
Mehr nach hinten zu w^erden sie unten frei voneinander, dadurch
daß diese Brücke fehlt; sie liegen auch hier mit den unteren Enden
dicht über dem Pharynx. Der untere Rand dieser Platte setzt sich
hier nur sehr kurz als selbständiger Tentorialstab nach hinten fort,
w^ährend, wie wir gesehen haben, diese Stäbe bei Tliereva eine be-
trächtliche Länge erreichen. Diese sehr kurzen Stäbe liegen bei
den Stratiomyiden jederseits unmittelbar neben dem Pharynx, an
welchem gleich hinter ihrem inneren Ende ein eigentümlich modi-
fizierter Abschnitt anfängt ; während der Pharynx im vorderen Teil
durch das Tentorialskelet gestützt wird, erhält er hier seine eigene
Chitinverdickung in der Gestalt eines unteren Halbrohres und eines
oberen stabförmigen Gebildes, welch letzterer an seinem oberen Rande
jederseits einen flügeiförmigen Fortsatz zeigt.
Im ganzen zeigt hier der Tentorialapparat dasselbe Schema wie
bei Tliereva, ist aber durch die Kürze der Stäbe verschieden. Es
liegt dem Pharynx in Wirklichkeit sehr nahe an. Dies geht auch
aus Becker's figg. 19 und 20 hervor, in welchen aber die ver-
schiedenen Teile nicht näher angegeben sind.
Der Querschnitt C in Beckek's fig. 29 liegt aber offenbar weiter
nach hinten, sie zeigt demnach keine Verbindung zwischen dorsaler
Kopfwand und Pharynx, welche aber weiter nach vorn wohl vor-
handen ist, so daß ein Querschnitt durch diese Gegend dem Ver-
halten von Atherix (Becker's fig. 30, Querschnitt C) sehr ähnlich
sein würde, nur daß bei den Stratiomyiden-Larven diese vordere
Kopfpartie nicht eingezogen ist. Das geht auch aus den Figuren von
Diptereu-Larveu uud -Puppen. 261
JusBASCHJANz liervoi'; in dessen fig. 24, tab. 27 ist die „laterale Kopf-
hölilenwand"' nichts anderes als die beiden sich unten mit der Pharynx-
Avand verbindenden Vertikalplatten. Auch in Textfig. 4 a beobachtet
man dasselbe Verhältnis.
Während bei den Stratiomyiden der freie Teil des Kopfes noch
relativ groß und stark chitinisiert ist, tritt derselbe bei einigen
Orthorrhaphen-Familien, welche sich im übrigen an dasselbe Schema
anschließen, mehr und mehr zurück. Noch relativ stark ist er bei
der von R. Becker ^) untersuchten Larve der Leptide Atlierix.
Der Kopf ist hier schmal, aber noch vollständig chitinisiert, die ein-
gezogene Hinterpartie, d. h. die Kopfplatte, ist aber sehr viel länger
als der freie Teil, so daß wir es hier schon mit einem Fortschritt
in der von den Stratiomyiden eingeschlagenen Richtung zu tun haben.
Das innere Skelet dieses sehr lang ausgezogenen Kopfes besteht
aus 2 langen Chitinstäben, welche offenbar mit den Tentorialstäben
von Ihereva usw. homolog sind. Sie hängen hier auch, wie dort, mit
Vertikalplatten der dorsalen Kopfwand zusammen, tun dies aber nur
an 3 Stellen (x, XX und XXX in Beckee's tab. 18, fig. 15), weil die
Vertikalplatten nicht von vorn bis hinten vollständig sind, sondern
zweimal eine weite Unterbrechung zeigen. Mit dem Pharynx treten
diese Vertikalplatten nicht in Verbindung, liegen aber demselben
dicht genähert.
Die Antennen sind bei Atherix relativ lang, eingliedrig, von
zylindrischer Gestalt. Die Oberlippe ist sagittal gerichtet, zeigt
also denselben Charakter wie bei Thereva. Die großen, von Becker
abgebildeten Mundhaken sind wohl ohne Zweifel die Mandibeln; die
Maxillen sind offenbar sehr stark reduziert; Becker erwähnt von
ihnen nur den relativ sehr langen stabförmigen Taster. Das von
ihm angegebene, an seiner Basis mit mehreren Reihen von Haaren
besetzte Chitinstück, welches sich an der Basis der Mundhaken
findet, bin ich, nach Analogie mit den verwandten Formen, geneigt,
als Cardo der Maxillen zu deuten. Auch hier wären dann die Ober-
und Unterkiefer in nahe Verbindung miteinander getreten.
Die Larven von Leptis lineola, einer Gattung, welche ebenfalls zu
den Leptiden gehört, zeigt eine beträchtlich stärkere Reduktion
(Fig. 74—79). Der freie Kopfteil ist hier schon äußerst stark ver-
kürzt, überdies nur sehr wenig chitinisiert, es zeigt sich nur eine
kurze dorsale Medianplatte, welche vorn in die spitze Oberlippe
1) Becker, R., 1. c, p. 294.
262 J. C. H. DE Meijere,
übergeht, und neben der Basis der letztgenannten ein Paar Chitin-
plättchen, welche mir den Cardines der Maxillen zu entsprechen
scheinen. Die in den Thorax hineinragende Kopfplatte ist hier
dagegen sehr lang, aber gleichfalls schwach chitinisiert, jedenfalls
nur teilweise gefärbt, so daß sich unter der Haut des Thorax eine
eigentümliche dunkle Zeichnung zeigt. Die Mundteile sind alle
erkennbar, die Oberkiefer noch relativ stark, die Unterkiefer weit
weniger hervorragend und von einfacherem Bau als bei den Stratio-
myiden; ihre Taster, desgleichen die Fühler sind relativ lang. Im
Innern des Kopfes finden sich 2 lange Tentorialstäbe, welche un-
mittelbar vorn am Kopfe anfangen und sich weit nach hinten fast
bis zum hinteren Ende des Prothorax erstrecken. Sie stehen nur
unmittelbar vorn mit der dorsalen Kopfwand in Verbindung, also nicht
an 3 Stellen wie bei Atherix.
Was die Cyclorrhaphen anlangt, so kommt hier zunächst die
Gattung LoncJioptera in Betracht. In meiner eingehenden Arbeit
über diese Larve ^) habe ich die Überzeugung ausgesprochen, daß
diese Gattung den Cyclorrhaphen näher steht als den Orthorrhaphen,
der Hauptgruppe, zu welcher sie von den meisten Autoren gestellt wird.
Die vorliegenden Untersuchungen haben mir für diese Meinung
neue Gründe ergeben. Tatsächlich ist das Verhalten des Kopfes der
Lo7ic]ioptera-L2irve (Fig. 151—153) weder von demjenigen der There-
viden-Eeihe noch von dem der Stratiomyiden ableitbar, schließt
sich aber in schönster Weise den Cyclorrhaphen an ; durch die bessere
Entwicklung der Mundteile stellt sie eine sehr erwünschte Vorstufe
derselben dar, desgleichen durch das Verhalten des vorderen Kopfendes.
Bezüglich des höchst eigentümlichen Baues der Lonclwptera-
Larve vergleiche man meine sich auf dieselbe beziehende Abhand-
lung in: Zool. Jahrb., Vol. 14, Syst., 1900, p. 87. Was den Kopf bau
anlangt, so habe ich dort p. 92 schon angegeben, daß das Labrum
oben nur in dem hinteren Teile dunkel chitinisiert ist; neben den
beiden Chitinstreifen, welche von der Basis dieser Stelle zu den
Fühlern führen, ist dies die einzige Stelle, welche an der Oberseite
des Kopfes stärker chitinisiert ist: die 3 Stellen bilden also den
Rest des dorsalen äußeren Kopfskelets. Die Struktur der Unter-
seite des Labrums, also des Epipharynx, ist in Fig. 152 noch be-
sonders angegeben. Was die Teile anlangt, welche ich in oben-
1) J. C. H. Meijere, Über die Larve von Lonchoptera, in: Zool.
Jahrb., Vol. 14, Syst., 1900, p. 87—132.
Dipteren-Larven und -Puppen. 263
genannter Abhandlung- als rudimentäre Mandibel gedeutet habe, so
bin ich in diesem Punkte jetzt anderer Ansicht, wie aus Fig. 151 hervor-
geht; es handelt sich hier um dunkel chitinisierte Stellen am
Basalteil der i\raxillen. welches ich als dem Stipes homolog betrachte;
an der Spitze trägt es die Maxillenlade, während ventral und etwas
mehr nach außen der Taster liegt. Diese Chitinplatte liegt mit
ihrem hinteren Teil unmittelbar vor den spitzen lateralen Fortsätzen
des ünterlippengestells; es wäre möglich, daß diese Fortsätze die
Cardines repräsentieren. Die Querbrücke des Unterlippengestells mit
den 2 nach vorn hin sich erstreckenden Gräten stellt offenbar, nach
Vergleich mit den Eumjiden, das Mentum dar. Nach obigem wäre
also von Mandibeln hier keine Spur mehr vorhanden, was in-
dessen bei der allgemeinen Reduktion dieser Mundteile in ver-
schiedenen Entwicklungsreihen der Dipteren-Larven nicht wunder-
nehmen kann.
Sehr bemerkenswert ist, daß der ganze vordere Körperabschnitt
bei der LoncJwptera-hRYYe in so ausgedehntem Maße vorübergehend
zurückgezogen werden kann, daß alles unter den Mesothorax zurück-
tritt. An der Unterseite desselben bemerkt man dann die beiden
langen Fortsätze des Prothorax samt den beiden Vorderstigmen,
zwischen diesen die Mundquerspalte, vorn durch die beiden Maxillen-
laden, hinten durch die mittlere Partie der Unterlippe, welche nur
bis zum vorderen Ende des Gestells hervorragt, begrenzt. Ferner
i'agen nur vor die beiden Maxillartaster und die Fühler.
Die Mundteile sind alle erkennbar, die Oberlippe ist kurz, vier-
eckig, in der Mitte mit einer kleinen Spitze; die Oberkiefer sind
sehr klein, die Unterkiefer mäßig ausgebildet, mit kleinem Taster,
die Unterlippe häutig, lappenartig, jederseits derselben liegen 2 große
dreieckige, sich allmählich verschmälernde Anhänge. Bemerkenswert
ist, daß die Oberlippe hier noch frei hervorragt, die Mundöffnung
also noch in keiner Weise nach innen eingestülpt ist, weshalb ich
die Lonchopteriden seinerzeit als „Anatria" unterschieden habe. Sehr
übereinstimmend mit dem Verhalten der Cyclorrhaphen ist aber die
Pharjiixbildung, selbst die charakteristischen Längsplatten der
Ventralwand sind hier ganz in derselben Weise wie bei vielen
Eumjiden ausgebildet. Das Gerüst des Pharj^ix ist noch wenig
kompliziert, 2 Chitinplatten an seiner Ventralseite bilden die „unteren
Fortsätze" des Schlundgerüstes. Oberhalb des Pharynx liegt vorn
eine gewölbte Platte, welche mit ihren Rändern mit der Pharynx-
wand verbunden ist und hinten in 2 Schenkel ausläuft, welche die
264 J- C. H. DE Meijeee,
oberen Fortsätze darstellen. Die Vergleicliung- dieses Verhaltens
mit Thereva lehrt, daß wir es in dieser gewölbten Platte wohl mit
den dort vorhandenen Vertikalplatten zu tun haben, welche gleich-
falls, wenigstens ganz vorn, den Pharynx berühren ; der dorsal zwischen
ihnen liegende Teil der Postfrons scheint bei Lonchoptera stark
reduziert oder verschwunden zu sein, eine Grenze ist jedenfalls nicht
mehr erkennbar. Vielmehr treten sie im vorderen Teile median mit-
einander in Berührung; mehr nach hinten zu sind sie ganz frei.
Die hinteren Fortsätze stellen Fortsätze der Vertikalplatten dar, und
von diesen entspringen jetzt die Imaginalscheiben der Augen. Es
hat hier also eine Verschiebung derselben von der unteren Kopfwand
an die Vertikalplatten stattgefunden, deren Vorläufer, die Vertikal-
falten, schon bei manchen Nemoceren die Ursprungsstelle des imagi-
nalen Auges enthalten; diese Verschiebung erscheint demnach ohne
Schwierigkeit annehmbar.
Auch bestimmte Muskeln, welche bei den Euccphalen mit den
Platten der dorsalen Kopfwand verbunden sind ^), haben ihre Ausatz-
stelle auf die direkten inneren Falten dieser Platten, nämlich auf
die Vertikalplatten, verschoben.
In der ventralen Wand der Mundöffnung liegt ein quergestelltes
Chitinplättchen, hinter welchem die Speicheldrüse ihre Ausmündung
hat. Es stellt demnach den Rest des vorderen Teils der Unterlippe
dar, ist wohl als Mentum zu deuten; nach vorn hin entsendet es
2 stabförmige Fortsätze, während an jeder Seite ein kürzerer vor-
handen ist. Unmittelbar oberhalb des Pharynx sind 2 kurze Stäbe
erkennbar, welche ich in meiner früheren Arbeit schon angegeben
habe (1. c, tab. 6 flg. 7, 10, 11 Cp). Ich betrachte sie als die hier
wenig entwickelten Tentorialstäbe.
Nachdem die Vertikalplatten sich von der dorsalen Kopfwand
frei gemacht haben, sich mit dem Pharynx verbunden und die Aus-
bildung der Augenblasen an sich gezogen haben, ist einem weiteren
Prozeß der Weg gebahnt, nämlich einer Einstülpung des vorderen
Kopfendes, wodurch vor der eigentlichen Mundöffnung ein kurzer
Abschnitt, das Atrium, gebildet wurde. Dazu gesellt sich eine sehr
weitgehende Reduktion der Mundteile (Fig. 146, 147, 157—164).
Eine besondere Oberlippe ist nur ausnahmsweise vorhanden, oft nur
1) Für die Anordnung dieser Muskeln bei Clurononitis vgl. man
HoLMGKEN, Zur Morphologie des Insektenkopfes, in: Z. wiss. Zool.,
Vol. 76, 1904, tab. 28, fig. 18.
Dipteren- Larven nud -Puppen. 265
im 1. Larvenstadium (Fig. 159, 160); sie liegt im Atrium, ragt abei'
bisweilen, so bei dem 1. Stadium der Conopidenlarveu, weit aus der
sekundären Mundöffnung hervor. Neben der Oberlippe liegen die
beiden Mundliaken, welche von den Autoren bald als Mandibeln, bald
als Teile der Maxillen, bald als selbständige Chitingebilde gedeutet
worden sind. Die Unterkiefer sind von dem hier äußerlich ganz
membranösen Kopfe nicht mehr getrennt und nicht deutlich als be-
sondere Organe erkennbar, nur das sehr kleine, dicht unter
dem ebenfalls sehr kleinen Fühler liegende Tasterchen ist nach-
weisbar.
Die Yertikalplatten sind von der äußeren Kopfvvand ganz ge-
trennt, nur ganz vorn sind sie oben in der Mittellinie miteinander
verbunden, im übrigen verlaufen sie getrennt als „obere Fortsätze"
nach hinten. Auch mit dem Pharynx sind sie nur vorn an ihren
unteren Eändern verschmolzen. Während bei Lonchoptera der ganze
vordere Abschnitt, in welchem sie median verbunden sind, stark
chitinisiert und dunkel pigmentiert ist, ist dies bei den Eumyiden
nicht mehr der Fall ; hier findet sich meistens nur ganz hinten eine
bi-aune Querbrücke, während er vorn nur noch bei jüngeren Larven
in einer dunkelbraunen zahnförmigen Oberlippe endet. Bei gewissen
Arten ist diese Spitze im 1. Larvenstadium besonders stark ent-
wickelt und ragt aus dem Munde ziemlich weit hervor; es findet
sich dies namentlich bei parasitischen Formen, so bei gewissen
Tachinen, auch bei Conopiden-Larven, so daß die Vermutung nahe
liegt, daß diese scharfe Spitze hier beim Einbohren eine Rolle spielt.
Bei Calliphom ist diese Spitze mäßig entwickelt. Daß hier auch
bei der erwachsenen Larve noch eine stark chitinisierte, dunkle
Labralspitze vorhanden ist, wie von einigen Autoren behauptet wird,
ist nicht richtig. Auf macerierten Präparaten, welche nur das Chitin-
skelet zeigen, macht es leicht diesen Eindruck; Längsschnitte zeigen
aber, daß die hier gemeinte dunkle Spitze eine ganz andere Lage
hat, sie liegt weiter nach vorn, am äußersten Vorderende des Kopfes,
gehört also gar nicht zur eingezogenen Labralpartie, sondern bildet
eine ganz sekundäre Erscheinung (Fig. 158). Die Labralspitze ist
mit einer dünnen, nicht gefärbten Chitinschicht bekleidet, und eine
Strecke hinter ihr findet sich als gebräunte Partie an der Unter-
seite des Labrums das Epipharyngealorgan. Eine solche Epipha-
ryngealplatte, w^elche also nicht der Oberfläche, sondern der Unter-
fläche des Labrums d. h. der Dorsalwand der Mundhöhle angehört,
findet sich auch bei anderen Formen, wird z. B. von Tkägardh auch
266 J- C- H. DE Meijeke.
für Ephjjdra ange.o-eben. Nach Weismann würde die iinpaare Spitze,
welche gewöhnlich als das Labrura gedeutet wird, aus den zwei ver-
wachsenen Mandibeln gebildet werden; nach seiner Beobachtung
würde sie ja durch Verschmelzung der Anhänge des Mandibular-
segments entstehen ^). Von anderen Forschern ist dies angezweifelt
worden, weil sie von vornherein geneigt waren, die „Mundhaken"
als die echten Mandibeln zu betrachten. Die Homologie letzterer
bildet bekanntlich eine viel umstrittene Kontroverse. Lowne meint,
daß die Spitze aus Labrum und den beiden Mandibeln gebildet wird;
nach ihm seien die Mundhaken sekundäre Integumentverdickungen auf
der Maxillarpartie der Mundhöhlenwandung (,,they are the retractile
claws of the maxillae" -)). Daß die ungepaarte Spitze wirklich aus
3 Teilen hervorgeht, dafür sprechen mehrere Beobachtungen; sehr
ersichtlich sind sie z. B. bei der jungen Ephijdra-hsirYe (Tkägardh,
tab. 2 fig. 2 b); auch beim 1. Stadium der Larve von Egle {Äntho-
myia) spreta Meig. erwähnt dieser Autor 1 Paar neben der Mittel-
spitze liegender Stäbchen. Es ist also nicht sofort zurückzuweisen,
daß wir es hier mit den Rudimenten der Mandibeln zu tun haben.
Auch mir will es scheinen, daß die „Mundhaken" Teile der Maxillen
sind. Im allgemeinen finden wir bei Dipteren-Larven eine Tendenz
zur Rückbildung der Mandibeln. ^yir sahen schon oben, daß sie auch
bei den Orthorrhaphen sehr oft mit den Maxillen zusammenwachsen
und bis zur Unkenntlichkeit verschwinden können, wie es nament-
lich bei den Stratiomyiden der Fall ist. Damit steht wohl im Zu-
sammenhang ihr völliges Fehlen bei den Imagines der höheren
Dipteren. Ferner sind auch schon bei Lonclioptera die Mandibeln sehr
zurückgegangen, während die Maxillen hier gut ausgebildet sind.
Es wäre immerhin möglich, daß in diesem besonderen Zweig diese
Rückbildung stattgefunden hätte, in Verbindung mit anderen Tat-
sachen spricht es jedoch eher für einen allgemeinen Rückgang der
Mandibeln bei den Cyclorrhaphen. Eine Umbildung des Maxillarlobus
in ein mandibelartiges Organ finden wir auch schon bei den
Mycetophiliden, desgleichen sind sie sehr stark bei den Asiliden,
so daß auch in dieser Hinsicht Parallelfälle vorhanden sind. Wegen
der umfangreichen Verwachsung, welche bei den Mundteilen der
Cyclorrhaphen stattgefunden hat, hält es sehr schwer zu entscheiden,
1) Weismann, Die Entwicklung der Dq^teren im Ei, in: Z. wiss.
Zool., Vol. 13, 1863, p. 194.
2) Lowne, The ßlowfly, p. 40.
Diptereu-Larven und -Puppen. 267
welcher Teil der Maxilleii von den Älundhaken repräsentiert wird;
wir finden von ihnen eben die Taster an der Außenseite des Kopfes;
ein kleines Skeletteil an der Basis der Mundhaken wäre ich geneigt
als Rest des Cardos zu deuten. M. E. spricht, bei der im allgemeinen
starken Entwicklung des Lobus bei mehreren Dipteren-Larven, wenig
dagegen, in den Mundhaken den stark chitinisierten Maxillenlobus
zu erblicken.
Bemerkenswert ist, daß die Mundhaken bei den Phoriden
Fig. 155, 156) eine andere Gestalt besitzen als gewöhnlich bei den
Eumyiden. Sie sind nicht nach unten und hinten gebogen, sondern
oft mehr oder weniger schaufeiförmig und horizontal gelagert, oder
sie laufen in eine kurze, etwas nach oben gebogene Spitze aus. ^)
Erstere Gestalt zeigen sie auch bei der EpJujdra-LRYYe.'^) Auch
dieser Umstand dürfte dafür sprechen, daß es nicht die Mandibeln
sind.
Bei Phora findet sich die Querbrücke, desgleichen wenigstens in
den ersten Stadien die Oberlippe; bei Pipunculiden ist von keiner von
beiden eine Spur vorhanden. In allen Fällen scheint aber in der
Seitenwand der Mundhöhle jederseits ein stabförmiges Chitinstück er-
halten zu bleiben, welches hinten mit den Vertikalplatten verbunden
bleibt. Man findet diese Lateralfortsätze bei Calliijliora, Drosophila,
Phora in gleich schöner Ausbildung (Fig. 147, 158, 155). Daß sie
in Jugendstadien mit der dann noch öfter vorhandenen Oberlippe
zusammenhängen, gleichsam deren Schenkel bilden, darauf hat auch
Teägaedh *), der die Homologien des Pharynxskelets der höheren
Dipteren gleichfalls besprochen hat, hingewiesen. Bisweilen sind
die Lateralgräten zurückgegangen, so fehlen sie z. B. bei der
erwachsenen Larve von Pegomyia nigrifarsis, welche in Rumex-
Blättern miniert.
Andererseits finden sich bisweilen überzählige Chitingebilde, so
bildet Teägaedh '^j für das 1. Stadium der Larve vom Anthomjjia
spreta Meig. neben den Mundhaken ein Plättchen mit fein gezäh-
neltem Rande ab, dessen Homologie augenblicklich nicht genau fest-
1) Keilin, 1. c, fig. 2 u. 26.
2) Teägaedh, S., Beiträge zur KenntDis der Dipterenlarven, in:
Ark. Zool., Vol. 1, 1903, p. 6—17.
3) Keilin, p. 81, tab. 1 fig. 2—4.
4) Teägaedh, tab. 3 fig. 5 ; tab. 2 fig. 3.
5) Teägaedh, S., En svampätande Anthorayid-Larv, Egie (Anthomyia )
spreta Meig., in: Ark. Zool., Vol. 8, 1913, No. 5, p. 4, 5.
268 J- C- H. DE Meijeee,
zustellen ist. Daß bald die Lateralgräten relativ stärker ausgebildet
siud und die Mundhaken mit ihnen articulieren (z. B. bei £phydra),
bald das labiale Skeletstück (z. B. CaUiphora), darauf hat schon
Trägardh ') hingewiesen. Auch hier bleibt in den Einzelheiten noch
vieles zu erforschen.
Bekanntlich gehören zum Schlundgerüst der Eumyiden-Larven
noch eine Anzahl kleinerer Chitinstücke, deren Homologie seit Weis-
mann's grundlegenden Untersuchungen verschiedenartig beurteilt
wurde und im einzelnen sehr schwer festzustellen ist. Sehr voll-
ständig und schön beobachtete ich sie bei einer DrosophiIa-ha,rYe.
Man findet hier zwischen den Mundhaken und den großen schon
besprochenen Vertikalplatten mit ihren langen hinteren und kurzen
vorderen Fortsätzen zunächst ein H-förmiges Stück, ferner ein
medianes, oben ausgehöhltes Plättchen und vor demselben jederseits
ein kleines Chitinstückchen. Wenn wir erwägen, daß dicht hinter
dem H-förmigen Stück die Ausmündungsstelle der Speicheldrüse
liegt, so liegt der Schluß nahe, daß dieses Stück dem Unterlippen-
skelet, speziell wohl dem Mentum, homolog ist, zumal an derselben
Stelle auch bei Lonchoptera ein entsprechendes Chitingebilde vor-
handen ist, welches auch 2 vordere Fortsätze aufweist. Das unpaare
Plättchen, welches sich im vorderen Teil des H vorfindet, zeigt
nicht immer diese Gestalt; bei Epliydra erwähnt Trägardh hier
eine zweite schmale Querbrücke im H, während bei CaUiphora hier
2 breite Plättchen nebeneinander gelagert sind. Auch diese Gebilde
gehören wegen ihrer Lage wohl mit zur Unterlippe. Bei Callipliora
bilden sie das untere Pharyngealorgan (Wandolleck), was den
Tastern der Unterlippe entsprechen dürfte; demnach wäre diese
Partie mit dem Prämentum homolog. Daß diese Partie der Unter-
lippe angehört, dafür spricht auch, daß nach Wandolleck {Platycephala
planifrons p. 20) eine kleine Strecke rückwärts sich die beiden
kleinen subpharyngealen Imaginalscheiben finden. Desgleichen liegt
bei CaUiphora (Holmgren), P/a^?/cej;/m/a (Wandolleck) in der dorsalen
Pharynxwand, hinter der weichen Oberlippenspitze, dasEpipharyngeal-
organ, was schon oben erwähnt wurde.
Schwer mit Sicherheit zu deuten sind dagegen die beiden seit-
lichen Chitinstückchen. Es wäre möglich, bei dem großen Anteil,
welchen offenbar die mit ihren Tastern bis auf den äußeren Kopf-
1) Trägardh, Zur Anatomie und Entwicklungsgeschichte der Larve
von Ephydra riparia, ibid., Vol. 1, 1903, p. 13.
Dipteren-Larven und -Pnppen. 269
teil reicliendeii Unterkiefer besitzen müssen, daß diese Stückchen die
Reste der Cardines repräsentieren, welche sich auch in anderen
Fällen als sehr resistent erwiesen haben.
Korrespondierende Stücke sind aber bei Lonc/iopfera nicht nach-
weisbar. Bei EpJiijdra kommen nach Teägaedh's fig. 3, tab. 2 in
dieser Region nocli 2 überzählige Ohitinstäbchen vor.
Bei PJiora ist das Unterlippengestell insofern vollständiger, als
die beiden vorderen Fortsätze sich zu einer zahnartigen Spitze ver-
einigen, welche mit der gleichfalls zahnartigen Oberlippenspitze bei
Eumyiden nicht zu verwechseln ist. In Keilin's ausführlicher Arbeit
über Phorideu-Larven ^) finden sich mehrere Figuren, welche sich
auf diese Verhältnisse beziehen. Seine flg. 26 stellt einen Längs-
schnitt des Pharynx der Phora rufipes-LsirYe dar; wenn er hier einen
kleinen Vorsprung in der wenig chitinisierten Grube unmittelbar
vor dem Endzahn als Hypopharynx bezeichnet, so glaube ich nicht,
daß er hierin Recht hat, weil das fragliche Gebilde eine Strecke
weit vor der Mündung der Speicheldrüse liegt, diese Mündung sich
aber vor dem Hypopharynx zu finden pflegt.
Tentorialstäbe sind uns, obgleich schwach entwickelt, noch bei
der Lonclwptera-'LdiVYQ. begegnet. Den Eumyiden-Larven scheint
jede Spur derselben abzugehen. Hiermit stimmt wohl, daß sie auch
im imaginalen Kopf bei dieser Gruppe nicht mehr vorhanden sind,
während sie bei den Orthorrhaphen ein öfters kompliziertes inneres
Kopfskelet bilden, wie es z. B. aus der bezüglichen Abbildung
Berlese's für Tabanus hervorgeht. ^)
Bei den Syrphiden ist das Verhalten verschiedenartig. Leicht
erkennbar sind die verschiedenen Teile z. B. bei Emnerus. Hier
sind die Mundhaken relativ groß, mit mehreren Sekundärzähnen
versehen. AVeiter nach hinten liegen die oberen und unteren Fort-
sätze; von dem Vorderende ihres gemeinsamen Abschnittes geht
jederseits ein Fortsatz nach vorn; dies sind die Lateralstäbe. In
der unteren Pharynxwand flndet sich die Unterlippe, welche vorn
in einer breiten Spitze endet, während zwischen Lateralgräte und
Unterlippe noch ein längliches Chitinstück vorhanden ist, welches
vielleicht mit dem unter der Lateralgräte der Eumyiden liegenden
Fortsatz vergleichbar ist. Die obere Wand der Kopfblase ist wenig
chitinisiert ; es fehlt demnach auch eine eigentliche Oberlippe.
1) Keilin, D., ßecherches sur la morphologie larvaire des Dipteres
dugenre Phora, in : Bull. sc. France Belgique (7), Vol. 44, 1911, p. 27—88.
2) Beelese, A., Gli Insetti, p. 352, fig. 416.
270 J- C. H. DE Heuere,
Ähnlich verhält sich nach Holmgken's Mitteilung-en und Figuren
die Larve von Microdon. Vor kurzem hat auch Maeia Andkies die
Larve von Microdon ausführlich studiert (in : Z. wiss. Zool. Vol. 103,
1912, p. 300—361). Auch sie fand hier die Mundhaken relativ
stark entwickelt. Das Labium ist kurz, setzt sich aus mehreren
Stücken zusammen, es endet vorn in einer am Vorderrand ausgekuppten
Platte (1. c, p. 336, Textfig. 13). Dagegen ist bei Sijri)hus (Fig 154)
die Unterlippe sehr stark entwickelt und in 2 lange, vorn ver-
bundene und dort einen kurzen spitzen Fortsitz tragende Stäbe
umgewandelt, während die Mundhaken demgegenüber zurückgegangen
sind bzw. ganz fehlen. Es hängt dies wohl mit der Lebensweise
zusammen: diese Tiere ernähren sich bekanntlich von Blattläusen,
welche sie aussaugen. Die Lateralgräten sind bei Sijrphus relativ lang
und treten vorn in eine Spitze zusammen, welche also gleichzeitig
die Spitze der Oberlippe darstellt. Deren Vorhandensein ist auch
aus dem von Keilix ^) gegebenen Längsschnitt erkennbar.
Während bei den Dipteren im allgemeinen die Tendenz
zur Verschiebung der Kopfganglien in den Thorax vorherrscht, ist
die dementsprechende Verkleinerung des Kopfes und die Verschie-
bung der Ursprungsstelle der imaginalen Augenscheiben auf sehr ver-
schiedenartige Weise vonstatten gegangen. Schon bei Chironomiden mit
gut augebildetem Kopf begegnen wir der erwähnten Verschiebung.
Die Ränder der Präfrons bilden hier vertikal in den Kopf ein-
dringende Falten, welche sich hinten verlängern und hinten in den
Prothorax eingetaucht sind, durch eine breite, plattenförmige hori-
zontale Falte desselben überwölbt. Im hinteren Teil dieser verti-
kalen Falten entstehen an der Außenseite die Augenkeime. In ihrer
Nähe liegen die Antennenscheiben, deren Produkte wegen der Länge
der zu bildenden imaginalen Antennen zuletzt weit vorragen und in dem
Lumen dieser Falten, welches oben nur durch die Chitinschicht der
Larve abgeschlossen ist, Platz finden. Die bezüglichen Verhältnisse
sind ausführlich von Miall u. Hammond in ihren schönen Arbeiten
über die Chironomus-hsirve beschrieben.-)
1) Keilin , Sur une formation fibrillaire intracellulaire daris la
tunique de la glande salivah'e chez les larves de Syrphinae, in : CR. Acad.
Sc. Paris, Vol. 156, 1913, p. 908.
2) Miall, L. C. and A. R. Hammond, The development of the
head of the Image of Chironomus, in : Trans. Linn. Soc. London, Zool. (2),
A^ol. 5, 1892, p. 265—279. — Dies., The harlequin fly, 1900, p. 127—135.
Dipteien-Larveu und -Puppen. 271
Nach Holmgren's Figuren von Mijcetophila \) sind solche Falten
auch bei Mijcetophila vorlianden, sie setzen sich aber nur wenig
hinter den Kopf fort, weil hier das Cerebralganglion , obgleich bei
den reifen Larven gleichfalls nicht mehr im Kopfe liegend, doch
in dessen unmittelbarer Nähe vorn im Prothorax liegt ; die Imaginal-
scheiben der Augen liegen demnach dicht hinter dem Kopfe.
In sehr besonderer Weise reduziert ist der Kopf bei den Ceci-
domyiden-Larven (Fig. 150). Eigentümlich ist hier, daß der Kopf
gleichsam in zwei Abschnitte getrennt erscheint, von welchen der
vordere wenigstens noch zum Teil chitinisiert, der hintere ganz
membranös ist; auf letzterem finden sich die Augenflecken, was schon
dafür spricht, daß wir in ihm den Endteil des Kopfes zu erblicken
haben. Auch Dufoue und Mik haben ihn zum Kopfe gerechnet,
während Kieffer-) es als 2. Segment mit dem Namen: ,.le cou"
bezeichnet. Die Chitinspangen des vorderen Kopfabschnittes, welcher
in den hinteren Abschnitt einziehbar ist, hat Kieffee in seiner
tab. 26 fig. 1—3 genauer angegeben und auf p. 314 seiner Arbeit
beschrieben. Auf p. 317 teilt er mit, daß das Cerebralganglion im
hinteren Teile des 1, und im vorderen Teil des 2. Thoraxringes
liegt. Die Bildung des imaginalen Kopfes ist von Maechal studiert.
Bei den Tipuliden herrscht ein ganz anderes Verhalten vor.
Hier ist die ganze Kopfkapsel, mit Ausnahme von Trkhocem (Fig. 21,
22, 173), größtenteils in den Prothorax fest eingezogen und zeigt
infolgedessen allerhand Grade von Reduktion (Fig. 174). Bisweilen
ist der eingezogene Kopf noch nahezu vollständig, z. B. bei Tnaj-
pJwna, während in extremeren Fällen nur noch einige Chitinspangen
übrig bleiben, welche hinten frei in den Prothorax hineinragen. Die
Imaginalscheiben der Augen entspringen bei Trichocera dicht vor
dem hinteren Kopfrande und sind wegen der Lage des Gehirn-
ganglions im hinteren Teile des Kopfes nur kurz, es kommt hier
also nicht zur Bildung von Vertikalfalten wie bei Chironomus, das
Verhalten ist aber viel einfacher. Wo bei den Formen mit ein-
gezogenem, reduziertem Kopf die Augenscheiben entspringen, ist
noch nicht genügend erforscht worden.
1) Holmgren, N., Monographische Bearbeitung einer schalentragenden
jVTycetophilidenlarve (Mycetophila ancyliformans n. sp.), in: Z. wiss. Zool.,
Vol. 88, 1907, p. 1—78, fig. 18, 23, 28. — Man vgl. seine Figuren
für ChirononLUS, ibid., Vol. 76, tab. 27 fig. 2, 3.
2) Kieffee, Monographie des Cecidomyides etc., in: Ann. Sog.
entomol. France, Vol. 69, 1900.
272 J- C. H. DE Meijere.
Ebenso harrt das eigentümlich reduzierte Kopfskelet der Ble-
l)haroceriden-Larven noch genauerer Untersuchung.
Wieder eine besondere Entwicklungsrichtung wird durch die
Therevidenreihe vertreten, zu welcher außer dieser Familie auch
die Asiliden, Empididen (Fig. 171), Dolichopodiden gehören, viel-
leicht die ganze Gruppe der Heterodactyla Beauee's, also auch
die Apioceridae, Mydaidae, Scenopmidae und Bombyliidae.
Hier ist der Kopf bisweilen noch vollständig und frei (There-
viden [Fig. 178], Asiliden), sondern es schließt sich an ihn eine
stabförmige Chitingräte an (die metacephale Gräte), welche bisweilen
median längsgeteilt erscheint und an ihrem hinteren Ende, welches
weit in den Thorax hineinragt, die Augenblasen trägt. Das Gehirn-
ganglion ist hier dementsprechend weit nach hinten verschoben.
Die Tentorialstäbe zeigen hier eine sehr beträchtliche Entwicklung.
Sowohl die Metacephal- als die Tentorialstäbe sind auch bei den
Empididen und Dolichopodiden, welche sehr ähnliche Larven be-
sitzen, außergewöhnlich groß; die äußere Kopfwand ist in diesen
Familien aber sehr viel schwächer geworden, der ganze Kopf hat
überhaupt nur geringen Umfang. Hier ist also das äußere Skelet
dem inneren gegenüber stark zurückgetreten. Mit den Augenblasen
treten weder die Vertikalplatten noch die Tentorialstäbe in irgend-
welche Berührung.
Ganz anders ist das Verhalten in einer zweiten Reihe der Or-
thorrhaphen, zu welcher zunächst die Stratiomyiden (Fig. 175) ge-
hören. Das Verhalten erinnert dadurch an dasjenige der Tipuliden,
daß auch hier der Kopf mehr oder weniger in den Prothorax
hineingewachsen ist. Dies gilt aber nur für die dorsale Wand des-
selben, während die ganze Ventralwand, welche größtenteils durch
das, Submentum eingenommen wird, frei hervorragt. Der einge-
zogene Teil wird auch schon bei gewissen Stratiomyiden recht be-
deutend, erreicht aber bei verwandten Familien (Leptiden [Fig. 176,
177], Tabaniden) einen ganz besonderen Umfang, wohingegen dann
der freie Teil nicht nur viel kleiner, sondern auch viel weniger
chitinisiert und bisweilen größtenteils membranös ist; auch im ein-
gezogenen Teil aber ist die Chitinisierung nicht immer vollständig.
Die Kopfblasen entspringen hier unmittelbar vor dem hinteren Ende
der Kopfplatte, also an gewöhnlicher Stelle, und liaben weder mit
den Vertikalplatten, noch mit den Tentorialstäben nähere Beziehung.
In diese Eeihe dürften alle Familien gehören, welche Osten-Sacken als
Eremochaeta, Brauer als Homoiodactyla zusammenfaßte. Auch
Diptereu-Larven und -Puppen. 273
die Imagines zeigen demnacli charakteristisclie Merkmale, nämlich das
Fehlen der Macrochäten und das Vorhandensein von 3 Fußläppchen.
Bei der Cyclorrhaphen-Eeihe tritt wieder ein anderes Prinzip
in den Vordergrund. Von besonderer Bedeutung sind hier die
Vertikalplatten. Diese lösen sich hier auch in ihrem Vorderende
von der dorsalen Kopfwand ab; nur ganz vorn hängen die beiden
Platten mit dem hinteren Rand des Labrums zusammen. Dafür
treten sie aber in dem vorderen Teil am oberen Rande eine Strecke
weit miteinander in Berührung; diese Strecke ist entweder ganz
{Lonchoptem (Fig. 180) ) oder nur hinten (Eumyiden (Fig. 181) ) stärker
Chitin isiert und gebräunt. An ihren unteren Rändern verbinden sie
sich mit der Pharynxwand und ragen hier als untere Fortsätze
vor, während der freie obere Teil als die oberen Fortsätze in den
Thorax hineinragen, an deren Hinterenden sich die Augenblasen
anschließen. Letztere entspringen hier also nicht mehr von der
dorsalen Kopfwand oder einem besonderen Metacephalstab, sondern
sind auf die Vertikalplatten übergegangen. Tentorialstäbe sind hier
nur ausnahmsweise (LoncJwptera) noch nachweisbar.
Da diese Vertikalplatten Einstülpungen am Rande der Post-
frons darstellen, so sind sie als Anhänge nach innen von den diese
Grenze berührenden Platten zu betrachten und kann es nicht
wundernehmen, daß aus ihnen sich die Organe bilden können,
welche gewöhnlich an der Kopfoberfläche entstehen. Wie aus
diesen im Innern des Kopfes der Fliegenmade liegenden Platten
die Imaginalscheiben der Augen und der Antenne gebildet werden
und wie zuletzt im Anfang des Puppenstadiums der größte Teil des
imaginalen Kopfes nach außen vorgestülpt wird, ist vor vielen
Jahren von Weismann und später ausführlicher von v, Rees be-
schrieben worden. Ich möchte noch im besonderen darauf hin-
weisen, daß auch das Untergesicht der Fliege, welches auch von
Beelese ^) als die Präfrons bezeichnet wird, erst bei dieser Her-
vorstülpung an die Oberfläche gelangt, also mit demjenigen Teil
der Präfrons homolog ist, welches sich als Vertikalplatte nach
innen gefaltet hat.
Der vordere gemeinsame Teil und die unteren Fortsätze des
Schlundgerüstes werden bei diesem Prozeß nicht umgestülpt. Sie
bleiben faltenartig und erhalten neue Chitinplatten, welche als
Fulcrum in dem kegelförmigen einziehbaren Kopfteil der Fliege ge-
1) Beelese, A., GH Insetti, p. 102, fig. 65.
Zool. Jahrb. XL. Abt. f. Syst. 18
274 J- ^- If- DE Meijere,
lagert sind, an deren Spitze sich die Mimdöffnung und die Mund-
teile finden. Eben diese kegelförmige Fortsetzung des Kopfes ist
eine Eigentümlichkeit der Cyclorrhaphen. Osten-Sacken ^) hat darauf
hingewiesen, daß schon Latreille dieser Unterschied aufgefallen
ist, wenn er von seinen Athericeres angibt: „Le sugoir et les palpes
sont inseres ä une distance notable de la cavite buccale, pres du
coude de la trompe, qui est entierement retiree dans cette cavite,
et en forme de siphon, mais dont le sucoir n'est jamais alors com-
pose que de deux pieces." Die kegelförmige Partie bezeichnet er
hier also als Basalteil des Rüssels; letzterer fängt eigentlich erst
an der Spitze desselben an. Die Umstülpung hat aber das zur
Folge, daß zwischen den beiden Hypodermisblättern, welche zwischen
sich das Chitin der oberen Fortsätze abgeschieden haben und da-
durch fest verbunden sind, nicht eine einheitliche, sondern je eine
Chitinschicht abgeschieden wird. Die untere Hypodermisschicht bildet
die obere Wand vom Kopfkegel und das Untergesicht, die obere
die Stirne. x4uf der Grenze liegt bei den Eumyiden das Ptilinum
(die Kopffelase, welche zur Sprengung des Pupariums benutzt wird).
Ihr Auftreten an dieser Stelle ist leicht erklärlich, es ist ein sekun-
därer sackförmiger Anhang an der tiefsten Stelle des ungepaarten
vorderen Teiles der oberen Fortsätze.
Während also sowohl bei den Lonchopteriden wie bei den
übrigen Cyclorrhaphen sich die Vertikalplatten zu fast selbständigen
inneren Chitingebilden entwickelt haben, findet sich zwischen beiden
Gruppen dieser wichtige Unterschied, daß bei den letzteren jetzt
eine Einstülpung des vor der Mundöifnung, bzw.Labi'alspitze liegenden
Kopfteiles eintrat , wodurch das Kopfatrium (Wahl '^) ) gebildet
wurde; dies ist also der Abschnitt zwischen der primären, inneren
Mundöft'nung und der sekundären. Nach diesem Merkmal habe ich
seinerzeit die LoncJioptera unter dem Namen: Anatria als I.Gruppe
der Cyclorrhapha aufgeführt. Die Labialregion samt den damit zu-
sammenhängenden Vertikalplatten entsprechen dem „Frontalsack"
Wahl's, mit welchem ich also in der Auffassung dieser Teile nicht
ganz übereinstimme, denn die Vertikalplatten sind auch, wie bei
1) Osten-Sacken, in: Entomol. monthly Mag. (2), Vol. 13, 1902,
p. 228.
2) Wahl, Br., Über das Tracheensystem und die Imaginalscheiben
der Larven von Eristalis tenax, in: Arb. zool. Instit. Wien, Vol. 12,
1899, p. 43—49.
Dipteren-Larven und -Pnppen. 275
Therera, schon bei g^anz vollständigem Kopfe vorhanden und
bilden eben den größten Teil des P'rontalsacks.
Bezüglich der Auffassung des Kopfbaues bei den Larven der
Cyclorrhaphen finde ich mich nach dem Obigen in bedeutend größerer
Übereinstimmung mit den älteren Auffassungen von Weismann,
VAN Rees, Wahl als mit den neueren von Holmgeen und R Becker.
Ihr Verfahren, den eingezogenen Kopf der Tipuliden als phylo-
genetische Zwischenstufe anzunehmen, ist als verfehlt zu betrachten ;
desgleichen sind Stratmnyia, bzw. Atherix aus der phylogenetischen
Reihe auszuschalten. Am vorderen Körperende findet sich wirklich
noch ein, w^enn auch kurzer Rest des Kopfes frei hervorragend, und
die Antennen, bzw. Maxillartaster sind nicht auf den Prothorax
gerückt. An diesem Kopfe haben zweierlei, ganz auseinander zu
haltende Prozesse stattgefunden: 1. die Bildung des Frontalsacks,
welcher hinten in die 2 Blasen ausläuft, welche je eine Augenanlage
besitzen. Diesen Sack habe ich auf die auch bei vollständigem
Kopf bisweilen vorhandenen Vertikalplatten des Tentorialapparats
zurückgeführt, sie bilden demnach keine neue Kopfeinstülpung, wie
es von den älteren Autoren angenommen wurde. Bei allen Cyclor-
rhaphen, mit Ausnahme von Lonchoptera, kommt dann 2. eine wirk-
lich neue Kopfeinstülpung hinzu, nämlich die besonders oben und an
den Seiten die Mundhöhle begrenzende Partie, w^elche zu der Bildung
des Kopfatriums führt.
Es bleibt demnach auch bei den Museiden ein, wenn auch winziger
Teil des Kopfes frei hervorragend, und dieser trägt die Fühler und
Maxillartaster, und es fällt die von Becker selbst hervorgehobene
Schwierigkeit hinweg, anzunehmen, daß diese Organe sich auf den
Prothorax verschoben haben, wie es bei seiner Auffassung not-
W'cndig ist.
Wir kommen also zu dem Schlüsse, daß die Reduktion des Kopfes
bei den Dipteren-Larven auf sehr verschiedenartige Weise statt-
gefunden hat und daß sich verschiedene Reihen unterscheiden lassen,
welche sich nicht voneinander, sondern nur von einer gemeinsamen
primitiven Form herleiten lassen. Hier ist zunächst an Mj^ceto-
philiden, Ptychopteriden, Trichocera, Rhyphiden zu denken, Gruppen,
w^elche auch, was die Imagines anlangt, alte Formen repräsentieren.
Nach diesem Larvenstudium ist es demnach auch nicht möglich, die
Cyclorrhaphen von den Orthorrhaphen herzuleiten, sondern ist die
Wurzel dieser Gruppe auf viel primitivere Formen zu verlegen, aus
welchen auch die älteren Orthorrhaphen-Familien, speziell die There-
18*
276 J- C- ^- °^ Meijere,
viden und die Xylomyiden, ihren Ursprung genommen haben. Die
oft hervorgehobene Ähnlichkeit der älteren Cyclorrhaphen, speziell
der Phoriden, z. B. mit gewissen Nemoceren-Familien, tritt hierdurch
in ein neues Licht ; dagegen wird die von mehreren Forschern, u. a.
von Osten-Sacken und Verhall, behauptete Verwandtschaft von
Lonchoptera mit den Dolichopodiden wenig wahrscheinlich.
Wenn für letztere Ansicht unter anderem der Bau des Hypopygs
als Stütze aufgeführt worden ist, so möchte ich auf die große Über-
einstimmung hinweisen, welche das Hypopyg von LoncJioptera mit
demjenigen gewisser Mycetophiliden zeigt, wie z. B. aus dem Ver-
gleich meiner Lonchopfera-Fi^urew ^) mit denjenigen von Triclionta,
welche Landeock (in: Ztschr.wiss. Insektenbiologie, 1913, p. 89 u. 90)
gibt, hervorgeht. Auch die Bildung des Kopfes ist doch eine sehr
verschiedene.
Die Kluft zwischen Orthorrhapha Brachycera und Cyclorrhapha
ist nach meinen Befunden eine sehr tiefe; beide Gruppen sind wahr-
scheinlich gesondert von den Nemoceren herzuleiten.
b) Segment zahl.
Die Zahl der erkennbaren Hinterleibssegmente ist bei den
Dipteren-Larven meistens 8; dann trägt das letzte, außerdem Anus,
auch die beiden Hinterstigmen, meistens an seiner hinteren Fläche.
In mehreren Fällen sind 9 deutliche Ringe erkennbar, so bei manchen
Eucephalen, z. B. bei Scatopsc] bei Bibioninen ist die Trennung der
beiden letzten Abschnitte weniger deutlich. Aus dem Verhalten
bei den Bibioniden geht hervor, daß das Stigma des 8. Ringes sich
allmählich nach hinten zu verschieben geneigt ist; bei Bibio und
Düophtis ist es schon auf den 9. Ring gerückt; es läßt sich an-
nehmen, daß zufolge dieser Verschiebung der 8. Ring mehr und mehr
zurücktrat und zuletzt in den 9. ganz aufgenommen wurde. Auch
Ptijchoptem zeigt 9 Hinterleibsringe, desgleichen Dicranota (Miall);
bei den Tipuliden sind im übrigen meistens die zwei hinteren Ringe
zu einem verschmolzen, nachdem auch hier, wie schon bei Dicra-
nota deutlich, das letzte Stigma sich auf das letzte Segment ver-
schoben hat.
Bei Diodria fand ich das 8., letzte Hinterleibssegment noch
ziemlich deutlich in eine vordere und hintere Partie geteilt.
1) de Meijere, J. C. H., Die Louchoptereu des palaearktischen
Gebietes, in: Tijdschr. Entomol., Vol. 49, 1906, tab. 4, 5.
Dipteren-Larveu iind -Pnppeu. 277
Daß der After bisweilen etwas nach vorn verschoben ist und
bei gewissen Tachinen-Larven nicht dem 8., sondern dem 7. Hinter-
leibssegment angehört, wird von Pantel ^) betont, der auch auf das
verschiedene Maß der Reduktion des vorderen und hinteren Körper-
endes bei den Eumyiden-Larven hingewiesen hat. So soll nament-
lich bei Thrixion das Kopfrudiment („le segment pseudocephalique")
sehr stark reduziert sein (,.reduit a deux bätonnets antenniformes,
ä la base desquels s'ouvre l'orifice buccal"). Seiner Annahme, daß
bei diesen Larven die 4 auf das Kopfrudiment folgenden Ringe als
Thoracalringe zu bezeichnen sind, kann ich im übrigen nicht bei-
stimmen.
Eine Eigentümlichkeit einiger Dipteren-Larven bildet die starke
Entwicklung der Zwischensegmeute, d. h. der die Segmente verbinden-
den Membranen oder noch besser der faltbaren Segmentabschnitte,
w^elche sich zwischen je zwei nicht faltbaren Teilen aufeinander fol-
gender Segmente zu finden pflegen. Bei mehreren tritt ein solcher
Abschnitt ventral zwischen Kopf und Thorax auf. Ich fand ihn
bei der jungen TAerfwa-Larve, bei Asiliden, bei Leptis, auch schon
bei Scatopse.
Eine große Anzahl gut entwickelter Zwischensegmente ist seit
langer Zeit für die Thereviden-Larven, auch von Scenopinus bekannt.
Hier sind sie ringsum so lang wie die zwischenliegenden echten
Segmente, so daß der Körper in eine große Anzahl Ringe geteilt
erscheint. Über die Homologie dieser verschiedenen Abschnitte sind
die Forscher nicht einig. Packaed nimmt bei Scenopinus 7 Zwischen-
segmente an, so daß nach ihm die Hinterstigmen am 1. Zwischen-
segment liegen. Nach Brauer gibt es deren 6; er verlegt die
Hinterstigmen auf das 8. Körpersegment. Letzteres dürfte richtig
sein. Auf dieses Segment folgen dann noch 3 weitere Abschnitte,
von denen der letzte sehr kurz ist und die 2 kurzen „Afterfüße"
trägt. Als Zwischensegment sind nach dieser Deutung nur die Ringe
zu betrachten, welche vorn und hinten schmäler sind als die an-
grenzenden Glieder, wie es ja auch dem Begriffe der Inter-
segmentalmembranen entspricht. Für die Deutung bei TJiereva gibt
das Verhalten der von mir oben beschriebenen Dolichopus-LsiYve
einen Anhalt: zwischen den 6 ersten Abdominalsegmenten bei
dieser sind 5 deutliche Zwischensegmente erkennbar, Avelche aber
1) Paxtel, J., Sur l'unification du nombre des segments dans les
larves des Museides, in: CR. Acad. Sc. Paris, 25 janvier 1909.
278 J- C. H. DE Heuere,
viel kürzer sind als die benachbarten Glieder. Hier lieg-en die
Stigmen am 8. Segment, welches gleichzeitig die Analoffnung trägt.
Bei Thereva findet sich noch außerdem ein Zwischensegment zwischen
dem 6. und 7. Segment, und außerdem ist die Hinterleibspitze
komplizierter gebildet und zeigt noch mehrere Segmentgrenzen.
Durch zweierlei Momente ist demnach die scheinbare große Segment-
zahl der TAerem-Larve bedingt. Falls wir den sehr kurzen
letzten Abschnitt nicht als Segment mitzuzählen haben, so enthält
der Hinterleib von Thereva doch 10 Segmente, also eine relativ sehr
hohe Zahl. Vieles spricht aber dafür, daß wirklich hier eine sehr
alte Larve vorliegt. Es ist hier von Interesse, daß Schmitz ^) der
Larve von Fohjlepta leptogaster gleichfalls 10 Segmente am Hinterleib
zuschreibt, von welchen aber das letzte unter normalen Umständen
stets, das vorletzte fast stets in eingezogenem Zustande getragen
werden.
c) Die Stigmen.
Was die Stigmenzahl anlangt, so ist diese am größten bei den
Bibioninen. Bibio und Düophus zeigen deren 10 Paare, nämlich je
eins am Pro- und Metathorax und an den 8 ersten Abdominalringen.
Das letzte dieser Stigmen gehört augenscheinlich dem 9., hier noch
ziemlich deutlich als besonderer Ring erkennbaren Segment an und
ist bedeutend größer als die übrigen. Daß es das nach hinten ver-
schobene Stigma des 8. Ringes ist, geht aus dem Verhalten bei
Scatopse genügend sicher hervor. Hier fehlt dem Metathorax das
Stigmenpaar, es sind also 9 Paare vorhanden. Die Stigmen stehen
auf kurzen seitlichen Vorsprüngen, nur beim letzten Stigmenpaar,
welches überhaupt größer ist, ist der Stigmenträger bedeutend um-
fangreicher und mehr nach oben gerichtet; er liegt knapp am Hinter-
rande des 8. Segments, während die übrigen Stigmenpaare in der
Mitte der Segmente gelagert sind, ist also auch hier schon nach
hinten verschoben.
Dieselbe Zahl von 9 Stigmenpaaren ist bei Cecidomj'iden die
Regel; auch hier liegen die Stigmen am Prothorax und am 1. — 8.
Abdominalsegment; gewöhnlich hat sich das 8. Abdominalstigma
mehr oder weniger dem Hinterrande seines Segments genähert.
1) Schmitz, H., Biologisch-anatomische Untersuchungen an einer höhlen-
bewohnenden Mycetophilidenlarve , in : Natuurh. Genootsch. Limburg,
Jaarboek 1912, Separat p. 24.
Dipteren-Larven und -Puppen. 279
(KiEFFER, Monographie des Oecidoinyides d'Europe etc. in : Ann. Soc.
entomol Franc^-e, Vol. 69, 1900, p. 308). Die Mycetophiliden-Larven
sind im allg-emeinen im Besitz von 8 Stigmenpaaren (am Prothorax
und den 7 ersten Abdominalsegmenten); am 8. Segmente fehlen sie
hier also (Osten-Sacken, Characters of the larvae of Mycetophilidae,
Separat p. 9).
Ampliipneustisch ist unter den Mycetophiliden nach den Angaben
mehrerer Autoren die Larve \ on Mycetobia; dasselbe Verhalten findet
sich auch bei Trichocera und PJujphus. In allen diesen Fällen ist
das 2. Stigmenpaar weit nach hinten an das letzte Körpersegment
gerückt.
Metapneustisch sind die meisten Tipuliden-Larven.
Ich möchte hier auch auf die Entwicklungsreihe, welche die
Stigmen selbst darbieten, kurz eingehen. Wie ich in meinen früheren
Veröffentlichungen über diesen Gegenstand^) nachgewiesen habe,
kommen gewöhnliche, oifene Stigmen bei Dipteren-Larven nicht vor.
Immer bildet das äußerste Ende der Trachee einen soliden Strang,
w^elcher mit der „Stigmennarbe" als Kest der eigentlichen primären
Stigmenöffnung abschließt. Gleich unterhalb dieses kurzen Stranges
zeigt die Trachee einen seitlichen, blasenförmigen Anhang, welcher
seinerseits mit der Haut in Berührung tritt; an der Berührungsstelle
entstehen eine mehr oder weniger große Anzahl von meistens ovalen
oder länglichen dünneren Tüpfeln, welche höchstens median eine
wirkliche Spalte aufweisen können, welche aber, wenn vorhanden,
eine sekundäre Erscheinung sein dürfte. In bestimmten Fällen bleibt
die Blase ziemlich weit von der Haut entfernt und sendet Fortsätze
zu ihr, welche dann ihrerseits mit einem Tüpfel enden. Zahlreiche
Variationen auf dieses Thema kommen vor, von welchen ich eine be-
deutende Anzahl in meinen früheren Abhandlungen vorgeführt habe;
äußerst komplizierte Zustände traf ich seitdem bei den im Innern
von Hymenopteren-Imagines lebenden Conopiden - Larven -) , und
auch bei Tachiniden- Larven wurden in jüngster Zeit mehrere
interessante Verhältnisse beschrieben, namentlich von Nielsen'^).
1) DE Meijere, J. C. H. , Über zusammerigesetzte Stigmen bei
Dipterenlarven, usw., in: Tijdschr. Entomol., Vol. 38.
2) DE Meijere, J. C. H., Beiträge z. Kenntnis der Biologie und
der System. Verwandtschaft der Conopiden, in: Tijdschr. Entomol., Vol. 46,
p. 144—224.
3) Nielsen, J. C, lagttagelser over eutoparasitiske Muscidelarver
hos Arthropoder, in: Entomol. Meddel. (2), Vol. 4, 1909. — Ders., Under-
280 J- C. H. DE Meijeee,
Im allgemeinen sind nun bei den Euceplialen-Larveu die Verhältnisse
noch weniger kompliziert. Meistens hängt die Blase selbst mit der
Haut nahe zusammen, und die Anzahl der Tüpfel ist noch gering;
die Blase ist meistens deutlich lateral, und die Stigmennarbe liegt
demnach neben der kurzen Tüpfelreihe. Solche einfachste Verhält-
nisse bieten die Sciarinen und Mycetophiliden. So fand ich z. B.
im vorderen Stigmenpaar bei der Larve von Mycetophüa punctata
ca. 6 dergleichen Tüpfel.
Bei den Cecidomyiden-Larven herrscht dasselbe Schema vor, die
Tüpfel sind hier aber meistens sehr klein und in geringer Zahl
vorhanden.
Bei den Bibioniden kommt es zu einer Komplikation. Hier wird
die Anzahl der Tüpfel eine bedeutend größere; der Bogen, welchen
sie, auch wenn wenig zahlreich, gewöhnlich bilden, wird immer mehr
in der Richtung eines vollständigen Kreises umgewandelt. Sehr in-
struktiv ist hier die Larve von Scatopse (Fig. 4). Bei dieser sind
jederseits 9 Stigmen vorhanden; die 8 vorderen Paare zeigen einen
noch nicht geschlossenen Tüpfelring, obgleich die Zahl der Tüpfel
hier schon ziemlich bedeutend (ca. 8) wird ; bei dem größeren und auf
längeren Fortsätzen stehenden hinteren Paar ist ein geschlossener Ring
von ca. 30 Tüpfeln vorhanden, die Stigmennarbe ist dort also zu einer
zentralen geworden. So glaube ich letztere aus der einfacheren
seitlichen Narbe ableiten zu dürfen.
Bei den Bibioninen, z. B. bei Düophus, ist der Kreis bei allen
Stigmen geschlossen, die Stigmennarbe ist aber noch etwas exzen-
trisch gelagert, als Andeutung davon, daß ihre Lage eine ganz seit-
liche war.
Äußerst merkwürdig ist. daß die TricJiocem-'LsiYve sich, was
die Bildung ihrer Stigmen anbelangt, so ganz ähnlich wie die Bi-
bioniden verhält; auch bei ihren 2 Paar Stigmen sind die Tüpfel-
kreise geschlossen, die Stigmennarbe liegt aber bei den Vorder-
stigmen noch sehr deutlich exzentrisch, und wie bei den Bibioniden
ist der Tüpfelkreis durch einen breiten Ring, an welchen sich immer
zahlreiche Chitinsäulchen ansetzen, von der Narbe getrennt; bei den
Hinterstigmen ist eine zentrale Stigmennarbe vorhanden.
Nach demselben Schema wie das Hinterstigma der TricJiocera-
Larve sind die einzig vorhandenen Hinterstigmen der meisten Tipu-
sögelser over entoparasitiske Muscidelarver hos Arthropoder, in : Vid.
Meddel. naturh. Foren. Kjöbeiihavn, Vol. 63, 1911.
Diiiteren-Larven und -Puppeu. 281
liden-Larven s. 1. gebildet; bei den Tipulinen kommt es dann zu
einigen weiteren Komplikationen dadurch, daß statt eines einzigen
Tüpfelkreises deren mehrere vorhanden sind, während der Säulchen-
ring sich dementsprechend als besonderer Abschnitt zurückgebildet hat.
Wenn ich also die Phylogenese der Stigmen mit zentraler Narbe in
obiger Weise fasse, so ist meine frühere Ansicht, daß diese Sorte sich
direkt an gewöhnlichen offenen Stigmen dadurch ausgebildet hatten,
daß eine Haarfilzbekleidung sich zu einer Tüpfelplatte verbunden
hatte,^) hinfällig geworden; die zentrale Lage der Stigmennarbe ist hier
aber auch sekundär wieder erreicht, und diese Stigmen bilden eine
besondere Entwicklungsrichtung der geschlossenen, mit Tüpfeln ver-
sehenen Stigmen.
Schon früher habe ich auf das eigentümliche ovale hintere
Stigmenpaar \on Bibio, welches 2 Stigmennarben besitzt, hingewiesen;
ich kann jetzt hinzufügen, daß bei Düophus ein weiterer Schritt
getan worden ist; hier besitzt das hintere Stigmenpaar 3 Stigmen-
narben (Fig. 10), welche in einem Dreieck angeordnet sind; die
Stigmen sind dementsprechend rund. Offenbar haben wir es hier
mit einer ganz sekundären Längsspaltung des Tracheenendes zu
tun, welche mit der Tendenz, den Tüpfelkreis dieses Stigmas mög-
lichst zu vergrößern, zusammenhängt.
Bei den im Wasser lebenden Larven zeigen die Stigmen eine
ganz andere Beschaffenheit ; eine ähnliche Schutzvorrichtung wie bei
den anderen Medien ist hier überflüssig; das Stigma ist entweder,
wenn es sich an der Wasseroberfläche befindet und das Tier atmet,
der Luft direkt ausgesetzt, oder, wenn das Tier untertaucht, wird es
durch Klappen oder durch Einziehen geschützt. Demzufolge ist das
Stigma selbst nicht mit besonderen Tüpfeln versehen, sondern höch-
stens mit einer gleichmäßig dünnen Haut bekleidet ; ob hier eine
wirkliche (jffnuug vorhanden ist, hält meistens schwer zu entscheiden.
Bei Ptijchoptera (Fig. 20) z. B. enden die beiden großen Tracheen
in der Atemröhre mit je einer länglichen Partie mit abweichender,
keine Chitinspiral zeigender Wandbildung, also mit einer Art Filz-
kamraer; an der Spitze derselben erscheint eine ungefähr halbkreis-
förmige Stelle, welche durch eine schwach braun gefärbte Membran
verschlossen ist. Auch hier dürfte es sich indessen nicht um primi-
tive Verhältnisse handeln; wahrscheinlich haben wir es hier mit
einem durch Verlorengehen der Tüpfel sekundär vereinfachten Tüpfel-
stigraa zu tun.
1) DE Meijere, J. C. H., in: Tijdschr. EutomoL, Vol. 38, p. 89.
282 J- C. H. DE Meijere,
Die Phylogenese dieser Wasserlarven-Stigmen habe ich indessen
noch nicht genügend untersucht ; nur möchte ich schon jetzt hervor-
heben, daß hier vielleicht die Stigmen von Psychoda (Fig. 165) einige
Aufklärung geben. Bei der auf einem langen Atemrohr nebenein-
ander gelegenen Hinterstigmen beobachte ich, daß sie gewölbt sind,
in der Mitte liegt die braune Stigmennarbe, ringsum umgeben von
einem breiten, wenig gefärbten Saum, in welchem noch dicht neben-
einander liegende streifenförmige Tüpfel zu erkennen sind; diese
sind aber sehr schmal und heben sich weniger von der Umgebung
ab als gewöhnlich. Es ist also nach dem Schema eines Stigmas mit
zentraler Narbe gebaut, zeigt jedoch schon ein Zurückgehen der
Tüpfel.
Auch das kleine Vorderstigma von Psychoda ist stark gewölbt
und länglich vorgezogen. An der Spitze erscheint als trichterförmige
Einsenkung die Stigmennarbe; mehr nach unten hin beobachte ich
wenigstens an der Ventralseite ein paar kleine längliche Tüpfel.
Eine große runde zentrale Stigmennarbe, rings um welche sich
ein vollständiger Kreis durch feine Linien getrennter, zarter, schmaler
Tüpfel vorfindet, zeigt sich am Hinterstigma von Dixa. ^)
2. Zur Kenntnis der Puppen der Dipteren.
Auch über die Puppen der Dipteren mögen hier einige Be-
merkungen einen Platz finden. Genauere Beschreibungen dieses
Stadiums liegen nur sehr w^enig vor, und auch dann ist auf die
Homologie der verschiedenen Teile oft nicht genügend eingegangen.
Eine umfassende vergleichende Morphologie auch dieses Stadiums
ist bis jetzt noch ein Desiderat, und ich hätte eine viel größere
Zahl untersuchen müssen, bevor ich imstande Aväre, eine solche hier
zu geben. Doch gaben die von mir untersuchten Metamorphosen
zu einigen allgemeinen Betrachtungen Veranlassung, welche ich
noch durch kurze Mitteilungen über bestimmte andere Dipteren-
Puppen zu erweitern vermag.
Die Dipteren-Puppen sind bekanntlich entweder frei oder in der
letzten Larvenhaut eingeschlossen; nur bei Magetiola und vielleicht
noch einigen Cecidomyiden wird sie zuletzt von der vorletzten
Larvenhaut umschlossen. Im allgemeinen sind die freien Puppen
von derberer Beschaffenheit als die eingeschlossenen, w^elche nament-
lich bei den Cyclorrhaphen innerhalb der oft dicken Larvenhaut nur
1) Meinert, Eucephale Myggelarver, tab. 4 fig. 110.
Diptereu-Larveu und -Puppen. 283
eine äußerst zarte, fast ganz farblose Chitinscliicht besitzen. Bei
den nicht eingeschlossenen Puppen ist die Verkittung der Teile ver-
schiedenartig weit vorgerückt, was sich namentlich auf die Beine
bezieht. Ihre gegenseitige Anordnung und die Überdeckung der-
selben durch die Flügelscheideu ist verschiedenartig.
Die Kopfscheide wird gewöhnlich in 3 Stücke gesprengt, ein
ungepaartes vorderes Stück und 2 nebeneinanderliegende hintere.
Das vordere Stück enthält die Scheiden der Fühler und der Mund-
teile, die hinteren diejenigen der Facettenaugen. Die die hinteren
Stücke trennende mediane Naht setzt sich auf den Thorax bis zum
Hinterrücken fort. Die querliegende Trennungsnaht zwischen dem
vorderen und den beiden hinteren Stücken fällt mit der Grenze
zwischen dem 1. und 2. (Antennal-)segment Beelese's zusammen, wie
aus dem Vergleich mit Beelese's Figuren (Gli Insetti, p. 83, fig. 37
und p. 86, fig. 41) hervorgeht, die mittlere Partie der vorderen
Kopfplatte ist also das Tergit des Antennalsegments, nach vorn hin
folgen Präfrons, Clypeus usw. nebst Sterniten - Teile des 2. — 6.
Kopfsegments, alle indessen ohne scharfe Begrenzung. Das hintere
Plattenpaar, welches die Anlagen der Facettenaugen trägt, repräsen-
tiert die Postfrons (= das 1. Somit) und den Vertex, d. h. tergale
Teile der weiteren Segmente (für diese komplizierten Verhältnisse
vergleiche man z. B. Beelese's fig. 24 und fig. 68). Auch die ge-
paarten Ocellen müssen theoretisch diesen Stücken angehören als
Anhänge des 1. Somits, während die unpaare Ocelle dem vorderen
Stück, im spezielleren dem Tergit des Antennalsegments zuzurechnen
ist. Wirklich gibt Lundbeck ^) an, daß bei Ta&awws-Puppen bei der
Sprengung die 3 kleinen Höckerchen, welche hier meistens vor-
handen sind und welche schon Beauee als die Ocellenanlagen ge-
deutet hat, voneinander getrennt werden, was mit dem theoretisch
zu erwartenden Verhalten stimmt. Für Tahanus habe ich dies be-
stätigen können, jedes der gepaarten oberen Stücke behält hier nahe
seinem Rande eines dieser Höckerchen; bei Hexaioma pellucens, bei
welchem aber die Imago keine Ocellen aufweist, scheinen sie mir
alle 3 am Oberrande des ungepaarten ventralen Kopfschildes zu
verbleiben, so daß hier die Trennungsnaht etwas verschoben zu
sein scheint. Bei Puppen der übrigen Familien der Orthorrhaphen
habe ich dergleichen Ocellenanlagen nicht beobachtet. Die unpaare
1) Lundbeck, Diptera Danica I, 1907, p. 108.
284 J- H. C. DE Meijere,
Kopfplatte ist bei den Limnobiinen und Tipulinen relativ klein, bei
den Orthorrhaplien erreicht sie eine bedeutende Größe.
An der Kopfscheide fallen zunächst die Fühlerscheiden auf. Bei
Nemoceren sind diese gewöhnlich lang und größtenteils frei, oft mit
deutlichen Anzeichen der Gliederung.
Bei den niederen Orthorrhaphen sind sie gleichfalls mehrgliedrig,
aber viel kürzer. So linde ich sie bei Xijlotnyia als kurze, seitwärts
abstehende Anhänge. Eine gleichartige Lagerung zeigen sie bei
der T/?erem-Puppe (Fig. 72), doch fehlt hier die äußere Gliederung.
Als starke, aber kurze, hakenförmige und an der Unterseite mit ein
paar sekundären Zähnen versehene Gebilde zeigen sie sich bei Asilus
und Diodria, und in derselben Gestalt sind sie auch bei Bombylius
vorhanden (Fig. 169). Bei der Puppe von Hilara (Fig. 114) sind sie
relativ lang, gebogen und mit einer leichten Gliederung in der
Gestalt einer seichten Einschnürung; an der Spitze steht ein kurzer
Zapfen.
Dagegen treten die Fühlerscheiden bei Medeterus äußerlich nicht
deutlich hervor. Wie die Kopfteile hier in dem großen Kopfschilde
gelagert sind, habe ich nicht ganz genau beobachten können, aber
die Fühlerborste ist in der Mitte gefaltet, so daß ihre Endhälfte
der Wurzelhälfte außen anliegt. Höchstwahrscheinlich sind die
Fühler, welche offenbar am oberen Ende des dreieckigen Unter-
gesichtsfeldes entspringen müssen, nach unten gerichtet und schaut
die Spitzenhälfte wieder nach vorn.
Unter den Cyclorrhaphen finde ich kurze, seitlich abstehende
Fühlerscheiden bei CalUmyia. Bei den Eum3äden scheinen besondere
Fühlerscheiden nicht ausgebildet zu sein. Bei Tachina (Fig. 170)
liegen die Fühler am vorderen Körperende, während sich die langen
Fühlerborsten bis über den inneren Augenrand erstrecken.
Was die Facettenaugen anlangt, so sind diese meistens an der
Puppenhaut nicht erkennbar. Bisweilen aber zeigt auch schon diese
eine mehr oder weniger ausgesprochene Felderung, so z. B. bei
Medeterus; am besten erkennbar ist diese aber bei Hilara.
Als Beispiel dieser Mundteile bei den Nemoceren wäre auf die
Figur von Tipida hinzuweisen (Fig. 166). Hier erkennt man ganz
klar jederseits die Tasterscheide, deren Spitzenteil stark haken-
förmig umgebogen ist und dem Wurzelteil anliegt, und eine mittlere
Partie, welche in einem kurzen medianen Vorsprung das Labrum
erkennen läßt, während die beiden breiten lateralen Lappen Labellen
des Labiums entsprechen. Die verschiedenen Teile sind auch bei
Diptereu-Larveu und -Puppen. 285
Ti'icijphona immacidafa sehr deutlich, das Labriim ist hier größer,
die Tastersclieiden sind gebogen, am Ende aber nicht doppelt ge-
faltet, und die Labellen sind deutlicher getrennt. Daß sich auch
schon bei Tipuliden verschiedenartige Verhältnisse vorfinden, geht
aus Fig. 45 hervoi", welche sich auf Bliypholophus varitis bezieht.
Hier sind die Tasterscheiden ziemlich groß, oben wenig nach außen
gerichtet. Zwischen ihnen liegt als trapezförmige Platte die Labial-
scheide, während das Labrum nur als wenig auffällige schmale Partie
auf ihrer Mitte zu erkennen ist.
Daß bei den Culiciden die verschiedenen Scheiden der Mund-
teile deutlich erkennbar sind, habe ich in meiner Arbeit über die
Metamorphose der myrmecophilen Culicide Harpagomyia splendens ^)
schon angegeben. Ober- und Unterkiefer-, Mandibel- und Maxillen-
scheide sind hier lang, die Tasterscheide bildet eine kurze Schuppe
an der Wurzel der Maxillenscheide.
Nach demselben Schema gebildet wie bei Tipula sind die Ver-
hältnisse bei Cecidomyiden, wie z. B. bei BJiopalomyia ptarmicae
(Fig. 167), nach einer Abbildung von Miall u. Hammond (The harle-
quin fly, p. 140) auch bei CJiironomus. Das Verhalten bei Xißomyia
(Solva) geht aus Fig. 168 hervor. Da hier nur die Exuvie vorlag, so sind
nicht mit vollständiger Sicherheit die verschiedenen Fortsätze am
Unterrand des Kopfschildes zu deuten, aber nach aller Wahrschein-
lichkeit liegen median Oberlippen- und Unterlippenscheiden über-
einander, während der nächstfolgende Fortsatz nach Analogie mit
anderen Orthorrhaphen-Puppen die Unterkieferscheide ist. Dann
folgen nach außen hin die größeren Tasterscheiden.
Bei den übrigen von mir untersuchten Orthorrhaphen sind die
Scheiden von Ober- und Unterlippe äußerlich gut erkennbar; die
der Unterlippe ist, wie es auch schon bei Xißomyia (Fig. 168)
der Fall ist, entgegen dem Verhalten bei mehreren Neraoceren, nicht
median geteilt oder eingeschnitten. Dem langen Rüssel entsprechend
ist bei Bomhylhis auch die Unterlippenscheide sehr lang und ragt
über die Flügelscheide hinaus.
Die Scheiden der Unterkiefer sind zu beiden Seiten der Ober-
lippe oft als sehr kurze zapfenförmige Organe erkennbar {Thereva,
Hilara, Medeterus) ; bei den Asiliden sind sie, entsprechend der relativ
starken Entwicklung der Unterkiefer bei der Imago, relativ groß.
1) DE Meijeke, J. C. H., in: Tijdschr. Entomol., Vol. 54, 1911,
tab. 14 fis'. 7, 8.
286 J- C. H. DE Meijeke,
Mehr nach außen hin liegen dann die Tasterscheiden; diese ragen
hier aber nicht seitlich aus der Kopfplatte hervor, sondern sind nur
durch Nähte als besondere Organe erkennbar; die Taster sind denn
auch bei diesen Formen meistens nicht stark ausgebildet. Bei
Bomhjlius (Fig. 169) sind auch die Unterkieferscheiden lang; sie
fassen die Unterlippenscheide zwischen sich, sind aber kürzer als diese.
Bei den Cyclorrhaphen ist die Rüsselscheide relativ lang (man
vgl. Fig. 170 von Tachina); der Bogen zwischen den Augen entspricht
hier dem oberen Mundrand, denn unmittelbar über demselben erkennt
man die beiden Vibrissen. Labrum und Labium sind nur durch eine
seichte Querfurche voneinander abgetrennt; besondere Tasterscheiden
sind kaum vorhanden, wie dies auch aus einer Figur in „The house
fly" von C. Gordon Hewitt (in : Quart. Journ. microsc. Sc, Vol. 52,
No. 5, tab. 30 flg. 12) hervorgeht; an der entsprechenden Stelle der
Kopfscheide erkennt man nur eine sehr breite und flache Vorwölbung.
Als besondere Puppenorgane sind die Höcker oder Zähne zu
deuten, welche man öfters am äußersten Vorderende, also am oberen
Teile der ungepaarten Kopfplatte, beobachtet; hierzu gehören die
Bohrhörnchen vieler Cecidomyiden-Puppen, die an dieser Stelle vor-
handenen hakenförmigen Zähne bei Asihis, Bomhjlius, Hüara.
Was die Beinscheiden anlangt, so fallen meistens hinter der
Unterlippenscheide 2 einander in der Mittellinie berührende Platten
auf; dies sind die Scheiden der Vorderhüften. Bei Rhopalomyia sind
sie relativ kurz, desgleichen bei Tipuliden {Tnjciphona, Fig. 30);
größer sind sie bei Xylomyia inamoena. Bei den Orthorrhaphen sind
sie oft von bedeutender Größe und geben, weil sie bei der Exuvie
mit der Mundteilenpartie verbunden bleiben, dem Angesichtsteil der
Puppe eine ganz eigentümliche Physionomie (man vgl. Bysmachus
Fig. 91, Hüara Fig. 112). Nach außen hin folgen dann die quer-
liegenden Scheiden der Vorderschenkel, während die übrigen Teile
der Vorderbeine dem Vorderrand der Flügelscheide parallel nach
hinten gerichtet sind. Von den Mittelbeinen erkennt man an der
Außenseite der Puppen meistens einen kleinen Teil der Hüften;
diese Teile liegen als 2 dreieckige Plättchen keilförmig zwischen
den Vorderbeinscheiden. Von den Mittelschenkeln ist meistens
äußerlich nichts zu sehen; bei Medeterus (F\g. 9i^) liegen hinter den
Mittelhüftenscheiden noch 2 kleine Chitinplättchen, welche nach
einer reifen Puppe der äußersten Wurzel der Mittelschenkel ent-
sprechen.
Beim Auskriechen der Imago wird von der Dipteren-Puppe
Dipteren-Larven nnd -Pnppen. 287
die Haut des Kopfes und Thorax in bestimmter Weise gesprengt.
\^'ie schon gesagt, bleiben bei den meisten Orthorrhaphen die großen
Scheiden der Vorderhiiften mit der Kopfplatte verbunden, während
sich auch hier die Scheiden der Mittelhüften ringsum von den sie
umgebenden Platten abtrennen. Bei Mcdderus indessen bleiben die
ventralen Stücke alle miteinander verbunden und lösen sich nicht
einmal die lateralen Kopfplatten in ihrer unteren Hälfte ganz von
der vorderen Kopfplatte los.
Die Tarsenspitzen jeder Seite liegen bei den von mir unter-
suchten Puppen der brachyceren Orthorrhaphen hintereinander, wie
es nach Heegees Figur auch schon bei Xylophagus ^) der Fall ist.
Gleiche Anordnung findet sich auch bei Bhyphus und bei Trichocera^),
während bei manchen anderen Tipuliden diese Spitzen nebeneinander
liegen, also alle in einer Fläche, obgleich sie nicht alle von gleicher
Länge zu sein brauchen. Auch bei den Eumyiden liegen sie hinter-
einander ; dies dürfte das primitivere Verhalten repräsentieren.
Bekanntlich liegen bei einem Teil der Nemoceren die Spitzen
der langen Beinscheiden eigentümlich S-förmig gefaltet dem Thorax
dicht angeschmiegt. Dies findet sich bei Culiciden, Chironomiden
Dixiden, indessen nicht bei Ceratopogon, bei welcher Gruppe die
Beine jedoch relativ kurz sind. Osten-Sacken ^) hat schon darauf
hingewiesen, daß bei Ptychoptera die Beinscheiden diese Faltung
nicht zeigen, aber, wie bei den Tipuliden die Regel, dem Hinterleib
anliegen und im Endteil gerade gestreckt sind, trotzdem diese
Gattung verlängerte Beine besitzt. Osten-Sacken findet hierin
einen der Gründe zur Zurückweisung der Meinung Beauek's, daß
Ptychoptera den Eucephalen näher steht als den Tipuliden.
Der Thorax wird beim Auskriechen der Fliege durch eine
Mediannaht gesprengt, welche sich bis zum Vorderrand des immer
sehr kurzen Metathorax erstreckt. Am äußersten Vorderrand des
Thorax liegt das Prothoracalstigma der Puppe.
Das Abdomen der Dipteren-Puppe zeigt im allgemeinen ein-
fache Verhältnisse. Verwachsungen bestimmter Ringe, wodurch die
Beweglichkeit zuletzt eine sehr beschränkte oder ganz aufgehoben
1) Heegee, Neue Metamorphosen einiger Dipteren, in: SB. Akad. Wiss.
AVien, math.-nat. Gl., Vol. 31, 1858, tab. 3.
2) Keilin, in: Bull. sc. France Belg. (7), Vol. 46, tab. 5 fig. 6.
3) Osten-Sackex, On the characters of the tliree divisions of Dip-
tera: Nemocera, Xemocera anomala and Eremochaeta, in: Berlin, entomol.
Ztschr., Vol. 37, 1892, p. 462.
288 J- C. H. DE Heuere,
wird, wie es bei Lepidopteren der Fall sein kann, finden sich hier
nicht. Die mittleren Ringe sind hier alle gleichartig; gewöhnlich
tragen sie nahe ihrem Hinterrande eine oder mehrere Querreihen
von Haaren oder Dornen, zwischen welchen Sinnespapillen ver-
schiedenartig zerstreut sind ; öfters finden sich Sinnesborsten an der
Basis bestimmter Dornen. Die Anzahl dieser Dornengürtel ist ver-
schieden; 6—7 finden sich bei mehreren Limnobiinen; hier fehlt
einer am 1. Abdominalring; bei den Orthorrhaphen sind sie gewöhn-
lich auch hier vorhanden, bisweilen sogar stärker entwickelt als an
den folgenden Ringen, wie z. B. bei Dijsmaclms frigonus.
Bei den Cecidomyideu sind die kleineren, überall zerstreuten
Wärzchen, welche auch bei anderen Dipteren-Puppen gewöhnlich in
verschiedener Ausbildung vorhanden sind, oft relativ stark. Bei
vielen sind sie hier in einer am Vorderrande der Ringe liegenden
Partie zu größeren Dornen ausgebildet, wähi-end nahe dem Hinter-
rande die relativ stark entwickelten dorsalen Sinnespapillen liegen.
Über den Bau der Puppenstigmen habe ich seinerzeit eine
besondere Abhandlung publiziert ^) und bin in verschiedenen späteren
Aufsätzen auf den Gegenstand zurückgekommen. Ich habe nach-
gewiesen, daß auch bei diesen dasselbe Schema vorherrscht, welches
den Larven eigentümlich ist, nämlich dasjenige der Tüpfelstigmen. In
den meisten Fällen liegt hier die Stigmennarbe seitlich, nur ausnahms-
weise, wie bei den Prothoracalstigmen der Bibiouinen, kommt es zu
einem vollständigen Tüpfelkreis, mit zentraler Stigmennarbe, wie
ein solcher auch bei den Larven in dieser Gruppe vorhanden zu
sein pflegt. Ganz ähnliche Stigmen mit geschlossenem Tüpfelkreis
finde ich auch bei Prt;?or^a-Larven, offenbar wieder als Folge einer
parallelen Entwicklung.
Die sehr langen Stigmenhörner von Medeterus zeigen in ge-
wöhnlicher Weise die Hornfilzkammer, aber ihr fehlen die Tüpfel.
Auch LüBBEN^) hat bei den kürzeren Atemhörnern von TJirypticus
smaragdinus Geest, keine Tüpfel auffinden können. Stigmenhörner
sind bei dieser Gattung auch zu 4 Paar jederseits am Hinterleibe
1) DE Meijeee, J. C. H., Über die Prothoracalstigmen der Dipteren-
puppen, in: Zool. Jahrb., Vol. 15, Anat., 1902, p. 623, 692. — Ders.,
Zur Kenntnis der Metamorphose von Platypeza, in : Tijdschr. EntomoL,
Vol. 54, 1911, p. 251—254.
2) LÜBBEN, H., Thrypticus smaragdinus Geest, und seine Lebens-
geschichte, in: Zool. Jahrb., Vol. 26, Syst., 1908, p. 329.
Dipteren-Larven und -Puppen. 289
vorliaiideii . und diese sind liier sogar noch länger als die Pro-
tlioracalhörner.
Auch das Durchbrechen der Prothoracalstigmen habe ich seiner-
zeit in Betracht gezogen und jetzt dem früher darüber Angegebenen
meine Mitteilungen über die Lage dieser Hörnchen bei den Pipun-
culiden und die Sprengungsweise ^) ihrer Puparien hinzugefügt. Es
ergab sich, daß hier wieder ein eigener Modus auftritt, so daß wir
bei den Puparien besitzenden Dipteren jetzt folgende Schemata
unterscheiden können, wobei mit I — III die Thoracalringe, mit 1 — 3
die 3 ersten Abdominalringe gemeint sind:
Stratiomyiden. Längsspalt in II— 1; dorsaler Querspalt in
Anfang II und Anfang 1. Kein Durchbruch.
Lonchoptera. Längsspalt von Anfang 1 bis Anfang 4; dorsale
Querspalte in 1 und 4. Durchbruch in 2.
Phoriden. Mediane und laterale Längsspalte in 1, 2, 3 oder
(z. B. bei Phora hergenstammi) in III, 1, 2, 3. Dorsale Querspalte
meistens in 1 und 3. Durch bruch in 2.
Syrphiden. Schiefliegender lateraler Längsspalt in I — 3.
Dorsale Querspalten in III und 3. Durchbruch in 1.
Pipunculiden (Fig. 144, 145). Bei Chalarus Ringspalt im
Anfang 2. Dorsaler Querspalt zwischen III und 1. Dorsale schief-
liegende Spalte zwischen III und 1; dorsal-lateraler Spalt von III
bis Anfang 2. Lateraler Längsspalt von I bis Anfang 2 (bei Pi-
pimculus fehlend). Durchbruch zwischen 1 und 2.
Platypeziden. Seitliche Längsspalte in II — 1. Dorsale
Querspalte in II und 1. Kein Durchbruch.
Eumyiden. Laterale Läugsspalte in I— 1. Ringspalt im
Anfang 1. Durchbruch in 1.
Unter den Dipteren, welche durchbrechende Stigmenhörner
zeigen sollen, nennt Bouche 2) auch Scatophaga merdaria. Diese An-
gabe muß auf einem Versehen beruhen, denn bei Scatophaga habe ich
bestimmt nicht durchbrechende beobachtet. Der Tatsache, daß hier
Sc. siercoraria (geschlüpft 14. Mai 1912 aus einer im April unter
faulen Blättern gefundenen Larve) vorlag, ist diese Differenz doch
wohl nicht zuzuschreiben. Bei den Scatomyziden sind demnach bis
jetzt nur nicht durchbrechende Stigmen bekannt, während bei den
Anthomyiinen beiderlei Verhältnisse vorkommen {Fannia, Pegormßa
1) DE Heuere, J. C H., Über die Larve von Lonchoptera, in:
Zool. Jahrb., Vol. 14, Syst., 1900, p. 120—124.
2) Bouche, Naturgeschichte der Insekten, p. 93.
Zool. Jahrb. XL. Abt. f. Syst. 19
290 J- ^- H. DE Meijere,
mintheivi, Caricea, Acanthiptera, Chortophüa mit nicht durchbrechenden,
Mydaea, Hydrotraea, Musca, Sfomo^;?/s usw. mit durchbrechenden Hörnern.
Die Helomyzinen haben durchbrechende, die übrigen Acalyptraten
im allgemeinen nicht durchbrechende Hörner. Wir finden demnach
beiderlei Verhältnisse eigentümlich gemischt, wobei zu beachten ist,
daß die Formen mit durchbrechenden Hörnern überdies das voll-
ständige innere Stigma besitzen. Anders ist das Verhalten bei den
Aschizen, wo entweder nur ein durchbrechendes (Phoriden, Lon-
chopteriden) oder nur ein nicht durchbrechendes Stigma vorhanden
ist (Platypeziden) ; bei den Syrphiden finden sich beiderlei Verhält-
nisse. Auch hier liegt es nahe anzunehmen, daß das durchbrechende
Stigma polyphyletisch entstanden ist, zumal die Durchbruchstelle
so verschieden ist. Im allgemeinen ist das nicht durchbrechende
primitiver. Doch scheint in gewissen Fällen das durchbrechende
Stigmenhorn sekundär wieder zurückgegangen zu sein. Dies scheint
mir einerseits für die parasitischen Tachiniden, z. B. für Masicera
pratensis Mg., welche nach meinen früheren Untersuchungen ein
rudimentäres Stigmenhorn besitzt, wahrscheinlich, denn diese Formen
sind doch von nicht parasitischen, z. B. wie Callipliora, mit gut
entwickeltem durchbrechendem Stigmenhorn herzuleiten; vielleicht
steht die Rückbildung mit der dünneren Puparien wand dieser sich nicht
in die Erde verpuppenden Formen in Verbindung. Andrerseits hat
auch SyrpJms infolge der Lebensweise sehr dünnwandige Puparien,
wenigstens viel dünner als die der in die Erde gehenden Syrphiden,
und vielleicht auch dementsprechend das durchbrechende Hörnchen
verloren.
Ich habe früher schon betont, daß z. B. bei Plati/cMriis ein
kleines durchbrechendes Hörnchen vorhanden ist, welches aber einen
rudimentären Charakter zeigt. Jedenfalls sind diese Hörner bei den
Aschizen und den Schizophoren nicht gleichwertig : bei Aschizen sind
es die ganzen nach außen durchbrechenden Stigmen, bei Schizophoren
etwas neu Hinzugekommenes ; ihr „inneres Tüpfelstigma" ist mit den
Aschizen homolog, ob letzteres die Pupariumwand durchbricht oder
nicht, ist hierbei einerlei. Dieses primäre Stigma ist immer mehr
oder weniger zweilappig, jeder Lappen zeigt eine wechselnde Anzahl
von Tüpfelradien. Bezüglich dieser inneren und äußeren Tüpfel-
stigmen bin ich also jetzt anderer Ansicht als früher. Nachdem ich
in so vielfacher anderer Hinsicht polyphyletischen Ursprung von
Merkmalen, bzw. Parallelbildungen, wahrgenommen habe, scheint
mir auch das Durchbrechen der Hörner mehrfach aufgetreten zu sein
Dipteren-Larven und -Pappen. 291
und möchte ich nicht länger das äußere Hörn, weil ein solches auch
schon bei Aschizen vorhanden ist, als das primitivere deuten, obgleich
es in gewissen Fällen, z. B. bei einigen parasitischen Tachinen,
sich wieder zurückzubilden scheint. Bei dieser Betrachtungsweise
finden wir also niedere Verhältnisse — nur ein inneres Tüpfelstigma —
bei mehreren Anthomyiinen und bei der Mehrzahl der Acalyptraten.
Ein äußeres Tüpfelstigma hat sich wohl bei den Helomyzinen wie
bei einem Teil der Anthomyiinen entwickelt und wurde auch bei
den mit letzteren nahe verwandten Tachiniden (alles sensu Girschnee)
fast ausnahmslos beibehalten. So stellen sich die Eumyiden in nähere
Verwandtschaft mit der Platypezinenreihe, denen auch noch durch-
brechende Hörner abgehen. Die Hörner der Phoriden, Lonchopteriden,
Syrphiden usw. sind dann aber selbständige Parallelbildungen, eine
monophyletische Entwicklungsreihe ist nicht mehr zulässig, ebenso-
wenig wie für die eigentümliche Sprengung des Pupariums, in welcher
jede Entwicklungsreihe ihren eigenen Weg ging. Einen prinzipiellen
Unterschied im Bau habe ich zwischen den Hörnern in den beiden
Gruppen nicht auffinden können, ist indessen auch nicht zu erwarten,
weil doch beide hornartige Verlängerungen der Filzkammer sind,
welche von einer entsprechenden Vorwölbung der äußeren Haut
bekleidet sind; mit letzterer stehen sie durch kurze Fortsätze in
Verbindung, an deren äußerem Ende die Tüpfel gelagert sind. Daß
die Hörner durch Zusammendrehen der Eänder eines Chitingebildes
entstehen, also zu einer Röhre verwachsene aufgerollte Platten
sind, wie Vimmer ^) meint, davon habe ich nirgends eine Andeutung
gefunden.
3. Über die Bedeutung der larvalen Merkmale für die Systematik.
Im obigen habe ich die Larve von Trichocera besprochen und
darauf hingewiesen, daß Keilin die Frage aufgeworfen hat, ob, nach-
dem wir jetzt wissen, daß ihre Larve sich in mancher Hinsicht
bedeutend von dem gewöhnlichen Verhalten der Tipuliden-Larven
abhebt, nicht genügende Gründe vorlägen, diese Gattung deshalb
aus dieser Familie ganz auszuscheiden.
Ich glaube dies verneinen zu müssen. Wenn wir mit Osten-
Sacken die Hauptmerkmale dieser Familie erblicken 1. in dem Ver-
halten der Thoracalnat, 2. dem Geäder, 3. in dem Bau der Legeröhre,
1) ViMMEE, A., über die Metamorphose von Aricia laeta usw., in:
Joe. entoraol., Jg. 26, p. 41 — 43.
19*
292 J- C- 2- ^^ Meijere,
so läßt sich TricJiocera uacli allen diesen Merkmalen als eine Tipu-
lide betrachten. Darüber war unter den Dipterologen bis jetzt auch
keine Kontroverse; nur war man öfters in Zweifel, zu welcher
Untergruppe das Genus gestellt werden sollte. Schon Osten-Sacken
hat öfters darauf hingewiesen, daß die Gattung sowohl mit den
Limnophilinen wie mit den Amalopinen Merkmale gemeinsam hat.
Sie hat behaarte Augen, wie die Amalopinen, während diese bei den
Limnophilinen nackt sind; der männliche Forceps hat längliche,
weichhäutige Anhänge, wie manche Limnophilinen, während die
Amalopinen eine hornige, starke Zange besitzen. Bei Amalopinen
steht die subcostale Querader vor dem Ursprung der Radialader,
bei Limnophilinen jenseits dieses Ursprungs und meistens der Spitze
der Hilfsader sehr genähert; bei Trichocera nimmt sie eine Mittel-
stellung ein, sie steht jenseits der Wurzel der Radialader, aber weit
vor der Spitze der Hilfsader. Überdies zeigt TricJiocera mehrere
Eigentümlichkeiten, welche eine sichere Einreihung erschweren. In
dem ilderverlauf sind noch bemerkenswert die Stellung der hinteren
Querader in der Nähe des distalen Endes der Discoidalader, meistens
unter diesem Ende, bisweilen sogar etwas jenseits desselben, bei
macuUpennis indessen ziemlich weit vor demselben, und die Kürze
der Analader. Letzteres Merkmal zeigt auch Mongoma.
Ferner ist sehr eigentümlich der Besitz der Ocellen, von welchen
nach Osten-Sacken vielleicht nur noch bei Pedicia Spuren vorhanden
sein sollen. Er sagt (1869, 1. c, p. 272) : „In two male specimens of
P. albiviUa [der der europäischen rivosa äußerst ähnlichen nordamerika-
nischen Art] I perceive something very like a pair of ocelli on the
front, very near the basis of the antennae. I do not see them
however, on the front of a female P. rivosa, which I can likewise
compare. This may be owing to shrinkage . . ." Ich glaube
Spuren von Ocellen auch bei rivosa zu beobachten. Die 3 von Tricho-
cera liegen an einem querovalen Vorsprung in der vorderen Stirn-
partie, eine vorn, 2 je an einer Seite desselben ; sie erscheinen wie
äußerst kleine glänzend schwarze Punkte. Ein ebensolcher Vorsprung
findet sich nun auch bei Pedicia und bei mehreren Amalopinen über-
haupt. An den Stellen, wo nun bei Trichocera die seitlichen Ocellen
vorhanden sind, findet sich bei Pedicia ein ebenfalls sehr kleiner,
jedoch bei mehreren Exemplaren von mir beobachteter gewölbter
Punkt, welcher indessen nicht glänzend schwarz, sondern mattgrau
wie seine Umgebung ist, und ich glaube in diesem Punkt das Homo-
logon einer Ocelle erblicken zu dürfen. Das häufige Vorhandensein
Dipteren-Larven und -Puppen. 293
des Ocelleiihöckers bildet indessen gerade noch eine Eigentümlich-
keit der Amalopinen. Rudimentäre Ocellen hat im übrigen Rädl ')
bei allen von ihm untersuchten Tipuliden (Tipula, Pachijrrhina, Pty-
chopiera, Limnohia), ferner auch bei Culex aufgefunden und ihren
histologischen Bau auf Schnitten untersucht.
Von Osten-Sacken wurde auch schon erwähnt, daß die hintere
Thoraxhälfte nicht die mediane Vertiefung aufweist, welche sich bei
den meisten Tipuliden hier vorfindet; sie ist aber auch nicht bei
allen Amalopinen vorhanden; so ist z. B. bei Amalopis immaculaia
diese Stelle gleichfalls nahezu flach.
Ferner hat schon Osten-Sacken auf den eigentümlichen Bau
der Legeröhre hingewiesen, deren obere Klappen in Abweichung
von allen anderen Tipuliden nach unten gebogen sind, statt nach
oben (Fig. 171). ^) Auch bei Ptijchoptera sind die oberen Klappen
indessen am oberen Rande konvex, die Spitze ist nach unten ge-
bogen, und die Ptychopterine Bittacomorpha soll gar keine Klappen
an der Leger öhre besitzen, ebensowenig wie die zu den Eriopterinen
gehörige Gattung CrijptolaUs Ost.-Sack.
Bei den Imagines von Tricliocera fand ich 4 MALPiGHi'sche Gefäße ;
dieselbe Anzahl gibt auch Keilin ^) für die Larven an. Nach Gegeben
hat die Larve von Ftijchoptera deren 5, welche Zahl auch für Culi-
ciden und PijcJwda gilt. Chironomus hat deren aber nur 4, so daß
auch bei den Eucephalen hierin keine Übereinstimmung besteht.
Das Empodium ist, wie bei den meisten Tipuliden, stark ent-
wickelt, unten, wie gewöhnlich, unbehaart. Es zeichnet sich dadurch
aus, daß es oben gleichfalls fast nackt ist, indem es nur an der
Basis ein paar Härchen aufweist. Wie gleichfalls in meiner früheren
einschlägigen Arbeit nachgewiesen wurde, weicht Ptychopfera in dieser
Hinsicht ab'^); das Empodium ist hier klein, dagegen findet sich
unter demselben das unten dichtbehaarte Sohlenläppchen, welches
in mannigfacher Gestalt bei den höheren Dipteren vorhanden ist.
Da ein unten unbehaartes Empodium sich bei manchen niederen
Holometabolen vorfindet, das Sohlenläppchen nur den Dipteren, mit
Ausnahme fast aller Tipuliden, eigen ist, so kann das Verhalten bei
1) Eadl, E., Über rudimentäre Punktaugen bei den Tipuliden, in:
Bull, intern. Acad. Sc. Prague, Sc. math.-nat., Vol. 11. 1906, p. 268.
2) Osten-Sacken, 1. c, 1869, p. 235.
3) 1. c, p. 180.
4) de Meijeke, J. C. H., Über das letzte Glied der Beine bei den
Arthropoden, in: Zool. Jahrb., Vol. 14, Anat., 1901, p. 435.
294 J- C. H. DE Meijere,
PtycJioptera nicht als primitiv betrachtet werden. Es ist dies offen-
bar einer der Punkte, in welchen diese früh abgezweigte Gruppe
sich weiter entwickelt hat als die übrigen Tipuliden. Ob erst nach
dem Auftreten dieses Läppchens aus diesem Stamme andere Euce-
phalen ihren Ursprung genommen haben oder ob die gleichartige
Änderung der Tarsenspitze mehrfach stattgefunden hat, so daß wir
es mit Parallelbildung zu tun haben, ist schwer zu entscheiden.
Nach Abwägung der verschiedenen Charaktere kommt Osten-
Sacken^) zu dem Resultat, daß die Gattung doch am besten unter die
Limnophilinen eingereiht wird, während neuerdings Beunetti sich
veranlaßt sieht, die Gattung zu den Amalopinen zu stellen, ,.with
the characters of whicli it seems to agree much better". ^)
Alles zusammengenommen ist man m. E. berechtigt, für Tricho-
cera eine besondere Gruppe der Trichocerinae in der unmittelbaren
Nähe der Amalopinae zu errichten, falls man nicht vorzieht, sie als
alte Gattung in derselben zu belassen. Jedenfalls scheint mir aber
die Verwandtschaft mit dieser Subfamilie zu groß, um eine Abtrennung
von den Tipuliden zu rechtfertigen. Dies wäre nur dann zulässig, falls
sich aus anderen Gründen ergäbe, daß alle die Übereinstimmungen
mit den Tipuliden nur auf Konvergenz beruhten und Trichocera
also von ganz anderer Wurzel ihren Ursprung genommen hätte
als die übrigen Tipuliden. Zu dieser Ansicht führen aber m. E.
die Funde bezüglich der Larven überhaupt nicht. Daraus geht
jedenfalls hervor, daß diese Larven in mehreren Punkten primitiv
sind, namentlich durch den ganz freien Kopf, die Bildung der Unter-
lippe, den Besitz der Vorderstigmen (welch letzteres Merkmal Osten-
Sacken [1869 1. c, p. 5] aus Peekis' Mitteilung ganz gut bekannt
war). Bei den übrigen Tipuliden ist, wie wir oben sahen, der Kopf
gewöhnlich eingezogen, die Rückbildung der Chitinteile ist aber sehr
verschiedenartig weit gegangen. Gerade bei den Amalopinen {Tri-
cyphona, Dicranota nach Miall) treffen wir noch recht vollständige,
obgleich eingezogene, Larvenköpfe.
Daß darauf allein keine Trennung der Imagines in verschiedene
Familien zulässig ist, zeigt der Vergleich mit dem Parallelfall bei
den Cerambyciden. Hier ist bei den Lamiiten immer und bei den
1) Osten-Sacken, R., Monogr. Diptera of North America IV., in:
Smithson. misc. Coli., Vol. 8, 1869, p. 235. — Studies on Tipulidae Part. II,
in: Berlin, entomol. Ztsclir. Vol. 31, 1887, p. 218.
2) Beunetti, E., Revision of the oriental Tipulidae, in : Records
Indian Mus., Vol. 6, 1911, p. 305.
Dipteren-Larven und - Puppen. 295
Cerambyciten gewölmlicli der Kopf in den Thorax zurückgezogen,
in letzterer Gruppe abei- bei den Lepturinen frei, und doch würde
es unnatürlich sein, diese deshalb allen anderen Ceranibyciden gegen-
überzustellen oder sie von denselben ganz abzutrennen.
Durch Annahme einer eingetretenen Einziehung des Kopfes in
den Prothorax, bzw. Reduktion der Kopfchitinisierung, nebst Verlust
des vorderen Stigmas läßt sich der gewöhnliche Typus der Tipuliden-
Larven von demjenigen von Tricliocera herleiten; auch das gelegent-
liche Vorhandensein eines stärker chitinisierten Mentums bildet
dabei kein Hindernis. Es läßt sich also nur sagen, daß Tricliocera
eine primitive Larve beibehalten hat, vielleicht der weniger ver-
steckten Lebensweise entsprechend, denn viele von den Tipuliden-
Larven leben eingegraben in Erde, Mulm usw. Auch wegen einiger
Merkmale der Imagines, im besonderen ihrer 8 Ocellen, wäre die
Gattung als primitiv unter den Tipuliden zu betrachten, man könnte
sie eben deshalb an den xlnfang der Gruppe stellen, aber es würde zu
unnatürlichen Kombinationen führen, falls man sie von den Tipuliden
ganz abtrennen und mit den Eucephalen-Familien Beauer's in nahe
Beziehung bringen wollte.
Die Larven der Holometabola können uns offenbar in vielen
zweifelhaften Fällen zur Entscheidung der Verwandtschaft von Nutzen
sein ; sie sind aber mit großer Vorsicht dazu zu benutzen. So würde
es doch auch offenbar verfehlt sein, Plusia mit den Geometriden in
Beziehung zu bringen, weil ihre Raupen wie bei Metrocampa unter
letzterer Familie die 2 ersten Paare der Bauchfüße verloren haben.
Die Unabhängigkeit der Spezialisierung der verschiedenen Stände
bei den Lepidopteren hat besonders Radclitte Geote betont. ^) Die
Divergenz zwischen Larve und Imago ist aber in dieser Dipteren-
Gruppe so groß und so ungleichartig, daß das bloß auf die Larven und
das bloß auf die Imagines gebaute System einander nicht zu ent-
sprechen brauchen. Beide haben sich gesondert in verschiedener
Richtung fortentwickelt; bald ist die Larve weit zurückgeblieben,
bald schritt die Imago relativ weniger fort. Bei Tricliocera blieb
die Larve zurück.
Was die Ptychopteriden anlangt, so bin ich der Ansicht, daß
auch bei dieser Gruppe von Brauer das Vorhandensein eines
freien Larvenkopfes in weit übertriebener Weise als Grund zur
1) Grote, Radcliffe A., Specialisations of the Lepidopterous wing,
in: Proc. Amer. phil. Soc, Vol. 38, p. 42.
296 J- C- H- DE Heuere,
Trennung von den Tipuliden benutzt wurde. Die Imagines
stehen hier offenbar den Tipuliden sehr nahe, und ich muß Osten-
Sacken ganz recht geben, wenn er die Meinung Bbauer's bestreitet,
die Gruppe stände den typischen Eucephalen am nächsten. Daß
die Gruppe sich früh von dem Tipulidenstamm abgegliedert und
seitdem sich merkwürdig wenig weiter entwickelt hat, geht aus
dem von Handliksch ^) vorgenommenen Studium besonders nach dem
fossilen Material hervor; trotzdem sind aber die Unterschiede bei
den Imagines beider Gruppen relativ gering; selbst die gewöhnlich
am meisten hervorgehobenen Eigentümlichkeiten im Geäder, der
Verzweigungsmodus des Radius und die nur in der Einzahl vor-
handene Analis trifft nicht für alle fossilen Gattungen zu. Auch
hier haben wir es mit einer alten Gruppe zu tun. Die Larven der
heutigen Ptychopteren haben namentlich im Kopfbau sehr primitive
Verhältnisse beibehalten, trotzdem sie sich in anderen Punkten
weitgehend spezialisiert haben, im Anschluß an ihre eigentümliche
aquatische Lebensweise. Mit den im Wasser lebenden Larven der
echten Eucephalen zeigen sie aber keine weitgehende Überein-
stimmung. Man erhält aber ein künstliches System, wenn man sie
eben wegen des freien Kopfes zu den Eucephalen stellt. Auch
Needham betrachtet sie in seiner Arbeit: Eeport of the Entomolo-
gical Field Station conducted at Old Forge N. Y., in the summer of
1905, Albany 1908, p. 240 bloß als eine besondere Tipulidengruppe.
Mit den Dixiden verhält sich aber die Sache anders. Hier
weisen auch die imaginalen Merkmale auf die typischen Eucephalen,
im spezielleren die Cul leiden bzw. Corethrinen, hin; mit diesen
stimmt im ganzen das Geäder, welches nur eine oberflächliche Ähn-
lichkeit mit demjenigen von Ptychoptera aufweist, welch letzteres
aber durchaus nicht als Typus für die Ptychopterinen im allge-
meinen zu betrachten ist. Bei Dixa fehlt auch die Quernaht des
Thorax.
Daß Osten-Sacken für die Bedeutung der früheren Stände für
zweifelhafte Fälle nicht blind war, geht eben aus dem Falle von
Dixa sehr deutlich hervor; er führt selbst die Eigentümlichkeiten
der Larve und der Puppe, bei welcher die Beine nicht gerade ge-
streckt, sondern in einige Buchten gelegt dem Thorax dicht an-
geschmiegt sind, wie bei Culex und Chironomus, als Gründe auf für
1) Hanulirsch, A. , Zur Phylogenie und Flügelmorphologie der
Ptychopteriden, in: Ann. naturhist. Hofmus., Vol. 23, 1909, p. 263—271.
Dipteren-Larveu und -Puppen. 297
ilire Verwandtschaft mit letzteren. Hier handelt es sich aber nicht
um primitive, sondern um sekundär erworbene Eigentümlichkeiten,
welche Osten-Sacken nicht als Konvergenz betrachten möchte, zumal
hier die Charaktere der Imago gleichfalls für eine nahe Verwandt-
schaft sprechen. Die Übereinstimmung zwischen der Culex- und der
PtycJwptera- bzw. Trichocera-ha,Yve besteht aber hauptsächlich in
dem primitiven V^erhalten des Kopfes, im übrigen ist die Kluft
größer als zwischen letzteren und den echten Tipuliden-Larven mit
eingezogenem Kopf.
Keilin hat auch besonders auf die Ähnlichkeit zwischen der
TricJiocera- und der Pihi/phus-ha.Yve hingewiesen. Diese ist allerdings
groß, wird aber auch größtenteils durch die beiden gemeinsamen
primitiven Merkmale bedingt. Rhj^phiden und Tipuliden dürften an
der Wurzel zusammenhängen; die Verschiedenheiten zwischen Ehyphus
and den typischen Eucephalen sind aber zu groß, um eine besonders
nahe Beziehung zwischen diesen beiden anzunehmen.
Ein weiterer Fall, wo larvale und imaginale Charaktere in Kon-
flikt geraten, findet sich bei den Cecidomyiden und Sciariden. Während
letztere wenig differenzierte, peripneustische, einen gut ausgebildeten,
stark chitinisierten , mit kompleten Mundteilen versehenen Kopf
aufweisende Larven besitzen, sind die Cecidomyiden durch die wohl-
bekannten Larven von meistens breiterer Gestalt gekennzeichnet,
bei welchen der Kopf sehr wenig entwickelt ist; auch von Mund-
teilen findet sich kaum mehr eine Spur, während bei sehr vielen
Formen an der Ventralseite des Prothorax sich die eigentümliche
Spatula Sternalis als besonderer Chitinapparat herausgebildet hat.
Wegen dieser eigentümlichen Larve bildete Beauer für sie die
Gruppe der Oligoneura. Sehr viel schwieriger ist aber die Ab-
trennung der Imagines; namentlich die Gruppe der Lestremiinen,
w^elche ein relativ gut entwickeltes Flügelgeäder besitzen und deren
1. Tarsenglied nicht verkürzt ist, stimmen mit den Sciarinen in
vieler Hinsicht so sehr überein, daß die richtige Unterbringung
einiger Gattungen sogar sehr schwer wird. Das gilt z. B. für die
Gattung Zijgoneura, welche von den meisten Autoren zu den Scia-
riden gestellt wird.
Auch Kieffer kann hier kaum nach den imaginalen Merkmalen
eine Entscheidung treffen und meint, daß die noch unbekannte Larve
die Entscheidung seinerzeit ermöglichen wird.
Jedenfalls haben wir auch hier 2 scharfgetrennte Larventypen
bei fast unmerkbar ineinander übergehenden Imagines.
298 J- C. H. DE Meijere,
Die Sache ist in letzter Zeit dadurch kompliziert geworden, daß
von Endeeletn ^) auf Grund der imaginalen Charaktere eine von
der üblichen Annahme abweichende Trennungslinie angenommen
wird. Er will die Lestremiinen von den übrigen Cecidomyiden abtrennen
und sie mit den Sciarinen zu einer Gruppe Lycoriidae (= Sciaridae)
vereinigen. Bei diesem Verfahren findet sich also gar keine Korre-
spondenz mehr zwischen Larven und Imagines: beiderlei Larven-
tj^pen sollen bei den Lycoriiden vorhanden sein, weil der Tj-pus der
Gallmückenlarve auch bei einem Teil derselben auftritt.
Es wäre dies indessen ganz zulässig; nur würde daraus hervor-
gehen, daß der Gallmückentypus der Larven demjenigen der Ima-
gines vorausgeeilt ist, und es würde gerade ein schöner Fall von
Divergenz zwischen dem von den Larven und dem von der Imagines
hergeleiteten System vorliegen. Obgleich der Fall sich also sehr
schön dem Ziele dieses Aufsatzes fügen würde, so scheint mir
dennoch Enderlein's Verfahren nicht ganz unanfechtbar zu sein.
Denn es haben die Lestremiinen mit den Cecidomyiden einen Cha-
rakter gemeinsam, welcher mir von großer Bedeutung zu sein scheint,
aber bisher vernachlässigt worden ist, nämlich die eigentümliche
Flügelbehaarung. Im allgemeinen setzt sich diese hier aus ge-
bogenen, lose befestigten, als sehr schmale Schuppen zu betrachtenden
Haaren zusammen, welche in eigentümlicher Weise mit ihrer Spitze
Wurzel wärts gerichtet sind, wie mir dies von keinen anderen Dipte-
ren bekannt ist. Ich fand dieses Verhalten bei sehr verschiedenen
Cecidomyiden wieder; schon an den noch in der Puppenscheide be-
findlichen Imaginalflügeln ist es deutlich zu erkennen.
Den Heteropezinen scheint diese Behaarung der Flügelfläche,
wenigstens gewöhnlich, zu fehlen^); ob dies aber ein primitives
Verhalten darstellt oder gleichzeitig mit der Reduktion des Geäders
sekundär erworben wurde, ist hier einerlei, weil über diese Gruppe
keine verschiedene Auffassung herrscht. Wenn wir nun sehen,
1) Enderlein, G. , Die phyletischen Beziehungen der Lycoriiden
(Sciariden) zu den Fungivoriden (Mycetophiliden) und Itonididen (Cecido-
myiden) und ihre systematische Gliederung, in: Arch. Naturg., Jg. 77,
1911, ßd. 1, 3. Suppl.-Heft, p. 119.
2) Bei Miasior metraloas wenigstens zeigt die riügelfläche nur die
äußerst kleinen, schwarzen Pünktchen, welche bei anderen Cecidomyiden
auch überall zwischen den Haaren vorhanden sind; nur auf den Adern und
namentlich am Flügelrande finden sich lange, dünne, distalwärts gerichtete
Haare.
Dipteren- Laiveii und -Puppeu. 299
daß die Lestremiiuen überdies durch das Fehlen der Schienensporne
mit den übrigen Cecidomyiden übereinstimmen und von den Sciariden
verschieden sind, so liegt doch m. E. kein Grund zur Verschiebunj^
der üblichen Trennungslinie vor. Nur ist hier die Kluft zwischen
den Larven eine viel tiefere als zwischen den betreifenden Imagines.
Im übrigen haben die Cecidomyiden im allgemeinen gar nicht eine
so deutliche, schmale Augenbrücke, wie es nach EjfDERLEiN der Fall
sein soll, und doch legt er auf dieses Merkmal ganz besonderes Ge-
wicht, indem nach ihm der einzige greifbare Unterschied zwischen
Scatopsiden und Sciariden (und die Cecidomyiden haben nach ihm
[in: Arch. Naturg,, 1911, Bd. 1, p. 117] die völlig gleiche Augenbildung)
sein soll, daß bei ersteren die wenn auch nierenförmigen Augen
überall ungefähr gleichbreit sind, während die beiden letzteren
Gruppen eine schmale Augenbrücke besitzen (in : Zool. Anz., Vol. 40,
1912, p. 262).
Daß, entgegen Endeelein, die Abgrenzung der Sciariden von
den Mycetophiliden auch nicht eine so scharfe ist und wenigstens
eine solche nicht in der Augenbildung zu finden ist, geht daraus
hervor, daß sich die von ihm als besonders wichtig hervorgehobene
Augenbrücke, welche die beiden Facettenaugen auf der Stirn mit-
einander verbindet, auch bei einigen Mycetophiliden findet. Ender-
lein weist darauf hin, daß bei Docosia die Augen hinten nach oben
zu etwas verschmälert, sehr schwach zugespitzt und sehr wenig
nach oben ausgezogen sind; es ist ihm aber entgangen, daß, wie
schon lauge bekannt war, viel bessere Ausgangspunkte für die
Augenbildung der Sciariden bei anderen Gattungen, nämlich bei der
Gruppe der Mycetobiinen, zu finden sind, auf welche seinerzeit auch
schon Osten-Sacken genügend hingewiesen hat, dem auch die Bil-
dung des Sciariden-Auges ganz gut bekannt war. Namentlich bei
Flesiastina findet sich hier oben eine schmaler Fortsatz, welcher von
demjenigen der anderen Seite schmal getrennt bleibt; hei Diadocidia
und MyceioUa sind die Augen halbmondföi-mig. Bei einer Platyura
aus Neuseeland sollen die schmal streifenförmigen Augenfortsätze
einander sogar in der Mittellinie begegnen (Osten-Sacken, 1. c. p. 432).
Die Mycetobiinen liefern auch im übrigen für unser Thema einen
eigentümlichen Beitrag wegen der besonderen Larve, welche im Gegen-
satz zu den übrigen Mycetophiliden-Larven amphipneustisch ist,
während die übrigen peripneustisch zu sein pflegen, so daß diese
Mycetohia-hnvYen mit den RhypJms-L&YYen sehr große Ähnlichkeit
zeigen sollen. Wir haben also jetzt 4 primitive Larvenformen,
300 J- ^- H- DE Heuere,
welche [einander recht nahe stehen dürften, nämlich die von Bhyphus,
MijcetoUa, PtijcJwptera, Trichocera, welch letztere doch auch deutliche
Beziehungen zu den l?^i^■o-Larven zeigt. Da ein peripneustisches
Tracheensystem offenbar das primäre ist, so ist wenigstens in
diesem Merkmal die Mycetohia-LarYe aus der Mycetophiliden-, Scia-
riden-, Cecidomyiiden-, Bibioniden-Reihe herausgetreten. Obgleich es
nun bei der Möglichkeit von Parallelbildungen schwer zu entscheiden
ist, wie die richtige phylogenetische Reihenfolge ausgesehen hat,
und es nicht ganz zurückzuweisen wäre, daß die BhypJms- und
Mycetobia -L?iYYen jede für sich aus einer peripneustischen Vor-
stufe zu dem amphipneustischen Verhalten gelangt sind, so
sind doch Rhtjphus und die Mycetobiiden aus gemeinsamem Stamm
wohl ableitbar, obgleich die jetzt existierenden Gattungen in be-
stimmten Richtungen differenziert sind. Daß die Mycetobiiden unter
den Mycetophiliden überhaupt eine primitive, zentrale Stelle einnehmen,
darauf scheint mir auch die Ähnlichkeit ihres Geäders mit den
Pachyneuriden hinzuweisen, wodurch sie sich dem Bibionidenstamm
nähern. Daß die noch wenig bekannten Pachyneuriden zwischen
Scatopsinen und Mycetophiliden eine Brücke bilden, hat Williston
erkannt. ^)
Von besonderem Interesse scheint mir hier die Gattung Mesochria
Endeelein'^) zu sein, deren Type {M. scottiana Enderl.) von den
Seychellen stammt und aus der von mir vor kurzem eine 2. Art
(M. cinctipes) von Java beschrieben wurde. ^) Durch das Fehlen der
Discoidalzelle und auch in anderer Hinsicht scheint diese Gattung
zu den Mycetobiinen zu gehören; die holoptischen Augen und die
sehr kurzen Schienensporne entfernen sie aber von dieser Gruppe.
Wie ich mich persönlich überzeugen konnte, ähnelt das Tier habi-
tuell sehr einer Rhyphide, und es ist sehr bemerkenswert, daß sich
das Zusammentreffen der Subcostal- und Radialader (r^ und r^+s nach
der neueren Nomenklatur) in ähnlicher Weise bei den Rhyphiden-
Gattungen OlUogaster^) und Lohogaster findet, so daß die Frage be-
1) Williston, S. W,, Manual of North American Diptera, 3. ed.,
1908, p. 141.
2) Enderlein, in: Trans. Linn. Soc. London, Vol. 14, 1910, p. 65.
3) DE Meijere, Studien über südostasiatische Dipteren VII., in :
Tijdschr. Entomol., Vol. 56, 1913, p. 323.
4) WiLLLSTON, 1. c, p. 155, fig. 50. — Keetesz, in: Termesz. Füz.,
Vol. 25, 1902, p. 4.
Dipteren-Larveu und -Puppen. 301
reclitigt erscheint, ob nicht aus ähnlichen Rhyphiden unter Verlust
der Discoidalzelle die Mycetobiinen herzuleiten seien.
Schwer ist auch die Entscheidung über die phylogenetische Be-
deutung des Verhältnisses der Augen bei den Mycetobiinen. Audi
liier wird es vielleicht einmal gelingen, die Sciariden von den Inia-
gines herzuleiten, nicht aber die Scmra-Larven von den amphi-
pneustischen Mfjcetobia-L'dY\er\. Den Stammbaum im einzelnen wieder
zu konstruieren, ist eben nicht möglich; wir haben immer mit der
Möglichkeit einer polyphyletischen Entstehungsweise der Eigen-
schaften zu rechnen, dürfen aber annehmen, daß, je näher
die Formen einander stehen, desto leichter sie dieselbe Eigen-
schaft erwerben können. Es wäre also sehr gut denkbar, daß die
Sciariden-Reihe von der ili^ccto&ia- Gruppe herzuleiten wäre, diese
aber erst nachher die amphipneustischen Larven erworben habe.
Auch die Puppen von Mijcetobia entfernen sich von denen der
übrigen Mycetophiliden durch den Besitz von Dornenquerreihen an
den Abdominalsegmenten; nach Lyonet, Düfour und Peeris be-
sitzen sie deren 2 Reihen an jedem Segmente, während bei Rhyphus
nur je eine vorkommt. Ihr Fehlen bei den übrigen Mycetophiliden,
auch bei den Sciariden ist wohl als sekundärer Verlust zu betrachten ;
den von letzteren ableitbaren Cecidomyiiden fehlen sie gleichfalls;
hier sind aber oft Dornen am Vorderrand der Segmente zur Ent-
wicklung gelangt.
Auch Feey 1) tritt in einer vor kurzem erschienenen Arbeit der
großen Bedeutung entgegen, welche Enderlein dem Vorhandensein
der Augenbrücke zuweist, und weist richtig darauf hin, daß auch
Diadocidia eine solche besitzt. Er kann sich deshalb auch nicht
damit einverstanden erklären, wenn Enderlein wegen der Augen-
form die Sciariden von den Mycetophiliden ganz entfernen und mit
den Scatopsiden verbinden will; ich stimme hierin mit ihm also
überein und betrachte die Augenform als von sekundärer Bedeutung.
Finden sich doch auch unter den Chironomiden nach Enderlein's
Angaben (p. 122) Genera mit runden Augen neben solchen, wo sie,
wie gewöhnlich, nierenförmig sind.
Wenn Frey auf die nahe Beziehung zwischen Sciariden und
Cecidomyiden hinweist, so bin ich damit einverstanden, möchte letz-
tere aber doch wegen der Flügelbeschuppung (den Heteropezinen
wahrscheinlich sekundär fehlend) als besondere Familie beibehalten.
1) Frey, L., Über die Mundteile der Mycetophiliden, Sciariden und
Cecidomyiden, in: Acta Soc. Fauna Flora fenn., Vol. 37, 1913, No. 2, p. 44.
302 J- C. H. DE Meuere,
über wenige Gattungen gehen die Ansichten so sehr auseinander
wie über Anarete. Das Tier wurde bald bei den Cecidomyiden
(Abt. Lestremiinae; Loew), bald bei den Scatopsiden (Schiner.
Osten-Sacken, Kiefeer), bald bei den Sciariden (Zetteestedt) ein-
gereiht. Leider ist die Larve bis jetzt unbekannt, so daß wir dieser
keine Argumente für oder gegen die eine oder andere Ansicht ent-
nehmen können. Da die eigenartige Flügelbehaarung der Lestre-
miinen fehlt, so kommt diese Gruppe wohl am wenigsten in Be-
tracht. Eine Entscheidung zwischen Sciariden und Scatopsinen ist
aber nicht leicht; das Tier hat mit den Sciariden die Gestalt und
die langen, dünnen Beine, die Augenbrücke und die mehrgliedrigen
Taster gemeinsam, mit den Scatopsiden indessen 2 von Enderlein \),
welcher neuerdings für ihre Lestremiiden-Natur eingetreten ist, nicht
erwähnte, aber doch schon bekannte Merkmale, nämlich die Ab-
wesenheit der Schienensporne und das relativ große Empodium,
außerdem stimmt das Flügelgeäder durch die Kürze der Vorderrand-
adern am meisten mit Seatopse. Es handelt sich wieder darum zu
entscheiden, welche Merkmale hier als pol^qjhyletisch entstanden
zu betrachten sind. Der in diesen Sachen sehr scharfblickende Osten-
Sacken hat seinerzeit auf die phylogenetische Bedeutung derjenigen
alten, für daslndividuum keinen nachweisbarenWert besitzenden Merk-
male hingewiesen, welche er als „atavic index characters" bezeichnete.
Solche Charaktere scheinen mir aber die erwähnten Eigentümlich-
keiten der Beine zu sein. Dazu kommt, daß auch Corynoscelis, eine
Gattung, welche auch Enderlein zu den Scatopsinen rechnet, mehr-
gliedrige Taster besitzt. Meinerseits wäre ich also geneigt, hier
die Augenbrücke und die Gestalt als polyphyletisch entstandene
Parallelbildung zu betrachten, und finde jedenfalls keinen genügen-
den Grund, die übliche Einreihung dieser Gattung bei den Scato-
1) Enderlein, 1. c, p. 12L — Anarete stettinensis, in: Stettin,
entomol. Ztg., 1911, p. 132. An letzterei' Stelle bezeichnet E. sie als
Sciaride. Daß er hier aber speziell an die Lestremiinen, welche er mit
zu den Sciariden rechnet, gedacht hat, geht aus dem Stammbaum an der
erstzitierten Stelle im Archiv f. Naturg. hervor. Zetteestedt aber reiht
die Art coradna schlechthin in die Gattung Sciara ein, trotzdem er auch
die Gattung Lesireviia aufführt. In einem neueren Aufsatz (in : Zool.
Anz., Vol. 40, 1912, p.262) hat Enderlein die Lestremiini von den übrigen
Lestremiinae, welche darin als Campylomyzinae zusammengefaßt werden,
abgetrennt und mit den Sciarinen vereinigt. Da auch Anarete eine ge-
gabelte Media besitzt, so gehört also auch diese Gattung zu seinen Sciarinae,
womit er der ZETTERSTEDT'schen Auffassung näher gerückt ist.
Diptereu-Larven und -Puppen. 303
psiuen zu verlassen, so daß ich auch hierin Endeelein's reformato-
rischen Tendenzen nicht folgen möchte, um so eher, als auch von
Enderlein die Augenbrücke als besonders hervorragendes Merk-
mal betrachtet wurde. Wir finden aber gleich bei Aspistes, im
übrigen einer echten Scatopsine, tief eingeschnittene Augen mit
einem schmäleren oberen P'ortsatz; obgleich nun diese Fortsätze
hier in der Mittellinie getrennt bleiben, scheint es mir doch nicht
möglich, hier eine scharfe Trennungslinie den Sciarinen gegenüber zu
konstruieren : diese Brücke entsteht offenbar polyphyletisch. Nach
ihm ist doch die Verschmälerung der nierenförmigen Augen auf der
Stirn der einzige greifbare Unterschied zwischen Sciariden und
Scatopsiden, welche beide Gruppen er als Zygophthalmen zusammen-
faßt (in: Zool. Anz., Vol. 40, 1912, p. 262).
Was den Prätarsus anlangt, so habe ich seinerzeit nachgewiesen,
daß bei mehreren Scatopsinen ebensogut 3 Haftläppchen vorhanden
sind wie bei den Bibioniden, daß aber die 2 seitlichen von geringer
Entwicklung sind [Scatopse, Aspistes). Bei Anarete finde ich von
diesen beiden noch keine Andeutung, das mittlere ist aber breit
und groß (Fig. 172). Bei den schwerfälligeren Arten dürfte dem
Bedürfnis noch weiterer Ausdehnung des Haftapparats die Aus-
bildung der Seitenläppchen entsprochen haben. Jedenfalls bildet
Anarete eine sehr interessante Gattung, deren genaues Studium,
namentlich auch der Metamorphose, sehr erwünscht wäre.
Eben aus den voneinander verschiedenen phylogenetischen
Reihen der Larven und den Imagines geht deutlich hervor, eine
wie große Rolle die polyphyletische Entstehung der Merkmale ge-
spielt hat. Sind wir doch gerade hier gezwungen, wenn wir für
die Imagines einen soviel wie möglich monophyletischen Stamm-
baum konstruiert haben, einen polyphyletischen für die Larven-
charaktere anzunehmen und umgekehrt. Für die imaginalen Cha-
raktere unter sich herrscht aber dasselbe Verhalten, auch diese
haben jede für sich ihre Entwicklung bestanden und sind an
mehreren verschiedenen Stellen des Systems in gleicher Richtung
fortgeschritten. Gerade bei den Dipteren scheinen mir solche
Parallelreihen für verschiedene Organe schön nachweisbar, ihr Vor-
kommen erschwert aber die Konstruktion des Stammbaums außer-
ordentlich.
Daß dies sich auch in den kleineren Abteilungen bestätigt,
das hat auch z. B. Handlirsch bei seinen Forschungen über die
Phylogenie der Ptychopteriden empfunden, wenn er sagt: „Ein
304 J- t'- H. DE Heuere,
Überblick über alle besprochenen Formen läßt uns erkennen, daß
in dieser so artenarmen Gruppe allerlei Entwicklungstendenzen
stecken, die selbständig bei verschiedenen nicht direkt auseinander
hervorgegangenen Formen zum Durchbruche gelangen. Man mag
die Formen nach was immer für einem Merkmale in Reihen an-
ordnen, so wird sich immer wieder ein anderer Charakter ergeben,
der heterophyletisch aufgetreten sein muß." Auf eine solche poly-
phyletische Entstehungsweise weist auch die sehr verschiedenartige
Mischung der Merkmale bei den Schizophoren hin ; auch hier finden
wdr offenbar bestimmte Entwicklungspotenzen; eine bestimmte Reihen-
folge des Auftretens gibt es offenbar nicht; wie die Merkmale sich
auch gesondert voneinander vererben, so entstehen sie auch in ge-
wisser Unabhängigkeit voneinander, bald früher, bald später, so
daß von zwei Merkmalen bald das eine, bald das andere sich
zuerst zeigt.
An der unteren Schwelle der Dipteren finden wir zweifelsohne
die Mycetophiliden, Rhyphiden, Bibioniden und Tipuliden. Welche
von diesen die am niedrigsten stehende Gruppe ist, darüber sind
die Ansichten noch verschieden. Keine dieser Gruppen, wie wdr sie
jetzt kennen, ist genügend wenig differenziert, um die anderen von
ihr abzuleiten; es kann höchstens noch die Frage sein, welche die
meisten primitiven Merkmale zeigt, und nach diesem Maßstabe würde
sich vielleicht noch eine Reihenfolge konstruieren lassen, welche der
wirklichen Verwandtschaft aber sehr unvollständig entspricht.
Bei den Nemoceren sind als primitive Merkmale zu betrachten :
Runde, auf der Stirn breit getrennte Augen.
Vorhandensein von Ocellen.
Zylindrische Fühlerglieder ohne Sinnesborsten.
Nicht zum Stechen geeignete Mundteile.
Eine große Anzahl von Längsadern, namentlich eine reichliche
Verzweigung des Radius.
Schienensporne.
Vorhandensein eines unbehaarten Empodiums; Fehlen von
Seitenläppchen.
Hieraus ergibt sich, daß im allgemeinen die Tipuliden primitives
Verhalten zeigen, was die Augen, das Geäder und den Pulvillus an-
langt; Ocellen und Schienensporne sind bisweilen vorhanden, also
wohl erst innerhalb der Gruppe verloren gegangen.
Die Mycetophiliden zeigen die Mehrzahl der primitiven Merk-
male, das Geäder ist aber reduziert, das Empodium behaart, über-
Dipteren-Larveu und -Pnppeu. 305
dies sind die Hüften wohl sekundär verlängert. Den Bibioniden
fehlen die Schienensporne, die Aug-en sind in verschiedener Weise
modifiziert, das Geäder ist reduziert, die Seitenläppchen sind bei
den Bibioninen vorhanden; primitiv sind die Ocellen, die Fühler
(wohl sekundär mit verringerter Gliederzahl).
Bei den Rhyphiden sind die Männchen holoptisch, die Fühler
haben keine längeren Sinnesborsten, der Radius zeigt weniger Äste
als beim Tipulidenstamm, das Sohlenläppchen ist vorhanden.
Im allgemeinen dürften jedoch die Tipuliden die niedrigsten Ver-
hältnisse zeigen, die Mycetophiliden, Bibioniden und Rhyphiden sind
in verschiedener Richtung etwas mehr spezialisiert.
Für die Larven sind primitive Verhältnisse die folgenden:
1. Freier Kopf mit vollständiger Kopfkapsel.
2. Mehrgliedrige Fühler.
3. Vorhandensein von Augen.
4. Kompliziert gebaute Oberkiefer.
5. Desgl. Unterkiefer mit wenigstens 2gliedrigem Taster.
6. Unterlippe mit großem, freiem Submentum.
7. Peripneustisches Tracheensystem mit möglichst großer
Stigmenzahl.
8. Wenige „Knospen" an den Stigmen.
Auch hier finden wir diese verschiedenen Merkmale nicht bei
einer und derselben Gruppe, sondern über mehrere verteilt. Was
den Kopfbau anlangt, so steht Ptychoptera mit ihrem freien Kopf
und vollständiger Unterlippe sehr tief. In Hinsicht auf die Stigmen-
zahl vertreten aber die Bibioniden die älteste Stufe, während, was
den Bau der Stigmen anlangt, die Mycetophiliden die ältesten Ver-
hältnisse zeigen. Wenig reduzierte Unterkiefer sind bei den Tipu-
liden noch öfters vorhanden. Was die Fühler anlangt, so scheint
Chironomus mit seinen ögliedrigen Fühlern obenan zu stehen; 3 Glieder
sind bei mehreren anderen Dipteren-Larven mehr oder weniger
deutlich nachweisbar, bei PtycJioptera ist das 3. Glied schon sehr
rudimentär.
Ein komplizierter Oberkiefer ist bei Trichocera und einigen
anderen Tipuliden, weniger ausgesprochen bei Bhyphus vorhanden.
So finden wir überall alte und neue Merkmale gemischt, und
obgleich es einigermaßen gelingt, eine Phylogenie der Organe
zusammenzustellen, so ist die Feststellung des Stammbaumes der
Tiere sehr schwer und unsicher. Auch die Paläontologie gibt hier
keine Aufschlüsse. Die ersten Dipteren treten im Lias auf, aber
Zool. Jahrb. XL. Abt. f. Syst. 20
306 J- C- H- DE Meijere,
hier finden sich gleich 4 Familien, die Architipuliden, Protorhyphiden,
Eoptychopteriden und die Bibioniden^), also, mit Ausnahme der
Mycetophiliden , gleich Vertreter aller hauptsächlich in Betracht
kommenden Gruppen.
Im großen ganzen finde ich mich hier in Übereinstimmung mit
den Ausführungen von Handliesch bezüglich der Phylogenie der
Dipteren. Auch dieser Forscher hält ein polyphyletisches Auf-
treten verschiedener Merkmale für wahrscheinlich, so unter anderem
auch was die Eückbildung des Kopfes anlangt. Durch meine Unter-
suchungen wird dies bestätigt, da sich auch anatomisch ver-
schiedene Wege nachweisen lassen. Was bei Handlirsch's Be-
trachtungen besonders in die Augen fällt, ist, daß es nicht ge-
lingt, die größeren Gruppen voneinander abzuleiten, sondern daß
fast immer auf sehr niedrig stehende Urdipteren zurückzugreifen
ist; auch dies stimmt mit meinen Befunden. Den Anschluß der
Cyclorrhapha will Handliesch noch bei therevidenartigen Vorfahren
finden; es ist fraglich, ob selbst hier noch weit genug zurück-
gegangen wird, weil selbst bei diesen der Larvenkopf schon sehr
bedeutend in anderer Richtung als bei Cyclorraphen spezialisiert ist.
M.E. dürften die Reihen der Homoeodactyla (Eremochaeta), die There-
viden-Reihe, die Cyclorraphen-Reihe alle an primitive Urdipteren,
welche noch zu den Nemoceren gehören, anschließen. Wenn Hand-
liesch die Stratiomyiden und Xylophagiden zusammen auf Rhachi-
ceriden zurückführt, so wäre dies wegen des einfachen, nemoceren-
ähnlichen Fühlerbaus letzterer wohl möglich; nur kennen wir
diese Tiere im übrigen nur erst wenig genau und leider ihre
Larven gar nicht. Osten-Sacken, der die Gattung Bhachicerus aus
eigener Anschauung kannte, hält sie für eine Xylophagide ^), was
ich nach einem mir gerade vor kurzem in die Hände gekommenen
Exemplar bestätigen kann.
Der kürzlich verstorbene Wesche veröffentlichte (in: Biol. Bull.,
Vol. 23, 1912, p. 250—270) einen Aufsatz über die Phylogenie der
Nematocera. Obgleich seine in bekannter Weise ausgeführten mikro-
skopischen Detailuntersuchungen von Interesse sind, so scheinen mir
einige seiner Schlüsse bezüglich der systematischen Verwandtschaft
nicht gerade stichhaltig. So fällt in seinem Stammbaum p.259 die weite
1) Beelese, A., Gli Insetti, Vol. 2, p. 169.
2) Osten-Sacken, On Professor Beauee's paper: Versuch einer
Charakteristik der Gattungen der Notaconthen 1882, in: Berlin, entomol.
Ztschr., Vol. 26, 1882, p. 379 ; in : Ann. Mus. civ. Genova, Vol. 16, 1880, p. 408.
Dipteren-Laiveu und -Puppen. 307
Trennung der Stratiomyiden von den Tabaniden und Leptiden auf,
andrerseits die zwischen Asiliden und Bombyliiden. Mir will es
scheinen, daß mehrere der von Wesche beobachteten Merkmale, so das
Verhalten der Augenstruktur und der Mundteile, öfters in verschiedenen
Gruppen eine parallele Entwicklung durchlaufen und nur mit großer
Vorsicht zur Feststellung der verwandtschaftlichen Beziehungen zu be-
Schizometopa
• Holometopa
\ /'^Gonopidae
Schiz(jphora
Dolichopodidae •
\ /Empididae / Platypezidae
Asilidae /'''
Lep.tidae : /^lombyliidae ,/pipunculidae
•; /'' Phoridae /\.5yrphidae
Tabanidae ". ■ /' ,--''''
■•.,'. ; / Sceno- \ /
"■■\eyrtidae; / ..Pinidae;/ Lonchopteridae
Stratiomyidae •../ ; .v:'.-^ydai-/ .-''
'■•-. ■•' ■•/" dae .;'.-■'
'■\ iThere-/' Mycetophilidae
Xylophagidae. '•• -y^^^' .-''Sciaridae
■"\ r /'Myceto,,- >-"' '"^'''^^^y'^^^
'•• ':•'' biiriae/-''' _ .
\ ; ; .' ..Scatopsmae
\: /,•:'::-.;.'-'- ßibioninae
: /...-Pachyneurinae
i-'Hhyphidaepj^.jgg ehironomidae
flipulidae /''...-::;'. Simuliidae
\ ]^SI^''--eulicidae
; •'---:'!. Psychodidae
Blepharoceridae
r ...Ptychopteridae
nutzen sind. Auch möchte ich mich Williston anschließen, wenn er
in einer Anmerkung auf p. 263 die Tipuliden als primitiver als die
ßh3^phiden betrachtet haben will. Aus Wesche's Untersuchungen geht
immerhin hervor, welch eine Fülle von bemerkenswerten Verschieden-
heiten die mikroskopische Untersuchung zutage fördert, so daß auch
diese am wenigsten zu vernachlässigen ist.
20*
308 J- C. H. DE Heuere,
In einer schönen Arbeit über die Blepharoceriden Italiens (in:
Boll. Soc. entomol. Ital., Vol. 44, 1912) hebt Bezzi den archaischen
Charakter dieser Familie hervor, welcher sich besonders durch den
Besitz der thoracalen Quernaht und die den ganzen Flügel um-
gebende Randader kund gibt. Auch er stellt sie in die Nähe der
Ptychopteriden (Liriopiden), welche er als die ältesten Dipteren be-
trachtet. Was den von ihm gegebenen Stammbaum (p. 93 Sep.) an-
langt, so dürften hierin die Rhyphiden (Phryniden) zu weit von
den Bibioniden und Mycetophiliden (Fungivoriden) getrennt sein,
desgleichen letztere von den Sciariden (Lycoriiden). Auch die
Thaumaleidae (= Orphnephilidae) sind nach Bezzi (in : Boll. Lab.
Zool. gen. agrar. Scuola sup. Agricolt. Portici, 'Vol. 7, 1913, p. 239)
eine sehr alte Familie, welche einerseits zu den Blepharoceriden,
andrerseits zu den Psychodiden, Culiciden und Chironomiden Be-
ziehungen zeigt.
Es könnte mir der Vorwurf gemacht werden, daß ich selbst
seinerzeit auf Grund der larvalen Merkmale die Abtrennung der
Lonchopteren von den Orthorraphen verteidigt habe, und es sind augen-
scheinlich manche Forscher auch jetzt nicht geneigt, diese offenbar
nnr in spärlichen Relicten fortbestehende Familie den Cyclorraphen,
im spezielleren den Aschizen, zuzurechnen. Im Katalog der palä-
arktischen Dipteren, Vol. 2, findet sie sich am Ende der Orthor-
rhaphen. Vereall i) betont, je mehr er die Gruppe studiere, um
so mehr neige er zu der Meinung, daß ihre richtige Stelle zwischen
den Dolichopodiden und Phoriden liege, während letztere, auch sehr
verschiedenartig beurteilte Familie nach ihm auf der Grenzlinie
zwischen Ortho- und Cyclorraphen liege, aber noch auf der Seite
der Orthorrhaphen. Auch die Lonchopteren liegen nach ihm dieser
Linie schon recht nahe. Die äußeren Merkmale sind in diesen
Familien nicht ganz entscheidend, doch scheint mir der Kopf bau sowohl
von Lonchoptera wie von Phora dem Verhalten der Aschizen, be-
sonders der im Kopfbau einen wenig spezialisierten Charakter
zeigenden Platypezinen, nahe zu stehen. Von besonderem Interesse
ist hier eine Beobachtung von Leon Dufoür, welche ich seinerzeit
bei meiner Besprechung der systematischen Stellung von Lonchoptera
nicht erwähnt habe, weil ich sie damals übersehen hatte. L. Dffoue
sagt 2): „Par la forme de ses glandes salivaires, par la longueur de
1) Verrall, G. H., British Flies, Vol. 5, 1909, p. 43.
2) DuFOUE Leon, Recherches anat. et physiol. sur les Diptferes, in :
Mem, Acad. Sc. Paris, Sc. math. et phys., Vol. 11, 1851, p. 277.
Dipteren-Larven und -Puppen. 309
son canal alimentaire, par l'absencede bourses ventriculaires, caractere
anatomique d'une grande valeur, par ses vaisseaux hepatiques
ä deux caiiaux clioledoques, enfin, par la privation de ballons
tracheens dans rabdomen. la Lonclioptere appartient ä la grande
famille de Museides acalypterees."
Ein ähnlicher Fall, wo die imaginalen Differenzen lange Zeit
verkannt wurden, findet sich bei den Gattungen Xylomyia und
Xylophagus, welche früher zusammen zu der Familie Xylophagidae
gestellt wurden. Bei Xylophagus findet sich aber eine freie
Puppe, während bei Xylomyia die Puppe von der letzten Larven-
hant eingeschlossen ist wie bei den Stratiomyiden. Namentlich die
Beobachtungen des scharfsichtigen Osten-Sacken ließen erkennen,
daß hier zwischen den Imagines bestimmte Differenzen vorhanden
waren, welche auf nähere Verwandtschaft von Xylomyia mit den
Stratiomyiinen, von Xylophagus mit der Leptiden-Tabaniden-Reihe
hinwiesen, und so reiht Veeeall Xylomyia bei den Stratiomyiden
ein, während Xylophagus eine besondere Familie: Xylophagidae
bildet, welche der Leptidenreihe näher steht. Hier gehen also Ver-
schiedenheiten in der Metamorphose mit solchen in den Imagines
parallel, obgleich erstere weit auffälliger sind, und auch hier ist
die Ähnlichkeit in den Imagines nicht als Konvergenz zu deuten,
sondern wir haben es vielmehr mit nahe verwandten Tieren zu tun,
deren Abkömmlinge sich in verschiedener Richtung weiter ent-
wickelten. Xylomyia steht auch nach der Meinung Austen's ^) an der
Wurzel des Stammes, welche zu den Stratiomyiden führt, zunächst
den Berinen, Xylophagus bildet die Wurzel des Leptiden-Stammes.
Während hier zwischen den Larven beider Gruppen eine weite
Kluft besteht, sind die Imagines einander noch dermaßen verwandt,
daß selbst neuere Forscher, wie z. B. Lundbeck in seiner „Diptera
Danica"', sie in eine Familie zusammenfassen wollen, was sich auch
sehr gut verteidigen läßt; die Larven- wie die Imagoentwicklung
ist hier wieder nicht gleichen Schritt gegangen. Der Kopfbau der
Xylophagus-ha.YYe ist nicht genügend bekannt, doch dürfte in dieser
Hinsicht die Xylomyia-l.M\% die niedrigste Stufe vertreten, während
in der Verpuppungs weise letztere mehr spezialisiert ist. Darin
aber, daß die mit ziemlich derber Chitinhaut versehene Puppe
1) Austen, E. E., On the preliminary stages and the mode of
escape of the imago in the Dipterous genus Xylomyia, in : Ann. Mag.
nat. Hist. (7), Vol. 3, 1899, p. 181 — 190.
310 J- C. H. DE Meijere,
letzterer selbständig aus der T-Spalte des Pupariums bis auf die
Hinterleibsspitze hervorbricht, vertritt diese Gattung eine tiefere
Stufe als die echten Stratiomyiden.
Jedenfalls zeigt die Xylophagus-hdirYe, desgleichen wie diejenige
von Coenotnyia, einen wahrscheinlich größtenteils freien, gut chitini-
sierten Kopf, weicht hierin also von den Leptiden- und Tabaniden-
Larven sehr ab, so daß trotz des Abstreifens der Haut bei der Ver-
puppung es noch sehr fraglich ist, ob ihre Übereinstimmung mit
letzteren wirklich so groß ist, daß man sie deshalb weit von den
Stratiomyiden zu trennen braucht. Auch sind nach Brauer und
Sharp die Thoracalringe und die Hinterleibsspitze noch zum Teil
stark chitinisiert, was auch darauf hinweist, daß wir es hier mit einer
Zwischenform zu tun haben. — Eine gute Abbildung der Xylophagus-
Larve gibt letzterer in: Verrall, British Flies, Vol. 5, p. 36; eine
mehr schematische findet sich in Brauer's Larven- Arbeit (tab. 4 fig. 80)
und bei Pereis, Les insectes du pin maritime [in: Ann. Soc. entomol.
France (4), Vol. 10 (1870), tab. 3 fig. 70]. Letzterer Autor hat die
Verschiedenheit zwischen der Xißophagus- und der Xylotmjia-ljSiVve
ganz gut erkannt, weist aber auch schon darauf hin, daß sich in
den Mundteilen Übereinstimmungen finden, welchen Rechnung zu
tragen ist (ibid. p. 206). Vor kurzem hat Enderlein auch hier eine
neue Einteilung einführen wollen (in : Zool. Anz., Vol. 42, 1913, p. 533),
aber ich kann mich leider auch hier nicht mit seinen Änderungen
einverstanden erklären. Xylophaginen und Solvinen (Xylomyinen)
will er zusammen behalten, fügt diesen beiden Gruppen aber noch
einen Teil der Berinen (nämlich Actina und Verwandte) hinzu, so
daß seine neue Trennungslinie zwischen Xjiophagiden einer- und
Stratiomyiden anderseits mitten durch die alte Gruppe der Berinen
verläuft. Daß dadurch erstere zweierlei Larvenformen besitzt, von
welchen die eine mit derjenigen der Stratiomyiden übereinstimmt,
wäre nach meinen obigen Ausführungen kein Hindernis, aber der
Bau der Imagines scheint mir keinenfalls diese Trennungslinie zu
rechtfertigen. Seine Familiendiagnose (1. c, p. 534) wird denn auch
sehr dürftig und unsicher. Getrennte Augen finden sich bei den
^S mehrerer echter Stratiomyiden; das Auftreten holoptischer
Augen hat überhaupt einen sehr polyphyletischen Charakter und ist
zur Charakterisierung von Hauptgruppen nur mit großer Vorsicht
zu benutzen. Die 3gliedrigen Taster von Actina weisen wohl darauf
hin, daß hier ein primitives Verhalten beibehalten ist, es ist aber
nicht nötig, die Gattung deshalb mit Xylomyia in nächste Beziehung
Diptereu-Larveu und -Puppen. 311
ZU bringen, welche eben nur 2gliednge Taster besitzt, wie im all-
gemeinen die Stratiomyiden. ^) Im ganzen kann ich Endeelein's
Einteilung nur als mißlungen bezeichnen. Überflüssig scheint mir
seine Unterscheidung zwischen Solva und Xylomyia. Letztere soll
Hinterschenkel besitzen, welche nicht verdickt und ohne Zähnelung
sind; dann ist aber jedenfalls marginata Meig. nicht zu Xylotnyia,
sondern zu Solva zu stellen. Daß das Puparium, also auch die Larve,
von Chorisops demjenigen von Bens ähnlicher sieht als demjenigen
von Xylotnyia (= Subula), geht aus dem auf S. 210 Angeführten
hervor.
Äußerst eigentümlich und lehrreich sind auch die V'erhältnisse
bei den Phoridae. Die Larven dieser Familie sind namentlich durch
die Untersuchungen Keilin's jetzt eingehend bekannt und zeigen
auch nach diesem Forscher durchaus den Charakter der Eumyiden-
Larven, obgleich sie in einigen nebensächlichen Punkten abweichen.
Sie stehen jedenfalls dem Eumyiden-Typus außerordentlich viel näher
als der Loncho2)tera-La,Y\e. Während also die Phoriden-Larven gleich
auf eine Verwandtschaft mit den Eumyiden schließen lassen, ist das,
was die Imagines anlangt, durchaus nicht der Fall. Kaum eine
Dipteren-Familie ist an so verschiedenen Stellen des Systems ein-
gereiht worden wie diese, von Osten-Sacken unter den brachyceren
Orthorrhaphen, von Bkauer bei den Aschiza, von Th. Becker und
GiRscHNER in der Nähe der Mycetophiliden, von Brues am Anfang
der Cyclorrapha, von Wesche wieder in der Nähe der Orthor-
rhapha Brachycera, im spezielleren der Dolichoioodidae. Nament-
lich letzterer 2) hat eine Reihe von neuen Merkmalen, namentlich
auch mikroskopischer Natur, untersucht und betont, daß die Pho-
riden eine ganze Anzahl archaischer Merkmale zeigen, welche sich
bei den Nemoceren, zum Teil auch bei den Dolichopodiden wieder-
finden. In gewissen Merkmalen, so im Fühlerbau, ist die Gruppe
spezialisiert und zeigt unter anderem hierin Ähnlichkeit mit ge-
wissen Dolichopodiden. M. E. hat aber Wesche die Übereinstimmung
1) Ich muß hier darauf hinweisen, daß die Zählung der Tasterglieder
mir insofern unsicher erscheint, als das 1. Tasterglied auch bei Chorisops
nur ein unmittelbarer Fortsatz der Maxillenbasis zu sein scheint. Wie dem
auch sei, daß bei den niedrigsten Stratiomyiden die Reduktion der Taster
am wenigsten fortgeschritten ist, ist nicht Befremdendes und kein ge-
nügender Grund, diese von den übrigen abzutrennen.
2) AVesche, W., The systematic affinities of the Phoridae, in : Trans,
entomol. Soc. London, 1908, p. 283—296.
312 J- ^•- H. DE Meijere,
mit letzterer Gruppe zu hoch angeschlagen. Bei dem häufigen
Auftreten von Parallelbildungen bei den Dipteren ist nicht zu ver-
gessen, daß gleicher Bau noch gar keinen Beweis für direkte Ver-
wandtschaft bildet. Gerade der Umstand, daß die von Wesche
betrachteten Merkmale bald auf diese, bald auf jene Familie der
Nemoceren oder der brachyceren Orthorrhaphen hinweisen, läßt
den Schluß berechtigt erscheinen, daß die Phoriden überhaupt eine
sehr alte Familie bilden, deren alte Merkmale sich deshalb in ver-
schiedenen anderen P'amilien wiederfinden, je nachdem sie von diesen
beibehalten worden sind. Die Ähnlichkeit mit den Dolichopodiden
beruht zum Teil darauf, daß auch diese Familie schon früh von
ihren Verwandten sicii abzweigte, also als auch sie noch primitive
Merkmale besaß. Weist doch auch schon die große Kluft zwischen
Empiden und Dolichopodiden auf eine frühe Trennung hin, was die
Imagines anlangt, während die Larven beider Familien nur sehr wenig
divergierten. Was die spezielle Fühlerbildung anlangt, so dürfte
diese als parallele Entwicklung zu betrachten sein, zumal sie gar
nicht allen Dolichopodiden eigen ist und nicht einmal bei den
primitivsten Gattungen sich findet. Dagegen könnte der überein-
stimmende Fühlerbau bei Phoriden und Lonchopteriden auf direkter
Verwandtschaft beruhen; wenigstens würde hier die Parallelbildung
sich auf auch in anderen Hinsichten nahe stehende Familien be-
ziehen und sich demnach schwerer beweisen lassen.
Die Reihe von Wesche angeführter Merkmale stimmt m. E.
also ganz gut mit meinem Befund, was die Larven anlangt, nämlich,
daß die Cyclorrhaphen nicht aus hochentwickelten, brachyceren
Orthorrhaphen, sondern aus viel niedriger stehenden Dipteren,
irgendwo aus archaischen Nemoceren, herzuleiten sind, wo auch die
Schwelle der Xylophagiden-Reihe und der Thereviden-Eeihe liegt,
also aus jener zentralen Nemocerengruppe, von welcher die Myceto-
philiden, Bibioniden, Ehyphiden die wenig abgeänderten rezenten
Ausläufer sind.
Bei Musca und den nächstverwandten Gattungen hat Banks ^)
darauf hingewiesen, daß hier die beiden Mundhaken zu einem ver-
wachsen sind. Auch Banks kommt zu dem Resultat, daß die Differen-
zierung von Larven und Imagines innerhalb der Calyptraten-Reihe
1) Banks, N., The structure of certain dipterous larvae with particular
reference to those in human foods, in: ü. 8. Departm. Agric, Entom.
Techn. Ser. No. 22, 1912; man vgl. namentlich p. 37.
Dipteren-Larven und -Puppen. 313
keinen gleichen Schritt hält. Er unterscheidet 4 Larventypen, die
3/Msm-Reihe, die Tachiniden-, die Anthomyiden-, die Homalomyiden-
Reihe. Die Imagines beider letztgenannten sind sehr ähnlich, unter
ihnen stehen Mnscina und Verwandte im Imaginalstadium der Mtisca-
Reihe sehr nahe, während die Larven dem Anthomyiden- Typus an-
gehören.
Vielleicht innerhalb keiner anderen Dipteren-Familie ist die
Divergenz zwischen larvalen und imaginalen Merkmalen vollständiger
ausgearbeitet als in der Familie der Culiciden. Namentlich Dyar
und Knab haben sich bemüht, eine neue Klassifizierung der Culiciden
auf Grund der larvalen Merkmale aufzustellen, und es haben
sich dabei sehr eigentümliche Abweichungen von dem auf die
Imagines gegründeten System ergeben. Es geht dies schon genügend
hervor aus den kurzen Bemerkungen, welche Theobald im 4. Band
seines Monograph of the Culicidae, 1907, p. 13 ihrem Verfahren
widmet. Nach einer Angabe der larvalen Merkmale, wonach sich die
Familie in 3 Gruppen (Anophelinae, Culicinae, Sabethinae) teilt,
sagt Theobald: „All other genera of Anophelinae are sunk as Syno-
nyms of Anopheles, but the authors raise one species — harberi of
CoQuiLLETT, a species so close to hifurcatus that it is hardly sepa-
rable to generic rank calling it Coelodiozesis. ... In the genus
Janthinosoma, of Arribalzaga, they place my scholasticus (a Culex, so
near fatigans, I am not sure if it is distinct) and my Grabhamia
pygmaea and G. jamaicensis, insects of totally different appearance
and habits to the type of Janthinosoma. They find that larval
characters place Pneumaculex signifer Coquillett in the genus
Mansonia. Still more surprising is the fact that from these larval
characters, Haemagogus, Stegomyia, Grabhamia, Howardina, Culicelsa,
CuUcada etc., and even Dyar's own genus Fseudoculex sink under
Aedes.'''-
Soviel geht aus diesen Verhältnissen hervor, daß Larve und
Imago jede ihre eigene Phylogenese haben, und wenn sich keine
Übereinstimmung in beiden Stadien zweier Arten zeigt, so kann
dies dadurch veranlaßt sein, daß beide sich nicht in gleichem
Schritt differenziert haben oder daß das ähnliche Stadium beider
Arten sich in paralleler Weise fortentwickelt hat. Ein polyphyle-
tisches Entstehen der Merkmale wird hier öfters unumgänglich.
Auch unter Corethrinen und Culicinen ist die Kluft zwischen den
Imagines größer als zwischen ihren Larven. Die Mochlonyx-heiYYe
zeigt die Atemröhre der Culiciden, die Imago steht dieser Familie
314 J- C. H. DE Meijere,
nicht näher als Corethra. Als Imagines stehen die Corethrinen
niedriger, als Larven sind sie viel weitgehender modifiziert.
Ich glaube, die obigen Beispiele werden genügen, um zu zeigen,
wie verwickelt die Beziehungen zwischen der larvalen und imagi-
nalen Phylogenese in bestimmten Gruppen sind. Bei den Kategorien
des natürlichen Systems haben wir m. E. in erster Linie auf die
imaginalen Merkmale zu achten, eben weil sonst kein einheitliches
System möglich ist. Die Kenntnis der larvalen Merkmale ist natür-
lich ohnehin von großem Interesse ; zur Trennung können diese aber
erst benutzt werden, wenn damit genügende Unterschiede in den
Imagines verbunden sind. Sonst wird ein ungleicher Maßstab an-
gelegt, wie dies im einzelnen auch für bestimmte imaginale Charak-
tere gilt. Im Anschluß an die Viviparie zeigt z. B. Mesemhrina
eine bedeutende Differenz im weiblichen Geschlechtsapparat von dem
gewöhnlichen Anthomyinen-Typus; dennoch dürfte keiner sie deshalb
als besondere Hauptgruppe von diesen abtrennen wollen, und ebenso-
wenig darf dies im allgemeinen bloß wegen einer besonderen Larven-
form geschehen.
Nachschrift.
Gerade nachdem ich meine Abhandlung abgeschlossen hatte,
erschien eine schöne Publikation von der Hand Bruno Wahl's:
„Über die Kopfbildung cyclorhapher Dipterenlarven und die post-
embryonale Entwicklung des Fliegenkopfes." ^)
Wie schon aus unseren früheren Veröffentlichungen hervorgeht,
stehen wir in der Ansicht bezüglich der Kopfbildung^ der Cj^clor-
raphen auf demselben Standpunkt ; auch nach Wahl ist der Frontal-
sack eine Einstülpung der Stirnregion, der Thorax beteiligt sich
an ihm nicht, es bleibt somit ein Teil des Kopfes frei, und es ist
nicht die ganze dorsale Kopfwand in den Thorax eingezogen.
Wahl stellt sich hierin in derselben Weise wie ich Holmgren
und Becker gegenüber und weist auf die Schwierigkeiten, welche
die Auffassungen letzterer veranlassen, hin. Unsere Arbeiten er-
gänzen sich in schöner Weise. Wahl beschreibt manche Einzel-
heiten ausführlich, hat sich aber auf die Cyclorrhaphen beschränkt
und stellt keine vergleichend-anatomischen Betrachtungen an, ist
vielmehr geneigt, die verschiedenen Teile des Larvenkopfes mit
1) In: Arb. zool. Inst. Wien, Vol. 20, Heft 2. 1914.
Diptereu-Larveu und -Puppen. 315
möglichst indifferenten Namen zu belegen, während ich gerade be-
strebt war, die großen Züge der phylogenetischen Entwicklung des
Kopfes der Dipterenlarven darzulegen. Auf eine Homologisierung
der Teile des Schlundgerüstes mit den typischen Skeletteilen des
Insectenkopfes geht Wahl deshalb nicht ein. Der großen Vorsicht,
welche ihn in dieser Richtung beherrscht, sind auch einige Punkte
zuzuschreiben, in welchen seine Ansichten von den meinigen ab-
weichen. Weder die Mundhaken, welche ich den Maxillen zurechnen
möchte, noch die Sinnesorgane, welche gewöhnlich als Fühler und
Maxillartaster gedeutet werden, ist er geneigt mit den entsprechenden
Organen zu identifizieren, sondern will sie vielmehr als Neubildungen
betrachtet wissen. Wie aus meinen obigen Betrachtungen hervorgeht,
kann ich ihm hierin nicht beistimmen; findet man doch bei niederen
Dipteren-Larven allerhand Grade von Reduktion und Verschiebung
dieser Teile, welche mit den komplizierten Verhältnissen des Cyclor-
raphen-Kopfes zu vergleichen sind. Auch die weite Entfernung der
Anlagestelle der entsprechenden imaginalen Organe bildet m. E.
hierin keine nicht zu umgehende Schwierigkeit, wegen der Möglichkeit
der Verschiebung der Anlagestelle in der Hypodermis. Kommen
doch z. B. auch bei Chironomus die Augenblasen weit von den
Larvenaugen zu liegen, während sie bei den Culiciden-Larven dicht
nebeneinander gelagert sind. Auch scheint mir eine Verwachsung
der Maxille mit der Kopfwand, so daß ihr stark chitinisierter Teil
(der Mundhaken) und ihr Taster gleichsam direkte Anhänge der
Kopfwand geworden sind, annehmbar.
Was Besonderheiten anlangt, so weist auch schon Wahl darauf
hin, daß bei Calliphora nur im 1. Stadium ein Medianzahn (von mir
und anderen als Labrum gedeutet) vorkommt; der schaufeiförmige
Zahn des 3. Stadiums liegt, wie ich es auch oben betont habe, an
anderer Stelle, mehr nach vorn hin an der Unterseite des Atriums, an
der Spitze eines dort vorhandenen Wulstes (Dorsalwulst, Wahl). Auch
Wahl betont, daß der Frontalsack vorn stets unpaar ist; „in seinem
hinteren und mittleren Abschnitt zeigt er mehr oder minder An-
deutungen einer paarigen Anlage, indem er an seinen Enden in
paarige, blind endigende Zipfel ausgezogen ist und indem ferner
in seiner mittleren Region sich entweder eine Frontalsackspalte vor-
findet, die beide Wände des Frontalsackes durchbohrt, oder in dem
bei anderen Larven in der entsprechenden Region die beiden seit-
lichen Hälften des Frontalsackes in der Medianlinie nur durch eine
mehr oder minder dünne, stets einschichtige Zellbrücke verbunden
316
J. C. H. DE Meijere,
sind, die unter Umständen ein membranartiges dünnes Häutchen
darstellt" (CalUphora, 2. und 3. Larvenstadium). Auch nach Wahl
ist die beim Ausschlüpfen der Fliege eine Rolle spielende „Stirn-
blase" als hinterster medianer Blindsack des Frontalsackes aufzu-
fassen.
Erklärung der Abbildungen.
A Auge
AS Imaginalscheibe des Auges
AK Analkieme
Au Anus
Ai Atrium
B Imaginalscheibe eines Beines
C Cardo
ChZ Chitinzähne in der Nähe der
MundöfFnung
Co Coxa
EL Externolateralplatten
F Fühler
Fe Femur
GG Gehirnganglion
HKp Hintere Kopfplatten
HSl Hinterstigma
JL Internolateralplatten
K Kopfplatte
L Außenlade der Maxille
L.G Lateralgräte
Lb Labium
Lr Labrum
M Mentum
MS Metacephaler Stab
Mu Mund
Musk Muskeln
Mx Maxille
N Stigmenuarbe
0 Äußere Oflfuung des Stigmensackes
Oes Ösophagus
OF Obere Fortsätze
Pf Praefrons
Ph Pharynx
PJtSt Pharyngealer Chitinstab
PI Pleuralorgan
Pni Prämentum
S Sinnesorgan
SG Subösophagealganglion
Sni Submentum
SpSt Spatula sternalis
St Stipes
Stern. Sternit des Labialsegments
T Maxillairtaster
TS Tentorialstab
Tr Trachea
Ta Tüpfel
UF Untere Fortsätze
VKpl Vordere Kopfplatte
VP V,ertikalplatten
Vcntr.Pl Ventrale Platten
VSt Vorderstigmen
Z Medianer Zahn
Tafel 4,
Fig. 1 — 4. Scatopse notata L.
Fig. 1. Vorderer Körperteil,
Fig. 2. Antenne.
Diptereu-Larveu und -Puppen. 317
Fig. 3. Hinterleibsspitze.
Fig. 4. Stigma von einem der vorderen Körpersegmente.
Fig. 5 — 10. Dilophus vulgaris Meig.
Fig. 5. Fühler.
Fig. 6. Mandibel.
Fig. 7. MaxlUe und Labiura, Außenseite.
Fig. 8. Maxille und Labium, Innenseite.
Fig. 9. Hautschuppen.
Fig. 10. Hinterstigma.
Fig. 11—13. Plecia fulvicollis F.
Fig. 11. Labrum.
Fig. 12. Fühler.
Fig. 13, Sinnesorgan an einem der Körperanhänge.
Fig. 14—20. Ptychopiera.
Fig.
14. Fühler.
Fig.
15. Labrum von oben.
Fig.
16. Labrum von unten.
Fig.
17. Mandibel von oben.
Fig.
18. Mandibel und Maxille.
Fig.
19. Labium und Hypopharynx.
Fig.
20. Hinterstigma.
Tafel 5.
Fig. 21—23. Trichocera,
Fig. 21. Kopf von oben.
Fig. 22. Kopf von unten.
Fig. 23. Längsschnitt durch die ventrale Kopfwand, also senkrecht
zur Querbrücke = Sternit des Labialsegments.
Fig. 24 — 31. Tricyphona immaculaia Meig.
Fig. 24. Larve.
Fig. 25. Kopf von oben.
Fig. 26. Kopf von unten.
Fig. 27. Mundteile usw.
Fig. 28. Hinterende von oben.
Fig. 29. Hinterende von der Seite.
Fig. 30. Puppe.
Fig. 31. Prothoracalstigma der Puppe.
Fig. 32 — 36. Dicranomyia umhrata de Meij.
Fig. 32. Kopf von oben.
Fig. 33. Mandibel.
Fig. 34. Mundteile usw.
3l8 J. C. H. DE Meijeee,
Fig. 35. Hypopharynx.
Fig. 36. Hinterleibsende.
Fig. 37 — 47. Ehypholophns variits Meig.
Fig. 37. Larve.
Fig. 38. Kopf von oben.
Fig. 39. Kopf von unten.
Fig. 40. Mundteile usw. und Fühler.
Fig. 41. Unterkiefer.
Fig. 42. Prämentum und Hypopharynx.
Tafel 6.
Fig. 43. Querschnitte durch den Kopf.
Fig. 44. Hinterleibsende.
Fig. 45. Puppe.
Fig. 46. Mundteile der Puppe.
Fig. 47. Prothoracalhorn der Puppe.
Fig. 48 — 53. LimnopJdla ferniginea Meig.
Fig. 48. Larve.
Fig. 49. Kopf von oben.
Fig. 50. Kopf von unten.
Fig. 51. Mandibel.
Fig. 52. Hinterleibsende.
Fig. 53. Hinterleibsende.
Fig. 54 — 60. Pachugaster mimäissima Zett.
Fig. 54, Kopf von oben.
Fig. 55. Kopf von unten.
Fig. 56. Maxille.
Fig. 57. Maxille.
Fig. 58. Querschnitt durch den Kopf.
Fig. 59. Vorderstigma.
Fig. 60. Hinterstigma.
Fig. 61. Berts vallata Forst.
Fig. 61. Puparium.
Tafel 7.
Fig. 62—72. Thereva.
Fig. 62. Larve.
Fig. 63. Vorderende.
Fig. 64. Kopf von oben.
Fig. 65. Kopf von unten.
Dipteren-Larveu und -Puppen 319
Fig. 66.
Längsschnitt durch den Kopf;
Fig. 67.
Labrum.
Fig. 68.
Unterkiefer von innen.
Fig. 69.
Unterkiefer von außen.
Fig. 70.
Querschnitt.
Fig. 71.
Hinterstigma der jungen Larve.
Fig. 72.
Puppe.
Fig. 73 — 83. Leptis lineola F.
Fig. 73. Larve.
Fig. 74. Vorderende von oben.
Fig. 75. Vorderende von unten.
Fig. 76. Vorderende von der Seite.
Tafel 8.
Fig. 77. Vorderende schief von unten.
Fig. 78. Labrum und Umgebung.
Fig. 79. Längsschnitt durch den vorderen Körperteil.
Fig. 80. Hinterende.
Fig. 81. Vorderstigma.
Fig. 82. Vorderstigma von der Seite gesehen.
Fig. 83. Hinterstigma.
Fig. 84 — 88. Dioctria haumliaueri Meig.
Fig. 84. Larve von der Seite.
Fig. 85. Larve von unten.
Fig. 86. Kopf von oben.
Fig. 87. Kopf von unten.
Fig. 88. Längsschnitt durch den Kopf.
Fig. 89 — 91. Dysmachus trigonus Meig.
Fig. 89. Kopf.
Fig. 90. a Vorder-, b Hinterstigma.
Fig. 91. Puppe.
Fig. 92—101. Medeterus.
Fig. 92. Vorderende von oben.
Tafel 9.
Fig. 93. Vorderende des Kopfes von oben.
Fig. 94. Vorderende von der Seite.
Fig. 95. Kopf schief von unten.
Fig. 96. "Warzengürtel.
Fig. 97. Analgegend.
320 J- C. H. DE Meijere,
Fig. 98. Hinterstigma.
Fig. 99. Puppe.
Fig. 100. Prothoracalhorn (Vorderstigma) der Puppe.
Fig. 101. Dornen am Rande der Hinterleibssegmente der Puppe.
Fig. 102 — 103. Thrypiicus smaragdmtts Geest.
Fig. 102. Vorderkörper von oben.
Fig. 103. Vorderende von unten.
Fig. 104 — 115. Hilara maura F.
Fig. 104. Larve.
Fig. 105. Kopf von oben.
Fig. 106. Kopf von der Seite.
Tafel 10.
Fig.
107.
Warzengürtel am Vorderrand der Hinterleibssegmente,
Fig.
108.
Zähne eines solchen Gürtels.
Fig.
109.
Analgegend.
Fig.
110.
Vorderstigma.
Fig.
111.
Hinterstigma.
Fig.
112.
Puppe.
Fig.
113.
Dornenreihe der Abdominalsegmente.
Fig.
114.
Fühlerscheide der Puppe.
Fig.
115.
Vorderstigma der Puppe.
Fig.
116—124. Dolichopus sp.
Fig.
116.
Vorderende von oben.
Fig.
117.
Vorderende von der Seite.
Fig.
118.
Fühler.
Fig.
119.
Vorderende von unten.
Fig.
120.
Warzengürtel am Vorderrand der Hinterleibsringe.
Fig.
121.
Hinteres Körperende von oben.
Fig.
122.
Hinteres Körperende von unten.
Tafel 11.
Fig. 123. Vorderstigma.
Fig. 124. Hinterstigma.
Fig. 125 — 127. Rhmuphojmjia?
Fig. 125. Warzengürtel.
Fig. 126. Hinterleibsspitze, a. Analgegend.
Fig. 127. Hinterleibsstigmen.
Fig. 128—132. Syrphiis bifasciatus F.
Fig. 128. Larve.
Fig. 129. Kopf von oben.
Dipteren-Larven nnd -Puppen. 321
Fig. 130. Schlundgerüst.
Fig. 131. Siunespapille.
Fig. 132. Hinterstigma.
Fig. 133. Syrplms venushis Meig. Larve.
Fig. 134 — 145. Pipunculiden.
Fig. 134. Schlundgerüst.
Fig. 135. Fühler und Maxillairtaster.
Fig. 136. Vorderstigma.
Fig. 137a. Hinteres Körperende mit Hinterstigmenplatte b.
Fig. 138 a, b. Vorderstigraa einer anderen Art.
Fig. 139. Hinterstigma derselben.
Fig. 140. Hinteres Körperende derselben.
Fig. 141. Puparium von der Seite.
Fig. 142. Puparium von vorn.
Fig. 143. Die obere Platte des Pupariums.
Fig. 144. Schema der Sprengung des Pupariums bei den Pipun-
culiden, von vorn,
Fig. 145. Schema der Sprengung des Pupariums bei den Pipun-
culiden, von der Seite.
Fig. 146 — 147. DrosopJiila obscura Fall.
Fig. 146. Vorderes Körperende.
Fig. 147. Schlundgerüst.
Fig. 148. Limnobiinen-Larve. Kopf von oben.
Fig. 149. Hintereude derselben Larve.
Tafel 12.
Cecidomyiden-Larve, Vorderende.
Lonchoptera hdea Panz. Vorderende der Larve.
Unterseite des Labrums.
Mundteile usw.
Syrphus, Schlundgerüst.
Phora, Schlundgerüst von der Seite.
Schlundgerüst von unten.
Calliphora eryihrocephala Meig., Vorderende von der Seite.
Vorderer Teil des Schlundgerüstes, von oben.
Metopia leucocephaki, junge Larve (1. Stadium).
Calliphora erythrocephala^ Vorderende der jungen Larve
Jlydaea hnpunda Fall., Vorderende von oben.
Vorderende von unten.
Fig. 163. Schlundgerüst von der Seite.
Tafel 13.
Fig.
150.
Fig.
151.
Fig.
152.
Fig.
153.
Fig.
154.
Fig.
155.
Fig.
156.
Fig.
157.
Fig.
158.
Fig.
159.
Fig.
160.
(1. Stadium).
Fig.
161.
Fig.
162.
Fig. 164. Fannia {Homalomyia).
Fig. 165. Psychoda-ljSirye, hinteres Körperende.
Fig.
166.
Fig.
167.
Fig.
168.
Fig.
169.
Fig.
170.
Fig.
171.
Fig.
172.
322 J- C. H. DE Meijere, Dipteren-Larveu uud -Puppen.
Tijmla, Puppe, Vorderkopf.
Rhopalomyia mülefolii Low., Pappe.
Solva {Xylomyia) javana de Meij., Puppe.
Bomhylius, Puppe.
Tachina larvarum L., Puppe.
Trichocera annulata Meig., Hinterleibsspitze.
Änarete coracina Zett., Prätarsus.
Tafel 14.
Fig. 173. Schema des Kopfbaues bei Tricliocera.
Fig. 174. Dasselbe bei einer Tipuline.
Fig. 175. Dasselbe bei einer Stratiomyide.
Fig. 176. Dasselbe bei Atherix.
Fig. 177. Dasselbe bei Leptis.
Fig. 178, Dasselbe bei Thereva.
Fig. 179. Dasselbe bei Hilara.
Fig. 180. Dasselbe bei Lonchopiera.
Fig. 181. Dasselbe bei Calliphora.
In diesen Schemata sind die Vertikalplatten rot, die Tentorialstäbe
gelb, der Metacephalstab blau angegeben.
Berichtigung
zu : BoETTGEE, Caesar K. uiid Fritz Haas, Beiträge zur Mollusken-
fauna des Sudans, in: Zool. Jahrb., Vol. 38, Syst.
Bei der in Vertretung des zurzeit im Felde stehenden Dr.
C. Boettger von befreundeter Seite besorgten Korrektur sind in
der Erklärung der Abbildungen Irrtümer entstanden:
Fig. 5 ist nicht L. candidissima, sondern L. flcmimaia geyri; entsprechend
ist im Text, p. 376, Z. 6 v. o. zu lesen (statt Fig. 4) Fig. 4 u. 5.
Fig. 6 ist nicht L. leroii, sondern L. ca?ididissinia ; entsprechend ist im
Text, p. 377, Z. 10 v. u. zu lesen (statt Fig. 5) Fig. 6,
während p. 378 bei L. leroii die Zeile (Taf. 26 Fig. 6) zu streichen ist.
G. Pätz'sdie Buchdr. Lippert & Co. G. tn. b. H.. Naumburg a. d. S.
Zoolog.JahrlmcherBd.WAbt.f.Sysl
Zoolog. Jalwbücherßd. WAbt.f.Sy,
von GusiavFiaohep injei.a
Zouloy. .Jahrbücher Bd. WAht.f.SijSt.
Verlag vor. fius.a»R,cl>er in Jena.
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Zoulog. Jahrbucher BdAOAbt.f.Syst.
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Zoolog. Jahrhiidier Bd. kOAbt.f.S^.
Zoolog.. Tahrbiicher Bd. W Abt. f. Syst.
Zonlog. Jahrbücher Bd. WAbt. F. Syst.
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Nachdruck verboten,
tlbersetzungsrecht vorbehalten.
Zur Phylogenie der
Geschlechtsbestimmungsweise bei Bienen,
Zugleich ein Beitrag zur Erforschung der Partheno-
genese sowie der Stammesgeschichte der Bienen.
Von
Ludwig Armbruster, Freiburg i. Br.
Mit Tafel 15 nnd 6 Tabellen.
Inhaltsübersicht.
Seite
Die Fragestellung 342
1. Kap. Die Geschlechtsbestimmungsweise bei der Einsiedlerbiene
Halictus 325
2. Kap. Die Geschlechtsbestimmungsweise bei der rätselhaften
Biene Sphecodes 347
3. Kap. Die Geschlechtsbestimmungsweise bei anderen Bienen mit
mehreren Generationen pro Jahr 353
4. Kap. Die Sonderstellung von Halictus und Sphecodes .... 356
a) Halictus 356
b) Stellung von Halictus zu Sphecodes 358
1. Sphecodes keine Sammelbiene 358
2. Sphecodes keine TJrbiene 360
5. Kap. Die Halictinae und die Apinae {Halictus und Andre^ia) . 362
6. Kap. Die Geschlechtsbestimmungsweise der Halictidae und die
der übrigen Hymenopteren 365
Literaturverzeichnis ,379
Zool. Jaärb. XL. Abt. f. Syst. 21
324 Ludwig Armbrusteb,
Die Fragestelhmg.
Die experimentelle Biologie, Cytologie und MENDEL-Forschung
haben zur Erkenntnis der geschlechtsbestimmenden Ursachen so
viele, aber auch so verschieden klingende Ergebnisse zutage ge-
fördert, daß der, welcher eine einheitliche Beantwortung dieser all-
gemein interessierenden Frage erwartet hätte, sich enttäuscht
sehen muß. Fruchtbar dürfte darum folgende Fragestellung sein:
läßt es sich wahrscheinlich machen, daß verschiedene Geschlechts-
bestimmungsweisen, darunter insbesondere solche von ganz aberranter
Art, wie sich innerhalb einer engeren, systematischen Gruppe finden
lassen, auf einen gemeinsamen, ursprünglichen Geschlechtsbe-
stimmungs-Tj^pus zurückführbar sind, oder läßt sich gar zeigen, in
welcher Weise sich die verschiedenen Abänderungen am wahr-
scheinlichsten vollzogen haben?
Es muß z. B. befremden, daß der bekannte und trotz aller An-
griffe — bei vorsichtiger Fassung — unanfechtbare Bestimmungs-
typ der Honigbiene (Hymenopteren-Typus R. Heetwig): „unbe-
fruchtete Eier ergeben Männchen, befruchtete normalerweise Weib-
chen" einerseits im Tierreich nicht selten ist, andererseits aber
nicht einmal für alle Bienen, geschweige denn für alle Hymeno-
pteren gilt. Sodann muß es wünschenswert sein, daß man gerade
in diesem Fall, nicht nur weil er ein klassischer, sondern in ver-
einzelten Punkten ein noch tatsächlich dunkler, jedenfalls aber heiß-
umstrittener ist, einige Klarheit über seine mutmaßliche Entstehung
gewinnt. Vielleicht wird dabei auch von einer interessanten Seite
aus einiges Licht fallen auf die Entstehung des nützlichsten In-
sectenstaates, auf die Stammesgeschichte der Bienen, auf einige
strittige Punkte der vielbeachteten Apidenbiologie hinsichtlich der
Entstehung von Parasitismus und Sozialismus, sodann auf sehr all-
gemeine Fragen, wie die nach Ursprung und Sinn der Partheno-
genese, soweit man Schlüsse ziehen kann aus deren mannigfacher
Ausbildung und mutmaßlichen Veränderung innerhalb einer ge-
schlossenen, aber vielseitig angepaßten Tiergruppe.
Geschlechtsbestirnmnugsweise bei Bienen. 325
1. Kap. Die Geschlechtsbestimmung bei der Eiusiedlerbiene
Halictiis.
Eine Ausnahme von der sonst bei Bienen üblichen Geschlechts-
bestimmungs weise macht die solitäre Biene Halictus.
Die erste eingehendere, exakte Darstellung der Geschlechtsver-
hältnisse bei diesem Bienen„genus" stammt von J, H. Fabee, also
merkwürdigerweise von jenem Forscher, der wegen der vermeint-
lichen theoretischen Unmöglichkeit der Parthenogenese die Dzierzon-
sche Theorie ablehnte. Daß Halictus 2 Generationen im Jahre be-
sitzt und daß zeitweise wohl Weibchen, aber keine Männchen zu
beobachten sind, wußte man schon früher. Die Angaben Fabre's
wurden von Peeez 1895 in Zweifel gezogen. Er lehnte das Vor-
kommen der Parthenogenese wie bei den Bienen so auch bei
Halictus ab. Seine Beweisführung steht aber auf schwachen Füßen
und dürfte durch die folgenden biologisch-statistischen Angaben end-
gültig widerlegt sein.
Fabre beobachtete in der Nähe von Orange (unteres Rhönetal)
unter sehr günstigen Umständen, nämlich sozusagen vor der Haus-
türe, eine reiche Kolonie von Halictus cylindricus. Ferner macht er
Angaben über einen „Halicte ä six bandes". Nach Peeez, 1895,
dem tüchtigeren Systematiker von beiden, handelt es sich im letzteren
Fall um Halictus scabiosae Rossi (= Halictus sehrus Walk.), also
nicht etwa um Halictus sexcinctus. Halictus cylindricus ist synonym
mit der heute üblichen Bezeichnung Halictus calceatus Scop.
Da freilich nicht alle Angaben Fabre's auf die ausgiebiger be-
obachteten Verhältnisse des nördlichen Mitteleuropa übertragbar
sind, ist eine eingehendere Darstellung nötig.
Ein guter Teil der Geschlechtsbestimmungsfrage läßt sich, so
wie es Fabee gemacht und Peeez versucht hat, in der Weise be-
antworten, daß man das Auftreten der Geschlechter feststellt. Die
Beobachtungen am Nest (Fabee) sind sehr wünschenswert, aber
doch nur als nähere Kontrolle in zweifelhafteren Fällen nötig. Die
reichsten genaueren faunistisch-biologischen Angaben fand ich bei
dem tüchtigen Halictus-Kennev Alfken. Seine Angaben von 1913
gelten für das westliche, die von 1912 für das östlichste, die seines
Freundes Wagnee 1914 für das mittlere deutsche Flachland. Beiden
Forschern, deren Angaben den Hauptteil für die nachfolgende
Statistik bilden, stand ein Stab von geschulten Beobachtern zur
Seite.
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Geschlechtsbestimmmigsweise bei Bienen. 333
Aus dieser statistischen Zusamnienstelliing geht unzweifelhaft
hervor, 1-. dsi& Halictiis tatsächlich jährlich mehr als eine Gene-
ration besitzt und daß 2. bei einer der beiden Gienerationen
die Männchen fehlen. Daß sie vielleicht stets übersehen worden
sind, wegen irgendwelcher biologischer Besonderheit der Männchen,
ist auszuschließen, denn die Biologie der Männchen von der folgen-
den Generation ist wohl bekannt. Fabre hatte zudem schöne Ge-
legenheit, eine große Zahl der Nester mit der Gesamtbrut zu unter-
suchen. Er fand bei der einen Generation von Halichis calceatus
Scop. bei 249 $$ nur ein einziges ^.
Insbesondere geht aus obigem auch hervor, daß die Männchen
der einen Generation nicht etwa das Auftreten der Weibchen von
der nächsten Generation erleben, diese also auf keinen Fall be-
fruchten können.
Der Juli ist der Monat, in dem man für die meisten Arten
Imagines (die Weibchen) der 1. und 2. Generation fliegend beob-
achten kann. Die Gefahr der Verwechslung ist nicht besonders
groß, denn die frisch ausgeschlüpften Tiere erkennt man sehr leicht:
zum Unterschied gegenüber den „abgeflogenen" weisen sie frische
Farben, unversehrtes Haarkleid und uu zerschlissene Flügel auf.
Man kann also selbst dann, wenn, wie auf der Tabelle in mehreren
Fällen ersichtlich, die Weibchen der 1. Generation neben den Weib-
chen der 2. Generation zu beobachten sind (und dies ist, wie zu
zeigen sein wird, eine biologische Eigentümlichkeit von Halictus),
unschwer sich orientieren. Auch abgesehen davon wäre es bei all
unseren Erfahrungen über die Lebensdauer fliegender Imagines un-
denkbar, daß ein Geschlecht, das weibliche, eines Bienengenus reich-
lich 6 Monate fliegend beobachtet werden kann, während dem anderen
Geschlecht, und zwar dem untätigen männlichen, nur 3 Monate (dem
einzelnen Individuum natürlich noch wesentlich weniger) zur Ver-
fügung stehen.
Der Fortpflanzungscyclus etwa eines Halictus calceatus
Scop. = cylindricus ist demnach folgender im nördlichen Mittel-
europa (vgl. Tabelle 2). Die ersten (unabgeflogenen !) Weibchen
kann man Ende März oder Anfang April beobachten. Sie beginnen
alsbald das Brutversorgungsgeschäft. Keine geringe Arbeit er-
fordert die Herstellung des unterirdisch gegrabenen Nestes.
Eine ausführliche Beschreibung des Nestbaues gab Fabre. Sie
findet in anderweitigen Angaben (namentlich Verhoeee, 1897) und
meinen Erfahrungen durchaus ihre Bestätigung.
334
Ludwig Armbrüster,
Tabelle 2.
Generationscyclus
''' Halictus caiceatus Scop. Mrüele^uropa
Flugdauer der Weibchen
Flugdauer der Männchen
Die ersten Eier können aber von den eben erschienenen Weib-
chen noch nicht gelegt werden, auch wenn sie schon ein Nest,
etwa den Mutterbau, besäßen. Die Beschaffung des Blütenstaubes
nimmt in der ersten, blütenärmeren Zeit ziemlich Zeit in Anspruch,
zudem wird offenbar auch hier, jedenfalls bei Halictus quadricinctus,
mit der Anlage und der Versorgung von mehreren Zellen begonnen,
bis die Eiablage und zwar deren erster Schub (Veehoeff, 1897)
beginnt. Die ersten Eier entwickeln sich sehr langsam bei der
rauhen Frühjahrstemperatur, so daß sie selbst gegenüber den erst
1 Monat später gelegten keinen großen Vorsprung in der Entwick-
lung haben (vgl. Aembrustee, 1913 b, tab. 14).
Ende Juli ist die Zeit dieser Frühjahrsweibchen vorüber. Um
die Mitte Juli erscheint die Brut, die von ihnen erzeugt worden ist,
es sind Weibchen und Männchen, und zwar erscheinen hier
Geschlechtsbestiinmuugsweise bei Bienen. 335
ganz bezeichnend für die Fortpllanzungsbiologie die Männchen nicht
deutlich, wenigstens in ihrer Gesamtheit nicht deutlich, vor den
Weibchen, ihren Geschwistern. Im Juli, wohl auch noch im August
schlüpfen neue weibliche Imagines, immer fort sind aber auch wieder
frisch ausgeschlüpfte Männchen zur Stelle, welche offenbar, nach
Analogie z. B. von Osmia cormifa (direkte Beobachtungen liegen,
soweit ich sehe, nicht vor), sofort die frisch ausgeschlüpften ^\'eib-
chen begatten.^) Mitte August, spätestens Ende August mag die
gesamte sexuelle (2.) Herbstgeneration, die Nachkommen der Früh-
jahrsweibchen, ausgeschlüpft sein. Spätestens im August hat diese
Herbstgeneration das Fortpflanzungsgeschäft mit der Begattung be-
gonnen. Ob alle Männchen zur Begattung gelangen, ist nicht
wahrscheinlich (freilich kennt man keine Zahlen für das Geschlechts-
verhältnis), auch ist nicht wahrscheinlich, daß jedes Männchen oder
auch nur die Mehrzahl der Begattung erliegt. Wie man bei anderen
Solitären und z. B. auch bei Polistes ( v. Siebold, 1871) die Männchen
noch geraume Zeit nach der Hauptbegattungszeit sich herumtreiben
sieht, so auch bei Halictus. Wem es etwa auffällt, daß die Männ-
chen bis Mitte Oktober anzutreffen sind, der mag bedenken, daß
auch den Halidus-W eibchen nach Veehoeff (namentlich 1897) ein
„langer Lebensabend" nach Beendigung der eigentlichen Brutver-
sorgung vergönnt ist (s. u.).
Die Weibchen unserer sexuellen Herbstgeneration beginnen
demnach Nestbau (vielleicht kann ein Teil derselben die Geburts-
stätte benützen, eine unscheinbare Frage, jedoch von mannigfachem
Interesse), Futtersammeln und Eiablage bald nach der Begattung,
wie gesagt, spätestens August. Diese Geschäfte mögen dauern bis
tief in den September hinein, so daß man im Oktober sowohl Männ-
chen als auch die jetzt abgeflogenen Herbstweibchen noch fliegend
beobachten kann.
Die Hauptfrage lautet nun: welches sind die Entwick-
lungsdaten der Nachkommen der sexuellen, derHerbst-
generation, wie entwickeln sich die im August/September ge-
legten Eier der befruchteten Weibchen? Wenig solitäre Bienen
legen so ispät Eier, und trotzdem überwintert die Brut von einer
größeren Zahl als Maden bzw. Puppen. Die Brut der Frühjahrs-
bienen überwintert zwar als geschlechtsreife und flugfähige Imago,
1) Dies trifft in der Tat zu , wie ich bei Halictus ietrazonius Klg.
in der Zwischenzeit sehr schön beobachten konnte.
336 Ludwig Abmbruster,
bleibt aber nicht nur im Kokon (soweit ein solcher gesponnen wird),
sondern auch in der wohl verschlossenen Zelle verborgen und durch-
bohrt Kokon und die Zell- und Nestverschlüsse erst, wenn die
Paarungszeit, also das Frühjahr (bzw. Sommer) des nächsten Jahres,
beginnt. Es wäre darum außerordentlich merkwürdig, wenn nor-
malerweise aus den im Herbst (August/September) gelegten Eiern
des Halictus calceatus sich Imagines entwickelten, die noch im selben
Herbst fliegen. Es finden sich denn auch unter dem reichhaltigen
Beobachtungsmaterial von Alfken, Wagnee und ihren Mitarbeitern
keinerlei derartige Angaben, und ich habe denn auch unter meiner
Halictus- Aüsheute wohl Männchen, aber keine unabgeflogenen, eben
ausgeschlüpfte Weibchen mit spätem Fangdatum.
Es scheint mir darum keineswegs zweifelhaft zu sein, daß die
Nachkommenschaft der sexuellen (Herbst-)Generation
normalerweise bei uns nicht mehr im selben Herbst erscheint,
sondern daß sie zwar mehr oder weniger entwickelt überwintert,
aber erst im Frühjahr des nächsten Jahres das Licht der
Welt erblickt.^) Durchaus unstatthaft scheint mir, und zwar auf
Grund der Tabelle, für unsere Breiten von der Mehrzahl der
Halictus-Arten anzunehmen, daß das befruchtete Weibchen über-
wintert, indem es, ähnlich wie es bei unseren Wespen und Hummeln
geschieht, die Männchen überlebt und im Fi'ühjahr erst die Arbeit
beginnt. Für einzelne Arten kann es wohl Ausnahmen geben '-)
(die Einzelheiten s. u.). Kurz, unter den auf der Tabelle von Mitte
Juli bis Anfang Oktober verzeichneten Imagines befinden sich nur
Tiere der im Juli erscheinenden Herbstgeneration. Diese ist von
ihrer Tochtergeneration durch den W^inter getrennt, m. a. W., die
rein weibliche Frühjahrsgeneration geht jeweils aus der sexuellen
Herbstgeneration des Vorjahres hervor, und die rein weibliche Früh-
jahrsgeneration (1. Generation des Jahres) liefert parthenogenetisch
Männchen und Weibchen: die sexuelle Herbstgeneration (2. Gene-
ration des Jahres). Jede andere Erklärung für normale Verhält-
nisse des nördlichen Mitteleuropa scheint mir unmöglich zu sein.
1) Diesen Schhiß haben inzwischen eigene ausgiebige Beobachtungen
aufs schönste bestätigt.
2) Eine in allen Teilen charakteristische Ausnahme macht die süd-
lichere Art Halictus teiraxonhis Klg. Hier überwintern die befruchteten
Weibchen. Auch in anderen Punkten verhält sie sich fast gleich wie die
südlichen Arten Fabbe's. Sie erweist sich also als sehr lehrreicher
IJbergangsfall,
Geschlechtsbestimmungsweise bei Bienen. 337
Es liegt also bei Halictus ein Generationswechsel vor,
ein Wechsel zwischen sexueller und agamer Generation. Daß die
sexuelle Generation nur Weibchen hervorbringt, ist leicht begreif-
lich, denn die betreitenden Eier können (wie bei der Mehrzahl der
Bienen und einem großen Teil der Hymenopteren) befruchtet sein.
Aber überaus merkwürdig ist die unabweisbare Folgerung ans
diesen Verhältnissen, daß die Weibchen der Herbstgenera-
tionganzregel mäßig ausEier n her vorgehen, dieeben-
so wenig befruchtet sind wie die, aus denen die Männchen,
ihre Brüder, hervorgegangen sind. Es kommen nämlich, oifen-
bar ist dies die Regel, die Männchen und Weibchen nicht je aus
verschiedenen Nestern der Frühjahrsweibcheu, so daß man nicht voraus-
setzen kann, es gibt unter den Frühjahrs weibchen Männchengebärer
und Weibchengebärer, eine Annahme, die (namentlich cytologisch
und mendelistisch) leichter zu erklären wäre. Das ist der Ge-
schlechtsbestimmungstypus, der //"aZic^ws-Typus, der
bisher so schlecht in das sich einfügen ließ, was sonst
von Bienen bekannt wurde, um so schlechter, als bis-
her bei den Systematikern Halictus keineswegs eine
isolierte Stellung zugewiesen bekam, sondern mitten
unter den niedrigeren Beinsammlern figurierte.
Doch müssen die obigen Aufstellungen noch insofern gestützt
werden, als mehrere Angaben sich finden, die sich mit ihnen schein-
bar nur schlecht oder gar nicht in Einklang bringen lassen. So-
dann müssen manche erwähnenswerte Einzelheiten der Literatur
nachgetragen werden.
Zunächst zu den Resultaten Fabre's. Sein Bericht weicht von
der obigen Darstellung in folgenden Punkten ab. Die sexuelle
Generation erscheint sehr spät und unter merkwürdigen Verhält-
nissen, nämlich Ende August. Nur die Männchen fliegen noch aus
im gleichen Jahr, die Weibchen fliegen kaum aus, sie würden nach
einer Vermutung Fabre's unter der Erde befruchtet, beginnen aber
keineswegs die Blumentätigkeit, sondern überwintern zuerst. Die
im Frühjahr erscheinenden Weibchen gehören zu den Männchen des
Vorherbstes, sie sind darum, obwohl man neben ihnen im Mai,
zur Zeit der Frühjahrsarbeit, keine Männchen fangen kann, doch
befruchtet. Nach ihrem Verschwinden, durch eine 6wöchentliclie
Pause, in der man keine Imagines beobachtet, deutlich getrennt, er-
scheint eine Generation nur aus Weibchen bestehend und tatsäch-
338 Ludwig Armbrustkr,
lieh unbefruchtet, ihre Flug- und Arbeitszeit ist kurz und umfaßt
hauptsächlich den Monat Juli. Deren Nachkommenschaft ist die
erwähnte sexuelle, von der die Männchen noch im Herbst fliegen
und die Befruchtung vollziehen. Diese beschriebene verspätete Er-
scheinungsart der sexuellen Generation ist zwar höchst eigenartig
für Bienen, für Halictns aber nicht von vornherein unwahi-scheinlich,
ebenso die späte und kurze Flugzeit der agamen Weibchengenera-
tion; wesentliche Widersprüche mit den oben dargestellten nörd-
licheren Verhältnissen liegen nicht vor, nur scheinen die Phasen
des Entwicklungszyklus zeitlich verspätet, wodurch die Tätigkeit
der sexuellen Generation sozusagen durch den einbrechenden Winter
gestört wird (vgl. Tabelle S. 328 unter calceatus).
Vor allem aber wurde auch Fabee 1879 durch seine Beob-
achtungen zu dem Schlüsse genötigt, daß „Halidus cylindricus^' einen
Generationswechsel hat, und Fabee, der zeitweilige Gegner der Par-
thenogenese, schreibt in schönster Übereinstimmung mit obigem : du
concours des deux sexes naissent uniquement des femelles; de la
Parthenogenese proviennent ä la fois des femelles et des mäles.
Wie aus der Statistik zu ersehen ist, erscheinen bei uns und
bei den dort aufgeführten Arten die Weibchen der sexuellen Gene-
ration stets an der Seite ihrer Männchen und stets so früh, daß das
Brutgeschäft im selben Jahr noch möglich ist.
Feiese, 1891, dem wir die erste Biologie der solitären Bienen
verdanken, schreibt über Halictns: „Bei allen Arten erscheinen die
Tiere im Hochsommer resp. Herbst, nach der Begattung (es ist also
von der sexuellen Generation die Rede) sterben die Männchen und
die Weibchen überwintern an geschützten Orten oder in der Erde
(Weißenfels, Merseburg), um im nächsten Frühjahre das Brutgeschäft
zu beginnen. Bei einer großen Anzahl von Arten er-
scheint mit dem Juli (f. Deutschland) eine 2, Genera-
tion ohne Männchen, die dann parthenogenetisch im August
und September wieder Männchen und Weibchen liefert."
Wenn auch in der Hauptsache Übereinstimmung mit obigem
besteht, geht doch aus der Tabelle hervor, daß die agame Genera-
tion in Deutschland früher fliegt, nämlich um 2 Monate, daß der
Juli gerade die i/aZicfws-Flugpause aufweist, daß die sexuelle Gene-
ration zwar im Hochsommer resp. Herbst 'erscheint, daß für die
Brutversorgungsarbeit der befruchteten Weibchen also sozusagen
eher Zeit ist im Herbst als im Frühjahr (mit seiner langsamen Brut-
Geschlechtsbestimmungsweise bei Bienen. 339
entAvickluiig!). Die von Fkiese ausgesprochene Vermutung-, daß die
Halidus- nebst den Sphecodes- und den Andrena - Arten wohl gar
3 Generationen haben, hat sich bis jetzt, soviel ich sehe, nicht be-
stätigt. Fabre's Angaben, die neben der von Fred. Smith (s. u.)
die obige Ansicht Friese's beeinflußt haben mögen, sprechen eher
dagegen. Sollte sie sich je bestätigen, wäre es interessant, wie
die sexuellen und agamen Generationen abwechseln.
Auch anderweitige Angaben der Literatur lassen sich gut in
Einklang mit obiger Darstellung des Generationenwechsels bringen.
Feedeeik Smith, dessen Angaben offenbar auf die 50er Jahre
zurückgehen (zitiert nach dem Abdruck der „2. Ausgabe" von 1891,
p. 78f.), spricht von Halidus morio-W eihchen, die von April bis Ende
Juni erscheinen, neben denen kein einziges Männchen zu finden ist.
Mitte August erscheinen die Männchen, Ende August sind sie im
Überfluß vorhanden, 10 — 12 Tage nachher folgen die Weibchen nach
(die Proterandrie wäre danach hier ziemlich deutlich). „Diese
fleißigen Geschöpfe beginnen also gleich (immediately) ihre Ge-
schäfte", nämlich ihre Nester zu graben, den Futterball zu bilden
und Eier abzulegen. Die Larve frißt 10—12 Tage und wächst
dabei rasch; in this State they lay until they changed to the pupa
State, when they very shortly became matured. Hierdurch wird
meine obige Erklärung vollauf bestätigt, daß das befruchtete Weib-
chen im Herbst noch das Brutgeschäft vollständig zu Ende führt,
also offenbar nicht überwintert. Im offenbaren Gegensatz zu obiger
Tabelle, jedoch auch zu seinen eigenen anderweitigen Angaben
schließt er aus Entwicklungsdaten, die er bei seiner Aufzucht von
Halidus ruhicundus erhalten hat, daß bei „Halidus^' die beiden Ge-
schlechter im Herbst erscheinen, daß die Weibchen befruchtet über-
wintern (being impregnated pass the winter in the perfect State!)
und dann ihre Geschäfte erledigen, wie „die Hummeln und Wespen".
In dieser Form ist der Schluß sicher falsch; auch für Halidus ruhi-
cundus ist er nicht richtig.
Smith's Entwicklungsdaten für diese Species sind in der Tabelle
eingetragen. Aus der Tabelle ist zunächst zu sehen, daß Halidus
ruhicundus und H. morio sich nicht verschieden verhalten, H. morio
offenbar auch nicht anders als bei uns. Smith hat demnach die
sexuelle Generation mit deren Tochtergeneration verwechselt, denn
die Tierchen der sexuellen Generation werden nicht erst am
25. August zur Pappe, sondern fliegen schon Mitte Juli fröhlich in
Zool. Jahrb. XL. Abt. f. Syst. 22
340 Ludwig Aembruster,
beiden Geschlechtern und pflanzen sich demnach schon Mitte Juli
fort, wie es auch nach Smith die sexuelle Generation von H. morio
Ende August macht. Das am 15. Juli gefundene Ei ist ein Produkt
der sexuellen Generation, nicht ein solches der agaraen Generation,
die agamen Eier der Weibchen werden schon im April, spätestens
Mai gelegt. Während bei Fabre die Angaben über das Überwintern
von befruchteten Weibchen offenbar berechtigt sind, ^) liegt bei
Smith ein offenbarer Fehlschluß vor, der vielleicht gerade bei H.
rubicundus einigermaßen begreiflich ist. Die agame wie die sexuelle
Generation erscheint ausgesprochen früh, die überwinternde Brut
(aus der die agame Frühlingsgeneration hervorgeht) wird sich in
den warmen Spätsommertagen rasch entwickeln und bald die letzte,
die Imagohäutung, erleben (wie Smith's Angaben es auch bestätigen).
Da die Halidus-hMX^w keinen Kokon spinnen, die fertige Imago
sich nicht im Kokon eingesperrt sieht, kann es ausnahmsweise wohl
vorkommen, daß sie, etwa bei defektem Nest (normalerweise bleibt
sie eingesperrt unter dem Zelldeckel) vorzeitig ins Freie gelangt.
Gerade von H. rubicundus berichtet denn auch Alfken, er habe
schon „im ersten Frühjahre, im April, mehrfach abgeflogene Weib-
chen" gefangen. Diese H. rw6icMWf^M5- Weibchen haben also zweifellos
als Imagines überwintert. In ähnlich fortgeschrittenem Entwicklungs-
zustand überwintern offenbar viele unserer Halictus - Arten, wobei
freilich ein Unterschied zu machen ist zwischen Imagines, die etwa
im Herbst schon geflogen sind und dann wieder zum Zweck der
Winterruhe sich verkrochen haben [so die Hummeln und Wespen-
weibchen unserer Breiten, vielleicht als seltene Ausnahme. Die
Halidus - Arten Fabre's, die H. rubicundus -lma,gines Alfken's?
Friese's?] und solche, die flugfertig, aber stets noch in der Ge-
burtszelle eingeschlossen bei etwaiger Ausgrabung der Nester zu
finden sind.
Nicht nur deswegen, um alte Widersprüche zu lösen, wurde auf
die Frage, wie überwintert Halictus, eingegangen, sondern
deswegen, weil wir etwa bei allgemeiner Gültigkeit der SMiTn'schen
Ansicht: „auch im Frühjahr haben wir stets mit befruchteten Weib-
chen zu rechnen", weniger sicher sagen könnten, die Brut der Früh-
jahrsweibchen, speziell die weibliche, entsteht parthenogenetisch.
Die Generationen folgen so schon einander hart genug auf dem Fuße
nach, so daß jetzt schon übergenug Verwechslungen voi'gekommen
1) Vgl. Armbrustee, 1914.
Geschleebtsbestimmuugsweise bei Bieuen. 34-1
sind. Noch ein anderer Grund war maßgebend. Die wiederholt
so bestimmt ausgesprochene Ansicht, die befruchteten Halktus-
]\Iütter des Herbstes überwintern wie unsere Hummel- und Wespen-
mütter, haben oftenbar aucli tüclitige Biologen, wie etwa Vp^ehoeff,
1892, und v. Büttel-Reepen, 1903, 1915 Anlaß gegeben, einer Be-
obachtung über überwinternde Haliäus-W^ihoh^w eine interessante
und in der Literatur schon mehrfach wiederholte, aber schwerlich
richtige Deutung zu geben, die mit unsei-en Betrachtungen in in-
direktem Zusammenhang steht, Veehoeff, 1892, p. 713, berichtet:
,,Am 13. April 1891 entdeckte ich an einer Hügellehne, unweit der
Mündung des Ahrtales, unter einem großen, flachen Steine ein Weib-
chen des Halictus morio, was mich veranlaßte, die Tiefe genauer zu
untersuchen. Das merkwürdige Resultat wird durch fig. 9 er-
hellt. (Ein Nest wird dargestellt mit einem gekrümmt in die Tiefe
laufenden Hauptstollen, von dem 4 Seitenstollen ausgehen. Direkt
unter dem Stein fanden sich zahlreiche Weibchen (nur Weibchen!)
in den Hohlräumen verteilt, besonders dicht in einem der unteren
Seitenstollen, L. A.). Die Tierchen waren bereits teilweise durch
die Milde des Frühlings emporgelockt, wahrscheinlich auch schon
teilweise ausgeflogen, da der Gang (Hauptstollen) offen war, und ich
andere Halidus- Arten, wie minutus, bereits in Tätigkeit fand. Jeden-
falls haben wir es hier mit einem rein zum Zwecke der Überwinte-
rung angelegten Neste zu tun, in dem eine gesellige Überwinterung
zahlreicher Weibchen stattfindet. Daß es sich hier auch nicht um
ein zufälliges Zusammentreffen handelt, geht einmal aus der ver-
steckten Lage des Aufenthaltsortes hervor, sodann aus dem klumpen-
weisen Zusammensitzen (nur teilweise richtig! L. A.) in einem be-
sonders gegrabenen Gange. Die Tiere halten sich also mit Absicht
beieinander, graben vielleicht auch gemeinschaftlich diesen Gang."
Soweit Verhoeff; v. Büttel-Reepen fügt bei: „Das Zusammen-
treffen der Tiere im Herbst an der Überwinterungsstelle dürfte aber
zweifellos rein zufällig gewesen sein. Wir haben uns zu denken,
daß ein Weibchen zuerst die Überwinterungsstelle erkor und den
Bau der Winterwohnung begann. Nach und nach sammelten sich
dort, von den gleichen Instinkten geleitet, andere Weibchen und ist
dann eine gemeinsame Fertigstellung als sehr wahrscheinlich anzu-
nehmen."
Es dürfte sich meines Erachtens nicht um eine (von einem oder
mehreren Weibchen) zum Zweck der Überwinterung gebaute Winter-
wohnung der H. morio handeln. Weibchen, die in der ersten Hälfte
22*
342 Ludwig Armbrustee,
des April erscheinen, haben dies nicht nötig, sie haben von ihrer
Mutter schon das Nest, ihre Geburtsstätte, gegraben bekommen und
in ihm überwintert und zwar in den einzelnen Zellen, normalerweise
offenbar bei intaktem Zelldeckel. Eine Überwinterung von solitären
Bienenweibchen, die ähnlich wie Hummel- und Wespenmütter mehr
oder weniger im Herbst schon geflogen sind, ist in unseren Breiten
zum mindesten sehr selten. Zumal sind solche komplizierte Bauten,
eigens zum Zwecke der Überwinterung gegraben, in unseren Breiten
unbekannt. Die Erklärung des Befundes dürfte einfacher sein. Ent-
weder, was mir weniger wahrscheinlich ^) erscheint, es sind be-
fruchtete Weibchen, die im Mutternest überwintern, nicht in
„einem rein zur Überwinterung angelegten Nest" oder der Bau
hat das Gelege eines H. mono- Weibchens der sexuellen Generation
des Vorherbstes geborgen. Den Winter über in den Zellen bis zum
Imagostadium entwickelt, aber noch stets eingeschlossen, haben die
in Frage stehenden Weibchen etwa Anfang Api'il ihre Zelldeckel
durchbohrt — und dadurch die Nestanlage immerhin beträchtlich
verändert — und sind wohl auch schon geflogen (wie Verhoeff
ebenfalls annimmt), haben sich aber, etwa wegen Ungunst der Witte-
rung oder Mangel an Nahrung usw., wieder ins Nest zurückgezogen,
als ihre gemeinschaftliche Ursprungsstätte.
Das Interessante an dem Befund wäre in jedem Falle das durch
das gemeinsame Mutternest bedingte anfängliche Zusammenhalten
der Jungtiere, was gerade bei Halictus begreiflich ist, woraus man
aber nicht zu weitgehende Folgerungen abzuleiten braucht. Ob
man es bei den Bein- bzw. Schenkelsammler-Bauten mit verlassenen
Nestern oder neuerrichteten zu tun hat, ist gar nicht so leicht zu
unterscheiden, da die untrüglichsten Anzeichen für verlassene Nester,
die Kokonreste, vollständig fehlen, da von unseren Beinsammlern,
soweit bekannt, nur Eucera einen Kokon fertigt. Der von Veehoeff
abgebildete Überwinterungsplatz ist übrigens dem von ihm selbst
(1897, flg. V) wiedergegebenen Nest von H. sexcintus gar nicht un-
ähnlich. Sehr bemerkenswert, aber nach obigem ganz selbstverständ-
lich ist, daß unter den 16 Individuen (agame Generation !) kein ein-
ziges Männchen war!
Wie weit ist innerhalb des Genus Halictus der be-
schriebene Generationswechsel verbreitet? Es wäre an sich
1) Wegen der Entwicklungsdaten des Halictus morio bei uns, vgl.
Tabelle 332.
Gesclilecbtsbestimmuugsweise bei Bienen. 343
keineswegs unmöglich, daß die Fortpflanzungsverhältnisse, wenig-
stens soweit es sich auch um die Zahl der jährlichen Generation
handelt, sich von Region zu Region ändern könnten. Für unsere
Mittel-Europa-Arten ist kein sicherer Ausnahmefall bekannt. Ob-
wohl bei den Hai i et us- Arten Fabre's die Daten verschoben erscheinen,
ist das Wesentliche des Generationswechsels vollständig unver-
ändert.^)
Nach obiger Statistik braucht man für die Arten des nördlichen
Mittel-Europa keine einzige Ausnahme anzunehmen. Wohl blieb bei
einigen Arten, die für das Gebiet der registrierenden Beobachter
selten sind, bald eine vollständige Generation, bald das eine Ge-
schlecht einer solchen unbekannt. In keinem Fall aber erscheinen
die Männchen in der ersten Hälfte des Jahres, im Frühjahr. Als
frühester Termin wird für die Männchen von H. rußarsis der 30. Mai
angegeben. Die ersten Weibchen sind aber auch hier noch fast
volle 2 Monate früher auf dem Plan.-j
Das G e s c h 1 e c h t s V e r h ä 1 1 n i s bei Halidus ist sicher allen
anderen solitären gegenüber ein bemerkenswertes. Die Weibchen
überwiegen stark. Eine Generation enthält ja nur Weibchen, und
diese Generation ist die numerisch stärkere. Soviel ich sehe, hat
Alfken zuerst darauf hingewiesen, daß die sexuelle Genera-
tion deutlich schwächer ist als die agame. Bei der großen
theoretischen, sexologischen wie phylogenetischen Tragweite dieses
Umstandes wären genauere Verhältniszahlen freilich erwünscht.
Von H. fidvicornis K. bemerkt er: „die erste Generation ist viel
häufiger als die zweite", von H. mimitus K.: „Die Weibchen der
zweiten Generation und die Männchen treten sehr spärlich auf".
Wenn Fabre zwar bei der agamen Generation mit größeren Zahlen
operiert, so liegt das zunächst daran, daß er diese gründlicher
untersuchen mußte. Immerhin gibt Veehoeff unter den Gelegen
der sexuellen Generation neben kleineren auch solche wieder, die
mit zu den größten gehören, die von solitären Bienen bekannt ge-
worden sind (vgl. Tabellen bei Aembrüstee, 1913a, bes. Tab. 8 u. 10),
aber auch er bemerkt dazu: „die Weibchen sind von sehr ver-
schiedener Fruchtbarkeit". Betrachtet man die sexuelle Generation
1) Ebenso bei Halidus tetraxonhis Klg. , wie ich anderwärts zeige.
2) Die von mir inzwischen beobachtete Ausnahme H. ietraxonhis hat
auch einen ausnahmsweise späten Termin für die Erscheinungszeit der
Männchen, nämUch Mitte September,
344 Ludwig Armbruster,
für sich allein, so geht aus den spärlich bekannt gewordenen Einzel-
heiten, z.B. aus den VEEHOEFF'schen, nicht hervor, daß das Ge-
schlechtsverhältnis (Geschlechtsziffer) von dem bei den soli-
tären im großen und ganzen üblichen, nämlich 1 : 1 (100 ^ auf
100 $), wesentlich abwiche.
Die genaue Kenntnis der Geschlechts Verteilung, d. h.
der gegenseitigen Lage der Geschlechstiere im Nest und zeitlichen
Aufeinanderfolge im Gelege, gibt wichtige Richtlinien bei der Frage
nach den geschlechtsbestimmenden Ursachen bei den meisten Hymeno-
pteren. Bei den solitären Bienen ist der Instinkt ausgebildet,
1. die Eier, aus denen Weibchen hervorgehen (die befruchteten,
„weiblichen"), werden in die Zellen hinten im Nest abgelegt, 2) die
„weiblichen" Zellen werden besser mit Nahrung versehen (oder,
genauer gesagt, in die größeren Zellen mit reichlicherer Nahrung
werden die befruchteten Eiei' gelegt), 3. zuerst werden die weib-
lichen Eier abgelegt und dann erst die männlichen Eier, 4. unter
vielfach natürlichen oder künstlich herbeigeführten Umständen er-
weist sich (für verschiedene Gruppen unter den Hymenopteren aller-
dings verschieden deutlich) Regel 2 stärker als Regel 3 und Regel 1
(vgl. Fabee, 1879 und Aembrustee, 1913). Regel 2 und einiger-
maßen auch 3 lassen sich, den veränderten Umständen entsprechend
modifiziert, auch noch bei socialen Hymenopteren wieder erkennen,
wohl am wenigsten bei den Hummeln (Armbeuster, 1914, von der
solitären Biene Allodape ist hier abzusehen, weil dort Zellbau und
Eiablage am aberrantesten sind).
Während diese Regeln im großen und ganzen, also bei allen
xA.piden, selbst bei den parasitischen, aber auch bei den Fossorien
und den Ichneumoniden Geltung haben, gelten sie keineswegs für
die Apidengruppe, deren Geschlechtsbestimmungsweise ich als ganz
besonders eigenartig nachweisen möchte, zunächst nicht für HaUctus.
Man kann schon zum voraus etwa folgendermaßen schließen.
Wenn sich die hier in den 4 Regeln ausgedrückte Geschlechts-
verteilungsweise am einfachsten erklären läßt bei der Annahme der
Gültigkeit von Dzieezon's Theorie, also im engsten Zusammen-
hang mit dieser steht, dann werden wir mit Fug und Recht in
einem Fall, wo die DziEEzoN'sche Theorie nicht gilt, auch eine
andere Geschlechtsverteilung erwarten dürfen. Dem ist in der Tat
so. Bei HaUctus, wenigstens bei seinen höheren Arten, ist die eine
Frage einfach: hat man das ganze Gelege vor sich? HaUctus
Geschlechtsbestimmuugsweise bei Bienen. 345
gibt iiänilicli deutlicli kund, wenn er in seinem Erdnest sein Gelege
vollendet hat: er gräbt eine Höhlung um die Gruppe seiner ge-
grabenen Zellen und hält sich in ihr oder im „Notgang" (einer Ver-
längerung des Nesthauptschachtes) gleichsam zum Schutz der Brut
auf.^) Weniger leicht ist beim fertigen Nest die Frage zu ent-
scheiden: welches sind die ältesten Zellen, und welches Ge-
schlecht wird also zuerst gelegt? Er gräbt nämlich zuerst
einen i-eichlich tiefen Schacht in die Erde hinab, dann an irgend-
einer Stelle, keineswegs etwa unten am Ende desselben, werden
seitwärts (strahlenförmig nach allen Seiten oder unter Bevorzugung
einer Richtung) die einzelnen, schön geglätteten Brutzellen vollendet,
und zwar werden, in vielen Fällen sehr deutlich, mehrere Zellen auf
einmal begonnen. Später werden in der Nähe des ersten Komplexes
nach Bedarf weitere Zellen gegraben. Wie die Zellen gruppenweise
fertiggestellt werden, so werden die Eier „schubweise" (Verhoeff)
gelegt. Also weder die gegenseitige Lage (etwa wie bei den hinter-
einander gereihten Zellen der „Linienbauten"), noch das schön ab-
gestufte Alter der Brut geben uns etwa genauere Auskunft darüber,
in welcher Reihenfolge die Zellen mit Eiern belegt worden sind.
Man kann demnach, falls man dasselbe Nest später untersucht, wenn
die Geschlechter zu erkennen sind (deutlich vom Nymphenstadium
ab), nicht nachträglich die Geschlechtsverteilung genauer ermitteln.
Die Reihenfolge, in welcher z. B. die Verpuppung, Ausfärbung oder
letzte Häutung sich vollzieht, gibt zwar Anhaltspunkte für unsere
Frage, man muß aber bedenken, daß die Weibchen mit ihrem volu-
minöseren Geschlechtsapparat, sodann auch sonst die größeren Tiere
sich langsamer entwickeln (Proterandrie bei den Lisecten). Auch
die Form der Zellen, die Art nämlich, wie sich die jüngeren Zellen
an schon vorhandene anlehnen (etwa wie Chalicodoma, vgl. Arm-
BRusTER, 1913b, fig. 1, tab. 11), sagt nichts aus über das Alter der
Zellen, da dieselben nicht aus Baumaterial aufgebaut, sondern im
Baugrund ausgegraben werden, so daß alle normal ausgebildet sind.
Noch weniger belehrt uns die Größe, so daß man etwa in den
größeren Zellen die älteren erblicken könnte, wie, nach den obigen
Regeln, bei vielen Apiden. Denn ein deutlicher Unterschied in der
Größe der Zellen läßt sich nicht feststellen.
Verhoeff bemerkt zwar zu seinen für unsere Frage so wert-
1) Eine eingehenderß Beschreibung und Würdigung des Halictus-
Nestes, namentlich der Halidiis-^Wsihe^^ gebe ich an anderer Stelle (vgl.
hierzu Taf. 15).
346 Ludwig Aembruster,
vollen, freilich unter anderen Gesichtspunkten veröffentlichten
Halictus-1:^ estern: „Aus den geschilderten Waben ist ferner leicht
ersichtlich, daß die männlichen Zellen im ganzen mehr am oberen
und die weiblichen mehr am unteren Teil derselben liegen." Nur
bei einer Figur (fig. 11) ist das der Fall, bei den anderen (fig. 9, 10)
dagegen nicht. Auch die Folgerung scheint mir nicht zutreffend zu
sein: „die ersteren werden also durchschnittlich früher angelegt
und damit hängt dann die tatsächliche Proterandrie zusammen."
Denn die Proterandrie bei den flugfähigen Tieren wird, wie bei den
übrigen Apiden, ja auf dem oben erwähnten Wege der rascheren
Entwicklung der Männchen erreicht. Doch fügt der Autor noch
einschränkend bei: „trotzdem ist dieselbe (die Proterandrie) nicht
so scharf ausgeprägt, daß etwa das erste $ erst nach dem letzten
^ erscheint. Vielmehr entwickeln sich die Geschlechter teilweise
durcheinander. Von einer geschlechtlichen Trennung der beiden
Schübe in den Waben vom 16. Juni kann also ebenfalls nicht immer
die Eede sein" (in diesen Fällen war in der Eiablage eine deutliche
Pause eingetreten, L. A.). Mit anderen Worten, es gilt weder die
Eegel 3 noch etwa ihre Umkehrung (zuerst die Männchen, dann die
Weibchen). Während bei den übrigen genannten Hymenopteren die
natürlich und künstlich herbeigeführte Geschlechtsverteilung uns
zum Schlüsse nötigten: auf bestimmte, äußere Umstände, die zu
regulieren zum guten Teil sogar in unserer Hand liegt, reagiert die
Eierlegerin damit, daß sie in diesem Fall „weibliche" Eier legt, im
anderen „männliche" (z, B. relativ große Zellen bzw. große Wirts-
tiere: „weibliche" Eier, oder relativ kleine Zellen bzw. relativ kleine
Wirtstiere: „männliche" Eier), trifft von all dem bei Haliäus nichts
zu. Die Zellen sind alle gleichgroß, jedes Regulativ fällt fort,
die Eiablage ist ganz regellos: nicht zu verwundern, denn das
Regulativ ist unnötig. Dort hat es die Eierlegerin, wie uns
die DziERzoN'sche Theorie und die Anatomie des Receptaculum
seminis lehrt, in der Hand, auf ein bestimmtes Regulativ, z. B. die
Zellgröße, bestimmt zu reagieren, hier, wo die DziEEzoN'sche Theorie
sicher nicht gilt — die Geschlechtstiere wenigstens gehen ja aus
der agamen Generation hervor — , können wir uns schwerlich vor-
stellen, wie die Eierlegerin sollte bestimmt reagieren können, das
Regulativ fällt dementsprechend als unnötig weg: wie mir scheint,
eine nachträgliche indirekte Probe für die Richtigkeit der
D z IE ezon' sehen Theorie bei der erwähnten ersten Gruppe
der H3^menopteren.
Geschlechtsbestimmungsweise bei Bieueu. 347
Da Zellgröße und Futt er menge miteinander zu- und abzu-
nehmen pflegen, werden wir bei Halidus mit seinen gleichförmig-
großen Zellen nicht gut gefütterte, große Weibchen und knapp ge-
fütterte, den Weibchen an Größe wesentlich nachstehende Männchen
erwarten dürfen. In der Tat, die von den übrigen Hymenopteren
wohlbekannten Größenunterschiede bestehen hier kaum (vgl. Akm-
BRUSTER, 1913, tab. 11, fig. i, n), nur ist auch hier das Männchen
deutlich schlanker , dafür aber in vielen Fällen länger als das
Weibchen.
Die agame Generation geht oiFenbar aus befruchteten Eiern
hervor, denn wozu sonst die Männchen und die Begattung? Daß
von den nach einer Begattung gelegten, offenbar befruchteten Eiern
ein anderes sexuelles Ergebnis erzielt wird als von den sicher nicht
befruchteten Eiern, ist bemerkenswert. Das spricht — ganz im
Einklang mit den Grundvoraussetzungen der DziERzoN'schen Theorie —
für die große Kolle, die bei der Geschlechtsbestimmung die Befruch-
tung spielt. Das beweist auch, daß z. B. 0. Dickel, 1914 der Be-
gattung eine falsche Rolle zugewiesen hat. Er sagt hinsichtlich
der Hymenopteren, alle unbefruchteten geben ohne jede Ausnahme
Männchen, aber nicht alle befruchteten Eier geben Weibchen. Der
Fall Halidus stößt beide Sätze zugleich um. Wie mir scheint, be-
sagt er, unter Hymenopteren ist folgendes möglich : alle befruchteten
Eier geben Weibchen, aber nicht alle unbefruchteten Eier geben
ohne Ausnahme Männchen, oder auch: alle Männchen entstehen aus
unbefruchteten Eiern, alle befruchteten Eier ergeben Weibchen.
Alles in allem: die Geschlechtsbestimmungsweise bei der
/faZic^Ms-Gruppe ist in der Tat unter den höheren Hymenopteren
in vielfacher Hinsicht eine recht eigenartige. Sie ist nicht nur
eigenartig unter den honigeintragenden Stechimmen, den Antho-
pliila oder Blumenwespen ; sie ist auch einzig dastehend. Davon in
den zwei folgenden Kapiteln.
2. Kap. Die Geschlechtsl)estimmungsweise bei der rätselhaften
Biene Sphecodes,
Die Geschlechtsbestimmungsweise bei Sphecodes ist oflenbar die-
selbe wie bei Halidus. Es ist schon vor geraumer Zeit darauf
aufmerksam gemacht worden, daß bei Sphecodes ebenso wie bei
348 Ludwig Armbeusteh,
HaUctus jährlich mehrere Generationen vorkommen, und ferner, daß
wie bei HaUctus zeitweise, nämlich im Frühjahr, nur Weibchen be-
obachtet werden, daß also die Entwicklungsweise bei beiden die-
selbe ist. So z. B. Smith (1855, zitiert nach dem Abdrucke der
„2. Ausgabe" 1891).
Friese schreibt denn auch hierzu in seiner verdienstvollen
Apidenbiologie 1891: „Die Thiere erscheinen (allerdings nur Weib-
chen) im ersten Frühjahr oder besser gesagt erscheinen im Herbste,
um nach stattgefundener Begattung und dem Absterben der Männ-
chen nur im weiblichen Geschlecht zu überwintern und bei der
ersten Gelegenheit im Frühling sich zum Brutgeschäft zu rüsten.
Die Männchen erscheinen am frühesten im Juli. Man findet die
Thiere so ziemlich das ganze Jahr hindurch, am seltensten Ende
Mai und Juni, am häufigsten im August und eigentlich überall
gleichmäßig vertheilt."
Das hierhergehorige Material aus den neuei'en faunistischen
Angaben von Alfken, Wagner und deren Mitarbeitern, sei wiederum
statistisch verarbeitet wiedergegeben (s. unten Tabelle 3).
Der Parallelismus zwischen Sphecodes-T aibeWe und der Halictus-
Tabelle springt in die Augen.
In der Tat erscheinen auch hier die Männchen erst in der
2. Hälfte des Juli (ausgenommen SpJiecoäes refictdatus 14. Juni,
Sphecodes ruUcundus 24. Mai, Sphecodes affmis und dimidiatus 30. Juni).
Auch hier ist in der 1. Hälfte des Juli eine deutliche Sphecodes-¥\\\g-
pause zu bemerken; die Tiere, die vor dieser Pause fliegen, sind alle
weiblich. Es kommt also auch hier eine eingeschlechtliche, agame
Frühjahrsgeneration und eine zweigeschlechtliche, eine sexuelle
Herbst- (bzw. Spätsoinmer-)Generation, vor. Bei vereinzelten Arten
gibt die Statistik ein weniger klares Bild, es handelt sich aber
dabei um ausgesprochen seltene und infolgedessen schwer zu beob-
achtende Arten.
Eine Ausnahme ist aber wohl für unsere deutschen SpJwcodes-
Arten bis jetzt zu konstatieren: Sphecodes ruhicimdus ist im Herbst
nicht gefunden worden, hingegen fanden sich Weibchen und Männ-
chen im Frühsommer.
Nach Alfken gibt es im nördlichen Mitteleuropa 2 Arten,
Sphecodes spinuJosus Hag. und Sphecodes ruhicnndus Hag., die auf-
fallenderweise nur eine Generation haben. Bei diesen erscheinen
beide Geschlechter gleichzeitig schon im Frühling, die erstere wurde
in Deutschland noch nicht aufgefunden.
Geschlechtsbestimmimgsweise bei Bienen.
349
1 Alfken, 1913
JA. C.W. Wagnek, 1914
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352 Ludwig Armbruster,
Aus der Tabelle geht aber in ähnlicher Weise wie oben für
Halictus hervor, daß die Weibchen der sexuellen Generation offen-
bar noch im selben Jahr, in dem sie (schon von Mitte Juli an)
fliegen, auch ihre Brutgeschäfte verrichten. Was überwintert, ist
auch hier offenbar die Brut, die Nachkommenschaft der sexuellen
Generation, d. h. die agamen Weibchen, die sich wahrscheinlich im
Geburtsherbste noch in den verschlossenen Zellen bis zur letzten
Häutung (Imagostadium) entwickeln, aber erst im Frühjahr als
die Frühlings Weibchen das Tageslicht erblicken. In diesem Sinne kann
man von „überwinternden Frühlingsweibchen" (Alfken, 1913) reden.
Hingegen werden wie Smith's so auch Friese's Angaben und Ver-
mutungen schwerlich für unsere Breiten allgemein bestätigt^), die
Vermutungen, daß, wie bei Halictus „wahrscheinlich auch bei Sphecodes^^
folgendes stattfindet: „Sobald die von den überwinternden Weib-
chen hinterlassene Brut zur Entwicklung gelangt, zeigen sich nur
Weibchen; es wechselt das Erscheinen dieser Brut nach den ein-
zelnen Orten von Juni bis Juli. Diese isoliert (also ohne Männchen)
lebenden Weibchen erzeugen dann eine sich vielleicht partheno-
genetisch entwickelnde Brut, die im August resp. September wieder
Männchen und Weibchen ergibt. Es ist hier in bezug auf die ein-
zelnen Arten noch vieles klar zu stellen, da erstlich deren Zahl
eine große ist und zweitens die im Frühjahr erscheinenden Arten
und die sommerlichen Formen auch variieren, also bisher als ver-
schiedene Arten beschrieben zu sein scheinen."
Wenn auch weitere Beobachtungen zur Sache nur erwünscht
sein können, so dürfte eine befriedigende Klarstellung inzwischen
erfolgt sein, namentlich in systematischer Hinsicht über die gegen-
seitige Zugehörigkeit der Frühjahrs- und Sommergenerationen, aber
auch, in biologischer Hinsicht über die Frage 1. wer überwintert,
2. fliegt die 2. Generation in der zweiten Jahreshälfte so lange Zeit,
daß die Weibchen ohne überwintern zu müssen, ihre Brutgeschäfte
abwickeln können? Demnach dürfte auch hier männchen- und
weibchenerzeugende Parthenogenese nicht „vielleicht",
sondern offenbar vorkommen.
Die Frage der Geschlechtsziffer, der Geschlechtsver-
teilung und deren Gründe kann hier noch nicht angeschnitten
werden, da die Brutversorgungsweise von Halictus erst unten be-
handelt wird.
1) Vereinzelte Ausnahmen wird es wie bei Halictus geben, z. B.
Sphecodes rubicnndus.
Gescblechtsbestiminnugsweise bei Bienen. 353
In der Hauptsache ist aber die G e s c h 1 e c h t s b e s t i m m u n g s -
weise YonSphecodes in bezeiclinender Weise ebenso seltsam
wie bei Halicfns.
3. Kap. Die Geschleclitsbestimmiingsweise bei anderen Bienen
mit mehreren Generationen pro Jahr.
Es fragt sich nun, ob außer Sphecodes noch weitere Genera
unter den höheren Hymenopteren, soweit sie bekannt sind, der
Bahrt ns-Gn\]^Y)e in dieser eigenartigen Geschlechtsbestimmungsweise
gleichen. Diese Antwort ist schon deswegen mit einiger Vorsicht
zu geben, weil wir von manchen Genera kaum mehr als den Namen
und die Beschreibung vereinzelter Typen kennen. Da aber gerade
bei den neueren Apidologen die Systematik sich an der Biologie
orientiert, können unbedenklich manche fernerstehende Genera außer
acht gelassen werden, man kennt dann doch meistens die Biologie
eines Vertreters der Gruppe, zu der die betreffenden gehören. Auf
der anderen Seite sind gerade für unsere Frage eine langjährige, an-
dauernde Beobachtung und sorgfältige Statistik oder stete Unter-
suchungen direkt an den Nestern der Brut nötig, so daß die folgen-
den Ausführungen nicht Anspruch auf die relative Vollständigkeit
machen können, die schließlich wünschenswert wäre.
Zunächst können wir alle Genera ausscheiden, die jährlich nur
eine Generation hervorbringen. An sich könnte sich ein Generations-
wechsel auf mehrere Jahre erstrecken, dann müßte es aber Jahre
geben, in denen von den betreffenden Species nichts anderes fliegt als
Weibchen. Hierüber ist nichts bekannt geworden. Die Vorkomm-
nisse wären auch der vielen Fehlerquellen wegen in seltenen Fällen
lehrreich. Es kommt z. B. vor, daß die Zahl der Generationen
lokal variiert, und noch häufiger, daß die Entwicklung ohne er-
kennbaren Grund ruht, daß die Stadien überliegen (bei Antliophora
bis zu 3 Jahren).
Die Zahl der Genera, die jährlich sicher mehr als eine Gene-
ration aufweisen, ist gering. Es sind nur Andrena und Nomada
(Feiese, 1891). Psithynis hat off"enbar ebensowenig wie Bomhus
(über eine mögliche Ausnahme vgl. Aembruster, 1914) mehrere
Generationen, und wenn sie dort vorkämen, wäre bei direktem Ver-
gleich große Vorsicht nötig!
Bei all diesen findet offenbar kein Generationswechsel
statt. Die^wfZrewa-Männchen sind unsere ersten Bienen im Frühjahr,
während, wie wir sahen, bei Halidus und Sphecodes die Männchen im
354 Ludwig Akmbruster,
Frühjahr ganz fehlen. Mit den Andrena-M'Awnchen lauern bei den
Andrena-'K esiern auch die Männchen früher Nomada-Avten, ganz
anders als bei Halictus und Sphecodes.
Mit Hilfe eine Flugstatistik ließe sich im einzelnen leicht be-
legen, daß bei allen (nicht gar zu seltenen) Andrena- und Nomada-
Arten, sowohl bei der ersten als auch bei der 2. Generation, neben
den Weibchen auch Männchen fliegen.
Von den 47 deutschen Andrenen gibt Alfken (1913) 12 Arten
mit jährlich 2 Generationen an:
Andrena carhonaria L. Andrena nana K.
— tihialis K. — sericea Che.
— rosae Pz. — argentata F.
— thoracia F. — propiyiqtia SCHCK.
— gwynana K. — flavipes Pz.
— parvida K, — afzelieUa K.
Für all diese Arten ausgenommen tihialis, rosae und nana be-
stätigt A. C. \y. Wagner, 1914 das Vorkommen einer 2. Gene-
ration.
unter den oben genannten könnten es nach Alfken möglicher-
weise die Arten carhonaria L., parvula K., sericea Chr. auf 3 Gene-
rationen im Jahr bringen. Der Autor gibt die Vermutung aber
nur mit aller Eeserve wieder. Die von ihm angegebenen Flugzeiten
zwingen nicht zur Annahme von 3 Generationen. Bei der Revision
der Species parvida dürfte diese 3. Generation sicher fallen bzw.
anders erklärt werden. Daß es daneben bei Andrena sicher Arten
mit nur einer Generation gibt, stets vertreten in beiden Geschlech-
tern, kann ich bestätigen z. B. für Andrena vaga Panz. {ovina Klg.)
auf Grund mehrjähriger Beobachtungen am Nest.
Sofern mehr als 2 Generationen pro Jahr vorhanden sind, stehen
die Geschlechtsverhältnisse von Andrena mit denen von Halictus
und Sphecodes in einiger Beziehung. Sie leiten aber dadurch, daß
nur sexuelle Generationen vorkommen, zu den bekannten, bei den
anderen Apiden üblichen hinüber und dies um so mehr, als inner-
halb des Genus die einen Arten zwei Generationen, die anderen
(höheren??) nur noch eine besitzen, wie weitaus die meisten Apiden
bis hinauf zu den Hummeln. Wollte man sich die naheliegende
Frage vorlegen, ob eine Generation unterdrückt ist und welche, so
ist hier begreiflicherweise nur eine vorsichtige Antwort am Platz.
Die meisten Andrenen mit einer Generation sind ausgesprochene
Frühjahrbienen (Hauptflugzeit April/Mai), man könnte darum auf
Geschlechtsbestimmuugsvveise bei Bienen. 355
den Gedanken kommen, die Herbstgeneration sei unterdrückt, es
fehlt aber nicht an spät fliegenden Formen, z. ß. Andrena hattorfmia
F., marginata F., shavella K., tarsata Nyl., fuscipes K., nigriceps K.,
hremensis Alfk., denticulata K, (Hauptflugzeit August).
Das andere hier in Frage kommende Bienengenus Nomada
(Schmiedeknecht, 1882; Friese, 1891) gehört zu den Schmarotzer-
bienen, bei denen man in der Deutung biologischer und stammes-
geschichtlicher Dinge besonders vorsichtig und behutsam sein muß.
Von 7 (unter 31) Arten finden sich bei Alfken mehr als eine
Generation verzeichnet, nämlich von:
Nomada goodeniana K. Noniada alboguttata H.-ScH.
— lineola Pänz. ■ — flavogiiUata K.
— fucata Panz. — fahriciana L.
— rhenana F. Moe.
Bei den zwei letzten kämen nach Alfken möglicherweise
3 Generationen in Betracht; Wagnee verzeichnet jedoch auch nur
2 Generationen. Die letzte Art soll nach Alfken in der zweiten
Generation „viel seltener" auftreten. Zu allen Zeiten des Jahres,
wo Blumen blühen, fliegen Nomada-kvi^n, die meisten sind aber
ausgesprochene Frühjahrsbienen; höchstens mitten im Jahr, etwa
Ende Juni, Anfang Juli, kann man wohl von einer gewissen Nomada-
Flugpause reden. Die frühen Arten bzw. die ersten Generationen
sind im allgemeinen schon verschwunden, während die meisten
späten Arten, bzw. zweiten Generationen, noch nicht erschienen
sind. (Smith, 1856; Schmiedeknecht, 1882; Feiese, 1891; Alfken,
1913.)
Daß die artenreiche Gattung Nomada fast ausschließlich bei
Andrena (vereinzelt auch bei Eucera, Halidus, Panurgus) schmarotzt,
ist schon lauge aufgefallen, z. B. F. Smith (1856), und mit der Zeit
konnte man für viele Nomada-Axten ganz bestimmte J.f^rma-Species
als bevorzugte Wirtsarten feststellen. Da sie den Andrena- krt^-n,
wenn nicht in genetischer (vgl. unten), so doch in biologischer Hin-
sicht nahestehen, ist die Übereinstimmung in der Fortpflanzungs-
biologie speziell das Vorkommen von 2 Generationen auf alle Fälle
wohl begreiflich.
Nomada fahriciana L. hat z. B. ebenso wie ihr Wirt {Andrena
givynana) 2 Generationen, ähnlich Nomada alboguttata H. Sch. (An-
drena argentata). In anderen Fällen scheint die 2. iVoma(?a-Genera-
tion den Wirt zu wechseln (Nomada flavoguttata).
Zool. Jahrb. XL. Abt. f. Syst. 23
356 Ludwig ärmbruster,
Die übrigen Bienen haben, soweit wir überhaupt etwas
Genaueres wissen, bei uns normalerweise eine Generation und zwar
stets eine sexuelle mit dem normalen Geschlechtsverhältnis 1:1.
Auch die eben genannten Andrena- und Nomada- kri^w haben nur
sexuelle Generationen, manche Arten freilich, wie gesagt, 2 pro Jahr.
4. Kap. Die Sonderstellung Yon Halictus und SpJiecodes.
Am weitesten abseits stehen, wie wir sahen, Halictus und Sphe-
codes mit ihrem für Bienen unerhörten Generationswechsel. Nehmen
letztere beiden Arten auch in anderer Hinsicht eine Sonderstellung
ein, so daß die Eigenart der Fortpflanzungsverhältnisse begreiflicher
erscheint? Sind Halictus und Sphecodes ein aberranter Zweig der
Bienenfamilie, der sich vom gemeinsamen Stamm scharf trennte und
etwa degenerierte, wenigstens „aus der Art schlug", oder ist das
Verhalten besonders primitiv und ursprünglich und aus diesem
Grunde nicht wie das der anderen, der späteren?
Wir wollen uns darum die Fragen vorlegen:
1. Nehmen Halictus (und Sphecodes) auch in anderer Hinsicht,
nicht nur wegen ihres Generationswechsels, eine Sonderstellung ein?
2. AVelches ist die Stelhmg yon Halictus zur ..JJrhiene^^ SpJwcodes?
a) Biologische Sonderstellung von Halictus.
Die biologische Sonderstellung von Halictus dürfte außer Zweifel
stehen. Abgesehen von dem natürlich am meisten hervorstechenden
Generationswechsel, sind es die eigenartigen, zum Teil schon oben
kurz erwähnten Verhältnisse des Nestbaues, wie sie bei den höch-
sten Halictus- Arten am deutlichsten hervortreten. Bei
diesen bauen die Weibchen an mehreren Zellen auf einmal, ver-
sorgen mehrere Zellen zugleich und legen die Eier schubweise. Die
Zellen werden nicht am Ende des Schachtes traubenförmig ange-
ordnet ausgegraben, sondern der unterste Teil des Schachtes bleibt
eine Art Sackgasse („Notgang" s. Taf. 15 Fig. 3 u. 1). Dabei bleibt
es nicht, um die Zellengruppe wird eine Höhle gegraben (vgl. Taf. 15
Fig. 4 u. 5), und die Zellengruppe wird an ihrer Außenseite mehr
oder weniger sorgfältig bearbeitet. Außer der Gattung Allodape und
einer exotischen IJthurgus{?)-AYt (Feiese, 1905) gibt es unter den
solitären Sammelbienen keine, welche ähnlich weitgehende Eigen-
arten im Nestbau aufweisen (vgl. auch unten bezüglich einiger Ver-
wandter von Halictus).
Geschlechtsbestimmuugsweise bei Bleuen. 357
Die unausgeprägte Proterandrie, die Nichtbefolgung der Regel:
beim Gelege erst die Weibchen, dann die Männchen, die keines-
wegs deutlichen Größenunterschiede zwischen den Geschlechtern,
wurde oben schon erwähnt.
Sehr bemerkenswert ist sodann der Arten- und Formenreichtum,
d. h. die in jeder Hinsicht große Variabilität der Gattung Halictus.
Sie ist nicht nur das größte, sondern zugleich auch das für den
Systematiker schwierigste aller Bienengenera (vgl. Ducke, 1913).
Daß die Größe in den weitesten Grenzen schwankt, will weniger
besagen (vgl. z. B. Trigona) als z. B. die Rüssellänge. Wenn wir
bei den höchsten Halictus-ST^edes eine Art von Waben „Grabwaben''
finden, bei den niedersten die einfachsten Erdnester, so stimmt da-
mit nur überein, wenn wir an der Hand der Messungsresultate von
Altexs (1910) feststellen können, daß die pilzhutförmigen Körper des
Gehirns, das hauptsächlichste Reflex- und Assoziationszentrum, bei den
höchsten Halidus- Arten kaum weniger entwickelt ist als bei der
Königin von Apis meUifica, jedenfalls deutlich besser als bei den
Drohnen {Apis mellifica ^).
Die obere Grenze der Gehirnentwicklung bei Halictus ist auf-
fallend hoch gerückt. Da aber bei der nahe verwandten Andrena
die Entwicklung des Gehirns, insbesondere der pilzhutförmigen
Körper, beträchtlich schwankt, ist es sehr wahrscheinlich, daß das
gleiche, und zwar zum mindesten im selben Maße, bei Halictus statt-
findet. Man ist bis jetzt auf Vermutungen angewiesen, da Messungen
vorerst nur bei höheren Halictus-Arten vorgenommen sind. Auch
die männlichen Copulationsorgane variieren nach Strohl's Figuren
(1908) bei Halictus nicht unbeträchtlich.
Bei den kleineren Arten herrscht zum Schrecken der Syste-
matiker ähnlich wie bei SpJiecocles die größte Einföimigkeit. Von
den morphologischen, für die Systematik verwerteten Eigentümlich-
keiten ist die kahle Längsfurche des 5. Rückensegments ( „Für che n-
biene" = Halictus) und der stark nach innen gekrümmte Basalnerv
hervorzuheben. Für das erstere lassen sich Varianten namhaft
machen: die Furche ist als klaffender Spalt ausgebildet, nach Smith
(1853) [s. Peeez, 1883] bei Megalopha, halbverwachsen ist der Spalt
bei Augoclilora (beides neotropische Abzweigungen von Halictus).
Letzteres Kennzeichen kommt Halictus und Sphecodes zugleich zu.
Halictus ist demnach ein in sich keineswegs einheitlich ge-
schlossenes, von den übrigen Bienen aber mit Ausnahme von
v3*
358 Ludwig Armbruster,
Sphecodes (und einigen exotischen Zweig- bzw. Subgenera) in viel-
facher Hinsicht deutlich abgegrenztes Genus,
b) Stellung von Halictus zu Sphecodes.
1. Sphecodes keine Sammelbiene.
Wenn wir die Stellung von Halictus zu Sphecodes betrachten
wollen, müssen wir eine alte Streitfrage wieder aufgreifen, die eben-
sowenig unwichtig ist, wie sie bis jetzt entschieden erschien, die
Frage: ist Sphecodes wie Hacictus eine selbständige Sammelbiene,
oder ist Sphecodus ein Schmarotzer?
Die früheren Autoren Walkenaer (1817), Lepeletier (1841),
Breitenbach (1878), Perez (1879 ff.), Perkins (1887 ff.), Ferton
(1890 ff.), Marchal (1890 ff.), Morice (1891) sprechen sich mehr oder
weniger deutlich dafür aus, daß Sphecodes ein Schmarotzer von Ha-
lictus sei, oder stützen wenigstens eine derartige Annahme durch
Wiedergabe von Beobachtungen, die dafür sprechen, z. B. Eindringen
von Sphecodes-W eihchen in Halictiis-l<l ester, Kämpfe der beiden Genera,
Vorkommen von Sijhecodes-Brut in Halictus-Z(^Uen.
Morice (1891) meint z.B. trotz einigen Vorbehalts: „Wenn ich
alles bedenke, was über die Gewohnheiten von Sphecodes bis jetzt
geschrieben ist und was ich selbst darüber beobachtet habe, so
scheint mir die Hj'pothese des Parasitismus die alles am besten er-
klärende zu sein."
V. Büttel-Reepen (1903) spricht sich sehr zurückhaltend („eine
zum Parasitismus übergehende Art?"'), Friese an mehreren Stellen
deutlich gegen die Theorie des Parasitismus aus. Der Grund, warum
die deutschen Zoologen fast samt und sonders Sphecodes zu den
Sammelbienen und zwar zu den Urbienen rechnen, scheint mir auf
den nachhaltigen Einfluß der vielbeachteten Abhandlung Hermann
Müller's ') zurückzuführen zu sein, welcher der Gattung Sphecodes in
morphologischer Hinsicht, z. B. des schwach entwickelten Bein-
sammelapparats und der Zungenform wegen, eine wichtige Zwischen-
stellung zuwies zur Ausfüllung der deutlich empfundenen Lücke
zwischen der Urbiene Prosopis und den niederen Beinsammlern. Eine
Bestätigung seiner Anschauungen glaubte Hermann Müller in den
Angaben von F. Smith (1855) erblicken zu dürfen, die aber offenbar
nicht beweiskräftig sind. H. Müller äußerte sich Breitenbach
1) 1872, Anwendung der DARWIN'schen Lehre auf Bienen.
Geschlechtsbestimmuiigsweise bei Bienen. 359
g-egenüber (Breitenbach, 1878) : „Icli selbst bin immer der Meinung ge-
wesen, daß Sphecodes eine selbstsammelnde Biene wäre, die ebenso wie
Prosopis Blütenstaub und Honig mit dem Munde einsammle und ausspeie."
Sphecodes hat zweifellos einen verschwindend unscheinbaren
Sammelapparat, aber dieser Mangel ist anders zu erklären als bei
Prosopis. Letzteres Bienengenus hat einen einigermaßen leistungs-
fähigen Ersatz für jeglichen Bein- oder Bauchsammeiapparat, wie
ich bald hoffe zeigen zu können. Auch hoffe ich auf andere Zwischen-
glieder zwischen Prosopis und den niederen Beinsammlern hinweisen
zu können.
Sphecodes aber braucht einen Sammelapparat nicht, denn Sphe-
codes ist ein Schmarotzer, der in die nächste Nähe
von Halictus zu stellen ist und auch bei ihm in aller-
erster Linie schmarotzt.
Diese Frage ist vor allem durch Beobachtungen zu entscheiden ;
wenn v, Büttel-Reepen (1903) w^eitere Beobachtungen für notwendig
hält, so dürften inzwischen wertvolle Belege in großer Zahl ver-
öffentlicht worden sein.^) Und die neueren Beobachtungen stimmen
aufs schönste mit den älteren, bis ins einzelne geschilderten oben
nur summarisch wiedergegebenen Wahrnehmungen sehr wohl über-
ein. Die Angaben, welche z. B. Aleken und AVagnee über die
Wirte der einzelnen Sphecodes- Arten machen, finden sich in der
Tabelle statistisch mitverarbeitet. Es spricht ferner die Erfahrung
dafür, die jeder Apidologe und Blütenbiologe macht, daß man die
Sphecodes- Arten, obschon sie nicht selten sind, sehr selten an den
Blumen trifft, im Gegensatz zu Prosopis, die z. B. nach H. Müller
noch weniger für den Blütenbesuch ausgerüstet ist. Vor allem aber
hat man noch nie Sphecodes-]>l ester gefunden, obschon man sie schon
lange vermißt und sucht und obschon man die Nester der nächst-
verwandten kennt, und man kann sagen, auch die vieler Bienen,
welche seltener sind, weniger Interesse bieten als Sphecodes. Um-
gekehrt hat man schon Sp)hecodes-Bri\t aus Halictus-ZeWen gezogen
(Beeitenbach, 1878 gegen Feiese, 1891).
Wegen der außerordentlichen Einförmigkeit, verbunden mit
einer großen Variabilität in unwichtigen Einzelheiten, ist Sphecodes
nicht minder als Halictus ein Kreuz für die Systematiker: Sichel
untersuchte 3000 Belegexemplare von Sphecodes und entschloß sich
1) Neuerdings wurde das Schmarotzertum bestätigt durch wiederholte
Beobachtungen an meiner Halicfns-Ko]ome.
360 LüDwia Arjibrustee,
für 3 Arten. Aus einem Teil des SiCHEL'sclien Materials stellte
FöKSTEB 150 Arten auf (Maechal, 1890)!
Auch die beträchtlichen Schwankungen in der individuellen
Größe innerhalb einer Species, die besonders bei Schmarotzern sich
geltend machen, weil ihnen nicht die eigene Mutter die Futtermenge
festsetzt, finden sich sehr deutlich bei Sphecodes.
2. Sphecodes keine Urbiene.
Es wurde noch von keinem Bienenkenner der Theorie wider-
sprochen, daß die Schmarotzerbienen sich von Sammelbienen und
zwar an verschiedenen Stellen, d. h. von verschiedenen und ver-
schieden hoch entwickelten Genusgruppen, abgezweigt haben und
bei den Genera, bei denen sie sich abspalteten, auch in erster Linie
zu schmarotzen pflegen.
Manche morphologische und biologische Züge sind bei den
Schmarotzerbienen auffallend einfach, sie sind aber deswegen keines-
wegs ursprünglich, sondern es handelt sich dabei um Degenerations-
erscheinungen.
Das Genus SpJtecodes hat so gut wie gar keinen Sammelapparat,
es hat zwar eine spitze, aber äußerst kurze, keineswegs eine
leistungsfähige Zunge, entwickelt dementsprechend eine ganz ge-
ringe Blumentätigkeit und hätte für alle Fälle eine so unbedeutende
Nestbautätigkeit, daß die Nester noch nie jemand aufgefallen sind
(nach obiger Feststellung baut Sphecodes überhaupt nicht),
Sphecodes hat denn auch, w^enigstens im weiblichen Geschlecht
(nur dieses ist leider bis jetzt bekannt), ein Gehirn von sehr tief-
stehendem Typus. All das ist wohl begreiflich, wenn Sphecodes, wie
wir ja sahen, Schmarotzer ist.
Der Schluß Heemann MtJLLEE's, Sphecodes sei eine Urbiene, ist
freilich dann nicht zutreffend. Sphecodes erscheint ohne Zweifel als
tiefstehende Biene, ist aber eine solche, weil er von einer höheren
Stufe herabgesunken ist; er ist eine degenerierte Sammelbiene. Es
soll damit weder gesagt sein, daß sie eine besonders hohe Stufe
inne hatte, noch daß nie und in keinem Fall mehr eine Sphecodes- Kvt
oder -Rasse irgendwie sammelt (nach v. Buttel-Reepen könnte
Sphecodes eine „zum Parasitismus übergehende sein").
Als Wirtsart kommt nach den bisherigen Beobachtungen weit-
aus an erster Stelle Hälictus in Betracht. Damit stimmt denn auch
aufs schönste überein die unverkennbar nahen morphologischen,
b i 0 1 0 g i s c h e n u n d p h 3^ s i 0 1 0 g i s c h e n B e z i e h u n g e n zwischen
Geschlechtsbestimmimgsweise bei Bienen. 361
Sphecodes (dem Schmarotzer) und Halictus (dem Wirt),
so daß auch von diesen Beobachtungen aus sich nichts näher legt
als der Schluß: Sphecodes ist ein degenerierter Halictus oder auch,
wenn man will, ein degenerierter Yro-Halictus.
In allgemein morphologischer Hinsicht besteht zwischen
Halictus und Specodes eine derart weitgehende Übereinstimmung, daß,
wie A. Ducke (1914) treffend bemerkt, Sphecodes nichts weiter ist
als ein Halictus ohne Sammelapparat.
Im einzelnen kann zunächst auf die Darlegungen von Perez
(1883) verwiesen werden. Nach Demoll (1908) erinnert ferner „Sphecodes
in seinen Mundteilen sehr an Halictus, doch sind sie hier (bei
Sphecodes L. A.) noch etwas primitiver . . . Die Unterkiefer lassen
sich kaum von denen von Halictus unterscheiden."
In der meotropischen Region gibt es nach Ducke (1913) grüne
Halictus- Arten, ebenda gibt es auch metallgrüne Species von Sphecodes.
In den von verschiedenen Seiten aufgestellten „Stammbäumen"
der Bieneufamilie wird der Gattung Halictus zwar ein Platz unter
den niedrigen Bienen, keineswegs aber ein ganz niedriger Platz
unter denselben angewiesen. Sphecodes aber steht, z. B. bei Lang-
HOEEER (1898), deutlich getrennt davon an allerunterster Stelle, weil
man in ihm eben eine ürbiene erblickte. Es ist befremdend, daß
man die beiden Genera auseinanderrückt, obwohl sie offenkundig die
engsten Beziehungen aufweisen.
Wenn man aber annimmt: Sphecodes ist ein Schmarotzer von
Halictus und ist aus ihm hervorgegangen, so begreift man die große
Verwandtschaft im allgemeinen, den großen Unterschied aber in
wenigen einzelnen Punkten, nämlich im Brut Versorgungsapparat
(Pollenbürste, Rüssel) und Gehirn.
Wie schlecht sich Sphecodes unter die Sammelbienen einreihen läßt,
zeigt auch aufs deutlichste die sonst sehr verdienstvolle tabellarische
Übersicht über die Bienengenera von Ducke (1913). Unter die
Sammelbienen eingereiht stört dort Sphecodes die klare Übersicht
und schöne Ordnung. Ganz anders ist das, wenn man ihn den Schma-
rotzern zuweist.
Als Probe für die Richtigkeit obiger Aufstellungen darf man
wohl einige tiergeographische Erscheinungen anführen.
Das merkwürdige Bienengenus Megalopta mit seinen eigen-
artigen Sonderanpassungen [Megalopta ist eine Nachtbiene) ist ein
Zweiggenus, und zwar offenbar ein relativ sehr spät losgetrenntes
Zweiggenus von Halictus. Seine Verbreitung erreicht denn auch
362 Ludwig Armbruster,
bei weitem nicht die seiner Mutterform, sie ist vielmehr im wesent-
lichen auf Südamerika beschränkt. So besitzt auch Afrika eine
Zweigform von Halictus, das Genus Patellapis (Feiese, 1909). Es
liegt kein Grund vor, Sphecodes als eine relativ junge Abzweigung
von Hdlidus aufzufassen, daß aber nicht SpJiecodes, sondern umge-
kehrt Halictus die ältere, primitivere Bienenform ist, zeigt sich
darin, daß Halictus auch Sphecodes gegenüber die weitere Verbreitung
besitzt. In Australien kommt Halictus vor, Sphecodes wird dort
vermißt.
Der schwerwiegendste Grund für die nahe Verwandtschaft von
Halictus und Sphecodes, die ebenso merkwürdige wie für Bienen einzig
dastehende Geschlechtsbestiramungsweise , wurde ganz außer acht
gelassen, um auch nicht den Schein eines Zirkelschlusses aufkommen
zu lassen. Auch jetzt sei diese Frage, deret wegen wir ja obigen
Umweg machten, noch nicht wieder aufgenommen, erst sei der Um-
weg fortgesetzt, um zu einem Standpunkt zu gelangen, von dem
aus wir bequemer und sicherer die Geschlechtsbestimmungsfrage in
der allgemeineren, weitgreifenden Fassung, wie wir sie uns vorgelegt
haben, überschauen und in Angriff nehmen können.
5. Kap. Die Halictinae und die Apiuae.
(Halictus und Andre na.)
Bisher pflegte man Andretia entweder als niedrigsten oder als
den typischsten Beinsammler (bzw. Schenkelsammler) anzusehen. Zu
diesen zählte man dann auch Halictus.
Seit Latkeille ist man auch vielfach gewohnt, die Andrenidae,
(Andrenetes Late.) den Apidae (Apiaires) gegenüberzustellen und
beide zusammen als die Melliferes (auch Anthophila) von den
Ravisseurs (auch Rapientia) zu trennen.
Lateeille zählt z. B. zu den Andrenetes: Hylaeus, Colletes,
Ändrena, Dasypoda, Sphecodes, Halictus und Nomia.
Die Andrenoides Late., und zwar Systropha, Panurgus, Xylocopa,
führt er als erste Gruppe der Apiaires „Solitaires" Late. auf neben
den Dasygastres Late. (unsere Bauchsammler), Cuculines Late.
(Kukuksbienen) und Scopulipedes Late. (unsere höheren Beinsammler:
Eucera, Meliturga, Anthophora, Saropoda, Centris, Epicharis).
KiEBY (1802) nähert sich dagegen, weil er die Zungenform und
Zungenlänge zum Einteilungsprinzip macht [vor ihm schon Reaumue],
mehr der von Reaumue schon angebahnten und durch Heemann
Geschlechtsbestimmuugs-weise bei Bienen. 363
MÜLLEE bekannt gewordenen sj^stematischen Betrachtung der niederen
Bienen. Er unterscheidet 2 Untergruppen nämlich: 1. Melitta,
2. Apis.
Die breitzungigen Bienen der Gruppe Melitta trennt er zu-
nächst ab (Colletcs und Frosoins), zu den spitzzüngigen rechnet er
der Reihe nach a) SpJwcodes, b) Halictus, c) Ändrena, Dasijpoda.
Ihm folgt Smith. Er faßt die Obtusilingues und Acutilingues
zusammen zur Familie Andrenidae, die auch er der Familie der
Apidae (mit den Subfamilien Andrenoides, Cuculinae, Dasygastrae,
Scopulipedes) gegenüber stellt.
Colletes und Prosopis trennt aus dem gleichen Grund auch z. B.
Langhoffee (1898) streng von den übrigen Bienen. Zu unterst
stellt er sodann SpJiecodes, es folgen Pamirginus und Macropis, dann
Andrena, dann auf etwa gleicher Stufe Halictoides, Halictus und
Dasypoda. Halictus steht namentlich hier weit ab von Sphecodes,
wie aus der zwar an sich nicht unfruchtbaren, aber einseitig
geübten Untersuchungsweise des Autors begreiflich ist. (Andere
Vorschläge Langhoffer's scheinen mir dafür um so bemerkens-
werter.)
Von Buttel-Reepen's „Biologischer Stammbaum", der auf dem
Studium der wachsenden, socialen Instinkte in der der Bienen-
reihe fußt, weist 8 Stufen auf.
Die unterste 1. Stufe umfaßt ,.Prosopis und Osmia papaveris",
die 2. „Andrena, AntJiophom, Chalicodoma, Osmia usw." Auf der
3., 4., 5. und 6. kommen Halictu s-Formeii vor, auf der 3. noch neben
Ceratina Xylocopa, auf der 4. noch neben Pamirgus Osmia, Eucera
usw." Die 7. Stufe ist rein hypothetisch, die 8. Stufe umfaßt die
eigentlichen socialen Formen.
Das Verhältnis von Halictus zu den übrigen Bienen, namentlich zu
Andrena, scheint mir bisher nicht in allem richtig gewürdigt worden
zu sein.
Halictus und Andrena stehen sich ohne Zweifel nahe, Pollen,
Sammelapparate, Mundteile und Copulationsorgane sind nur in Un-
wesentlichem verschieden. Der ganze Habitus ist derselbe. Manche
Halictus- Arten (nicht alle!) unterscheiden sich im Nestbau im großen
und ganzen nur wenig von Andrena. Überall, wo Andrena geogra-
phisch verbreitet ist, da kommt auch Halictus vor. Beide „Genera"
haben 2 Generationen im Jahr, von einzelnen Ausnahmen bei
Andrena abgesehen; beide sind sehr reich an schwer unterscheid-
baren Arten. Im ganzen ist die Variationsbreite beträchtlich, z. B.
364 Ludwig Aembhusteb,
in Hinsicht auf die Morphologie und die Anatomie des Gehirns (letz-
teres bis jetzt nur für Andrena vdl erwiesen).
Schwieriger ist freilich die Frage zu beantworten: steht
Halictus oder Andrena höher?
Für die höhere Stellung von Halictus ließe sich anführen: bei
Halictus kommen Beispiele von hoch kompliziertem Nestbau vor und
im Zusammenhang damit beinahe schon Ansätze von geselligem
Leben, ferner kommen Species mit merkwürdig hoch entwickeltem
Gehirn vor, Halictus ist endlich die Stammform eines Schmarotzers,
wenn auch eines primitiv gebauten, während Andrena offenbar keine
Schmarotzerform abgegeben hat {Nomada kommt nicht in Frage).
Für die gegenteilige Ansicht ließen sich aber auch Gründe an-
führen: Halictus hat die einfacheren Mundteile, „die einfachsten
Mundteile der Beinsammler" (Demoll, 1908), schließlich auch ge-
ringere Haarlocken am Pollensammelapparat. Der Schmarotzer Sphe-
Codes, der sich von Halictus abgezweigt hat, spricht weniger für die
Organisationshöhe als für das Alter von Halictus, denn SpJiecodes ist
tatsächlich sehr primitiv.
Die Geschlechtsbestimmungsweise von Halictus kommt bei
niederen Hymenopteren vor, die von Andrena jedoch kaum. Halictus
ist dann vor allem Kosmopolit, Andrena erreicht ebensowenig wie
die aus Halictus hervorgegangene Schmarotzerform Sphecodes diese
geographische Verbreitung: Andrena fehlt in der neotropischen
Region. Für beide Antworten der so gestellten Fragen kann man
Gründe anfügen.
Man braucht aber nicht unbedingt zu fragen: ist Halictus oder
Andrena die höhere Form, beide Formen können teilweise parallel
gehen. Man könnte in Andrena einen Zweig von Halictus (ev. von
Vro-Halictus, wenn man will) sehen, der seinerseits nicht stehen ge-
blieben, sondern neben dem Hauptzweig Halictus weitergewachsen
ist und sich weiter entfaltet hat. Aber der Hauptzweig scheint mir
vor allem Halictus zu sein. Halictus und seine nächsten
Verwandten möchte ich neben das Gros der übrigen
solitären Bienen als eigene Untergruppe der Bienen
stellen und als Bezeichnung etwa Halictinae vor-
schlagen, denn die ältere Bezeichnung Andrenidae kann nach
Obigem nicht in Betracht kommen. \) Wie viele und welche Genera
1) Die Wespenreihe, die Sectio der Rapientia, besitzt schon eine ganze
Anzahl Familien, zum wenigsten die 3 : Sphegidae, Pompilidae, Vespidae,
dazu eventuell die Heterogyna und Chrysididae. Die jüngere Bienenreihe,
Geschlechtsbestimmuugsweise bei Bieueu. . 365
zur Unterfamilie der Halictiuae gehören — oltenbar einige der er-
wähnten exotisclien Genera — , wage ich zwar zunächst nicht zu
entscheiden. Eine Gruppe der Halictoides (statt Andrenoides Latk.)
bei den Apidae in engerem Sinne wird man vielleicht beibehalten
müssen (vgl, das System von Lateeile-Smith). Jedenfalls scheinen
mir in erster Linie die Bienen mit 2 Generationen in Frage zu
kommen (ausgenommen wohl Nomada), und jedenfalls kann man daran
denken, ob man nicht das „Genus" Halktus, das größte Bienen-
geuus, das so unhomogen ist z. B. in biologischer Hinsicht, nament-
lich im Nestbau (= Einteilungsprinzip bei Wespen), in der Ent-
wicklung socialer Instinkte und wahrscheinlich auch hinsichtlich der
Gehirnanatomie, aufspalten soll in mehrere Genera. So könnte man
dann eine biologische Reihe bei den eigentlichen Apinae und
auch eine solche bei den (in anderer Hinsicht durchschnittlich
niedrigeren) Halictiuae aufstellen. Das scheint mir der richtige
Gedanke zu sein, der dem „biologischen Stammbaum" v. Buttel-
Reepen's zugrunde liegt.
Damit würde dann wohl übereinstimmen, daß wir gerade bei
den Halictinae, wenigstens bei deren typischem Vertreter Halidus
(mit Sphecodes), eine Geschlechtsbestimmungsweise vorfinden, die ohne
Zweifel einen primitiven Hymenopterentypus darstellt. Schon das
Vorhandensein eines so absonderlichen Geschlechtsbestimmuugstypus
wäre meines Erachtens allein Grund genug, an eine deutliche Ab-
sonderung von Halictus bzw. der Halictinae zu denken.
6. Kap. Die Geschlechtsbestimmungsweise bei den Halictinae
und den übrigen Hynienopteren.
Wenn nach Obigem die Halictinae ein eigener, selbständiger
Zweig der Bienenreihe ist, eine Unterfamilie mit einer ab-
weichenden Geschlechtsbestimmungsweise, dann drängen sich die
Fragen auf: läßt sich diese eigenartige Geschlechtsbestimmungs weise
auch noch weiter hinauf in der Ordnung der Hynienopteren ver-
folgen, wenn sich Gründe dafür geltend machen lassen, daß in der
Tat diese eigenartige Geschlechtsbestimmungs weise nicht lediglich
eine zufällige Abnormität darstellt ? Welche Schlüsse lassen sich da
auf die Phylogenie der Geschlechtsbestimmungsweise bei Bienen
ziehen ?
die Sectio der Mellifera (Authophila, Apidae), erhielte dann 2 Unter-
familien: 1. die Halictinae, 2. die Apinae.
366 . Ludwig Armbruster,
Bisher war man, besonders seit Hermann Müller, gewohnt, die
Grabwespen als Vorstufe der Bienen zu betrachten. In dieser All-
gemeinheit erscheint mir diese Ansicht unrichtig zu sein. Als zu-
verlässigster Berater in phylogenetischen Hymenopterenstudien hat
sich nicht so sehr der Sammelapparat erwiesen, abgesehen davon,
daß er sich mehr nur auf die Anthophila anwenden läßt — bei
dieser Art zu messen müssen doch die carnivoren Hymenoptereu zu
kurz kommen — , sondern das Instinktleben und dies um so mehr,
als wir für dessen Höhe einen zahlenmäßig erforschbaren Grad-
messer haben in den anatomischen Befunden des Gehirns, speziell
der pilzhutförmigen Körper.
Wohl ist es plausibel, daß ebenso wie die Blütenpflanzen auch
die Blütenhymenopteren verhältnismäßig spät entstanden und hoch
entwickelt sind, aber in derselben Zeit sind offenbar auch bei den
nach wie vor zahlreichen carnivoren Hymenoptereu Veränderungen
vor sich gegangen, und zwar in aufsteigender Linie. Es erscheint
darum nicht gerechtfertigt, die höchstentwickelten der heutigen
solitären, carnivoren Hymenoptereu, speziell die Grabwespen, unter
die niedrigsten der heutigen solitären Bienen (Blumenwespen) zu
stellen. Bei Jedem, der sich vergleichend biologisch mit dem In-
stinktleben der solitären Bienen und Wespen beschäftigt, dürften
ähnliche Zweifel auftauchen.
Die Spezialisierung der Instinkte beim Beutefang, bei der
Orientierung, bei dem Nestbau und der Brutaufzucht stehen bei
einer Reihe von heutigen Grabwespenarten hinter der bei hochent-
wickelten Einsiedlerbienen auf keinen Fall zurück. Daß die Wespen-
reihe parallel neben der Bienenreihe aufsteigt, zeigt sich am besten
darin, daß es bei den höheren Formen beider Reihen (es müssen
nicht die höchsten sein !) zur Staatenbildung gekommen ist, daß wir
in Zusammenhang damit bei beiden Reihen Kunstbauten von hoher
Vollendung finden und daß wohl bei beiden Reihen das Schmarotzer-
tum entstanden ist.
Mehr freilich läßt sich zunächst wohl leider nicht sagen, da
zwar die socialen Faltenwespen vergleichend biologisch schon ziem-
lich genau untersucht sind unter physogenetischen Gesichtspunkten,
keineswegs aber die Grabwespen, noch viel weniger andere niedrigere
Hymenopterenfamilien. So viel Sorgfalt man bis jetzt in dieser Hin-
sicht auf die Apiden verwendet hat, so sicher würde sie erst dann
eigentlich fruchtbar, wenn man zum Vergleich die übrigen Hymeno-
pterenfamilien in ähnlicher Weise durchforschen würde.
Gescblechtsbestimnnuig'sweise bei Bienen. 367
Auf alle Fälle steht fest, daß das Gehirn einer unserer höchsten
Wespen, der socialen Vespa vulgaris, hinsichtlich der pilzhutförmigen
Körper, das der stets so hoch gestellten Apis meUifica sehr weit
hinter sich läßt, daß aber auch die bis jetzt auf die Gehirnaus-
bildung- untersuchte solitäre Grabwespe Crabro cribrarius, die Ur-
biene Prosopis und deren höher stehende Verwandte Colletes, aber
auch eine Reihe von Arten aus der ünterfamilie der Halictinae, selbst
den monströsen Beinsammler Xylocopa violacea übertriift und an
den schon wohl ausgebildeten Bauchsammler Osmia cornuta
hei'anreicht.
In seinem theoretischen Teil äußert sich v. Alten zur Frage:
„Die Wespen (= Falten wespen. L. A.) zeigen ihrerseits im Bau
ihres Gehirns eine so aberrante Form, daß ihre Ableitung von heute
lebenden Fossorien gleichfalls nicht mehr möglich ist, auch sie
müssen sich bereits von Vorstufen der heutigen Arten, von Pro-
fossorien abgezweigt haben. Das Gehirn der heutigen Fossorien ist
bereits nach dem Apis-Typiis gebaut. Von ihnen aus ergibt sich
daher ungezwungen der Übergang zu den Archiapiden (vgl. auch
H. MtJLLEE, Anwendung der DAEwiN'schen Lehre auf Bienen)."
In diesen Sätzen scheint mir v. Alten nicht durchweg die rich-
tigen Folgerungen aus seinen schönen Beobachtungen und Messungen
gezogen zu haben, zumal wenn er die Fossorien in seinem stamm-
baumähnlichen Schema schlechtweg unter die Archiapiden stellt und
zu diesem Zweck ganz aus der Wespenreihe herausgreift (beein-
flußt von Heemann Müllee).
Die Fossoriengehirne stehen tatsächlich denen der solitären
Apiden nahe, aber nicht deswegen, weil sie die nächst tiefere Stufe,
sondern weil sie ein paralleler Zweig, eine Schwestergruppe sind,
denn sie stehen jedenfalls höher als die der Archiapidae (im Sinne
Feiese's, 1891). Eine Vorstufe („Profossorien" v. Alten) wird man
gezwungen sein anzunehmen (aber nicht aus dem v. ALTEN'schen
Grund). Aus diesen wären dann sowohl einerseits die Apinae und
Halictinae abzuleiten, andererseits die Wespenreihe mit den Grab-
wespen an unterster Stelle. Demnach wäre vorerst das v. ALTEN'sche
Schema, etwa wie Tabelle 4 zeigt, abzuändern.
Bei den Tenthrediniden, den Blattwespen, stehen wir nicht
nur beim Ausgangspunkt der Hymenopterenordnung, sondern auch
beim Ausgangspunkt der verschiedensten Geschlechtsbestimmungs-
Möglichkeiten, denn tatsächlich finden wir hier offenbar schon sehr
verschiedene Möglichkeiten verwirklicht, und es gibt Anzeichen
368
Ludwig Armbruster,
Tabelle 4.
Ichneumoni
„nur" noch arrhenotoke
Parthenogenese
geschlecht, „willkürrbestiffibar.
i'^Pjsty pu^'^
noch thelytoke
Parthenogenese
Geschlecht nicht
.willkürlich" bestifübar:
„Halictustypus."
thelytoke
Parthenogenese
stark vorwiegend
sonst grosse
Mannigfaltigkeit.
Tenthredinidae
dafür, daß hier manches in auffallend starkem Fluß ist. Sehr. vieles
gilt es hier noch zu erforschen, nicht wenig- scheint mir der Nach-
prüfung dringend bedürftig.
Leider waren mir die zahlreichen Arbeiten van Rossum's nicht
irn Original zugänglich, jedoch erschien in neuester Zeit eine Zu-
sammenfassung auch der wichtigsten Ergebnisse van Rossum's bei
Enslin (1914).
Bei der Annahme der bekannten Anschauungen über die Be-
deutung der Amphimixis werden wir begreiflich finden, daß im Tier-
reich zunächst die Amphimixis (damit die Erzeugung zweier Ge-
schlechter), dann aber auch der Geschlechtsbestimmungstypus er-
strebt wird, der die Möglichkeit der Amphimixis (der Befruchtung)
gleichsam automatisch regelt. Diesen Vorteil hat die arrhenotoke
Parthenogenese. Sind zuviel Weibchen vorhanden, können also nicht
Geschlechtsbestimmuiigsweise bei Bienen. 369
alle befruchtet werden, dann entstehen bei der jetzt stattfindenden
Parthenogenese in der nächsten Generation um so mehr Männchen.
Dieser Tj^pus ist offenbar eine Vorstufe zum DziERZON'schen bei den
höheren Hymenopteren. Bei diesen kommt noch dazu, daß befruchtete
Weibchen nicht notwendig befruchtete Eier legen müssen, sondern
im Gegenteil mehr oder weniger willkürlich verfahren können. Bei
dem großen Wert dieses Typus für die Erhaltung der Art werden
Avir uns nicht wundern, daß er in mehreren Fällen bereits bei Ten-
thrediniden, dieser labilen Ausgangsgruppe, vorhanden ist, so bei den
Arten (nach der Zusammenstellung bei Enslin, 1914):
Cimbex lutea L. Pteronus hypoxanthus Forst.
— femorala L. — melanaspis Htg.
Ahia nitens L. — dimidiatus Lep.
Arga coeruleipennis E,ETZ. — pavidus Lep.
— rosae L. — Salicis L.
— herheridis Schränk ■ Holcocneme coeruleicarpa Htg.
Croesus septentrionalis I. Ämauronemaius fallax Lep.
— latipes ViLL. Pristiphora conjugata Dohle.
Gladius pectinicornis Geoffe. — betulae E.ETZ.
Trichiocampus viminalis Hg. — crassicornis Htg.
Priophorus jJadi L, — geniculata Htg.
Pteronus ribesii SCOP. Lophyrus laricis JuE.
— miliaris Panz. — pini L.
— hrevivalvis C. G. Thoms. Emphytus cindus L.
— curtispinis C. G. Thoms. — viennensis Scheank
Aber im großen und ganzen ist bei den Tenthredoidea (Blatt-
wespen und Holzwespen) die agame Vermehrung, also rein bis vor-
wiegend thelytoke Parthenogenese, wie bei der nächsten
Gruppe, den Cynipiden, den Gallwespen, sehr verbreitet.
Bei vielen Arten sind überhaupt die Männchen sehr selten. Es
gibt Blattwespen, die offenbar auf die Männchen ganz verzichten
können. Eriocampa ovata L. gedeiht bei uns sehr gut, dabei findet
man bei uns keine Männchen. In Ost-Europa pflanzt sich dasselbe
Tier auch sexuell fort, dort hat man wenigstens Männchen ge-
funden.
Agame Fortpflanzung ist nur möglich bei thelytoker Partheno-
genese, von einer solchen ist die Rede bei:
Cimbex connata Schrank Hemichroa alni L.
Pseudoclavellaria amerinae L. — crocea Geoffe.
Abia fasciata L. Croesus vanis Vill
Evipria pidverata Retz. Pteronus iibialis Newm.
Eriocampa ovata L. — spireaae Zadd.
370 Ludwig Armbrüster,
Pontania proxima Les. Pristiphora pallipes Lep.
Pachynemakis condiictas Htg. — fulvipcs Fall, (durch 7 Gene-
rationen gezüchtet)
Männchen, aber nur ganz vereinzelt, sind nachgewiesen für:
Tomostethus epliippium Panz. Monophadnns albipes Gmel.
— luteiventris Kl. — monticola Htg.
Mesoneura opaca F. Holcocneme erkhsoni Htg.
Empria abdominalis F.
Auch der letzte denkbare Fall, die gametotoke Parthenogenese
(die unbefruchteten Weibchen bringen sowohl Männchen als Weib-
chen hervor), die wir bei HaUctus verwirklicht fanden, Wurde von
RossuM für Pteroniis pohjspilus Fökst. beschrieben. Weit verbreitet
scheint wie bei den Cynipiden das gelegentliche Auftreten ver-
einzelter Männchen in sonst agamen Zuchten (fast rein thelytoke
Parthenogenese) zu sein. Vergleiche auch v. Siebold's (1871) Zucht-
resultate No. 13—16, p. 120.
Nach dem Referierten wäre die Mannigfaltigkeit der Geschlechts-
bestimraungsweise übergroß. Scliwer verständlich, wenn tatsächlich,
aber für die Erweiterung unserer cytologischen Kenntnisse über die
morphologischen Grundlagen der geschlechtsbestimmenden Ursachen
von größtem Interesse wäre es, falls in der Tat innerhalb des Genus
von Species zu Species der Geschlechtsbestimmungsmodus so „auf-
fallend" wechseln sollte, z. B. von arrhenotoker Parthenogenese zur
thelytoken umschlägt, s. o. z. B. für CinibeXj Äbia, Croesus, Pteroniis,
Pristiphora.
Diese Verhältnisse erscheinen darum der Nachuntersuchung
wert und bedürftig, vor allem müßte man darauf noch mehr als
bisher achten, ob und wie etwa agame Fortpflanzungsweise und ge-
schlechtliche sich ablösen. Das cytologische Studium der Geschlechts-
bestimmung wurde durch Doncastee aufgenommen. Die Resultate
aber lauten auch hier sehr verschieden, ja sie sind eher verwirrend
als aufklärend, vgl. die Zusammenstellung bei Aembeustee (1913b),
p. 293 und das Literaturverzeichnis.
Doch soviel ist sicher und gentigt uns hier zu wissen:
1. während bei den höchsten Hymenopteren Fortpflanzung ohne
Befruchtung der Weibchen eine Abnormität ist und auch wegen der
stets arrhenotoken Parthenogenese verhängnisvoll wird (z. B. für
den Imker), ist sie bei den niedersten Hymenopteren, den Blatt-
wespen, weit verbleitet und in vielen Fällen in extremer Weise
durchgeführt.
Geschlechtsbestimmimgsweise bei Bienen.
371
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Zool. Jahrb. XL. Abt. f. Syst.
372 Ludwig Aembrusteb,
2. es entscheidet die Befruchtung nicht in der Weise wie bei
den höchsten Hymenopteren über das Geschlecht,
3. endlich ist offenbar der Generationswechsel, ein Abwechseln
zwischen agamen und sexuellen Fortpflanzungsweisen, häufig. Ein
solcher Cyclus, der sich immer mit dem Auftreten beider Geschlechter
aufs neue eröffnet, kann sich in einem Jahr schließen, da 2 und
mehr Generationen im Jahr nichts seltenes sind.
Zum Unterschied gegenüber den anderen höheren Hymenopteren,
insbesondere der Apinae, finden wir bei Halidus und Sphecodes noch
in allen 3 Punkten Übereinstimmung mit den niederen Hymeno-
pteren, bei Andrena finden sich wenigstens noch mehrere Gene-
rationen pro Jahr, worin man auch eine Andeutung von Punkt 3
erblicken mag. Pteronus polyspilus Fokst. z. B. scheint sich über-
haupt nicht anders fortzupflanzen als Halidus, es fragt sich nur, ob
man bei seiner rein weiblichen Generation nicht zwischen Weibchen-
und Männchengebärerinnen unterscheiden muß.
Die nächst höhere, in vielfacher Hinsicht isoliert stehende
Hymenopterengruppe der Cynipidae oder Gallwespen weist
ähnliche Verhältnisse auf. Auch hier überwiegt die agame Fort-
pflanzung über die sexuelle. Die Männchen sind in vielen Fällen ver-
schwindend selten (s. o. S. 370). Generationswechsel sind meist
typisch ausgeprägt und insofern eigenartig weitergebildet, als die
einzelnen Generationen nicht nur sexologisch (die eine agam, die
andere sexuell), sondern auch biologisch und selbst morphologisch
sich sehr stark unterscheiden. Es gibt neben einjährigen Zyklen
auch solche von mehrjähriger Dauer; 2 Beispiele seien tabellarisch
wiedergegeben (s. o. S. 371).
Im einzelnen verweise ich auf die lehrreiche Zusammenstellung
bei KiEFFEE, 1914.
Als eigene Besonderheit sei noch angeführt, daß die Fortpflan-
zungsverhältnisse bei Neuroterus lerdicularis, die auf den ersten Blick
denen von Halidus so außerordentlich ähneln, nach Doncastee (1910a)
dadurch verschieden erscheinen, daß die Weibchen der agamen
Frühjahrsgeneration sexuell unterscheidbar sind und zwar in Männ-
chengebärerinnen und Weibchengebärerinnen, während bei Halidus
ein und dasselbe agame Frühjahrsweibchen Manchen und Weibchen
hervorbringt.
Aus all dem Gesagten folgt, daß wir auch hinsichtlich der Ge-
schlechtsbestimmungsweise von den niedrig stehenden Hymeno-
Geschlechtsbestimmuugsweise bei Bienen. 373
pterenaiten sehr leicht den Ü b e r g a n g z u d e r i? a ü" c ^ tt s - G r u p p e
finden. Man könnte unbedenklich annehmen, daß die hypothetische
Vorstufe, die v. Alten für die höheren Hymenopteren fordert und
die ich statt Profossores eher Proaculeata nennen möchte, hinsicht-
lich der Geschlechtsbestiramung noch nicht dem DziEKzoN'schen
(unter *den Aculeaten nur mit der uns beschäftigenden Ausnahme
üblichen) Typus, sondern dem BaUcUis-Tyi^xis gefolgt sind mit seinen
3 charakteristischen Eigenheiten:
1. Weibchen entstehen auch aus unbefruchteten Eiern.
2. Die Befruchtung entscheidet nicht über das Geschlecht.
3. Die Fortpflanzungsweise wechselt regelmäßig ab.
Von großem Interesse scheint es mir zu sein, auch bei dem
anderen Zweig der offenbar relativ hochstehenden Hymenopteren,
den Entomophagen, Terebrantien oder Schlupfwespen zu ver-
folgen, wie sich hier die Geschlechtsbestimmungs- Verhältnisse aus-
prägten. Wenn auch nur zerstreute Einzelheiten aus dieser ver-
wirrend reichen Gruppe bekannt geworden sind, so sind sie doch
bemerkenswert genug.
Auf Grund VERHOErr'scher Daten (1892) habe ich (1913b, Tab. 12)
kurz hingewiesen auf den Parallelismus zwischen den Geschlechts-
verhältnissen der Ichneumonideu, Apiden und Sphegiden. An die
oberste Stelle sind die Ichneumonideu zu stellen. Hier fand
auch Chewyeeux, 1913, in seinen so lehrreichen Versuchen den
DziERzoN'schen Typus schon so schön ausgeprägt wie irgendwo in
der Ordnung der Hymenopteren. Die Befrachtung entscheidet also
hier schon ganz und gar über das Geschlecht. Die Generationen
sind alle sexuell und kein Generationswechsel mehr möglich.
Die Geneigtheit zur Parthenogenese ist auch hier groß, wenig-
stens soll es, wie Chun 1975 berichtet, vorkommen, daß sich bei
Paniscus testaceus die Eier bereits vor der Eiablage zu entwickeln
beginnen, ein Vorkommnis, das bei der Honigbiene biologisch und
vor allem cytologisch noch nie festgestellt worden ist, das aber die
Entstehung der Hymenopterenzwitter sehr plausibel machen würde
(vgl. z. B. Aembeüstee, 1913b, p. 267). Pampel (1914), ein Schüler
Chun's, gibt denn auch an, er habe bei Paniscus und Dispetes zum
Unterschied von den übrigen Ichneumonideu kein Receptatulum
seminis gefunden.
Ähnlich scheint bei den Chalcididen die Befruchtung eine
wichtige Rolle zu spielen. Nach Wassiliew (1907) liegt möglicher-
weise dieselbe Geschlechtsbestimmungsart wie bei den höheren
24*
374 Ludwig Armbruster,
Aculcaten, also die DziEEzoN'sche, vor. Bei den ClmMdiden Entedon
xanthopus und Pentartron carpocopsae entstehen bei Parthenogenese
nämlich ausschließlich Männchen, befruchtete Weibchen allein können
Männchen und Weibchen erzeugen, und zwar bestand in diesem
Fall das Geschlechtsverhältnis ((^ : $) = 1 : 15. Weitere Zeit- und
Zahlenangaben (Zahl der Versuche?) fehlen leider, so daß nicht er-
sichtlich ist, ob die auffallende Geschlechtsziffer 1 : 15 etwa eine zu-
fällige Abnormität ist.
Selbst bei den Chalcididen, bei denen die so eigenartige
Polyembryonie festgestellt ist, ein Beleg für die Entwicklungs-
möglichkeit auch in einem nicht gar zu hohen Seitenzweig der
Hymenopteren, liegt offenbar der Fall nicht wesentlich anders:
parthenogenetisch abgelegte Eier entwickeln sich nach Silvestri
(1906) auch unter den ganz abnormen Verhältnissen wie die be-
fruchteten. Sie ergeben z. B. bei Lüomastix truncatellus Dalm. nur
Männchen, wie die befruchteten nur Weibchen ergeben. Es gibt
freilich hier auch geschlechtslose Larven, aber sie erreichen offenbar
ihren Lebenszweck, ohne Imago zu werden, sie müssen wohl ihren
geschlechtlichen Geschwistern den Weg ins Freie bahnen und gehen
zugrunde, ohne die Verpuppung zu erleben.
Cytologisch macht ihre Erklärung wenig Schwierigkeiten, wenn
in der Tat, wie vermutet wird, bei ihrem Aufbau die Abkömmlinge
der Urzelle keinen Anteil haben. Das Vorkommen geschlechtsloser
Larven wäre also lediglich eine Begleiterscheinung der Polyembryonie,
und dieses Vorkommen fiele sexologisch nicht allzu sehr aus dem
Rahmen unserer Betrachtung heraus. Höchst bemerkenswert er-
scheint der Umstand, daß die Polyembryonie nicht nur bei Chalcididen,
z. B. bei Encyrtus ftiscicoUis (Bugnion, 1897, Maechal, 1898y), Lüo-
mastix truncatellus, sondern auch bei Poctotrypiden vorkommt {Poly-
gnotus minutus March.), w^ährend andere Chalcididen und Procto-
trypiden die regelrechte Monembryonie aufweisen. Andererseits darf
man nicht vergessen, daß die Erscheinungen bei der Polyembryonie
zwar äußerst merkwürdig, ihre Erklärung aber durch Maechal
(1904a) plausibel gemacht worden ist und daß sie sich im Einklang
mit dieser Erklärung nicht nur bei entomophagen Hymenopteren,
sondern auch selbst bei Vertebraten sich findet.
Bei den Chalcididen mit mon embryonaler Entwicklung,
z. B. bei Encyrtus apkidivorus (der sich bezeichnenderweise in un-
günstigeren Bedingungen zu entwickeln pflegt), ergeben unbefruchtete
Eier sicher Männchen (Silvestri, 1908), Nicht ganz so sicher aber
Geschlechtsbestimmungsweise bei Bienen. 375
wahrscheinlich, ist nach Silvestki (1908) dasselbe der Fall für
Ageniaspis (Enajrtus) fiiscicolUs (Silvestei untersuchte eine andere
Varietät als Marchal).
Bei dem Braconiden LijsipMebus tritici scheint die Befruch-
tung noch nicht ganz deutlich und endgültig zu entscheiden. Huntee,
1910, fand als Geschlechtsproportion unter natürlichen Bedingungen
(Zeitangabe?) in einem Fall 5:100, im anderen 35:100.
Bei einer Versuchsreihe mit 21 unbefruchteten Weibchen er-
hielt er in 14 Fällen ausschließlich Männchen, in 7 Fällen wies die
Nachkommenschaft auch Weibchen auf und zwar der Reihe nach:
1 unter 26 Nachkommen
4 „
27
55
3 ,.
17
55
1 „
22
55
1 „
18
55
1 „
12
5?
2 „
27
55
Im ganzen sah er 352 parthenogenetisch entstandene Imagines
ausschlüpfen, davon waren 339 Männchen, 13 Weibchen. In einer
anderen „ausgedehnten" Parthenogenese- Versuchsreihe erhielt er nur
Männchen.
Bei den Proctotrypiden Telenomus ivassilieici oder T. sokolowi
legten nach Wassiliew (1904) AVeibchen, ohne befruchtet zu sein,
ihre Eier in unangestochene Wanzeneier und erzeugten nach 14 bis
16 Tagen parthenogenetisch bei allen Versuchen ausschließlich Männ-
chen (wie viele?). Befruchtete W^eibchen von Telenomus wassiUewi
bzw. T. soJioloivi produzieren nach Wassiliew „eine Nachkommenschaft
beiderlei Geschlechts, jedoch mit Überwiegen der Weibchen, deren
Zahl diejenige der Männchen um das fünffache übertrifft".
Wenn die Schlußfolgerungen, die Wassiliew über die Regulie-
rung der Sexualproportionen durch arrhenotoke Parthenogenese an-
fügt, richtig sind, dann kommt auch das Geschlechtsverhältnis 1 : 1
vor, und die Geschlechtsbestimmungsweise wäre von der Dzieezon-
schen (mit etwa derselben Geschlechtsziffer) zum mindesten nicht
Aveit entfernt.
Also auch im Seitenzweig der entomophagen Hymenopteren, in
dem wir z. B. nach Alten eine Parallelreihe zu den Aculeaten er-
blicken dürfen oder müssen, der zu beträchtlicher Höhe aufsteigt,
sind zwischen der vorwiegend agamen Vermehrung und den sprechen-
376 Ludwig Armbeuster,
stell Beispielen für den DziERzoN'sclien Geschlechtsbestimmungstypus
so ziemlich alle Übergänge bekannt geworden. Dieser Parallelis-
mus wirft um so mehr Licht auf die Aculeatenreihe, weil erstens
die äußeren Bedingungen für die Fortpflanzung, Eiablage und Onto-
genese der Entomophagen so verschieden und eigenartig sind, daß
hier die Natur selbst sozusagen die Rolle des experimentellen Zoo-
logen übernommen und uns bei der Polyembryonie aufs schönste ge-
zeigt hat, wie epigame Geschlechtsbestimmung so gut wie gar nicht
in Betracht kommt, daß vielmehr die Eier schon zu der Zeit, zu
der sie befruchtet werden können, eine auspesprocheue sexuelle
Tendenz besitzen; weil zweitens aus all dem hervorgeht, daß die
Geschlechtsbestimmungsverhältnisse trotz oder gar wegen ihrer fun-
damentalen biologischen Wichtigkeit Veränderungen unterworfen,
also nicht unabänderlich starr und erstarrt sind : es sei noch-
mals daran erinnert, daß bei Chalcididen und Proctotrypiden neben
Polyembryonie die Monembryonie vorkommt. Endlich drittens zeigt
sich auch hier, daß in schönster Übereinstimmung mit der Aculeaten-
reihe die Bedeutung der Be-fruchtung für die Geschlechts-
bestimmung, also die DziEiizoN'sche Geschlechtsbestimmungsweise,
bei den höchsten Gliedern der entomophagen Reihe am ausgepräg-
testen ist, daß demnach die thelytoke Parthenogenese, also die aus-
gesprochenere Parthenogenese, nicht am Ende der Reihe (wie wahr-
scheinlich anderwärts), sondern offenbar am Anfang steht (natürlich
zunächst nur für die Ordnung der Hymenopteren gesprochen).
Aus den obigen Ausführungen darf man vielleicht noch für die
Erforschung der Geschlechtsbestimmung Schlüsse allgemeinerer Art
ziehen.
Wenn man die Geschlechtsbestimmungs-Verhältnisse bei den
Hymenopteren selbst nur flüchtig im Zusammenhang überblickt,
dann versteht man kaum mehr gewisse hartnäckige Angriffe auf die
DziERzoN'sche Theorie, z. B. auch die modifizierte neue Secrettheorie
0. Dickel's. In mancher Hinsicht ist allerdings die Honigbiene kein
günstiges Objekt, um auf rein biologischem Wege (ohne die
Cytologie zu befragen) bei ihr a 1 1 e i n zu entscheiden, ob es im Tier-
reich einen so „einfachen, durchsichtigen" Geschlechtsbestimmungs-
typus gibt, wie den DziEEzoN'schen, bei dem einfach die Befruchtung
über das Geschlecht entscheidet. Denn der Fehlerquellen sind bei
der Honigbiene gar viele, und wer sich da nicht gleich gefangen
gibt, braucht nicht notwendig ein übelwollender Gegner zu sein.
Aber eine Reihe ausweichender Verlegenheitshypothesen werden
Gescblechtsbestimmuugsweise bei Bienen. 377
gegenstandslos, wenn wir auch die übrigen Hymenopteren berück-
siclitigen. Hätte man es früher und ausgiebiger getan, wäre wohl
viel Streit vermieden worden.
Auf der anderen Seite geben die obigen Ausführungen auch den
Cytologen recht, die sich nicht einfach damit zufrieden gaben: un-
befruchtete Eier geben Männchen, befruchtete ergeben Weibchen,
sondern etwa folgende tiefergreifende Fragen aufwarfen: Warum
spielt gerade die Befruchtung hier eine Rolle, die sie anderwärts
nichts spielt, warum kann (z. B. gerade bei üalidus) das, was die
Befruchtung bewirkt, ohne weiteres auch durch etwas anderes be-
wirkt werden, wie letzteres allgemein bei der gamotoken (Halidus)
und thelytoken Parthenogenese (Blattwespen) der Fall ist? Worin
liegt aber dann das eigentlich geschlechtsbestimmende Etwas? Ist
dieses Etwas nicht vielleicht nur eine geschlechts begleitende Er-
scheinung, sondern eine bewirkende, geschlechtsbestimmende
Ursache. Gerade die vergleichende Übersicht der Hymenopteren-
Sexologie erleichtert offenbar die Beantwortung dieser Fragen und
ermöglicht es vielleicht, einmal den DziERzoN'schen Geschlechts-
bestimmungstypus den übrigen Geschlechtsbestimmungstypen einzu-
gliedern. Zunächst scheint diese Übersicht nur zu bestätigen, daß
die hypothetische Annahme von Geschlechtschromosomen auch bei
Hymenopteren (Schleif, Aembeüstee, 1913a) eine Aussicht auf eine
einheitliche Erklärung bietet.
Doch damit ist das cytologische Gebiet berührt, das eigens be-
handelt werden soll. Wenn man bedenkt, daß der Chromosomen-
zyklus bei Tieren mit Generationswechsel, Cladoceren, Rotatorien,
Aphiden nur teilweise bekannt ist und dabei die cytologische Unter-
suchung der geschlechtsbegleitenden Erscheinungen bzw. Ursachen
wegen technischer Schwierigkeiten nur bei den Aphiden vollständiger
durchgeführt (in etwa auch bei Phylloxera, Neiiroterus, sodann bei
hermaphroditen Nematoden), dann dürfte diese Unsersuchung, für die
die ersten Vorbereitungen getroffen sind, sich als wünschenswert
erweisen. Das Chromosomenstudium bei Hymenopteren ist zwar
schwierig, aber schon fleißig bearbeitet und von Anfang an mit Ge-
schlechtsbestimmungs-Fragen verknüpft worden, und der Generations-
wechsel, um den es sich handelt, ist von einfacher Art, von offen-
barer Konstanz in der Gattung und großer Regelmäßigkeit.
Freiburg i. Br., Ostern 1915.
378 Ludwig Aembrüster,
Vorstehende Ausführung-en sind unter ziemlich schwierigen Um-
ständen, wie sie eben der Krieg mit sich bringen kann, zu Papier
gebracht worden. Ein größerer Teil der Literatur, namentlich aus-
ländischer, ist mir leider nicht im Original zugänglich gewesen. Zu
großem Dank verpflichtet bin ich der K. Universitäts- und Landes-
bibliothek in Straßburg i. E. und der Gr. Universitätsbibliothek
zu Freiburg i. Br., ferner Herrn Prof. Döderlein, Straßburg, für
liebenswürdigstes Entgegenkommen anläßlich meines kurzen Aufent-
haltes in der dortigen zoologischen Sammlung, Herrn Ed. J. R,
Scholz für freundliche Überlassung wertwoller Photogramme, nament-
lich aber der Direktion des hiesigen Zoologischen Instituts, meinem
verehrten Lehrer Herrn Prof. Doflein.
Geschlechtsbestimmnngsweise bei Bienen. 379
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^iftschlechtsbestimmungsweise bei Bienen. 387
Erklärung der Abbilduugen.
Tafel 15.
Die Besonderheiten der Hai ic tu s -'iü ist w eise.
Fig. 1 u. 2. Typus einer Nestaulage der niederen Halidus- Arten ;
Schacht mit Notgang ; Anlage und Versorgung mehrerer Zellen zu gleicher
Zeit; kein Gewölbe um die Zellengruppe. 1:1.
Fig. 1. Ha iidus •'Nest in dem stark lößhaltigen Untergrund
eines Feldweges, Schacht (ohne Vorbau) senkrecht, nach unten
fortgesetzt durch den Notgang. Erstes Stadium der Ausgrabung.
Der Verlauf des Schachtes und des Notganges, die Verbreiterung
des Schachtes bei der Zellengruppe ist dem Befunde entsprechend
schematisch eingezeichnet. Auf dem Blatte liegen schön ge-
arbeitete Futterbälle und ein Stück von einer geglätteten Zell-
wand.
Fig. 2. Dasselbe Nest in einem weiteren Stadium der Aus-
grabung. Die 7 Zellen sind parallel orientiert ; in beiden unteren
liegen noch die Futterbälle, auf einem derselben klebt noch ein
Ei , alle Zellen waren schon verproviantiert , aber noch nicht
alle mit einem Ei versehen (anders bei den übrigen solitären
Bienen),
Fig. 3 — 7. Typus der Nestanlagen bei höheren Halidus-Arten
{Halidus quadricindus) ; Schacht mit Notgang, ein Gewölbe (Hohlraum)
um die Zellengruppe.
Fig. 3. (Aus Scholz, 1913. ,.Die Anlage des Gewölbes
ist begonnen" ; der Schacht ist noch nicht aufgegraben , seine
Verlängerung nach unten, „Notgang") ist deutlich zu sehen,
ca. 1:1.
Zool. Jahrb. XL. Abt. f. Syst. 25
388 Ludwig Armbrustee, Goschlechtsbestimmungsweise bei Bienen.
Fig. 4. Vertikaler Querschnitt durch die Nestanlage, rechts
ist der Schacht , links das Gewölbe , in der Mitte die Grab-
wabe durchschnitten, ca. 1:1.
Fig. 5. Das Gewölbe, aus dem die Grabwabe heraus-
genommen ist ; unten der Notgang, darüber die Einmündung des
Schachtes, ca. 1:1.
Fig. 6. Eine Grabwabe von halb hinten, eine Zelle ist durch-
schnitten. 1:1.
Fig. 7. Eine Grabwabe von vorn, die Zellen sind annähernd
parallel orientiert.
Die Präparate der Figg. 6 u. 7 befinden sich in der Zoologischen
Sammlung zu Straßburg. Vgl. auch fig. 10 bei v. Büttel-Reepen, 1903.
Die Photogramme der Figg. 3, 4 u. 5 verdanke ich der Liebens-
würdigkeit von Herrn Ed. J. R. Scholz, Königshütte.
Flachdruck verboten.
Ubersetzimgsrecht vorbehalten.
Zur Kenntnis der Theneen.
Von
K. Bal)ic in Zagreb (Kroatien).
Mit Tafel 16-18.
Trotz den von Sollas, Vosmaer, Topsent und Lenden-
feld vorgenommenen Untersuchungen an den Repräsentanten der
Theneiden-Gruppe kann man unser Wissen darüber nicht als voll-
kommen betrachten. In einer kurzen Mitteilung (1) publizierte ich
nur einige meiner Beobachtungen am adriatischen T/?mm-Material.
Während eines Aufenthaltes in Bergen (Norwegen) im Monat August
1914 hatte ich Gelegenheit, im dortigen Museum reichliches TJienea-
Material der Vöringen-Expedition (Norske-Nordhavsexpedition) und
das der norwegischen Küsten zu studieren und es mit meinem adria-
tischen zu vergleichen. W^ie wir später sehen werden, bestehen
wohl Unterschiede zwischen der vorliegenden adriatischen Form und
der Tlienea muricata des Bergener Museums, diese sind jedoch meiner
Auffassung nach von solcher Natur, daß wir unsere adriatische
Form dennoch nicht als eine besondere Art, sondern nur als eine
Unterart der typischen Thenea muricata ansehen können. Da unser
Schwamm mit der Thenea schmidti Sollas identisch ist, werde ich
diese adriatische Form mit dem Namen Thenea muricata schmidti
bezeichnen.
Zum Zweck der Untersuchung des inneren Baues dieser
Schwämme bediente ich mich folgender Methode. Das adriatische
und bergensche Material war in starkem Alkohol konserviert. Zum
25*
390 K. BABif, .
Zeiclinen und Messen isolierte ich die Nadeln mit erwärmter Salz-
säure. Für die histologische Untersuchung und die des inneren
Baues legte ich die zum Schneiden bestimmten Stücke des Schwammes
in Paraffin ein. Von Färbemitteln gebrauchte ich: Cochenilletinktur
(P. Mater), Parakarmin, Alaunkarmin (Geenachee), Boraxkarmin,
€ongorot (Geiesbach), Eisen-Hämatoxylin (M. Heidenhain), Häma-
toxylin (Ehelich, Delaeield). Bessere Resultate erzielte ich, wenn
ich vor dem Einbetten in Paraffin die Stückfärbung verwendete;
beim Gebrauch der Cochenilletinktur war letzteres Verfahren sogar
erfolgreicher. Dickere Celloidinpräparate leisteten mir besonders
gute Dienste zum Gewinnen des inneren Bildes des Schwammes wie
auch zum Bestimmen der Lage der Nadeln. Die Paraffinpräparate
schnitt ich samt den Nadeln 5 — 15 (jl dick, und zum Entkieseln der
Objekte vor dem Schneiden gebrauchte ich Flußsäure.
Im Museum zu Bergen fand ich das freundlichste Entgegen-
kommen, und es wurde mir das Material sowie alle Hilfsmittel zur
Verfügung gestellt. Es gereicht mir daher zur besonderen Ehre,
dem Direktor, Herrn Prof. Dr. Aug. Beinkmann, und dem Kustos des
Museums, Herrn J. A. Geieg, hiermit meinen besten Dank aus-
drücken zu können.
Alle Tetractinelliden - Schwämme : „mit tetraxonen und meist
auch monaxonen Megascleren und euactinen oder metactinen Micro-
scleren; Sigme sind nie vorhanden" vereinigt Lendeneeld in der Sub-
ordo Astrophora. Sollas zählt zu den Astrophoren die Familien:
Theneidae, PachastrelUdae , Stellettidae , Geodidae und Flacospongidae.
Lendenfeld teilt zuerst (1894) die Familie Theneidae teils den
Pachastrelliden, teils den Stellettiden zu. Aus der Tetractinelliden-
Gruppe scheidet er überhaupt die Placospongiden aus, demnach zer-
fallen die Astrophora in drei Familien: PachastrelUdae, Stellettidae
und Geodidae. Innerhalb der Familie Stellettidae (ohne Oscular-
schornstein) erkennt Lendeneeld nur 3 Gattungen an: Ancorina
(„mit dornigen Rhabden oder Spirastern an der Körperoberfläche"),
Stelletta („mit Euastern an der Oberfläche"), und Ecionema („mit
glatten Microrhabden an der Oberfläche"). Durch diese Charakte-
ristik verlor Boweebank's Tetliea muricata oder Geay's Thenea die
Berechtigung zu einer besonderen Existenz und wurde somit in die
Gattung Ancorina einbezogen. In seinem Werke „Tetraxonia" (1903)
schlägt Lendenfeld .eine Einteilung vor, nach der die Gattung
Zur Kenntnis der Theneen. 391
Ancorina in 6 Untergattungen zerfallen soll: Ancorina 0. Schmidt,
Stryphmis Sollas, Thenea Geay, Sanidastrella Topsent, Penares Geay,
Ecionemia Boweebank. Im Jahre 1907 ändert Lendenfeld diese
Einteilung", aber soweit dieselbe unsere Schvvammgruppe nicht be-
trifft, verweise ich direkt auf seine Publikation.
Trotz den LEis^DENFELD'schen Vorschlägen beharrt Topsent fest
bei seiner ursprünglichen Auffassung, daß die Thenea-¥ oim^w nicht
mit der Ancorina zu vereinigen seien. Der Meinung dieses franzö-
sischen Spongiologen schließen sich auch die neueren Forscher an:
Thiele (1899), Lundbeck (1909) und später .sogar Lendeneeld (1907)
selbst. Lendeneeld hält sich einerseits an Topsent und andrer-
seits an seine eigenen Befunde; bei der Verteilung der Astrophoren
legt er größeres Gewicht auf den Bau der Aster („ob Euaster oder
Metaster") als auf die Anordnung der tetraxonen Megasclere. Dem-
nach teilt er die Astrophora in : I. M e t a s t r o s a mit Familien : Theneidae
(„ohne zerstreute Tetraxone im Innern") und PacJiastrellidae („mit
zerstreuten Tetraxonen im Innern"); II.Euastrosa (Familien: Stellet-
tidae und CalthropelUdae) ; III. S t e r r a s t r o s a (Familie Geodidae). Nach
Lendenfeld gehören jetzt zur Familie Theneidae 2 Gattungen: Thenea
(„mit echten Metastern") und Papijrula (mit Microamphioxen").
In einer Bearbeitung der bei den Azoren erbeuteten Theneiden
teilt Topsent (1902) die Astrophora in 3 Familien: Geodidae (mit
Sterrastern), Stellettidae (ohne Sterraster mit Euastei^n) und Astero-
streptidae (mit Streptastern). In letzterer Familie errichtet er für
die Theneinen und Pachastrellinen 2 Subfamilien. Zu den Theneinae
zählt er die Gattungen: Thenea, Sphinärella und Poecüastra. Diese
Einteilung Topsent's ist natürlicher und entspricht in bezug auf die
Asterostreptidae meinen Befunden besser als jene von Lendenfeld
modifizierte (1907), die wir bereits anführten.
Unter dem Material des Bergen Museums fand ich eine Thenea-
Form in mehreren Exemplaren, die schon von außen durch ihren
Nadelpelz auffiel und in ihrem Habitus der Thenea delicata Sollas
ähnelte. Ihre Microsclere (Oxj^aster und Streptaster) sind rauh
und dornig (Taf. 18 Fig. 34, 35). Die Strahlen der Oxyaster sind
etwa 60—90 ^ lang. Die Strahlen der Streptaster sind rauh, fein-
dornig, bald mehr bald weniger stumpf, mitunter kuglig verdickt.
Unter den Streptastern (Spiraster, Metaster, Amphiaster) finden
sich viele und derartige Übergangsformen, daß man sie unterein-
ander nicht immer unterscheiden kann. Letzteres leugnet nicht ein-
mal Scllas selbst (1888, p. IXIII— XIV). Dadurch, daß zwischen
392 K. Babic,
dem Habitus dieser Thenea-Form und der konstanten Erscheinung
der dornigen Microsclere (Oxyaster und Streptaster) ein beständiges
Band besteht, unterscheidet sich diese Form von der Th. murkata,
die ich als eine eigene Art ansehe. Diese Form scheint durch die
Stachlichkeit, die Größe ihrer großen Oxyaster (der großen Metaster
nach Lendenfeld) und andere Merkmale der Thenea valdiviae Ldfld
am meisten zu ähneln.
Von nicht geringerer Wichtigkeit ist die Geschichte der Unter-
suchung der Thene a-Formeii selbst, weil sie uns die Wege zeigt,
welche die Forscher gewandelt sind, und die Namen anführt, mit
denen die Angehörigen dieser Schwammgruppe belegt wurden. Die
ersten und ältesten Aufzeichnungen über die Thenea muricata rühren
von BowERBANK (1858) her; er hat sie Tethea muricata benannt.
Grat (1867) stellt für diesen Schwamm das neue Genus Thenea auf.
Von Wyville Thomson (1869) wurde die Thenea unter dem Namen
Tisiphonia, von Wright (1870) als Wyville- Thomsonia {tvaUichii), von
Kent (1870) als DorviUia (agaricifonnis) und von Hansen (1885,
part.) als Clavellomorpha (minima) aufgeführt. Gray's Genus be-
hielten Sollas, Vosmaer, Carter, Hansen (part.), Marenzeller und
auch alle Spongiologen bis zum heutigen Tage bei, ausgenommen
Lendenfeld (1894), der, wie schon erwähnt, eine Zeitlang unent-
schieden war, indem er sie Ancorina einverleibte.
Vosmaer weist als Erster auf die Variationen der Thenea-Yovm^w
hin. Diese Schwankungen erscheinen, wie auch ich am vorliegenden
Materiale konstatieren konnte, in der Farbe, im Habitus der Indi--
viduen, in der Größe der Geißelkammern und der Nadeln, außerdem
kommen auch Übergangsformen vor. Es wäre daher notwendig,
alle bekannten TAewea-Formen einer Revision zu unterziehen.
Sollas (1888) errichtet bei der Bearbeitung der Tetractinelliden
der Challenger-Expedition mehrere neue jT/^enm-Arten : delicaia (nahe
verwandt, wahrscheinlich identisch, mit Thenea fenestrata (0. Schmidt),
tvrightii, grayi, sclimidtii, ivyvillii, intermedia (= muricata).
Thiele (1898—1899) legt „nur auf die äußeren Charaktere"
der japanischen Theneen großes Gewicht und unterscheidet demnach
mehrere „Arten'-, wobei er jedoch zugibt, einige davon könnten
Varietäten sein , und zwar : Thenea compressa , _ compacta (= thielei
Lendenfeld) , calyx , nucula , hemisphaerica , irregularis, grayi var.
lateralis. Thiele führt somit neue Benennungen ein, löst aber keines-
wegs die Frage nach dem Verhältnis und der Verwandtschaft unter
den bekannten Thenea-F ovm^w. Da er das Skelet, welches von so
Zur Kenutnis der Theueeu. 393
großer Wichtigkeit bei der Unterscheidung einzelner Formen ist,
nur im allgemeinen und den inneren Bau gar nicht bespricht, so ist
es uns unmöglich zu beurteilen, ob Thiele's Einteilung des japani-
schen Materials in neue Arten berechtigt ist. Ob Lendenfeld (1903)
die für mich noch immer offene Frage glücklich löste, indem er
Thiele's neue Formen zu Unterarten der Thenea grayi Sollas
herabgesetzt hat, weiß ich auch nicht.
In der sorgfältig und gewissenhaft bearbeiteten Monographie
„Die Tetraxonia" (1907) stellt Lendenfeld noch 15 neue TJienea-
Arten auf. Es scheint, daß die eine oder die andere derselben
praktisch nicht als artlich getrennt angesehen werden kann. So
. ist z. B. seine Thenea megastrella nahe verwandt, wenn nicht sogar
identisch mit der bekannten Th. schmidti, mit der sie bezüglich der
großen Oxyaster, des gemeinschaftlichen Gebietes des Fundortes und
anderer Charaktere übereinstimmt.
Was der hervorragende Kenner der Nordsee und ihres Lebens,
A. Appellöf ^), in seiner inhaltsvollen Arbeit von den Decapoden-
krebsen hervorhebt, kann man im wesentlichen auch auf die Formen
anderer Tiergruppen anwenden: „Es beruht ja manchmal auf einer
rein individuellen Auffassung, ob man in irgendeinem Merkmal,
welches zwei Formen unterscheidet, einen Art- oder nur einen
Varietät-Charakter sehen will. Es ist dies eine systematische Frage
von untergeordneter Bedeutung. Erst, wenn es nachgewiesen werden
kann, daß mit den trennenden Merkmalen — mögen diese größer
oder kleiner sein — auch biologische Verschiedenheiten zwischen
beiden Formenreihen — sei es im Gebrauch derjenigen Organe, in
welchen die Unterschiede zum Vorschein kommen, oder sonst in der
allgemeinen Biologie der beiden Formenreihen — verbunden sind,
bekommen diese ihr richtiges Interesse."
In meiner vorläufigen Mitteilung über die Untersuchungen am
adriatischen T/tewm-Material behielt ich die S3^stematische Einteilung
Lendenfeld's bei, wie sie in der Monographie der adriatischen
Tetractinelliden (1894J vorliegt, deshalb zog ich unsere TJienea in
den Formenkreis des Genus Äncorina. Indessen trennte später (1907)
Lendenfeld, wie wir bereits gesehen, Thenea von Äncorina und
1) Die Decapoden Crustaceen, 1906, in: Meeresfauna von Bergen,
Heft 2 u. 3, p. 128.
394 K. Babic,
schied aus der Familie Stellettidae nebst einigen anderen Gattungen
auch Thenea aus.
Auf Grund der Untersuchungen am vorliegenden Material
trachtete ich den inneren Bau dieser Spongien zu ermitteln und
versuchte einen Blick in ihr Verwandtschaftsverhältnis zu gewinnen,
indem ich meine Exemplare mit anderen Formen verglich. Da die
Menge der großen Oxyaster bei Thenea-Yovm^u aus verschiedenen
Meeresgebieten Schwankungen unterworfen ist, können wir diesen
Charakter als systematischen Unterschied zwischen zwei Arten
praktisch nicht anwenden. Unsere adriatischen Formen haben eine
konstant ansehnliche Zahl der großen Oxyaster in ihrem Körper
und sind demgemäß identisch mit Ihenea schmidti Sollas. Letztere
betrachte ich jedoch als mit Thenea muricata so nahe verwandt, daß
ich dieselbe als ihre Unterart ansehen kann. Als ich die Exem-
plare der Thenea muricata aus dem Bergener Museum (gesammelt
von der Vöringen-Expedition und in den Fjorden von Bergen) mit
den meinigen aus der Adria verglich, konnte ich bezüglich der
Spiculation konstatieren, daß die adriatischen Exemplare eine Fülle
großer Oxyaster besitzen und in der oberen Körperpartie — dem
Hute — keine Anatriaene haben. Bei den nordischen Theneen
kommen dagegen die Anatriaene überall im ganzen Körper vor, die
Oxyaster (oder Plesiaster) sind jedoch relativ klein und in geringerer
Zahl vorhanden. Indessen fand ich bei den Exemplaren der Bergener
Fjorde große Oxyaster (oder Plesiaster), deren Strahlen 170 — 370 fi
lang und am Grunde 37 ß dick waren, wie auch bei der schmidti-
Form; auch der Habitus und die Farbe dieser norwegischen Exem-
plare ähneln den unsrigen, die anderen Merkmale jedoch stimmen
mehr mit den typischen Formen von muricata überein. Daraus folgt,
daß weder eine größere oder geringere Anzahl der großen Oxyaster
noch unbedeutende Unterschiede ihrer Größe bei der artlichen
Trennung maßgebend sein können, denn Thenea muricata scheint in
dieser Eigenschaft schwankend zu sein.
Seit TopsENT (1892) beide Formen, muricata und schmidti, in
gleich südlich gelegenen Meeresgebieten konstatiert hat, kann die
SoLLAs'sche Unterscheidung zwischen diesen Formen, daß erstere
eine nördliche und letztere eine südlichere Form sei, nicht mehr
gelten.
Unsere adriatischen T/?ene«-Exemplare stammen von der nord-
östlichen Seite des nördlichen Meeresbeckens, aus einer Tiefe von
etwa 90 m, dessen Grund ein feiner grauer Sand bildet. Es scheint,
Zur Kenntnis der Theneen. 395
daß diese Schwammform in der Adria iiielit selten vorkommt, da an
ein und derselben Stelle (bei Jablanac) über 30 Exemplare erbeutet
worden sind.
Die Form dieser Exemplare ist fast bei allen ähnlich, pilzartig-
manchmal ganz symmetrisch (Fig. 13 auf Taf. 17, und [(1) flg. 1]),
selten deformiert. Der Schwamm ist mitunter auch unregelmäßig,
kugelförmig, bei jüngeren Exemplaren eiförmig verlängert, aber der
huttörmige obere Teil des Körpers ist regelmäßig entwickelt. Der
obere breitere Teil des Schwammkörpers sieht nämlich einem Hute
gleich, dessen Rand über den unteren umgekehrt konischen
größeren Teil des Schwammes reicht, wie es auch bei anderen
Theneen angetroffen wird. Unter dem Hute befindet sich eine
2—3 mm breite seichte Äquatorialfurche, die nicht bei allen Exem-
plaren immer gleich ausgeprägt ist. Diese Ringfurche ist relativ
glatt, in ihr liegen keine Megasclere, aber starke Fasern, worunter
sich Gruppen von Einströmungsporen befinden. Der untere Teil des
Schwammes wird durch verschieden lange wurzelähnliche Nadel-
bündel verlängert. Die Wurzeln sind 2—2,5 cm lang, und es sind
deren 5—14 vorhanden, am häufigsten 6 — 10. Bei den größeren
Exemplaren sind diese Wurzeln distal gebogen und ihre Endfäden
untereinander verflochten. An meinen vorliegenden Exemplaren
entspringen die Wurzeln immer am unteren Teil des Körpers, selbst
dann, wenn sie unregelmäßig angeordnet sind.
Die Oberfläche des Schwammes ist rauh, sei es von den dicht
gelagerten Microscleren auf der Peripherie des Körpers, sei es von
den vori'agenden Claden der Megasclere. Diese Thenea-Form hat
ein oder mehrere Ausströmungsöffnungen oder Oscula, welche rund
oder oval und in verschiedener Größe an ein und demselben Exem-
plare vorkommen. Die Oscula befinden sich in der Mitte des Hutes
oder irgendwo exzentrisch und erheben sich unbedeutend über die
rundliche, etwas eingesenkte sie umgebende Partie der Schwamm-
oberfläche. Die größten Oscula haben einen Durchmesser von 1 bis
2 mm.
Das größte Exemplar dieser adriatischen TJienea-Fonia. mißt
samt den Wurzeln 4,8 cm in der Höhe, und der Horizontaldurch-
messer an breitester Stelle, d. h. am Rande des Hutes, beträgt
3 cm, an der Basis der Wurzeln 2 cm. Das kleinste Exemplar mißt
1,6 cm in der Höhe und 0,9 cm in der Breite und ist dennoch vom
typischen Habitus. Die Regelmäßigkeit und Beständigkeit der Ge-
396 K. Babic,
stalt dieser Thenea ist offenbar und für die holie Organisation der
Tetractinelliden charakteristich.
K a n a 1 s y s t e m. Aus den Einströmungsporen, deren Größe von
11 — 23 [Ji schwankt, fähren längere oder kürzere Kanäle (4,8 — 17 f.i
breit) in die Subdermalräume, die als Reservoire dienen. Von da
aus führen kürzere Kanäle (15 ß breit) zu den Geißelkammern unter
der Körperoberfläche oder längere Kanäle (50 [.i breit) in das Innere
des Schwammes, wo sie sich verzweigen und in Kammern enden.
Die Einströmungsporen sind mit einer sphincterartigen Ringmem-
bran versehen. Die Microsclere, die man häufig an den Öffnungen
dieser Poren findet, verhindern das Eindringen der in der Wasser-
strömung suspendierten größeren Teilchen in den Schwammkörper,
weil das Wasser dadurch filtriert wird. In der besonders peripheren,
mehr oder weniger vertieften Äquatorialfurche dieser Thenea finden
wir starke, zumeist mit der Hauptachse des Schwammes laufende
kontraktile Fasern, der dazwischen liegende Raum ist mit Gruppen
ungleich großer Poren ausgefüllt. Die Einströmungsporen kommen
auch anderwärts am Körper vor. Die Geißelkammern sind rund-
lich oder bii-nförmig (Fig. 15), 25—37 f.i groß. Die Kragen-
zellen des Endothels der Kammern berühren einander gewöhnlich
nicht (Fig. 23, 24); sie sind (in Präparaten) 2—5 fx groß, zylindrisch;
ihr Protoplasma fingiert sich im unteren Teile, und der Kragen
bleibt hyalin. Auf meinen Präparaten fand ich, daß die Choano-
cyten mit Geißeln versehen sind (Fig. 24), die infolge der Konser-
vierung kürzer werden. In einigen Fällen, wo keine Geißeln zu
sehen waren, fand ich Kragenzellen , welche einander berühren
(Fig. 22). Der distale Teil der Kragenzellen ist schwach konvex;
an ihm befindet sich meist der geschrumpfte Kragen mit einer
Geißel in der Mitte. An konservierten Stücken sieht man den
einen oder den anderen Teil der Kragenzellen nicht.
Die großen Ausfuhrkanäle (Fig. 17 und 37) verengern sich
stellenweise sphincterartig, oder es spannen sich zwischen ihren
Wänden Transversalmembranen aus. Durch die Dilatation und
Kontraktion der Kanalwände wird jedenfalls die Wasserströmung
durch den Schwammkörper bedeutend unterstützt. Zu den Oscular-
röhren, welche mit den Osculis ausmünden, führen breite meridionale
Ausfuhrkanäle (Fig. 37). Auf Querschnitten der Alkoholpräparate
(Fig. 17, 19) sehen wir die breite zellenreiche septenförmige Ring-
membran in das Lumen des Oscularrohres hineinragen. Auf diesen
Sphincter (Fig. 19) folgen dicht mehr oder weniger radial angeord-
Zur Kenntnis der Theneen. 397
iiete Zellen, welche als Diktatoren dienen, und rundherum kon-
zentrisch angeordnete Spindelzellen als Contractoren, Je mehr die
Öffnung: des Kanals geschlossen ist, um so mehr ist die Membran
ausgedehnt und die Spindelzellen deutlicher sichtbar. Im entgegen-
gesetzten Falle erhalten wir an der Stelle der spindelförmigen
Zellen das Bild einer konzentrischen faserigen Struktur. Das Oscu-
larrohr wie auch die großen Ausfuhrkanäle verengern sich dem
Schwamminnern zu, wie sich dies an einer Reihe von Querschnitten
konstatieren läßt. Die Öffnungen der Kanäle werden ebenfalls
immer schmäler, da der Sphincter den sog. Chonalpfropf bildet
(Fig. 19).
In der Umgebung der großen Ausströmungskanäle findet sich
auch bei unserer Thenea ein heller durchsichtiger hyaliner Teil des
Gewebes ohne Geißelkammern vor, wodurch es im Körper solcher
Schwämme zur Differenzierung des Gewebes kommt, und zwar in
ein Gebiet ohne Geißelkammern (um die ausführenden Kanäle) und
in ein zweites mit Geißelkammern (Fig. 15).
Bie Bindegewebszellen des Mesenchyms sind zahlreich, körnig
und von verschiedener Form : rundlich, polygonal, spindel- und stern-
förmig (Fig. 16; 31a, b, c). Die Ringe zellenreichen Gewebes —
die Chonae — (Fig. 20) sind wie bei anderen Theneen vorhanden,
und an Längs-Schnittpräparaten ähneln sie einem abgestumpften
Kegel, welcher gegen das Innere des Kanals vorragt, woselbst die
Zellen immer dichter werden. Die Dermalmembran und die Kanal-
wände bestehen aus Plattenepithel (Fig. 26a, b, 31a). —
In den Kanälen unserer adriatischen Theneen fand ich rund-
liche „gelbe Zellen" (Fig. 18) mit einem Durchmesser von 5,2—14 [j.
Das Gewebe und sehr oft die Genitalprodukte dieser Schwämme
waren von Gruppen zahlreicher rundlicher oder zylindrisch-stäbchen-
förmiger, etwa 1,7—3,4 ii großer Bacterien angegriffen (Fig. 30).
Geschlech ts Produkte. Individuen von Thenea muricata
schmkUi enthalten Eier und Spermaklumpen (Spermogennen), somit
ist dieser Schwamm hermaphroditisch. In einem Individuum über-
wiegen männliche Geschlechtsprodukte und in einem underen die
weiblichen, eine Erscheinung, auf die auch Polejaefp (1882) hin-
weist. Ich fand, daß die Spermogennen groß und reifer sind als
die Eier, was vermuten läßt, daß es auch bei unserer Form zu
Proterandrie kommt. Die Eier wie auch die Spermaklumpen sind,
soviel ich zu beobachten vermag, nicht an eine bestimmte Region
des Schwammkörpers gebunden, denn wir finden diese da und dort
398 K. Babic,
im Körper unregelmäßig zerstreut. Die Geschlechtsprodukte tin-
gieren sich mit den angewandten Färbemitteln stark und heben
sich leicht von der anderen Masse des Gewebes ab.
Die Eier sind nackte amöboide Zellen (Fig. 25a, b; 26a, b),
die sich durch das Gewebe aktiv bewegen; ihr Plasma ist fein-
körnig, die Keimbläschen hell und der Keimfleck lebhaft gefärbt.
Die Eier sind von ungleicher rundlicher oder ovaler Form, von
verschiedener Größe, je nach der Reife; die größten, welche ich
angetroffen habe, maßen 37—47 /i. Die Eier fand ich immer ver-
einzelt im Parenchym des Körpers vor, seltener nahe beieinander,
und jedes Ei befindet sich in einer Endothelkapsel, die aus den um-
liegenden Bindegewebszellen entsteht. In der Nähe dieser Endothel-
hülle sind große rundliche Zellen vorhanden, deren Plasma halb-
mondförmig zusammengezogen ist. Die Eier sind aucli in der Nähe
der Spermogennen zu finden und setzen sich gern neben die Aus-
führungskanäle.
Auch die S p e r m o g e n n e n liegen nächst benachbart den großen
ausführenden Kanälen; manchmal liegen mehrere Spermaklumpen
nebeneinander. Wir finden diese Zellenhaufen in allen möglichen
Stadien der Entwicklung (Fig. 27a, b, c; 28), und zwar von der
kleinen Gruppe der größeren Spermazellen bis zum großen Sperma-
ballen der reifen Spermien. Die Mitte des reifen Spermaballens ist
streifig, was wahrscheinlich von den Schwänzchen der Spermien her-
rührt. In derselben Mitte befindet sich sehr oft (an meinen Präpa-
raten) der 18,5—23 ß große Kern (Fig. 31b, n) mit dem Kernkörper-
chen von 3,7 [x Durchmesser, welches sich durch begierige Aufnahme
des Farbstoffes auszeichnet. Das Kernkörperchen (?) liegt zuweilen
allein exzentrisch in der mittleren Partie des Spermaballens (Fig. 32,
nl). Die Spermogennen w^erden von Bindegewebszellen foUikelartig
eingehüllt, wenn auch die Endothelzellen nicht immer nachzuweisen
sind, was sich auf die mangelhafte Konservierung und Färbung
zurückführen läßt. Die Endothelkapseln der Spermaklumpen sind
von den großen rundlichen Bindegewebszellen umgeben. Die Spermo-
gennen entstehen wie auch die Eier in der mesenchymatischen
Mittelschicht und drängen sich an bestimmten Stellen vor; wo sie
bis zur vollkommenen Ausbildung bleiben. Sie bilden sich durch
die Teilung der großen rundlichen, den Oocyten ähnlichen Wander-
zellen, welche aktive Beweglichkeit besitzen. Diese Zellen unter-
scheiden sich ursprünglich nicht von anderen Bindegewebszellen des
Mesoderms des Schwammkörpers. Aus meinen Beobachtungen geht
Zur Kenntnis der Theueen, 399
hervor, was schon Schulze und anderen bekannt gewesen ist, daß
sich nämlich bestimmte Zellen teilen und dadurch Haufen kleinerer
Zellen bilden, aus denen schließlich Spermien entstehen. Diese
Spermogenne nimmt an Größe zu, bei den von mir untersuchten
Exemplaren etwa 120 — 270 fx. Ich habe schon erwähnt, daß die
Spermogennen bei dieser Form wahrscheinlich früher reifen. Die
Schwänzchen der Spermien werden wegen des schwachen Licht-
brechungsvermögens und der großen Feinheit nicht immer wahr-
genommen. Der Kopf der Spermien ist kuglig und der Schwanz-
faden geschlängelt (Fig. 28, 29).
Bei den beiden arktischen T/??»m-Formen des Bergener Museums
fand ich auf der Körperoberfläche der ausgebildeten Exemplare
mehrere Junge („Brutknospen" nach Lendenfeld) in der Größe von
1—3 mm. Diese Jugendformen wai-en auf dem mütterlichen Schwamm-
körper mittels einer stielartigen Verlängerung ihres Körpers be-
festigt. Dieser Stiel ist mit Megasclerenbündeln und mit Micro-
scleren ausgestattet. Die Jungen zeigten dieselbe Spiculation wie
ihre mütterliche Unterlage, auf der ich sie angetroffen habe. Viel-
leicht handelt es sich bei diesen Schwammformen um die ähnliche
Erscheinung der Anheftung von den Embryonen am mütterlichen
Körper, wie sie bei einigen Actinien (Epiadis prolifera Vereill) ^)
nachgewiesen worden ist. Die reife ausschwärmende Larve setzt
sich meiner Meinung nach für die erste Zeit ihrer Ausbildung an
den mütterlichen Körper an, wo sie besonders bei den behaarten
Formen unter den vorstehenden großen Nadeln der Mutter gewisser-
maßen geschützt ist. -)
Skelet. Was die Nadeln der vorliegenden adriatischen Thenea
betrifft, so finden wir auf der Oberfläche des Körpers eine dichte
Lage von Spirastern, welche auch im Innern des Körpers zerstreut
vorkommen oder an den AVänden der Kanäle liegen. Paratangential
angeordnete Clade der Dichotriaene und die Clade der Pro- oder
Plagiotriaene bilden ein festes Geflecht, und die Schäfte dieser Mega-
sclere laufen radial nach der Mitte des Schwammkörpers (Fig. 36).
Unter den genannten Bündeln der Tetraxone liegen lange Amphioxe.
1) Immeemann, f., 1901, Ueber eine in biologischer Hinsicht inter-
essante Actinie, in: Zool. Jahrb., Vol. 14, Syst., p. 558 — 564, tab. 36.
2) Siehe die Nachschrift.
400 ^- Babic,
Außer den erwälmten tetraxonen Meg-ascleren werden im unteren
Teile des Körpers und in den Wurzelbündeln auch feine und
schlang-enartig gekrümmte Anatriaene angetroifen, Ihre Köpfe sind
nach unten gerichtet und scheinen der Verankerung des Schwammes
an der Unterlage zu dienen. Die Längen der Schäfte der in diesem
Schwämme angetroffenen Megasclere variieren nach dem Alter und
der Größe der Individuen. Übrigens ist es schwer, lange Schäfte
ganz zu erhalten, weil sie beim Isolieren und Präparieren leicht
brechen. Die großen und zahlreichen Oxyaster sind für diese
adriatische Thenea-Form sehr charakteristisch und sind im Körper
überall zerstreut. Bei den Theneen kann jedoch nicht nur von
regelmäßiger Anordnung der Megasclere gesprochen werden, sondern
auch von jeder der Microsclere, denn auch diese nehmen einiger-
maßen einen bestimmten Platz im Körper des Schwammes ein. Den
Achsenkanal oder Zentralfaden sieht man bei allen Megascleren und
großen Oxyastern, während dieser bei kleineren Nadelformen wahr-
scheinlich der großen Feinheit halber nicht wahrgenommen wird.
Wie bei anderen Schwämmen kommen auch bei den adriatischen
Theneen Nadelformen vor, die ich nur als anomale Bildungen an-
sehe. So sind z. B. die Schäfte der Dichotriaene und Protriaene
kurz und abgerundet, die Amphioxe in Style umgewandelt. Die
Clade der Dichotriaene und der Pro- oder Plagiotriaene sind manch-
mal abgestumpft, die Strahlen der Oxyaster verzweigt, knorrig oder
distal abgerundet usw. (Fig. 33 u. 38).
Die an beiden Enden typisch zugespitzten Amphioxe (Fig. 4)
sind etwa 4 — 8 mm lang und in der Mitte 12 — 76 ju dick.
Zwischen den Protriaenen (Fig. 3a, b) und Plagio-
triaenen kommen Übergange vor; diese Megasclere haben einen
leicht gekrümmten, 4 — 9 mm langen und an der Basis 40 — 60 ß
dicken Schaft. Die Aststrahlen oder Clade sind 480—730 ju lang
und proximal 32—48 /bi dick.
Die Anatriaene (Fig. 2) haben einen geraden oder ge-
krümmten, 6—12 mm langen und 3,5 — 10 ju dicken Schaft. Die
Clade sind 56—85 ju (mitunter auch 160 ju) lang, die Breite zwischen
diesen Aststrahlen beträgt 72—100 ju.
Die Dichotriaene (Fig. la, b, c) haben meist einen ge-
krümmten, etwa 5—8 mm langen, am Ende zugespitzten und an
der Basis 17 — 56 fi dicken Schaft. Die Protoclade sind 120—240 ^
lang und 32—48 ju dick. Die Deuteroclade sind 270—800 /n lang
Zur Keuutnis der Theueen. 401
und paarweise geg-eneinander leicht konkav gekrümmt, zugespitzt
und basal 24 — 32 i^i dick. Seltener sind Dichotriaene kurz und
schlank (Fig. Ib), die Hauptclade länger als die Endclade (etwa
85 ,u lang) und der Schaft 17 fi an der Basis dick. Solche Dicho-
clade habe ich mehrmals bei unserer vorliegenden adriatischen
Thenea beobachtet, sogar auch bei der Thenea miiricata des Bergener
Museums.
Die Oxyaster (Fig. 6—10) haben größtenteils 3 oder 4, aber
auch 5—7, seltener 8 Strahlen. Diese sind gerade, glatt und
konisch zugespitzt, bis 540 ju lang und proximal bis 64 ju dick.
Häufig gesellen sich denselben Nadeln auch die zweistrahligen Formen
— Diactine — , deren Strahl 420 — 640 ß lang und proximal 51 — 64 ju
dick ist. Die ganze Nadel wird bis 1,296 mm lang (Fig. 5a, b).
Die Plesiaster (Fig. IIa— c) haben einen 2,4 fi dicken Schaft
und 4—6 konische, glatte, zugespitzte 17 ß lange und am Grunde
1,1 ß dicke Strahlen.
Die Spiraster (Fig. 12a, b, c) haben größtenteils 10—14
gerade, glatte, scharfspitzige Strahlen. Der Schaft ist 7 — 14 ß lang
und 1 — S ß dick. Ihre einzelnen Strahlen erreichen eine Länge von
nahezu 7.4—14 ß und eine Dicke von 1—1,7 ß. Die Spiraster sind
mit den Strahlen etwa 21 ß breit.
Den Literaturangaben gemäß ist es bekannt, daß die heutigen
rezenten Theneen in allen Meeresgebieten der Erde leben und den
tieferen Meeresgrund von 80—3548 m {Thenea multiformis Ldfld.)
und 4020 m {T. schmidti, nach Topsent [23]) bewohnen und größten-
teils den feinsandigen oder schlammigen Boden vorziehen.
Kurze Zusammenfassung.
1. Die Ergebnisse der Untersuchung an den Theneen haben er-
wiesen, daß zwischen den Arten dieser Gruppe Übergangsformen zu
finden sind.
2. Zwischen den vorliegenden adriatischen Theneen und denen
der Nordsee des Bergener Museums bestehen wohl Unterschiedein der
Menge und der Größe der Oxyaster.
3. Die untersuchte adriatische Thetiea-Form stimmt mit der
Thenea schmidti Sollas überein, die ich als eine Unterart der
T. miiricata Gray ansehe.
402 K. Babic,
4. Da die Individuen der adiiatisclien Thenea Eier und Sperma-
ballen tragen, dürften auch die anderen Thenea-kvi%n höchstwalir-
sclieinlich Hermaphroditen sein.
Ntichschrift.
Während des Druckes dieser Arbeit erhielt ich durch die Güte
des Herrn Dr. A. von Szüts (Budapest), dem ich auch an dieser
Stelle für diese Liebenswürdigkeit bestens danke, das adriatische
T/?e«m-Material. welches die ungarische Najade-Expedition am 20.
Oktober im Jahre 1913 erbeutet liatte. Das Material stammte aus
dem Pomobecken [cp = 43^ 9,6' N und l = Ib" 28,5 E) und war
um so interessanter, als ich mich überzeugen konnte, daß bei den
Theneen neben der sexuellen Fortpflanzung auch die Knospenbildung
vorkommt und daß die auf den Theneen angetroifenen Jugend-
formen wirklich einem ungeschlechtlichen Vermehrungsprozeß ihre
Existenz zu verdanken haben.
3 von den 6 Porno-Exemplaren (der T. schmidti, die mit meinen
adriatischen übereinstimmen) hatten am Hute ovale und gestielte,
etwa 1 mm große Knospen. Ich fand auch eine verzweigte Sproß-
bildung von zwei Knospen.
Das nicht eben allzu gut fixierte Material gestattete eine feinere
eingehendere histologische Untersuchung nicht. An den gefärbten
Schnittbildern (Pikro- und Parakarmin) sah ich unter der Schwamm-
oberfläche des Muttertieres große amöboide Zellen (Archäocyten)
haufenweise angesammelt, die sich bei der Knospenbildung nach den
MAAS'schen ^) Untersuchungen in verschiedene Zellsorten allmählich
differenzieren. In den vorgewölbten Knospen finden wir neben den
vereinzelten großen amöboiden Zellen die rundlichen Übergangs-
oder Bildungszellen und die spindelförmigen Zellen. Die Knospen
enthalten das Zellmaterial, welches für die Knospe frisch gebildet
worden ist, wie dies Maas und Eichenauer -) bei Donatia (Tefhija)
nachgewiesen haben. Die Knospen sind noch solid, ohne Hohlräume
und Geißelkammern. Die Bildung der Nadeln scheint in der
Knospenwölbung zuerst stattzufinden, und der Spirasterüberzug
schreitet nach oben gegen die Knospenwölbung fort. Die zahlreichen
1) Die Knospenentwicklung der Tethya , etc., in: Z. wiss. Zool.,
Vol. 70, 1901.
2) Die feineren Bauverhältnisse bei der Knospenentwicklung der
Donatien, in: Zool. Anz., Vol. 45, 1915.
Zur Kenntnis der Theneen. 403
Spiraster umkleiden die Oberfläche der unteren Partie der Knospe
und der distale Teil der Knospenwölbung ist noch ohne Spiraster
oder von spärlichen besetzt.
In denselben knospentragenden Schwamm-Exemplaren treffen
wir hier und da Eierzellen und Spermaballen (bis 170 fi große) an.
In der Mitte der Spermogennen findet man einen oder zwei nach
der Teilung zurückgebliebene, ungleich große Kerne.
Bei der Thenea sclimidti tritt vermutlich die sexuelle Vermeh-
rung zwischen mehreren Generationen der ungeschlechtlichen Fort-
pflanzung ein. Nach den bisherigen Beobachtungen läßt sich an-
nehmen, daß bei dieser Thema-Fovva. die Knospenbildung in der
wärmeren und die geschlechtliche Fortpflanzung in der kälteren
Jahreszeit stattfindet.
Zagreb (Kroatien), den 15. Juni 1915.
Zool. Jahrb. XL. Abt. f. Syst.
404 K. Babic,
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28. 1915. Babic, K., Az Adria Thenea-jajäröl, in: Allattani Közlemenyck,
Vol. 14.
26*
406 ^- Babic,
Erklärung der Abbildungen.
Die stärker vergrößerten Figuren sind mit Hilfe der Camera vor-
gezeichnet und zwar nur die allgemeinen Umrisse, um die Grrößenverhält-
nisse zu gewinnen.
Tafel 16.
Fig. 1 — 12. T. muricata schmidti (Adria).
Fig. la, Ib. Seitenansicht der Dichotriaene. 60 : 1.
Fig. Ic. Scheitelansicht eines Dichotriaencladoms. 60 : 1.
Fig. 2. Anatriaen. 105 : 1.
Fig. 3a, 3b. Protriaen. Fig. 3a 45 : 1, Fig. 3b 26 : 1.
Fig. 4. Amphiox. 80: 1.
Fig. 5. Großer diactiner Oxyaster. Fig. 5a 26 : 1, Fig. 5b 60 : 1.
Fig. 6. Großer dreistrahliger Oxyaster. 26 : 1.
Fig. 7. Großer vierstrahliger Oxyaster. Fig. 7a 26 : 1, Fig. 7b
45: 1.
Fig. 8. Großer fünfstrahliger Oxyaster. 45 : 1.
Fig. 9. Großer sechsstrahliger Oxyaster. 45 : 1.
Fig. 10. Großer siebenstrahliger Oxyaster. 45 : 1.
Fig. IIa, b, c. Plesiaster. 350:1.
Fig. 12a, b, c. Spiraster. 350:1.
Tafel 17.
Fig. 13 — 19. T. orniricata schmidti (Adria).
Fig. 13. Ansicht eines jungen Exemplares von der Seite; 1 cm
breit und 1,5 cm hoch (ohne Wurzelschöpfe). Die Wurzeln sind 2 cm lang.
Zur Kenntnis der Theneen. 407
Fig. 14. Längsschnitt durch die Partie unter dem Hute. Eisen-
hämatoxylin, Congorot. 12:1. h Hutrand, p Poren, s Subdermalraum.
Fig. 15. Axialschnitt, Cochenilletinktur. 80:1. a Gleißelkammer-
haltige Partie des Körpers, h Geißelkammerfreie Partie, e Einfuhrkanal.
d Ausfuhrkanal.
Fig. 16. Mesenchym mit Bindezellen. Cochenilletinktur. 620 : 1.
Fig. 17. Querschnitt durch das Oscularrohr, Cochenilletinktur. 25: 1.
0 Oscularrohr. c Ausfuhrkanäle.
Fig. 18. Zooxanthelle („gelbe Zelle"). 555 : 1.
Fig. 19. Querschnitt durch Chonalpfropf. Eand der Sphincter-
membran mit Spirastern. Cochenilletinktur. 100:1. a Chonalkanal.
h Radial angeordnete Zellen in der Umgebung desselben, c Circulär an-
geordnete Spindelzellen im äußeren Teil des Chonalpfropfes.
Fig. 20 — 30. T. muricata schmidti (Adria).
Fig. 20. Querschnitt durch die Chone. Parakarmin. 620 : 1.
a Lumen der Chone. h Unregelmäßige Zellen, c Spindelzellen.
Fig. 21. Tetractin mit Scleroblasten. 350 : 1. K Kern des Sclero-
Endothel einer Gleißelkammer. Kragenzellen. Cochenille-
1.
Choanocyten. Cochenilletinktur. 620 : 1. a Choanocyte.
Schnitt durch zwei Gleißelkammern. Cochenilletinktur.
620:1. a Geißelkammern, b Geißelzellen.
Fig. 25a, b. Eierzellen. Parakarmin. 250 : 1. a Wandernde Ei-
zelle, b Unregelmäßige Bindezellen.
Fig. 26a, b. Eier foUikelartig eingehüllt von Bindegewebszellen,
a Cochenilletinktur. 450:1. ö Eisenhämatoxylin. 620:1. o Ei.
Fig. 27. Spermocyten in Teilungsstadien. Cochenilletinktur. a 800:1.
h, c 620 : 1.
Fig. 28. Spermaklumpen (.s). Parakarmin. 250:1.
Fig. 29. Spermien. 800 : 1.
Fig. 30. Bacterien aus dem Schwammkörper. 800 : 1.
Tafel 18.
Fig. 31 — 33. T. muricata schmidti (Adria).
Fig. 31a, b, c. Spermogenne in Endothelkapsel. s Spermogenne.
Fig. 31a. Ehelich's Hämatoxylin. 250:1.
Fig. 31b. Cochenilletinktur. 220 : 1. n Nucleus.
Fig. 31c. Cochenilletinktur. 430:1.
blasten.
Fig.
tinktur.
22.
800
Fig.
Fig.
23.
24.
408 K. Babic, Zur Kenntnis der Theneen.
Fig. 32. Mittlere Partie eines Spermaballens. Cochenilletinktur.
620 : 1. sjj Spermien, n/ Nucleolus (?),
Fig. 33a — e. Anomalien der Tetractine. 60 : 1.
Fig. 34 — 35. Thenea sp.? (Bergen Museum).
Fig. 34. Viersti-ahliger Oxyaster. 90 : 1.
Fig. 35a, b. Spiraster. 340:1.
Fig. 36 — 38. T. muricata schmidti (Adria).
Fig. 36. Axialschnitt durch den oberen Teil des Schwammes. Coche-
nilletinktur. 18:1. a Einfuhrkanäle, h Ausfuhrkanäle.
Fig. 37. Tangentialschnitt durch die Osculargegend. Parakarmin.
25 : 1. 0 Oscularrohr. s Sphinctermembran. c Meridionale Ausführungs-
kanäle, spk Spermaklumpen.
Fig. 38a — c. Anomalien der Oxyaster. 60: 1.
Nachdruck verboten.
Übersetzungsrecht vorbehalten.
Über die Gattung Oreaster und Verwandte.
Von
Ludwig Döderlein. *
Hit 18 Abbildnngen im Text.
Die Gattung Oreaster Müllee et Troschel 1842 (syn. Pentaceros
LiNCK 1733 und Geay 1840, non Pentaceros Cuviee et Valenciennes
1829) ist für den Systematiker eine der schwierigsten unter den
schwierigen Asteroiden-Gattungen. Zahlreiche der darin aufgestellten
Arten sind nach den Beschreibungen, die davon vorliegen, nicht mit
Sicherheit festzustellen oder voneinander zu unterscheiden. R. Koehler
(1910, Asteries du Musee de Calcutta. Ast. littorales.) hat sich neuer-
dings ein ganz besonderes Verdienst erworben dadurch, daß er eine
Anzahl von Arten, die bisher nur aus ungenügenden Beschreibungen
"bekannt waren, nach typischen Exemplaren ausführlicher be-
schrieb und durch vortreffliche Abbildungen veranschaulichte. Doch
geben auch diese Darstellungen nur ein Bild von bestimmten Indi-
viduen, aber kein Bild von dem Umfang der Arten, um die es sich
handelt. Die Schwierigkeit liegt bei der Gattung Oreaster in der
ganz außerordentlichen individuellen Variabilität, wie sie in diesem
Umfange bei keiner anderen Gattung von Seesternen erreicht wird;
sie steht hinter der Variabilität der Riffkorallen kaum zurück. Ge-
rade die Merkmale, die fast ausschließlich zur Kennzeichnung der
Arten innerhalb dieser Gattung benutzt werden, wie Länge und
Breite der Arme, Vorkommen und Gestalt der Stacheln, Auftreten
einer dritten Reihe von Furchenstacheln, Vorkommen und Größe
410 Ludwig Dödeklein,
der Pedicellarien, verhalten sich oft bei den einzelnen Individuen
derselben Art, selbst bei solchen gleicher Größe und von gleichem
Fundort, derartig verschieden, daß sie für systematische Zwecke
nur mit großer Vorsicht benutzt werden dürfen. Zum Teil hängen
sie auch in hohem Maße von der Größe, bzw. vom Alter der Indi-
viduen ab.
Was zunächst die Verwandtschaftsverhältnisse der Oreasterinae
(Gattung Oreaster im weitesten Sinne) zu anderen Seesternen betrifft,,
so bin ich der Ansicht, daß ihnen in den bisherigen Systemen von
Perriee, Sladen, Fisher nicht genügend Rechnung getragen wird.
Zu den wesentlichsten Merkmalen der Oreasterinae und ihrer näheren
Verwandten gehört neben dem Besitz von wohlausgebildeten (mit-
unter äußerlich etwas verdeckten) oberen und unteren Randplatten
das Vorhandensein von sternförmigen Dorsalplatten, mit oder ohne
Reticularia zwischen ihnen. In allen Winkeln zwischen den Dorsal-
platten bis zu den oberen Randpiatten finden sich Porenfelder, die
bei jungen Exemplaren nur eine oder wenige, bei älteren Exem-
plaren immer zahlreicher werdende Poren für die Papulae enthalten.
In dem Bindegewebe zwischen den Papulae bilden sich vielfach
Kalkkörper (Poralia), die manchmal beträchtliche Größe erreichen
können. Nur längs der interradialen Mittellinie sowie am Ende
der Arme können Porenfelder zwischen den Dorsalplatten fehlen.
Die Hauptplatten des dorsalen Skelets sind stets nur wenig zahl-
reich und verhältnismäßig groß (gewöhnlich nur 3 — 4, selten bis 6
Längsreihen von Dorsolateralplatten jederseits) ; einige Platten längs
der interradialen Medianlinie bleiben stets ziemlich groß; mit ihnen
stehen die stets vorhandenen inneren verkalkten Septenpfeiler in
Verbindung; der Besitz solcher Septenpfeiler ist einer der wesent-
lichsten Charaktere der hierher gehörigen Formen und unterscheidet
sie scharf von den echten Fentagonasteridae. Die ganze Oberfläche
von Rücken, Rand und Bauchseite ist wenigstens ursprünglich mit
einem dichten zusammenhängenden Pflaster von Körnchen bedeckt,
das wohl im ganzen rudimentär werden kann, aber niemals einzelne
abgegrenzte nackte Flächen auf den Platten duldet. Die primären
Radialplatten tragen oft auf ihrer Mitte ein vergrößertes, stachel-
oder warzenartiges Korn. Die Randplatten nahe der Armspitze tragen
wenigstens ursprünglich gern stachelartig verlängerte Körnchen.
Zwei Längsreihen von Furchenstacheln sind fast stets vorhanden, von
denen die äußere größere Stacheln in geringerer Zahl enthält als
die innere. Der äußere Teil der ventralen Oberfläche der Ad-
Gattung Oreaster und Verwandte. 411
ambulacralplatten ist wenigfstens ursprünglich mit Körnchen bedeckt^
von denen manchmal einige zu einer dritten Reihe von Furchen-
stacheln sich vergrößern. Sämtliche Pedicellarien, die vorkommen^
sind alveolär; entweder finden sich ihre tiefen Alveolen in größeren
Skeletplatten, die daneben noch Körnchen tragen, oder sie besitzen
eigene schüsseiförmige Basalstückchen, die nur die Klappen des-
Pedicellars tragen; finden sich Pedicellarien auf den Adambulacral-
platten, so steht eines stets am adoralen Rande neben der zweiten
Reihe von Furchenstacheln. Die Ambulacralfüßchen besitzen fast
stets Spicula (fehlen stets bei Pentagonasteridae) in der wohl-
entwickelten Saugscheibe.
Alle diese Merkmale finden sich nicht nur bei den bisher zurFamili&
der Oreasteridae [Fentacerotidae) vereinigten Formen, sondern auch
bei vielen bisherigen Pentagonasteridae {Goniasteridae). Vor allem
gehört dazu die Gattung Goniodiscus {Goniodiscaster H. L. Clark),
die ein ganz besonderes Interesse verdient; denn sie ist als die
Stammgruppe anzusehen, von der eine Anzahl hierher gehöriger
Formen wahrscheinlich ihren Ursprung genommen haben.
So habe ich in einer besonderen Abhandlung (1898, in: Jena.
Denkschr., Vol. 8, p. 499) ausführlich nachgewiesen, daß Goniodiscus
sebae durch ganz unmerkliche Übergänge mit der Gattung Culcita-
aufs innigste verbunden und als deren wahrscheinliche Stammform
anzusehen ist. Neuerdings wird G. sebae nur als die Jugendforra
von Culcita betrachtet, einer Gattung, die zu der Familie der Ore-
asteridae gestellt wird. In der Gruppe der Culcitinae werden die
wohlentwickelten Randplatten derartig von anderen Gebilden über-
wuchert, daß sie äußerlich nicht mehr sichtbar sind; auch ent-
wickeln sich zahlreiche Reticularia zwischen den dorsalen Haupt-
platten, die bei Goniodiscus noch fehlen.
Eine zweite Art, Goniodiscus pleyadella h am ab.ck, emend. Döder-
LEiN, möchte ich als eine Form ansprechen, die als Ausgangsform
der Gattung Oreaster in Betracht kommen dürfte. Noch entschiedener
kann das bei G. seriatus Müller et Troschel angenommen werden ;
unter dem Namen Pentaceros granulosus wurde er von Gray direkt
in diese Gattung gestellt.
Eine weitere Art, der schmal- und spitzarmige Goniodiscus forfi-
culatus Perrier, steht der Gattung Stellaster so nahe, daß ich diese
von einer derartigen Form ableiten möchte. Erst innerhalb der
Gattung Stellaster wird die ursprünglich dichte und mäßig grobe
Körnelung aller Platten mehr und mehr rudimentär, bis sie bei der
412 Ludwig Döderlein,
Gattung- Ogmasfer ganz verschwindet. Die für die Gattung Stellaster
charakteristischen beweglichen unteren Randstacheln sind bei einer
der ursprünglichsten Arten, dem dicht und mäßig grob granulierten
St. gibbosus n. sp. von West- Australien, dessen Dorsalplatten auf-
fallend stark gewölbt sind, ganz unbeständige Gebilde, die bei einem
Exemplar vorkommen, bei anderen wieder vollständig fehlen können.
Innerhalb der Gattung Stellaster wird auch die Verkalkung der
Septenpfeiler mehr und mehr rudimentär.
Goniodiscus sanderi Meissner unterscheidet sich so sehr von
«chten Goniodiscus-Yorm^Ti, daß ich diese Art als Typus einer be-
sonderen Gattung Monadlaster n. g. betrachte. Sie weicht von
allen anderen Oreasteridae dadurch ab, daß nur eine Reihe von
Furchenstacheln vorhanden ist ; die Ventralfäche der Adambulacral-
platten ist ebenso fein gekörnelt wie die Ventrolateralplatten. Der
mittlere Teil der Randplatten ist nicht nackt, wie der Autor angibt,
sondern vollständig mit Granula bedeckt; nur sind diese plättchen-
förmig ausgebildet, und die mittleren erreichen eine so auffallende
Ausdehnung, daß der Anschein erweckt wird, als seien die Platten
teilweise nackt. Die Gattung läßt sich unschwer von Goniodiscus
ableiten.
Die Gattung Goniodiscus ist auch diejenige, auf welche aller
AVahrscheinlichkeit nach die Gattung Antlienea zurückzuführen ist.
Bei dieser Gattung ist die Granulierung der Rückenseite fast ganz
verloren gegangen. Es entwickeln sich reichlich Reticularia. Außer-
dem werden bei ihr die zahlreich vorhandenen Pedicellarien der
Ventralseite auffallend groß. In Anthaster valvulafus (= Oreaster
vahulatus Müller et Troschel) haben wir aber eine Antlienea
mit vollständiger dichter Granulierung der Dorsalseite, die sich von
einem typischen Goniodiscus nur noch durch die auffallend großen
Pedicellarien der Ventralseite unterscheidet. ^)
Diese genannten Formen wenigstens und ihre nächsten Ver-
1) Die Gattung Hipjjasteria, die immer gern in die Nähe der Gattung
Anihenea gestellt wird, lediglich wegen der auffallenden Größe ihrer
Pedicellarien, zeigt gar keine näheren Beziehungen zu dieser. Sie gehört
in die Familie der Pentagonasteridae, und zwar ist sie aufs innigste ver-
wandt mit der Gattung CalUaster. Sie ist weiter nichts als ein Calliaster
mit ungewöhnlich großen Pedicellarien. Es sind das Formen, deren Dorsal-,
Rand- und Ventralplatten zum Teil nackt geworden sind ; sie tragen aber
auf diesen nackten Flächen noch einzelne Körner , die meist zu Warzen
oder Stacheln vergrößert sind.
Gattniio; Oleaster und Verwandte. 413
wandten sind es, die mit der Gattung Oreaster und ihren Verwandten
eine natürliche Familie bilden, die Oreasieridae, und von ihr nicht ge-
trennt werden dürfen. Ob noch weitere Formen dazu genommen
werden sollen, möchte ich hier nicht näher erörtern. Doch muß
ich hier bemerken, daß die Zusammengehörigkeit dieser Formen
schon von Viguier (1879, Squelette des Steller., in: Arch. Zool. ex-
per., Vol. 7) erkannt und hervorgehoben wurde, ohne aber die nötige
Beachtung zu finden.
Die Oreasteridae sind ganz auf die Litoralzone der tropischen
Meere beschränkt, während die Pentagonasteridae meist größere
Tiefen bewohnen und vielfach auch in höheren Breiten vorkommen.
Oi'easterinae.
Was nun die Oreasterinae selbst anbetrifft, so ist deren Ent-
wicklungsrichtung durch drei Merkmale gekennzeichnet. Erstens
zeigt der Körper die Neigung sich gegen die Mitte zu erhöhen;
die Scheibe wird pyramidenförmig, die Arme dachförmig; die höchsten
Punkte der Scheibe nehmen die 5 primären Radialplatten (Apical-
platten) ein, während auf den Armen die Carinalplatten die
höchsten Punkte darstellen; das Scheitel- oder Zentralfeld inner-
halb der 5 Apicalplatten bleibt flach. Hand in Hand damit geht
ein zweites Merkmal, die Neigung gewisser Dorsalplatten anzu-
schwellen, polster-, höcker- oder kegelförmig zu werden. Gewöhn-
lich vergrößern sich auf ihrem Gipfel mehrere Körnchen, mit denen
die Platten stets vollständig bedeckt sind, und eines davon bildet
meist eine nackte Warze (oder Stachel), die oft eine bedeutende
Größe erreichen kann. Man kann bei den Oreasterinae die ganze
höckerartig gewordene Platte als „Stachel" bezeichnen, wenn sie
auch, wie das oft vorkommt, einen eigentlichen Stachel nicht
trägt. In erster Linie werden die Apicalplatteu zu Apicalstacheln;
fast immer schwellen auch einige nicht aneinander grenzende Carinal-
platten höckerartig an und werden zu Carinalstacheln; diese Neigung
macht sich allmählich bei immer mehr Platten geltend, und in den
extremsten Fällen sind die meisten Dorsal- und Marginalplatten
höcker- oder stachelartig. Das dritte Merkmal besteht in der
Neigung zur Vergrößerung der Porenfelder. Bei jüngeren Exem-
plaren sind sie viel kleiner als die Platten, wohlgetrennt vonein-
ander und mit wenigen Poren für die Papulae versehen. Je größer
nun die Exemplare werden, und die Arten der Oreasterinae können
414
Ludwig Dödkrlein,
bekanntlich sehr beträchtliche Größe erreichen, um so mehr nimmt
die Zahl der Papulae in den Porenfeldern zu. Diese vergiößern sich
immer mehr, greifen über die Ränder der benachbarten Platten, ver-
breiten sich über deren Oberfläche und fließen gerne miteinander
zusammen. Infolge davon erscheinen die Dorsal- und Randplatten
größerer Oreasterinae von außen gesehen oft sehr viel kleiner, als sie
in Wirklichkeit sind; in extremen Fällen ragt nur noch der nackte
Stachel einer Platte aus dem Porenfeld heraus, oder die Platte ver-
schwindet selbst ganz von der Oberfläche. Mit den Porenfeldern
Fig. A.
Goniodiscus foraminatus n. sp. Sharks-Bay. 0,66:1.
verbreiten sich auch die in ihnen befindlichen größeren und kleineren
Kalkkörperchen (Poralia) über die Oberfläche der Platten.
In der Regel sind bei den Oreasterinae die Arme mäßig lang
(der Armradius zwei- bis dreimal so lang wie der Scheibenradius,
ausgenommen Nidorellia und Poraster) und am Ende ziemlich breit
und abgerundet.
Gattung Oreaster und Verwandte. 415
Unter den mir bekannten Arten der Gattung Goniodiscus finden
sich mehrere von Nord- und West-Australien stammende, die sich
in entschiedener Weise den Oreasterinae nähern. Die Arme mit
breitem abgerundetem Ende, die man bei größeren Exemplaren
findet (bei jungen Exemplaren ist das weniger auffallend) weisen
schon darauf hin. Dazu gehören Goniodiscus pleyadclla Lamarck mit
fast flachen Dorsalplatten und mit Apicalhöckern, G. foraminatus n.
sp. aus der Sharks-Bay ohne Apicalhöcker, der sich durch etwas ge-
wölbte Dorsalplatten und überaus zahlreiche Pedicellarien von G.
pleyadella unterscheidet (Fig. A), sowie G. seriatus Müller et Troschel
mit höckerartiger Ausbildung aller Dorsalplatten, auf denen zahl-
reiche Körner vergrößert sind. Aber eine Erhöhung der Scheibe
oder der Arme, eine höckerartige Ausbildung einzelner Carinalplatten
oder eine Vergrößerung der Porenfelder ist noch nicht eingetreten,
wenigstens nicht in auffallender Weise, wenn auch der ganze Ha-
bitus letzterer Art Gray schon veranlaßt hat, sie zur Gattung Oreaster
zu stellen; denn Pentaceros granulosus Gray ist meines Erachtens
nichts anderes als G. seriatus M. Tr.
Gatt. Bothriaster n, ff.
Einen viel entschiedeneren Schritt in der Richtung der Ore-
asterinae macht aber eine neue Form, die ich unter der Ausbeute
der Siboga-Expedition fand (Fig. B). Es ist das ein kleines Exem-
plar, das durchaus den Habitus von Oreaster zeigt, mit wohl ent-
wickelten, am Ende breiten und abgerundeten Armen, dessen Scheibe
in der Mitte erhöht ist, und dessen Apicalplatten stark vergrößert
und höckerartig ausgebildet sind; in geringerem Maße ist das auch
bei den primären Interradialplatten der Fall. Die Carinalplatten
sind alle etwa gleichgroß und nicht höckerartig angeschwollen;
sie zeigen nur wie alle Platten der Dorsalseite einschließlich der
oberen Randplatten eine etwas gewölbte Oberfläche. Auf dem Gipfel
der gewölbten Platten, besonders auffallend auf den höckerartig ge-
wordenen primären Radial- und Interradialplatten sowie auf den
Randplatten finden sich eine Anzahl vergrößerter Körnchen, die
miteinander auffallende Runzeln und Kiele bilden. Rings um das
Scheitelfeld entsteht dadurch ein fünfeckiger scharfkantiger Wall,
dessen Ecken die 5 Apicalplatten bilden. Diese Form ist ferner
dadurch ausgezeichnet, daß eine mediane Interradialplatte mitten
in jedem der 5 Interradialfelder auffallend stark eingesenkt liegt
416
Ludwig Düderlein,
Fig. B.
Bofhriaster primigenins n. g. n. sj). von Timor. 1,66:1.
Fig. C.
Pentaceraster affinis juv. vou Ceylon.
1.66:1.
zwischen den um-
gebenden Platten, so
daß die Oberfläche hier
eine tiefe Grube zeigt.
Die Porenfelder ver-
halten sich wie bei
einem jungen Penta-
ceraster (Fig. C), und sie
greifen schon in be-
merkenswerter Weise
keilförmig über die
Ränder der oberen
Randplatten über.
Wie bei den mei-
sten Formen der Ore-
asterinae finden sich je
GrattiTiig Oreaster und Verwandte.
417
2 (3) Furcheiistaclieln in der zweiten Reihe (je 5 in der ersten).
Ich bezeichne diese wohl charakterisierte Form von Timor als^
Bothriaster primigenms n. g. n. sp. Sie ist als die ursprünglichste
Form unter den indo-pacifischen Oreasterinae anzusehen.
Gatt. Oreaster M. Tr. s. str.
Die Gattung Oreaster selbst, wie sie bisher allgemein aufgefaßt
wird, ist nicht einheitlich; sie besteht vielmehr aus 2 Gruppen von
Arten, die abgesehen von einer gewissen Ähnlichkeit im ganzen Aus-
sehen miteinander wenig
gemeinsames haben. Es ist
mir sogar sehr wahrschein-
lich, daß sie beide unab-
hängig voneinander von
Goniodiscus - artigen For-
men entsprungen sind. Die
eine der beiden Gruppen
umfaßt nur die 2 atlanti-
schen Arten 0. reticulatus L.
und 0. davatus M. et Te., an
die sich NidorelUa armata
Gray anschließt, die andere
die sämtlichen übrigen
Formen, die auf den Indo-
Pacifik beschränkt sind. Die
atlantische Gruppe, auf die
der Gattungsname Oreaster
(Genotyp ist nach Fisher
0. reticidatus) zu beschrän-
ken ist, besitzt in ihren
Skeletplatten keineAlveolen
für Pedicellarien (mit Aus-
nahme der Adambulacral-
platten, die bei 0. davatus
solche zeigen). Die zahl-
reichen Pedicellarien, die aber bei den atlantischen Arten vorkommen
können, haben jedes ein besonderes schüsselföi-miges Basalstückchen,.
das nur für die beiden Klappen des Pedicellars vorhanden ist und
niemals weitere Körner trägt (Fig. D), Ferner ist diese Gattung:
Fig. D. Oreaster reticidatus.
Adambulacralplatten und Ventrolotralplatten;
zahlreiche Pedicellarien und ihie schüssel-
förmigeu Basalstücke; Körnchenschiebt teil-
weise entfernt.
418 Ludwig Döderlein,
Oreaster dadurch ausgezeichnet, daß die zweite Reihe der Furchen-
stacheln nur aus je einem großen Stachel auf jeder Adambulacral-
platte besteht, und weiter dadurch, daß jede der sehr regelmäßig
angeordneten Ventrolateralplatten in ihrer Mitte einen oder mehrere
kräftige Stacheln zeigt. Auch zeichnen sich die primären Radialia
<Apicalstacheln) nicht durch bedeutendere Größe vor den anderen
Eadialia (Carinalstacheln) aus.
Bei dem wohlbekannten 0. reticulatus, der in Westindien und
bis Brasilien vorkommt, sind fast alle Dorsal- und Marginalplatten
liöckerförmig und bestachelt, bei größeren Exemplaren außerdem
noch zahlreiche Reticularia zwischen den Hauptplatten. Bei 0. da-
■vatus (syn. Asterias dorsata Linke 1753), der nur von den Capverdi-
schen Inseln bekannt ist, sind von der im Zentrum der Scheibe
stehenden primären Zentralplatte an fast sämtliche Radialplatten
sowie die Marginalplatten, außerdem aber nur eine geringe Anzahl
der Dorsolateralplatten polsterförmig angeschwollen und mit je einer
•oder zwei nackten kugligen Warzen versehen; auch ist die Scheibe
viel weniger erhöht als bei 0. reticulatus. Der Armradius ist bei
l)eiden Arten nur etwa doppelt so groß wie der Scheibenradius.
Gatt. Nidorellia Gray.
Nidorellia armata Gray von den pacifischen Küsten des tropi-
schen Amerika, die früher direkt zur Gattung Oreaster gestellt
wurde, steht den atlantischen Formen unzweifelhaft sehr nahe und
bildet mit ihnen eine natürliche Gruppe. Ihre Furchenstacheln, die
regelmäßige Anordnung und die Bestachelung der Ventrolateral-
platten sowie die Apicalstacheln sind durchaus übereinstimmend mit
Oreaster. Ihre Scheibe ist aber kaum erhöht und die Arme noch
kürzer. Junge Exemplare unterscheiden sich kaum von der Gattung
Goniodiscus.
Pedicellarien finden sich in sehr geringer, selten in großer An-
zahl auf den Marginalplatten, nur bei einzelnen Exemplaren auch
auf einigen Ventrolateralplatten oder Adambulacralplatten, wo sie
tiefe Alveolen besitzen. Ich halte das Auftreten von Pedicellarien
-auf den größeren Skeletplatten bei Nidorellia für ein ursprüngliches
Merkmal, das bei Oreaster reticulatus vollständig verloren ging,
während es sich bei 0. clavatus nur noch auf den Adambulacral-
platten erhielt. Die Trennung einer besonderen Gattung Nidorellia
Yon Oreaster ist durchaus gerechtfertigt. Nidorellia besitzt
Gattung Oreaster und Verwandte.
419
schindeiförmig- ang-eordiiete Dorsalplatten ohne Reticularia, eine auf-
fallend geringe Zahl von Marginalplatten und sehr große nackte
Stacheln auf den g-ar nicht oder nur unbedeutend g-ewölbten Skelet-
platten; bei Oreaster sind dagegen die Reticularia reichlich
entwickelt, die Zahl der Marginal platten ist bei gleicher Größe der
Exemplare erheblich vermehrt (bei 0. clavaüis um die Hälfte, bei
O. ret/culatus etwa auf das Doppelte gegenüber NidoreJlia)^ und die
nackten Stacheln der Dorsalseite sind klein geworden, während die
sie tragenden Skeletplatten stark höcker- oder polsterartig- ausg-e-
bildet sind. 0. davatus nimmt in vieler Beziehung eine Mittel-
stellung ein zwischen Nidorellia armata und Oreaster reticulatus.
I^idoreUia ist jedenfalls die ursprünglichste von den 3 Formen,
Auffallend ist aber bei dieser Gattung, daß die Spicula der Ambu-
lacralfüßchen rudimentär sind und sich meist gar nicht nachweisen
lassen.
Die im Indo- Pacific vorkommenden Arten von der Gattung
Oreaster im weiteren Sinne können auf allen größeren Skeletplatten
Alveolen für Pedicellarien tragen, sie zeigen solche Pedicellarien
&1-^ -'.
i''ig. E. I'rotoreaster Imcki.
Adambulacralplatten, Veutrolateralplatten und zahl-
reiche Supraventialia; die meisten Platten mit Alveolen
für Pedicellarien. Körnchenschicht teilweise entfernt.
Zool. Jahrb. 40. Abt. f. Syst.
27
420 Ludwig Döderlein,
stets (verlängerte schmale Form) auf allen oder fast allen Adambii-
lacralplatten sowie stets auf einer Anzahl adoraler und adambu-
lacraler Ventrolateralplatten (niedere Form), Avährend das Vorkommen
auf anderen Platten den größten, vielfach individuellen Schwan-
kungen unterliegt. Die supplementären kleinei-en Skeletstückchen
(Poralia im Bereich der Porenfelder und Supraventralia auf und
zwischen den Ventrolateralplatten), die vielfach Pedicellarien tragen,,
können sich so vergrößern, daß sie neben den Pedicellarienklappen
noch Körnchen zeigen (Fig. E). Bei allen indo-pacifischen Arten
zeigt die zweite Reihe von Furchenpapillen mindestens 2 (bis 6)
Stacheln auf jeder Platte. Auch zeigen bei ihnen stets größere
Exemplare eine unregelmäßige Anordnung der Ventrolateralplatten
infolge des Überhandnehmens von Supraventralia, die sich zwischen
die Hauptplatten eindrängen und deren Anordnung stören (Fig. E).
Die 5 Apicalstacheln sind fast immer größer als die übrigen Stacheln.
Nie erstrecken sich mehr als 2 Reihen von Dorsolateralplatten m
die freien Arme.
Gatt. JProtoreaster n. g.
Als ursprünglichste Form der indo-pacifischen Oreaster-krt^n ist
unzweifelhaft der an den tropischen Küsten von West-Australien
(Sharks-Bay) vorkommende P. nodulosus Peeriee zu betrachten, der
in auffallend schmal- und breitarmigen Formen nebeneinander vor-
kommt (Fig. F). Er erinnert in seiner Gestalt und seinem ganzen
Bau sehr an den ebendort lebenden Goniodiscus foraminatus n. sp.
(Fig. A) oder an den G. pleyadella Lamarck. Doch fehlen dem Gonio-
discus noch die angeschwollenen Carinalplatten, deren Vorkommen für
alle Arten der Oreasterinae charakteristisch ist; nur die 5 primären
Radialia sind öfters ein wenig vergrößert und können eine Warze
tragen.
P. nodulosus besitzt im Gegensatz zu Goniodiscus eine etwas
pyramidenförmig erhobene Scheibe und eine polsterförmige An-
schwellung der 5 Apicalplatten sowie einer Anzahl von nicht auf-
einander folgenden Carinalplatten (doch stets ohne nakte Spitze).
Letzteres besonders ist einer der wesentlichsten Charaktere der
Gattung Oreaster im bisherigen weiten Sinne.
Eine ganz ähnliche Gestalt zeigen manche Exemplare einer
zweiten Art, des wohlbekannten und weitverbreiteten P. nodosus L.
(syn. turritus Linck). Nur ist hier der ganze Körper noch viel
Gattung Oreastcr und Verwandte. 421
auffallender pyramidenförmig erhölit, und schon bei kleineren Exem-
plaren sind die Porenfelder an den Seiten von Scheibe und Armen
sowie auf dem Scheitelfeld vollständig ineinander geflossen, die bei
P. nodulosus stets wohl getrennt sind. Die vergrößerten Apical- und
Carinalplatten sind auch meist viel stärker angeschwollen, kuglig
und ohne Spitze [var. mutica v. Maetens) oder mit einer kleinen
Fig. F.
Protoreaster nodulosus von Sharks-Bay. 0,88 : 1.
nackten Spitze {var. hiulcus Müller et Troschel, var. intermedia
V. Martens) oder zu mehr oder weniger hohen, oft geradezu mäch-
tigen, meist spitzen Kegeln ausgebildet {var. turritus Gray); vor
allem sind die 5 Apicalstacheln oft ganz besonders auffallend. In
der Regel sind diese Höcker oder Kegel mit einer kleinen nackten
Spitze gekrönt. Bei älteren Exemplaren kommen noch weitere, meist
große Stacheln von ähnlicher Form dazu, die aber auf einige Dorso-
27*
422
Ludwig Döderlein,
Fig. G.
Protoreaster yiodosus. Dorsalskelet von innen gesehen.
Fig. H.
Protoreaster nodosus. Armende von der Seite.
lateralplatten der Scheibe und eine einzige Zentralplatte (innerhalb
der 5 Apicalstacheln) beschränkt sind. Die Apicalstacheln vereinigen
Gattung Oreaster und Verwandte.
423
sich dann mit den benachbarten Dorsolateralstachelu manchmal zu
mächtigen turmförmigen Gebilden.
Die Randpiatten werden selbst bei größeren Exemplai'en nie-
mals stachelförmig oder angeschwollen; nur sehr kleine Exemplare
zeigen hier noch nahe der Armspitze einige kleine Stachelchen, wie
sie auch bei Goniodiscus vorkommen. Diese vielgestaltige Art ist
über einen großen Teil der tropischen indo-pacifischen Küsten ver-
breitet, von Nord-Australien nach Westen bis Ceylon und nach
Osten wenigstens bis zu den Samoa-Inseln.
Protoreaster lincki. Armende von der Seite.
Im westlichen Indik von den Nikobaren und Ce3ion an bis zur
afrikanischen Küste (fehlt im Roten Meer und bei Mauritius) ist
eine dritte Art verbreitet, P. lincM Blainville (syn. muricatus
LiNCK, reinhardti Lütken), bei welchem zu den schon bei P. nodosus
vorhandenen Stacheln in der Regel noch einige große Stacheln an
den oberen Randplatten dazu kommen. Seine Stacheln sind gewöhn-
lich viel schlanker, aber durchschnittlich ebenso hoch wie die von
P. nodosus, in der Regel mit einer nackten Spitze versehen; doch
kommen Exemplare vor mit ziemlich kurzen abgerundeten Stümpfen
statt den spitzen Stacheln, denen auch die nackte Spitze fehlt. Ja
ich kenne abnorme Exemplare, bei denen es überhaupt nicht zur
Ausbildung von Stacheln kommt. Das Scheitelfeld zeigt regelmäßig
nur 5 große, interradiär gelegene, wohlgetrennte Porenfelder.
424 Ludwig Döderlein,
Diese 3 Arten, nodulosus, nodosus und lincki, bilden eine gegen-
über den übrigen indo-pacifischen Arten scharf abgegrenzte Gruppe,
die ich als Protoreaster n. g. bezeichnen will (Genotyp P. nodosus
L.). Für diese Gattung besteht das Hauptmerkmal gegenüber den
übrigen indo-pacifischen Oreasterinae in dem vollständigen oder fast
vollständigen Fehlen von Reticularia wenigstens im Bereiche der
Zentral-, Apical- und Carinalplatten (Fig. G). Äußerlich sind diese
Formen zu erkennen an der eigentümlichen Granulierung der größeren
Skeletplatten , vor allem der oberen Randplatten und der ver-
größerten Dorsalplatten. Sie besteht aus einem zusammenhängenden
Pflaster von flachen polyedrischen Plättchen oft sehr verschiedener
Größe, die zum Teil ziemlich groß werden (Fig. H u. J). Auch die
Unterseite zeigt eine Pflasterung aus stets flachen Plättchen (Fig. E),
die niemals Neigung zeigen, höcker- oder stachelförmig zu werden
und auch nie Anlaß geben zur Bildung einer dritten Reihe von
Furchenstacheln. Stacheln, bzw. angeschwollene Platten sind stets
nur in verhältnismäßig geringer Zahl vorhanden, aber gewöhnlich
von bedeutender Größe. Nur selten finden sie sich auf 2 aufein-
anderfolgenden Platten derselben Reihe, nur bei einer der 3 Arten
finden sie sich auf einigen oberen Randplatten, aber nur auf den
freien Armen; ihr mehrfach von mir beobachtetes Auftreten an
einer unteren Randplatte gehört zu den größten Seltenheiten und
ist als Abnormität anzusehen. Nie finden sich Randstacheln in den
Arm winkeln.
Gatt. Feyitaceraster n. g.
Die neue Gattung Pentaceraster (Genotyp Oreaster mamülatus
Audouin) ist vor allem ausgezeichnet durch das Auftreten zahl-
reicher innerer Reticularia als Verbindungsstücke zwischen den
dorsalen Hauptplatten (Fig. K). Bei manchen Arten können sie
eine bedeutende Größe erreichen, zwischen den großen Skeletplatten
an der Oberfläche erscheinen und selbst Stacheln tragen. Ein äußer-
liches Kennzeichen ist die feine und meist sehr gleichartige Körne-
lung (Fig. L u. M) der Rand- und Dorsalplatten, vor allem der
oberen Randplatten. Die Körnchen der Ventrolateralplatten zeigen
wenigstens bei großen Exemplaren, vielfach auch schon bei jüngeren
das Bestreben, sich zu verlängern und der Oberfläche ein un-
ebenes, höckeriges oder stachliges Aussehen zu verleihen; auf den
Adambulacralplatten bilden sie oft eine dritte Reihe von Furchen-
Gattung Oreaster und Verwaudte.
425
■^^^5*
V^
.^■'
Fig. K.
Fentaceraster alveolatus. Dorsalskelet von innen gesehen, mit zahlreichen inneren
Reticularia.
Fig. L.
Fentaceraster alveolatus. Armende von der Seite ; ein großer Terminalstachel vorhanden.
stacheln. Kleine Exemplare von Fentaceraster sind stets diplacantliid,
sehr große stets triplacanthid; bei mittelgroßen zeigen oft innerhalb
der gleichen Art einige Exemplare eine wohlentwickelte dritte
426 Ludwig Döderlein,
Reihe von Furchenstaclieln, während sie anderen fehlt. Bei den ur-
sprünglicheren Formen ist die Bestachelung der Dorsal- und Marginal-
platten ähnlich der bei Protoreaster eine ziemlich spärliche, aber oft
sehr kräftige, wenn auch nie die Mächtigkeit der Stacheln von
Protoreaster nodosus erreicht wird. Fast stets sind aber wenigstens-
auch einige untere Randplatten in der Nähe der Armspitze be-
stachelt. Gern entwickeln sich Randstacheln in den Armwinkeln.
Bei der Weiterentwicklung nehmen immer mehr Rand- und Dorsal-
platten an der Stachelbildung teil; zunächst finden sich noch eine
Anzahl unbestachelter Platten in einer Reihe zwischen den be-
stachelten, dann sind streckenweise alle Platten einer Reihe be-
Fiff. M.
Pentaceraster mamillatus. Armende schräg- von oben; zahlreiche Pedicellarien
vorhanden.
stachelt, bis zuletzt fast alle diese Platten auf der Scheibe und oft
auch auf den freien Armen bestachelt sind. Dafür nimmt aber all-
mählich die Größe der Stacheln ab, vor allem die der Dorsolateral-
und Zentralstacheln, zuletzt auch der anderen, und die Endformen
zeigen eine sehr gleichmäßige aber durchgehends ziemlich schwache
Bestachelung sehr zahlreicher Platten, die aber auf den freien Armen
zum Teil wieder ganz unterdrückt werden kann.
Der Armradius ist mindestens 2mal, höchstens 3mal so lang als
der Scheibenradius. Die Porenfelder auf dem Scheitelfeld sind zahl-
reich (mehr als 5), aber wenig regelmäßig angeordnet, ähnlich
denen von Prot, nodulosus.
Gattung- Oreaster iiud Verwandte. 427
Formen von Fentaceraster sind von Mozambique nnd Suez bis
nach Japan, Pliilippinen und Neucaledonien verbreitet und finden
sich noch bei Hawai und an der tropischen Westküste von Amerika.
Es sind eine große Menge von „Arten" aus dieser Gattung be-
schrieben worden, besonders zahh-eich aus dem malayischen ArcliipeL
Eine Anzahl dieser Arten sind in tj^pischen Exemplaren sehr cha-
rakteristisch und leicht voneinander zu unterscheiden. Wo aber von
einzelnen dieser „Arten" eine größere Anzahl von Exemplaren vom
gleichen Fundort vorlag, ergab sich eine so außerordentliche Varia-
bilität in der Gestalt des Körpers, der Länge und Breite der Arme
sowie in der Ausdehnung und der Form der Bestachelung auf der
Dorsal- und Ventralseite, der einzigen Merkmale, die zur Unter-
scheidung der Formen in Frage kommen, daß es ganz hoffnungslos
ist, eine scharfe Abgrenzung der „Arten" voneinander auch nur zu
versuchen. Wo mir übrigens von einer Art eine größere Anzahl
Exemplare vom gleichen Fundort vorliegt (P. alveolatus, mamillatus^
Jiorridus), würden sich darunter mit Leichtigkeit eine Menge be-
sonderer „Arten" aufstellen lassen, die denselben Wert haben würden
wie zahlreiche der bisher aufgestellten „Arten". Das gilt übrigens
auch für Oreaster reticulatus, Protoreaster nodosus und P. lincki.
Nur zwei Arten scheinen mir eigentümliche Merkmale zu besitzen,
die sie von den übrigen scharf unterscheiden lassen, P. orientalis
und P. gracilis; alle die zahlreichen übrigen Arten aber, die ich
nach eigener Untersuchung oder nach den guten Abbildungen von
R. KoEHLER zu beurteilen vermag, sind durch die mannigfaltigsten
Übergänge so miteinander verbunden, daß sie alle eine innig zu-
sammenhängende Formenkette bilden.
Streng genommen müßten sie alle als Varietäten einer einzigen Art^
Fentaceraster mamiUatus Audoüin, bezeichnet werden. Nur aus rein
praktischen Gründen bezeichne ich die auffallenderen dieser Formen
hier als Arten. Eine Anzahl sicher hierher gehöriger Formen kenne
ich nur aus Beschreibungen, die zu einer richtigen Beurteilung nicht
genügen.
Das Vorkommen und die Größe der Pedicellarien sind nach
meinen Erfahrungen ganz untauglich zur Unterscheidung der Formen
bei der Gattung Fentaceraster ; die individuelle Variabilität ist bei diesen
Gebilden außerordentlich groß. Die Zahl der Randplatten schwankt
bei Exemplaren gleicher Größe innerhalb nicht sehr weiter Grenzen^
diese Grenzen sind aber bei allen mir bekannten Arten der Gattung
nahezu die gleichen; Exemplare von 60 mm Armradius haben in der
428 Ludwig Düderlein,
Eegel etwa 14 — 16, solche von 100 mm etwa 18 — 20, solche von
150 mm etwa 20 — 24 obere Raiidplatten. Nur P. gracilis weist
liöhere Zahlen auf und nähert sich der Gattung- Poraster.
Als die ursprünglichste Form von Pentaceraster sehe ich 0.
ulveolatus Perkier (syn. 0. novae-caledoniae Koehler und 0. hedoti
Koehler) an, der mir von Neucaledonien, Neubritannien und den
Philippinen (Cebu) bekannt ist. Er erinnert in seiner Gestalt und
in seiner Bestachelung sehr an die Arten von Protoreaster. Der
Körper ist stark erhöht und die Stacheln meist groß, aber spärlich.
Gewöhnlich sind sie hoch und schlank, spitz kegelförmig, ähnlich
wie bei P. lincJci; besonders die Apicalstacheln sind in der Regel
ziemlich groß. Außer einigen Carinalstacheln sind meist einige
Stacheln an den unteren Rand platten, gewöhnlich auch an den oberen
vorhanden und zwar an dem freien Teil der Arme. Oft treten dazu
auch kurze Stacheln an den unteren Randplatten im Armwinkel, und
zwar hier fast immer an einer Anzahl aufeinanderfolgender Platten.
Meist erst an größeren Exemplaren (R = 90 mm) treten manchmal
einzelne Dorsolateralstacheln auf der Scheibe auf, häufiger ein Zentral-
stachel; bei den größten mir bekannten Exemplaren ist die Zahl
der Zentralstacheln und Dorsolateralstacheln etwas vermehrt;
doch finden sich auch Exemplare, bei denen die Randstacheln ganz
«der fast ganz unterdrückt sind und die dann große Ähnlichkeit
mit P. nodosus zeigen; ja es gibt Exemplare, bei denen außer den
5 Apicalstacheln keine weiteren Stacheln vorhanden sind. Manche
Exemplare zeigen nur kleine, aber immer noch spitze Stacheln, und
von den Philippinen kenne ich Exemplare, deren Stacheln niedere
Stümpfe ohne nackte Spitze darstellen.
Wie außerordentlich groß die individuelle Variabilität in der
Bestachelung bei dieser Form ist, möge aus folgenden Tatsachen her-
vorgehen. Mir liegen aus Neubritannien 25 Exemplare von Penta-
ceraster alvcolatus vor, die dort von Dr. Finsch gesammelt worden
waren. Es handelt sich um Exemplare von der gleichen Lokalität,
die sämtlich von mittlerer Größe sind (Armradius = 70 — 110 mm).
Davon besitzt 1 Exemplar außer den 5 wohlentwickelten Apical-
stacheln überhaupt keinen weiteren Stachel, bei 1 Exemplar sind
4 Apicalplatten ohne Stacheln, dafür ist der erste Carinalstachel
besonders stark. An 2 Exemplaren fehlen Carinalstacheln ganz.
4 Exemplare besitzen keine Spur von Randstacheln, 11 Exemplare
keine oberen Randstacheln. Nur an 3 Exemplaren sind Dorsolateral-
stacheln vorhanden, keines trägt solche auf den freien Armen.
Gattnug Oreaster und Verwandte. 429
11 Exemplare sind mit Zeiitralstacheln versehen, davon 3 mit mehr
als einem. Wo Raudstaclieln überhaupt vorhanden sind, und das
ist bei 21 Exemplaren der Fall, besitzen stets 1 — 3 untere Kand-
platten solche nahe dem Armende, 7 von diesen Exemplaren besitzen
keine oberen Randstacheln. Bei 13 Exemplaren befinden sich untere
Eandstacheln nur an der Armspitze, bei 8 Exemplaren auch im Arm-
winkel; hier sind sie sehr klein, kommen aber auf allen Platten vor;
bei 4 Exemplaren erstreckt sich diese Stachelreihe auch über den
größeren Teil der freien Arme. Obere Randstacheln fehlen bei allen
Exemplaren im Armvvinkel und in der Nähe der Armspitze voll-
ständig. Bei 14 Exemplaren finden sich obere Randstacheln in der
Mitte der Arme, meist nur 1—4 große und einzeln stehende, nur
bei 3 Exemplaren in geschlossener Reihe nnd von geringer Größe.
Nur ein einziges dieser 25 Exemplare besitzt sämtliche hiei-
vorkommende Stachelsorten nebeneinander ; es ist eines der kleinsten
Exemplare (R = 77 mm). Das andere Extrem ist das Exemplar,
das nur die 5 Apicalstacheln besitzt. Zwischen diesen beiden Formen
sind zahllose Varianten möglich und die wichtigeren in der vor-
liegenden Serie auch vertreten. Die Zahl der Carinalstacheln
schwankt zwischen 1 und 9. Auch die Größe der Stacheln ist in
dieser Serie außerordentlich verschieden. Neben Exemplaren mit
ganz auffallend langen Stacheln, die in hohem Grade an Protoreaster
lincki erinnern, finden sich Exemplare mit zierlichen Stachelchen von
ganz geringer Größe. Aber sämtliche größeren Stacheln sind schlank
und spitz.
Wenn auch manche Exemplare von P. alveolatus sehr an Proto-
reaster nodosus oder lincJci erinnei'n, so kann die Art doch von keiner
dieser beiden Arten abgeleitet werden, da diese sehr charakteri-
stische Scheitelfelder besitzen, die nicht mehr die ursprüngliche
Ausbildung zeigen, wie das noch bei Prot, nodulosus (Fig. F) der Fall
ist. Hier finden sich noch zahlreiche (mehr als 5) äußerlich deutlich
durch die Platten des Scheitelfeldes voneinander getrennte Poren-
felder, gewöhnlich in wenig regelmäßiger Anordnung. Das gleiche
Verhalten zeigt das Scheitelfeld bei allen Arten der Gattung Penta-
ceraster, wenigstens bei jugendlicheren Individuen. Die gleiche Aus-
bildung des Scheitelfeldes zeigt aber auch Bothriaster (Fig. B), und
ich möchte Pentaceraster eher direkt auf diese Form zurückführen,
die auch als Ausgangsform von Protoreaster angesehen werden kann.
Unmittelbar auf P. alveolatus zurückzuführen ist eine noch un-
beschriebene Art von Süd-Japan, P. japonicus n. sp.\ im Museum
430 Ludwig Döderlein,
Berlin liegen davon zwei Exemplare, die von Fischern als Garn-
wickel gebraucht worden waren. Die Art zeichnet sich durch be-
sonders kräftigen Bau aus; der Körper ist hoch, die Arme verhältnis-
mäßig kurz und dick und am Ende breit abgerundet. Die zweite
Reihe der Dorsolateralia ist fast bis zum Ende der Arme wohl ent-
wickelt. Die Bestachelung erinnert durchaus an F. alveoJatus, nur
wenige, aber kräftige Stacheln sind vorhanden, und zwar 1 — 3 Zentral-
stacheln, kräftige, aber nicht sehr lange Apicalstacheln und
zwischen ihnen je ein wohl entwickelter Interradialstachel, der bei
P. alveolatus noch nie beobachtet wurde; dazu einige Carinalstacheln,
je 1—2 Dorsolateralstacheln nur auf der Scheibe, wenige Supra-
marginalstacheln nur auf der Mitte der Arme und im Armwinkel
je 2—3 Inframarginalstacheln. Auffallend sind die 2 Furchen-
stacheln der zweiten Reihe, die dicker sind als bei allen andern
Arten der Gattung.
Unmittelbar an P. alveolatus schließt sich P. multispinus v. Här-
tens aus Flores an (als 0. muricatus var. muUispina v. Härtens auf-
gestellt). Die Stacheln sind hier groß und spärlich wie bei P. alveo-
latus und ebenso verteilt, aber sie sind niedriger und sehr plump,
oft mit großer nackter Spitze, auch treten Zentral- und Dorso-
lateralstacheln schon frühzeitig auf (bei R = 40 mm), doch wie bei
P. alveolatus nur in sehr geringer Zahl. Erst bei sehr großen
Exemplaren (R = 150 mm) werden sie zahlreicher. Große Exem-
plare dieser Art vermag ich überhaupt nicht sicher zu unterscheiden
von gleichgroßen Exemplaren des P. alveolatus; bei letzterer Art
vergrößern sich die Stacheln im Gegensatz zu Protoreaster nodosus
bei großen Exemplaren nicht entsprechend dem Wachstum, sondern
bleiben verhältnismäßig nieder, so daß in diesem Zustand die beiden
Formen nicht mehr unterscheidbar sind. Doch können bei manchen
Exemplaren von P. multispinus im Armwinkel obere Raudstacheln
vorhanden sein, was nach meiner Erfahrung bei P. alveolatus nie
vorkommt.
0. hedemanni Lütken von Billiton scheint mir nur eine Varietät
von P. multispinus zu sein. Er besitzt etwas mehr Dorsolateral-
stacheln und schwächere Randstacheln als die typischen P. multispinus
gleicher Größe von Flores.
Diese Varietät bildet den Übergang zu dem überaus variablen
P. mamillatus Audouin (syn. hiulcus Linck, Perrier, non Müller
et Tr.), dessen Hauptverbreitungsgebiet die Ostküste von Afrika ist,
wo er von Hozambique bis Suez vorkommt. Die typischen Exem-
Gattung Oreaster und Verwandte. 431
plare, von denen ich eine größere Anzahl von Mozambique, Dar es
Salaani, Zanzibar, Aden, Rotes Meer untersuchen konnte, besitzen
besonders große Apical- und Carinalstacheln ; doch sind sie nieder
und plump, nicht hoch. Dazu kommen schon bei jüngeren Exem-
plaren meist mehrere Zentral- und Dorsolateralstacheln auf der
Scheibe, die sich gerne auch auf die freien Arme verbreiten, sowie
zahlreiche Stacheln auf den oberen und unteren Randplatten, be-
sonders auch im Armwinkel; gewöhnlich stehen sie auf den meisten
unteren Randplatten, doch nur auf einem Teil der oberen. Diese
Stacheln bleiben meist klein mit Ausnahme der oberen Randstacheln
an den freien Armen. Doch kommen neben den typischen Exem-
plaren eine solche Menge von Varietäten vor, die sich so auffallend
durch ihre Bestachelung und ihre Armlänge voneinander unter-
scheiden, daß es leicht wäre, aus ihnen ein halbes Dutzend neue
Arten aufzustellen, die einer Anzahl der bisher beschriebenen Ore-
aster-Arien gleichwertig sein würden. Es sind das nicht etwa Lokal-
formen, sondern die ganze Fülle der Formen findet sich schon unter
einer Anzahl von Exemplaren, die Dr. Ortmann auf der Chokir-
Bank bei Dar es Salaam sammelte, und eine ähnliche Mannigfaltig-
keit der Formten zeigt mir eine Serie von Exemplaren, die von Aden
stammen. Diese Variabilität steht der von P. alveolatus in gar keiner
Weise nach.
Bei dieser Art finden sich auch öfters Exemplare, bei denen
die Porenfelder sich in dem Maße über die freie Oberfläche der sie
ursprünglich trennenden Platten ausgebreitet haben, daß von diesen
nur wenig mehr als die nackten Stacheln zu sehen sind, die isoliert
aus dem die ganze Rückenseite bedeckenden Porenfelde heraus-
ragen.
Sind die Stacheln bei dieser Art spärlich, die Dorsolateralstacheln
fast ganz unterdrückt und einige Randstacheln besonders groß, so
entstehen Formen, die von P. mulHspinus kaum mehr zu unter-
scheiden sind, ja selbst nahe an P. alveolatus grenzen.
Eine besonders im Roten Meer und bei Aden verbreitete Form
zeichnet sich durch sehr spärliche, aber ziemlich kräftige Bestache-
lung aus; es fehlen die Dorsolateralstacheln auf den freien Armen
ganz und die oberen Randstacheln ganz oder fast ganz; das ist P.
tubercuJaius Müller et Troschel. Neben ihm kommt aber der
typische P. mamillatus im Roten Meer gleichfalls vor.
Manche Exemplare von P. mamillatus von Dar es Salaam zeigen
nahezu alle Dorsal- und Marginalplatten der Scheibe und sehr viele
432 Ludwig Döderlein,
der freien Arme mit Stacheln versehen. Es ist das eine Form^
die kaum mehr zu unterscheiden ist von einer für die Seychellen und
Mauritius charakteristischen Art, P. horridus Gray (Linck), die aus-
gezeichnet ist durch die kräftige Entwicklung aller Stacheln. Mir
liegen davon zahlreiche Exemplare von Mauritius vor, die eine
außerordentliche Variabilität zeigen. De Loriol unterschied darunter
8 Arten 0. belli, 0. sladeni und 0. grayi. Bei den ursprünglicheren
Formen des P. horridus sind die Dorsolateral- und Zentralstacheln
noch beträchtlich kleiner als die Carinal- und oberen Eandstacheln.
Diese Form könnte fast noch als P. mamillatus bezeichnet werden^
nur sind die unteren Randstacheln im Armwinkel immer von be-
trächtlicher Größe. Bei den extremeren Formen ist der Unterschied
in der Größe der Stacheln nur noch unbedeutend; fast alle Platten
der Oberseite und des Randes sind zu kräftigen Stacheln umgebildet,
die auffallend dicht stehen. P. Jiorridus ist die am reichsten und
dichtesten bestachelte Form von allen Pentaceraster- Arten. Auch die
Unterseite ist gewöhnlich sehr rauh und oft stachelig. Bei vielen
Exemplaren werden die Arme kurz und ganz besonders dick und
plump. Doch erscheint es mir als ganz unmöglich, bei dieser Art
noch eine Trennung in mehrere Arten vorzunehmen.
Die Körpergestalt von P. mamillatus ist noch ziemlich hoch,
bei vielen Exemplaren von P. horridus wird der Körper sehr hoch.
Gerade das Gegenteil davon findet sich bei einer anderen Form, die
sich direkt an P. mamillatus anschließen läßt. Es ist P. affinis
Müller et Tr., von dem mir mehrere Exemplare von Ceylon vor-
liegen. Hier wird der Körper flacher, die Arme kurz (R = 2 r),
ziemlich spitz und an der Basis sehr breit, so daß die Exemplare
einige Ähnlichkeit mit einer sehr großen Asterina haben. Die Be-
stachelung ist ebenso reich wie bei P. horridus, fast alle Dorsal-
und Marginalplatten sind stachelartig; doch sind nur die 5 Apical-
stacheln groß, aber niedrig und plump; alle übrigen Stacheln sind
nur als kleine niedere unbedeutende Höcker ausgebildet. Doch
zeigen sich unter den wenigen Exemplaren, die ich kenne, große
Verschiedenheiten in der Größe der Höcker. Bei dem von Koehler
abgebildeten Typus der Art sind die freien Arme fingerförmig, bei
den mir vorliegenden Exemplaren verjüngen sie sich gleichmäßig.
Im Gebiet des malayischen Archipels kommen eine Reihe von
Formen vor, die sich nahe an P. mamillatus anschließen. Mir liegt
aus der Ausbeute der Siboga-Expedition eine Form vor, P. sibogae
n. sp. von Salawatti, deren jüngere und mittelgroße Exemplare nur
Gattung Oreaster und Verwandte. 433'
durch die ziemlich schwachen Apical- und Carinalstacheln zu unter-
scheiden sind von einem typischen P. mamillatus. Große Exemplare
(R = 150 mm) zeichnen sich durch verhältnismäßig lange Arme aus
(ß = 3 r). Der Rücken der Scheibe trägt last auf allen Platten
niedere Stacheln. Die Apical- und Carinalstacheln sind ziemlich
klein. Dorsolateralstacheln fehlen auf den freien Armen ganz. Das
Vorkommen von Randstacheln ist sehr variabel. Vielleicht ist die
Form mit 0. troscheli Bell identisch.
Bei Hawai und an der tropischen Westküste von Amerika findet
sich eine besondere Form, P. cumingi Gkay (0. occidentalis Verrill.
und 0. haivaiensis Fisher dürften nur Synonjmie sein), bei der die
Scheibe auf fast allen Platten ziemlich gleichmäßig ausgebildete
niedere Stacheln von mäßiger Größe zeigt, während die Bestache-
lung der freien Arme sehr variabel, aber unbedeutend ist. Apical-
und Carinalstacheln sind meist vergrößert. Größere Exemplare
zeichnen sich durch besonders schlanke Arme aus. Die Art zeigt
einen hohen Körper und mäßig lange Arme, wie P. mamillatus.
Sehr ähnlich ist eine bei China entwickelte Form, P. orientalis
Müller u, Tr., bei der die freien Arme fast stachellos sind, was oft
auch bei P cumingi vorkommt. Während aber bei sämtlichen übrigen
Arten von Pentaceraster an mittelgroßen Exemplaren (R höchstens
120 mm) nur je 2—8 Stacheln in der zweiten Reihe der Furchen-
Papillen vorkommen, deren Zahl nur bei sehr großen Exemplaren
auf 4, selten mehr steigt, ist bei P. orientalis schon bei Exem-
plaren von R = 110 mm die Zahl dieser Furchenpapillen auf je
5 (4 — 6) gestiegen. Vermutlich ist 0. chinensis MIill. et Tr. nur
eine Varietät dieser Art. Kleine Exemplare davon (R = 68 mm)
zeigen schon je 4 Furchenpapillen in der zweiten Reihe.
Von normaler Gestalt wie P. mamillatus ist auch P. regulus-
Müller et Tr. aus Ostindien, bei dem sehr zahlreiche Dorsalplatten
und fast sämtliche Marginalplatten stachelartig werden; die Dorsal-
stacheln sind durchgehends sehr klein, auch die Apicalstacheln,.
während die oberen Marginalstacheln veiliältnismäßig groß sind.
Ähnlich dieser Form ist P. australis Lütken von Australien,^
der vielleicht nur dadurch von P. regulus sich unterscheidet, daß
die Apical- und Carinalstacheln ziemlich groß bleiben. Mir liegt
ein derartiges Exemplar aus Neubritannien vor; es zeigt nicht nur
auf den meisten Hauptplatten des Dorsalskelets Stacheln, sondern
außerdem noch auf einigen der Reticularia zwischen der Reihe der
Carinal- und Adradialplatten. Es zeigte sich ferner bei diesem
434
Ludwig Döderlein,
Exemplar, daß zwischen den Hauptplatten auf der Dorsalseite eine
größere Anzahl überzähliger Skeletplättchen liegen, die eine be-
deutendere Größe erreicht haben, als es in der Regel bei den anderen
Arten der Fall ist. Diese überzähligen Skeletstücke stellen zum
Teil Reticularia dar, zum Teil sind es aber stark vergrößerte Poralia,
wie sie auch bei den anderen Arten reichlich, aber in der Regel
nur von geringer Größe (Fig. N u. 0) vorkommen.
Fig. N.
Pentaceraster cumingi. Arm von der
Seite; die oberflächliche Körnchen-
schicht ist größtenteils entfernt.
Zwischen den größeren Skeletplatten
(Carinalia, Dorsolateralia, Snpra-
inarginalia und Reticularia) liegen
zahlreiche kleine Foralia; zahlreiche
Alveolen für Pedicellarien.
Fig. 0.
Ptntaceraster australis. Arm von der Seite; Körnchen
Schicht teilweise entfernt; Poralia stark vergröCert
vgl. Fig. N.
Gatt. Peiitaceroi)sis Sladen.
Daß Reticularia stachel tragend werden, läßt sich schon bei P.
affinis und besonders bei P. horridus beobachten. Indem nun eine
größere Anzahl von Reticularia und zahlreiche der vergrößerten
Poralia stacheltragend werden, d. h. hier als niedere Höcker mit einer
mehr oder weniger deutlichen nackten Spitze sich ausbilden, ent-
steht aus P. australis der Pentaceropsis obtusatus Boey de St. Vincent,
eine Form, die mir in einer Anzahl von Exemplaren vorliegt, die
noch alle Übergänge zu Pentaceraster australis zeigen. Während die sehr
Gattung- Oreaster und Verwandte.
435
zahlreichen unregelmäßig verteilten kleinen Höcker der Oberseite
einen Unterschied zwischen Dorsolateralstacheln und Reticular- bzw.
Fig. R
Pentaceropsis obfusntus. Arm von der Seite; Körnchenscliicht teilweise entfernt.
Poralia sehr groß, trennen die Supramarginalia äußerlich vollständig von einander -
zwischen zwei Supramarginalia sind die Poralia entfernt.
Poralstacheln gar nicht mehr
erkennen lassen, zeigen die
meisten Exemplare noch
merklich vergrößerte Apical-
stacheln, seltener auch noch
eine deutliche Reihe etwas
vergrößerter Carinalstacheln.
Kleine Randstacheln können
vorhanden sein oder fehlen;
selten zeigen sie noch eine
bedeutendere Größe. Ein
weiteres Merkmal der Gat-
tung Pentaceropsis ist eben-
falls noch in allen Ab-
stufungen zu beobachten. Bei
den typischen extremeren
Exemplaren sind die Poralia
und die äußeren Ventro-
lateralia derartig vermehrt,
Fig. Q.
Fentaceropsis obtusatus, älteres Exemplar.
Armskelet von unten; Dorsalskelet von innen
HaR siP «iVh -/wicf.hpn ^i^ sichtbar (vgl. Fig. K). Die Ventrolate.alia
aaJi sie sich zwischen die trennen die unteren Randplatten von einander.
28
Zool. Jahrb. 40. Abt. f. Syst.
436 Ludwig Döderlein,
Randplatten eingedrängt nnd diese wenigstens äußerlich vollständig
getrennt haben (Fig. P u. Q). Schon bei den Pentaceraster- Arten läßt
sich, besonders an alten Exemplaren, beobachten, daß die Poralia
keilförmig sich zwischen die Reihe der oberen Randplatten, die
äußeren Ventrolateralia zwischen die der unteren Randplatten ein-
geschoben haben. Bei alten Exemplaren von P. mamillatus konnte
ich öfter eine vollständige äußerliche Trennung benachbarter Rand-
platten voneinander beobachten. Jüngere Exemplare von Fentace-
ropsis oUusatus zeigen den normalen Zustand von Pentacerasfer, das keil-
förmige Eindringen der überzähligen Platten zwischen die noch zu-
sammenhängenden Randplatten (Fig. R). Erwachsene Exemplare
zeigen in der Regel die vollständige äußerliche Trennung der Rand-
platten; doch tritt das bei verschiedenen Exemplaren in sehr ver-
schiedenem Alter ein; mitunter zeigen noch recht große Exemplare
Reihen von zusammenstoßenden Randplatten.
Fig. R.
Pentaceropsis obtusatus, jüngeres Exemplar von unteu. Randplatten in ununter-
brochener Reihe. 0,60:1.
Bei der Entstehung der Gattung Pentaceropsis handelt es
sich also um eine starke Vermehrung und Vergrößerung überzähliger
Plättchen, der auch bei den normalen Formen von Pentaceraster stets
vorhandenen Reticularia, Poralia und äußeren Ventrolateralia, die
die Tendenz haben, sich auszubreiten auf Kosten der Hauptplatten
des Skelets. Diese Ausbreitung erreicht ihr Extrem bei Penta-
ceropsis, wo sie auf der Dorsalseite den Hauptplatten gleich werden
Gattung Oreaster und Verwandte. 437
und wie diese als Höcker auftreten, während sie am Rande die
Stelle der Randplatten einzunehmen sich bestreben und diese wenig-
stens äußerlich völlig- voneinander trennen. Doch sind das Erschei-
nungen, die nur nahe der Oberfläche sich bemerklich machen, wäh-
rend die tieferliegenden Teile des Skelets gar nicht davon berührt
werden. Von der Innenseite betrachtet gleicht das dorsale Skelet von
P. ohtusatus vollständig dem von Pentaceraster alveolatus (Fig. K u. Q),
während die Randplatten in der Tiefe stets eine ununterbrochene
Reihe bilden.
Pentaceropsis ohtusatus ist im östlichen Teil des malayischen
Archipels weit verbreitet (Neuguinea bis Philippinen). Bei Neu-
britannien kommt er neben seiner Stammform Pentaceraster australis
vor, mit der er leicht verwechselt werden kann.
Während nun hier überzählige Platten von der Dorsal- oder
Ventralseite aus sich zwischen die geschlossenen Reihen der oberen
und unteren Randplatten eindrängen, um sie schließlich voneinander
zu trennen, lassen sich bei vielen Arten von Pentaceraster überzählige
Plättchen im Armwinkel zwischen den beiden Reihen von Rand-
platten beobachten. Sie finden sich in den von den einzelnen Platten
gebildeten Winkeln und spielen in der Regel nur eine unbedeutende
Rolle. Ich kenne solche Intermarginalia bei einzelnen, besonders
größeren Exemplaren von vielen Arten, vor allem bei P. mamillatus,
P. horridiis, doch finden sie sich mitunter schon bei P. alveolatus.
Bei P. Orientalis werden sie etwas umfangreicher und trennen
im Armwinkel die beiden Reihen von Randplatten auf eine kurze
Strecke völlig voneinander. Sehr auffallend sind sie aber bei P. gra-
cilis LüTKEN, wo sie längs des ganzen Aimwinkels vorkommen, einen
bedeutenden Umfang erreichen und wenigstens bei größeren Exem-
plaren (R = 160 mm) die Reihe der oberen Randplatten weit von
der der unteren trennen. P. gracilis ist auch in anderer Beziehung
eine sehr eigentümliche Form unter den Arten von Pentaceraster. Der
Körper ist flach, die Arme fingerförmig schlank; die Platten der
Scheibe bilden ein sehr regelmäßiges Netz und tragen fast sämtlich
kleine schlanke Stacheln von nahezu gleicher Größe, so daß die Be-
stachelung eine Regelmäßigkeit zeigt wie bei keiner anderen Art.
Die Zahl der Randplatten, die bei allen Arten von Pentaceraster
bei gleicher Größe ungefähr die gleiche ist, ist merklich vermehrt.
Ich kenne noch keine Form von Pentaceraster, der P. gracilis unmittelbar
anzureihen wäre. Er ist aber ohne jeden Zweifel auf eine Form
28*
438 Ludwig Döderlein,
der mamillah<s-Gru-p\)e zurückzuführen. Mir liegt die Art, die eine
weite Verbreitung haben soll, in einem Exemplar von Australien
(Port Denison) vor, dem typischen Fundort. P. rouxi Koehler von
Aru-Inseln scheint mir ein jüngeres Exemplar zu sein, das in den
Formenkreis dieser Art gehört.
Gatt. Poraster 71. </.
Während die Papulae bei den bisher erwähnten Formen der
Oreasterinae und verwandten Gruppen streng auf die Dorsalseite be-
schränkt sind und sich nur bis zum oberen Eand der Marginal-
platten verbreiten, dringen sie bei einer weiteren Gruppe von
Arten auch zwischen die beiden Reihen von Randplatten vor, und zwar
finden sich Porenfelder hier sowohl im Armwinkel wie auf den freien
Armen (Fig. S). Diese Gruppe bildet die Gattung Poraster n. g. mit
Fi^. S.
Poraster produchis. Armwinkel von der Seite.
der typischen Art P. productus Bell, die mir von Ostindien vor-
liegt, aber zuerst aus dem malayischen Archipel (Billiton) erwähnt
wird. Vielleicht schließt sie sich am nächsten an P. graciUs an,
mit dem sie das Auftreten stark entwickelter Intermarginalia, die
bei P. productus sogar bestachelt sind, teilt; an P. gracüis erinnert
auch die sehr regelmäßige Anordnung und gleichmäßige Größe kleiner
schlanker Stacheln auf der Scheibe, die allerdings den Dorsolateral-
platten größtenteils fehlen, sowie ferner die Vermehrung der Zahl
der Randplatten. Denn eine Eigentümlichkeit der Gattung sind die
sehr langen Arme (R = 3,3 — 4,6 r); dazu kommen in Qiierreihen stehen-
de Stacheln der proximalen unteren Randplatten und die (? stets)
Gattung Oreaster und Verwandte.
439
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0-550
440 Ludwig Döderlein, Gattung Oreaster und Verwandte.
Bestachelung- der Ventrolateralplatten. Zu dieser Gattung gehört
jedenfalls noch P. indicus Koehlee, von Ostindien und P. superbus
MÖBius von Sumatra mit spärlicherer, aber gröberer Bestachelung, bei
denen Dorsolateralstacheln meist ganz fehlen.
Bei einer ganzen Anzahl von Oreaster- Arien, die ich nur aus
der Literatur kenne, vermag ich ihre Verwandtschaftsverhältnisse
zu den mir bekannten Formen nicht genauer festzustellen. Es finden
sich unter den als Oreaster (Pentaceros) in der Literatur aufgeführten
Arten aber solche, die durchaus nicht in diese Gattung gehören,
wenn man sie auch in ihrem alten weiten Sinne auffaßt. Dazu ge-
hört, wie oben schon bemerkt, Pentaceros granulosus Gray, den ich
für nichts anderes halte als einen Goniodiscus seriatus Müller et
Troschel, ferner Oreaster valvidatus Müller et Troschel, der zu
den Antkeneinae gehört, wo er eine besondere Gattung bildet, die
ich Anthaster benannte. Sicherlich gehört auch Oreaster forcipulosus
LüTKEN nicht zur Gattung Oreaster, doch sind nur nach den An-
gaben in der Literatur seine Verwandtschaftsbeziehungen nicht fest-
zustellen.
Meine Ansicht über die Verwandtschaftsverhältnisse der mir
aus eigner Anschauung bekannten Formen, die ich zu der Familie
der Oreasteridae stelle, mag der beigegebene Stammbaum (S. 439)
veranschaulichen.
O. Pätz'sche Buchdr. Lippert & Co. G. m. b. H., Naumburg a. fl. .S.
Zooloii. Jnhrbiiclier Bd. 40 AU. f. Sy.^,
Taf. 15
Armbriister phot., ausg. Fig. 3—5.
Verlag von Gustav Fisclier
Zoolog. JaJu'biic/uT Bd. ^lO Abt. f. Syst.
Taf.16.
Babic
Verlag von GustavFischer in Jena. üth. Anst.v A. Giltsch.Jena.
Zoolog.JaJu'bächer M. 'lO Abt.r Syst.
K-
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29.
Verlag von GusBvFischeri
LitkAnstvA Glitsch 0'
7.ooh,f,.-M>i-hiirher Bd '10 .U/f! Syst
Verlag vor, CasUvFischtr in Jena
Lth Ana vA Glitsch. Jena.
Nachdruck verboten.
Übersetzungsrecht vorbehalten.
Freilebende Süßwasser-Nematoden der Bukowina.
Von
Dr. Heinrich Micoletzky,
Privatdozent und Assistent am Zoologischen Institut der Universität Czeruowitz.
(Mitteilung aus dem Zoologischen Institut der Universität Czernowitz.)^)
Mit Tafel 19-22.
Inhaltsverzeichnis.
Seite
Allgemeiner Teil ' 443
Vorwort 443
Literaturergänzung 444
Methodik 445
Untersuchungsgebiet 446
Häufigkeit, Vorkommen, Biocönosen 451
Jahreszeitliche und geographische Verbreitung 462"
Variation 465
Lebensweise 469
Parasiten 470
Jugendstadien und Sexualrelation 471
Systematischer Teil 473
Neue, eingezogene und synonyme Arten 473
Bestiramungstabelle der Gattungen 474
Bestimmungstabelle der Arten = 476
1. Älaimus primitivus de Man 484
2. Aphanolaimus aqvalicus Daday 484
3. Tripyla papillata Bütschli 486
1) Infolge der Kriegsereignisse hat die Korrektur dem Herrn Verfasser
nicht vorgelegt werden können.
Zool. Jahrb. XL. Abt. f. Syst. 29
442 Heinrich Micoletzky,
Seite
4. Monoliysiera siagnalis Bastian *' 487
5. — ^;a/tM/{coto de Man 491
6. — vulgaris de Man 49S
7. — siniilis BÜTSCHLi 495
8. — dispar- Bastian 495
9. — füiformis Bastian 497
10. — sctosa BÜTSCHLI 498
11. Trüohus gracilis Bastian 504
Ha. — — var. grandipcqnllatus (Brakenhoff) 511
12. — pellucidus Bastian 514
13. Aidolaimoides elegans MiCOLETZKY 516
14. Cylindrolaimiis commioiis de Man 521
15. Rliahdolaimus aqiiatieiis de Man 521
16. — terrestris de Man 522
17. Ccphalohns striatus Bastian . - 522
18. — oxguroidcs de Man 522
19. — elongatus DE Man 523
20. Teratocephalus ierrestis (BüTSCHli) 525
21. — • spiralis MiCOLETZKY 526
22. — spiraloides Micoletzky 527
23. Plectns cirratus Bastian 528
24. — tenuis Bastian 530
25. — parrus Bastian 531
26. — qranulosus Bastian 532
27. Rhabditis aquaiica Micoletzky 534
28. — paraelongata Micoletzky 535
29. — monohystera Bütschli 536
30. — teroides Micoletzky 537
31. — coronata CoBB 538
32. — .9J0 539
33. Ironus ignanjs Bastian 540
■ 34. Diplogaster ficlor Bastian 541
35. — rivalis (Leydig) 544
36. -^ striatus Bütschli 546
37. Mononchus onocrostoma Bastian 548
38. — miiscorum (Dujahdin) . 549
39. Chromadora hioculnia (M. Schultze) 551
40. — alpina Micoletzky 552
41. — lacustris Micoletzky 555
42. Dorylaimus carieri Bastian 556
43. — siagnalis Dujardin 557
43a. — — var. crassiis (de Man) 560
44. — hastiani Bütschli 563
45. — flavom acuta tu s LlNST0^v 564
46. — filiformis Bastian 566 -
47. — obtiisicaudatüs Bastian 569
48. — centrocerctis de Man 570
Freilebende Süßwasser-Neinatoden der Bukowina. 443
Seite
49. Dorylai))ius macrolaiiints de ]\rAN 570
50. Tylencims ßliformis Bütschli 571
51. — gracilis DE Man 571
52. — agrkola DE Man 572
53. — davainei Bastian 573
54. Aphelenchus striniiis Steiner var. aquaiicus n. mr. . . . 574
55. Criconema rustmnn Micoletzky hll
Allgemeiner Teil.
Vorwort.
Bereits im Jalire 1910 begann ich — allerdings zunächst mehr
gelegentlich und weniger planmäßig — der Nematodenfauna der Ge-
wässer der Bukowina meine Aufmerksamkeit zuzuwenden. Eine
planmäßige Fortsetzung erfuhren diese Studien erst nach dem Ab-
schlüsse meiner Arbeit über die freilebenden Süßwasser-Nematoden
der Ost-Alpen. So erschien es mir vor allem wünschenswert, einen
exakten Vergleich zwischen alpinem Material und solchem, das mehr
ebenen Gelände entstammt und von den Folgen der Eiszeit ver-
schont blieb, auf Grund eigener Beobachtungen anzustellen. Für
die Wahl der Bukowina war meine berufliche Gebundenheit an
Czernowitz maßgebend. Damit dieser Vergleich ein auf tunlichst
gleicher Basis ruhender sei, war es meine Absicht, in beiden Fällen
annähernd die gleiche Nematodenzahl zugrunde legen zu können;
Da ich in den Ost-Alpen (samt Nachtrag) über 5000 Nematoden ge-
sammelt habe, wollte ich in der Bukowina mit einer ähnlichen Zahl
abschließen. Leider verhinderten mich die kriegerischen Verwick-
lungen, die gerade mein Untersuchungsgebiet in ausgedehntem Maße
berühren, an meinem Vorhaben, und ich sah mich gezwungen, in den
ersten Tagen des August 1914 mit dem weiteren Materialgewinnen
abzubrechen. Sehr leid tat es mir, daß ich den Pruth-Fluß mit
seinen Altwässern, den ich — ähnlich wie das Lunzer Seengebiet
in den Ost- Alpen — zur Grundlage meiner vorliegenden Studien be-'
stimmt hatte, nicht mit vorgehabter Gründlichkeit untersuchen
konnte. So habe ich mit etwas über 3000 Nematoden, von deneil'
etwa 10^0 a-uf den Pruth und seine Altwässer entfielen, mich be-
gnügen müssen. Flüsse sind nur bei Niederwasserstand zur Probe-'
entnähme geeignet. Das erste Halbjahr 1914 zeigte indessen be-'
ständig Hochwasser oder doch Übermittelstand. Als der Fluß sank,
29*
444 Heinrich Micoletzky,
war der Krieg- ins Land hereingebrochen. Vielleicht gelingt es mir
späterhin, diese Lücke auszufüllen. Trotzdem, glaube ich, besitzt der
folgende Beitrag zur Süßwasser- Nematodenkunde für den Vergleich
mit dem Ost-Alpenmaterial sowohl als auch in Anbetracht der fau-
nistisch-systematischen Ergebnisse Daseinsberechtigung.
An dieser Stelle sei es mir gestattet, jenen, die durch
Literaturbehelfe und Ratschläge indirekt oder durch Materialsammeln
in direkter Weise meine Arbeit gefördert haben, meinem besten
Dank zu sagen. Dieser gebührt in erster Linie meinen hochver-
ehrten Chef, Herrn Prof. Dr. C. Zelinka. Für ihre bereitwillige
Hilfe beim Materialsammeln danke ich besonders den Herren Privat-
dozent Dr. E. BoTEZAT, Demoustrator E. Mauree, Dr. A. Mühldorf
und Dr. F. Reinhold sowie meiner lieben Frau, der ich insbe-
sondere von den Ineu-Hochseen Wertvolles Material zu verdanken
habe.
Czernowitz. Ende Mai 1915.
L i t e r a t u r e r gä n z u n g.
In jüngster Zeit haben die Schweizer Zoologen, die von jeher
der Faunistik ihres Landes ihre besondere und ersprießliche Für-
sorge angedeihen ließen, unserer Tiergruppe ihre Aufmerksamkeit
geschenkt. Hierher fallen die Arbeiten von Hofmänner (1913), Menzel
(1914), Stefanski (1914) und Steiner (1914). So befassen sich Hof-
männer und Stefanski mit der Nematodenfauna des Genfersees und
seiner Umgebung, während Menzel die der schweizerischen Hoch-
alpen, mit besonderer Berücksichtigung der Moospolster, ins Auge
faßt. Steiner scheint, seiner vorläufigen Mitteilung nach, die eine
große Artenliste sowie Beschreibung und Abbildung zahlreicher neuer
Arten enthält, Süßwasser- und Erdbewohner eines umfangreichen
reichen Materials durchgearbeitet zu haben.
Hofmänner macht 42 Arten aus dem Genfersee bekannt, unter
denen sich 6 neue Arten (2 unbestimmt) befinden. Menzel be-
schränkt sich auf die Fauna der Hochgebirgs-Moospolster und er-
wähnt nur gelegentlich Süßwasserfunde. So verzeichnet er unter
48 Arten 11 auch im Süßwasser gefundene und erwähnt anhangs-
weise 9 von ZscHOKKE für die Schweiz namhaft gemachte freilebende
Süßwasser-Nematoden. Stefanski endlich, dessen Hauptunter-
suchungsgebiet gleich HoFMÄNNEE der Genfersee bildet, macht 50
Freilebende Süßwasser-Nematodeii der Bukowina. 445
Arten namhaft, von denen 16 als terncol hier in Abzug gebracht
werden müssen.
Nicht uninteressant ist der Vergleich der Artverzeichnisse von
Hofmänner und Stefanski bezüglich des Genfersees. So sind von
HoFMÄNNEE 42 bzw. 41 Arten (da Plectiis palustris und P. tenuis
meines Erachtens synonym sind) und von Stefanski 34 bzw. 33 Arten
(da Monohystera crassa und M. dispar synonym sind) für dieses Ge-
wässer bekannt geworden. Hiervon sind 22 Arten ^) gemeinsam, 20
Arten verzeichnet Hofmännee, die Stefanski nicht gefunden hat
(darunter 4 bzw. 6 neue Arten), 12 Arten verzeichnet Stefanski,
die Hofmännee nicht auffinden konnte (hiervon sind 4 neue Arten).
Von häufigeren Arten gehören hierher nach Hofmänner: Dorylaimus
carieri, Pledus pedunculatus Hofmänner, jRhabdüis brevispina, nach
Stefanski Plectus rliizopMlus. Dieser Vergleich zeigt, wie unvoll-
ständig selbst Studien sind, die sich auf eine einzige Tiergruppe
eines Gewässers beschränken, und wie vorsichtig mau daher bei
öcologischer bzw. geographischer Verwertung der Literatur unserer
Gruppe sein muß.
Bei der Methodik habe ich mich von denselben Gesichts-
punkten leiten lassen wie beim ost-alpinen Material und ich ver-
weise daher, um Wiederholungen zu vermeiden, auf meine frühere
Arbeit. Die Proben wurden entweder durch einfaches Schöpfen oder
durch den Mullketscher gewonnen; hie und da, besonders an stark
verwachsenen Tümpeln, erwiesen sich die ins Wasser hängenden
Pflanzenwurzeln und Mulm als besonders nematodenreich. Auch
das Abschaben verschlammter Steine, alter Schilf-, Eohr- und Carex-
Stengel lieferte ein an Fadenwürmern reiches Substrat. Zum Unter-
schiede vom ost-alpinen Material sei hervorgehoben, daß hier ein Teil
des Materials erst im konservierten Zustand aus dem Fange heraus-
gesucht wurde. Dies geschah durchwegs bei jenen Proben, die dem
südlichen gebirgigen Teil der Bukowina entstammten. Da die
Nematoden der kalten Bäche und stehenden Gewässer des Gebirges
gegen Erwärmen sehr empfindlich sind, war es angezeigt, sofort unter
kräftigem Schütteln Formaldehyd hinzuzufügen, so daß das Material
in etwa 10 fach verdünnter Formaldehydlösung dauernd aufbewahrt
1) Unter die gemeinsamen Arten habe ich auch beide Species von
Prismatolahnus aufgenommen, obwohl sie von Stefanski nur terricol ge-
funden worden sind.
446 Heineich Micoletzky,
werden konnte. Trotz kräftigen Scliüttelns führte diese Konser-
vierung auf kaltem Wege bei manchen Arten (insbesondere bei
Trilohus gracüis und noch mehr bei Tripyla papiUata) zu starken
Krümmungen bis korkszi eherartiger Aufrolluug. Zum Heraussuchen
erwies mir das binokulare Mikroskop-Stativ von Zeiss bei 10—20-
facher Vergrößerung ausgezeichnete Dienste. * Die aus Formol oder
aus lebenden Material ^) herausgesuchten Nematoden wurden aus-
nahmslos in Alkoliol-Glycerin nach Looss gebracht und im Thermo-
staten bei 30—40'' in Glycerin überführt (durch Verdunsten des
Alkohols). Die Untersuchung und das Anfertigen von Präparaten
erfolgte fast ausschließlich in dieser Flüssigkeit.
U n t e r s u c h u n g s g e b i e t.
Das nachstellend behandelte Nematoden-Material entstammt der
Bukowina und zwar in erster Linie der Landeshauptstadt Czernowitz
und seiner nächsten Umgebung sowie dem Plateau zwischen Pruth
und Dnjester, in zweiter Linie dem karpathischen Waldgebirge im
Süden. Hier schließt sich das Material des Ineu (Kuhhorn 2280 m)
in Ungarn (Siebenbürgen) an.
Um die Übersichtlichkeit der Fundorte zu ermöglichen und
Schwerfälligkeiten im systematischen Teil bei den Fundortangaben
zu vermeiden, gebe ich ein alphabetisch geordnetes Ver-
zeichnis der Fundorte und bemerke hierzu, daß knapp hinter dem
Fundorte das biologische Charakteristikum in Form eines Schlag-
wortes folgt. Diese Schlagworte stimmen mit jenen der Biocönosen-
Tabelle (S. 454) überein, nur steht hier der Kürze halber für einen
Wiesentümpel, ein offenes Gew^ässer in Wiesen-, Acker- oder Hut-
weidenland (letzteres vorwiegend), der Ausdruck Tümpel schlechthin.
Bei den Fundortsangaben der einzelnen Arten im systematischen
Teil gebe ich nur den Ort, das Schlagwort der Gewässer-Art und
die demselben beigefügte bzw. vorgesetzte No., das die schnelle und
sichere Auffindung gewährleistet.
1) In diesem Falle wurde Alkohol-Glycerin in heißem Zustande ver-
wendet.
Freilebende Süßwasser-Nematoden der Bukowina. 447
Fundorts-Zusammenstellung- in alphabetischer Folge.
Cecina, 530 m Seehöhe, 10 km westlich von Zahl der
Czernowitz Arten Individuen
1. Waldtümpel mit Buchenlaub bei Fordhause,
27./4. 1912 1 1
2. Wal drandtürap el , tief, mit Weiden be-
standen, a 29./8. 1911; b 23./11. 1913 9 100
3. Waldrandtümpel, benachbart, graben-
artig, seicht, mit Buchenlaub, 23./11. 1913 1 2
4. Tümpel gegen Bila, 24./3. 1912 1 1
5. W aldrandtümp el gegenßewna, 16./6. 1912 1 1
Czance, 18 km nördlich von Czernowitz. Die
3 Mühlteiche liegen hintereinander und be-
sitzen dieselbe Wasserspeisung
I.Teich, oberster (nördlichster), offen an der
Straße gelegen, 13./9. 1911 10 291
2. Teich, mittlerer, teils offen, teils mit Feld-
gehölz, 13./9. 1911 4 40
3. Bach zwischen dem mittleren und dem
untersten Teich, eisenschüssig, 13./9. 1912 1 1
4. Teich, unterster, im gemischten Walde ge-
legen, 16./4. 1912 6 10
5. Bach, Abfluß dieser 3 Mühlteiche, 16./4. 1912 2 4
Ozernowitz-Stadt, ca. 230 m Seehöhe
1. Abwasser, Straßengraben beim Elektrizitäts-
werk, mit viel Euglena, saprob., 11. /9. 1911 12 49
2. Teich beim Schillerpark, teilweise künstlich,
a 18./7. 1911; b 5./5. 1914; c 15./6. 1914 12 99
3. Sumpf (Phragmitetum) des Rennerteiches,
30./6. 1912 5 12
4. Tümpel der Ziegelei beim Rennerteich,
12./9. 1914 1 2
5. Bach zwischen Ziegelei-Tümpel und Renner-
teich, 12./9. 1914 5 25
6. Sumpf, Dr. RoTT-Tümpel, stark verschilft,
a 23./4. 1910; b 29./3. 1912; c 30./4. 1914 13 136
Czernowitz-Bila
7. Tümpel, groß, bei der Ziegelei, 9./9. 1911
8. Tümpel, klein, bei der Ziegelei, 17./3. 1912
9. Tümpel beim Bila- Wäldchen, 29./10. 1911
10. 1 Tümpel beim Bila- Wäldchen, benachbart,
11. ) 25./3. 1912
12. Bach, 18./4. 1912
Czernowitz-Rosch
13. Tümpel, 4./5. 1912
14. Tümpel, benachbart, 22./4. 1912
6
24
4
16
4
53
3
7
6
16
3
8
2
6
3
14
448
Heinrich Micoletzky,
Czernowitz-Horecza
15. Tümpel am rechten Pruthufer, ca. 20 m
über dem Pruth, a 17./8. 1911 ; b 27./8. 1911 ;
c 28./8. 1911; d 17/10. 191]
16. Tümpel am linken Pruthufer beim neuen
Wasserwerk, Überschwemmungsgebiet im wei-
teren Sinne, 12./9. 1911
Czernowitz-Pruth
17. Fluß bei Horecza, Boden mit Grünalgen be-
deckt, 6./5. 1914
18. Fluß bei Czernowitz, Ende Mai 1912
19. Altwasser des Pruth, Änodonin- Aufwuchs
mit Pliimatclla fungosa, 25./5. 1911
20. Altwasser des Pruth, 11. /lO. 1911
21. Dsgl., 17/10. 1911
22. Dsgl., 16./6. 1912
23. Dsgl., 10./3. 1912
24. Dsgl. bei Horecza, 6./5. 1914
25. Dsgl. bei Czernowitz, Ende Mai 1912
Czeremosz
Altwasser bei Banilla, April 1912
Dorna- Watra
Gebirgsaltwasser an der Dorna, eisen-
schüssig, 27./6. 1914
Geb irgswiesentümpel, 28./5. 1914
F r a n z t a 1
1. Tümpel, 14./4. 1914
2. Tümpel, benachbart, 14./4. 1914
Ineu
1. Hochsee (Bergsee), vinterhalb des Gipfels,
1810 m
a) sandiges Ufer, 23./7. 1911
b) Carex- Wurzeln und Sand, 26./7. 1914
c) Schlamm-Ufer mit AVassermoos, 26. /7. 1914
2. Hochsee (Bergsee), 2000 m, beim Schnee-
fleck, 26./7. 1914
3. Gebirgstümpel, 1000 m, bei der Rotunda,
28./7. 1914
Kiczera
I.Tümpel mit Ceratophyllum und Typha,
7./6. 1914
2. Tümpel, benachbart mit Ceratophyllum und
Typha, 7./6. 1914
3. Tümpel, benachbart mit Typha und Carex
4. Waldtümpel, 20./6. 1910
Kirlibaba
Gebirgsstraßengraben auf der Straße
nach Jakobeny, a 1./7. 1912; b 28./6. 1914
Zahl der
Arten Individuell
7 53
60
8
44
7
22
11
72
6
2a
5
12
4
10
8
27
8
26
5
10
11
123
3
8
6
13»
10
81
5
10
11
102
12
8&
14(2Var.)
179
7
15
25
31
268
1
13
Zahl
der
Arten
Individuen
9
36
10
102
1
1
7
22
4
12
Freilebende Süßwasser-Nematoden der Bukowina. 449
K 0 1. z m a n ^)
I.Teich No. 11, a Stelle mit Fontinalis,
26./5. 1914; b Stelle ohne Fontinalis, 26./5. 1914
2. Teich No. 12, Damm, Wasserkante, 26./5. 1914
3. Laich-Teich No. 8, 15./5. 1910
K u c z ti r m a r 6
1. Tümpel, 24./5. 1914
2. Tümpel, 9/6. 1912
3. Waldrandtümp el mit viel Lenina minor,
24./5. 1914 2 10
Luczyna
Gebirgswiesentümpel, 1150 m, stark ver-
moost, 31./5. 1912 1 10
Mesticanesti
G e b i r g s w a 1 d t ü m p e 1 , ca. 1 000 m Seehöhe,
25./5. 1912 1 2
Mihalce, ca. 8 km südwestHch von Czernowitz
Tümpel, 22./4. 1912 3 9
Ouchor, ca. 1000 m
Gebirgswiesentümpel, 25./5. 1912 6 13
Ouchor-Dorna-Kandreni
Gebirgsbrunnen-Trog, 800 m, 25./5. 1912 2 2
Radautz
Bach, mit Algen überzogenes Holz eines Mühl-
baches mit Gammarus jndex Mitte Juni 1914 8 55
Rareu
l.Gebirgsbach, 1200 m (Südhang, rumän.
Seite), Hypnum-Moos, verschlammt, 27./6. 1914 2 2
2. Almtümpel, ca. 1225 m, eisenschüssig,
27./6. 1914 4 130
3. Almtürapel, ca. 1500 m, 28./6. 1914 15 113
Tereblestie
1. Tümpel, März 1912 3 4
2. Tümpel, 12/3. 1911 4 17
3. Tümpel, 13./4. 1912 8 39
4. Altwasser des Sereth-Flusses, 14./6. 1914 2 86
S.Brunnen (Cisterne), offen, mit Lemna minor,
14./6. 1914 13 99
T 0 n t r y
Quelle des Dnjester-Gebietes, 9./6. 1912 2 3
Zastawna
Teich, 10./6. 1912 2 2
Gesamtindividuensumme : 3130
1) Die Teichanlagen von Kotzman, ca. 20 km von Czernowitz, sind
größtenteils Kunstteiche und bilden eine Karpfen-Muster-Teichwirtschaft
des griechisch-orientalischen ßeligionfonds.
450 Heinrich Micoletzky,
Die arabischen Ziifern bedeuten verschiedene Gewässer, die
ersten Buclistaben des Alphabets hingegen zeitliche oder örtliche Ver-
schiedenheiten einzelner Fänge in demselben Gewässer,
Von diesen Fundstellen gehören an:
1. der Umgebung von Czernowitz: Cecina, Franztal,
Kiczera, Kuczurmare und Mihalcze.
2. dem Plateau z wischen Pruth und Dnj est er: Czance,
Kotzman, Toutry, Zastawna.
3. dem karpathischenWaldgebirge: Dorna Watra, Ineu,
Kirlibaba, Luczyna, Mesticanesti, Ouchor, Rareu.
4. Isolierte Fundorte: Czeremosz, Radautz, Tereblestie.
Bei einem Vergleiche des vorliegenden Untersuchungsgebietes
mit jenem in den Ost-Alpen fällt in der Bukowina vor allem der
Mangel jeglicher Seenbildung auf. Die beiden Hochseen am Ineu
lassen sich biologisch mit den subalpinen Seen nicht vergleichen.
Es sind dies Wasseransammlungen, die mit den Seen in den Geröll-
halden der Alpen gleichgestellt werden können. Der untere, von
Rhododendron und Zwergföliren (Pinus montana) umrahmt, ist ein
Quellsee, der obere ein etwas größerer Schmelzwassertümpel ohne
nennenswerte Vegetation. Während in den Ost-Alpen — wie die
biocönotische Tabelle lehrt — der größte Teil des Materials den
subalpinen Seen mit ihrer biologisch meist wohlgegliederten Ufer-
zone entstammt, finden wir hier in überwiegender Zahl offene
Tümpel.
Sammelzeit. Mit Ausnahme der ausgesprochenen Winter-
monate wurde während des ganzen Jahres Material gesammelt.
Während der Vereisung war es mir zufolge der Eisstärke — das aus-
gesprochen kontinentale Klima des Landes führt meist zu einem
Ausfrieren der Tümpel bis zum Grund — unmöglich, meine Beobach-
tungen im Freien fortzusetzen. Im allgemeinen ist die Ausbeute in
den Herbstmonaten am ergiebigsten. Es hängt dies jedoch weniger
mit der Zunahme der absoluten Nematodenmenge zusammen als
in erster Linie mit dem Tiefstand der Gewässer. Diese weisen auf
geringem Räume eine große Nematoden-Dichtigkeit auf, während im
Frühjahr und Frühsommer Schneeschmelze und Regengüsse Über-
schwemmungen der Flüsse und Altwasser sowie Hochwasserstand
der übrigen Wasseransammlungen bedingen, so daß Nematoden teils
von ihrem Substrate verschwemmt, teils in dünnerer Verteilung an-
getroffen werden.
Freilebende Siißwasser-Neiiiatoden der Bukowina.
451
Häufigkeit, Vorkommen, B i o c ö ii o s e n.
Leider bin ich diesmal nicht in der Lage, so genaue Angaben
bezüglich der Häufigkeit machen zu können wie beim ostalpinen
j\raterial. Erstens habe ich diesmal weniger Lidividuen und weniger
Fänge untersucht (3130 Lidividuen auf 82 Fänge gegen 4492 Lidi-
viduen auf 106 Fänge). Zweitens habe ich mit dem Bukowiner
Material meine Nematodenstudien begonnen, und erst im Laufe der
Zeit, namentlich erst gelegentlich meiner dazwischen gefallenen Be-
obachtungen in den Ost- Alpen, wurden Versuche gemacht, über die
Häufigkeit einigermaßen verläßliche Vorstellungen zu gewinnen. So
beschränken sich in meine Fangprotokolle in der Mehrzahl der Fälle
auf die üblichen Bezeichnungen wie sehr häufig, häufig, vereinzelt,
selten und sehr selten und nur in 36 (von 82) Fällen liegen exakte
Angaben vor. Da nun die vorliegenden Gewässerarten viel mannig-
faltiger sind als beim Vergleich smaterial, so ist meinen folgenden
Ausführungen nur geringer Wert zuzuerkennen:
Häufigkeitstabelle.^)
Substrat 2)
Nematodenreichtum
Zah
Proben »;
der
Fänge*)
Wassertümpel
des Flachlandes
mittel''^) (sehr wenig — sehr viel)^)
95
7
des Gebiryes
wenig
12
1
Waldrandtiinipel
wenig (sehr wenig — mittel)
11
3
Almtünipel
mittel (wenig— mittel)
44
2
Sumpf
mittel (wenig— viel)
7
2
Gebirgs-StraGen graben
sehr wenig
10
1
Teich
mittel (sehr wenig— sehr viel)
68
8
Bergsee
wenig (wenig — mittel)
109
3
Brunnen des Flachlandes
mittel
9
1
Bach des Flachlandes
mittel
9
2
Bach des Gebirges
sehr wenig (äußerst wenig— sehr viel
11
2
Altwasser des Flachlandes
aiittel (wenig— mittel)
26
3
Altwasser des Gehirij-es
viel
11
1
13 feubstrate
1) Vgl. MicoLETZKY, 1914, p. 345.
2) Eine Probe enthält durchschnittlich 0,15 ccm (0,1 — 0,2 ccm)
Setzvolumen an Schlamm oder Mulm. Bei Wiesentümpeln mit meist viel
Schlamragrund bekam ich die meisten Nematoden, wenn ich die submersen
Pflanzenwurzeln und den Pflanzenmulm der Uferregion und Uferränder
einsammelte, während sich der Grundschlamm, namentlich nach ausgiebigen
Regengüssen, als sehr wenig ergiebig erwies.
3) Unter Probe verstehe ich eine Aufschwemmung der entsprechenden
452 Heinrich Micoletzky,
Diese Zusammenstellung läßt erkennen, daß nahezu keine Ge-
wässerart „viel" Nematoden enthält; die Ausnahme des Gebirgs-
altwassers besagt als Einzelfang nicht viel. Etwa die Hälfte der
Gewässer trägt das Prädikat mittel. Ein Vergleich mit den Ost-
Alpenmaterial (ich verkenne nicht, daß dort zufolge des Zurück-
tretens trübender Bestandteile des Substrates durchschnittlich doppelt
soviel Substanz auf 1 Probe entfällt) zeigt, daß dieses entschieden
au Nematoden reicher genannt werden muß als die Bukowina. Sa
ist es mir trotz häufiger Exkursionen, trotz einer viel größeren An-
zahl untersuchter Gewässer nicht möglich gewesen, eine den Krusten-
steinen oder der Spongilla der Ost-Alpenseen annähernd reichhaltige
Örtlichkeit aufzufinden, und ich mußte viel Mühe und Geduld auf-
wenden, um die Nematodenzahl von 3130 zu erreichen. So sind
namentlich die Fluß-Altwässer verhältnismäßig arm. Der reichste
mir in der Bukowina bekannt gewordene Fundort bildete eine Ko-
lonie von Plumatella fungosa auf einer alten, im Schlamme eines
Pruth-Altwassers bei Czernowitz gefundenen Anodonta-S(^\[^\% (Ende
Mai 1910). Leider habe ich damals keine exakten Angaben über
die Häufigkeit gemacht. Vollständig nematodenfrei fand ich nur
3 Gewässer: einen außerordentlich seichten, mit einer dicken Schicht
faulender Buchenblätter versehenen Waldtümpel am Cecina, einen
im Frühjahr überschwemmten graslosen Teil der Hutweide auf der
Horecza-^^'iese bei Czernowitz und endlich einen Gebirgsbach auf
dem Südhang des Rareu.
Genauen Einblick in mein Material und in die Gewässerarten
bietet die Tabelle S. 454-457. ^)
Substratmenge in einer CoEl-Schale (runde Glasscbale mit flachem Boden
und schiefem ßand) in etwa 8 com Wasser.
4) Unter Fang verstehe ich jede Materialgewinnung an einem be-
stimmten Ort zu bestimmter Zeit. Ein Fang besteht in der Regel aus
vielen Proben.
5) Es bedeutet: äußerst viel mehr als (durchschnittlich)
30 Nematoden, sehr viel 15 — 29, viel 10—14, mittel 5— 9, wenig
1 — 4 auf eine Probe, sehr wenig auf 5 Proben nur 1 — 4, äußerst
wenig auf 30 Proben 1 — 5 Nematoden, nematodenfrei auf 30 Proben
kein Nematode.
6) Vor der Klammer steht der Durchschnitt, in Klammern sind die
Grenzwerte.
1) Tabellenerklärung.
In den Kolonnen bedeuten die römischen Ziffern die Anzahl
der Fänge, die darüberstehenden arabischen Ziffern die in diesen
Freilebende Süßvvtvsser-Neinatodeu der Bukowina. 453
Während es in den ost-alpinen Gewässern und namentlicli in
den Alpenrandseen möglich war, verhältnismäßig- gut charakterisierte
Nematoden-Biocönosen zu unterscheiden, bin ich beim vorliegenden
Material kaum in der Lage, des Vergleichs halber eine ähnliche Zu-
sammenstellung zu geben. So ist es mir im großen Ganzen beispiels-
weise nicht gelungen, zwischen Sumpf, Tümpfel und Teich Unter-
schiede im Vorkommen der Nematoden herauszufinden, ja diese
stehenden Gewässer nähern sich sehr den Altwässern und Flüssen,
nur daß der Pruth-Fluß samt seinen Altwässern die in den Tümpeln
und Teichen fast immer fehlende Monohystera setosa aufweist, die
daher- als Flußform im Bukowiner Material angesprochen werden
dürfte. Flüsse und Altwasser weisen ferner meist eine stärkere Bei-
mengung von im allgemeinen terrestrisch lebenden Nematoden auf,
eine Erscheinung, die in der verschleppenden Wirkung des Fließ-
wassers namentlich während des Hochwasserstandes ihre Erklärung
findet. Verhältnismäßig gut charakterisiert sind die beiden Berg-
seen in den Karpathen (Ineu), die einige Formen bergen, welche
den Gewässern des Flachlandes und den Almtümpeln fehlen, wie
Ckrotnadora alpina, Chromadora lacustris, Teratocephalus spiralis und
Teratocephalus spiraloides. Diese 4 von mir in den Alpen erstmals
aufgefundenen Arten erfreuen sich dort gleich RhaMolaimus aquatica
weiterer Verbreitung. Die untersuchten beiden Almtümpel des
Kareu zeigen mit dem Abwasser einige Berührungspunkte. Beide
Gewässerarten beherbergen wenn auch unter sich verschiedene
saprobe Nematoden. Die Waldrandtümpel des Cecina wiederum er-
innern an die Almtümpel. Vielleicht ist dies auf die hier und dort
reichlich vorhandene Düngung (mit Buchenlaub bzw. mit Viehexkre-
menten) zurückzuführen. Als an Nematoden ärmste Lokalität habe
ich die Lachen und Tümpel der Buchenwälder anzuführen. Recht
interessant ist der off'ene, mit Lemna bewachsene Brunnen bzw. die
Cisterne von Tereblestie, die mit den Bergseen den Besitz von
Chrotnadora alpina, einer anscheinend kalt stenothermen Art, teilt.
Fängen enthaltenen Individuen. Im Falle des Fehlens der arabischen
Ziffer deckt sich die Individuenzahl mit jener der Fänge. Diese Tabelle
gibt genauen Aufschluß über jede Art von Nematoden und Gewässern. Die
Verteilung der Geschlechter und die Zahl der Jugendformen ist im Gegen-
satz zum ost-alpinen Material nicht aufgenommen worden, diese Werte
finden sich im systematischen Teile bei jeder Art unter dem Schlagwort
Gesaratindividuenzahl.
454 Heineich Micoletzky,
Über Sichtstabelle der Bu
kowiner Süßwasser-
No.
Artname
.2
1 ^
i S)
Tu
i
TS
'S
1
mpel
'S
1
TS
1
1
S
S
CG
i
.1
.11
'5;
1
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Alaimus primitivus
Aphanolaimns aquaticus
Aphelenchus striatus var. aquaticus
Aulolaimoides elegans
Cephalobus elongatus
— oxyuroides
— striatus
Chromadora alpina
— bioculata
— lacustris
Criconema rusticum
Cylindrolaimus communis
Diplogastcr fictor
— rivalis
— striatus
Dorylaimus bastiani
— curteri
— centrocercus
— filiformis
— flavomaculatus
— macrolaimus
— obtusicaudatus
— stagnalis
var. crassus
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Freilebende Süßwasser-Nematoden der Bukowina. 455
'Nematoden nach den Gewässer arten.
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Trilohiis gracilis
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— davainei
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13
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Ein Versuch der Gruppierung der Gewässer auf biocönotischer
Grundlage sei der Übersichtlichkeit halber versucht:
I. Gewässer der Ebene.
A. a) Sümpfe, Tümpel, Teiche.
b) Altwässer und Flüsse {Monohystera setosa).
c) Abwässer: Straßengraben, Fabrikabwasser und RinnsaL
d) Brunnen mit kalt-stenothermen Arten {Chromadora alpina).
B) Bäche und Flüsse (letztere von den Altwässern nicht gut
trennbar).
IL Gewässer der Gebirge.
Freilebende Süßwasser-Neniatoden der Bukowina.
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XLIX
XXXIII
LXXXII
19
Gesamt Nematodensumme d.
Untersnchungsgebietes
Summe d. Einzelfänge (unter
25 Individuen) d. Unter-
suchungsarten
Summe d. Sammelfänge (25
und darüber) d. Unter-
suchungsgebietes
Gesamtzahl der Fänge
Zahl der unterschiedenen Ge-
wässerarteu
A. a) Almtümpel (saprob) mit reicher Düngung.
b) Tümpel ohne Düngung.
c) Hochseen mit kalt-stenothermen Arten.
B. Bäche.
Von Gebirgsbächen stand mir nur sehr spärlich Material zur
Verfügung, von Mooren gar nichts.
Da das untersuchte Material allzu zersplittert und der Indi-
viduenreichtum in den einzelnen Fundstätten meist zu gering ist,
verzichte ich auf die Aufstellung bzw. Sonderung von eurytopen und
stenotopen Arten, kann es jedoch nicht unterlassen, auf das Folgende
30*
460 Heinrich Micoletzky,
hinzuweisen. Während in den Ost-Alpen gerade Chromadora alpina
vermöge ihres ziemlich gleichmäßigen Auftretens als eurytop ange-
sprochen werden konnte, ist diese interessante Art hier ausschließ-
lich Stenotop. findet sich nämlich nur in starken Temperatur-
schwankungen nicht ausgesetzten Gewässern, wie Gebirgswiesen-
tümpeln, Bergseen und Brunnen des Flachlandes. Ähnliches gilt
für Dorylaimus carteri, welche Art ich nur im Gebirge antraf, während
umgekehrt in den Alpen stenotope Arten — wie Dorylaimus bastiani
— hier euiytop genannt werden können, desgleichen Dorylaimus
stagnalis, Monohystera dispar und namentlich Trilohus gracilis. In
etwas eingeschränktem Maße gehört hierher auch Monohystera
stagnalis.
Die von mir in den Ost-Alpen und in der Bukowina im Süß-
wasser beobachteten freilebenden Nematoden lassen im Hinblick auf
das sie umgebende Medium eine Einteilung in 5 Gruppen^) zu:
I. Ausschließliche Süßwasserarteu.
IL Hauptsächlich im Süßwasser (oder im von Süßwasser stets
bis zur Sättigung durchtränkten Boden wie Moor und Sumpf)
vorkommende Arten.
III. Im Süßwasser und in der Erde gleich häufige Arten.
IV. Terrestrische Arten, die nur hie und da im Süßwasser auf-
treten.
V. Terrestrische Arten, die nur ganz ausnahmsweise (ver-
schwemmende Wirkung des Süßwassers) im Süßwasser an-
getrofl:en werden.
Es ist leicht einzusehen, daß zwischen den einzelnen Gruppen
Übergänge angetroffen werden. Meine Studien an terricolen Arten,
die die Namhaftraachung von Vertretern für die Gruppen III — V
ermöglichen, lehren mich, wie schwer es bei unserer Tiergruppe
fällt, die Grenzen zwischen Süßwasser und Erde zu ziehen.
Ich lasse ein alphabetisch geordnetes Verzeichnis dei* Vertreter
der einzelnen Gruppen folgen:
I. Ausschließliche Süßwasser bewohner.
1 . Aphanolaimus aquatieus 3. *Aphelenchus striatus var. aquaiicus
2. *Aphele7ichns elegans ^) 4. *Äidolaimoides elegans
1) Vgl. meine Angaben 1914 (I), p. 372—373, die mithin eine Be-
reicherung und Ergänzung erfahren.
2) * bedeutet seltene Art.
Freilebende Süßwasser-Xematodeu der Bukowina.
461
5.
Cliromadoni hioculala
18.
MonoJujstera slayncditi
6.
— ratzebwgensis
19.
*Mononc.hus hathybiiis
7.
'^'Criconema aquaticum
20.
*Pl.eclus pedumidatus
8.
* — rmticiwi
21.
*Rhahditis aqnatica
9.
Diplogaster fictor
22.
* — lacustris
10.
— rivalis
23.
* — paraelongata
11.
— striatus
24.
* — pseudoelongata
12.
Dorylaimus füiformis ^)
25.
* — teroides
13.
— flavomandatus
26.
Rhabdolaimus aquatims
14.
— stagnalis
27.
* Teratocephcdus terrestris
15.
Monohystera paludicola
28.
*Trilobus gracüis var. grandi-
16.
— setosa 2)
2)apillatus
17.
— similis
29.
*Tnpyla circuMa
II. Vorwiegende Süßwasserbewohner (auch im von Süßwasser
stets bis zur Sättigung durchdrungenen Boden wie Moor und Sumpf).
1. Chromadora alpina
2. — lacustris
3. Dorylaimus macrolaitnus
4. — stagnalis var. crassus
5. Iromis ignavns
6. Monohystera dispar
7. Plectus tenuis
8. Trilobus gracüis
9. — pellucidus
III. Im Süßwasser und in der Erde ungefähr glei
häufige Arten.
1. Dorylaimus basiiani 7. Plectus cirratus
2. — Carter i 8. — pairus
3. — intermedius 9. Rhabdolaimus terrestris
4. Monohystera füiformis ^ mit Neigung 10. leratocephalus spiralis
5. — vulgaris i zum 11. — terrestris
6. Mononchus macrostoma Süßwasser 12. Trijjyla p)<^pülata
IV. Terrestrische Arten, die hier und da im Süßwasser
auftreten.
1. Alaimus primitivus
2. Cephalobus elongatiis
3. — füiformis
4. — oxyuroides
5. — striatus
6. Cyatholaimus rnrieola
7. Cyatholaimus tenax
8. Dorylaimus obtusicaudatus
9. Monohystera agilis
10. Plectus granidosus
11. Prismatolaimus dolichnrus
12. Tylenchus füiformis
1) Nur Stefansky (1914), p. 55, verzeichnet diese Art auch aus
Moos vom Jura.
2) Auch marin und brackisch.
402 Heineich Micoletzky,
V. Terrestrische Arten, die nur ganz ausnahmsweise
im Süßwasser angetroffen werden.
1. Älaimns dolichurus 8. Ehabditis coronata
2. Chromadora leuckarti 9. — monohystera
3. Cylindrolaimus communis 10. Tylenclms agricola
4. Dorylainias centrocercus 11. — davainei
5. — longicaudahis 12, — duhius
6. Monohystera simplex 13. — graciUs
7. Mononchus muscomm
Jahreszeitliche und geographische Verbreitung.
Wohl noch kein Nematodeu-Forscher hat der jahreszeitlichen
Verbreitung eine solche Beobachtung geschenkt und beigemessen wie
jüngst Stefanski (1914), der eine tabellarische Übersicht über die
Geschlechtsreife der von ilim beobachteten Arten gibt, in welcher
er die Angaben der früheren Autoren und seine eigenen gegenüber-
stellt, ohne zu irgendeinem Ergebnis zu kommen. Da man über-
dies nirgends mit entsprechender Deutlichkeit erfährt, in welchen
Monaten und wieviel Material der Autor gesammelt hat, ist es kaum
möglich, die Angaben Stefanski's richtig einzuschätzen. Ich möchte
hier nur betonen, daß ebensowenig wie für die Ost-Alpen auch be-
züglich der Bukowina irgend etwas für eine jahreszeitliche, für die
einzelnen Arten spezilische Periodizität spricht. So konnte ich im
großen ganzen keine wesentlichen Unterschiede in der Fortpflanzung
während der einzelnen Jahreszeiten feststellen mit Ausnahme des
Winters, der die Tümpel meist bis zum Grund ausfrieren läßt und
daher für einige Zeit die Fortpflanzung hemmt und ein latentes
Leben fordert. Es liegen hier somit mit Ausnahme der Fließwässer
aller Wahrscheinlichkeit nach — genauere Untersuchungen fehlen
— ähnliche Verhältnisse vor wie in den Almtümpeln des Lunzer
Seengebietes. Meine Fangprotokolle, die durchwegs eiertragende
und der Eier entbehrende Weibchen getrennt verzeichnen, lassen
keinerlei Periodizität in der Fortpflanzung der einzelnen Arten er-
kennen.
Durch die jüngste Zeit sind wir über die geographische
Verbreitung unserer Gruppe in der Schweiz sehr gut unter-
richtet, so daß dieses Land neben Holland, Ungarn, Dänemark und
den Ost- Alpen zu den bestbekannten Gebieten gezählt werden muß.
Da sich in der Bukowina meine Untersuchungen über ein geographisch
viel kleineres Gebiet erstrecken und da ferner stets isolierte, größere,
Freilebende Süßwasser-Neniatoden der Bukowina. 463
gut abgegrenzte Wasserbecken fehlen, verzichte ich diesmal auf eine
geograpliische Übersichtstabelle. Die 3 aus meiner ost-alpinen Ver-
breitungstabelle (1914, p. 379) gefolgerten Gesichtspunkte finden
sich auch hier teilweise wieder. Wir finden somit 1. daß zu den
weitverbreitetsten Arten die häufigsten gehören, so (vgl. Übersichts-
tabelle S. 454) Borijlaimus stagnalis, Monohystera dispar, M. ßiformis,
M. paludicola und M. stagnalis, Pledus cirratus und Trilobus gracilis;
2. daß Ausnahmen hiervon hier fehlen, bzw. sich nicht erkennen
lassen, zumal Borijlaimus carfen, in den Ost-Alpen weit verbreitet
und doch nur vereinzelt auftretend, in der Bukowina stark zurück-
tritt, 3. daß Arten von mehr oder weniger lokaler Verbreitung bei
großer Häufigkeit (Spezialisten sozusagen) sich auch hier finden, so
in erster Linie Chromadora alpina, Biplogaster fictor und B. rivalis,
in zweiter Linie Monohystera stagnalis, Plectus parvus und Tripyla
})apillata.
Bezüglich der Artenzahl steht die Bukowina den Ost- Alpen
durchaus nicht nach, fand ich doch 56 Arten und 2 Varietäten gegen
57 ^) Arten, wobei bemerkt werden muß, daß in den Ost- Alpen eine
wesentlich größere ludividuenzahl (5090 gegen 3130) zugrunde lag
als im Buchenlande.
Von Arten, die in den Ost- Alpen vorkommen, in der Buko-
wina nicht gefunden wurden, nenne ich:
1. Alaimiis dolichurus 11. Dorglaimus longicaudatus
2. Apheknchus elegans 12. Monohystera agilis
3. — fdiformis 13. — simplex
4. Chromadora leuckarti 14. Alononchus bathybius
5. — ratzebnrgensis 15. Plecttispedimcidatus{=CyUndro-
6. Criconema aquaticum (= Ty- laimus aberrans)
leticholaimus aquaticus) 16. Prismaiolaimiis dolichurus
7. Cyaiholaimus ruricola 17. Rhabdilis lacusiris
8. — tenax 18. — pseudoelongata
9. — sp. 19. Tripyla circulata
10. Dorylaimus intermediiis 20. Tylenchus dubius
Von diesen 20 Arten (36% der Gesamtheit) sind alle bis auf
3 Arten so selten, daß sie nur 5,6 "/oo der Gesamtindividuenzahl
bilden. Diese 3 Arten 2) sind: Monohystera agilis mit je 2°/oo Häufig-
keit, Borylaimus intermedius mit 6^00 Häufigkeit und vor allem die
1) Samt Nachtrag, 1915.
2) Ich möchte hier wie bei folgender Zusammenstellung die Grenze
464 Heinrich Micoletzky,
stellenweise sehr häufige Chromadora ratsehirgensis mit 100^/„o Häufig-
keit. Man kann mithin nur bezüglich dieser 3 Arten das Fehlen
bzw. sehr starke Zurücktreten in der Bukowina vermuten.
Von Arten, die in der Bukowina vorkommen, hingegen in den
Ost-Alpen fehlen, sind anzuführen:
1.
Äidolaimoides elegans
11.
Mononchus müscorum
2.
Cephalobus elongatus
12.
Rhabdüis coronata
3.
Criconema rusticum
13.
— monohystera
4.
Cylindrolaimus communis
14.
— paraelongata
5.
Dlplogaster rivalis
15.
— teroidcs
6.
— striatus
16.
— sp.
7.
Dorylaimus centrocercus
17.
— sp.
8.
— stagnalis var. crassus
18.
Tylenchus agricola
9.
— fiUformis
19.
— davainei
10.
— ohtusicaudatus
20.
— gracüis
Es sind dies 19 Arten und 1 Varietät, somit 34^/(, der Gesamt-
artenzahl, mithin nahezu ebensoviel wie im gegenteiligen Fall. Von
diesen 19 Arten (und 1 Varietät) sind alle bis auf 5 Arten und die
Varietät als recht selten anzusehen, da sie insgesamt nicht mehr
als 8*^/00 der Gesamtindividuenzahl bilden. Die 5 Arten und 1 Va-
rietät sind in steigernder Häufigkeit geordnet, folgende:
Äidolaimoides elegans ^^loo Dlplogaster striatus ^^loo
Cephalobus elongatus ^7oo Dorylaimus stagnalis var. crassus 6^/00
Dorylaimus ohtusicaudatus ^ Iqq Dlplogaster rivalis ^^^loo
Wir können somit die obengenannten 5 Arten und 1 Varietät
mit einiger Wahrscheinlichkeit als für das Ost-Alpengebiet fehlend
oder doch sehr zurücktretend bezeichnen.
Von den 11 neuen Arten freilebender Süßwasser-Nematoden des
Ost - Alpengebietes ^) habe ich im Untersuchungsgebiet 5 Arten
wiedergefunden. Mit Ausnahme von Ehahditis aquatica handelt es
sich hierbei durchwegs um Arten, die vorwiegend oder ausschließ-
lich in den Bergseen des Ineu in ca. 1800 und ca. 2000 m Seehöhe vor-
kommen, mithin als allem Anscheine nach kalt stenotherme Arten
bezeichnet werden dürfen.
1) Cephalobus alpinus und Tylenchus bulbosus erwiesen sich als synonym
mit Aphelenchus striatus Steiner var. aquaticus n. var.; Älo?iohystera
crassoides ist synonym mit Monohystera setosa Bütschli; Cylindrolaimus
aberrans ist synonym mit Plectus pedunculatus Hofmännee.
Freilebende Siißvvasser-Nematodeu der Bukowina.
465
Variation.
Bei der Variabilität der Körpemnaße wurde das Hauptaiigen-
iiierk auf den Vergleich mit den ost-alpinen Verhältnissen gerichtet.
Dieser Vergleich erstreckt sich sowohl auf die Variationsbreite wie
auf den Mittelwert und findet im systematischen Teil bei jeder Art
weitgehende Berücksichtigung, während an dieser Stelle nur Maße^
denen mindestens 50 Individuen zugrunde liegen, herangezogen
werden.
Ich gebe zunächst eine
Vergleichstabelle der Variationsbreiten.^)
No.
Art
■¥■ 'S
i
V
L
B
a
P
y
V
ig
1.
Mouohysfera stagnalis 9
B
91
2.35
2,5
1.78
1,48
1.75
_
O^-r
B
7ü
1,6
2.08
16
1,31
1.63
—
—
9
A
68
2.:-}4
2,5
1..56
1,75
1,39
d"
A
55
2.0
1,8
1.45
1,5
1.4
—
—
2.
— dispar 9
B
74
2,7
2,75
1,44
1,65
1.75
1,16
44
9
A
lüü
2,07
2.33
1,55
1,5
1,6b
1,17
70
■6.
Trilobiis gracilis 9
B
8Ü
2.07
2,0
1,7-1
2,4
2.4b
—
9
A
50
3.7
3,0
1,65
1.66
2,5
—
—
4.
Plectus cirratus 9
B
56
1.74
1,74
1,84
1.47
2,16
1 2'^
50
9
A
214
2.0
2,4
1.66
1.8
1,75
1.26
121
5.
Dorylaimus stagnalis 9
B
52
2,4
1,8
1.52
1,6S
1.82
1.32
52
9
A
50
2,0
2,07
1,74
1,64
30
1.33
44
6.
Chromadora alpina 9
B
58
2,4
2,27
1,64
1.6
1,36
1.2
53
Wir ersehen aus dieser Tabelle, daß die absolute Körperlänge
L zwischen dem 1,6- (Monohystera stagnalis c^) und dem 2,7fachen
{Monohijstera disiMr) Minimalwert schwankt; die absolute maximale
Körperdicke B zwischen dem 1,74- (Plectus cirratus) und dem 2,75-
1) Die in den Kolonnen L (absolute Körperlänge), B (absolute maximale
, . ^ / absolute KörperläDge \ - /absol. Körperlänffe\
Körperbreite), ai^ , .- , "r^ -^-; — ~], ß [-^- —l
\ absolute maximale Körperbreite/ \ Osophaguslänge /
/absol. Körperlänge\ . „ ^„ , , • t^ , n, tt i
y ,;;-- und V (Vulvalage in ivörperJänge "L vom Vorder-
' \ Schwanzlänge /
ende) stehenden Zahlen bedeuten das Vielfache des als Einheit angenommenen
Miniraalwertes. So besagt beispielsweise 2,0, daß die Variationsbreite dem
doppelten Minimalwert gleichkommt. Über die Wahl dieses Variabilitäts-
raaßes vgl. 1914, p. 383—384.
466 Heinrich Micoletzky,
fachen {Monohystera clispar); die relative Körperdicke a zwischen dem
1,44- (Monohystera dispar) und dem 1,84 fachen (Plectus cirratus); die
relative Ösophaguslänge ß zwischen dem 1,47- (Plectus cirratus) und
dem 2,4 fachen (Triholus gracüis $^; die relative Schwanzläng'e y
zwischen dem 1,36- (Cliromadora ulpina ^) und dem 3,48fachen (Tri-
lobus gracüis ^) und die relative Vulvalage V zwischen dem 1,16-
(Monoliystera dispar) und 1.32fachen (Borylaimus stagnalis ^) Minimal-
werte gelegen ist. Verglichen, mit dem ost-alpinen Material (1914,
p. 383—385) bleiben somit sämtliche Werte bis auf die relative
Ösophaguslänge (1,38—2,0), die in größerem Ausmaße variiert, zurück.
Im einzelnen kann etwa Folgendes bemerkt werden: Monohystera
stagnalis zeigt große Ähnlichkeit. Die Variationsbreite der relativen
Körperdicke a ist in der Bukowina größer, was sich aus der erhöhten
Geschlechtstätigkeit des Flachlandmaterials erklärt. Hingegen ist
die relative Ösophaguslänge ß in den Ost- Alpen größeren Schwan-
kungen ausgesetzt; für die relative Schwanzlänge y gilt das Ent-
gegengesetzte. Im allgemeinen ist die Variabilität des Weibchens
stets größer, nur der Schwanz des ost-alpinen Marterials macht eine
Ausnahme. Monohystera dispar zeigt hier wie dort nahezu die gleiche
Variabilität in den Maßen.
Trüobus gracüis weist bezüglich absoluter Körperlänge und Breite
trotz geringerer Individuenzahl beim alpinen Material eine bedeutend
größere Variationsbreite auf, während die relativen Maße mit Aus-
nahme des Ösophagus, der bei den Vertretern der Bukowina größeren
Schwankungen ausgesetzt ist, ungefähr dieselben Verhältnisse er-
kennen lassen.
Bei Plectus cirratus bestehen große Unterschiede hinsichtlich
der den Werten zugrundeliegenden Individuenzahlen. Hier bleibt
die Variabialität der Bukowiner Vertreter bis auf relative Körper-
dicke und relative Schwanzlänge kleiner.
Dorylaimus stagnalis zeigt mit Ausnahme der relativen Ösophagus-
länge und der in beiden Fällen in gleichem Maße variierenden Vul-
valage im ost-alpinen Material namentlich hinsichtlich der Körpergröße
und relativen Schwanzlänge eine überlegene große Variationsbreite.
Besitzt nun das Bukowiner oder das ost- alpine Material die
größere Varitionsbreite? Diese Frage läßt sich auf Grund der voran-
gehenden Angaben nicht in befriedigender Weise beantworten. Die
gegebene Tabelle berücksichtigt nahezu die häutigsten Arten beider
Untersuchungsgebiete. Die Variationsbreite des Bukowiner Materials
übertrifft in 13 Fällen die der Ost-Alpenvertreter, das gegenteilige
Freilebende Slißwasser-Neniatodeu der Bukowina. 467
Verhalten triift in 12 Fällen zu, und in 7 Fällen stimmen die relativen
Variationsbreiten miteinander überein. Bezüglich der Kinzelvverte
sind die Verhältnisse folgende:
L = 3A'):1B; B = 3A:2B; a = 2 A:4B; )Ö = 3 A:2B; y = 1 A:4B
oder mit anderen Worten bezüglich der absoluten Körperlänge ist
die Variationsbreite des alpinen Materials größer, dasselbe gilt, wenn
auch weniger markant, für die maximale Körperbreite und für die
relative Ösophaguslänge; das gegenteilige Verhalten weist die rela-
tive Körperdicke und namentlich die relative Schwanzlänge auf.
Zusammenfassend können wir somit — falls ein Urteil überhaupt
auf Grund der vorstehenden Angaben gefällt werden kann — sagen,
daß im großen Ganzen die ost-alpinen Süßwasser-Nematoden ebenso
stark variieren wie die Bewohner der Bukowina. Wie beim Ost-
Alpenmaterial sind auch hier absolute Körperlänge und Körperbreite
die am stärksten variierenden Maße, am wenigsten variiert auch
hier, abgesehen von der Vulvalage, die relative Körperdicke a. Be-
züglich des Anteils der Geschlechter kann ich im Hinblick auf die
einzige Art Monohystera stagnalis sagen, daß alle Maße (auch beim
Ost- Alpenmaterial mit Ausnahme von y) des Weibchens die größere
Vai'iabilität aufweisen. Im Anhange sei bemerkt, daß meine früher
ausgesprochene Ansicht (1914, p. 385), daß die Größe der Varia-
bilität mit der Enge oder Weite der geographischen Verbreitung
zusammenhängt, in Chromadora alpina keine Stütze erhält, indem
sie bezüglich aller Merkmale die Mitte der Variabilität einhält und
nur bezüglich der relativen Schwanzlänge ein Minimum aufweist.
Um die Mittelwerte des Ost- Alpenmaterials mit jenen der Buko-
wina vergleichen zu können, gebe ich zunächst eine Tabelle (siehe
folgende Seite).
Diese Tabelle lehrt:
1. Daß das Bukowiner Material durchschnittlich (in 5 von 13
Fällen bei 4 Fällen von Mittelwerts-Gleichheit) etwas größer ist;
2. daß die maximale Körperdicke (B) häufig (in 7 von 13 Fällen
bei 4 Fällen von Gleichheit) beim vorliegenden Material giößer ist;
3. daß die relative Körperdicke häufig (7 von 13 Fällen bei 5
1) A bedeutet alpines, B Bukowiner Material; 3 A: IB für L be-
deutet, daß unter 4 Fällen der Variationsbreite des alpinen Materials in
3 Fällen größer ist als die der Bukowina und nur in einem Falle bei
der absoluten Länge L das Gegenteil zutrifft.
468
Heinrich Micoletzky,
Verg'l ei eil Stab eile der Mittelwerte
^).
'S
h
1
No.
Altname
■p3
L
B
rl
'
V
9 Gl
9G,
Eizali:
la.
Monohystera stagnalis 9
B
91
0
1,1
1,2
1,1
1,05
__
1,4 (15
?
A
63
—
1,15
—
—
—
—
—
(15,
Ib.
B
A
70
55
0
1,1
1,1
1,1
1,1
z
z
z
•2a.
— paludkola 9
B
30
1,1
1,2
—
0
0
- (35)
—
—
—
9
A
19
—
—
1,1
—
—
—
2b.
o^
B
12
—
0
—
1,1
1,15
—
—
—
—
c^
A
27
1,1
1,1
—
—
—
—
—
—
o.
— vulgaris 9
B
44
1,1
1.1
0
1,1
—
«!?."!
—
—
—
9
A
92
—
—
—
1,1
—
—
—
4.
— liispar 9
9
B
A
74
100
0
0
0
1,1
0
«1^^!
z
—
z
.')
— ßliformis 9
B
44
1,25
1,25
1,1
0
0'2O)
■^ (31j
—
—
—
9
A
58
—
—
0
—
—
—
—
6a.
TrUobus gracilis 9
B
A
80
50
0
1,1
0
1.15
0
0
z
—
0%
Hb.
<rf
B
10
—
—
—
1,1
—
—
—
—
A
30
1,2
1,1
1,1
0
—
—
—
—
—
7_
Fleclus cirratus 9
B
56
1,1
11
_.
0
-(30)
.(30)
^^ (23)
-(17
A
214
—
—
0
0
0
1,1 (23)
1,5 (15
8.
Diplogaster fictor 9
B
43
1,2
1-1
1,1
1,1
1,1
—
—
—
—
A
10
—
—
—
— •
—
—
—
—
• —
Da.
Doyylaimus stagnalis 9
B
52
—
—
0
—
0('^2)
^l44)
1,1 (28)
1,1 (29)
1.1
--9
A
50
1,1
0
1,15
1,25
(10)
(10)
—
9b.
c^
B
10
—
—
—
o-^
A
39
1,1
0
1,2
0
1,4
—
—
—
—
Fällen von Übereinstimmung) kleiner, mithin das Bukowiner Material
plumper ist als das der Ost-Alpen;
4. daß der Ösophagus meist relativ kürzer (in 8 Fällen von 13
bei 5 Fällen Gleichheit) oder doch gleich ist wie beim ost-alpinen
Material.
1) Tab eilen er klärung.
Die Eeihenfolge der Arten wurde, weil gleichgültig, nach dem syste-
matischen Teile gewählt; ß bedeutet Bukowina, A Ost- Alpen. Bezüglich
L, B, a, jS, y, Y, G^, G^ vgl. die Abkürzungen S. 465. Die Werte, die
in diesen Kolonnen stehen , wurden durch Division der Mittelwerte ge-
wonnen, sind Quotienten derselben und stehen auf der Zeile des Dividenden.
Dasjenige Material, das diese Quotienten trägt, besitzt somit den größten
Mittelwert. 0 auf der Zeilenmitte zwischen B und A bedeutet Gleichheit
der Mittelwerte. Quotienten unter 1,05 wurden mit 0 angegeben und
daher vernachlässigt. Werte in Klammer geben die betrelFende ab-
weichende Individuenzahl, die dem Quotienten zugrunde liegt, an.
Freilebende SüGwasser-Nematoden der Bukowina. 469
5. daß der Schwanz (relativ; in der Mehrzahl der Fälle (5 von
13 bei 5 Fällen Gleichheit) kürzer ist als beim Vergleichsraaterial
der Ost-Alpen. Hingegen lassen Vulvalage, Ausdehnung der Gonaden
und Eizahl keine merklichen Unterschiede erkennen.
Zusammenfassung. Das Bukowiner Material erscheint mit
Zugrundeleg-ung der Mittelwerte größer und plumper als das Ver-
g'leichsmaterial aus den Ost-Alpen, während der Ösophagus nahezu
in allen Fällen relativ kürzer, der Scliwanz in der Mehrzahl der
Fälle kürzer ist. Im allerdings eingeschränkten Sinne gilt somit
die seinerzeit bereits (1914, p. 389) ausgesprochene Vermutung, daß
die alpinen Art- Vertreter den jugendlichen Stadien näher stehen als
die Repräsentanten des Flachlands, so daß die alpine Nemtoden-
fanna als die phj'logenetisch ältere der weiter ent-
wickelten Fauna des Flachlandes gegenübergestellt
werden dürfte.
Lebensweise.
Nahrung, Algenfraß sah ich hei Dorylaimus crassiis {Ineu-See),
Bipiocaster fidor und Monohtjstera vulgaris. Bei beiden letzteren Arten,
die aus verschiedenen Almtümpeln des Rareu-Gebietes entstammten,
handelte es sicli um einzellige Algen, während Dorylaimus hastiani
in einem Wiesentümpel eine Fadenalge (Chaetophora) verzehrt hatte.
Wie es scheint, neigt die Gattung MononcJms besonders zu räu-
berischer Lebensweise. So traf ich ein jugendliches Exemplar von
M. macrostoma von 1,28 mm Länge aus einem Tümpel bei Tereblestie,
das einen etwas macerierten Nematoden herunterschlukte. Ferner
sah ich ein jugendliches Lidividuum des terrestrischen M. zschoMei
(aus Almboden vom Hochschwab in den OstA-lpen), das ein lebens-
frisches Männchen von Plectus granulosus bereits bis zur Hälfte ver-
zehrt hatte. Bemerkenswert ist, daß schon de Man (1884, p. 22)
einen MononcJms erwähnt, der einen Dorylaimns verschlungen hatte.
Die räuberische Lebensweise dieser Gattung hängt vermutlich mit
den Zahnbildungen zusammen. So hat Stewaed (1906) für Oncho-
laimus vulgaris die Mündung von Ösophagealdrüsen an der Spitze
der Zähne, nachgewiesen, und es ist zum mindesten sehr wahr-
scheinlich , daß die Gattung Mononchus zufolge ihrer nahen Ver-
wandtschaft^) das nämliche Verhalten aufweist. Diese Drüsen-
1) BÜTSCHLI (1873, p. 73) hält die Trennung beider Genera für
nicht sehr glücklich gewählt, weist auf eine eventuelle spätere Wieder-
vereinigung hin und behält die Trennung nur aus praktischen Gründen bei.
470 Heinrich Micoletzky.
raiindung (? Giftdrüsen) an der Spitze des starren Dorsalzalmes wäre
für eine rasche TiJtung- bzw. Lähmung- der Beute recht verständlich,
und die bei manchen Arten (M. mtiscorum u. M. specfabilis) vor-
kommenden ventralen Zahnleisten kämen für das Festhalten recht
in Betracht.
Parasiten.
Parasiten habe ich im Untersuchung-sgebiete häufiger angetroffen
als in den Ost-Alpen. So kamen hier 6 Fälle (IQ^Ioo) zur Beobachtung,
in den Ost-Alpen nur 2 (0,4"/oo)- Das Flachland-Material der Teiche
und Tümpel hält somit die Mitte zwischen den infektionsarmen
alpinen Süßwasserformen und dem terricolen Material, das am meisten
von Parasiten befallen erscheint.
Bei Monolujstera stagnalis fand ich 2 Individuen, bei Trüohns
gracüis 3 und bei Dorijlaimus carteri 1 Individuum infiziert. Sämt-
liche Fälle mit Ausnahme von Dorylaimus carteri gehören den Tüm-
peln und Teichen der Umgebung von Czernowitz an, Dorylaimus
carteri hingegen entstammt dem Hochsee Ib vom Ineu.
Als Parasiten kommen die von de Man (1884) erstlich be-
schriebenen und von mir (1914, p. 387) wiedergefundenen Gebilde
in Betracht. Es handelt sich entweder um cystenartige Gebilde in
der Mitteldarmwand oder um spindel- bis stabförmige Gebilde in der
Leibeshöhle. Wie bei Mononclms macrostoma können beide Infektions-
erscheinungen in einem Individuum gleichzeitig auftreten. An
Mitteldarmcysten besonders reich erwies sich Dorylaimus carteri.
Die Größe der Cysten schwankt hier von 8 [ä Durchmesser auf-
weisenden kugelförmigen bis zu länglich-ovaler Form von 23 fz
Länge bei einer Breite von 14 /t. Von diesen Cysten zählte ich an
der rechten Darmhälfte (Seitenansicht) nicht weniger als 34 Stück,
die die gesamte Mitteldarmregion einnehmen. Spindelförmige Leibes-
höhlenparasiten fehlten hier durchwegs. Ein weibliches Exemplar
von MonoMjstera stagnalis während der letzten Häutung zeigte im
vorderen Teil des Mitteldarmes 4 hintereinander gelegene kugelige
Darmcysten von 5—10 ^i Durchmesser. Ein Männchen von Trilobiis
gracilis wies eine sehr starke Infektion spindelförmiger Parasiten
in der Leibeshöhle auf, während ich nur 1 Darmcyste von Kugel-
form von 8,5 // Durchmesser in Enddarmnähe feststellen konnte. Ein
Weibchen derselben Art endlich trug einen eingerollten Nematoden
im periösophagealen Gewebe, über dessen Maße sich im speziellen
Teil bei dieser Art nähere Angaben finden.
Freilebende Süßwasser-Nematoden der Bukowina.
471
S e X u a 1 r e 1 a t i 0 n.
Herkunft
No.
Artname
des
Individuen-
Sexual-
Materials
Summe 1)
ziff'er^)
1.
Diplogaster fictor
B^)
182
72
-_
A
11
10
2.
Tripyla papillata
B
53
66
A
146
76
3.
Dorylaimus flavomaculatus
B
11
57
A
119
83
4.
Monohystera stagnalis
B
322
46,5
A
154
92
5.
Dorylaimus stagnalis
B
75
23
— —
A
113
74
6.
Trilohus graciUs
B
276
22
A
55
34
7.
Monohystera paludicola
B
127
20
A
99
57
8.
Dorylaimus hastiani
B
16
14
A
285
98
9.
Chromadora alpina
B
84
6
_
A
11
22
10.
Monohystera filiformis
B
206
0,5
A
192
3
11.
— vulgaris
B
258
—
A
249
—
12.
— dispar
B
150
—
A
162
—
13.
Pledus cirratus
ß
91
—
A
325
—
14.
— jjarvus
B
62
—
A
10
~
Jugend Stadien und Sexualrelatiou.
Die Jugendstadien, denen ich beim ost-alpinen Material meine
besondere Aufmerksamkeit zuwandte, wurden bei den einzelnen Arten
1) In die Individuensummen sind beim Bukowiner Material nicht nur
wie beim Vergleichsmaterial die erwachsenen (^^ und 5$, sondern auch
die während der letzten Häutung befindlichen Individuen beider Geschlechter
aufgenommen worden.
2) Unter Sexualziffer verstehe ich mit R. Hertwig jene Zahl, die
die Anzahl der ^^ auf 100 $$ angibt.
3) B bedeutet Bukowina, A Alpen (Ost- Alpen, 1914, p. 390). Be-
rücksichtigt werden nur Arten , denen zur Berechnung der Sexualziffer
wenigstens in einem Falle mindestens 50 Individuen zugrunde lagen.
472 Heinrich Micoletzky,
mit wenig-eii Ausnahmen nur soweit beiiicksiclitigt, als sie Exemplare
während der letzten Häutung betreffen. Auch hier zeigen die Jugend-
stadien den Erwachsenen gegenüber mit wenigen Ausnahmen, ab-
gesehen von der mangelhaften Ausbildung der Genitalorgane, folgende
Unterschiede: sie sind plumper von Gestalt, ihr Ösophagus ist stets
relativ länger, desgleichen ihr Schwanz, und die Gonaden- bzw.
Vulva-Anlage ist nach hinten verschoben.
In gleicher Weise wie beim Ost-Alpenmaterial (1914, p. 390)
gebe ich eine Tabelle der Sexualziffern der häufigsten Süßwasser-
Nematoden des Untersuchungsgebietes nach fallender Sexualziffer
und darunterstehend die Vergleichswerte. Wir ersehen aus dieser
Tabelle zunächst, daß eine ganz andere Artenreihenfolge zustandekommt
als bei den ost- alpinen Nematoden. So steht dort (1914, p. 390)
beispielsweise Dorißaimus basfiani an erster, hier an 8. Stelle. Ferner
bemerken war, daß im allgemeinen die gleichen Arten hier eine
bedeutend kleinere Sexualziffer aufweisen; dies ist gleich-
bedeutend mit nicht unbeti ächtlichem M ä n n c h e n s c h w u n d. Eine
Ausnahme hiervon mRchtimr Diplogasterfictor. Dieser Männchenschwund
ist besonders auffällig bei Dorylaimus hastiani, wo nur ^/, der Männ-
chen, sowie bei Monohystem fdiformis, wo nur Ve ^^^^ Männchen ver-
gleichsweise in der Bukowina vorkommen, und auch bei Dorylaimus
stagnalis ist die Reduktion der Männchen um % noch beträchtlich. Die
Ausnahme von dieser Regel, Biplog aster fidor, zeigt hingegen 7mal soviel
Männchen als im Lunzer Seengebiet. Den oder die verantwortlichen
Faktoren für diese so auffällige Änderung der Sexualität anzugeben,
bin ich leider nicht in der Lage. Fragen wir, ob Höhenlage oder
Temperatur der Gewässer einen erkennbaren Einfluß äußern, und
beschränken wir uns beispielsweise auf Dorylaimus hastiani und
Dorylaimus stagnalis. Erstere Art entstammt in den Ost- Alpen größten-
teils der Krustensteinzone subalpiner Seen, mithin der wärmsten
Örtlichkeit, während das spärliche Bukowiner Material vorzugsweise
die kälteren oder höher stehenden Gewässer bewohnt, wie Brunnen
im Flachland und Almtümpel oder Bergsee im Gebirge. Dorylaimus
stagnalis hingegen entstammt in den Ost-Alpen den wärmsten stehenden
Gewässern (Tümpel im Tal, Almtümpel im Gebirge); im Buchen-
lande fehlt sie nahezu völlig im Gebirge und bewohnt auch hier
mit Vorliebe die wärmsten Wiesentümpel der Ebene und die Alt-
wässer der Flüsse. Im großen Ganzen allerdings muß zugestanden
werden, daß die Bukowiner Gewässer höher temperiert und nament-
Freilebende SüUwasser-Nematoden der Bukowina. 473
lieh größeren Temperaturschwankungen ausgesetzt sind als die
meisten Alpenwässer.
Systematischer Teil.
Im allgemeinen gilt das beim ost-alpinen Material Gesagte (1914,
p. 391 — 392), auf das, um Wiederholungen zu vermeiden, hingewiesen
wird. Bezüglich der Abkürzungen bei den einzelnen Arten sowie
hinsichtlich der Formeln nach CoBB und de Man lasse ich hinter dem
Literaturverzeichnis vor der Figurenerklärung eine Erklärung ein-
schalten. Die CoBB'sche Formel wird nur bei neuen Arten oder bei
Im Ost-Alpengebiet nicht abgehandelten bekannten Formen nach
Tunlichkeit bekanntgegeben.
Als neue Arten mache ich namhaft:
AuloJaimoides elegans n. g. n. sp.
Criconema rusticum n. sp.
Rhabditis paraelongata n. sp.
— teroides n. sp. und vermutlich auch Rliahditis sp).,
während die in der Übersichtstabelle (S.456) angeführte weitere E/<a&-
4itis sp. im systematischen Teile nicht berücksichtigt werden konnte,
da sie — es handelt sich um ein Weibchen — leider verloren ging.
Von eingezogenen Arten nenne ich^):
Dorijlahnus crassus de Man 1884 = Dorglaiimis siagnalis var. crassus
(de Man)
Trüobus grandipap Hiatus Beakenhoff 1913 = Trilohus gracüis var.
grandipapillatus (Beakenhoff)
Tylenchus bulbosus Micolktzky 1914 \ =^ Aphelenchus siriatus ^TEmEU
Cephalobus alpinus Micoletzky 1914/ 1914 var. aqiiaticus n. var.
Ferner wurde das Genus Hoplolaimus Daday 1905 eingezogen,
da es sich als synonym mit Criconema Hofmännee et Menzel erwies.
Als synonyme Arten erwähne ich endlich^):
Chromndora foreli Hofmänner 1913 := Chromadora a/?;ma Micoletzky
1913
Dorylaimus hofmänneri Menzel 1914 = Dorylaimus hastiani f. longi-
caudalus (Daday 1898)
Monohijstera erassoides Micoletzky 1913 = Monohystera setosa Bijtschli
1874
1) Die nach dem Prioritätsgesetze gültigen Namen stehen rechts-
seitig !
Zool. Jahrb. XL. Abt. f. Syst. 31
474 Heinrich Micoletzky,
Monohystera demani Menzel 1914 = Monohystera stagnalis Bastian
1866 var. demani (Menzel)
Cylindrolainnis aberrans Micoletzky 1914 = Plectus pedunculatiis
Hoemännee 1913. 1)
Da mit dieser Arbeit meine Studien über die freilebenden Nema-
toden des Süßwassers vorläufig ihren Abschluß gefunden haben, gebe
ich anhangsweise eine Bestimmungstabell e für die von mir
nachgewiesenen Gattungen und Arten.
Bestimmungstabelle der freilebenden Süßwasser-
Nematoden der Ost-Alpen und der Bukowina.
I. Übersicht der Gattungen.
. Mundhöhle fehlend
a) Kopfende nackt, ohne Lippen, Papillen oder Borsten
I. Alaimus
b) Kopfende ohne Lippen, mit Borsten und auffallend großen
Seitenorganen IL Äphanolaimus
c) Kopfende mit Lippen, Seitenorgane fehlend oder unscheinbar
III. TripyJa
. Mundhöhle vorhanden
a) Mundhöhle von verschiedener Gestalt, aber nie mit Zähnen ^
Haken oder Stacheln
a. Osophagealbulbus fehlt oder, wenn vorhanden, nie mit deut-
lichem Ventil- oder Zahnapparat
1) Mundhöhle kurz, nicht besonders verlängert
1. Mundhöhle klein, dünnwandig, ohne konzentrische Ver-
dickungsleisten IV. Monohystera
2. Mundhöhle sehr deutlich mit dicken, chitinösen Wänden
a) Mundhöhle von kui'z prismatischer Gestalt, Seiten-
organe Knien förmig V. Prismatolaimus
ß) Mundhöhle trichterförmig, gleich hinter der Mund-
höhle im Ösophageallumen ein zahnartiger Vor-
sprung VI. Trüohus
1) Laut brieflicher Mitteilung HofmÄNNER's, der ich nach reiflicher
Prüfung, die für eine nähere Verwandtschaft mit Plectus als mit C/lindro-
laimus spricht, zustimmen muß. Hierdurch wird meine genaue Be-
schreibung und Abbildung (Micoletzky, 1914 [2]. p. 258—261, tab. 25
fig. la — d) in ihrem tatsächlichen Teil nicht weiter berührt.
Freilebende Süßwasser-Nematoden der Bukowina. 475
2) Mundhölilemehroder weniger verlängert, meist röhrenförmig
1. Kopfende nackt
a) Mundhöhle und Seitenorgane Pleckis-älmlich , Öso-
phagus mit 2 klappenlosen Bulben
VII. Aulolaimoides
ß) Mundhöhle sehr eng, von 3 chitinösen dünnen Stäben
begrenzt, von denen jeder am Vorderende mit einem
kleinen hakenförmigen Körperchen zusammenhängt,
Ösophagus nur mit hinterem Bulbus
VIIL Bhabdolaimus
2. Kopfende mit Borsten, Mundhöhle mit deutlich chiti-
nösen Wänden IX. Cylindrolaimus
b) Ösophagealbulbus vorhanden und mit deutlichem Ventil- oder
Zahnapparat ') versehen, Mundhöhle röhrenförmig verlängert
1) Die chitinösen Wände der röhrenförmigen Mundhöhle
stellenweise verdünnt und verdickt
1. Kopfende ohne Borsten, die Männchen mit 2 akzesso-
rischen Stücken X. Cephalohus
2. Kopfende von 6 durch tiefe Rinnen getrennte Lippen
gebildet, Papillen fehlen, Männchen ohne akzessorisches
Stück XI. Teratocephalus
2) Die chitinösen Wände der röhrenförmigen Mundhöhle über-
all gleich dick
1. Seitenorgane vorhanden, Männchen ohne Bursa
XII. Pledus
2. Seitenorgane fehlen (nicht sichtbar!), Männchen mit
Bursa (wenn auch oft rudimentär) XIII. Rhabditis
b) Mundhöhle von verschiedener Gestalt, mit Zähnen, Haken oder
Stacheln ^)
a. Mundhöhle mit einem oder mehreren Zähnen bewaffnet,
ohne Stachelbildungen
1) Im vorderen Teile der sehr verlängerten Mundhöhle
3 Zähne, welche durch Auseinandergehen der beweglichen
Lippen nach außen getrieben werden können
XIV. Ironus
2) Keine beweglichen Lippen am Kopfende
1) Mit Ausnahme von Pledus peduncidatus, welche Art zu Cylindro-
laimiis Beziehungen aufweist.
2) Bei Cyatholaimus tenax ist es unsicher, ob eine Zahnbildung
vorliegt.
31*
476 Heinrich Micoletzky,
1. Ösophagus mit mittlerem Bulbus, Mund mit einem oder
mehreren Zähnen XV. Biplogaster
2. Ösophagus ohne mittleren Bulbus, Mundhöhle mit nur
einem Zahn
a) Kopfende ohne Borsten, aber mit Papillen, Ösophagus
ohne hinteren Bulbus XVI, Mononchus
ß) Kopfende mit Borsten, Ösophagus mit hinterem
Bulbus
a. Mundhöhle aus einem vorderen, zahntragenden,
schüsseiförmigen Teile und einem hinteren pris-
matischen Teile gebildet, mit stark chitinisierten
Wänden XVII. CyatJiolaimus
ß. Mundhöhle kürzer, kleiner, becher- oder trichter-
förmig, selten (Chr. alpina) prismatisch
XVIII. Chromadora
b. Mundhöhle mit Stachelbildungen, ohne Zähne
1) Im Kopfende liegt ein einziger, meist gänsefederföimiger
Stachel, Ösophagus ohne Bulbus, aber nach hinten ange-
schwollen XIX. Dorylaimus
2) Im Kopfende liegt ein an seinem Hinterende meist ge-
knöpfter Stachel
1. Cuticula mehr oder weniger fein geringelt, Stachel zart
a) Ösophagus mit mittlerem Bulbus, Männchen mit
Bursa XX. Tylenclms
ß) Ösophagus nur mit hinterem Bulbus, Männchen ohne
Bursa XXI. Aphelenclms
2. Cuticula äußerst derb quergeringelt, Stachel kräftig,
lang und mit deutlichem Lumen XXII. Crkonema
IL Übersicht der Arten.^)
I. Älaimus de Man.
1) Schwanz nicht fadenförmig, Entfernung der Vulva vom
Ösophagusende stets größer als die halbe Länge des Öso-
phagus A. primitivus de Man
1) Nur durch eine einzige Art vertretene Genera, wie : Äphanolaimiis
DE Man, PHsniatolaimus de Man, Aulolaimoides Micoletzky, Cylindro-
laihms de Man, Irorms Bastian und Criconema Hoemänner et Menzel
sind hier, weil überflüssig, nicht angeführt.
Freilebeude Süßwasser-Nematodcu der Bnkowiua. 477
2) Schwanz fadenförmig-, Entfernung der Vulva vom üso-
phagusende so lang oder kürzer als der Ösophagus
A. doUchurus de Man
in. Tripyla Bastian
1. Seiteuorgane nicht sichtbar (höchst unscheinbar), über
1 mm lang T. papillata Bütschli
2. Seitenorgane deutlich kreisförmig, unter 1 mm lang
T. circulata Micoletzky
IV. Monohystera Bastian
1) 1 oder 2 Ocellen am Vorderende
1. Spicula des Männchens kurz und plump, akzessorisches
Stück kräftig, dreieckig, Körperform plump, meist vivipar
M. stagnalis Bastian
2. Spicula des Männchens lang und schlank, akzessorisches
Stück wenig hervortretend, Körperform mäßig schlank,
stets ovipar M. paludicola de Man
2) keine Ocellen vorhanden
1. Darm bei durchfallendem Lichte von sehr dunkler,
schwärzlicher Farbe
a) Haut glatt, ungeringelt, Seitenmembran fehlend,
Schwanzspitze ohne Borsten
a. Entfernung der Seitenorgane vom Vorderrande
des Kopfes ungefähr so groß wie die Breite des
Vorderrandes.
aa. Entfernung der Vulva vom After stets merk-
lich kürzer als die Länge des Schwanzes,
mäßig schlank, Schwanz schlank, y = 4,5 im
Mittel M. vulgaris de Man
ßß. Entfernung der Vulva vom After größer oder
nahezu gleich der Schwanzlänge, Schwanz
plump, y = ö,l im Mittel
M. dispar Bastian
ß. Entfernung der Seitenorgane vom Vorderrande
des Kopfes stets größer als die Breite des
Vorderrandes M. simills Bütschli
b) Haut deutlich quergeringelt, Seitenmembran breit
und zellig, Schwanzspitze mit 2 divergierenden Borsten
M. setosa Bütschli
2. Darm bei durchfallendem Licht von hellbrauner Farbe
478 Heinrich Micoletzky,
a) Körper mäßig schlank, Lippen angedeutet, Vulva-
Drüsen vorhanden M. ßliformis Bastian
b) Körper sehr schlank, ohne Lippenandeutung und
Vulva-Drüsen
a) 6 Kopfborsten, Seitenorgane weit hinten, Vorder-
ende sehr verschmälert, 0,5 mm lang
M. Simplex de Man
ß) 10 Kopf borsten, Seitenorgane in geringer Ent-
fernung vom wenig verjüngten Vorderende,
durchschnittlich 1 mm und darüber lang
M. agilis de Man
VL Trüobus Bastian
1) Schvvanzspitze des Weibchens knopfartig angeschwollen,
Mundhöhle becherförmig, Spicula des Männchens wenig
gekrümmt, akzessorisches Stück schwach ohne Schaft
1. Papillen des Männchens erreichen Vr, des Körperdurch-
messers, alle gleich groß T. (jracilis Bastian
2. Papillen des Männchens erreichen den halben Körper-
durchmesser, alle sind blasig aufgetrieben, im ausge-
stülpten Zustand bestachelt, die vorderste Papille ist
stets merklich kleiner als die folgenden
T. gracilis var. grandipapülatus Beakenhofe
2) Schwanzspitze des Weibchens nicht angeschwollen, Mund-
höhle trichterförmig, Spicula des Männchens stärker ge-
krümmt, akzessorisches Stück mit kurzem, aber breitem
Schaft T. pellucidus Bastian
VIII. Rhabdolaimus de Man ^)
1) Ausfuhrröhrchen der Schwanzdrüse kurz, Vj^ma,! so lang
wie breit R. aquaticus de Man
2) Ausfuhrröhrchen der Schwanzdrüse lang, 4mal so lang wie
breit B. terrestris de Man
X. Cephcdobus Bastian
1) Schwanz kurz, abgerundet, nicht selten keulenförmig oder
mit sehr kurzem feinem Spitzchen am abgerundeten Ende
C. striatus Bastian
2) Schwanz mehr oder weniger verlängert, zugespitzt
1) Es ist sehr leicht möglich, daß sich beide Arten als identisch er-
weisen werden.
Freilebende Süßwasser-Neiuatoden der Bukowina. 479
1. Kopfende abgerundet, Lippen rudimentär, ohne Papillen,
Körperform sehr schlank, vivipar
C. fiUformis de Man
2. Kopfende nicht abgerundet, Lippen wohl ausgebildet,
mäßig schlank, ovipar
a) Kopfende mit 3 Lippen, aber ohne Papillen, Schwanz
kurz rj/ $ 12— 16, ^ 15—26) C. elongatus de Man
b) Kopfende mit 3 deutliche Papillen tragende Lippen,
Schwanz kurz {y $ 7—9, S 12—18)
C. oxyuroides de man
XI, Teratocephalus de Man
1) Kopfende abgesetzt
a) Schwanz verlängert, haarfein auslaufend, Seitenorgan
klein (? kreisförmig) T. terrestris Bütschli
b) Schwanz ziemlich kurz, zugespitzt endend, Seiten-
organ groß, spiralig T. spiralis Micoletzky
2) Kopfende nicht abgesetzt, Kopfborsten vorhanden, Seiten-
organ groß, spiralig T. spiraloides Micoletzky
XII. Plectiis Bastian
1) Mundhöhle lang (V4 der Ösophaguslänge), Osophagealbulbus
ohne Klappenapparat [an Cylindrolaimus erinnernd]
P. pedimculatus Hofmännee
2) Mundhöhle kurz, Osophagealbulbus stets mit Klappen-
apparat
1. Mundhöhle am Vorderende kugelförmig erweitert
P. granuhsus Bastian
2. Mundhöhle am Vorderende nie kuglig erweitert
a) Größere Arten, nahezu 1 mm erreichend und darüber
a. Körper mäßig schlank bis plump, Lippen deutlich
P. cirratus Bastian
b. Körper schlank bis sehr schlank, Lippen rudimentär
oder fehlend P. tentiis Bastian
b) Kleinere Art, 1 mm niemals erreichend, Kopfende
zugespitzt, Seitenorgan rundlich P. parvus Bastian
XIII. Rhabditis Dujardin
1) Vorderende mit chitinigen Hakenbildungen
R. coronata Cobb
2) Vorderende ohne chitinige Hakenbildungen
1. Vulva nahe am After B. monohystera Bütschli
2. Vulva in der Körpermitte oder wenig dahinter
480 Heinrich Micoletzky,
a) Schwanz beider Geschlechter lang (stets länger als
Vio der Körperlänge), beim Männchen die Bursa auf-
fallend überragend
a) Kopfende mit 4 submedianen Borsten, Männchen
unbekannt B. lacustris Micoletzky
ß) Kopfende ohne Borsten
ad) Papillenbeginn knapp vor dem After, Weib-
chen unbekannt
E. pseudoelongata Micoletzky
ßß) vorderste Papille 2 Spiculuralängen vom Anus
entfernt B. paraelongata Micoletzky
b) Schwanz in beiden Geschlechtern kurz (stets kürzer
als Vio der Körperlänge)
a) Bursa wohl ausgebildet, schwanzumfassend, mit
10 Paar Papillen, von denen 2 präanal und
8 postanal stehen B. teroides Micoletzky
ß) Bursa rudimentär, das Schwanzende freilassend,
mit 5 Papillenpaaren B. aquatica Micoletzky
XV. Biplogaster Max Schultz e
1) Mundhöhle mit einem großen beweglichen Dorsalzahn (neben
kleineren Subventralzähnen)
a) Der große Dorsalzahn steht nahe am Mundhöhlen-
boden, Cuticula ohne auffallende Längsstreifung
D. rivalis Leydig
b) Der große Dorsalzahn steht etwa in halber Höhe der
Mundhöhle, Cuticula sehr deutlich längsgestreift
B. striatus Bütschli
2) Mundhöhle mit 2 (oder 3 ?) ungefähr gleich großen Zähnen
B. fidor Bastian
XVI. Mononclms Bastian
1) 1 großer Dorsalzahn im vorderen Teil der Mundhöhle,
Vestibulum ohne hexagonalen Chitinpanzer, Seitenorgane
unsichtbar
a) Schwanz schlank, die beiden hinteren Drittel faden-
förmig M. macrostoma Bastian
b) Schwanz kurz (y = 15 — 18) und plump, gegenüber
dem Dorsalzahn eine gut markierte ventrale Zahn-
leiste M. muscorum (Düjahdin)
Freilebende Süliwasser-Nematoden der Bukowina. 431
2) 1 größerer Subventralzahn am Mimdliölilenboden, Vesti-
bulum mit hexagonalem Chitinpanzer, Seitenorgane kreis-
förmig M. baflnßius Miculetzky
XVII. Cyatholaimus Bastian
1) Mundhöhle tief, mit deutlichem Zahn, Seitenorgane spiralig
a) Mundhühlenzahn sehr spitz, Seitenorgan weit hinter
der Mundhöhle, Körperform sehr schlank C. sp.
b) Mundhöhlenzahn mehr oder weniger abgerundet,
Seitenorgan auf der Höhe des Mundhöhlengrundes,
Körperform mäßig schlank C. ruricola de Man
2) Mundhöhle sehr klein, ohne deutlichen Zahn, Seitenorgau
kreisförmig, hinter der Mundhöhle C. tenax de Man
XVIII. Chromadora Bastian
1) Mundhöhle mit 1 Dorsalzahn
a) Ocellen voi'handen
a) Borsten der Längsreihen klein, Männchen mit
2 — 3 Papillen CJi. ratzehurgensis v, Linstow
ß) Borsten der Längsreihen groß, Männchen ohne
Papillen Ch. hiociilata M. Schultze
b) Ocellen fehlen, Körper schlank, Männchen mit 8 Pa-
pillen Ch. leuckarti de Man
2) Mundhöhle mit 3 Zähnen (2 größeren distalen subdorsalen,
asymmetrischen und 1 kleineren rudimentären Ventral-
zahn), Seitenorgan groß, spiralig
sg. Parachromadora Micoletzky
a) Mundhöhle prismatisch, ventraler (rudimentärer),
äußerst subtiler Zahn etwas unterhalb der Mund-
höhlenmitte, Schwanzdrüsenröhrchen lang
Ch. (P.) alpina Micoletzky
b) Mundhöhle becherförmig, ventraler Zahn in einer
Einbuchtung nahe am Mundhöhlengrunde gelegen,
Schwanzdrüsenröhrchen kurz
Ch. (P.) lacustris Micoletzky
XIX. Bonßaimus Dujardin
A. Vestibulum klein, dünnwandig
a) Schwanz kurz, bei beiden Geschlechtern mehr oder
weniger abgerundet
a. Cuticula des Schwanzes (beim Weibchen) eigentümlich
geschichtet, Lippen ausgeprägt, Männchen mit 19 — 21
präanalen Papillen D. oMusicaudatus Bastian
482 Heineich Micoletzky,
b. Cuticula des Schwanzes (beim Weibchen) nicht ge-
schichtet, Lippen wenig ausgeprägt
1) Schwanz nicht augeiförmig, Männchen mit 4—5 Prä-
anal- und einer Analpapille D. intermedius de Man
2) Schwanz angeiförmig D. centrocercus de Man
b) Schwanz beim Weibchen mehr oder weniger verlängert,
zugespitzt oder fadenförmig
a. Schwanz bei beiden Geschlechtern kurz zugespitzt, nach
der Bauchseite hin gebogen D. carteri Bastian
1) Schwanz sehr kurz (y = 21 — 30 und darüber
D. carteri f. typicus
2) Schwanz kurz (y = 10—20)
D. carteri f. longicaudatus
b. Schwanz beim Weibchen mehr oder w^eniger verlängert,
fadenförmig
1) Ohne gelbe, spindelförmige Flecken am vorderen
Ösophagus (Stachelbasis)
1. Durchschnittsgröße über 3 mm (^) bzw. 3,5 mm (?)
Vorderende sehr stark verschmälert
D. stagnalis Düjardin
a) Körperform schlank (a mehr als 30), vorderer
schmälerer Ösophagusteil nur wenig kürzer als
der hintere breitere D. stagnalis typicus
ß) Körperform plump (a erreicht nicht 30), vor-
derer schmälerer Ösophagusteil merklich kürzer
als der hintere breitere
D. stagnalis var. crassus (de Man)
2. Durchschnittsgröße unter 3 mm (c^) bzw. 3,5 mm
($), Vorderende nicht besonders verschmälert
a) Vulva bedeutend vor der Körpermitte, Genital-
organe paarig, symmetrisch, Schwanz sehr lang,
fadenförmig, cJ mit 23 — 27 Papillen
D. longicaudatus Bütschli
ß) Vulva in oder nahezu in der Körpermitte
a. Körperform äußerst schlank (a mehr als 60),
mehr als 2 mm (?) lang, Schwanz gleichmäßig
verjüngt D. fiUformis Bastian
ß. Körperform schlank bis sehr schlank (a 50
nie erreichend), durchschnittlich 1,5 mm lang,
Freilebemle Öiißwassei-Nematodeu der Bukowina. 433
Schwanz oft hinter dem After plötzlich ver-
schmälert, ^ mit 7—14 Präanalpapillen
D. hastiani Bütschli
aa) Schwanz kurz (y = 15— 30) und charak-
teristisch D. hastiani f. typicus
ßß) Schwanz länger (y = 8—14), die plötzliche
Verschmälerung des fein zugespitzt enden-
den Schwanzes ist nicht immer deutlich
D. hastiani f. longicaudatus (v. Daday)
2) Mit 4 spindelförmigen gelben Flecken auf der Höhe
der Stachelbasis, Kopfende lippenlos, ^ mit 13 — 18
Pränalpapillen B. flavomacidatus v. Ltnstow
B. Vestibulum groß, mit dicken chitinisierten Wänden
D. macrolaimus de Man
XX. Tylenclms Bastian
a) Schwanz des Weibchens abgerundet, Schwanz des Männ-
chens ganz von der Bursa umfaßt T. duhius Bütschli
b) Schwanz des Weibchens mehr oder weniger spitz zulaufend,
Schwanz des Männchens die Bursa meist nicht umfassend
1) Schwanz des Männchens die Bursa umfassend, Schwanz
bei beiden Geschlechtern kurz {y = 18 — 20)
T. gracilis de Man
2) Schwanz des Männchens die Bursa nicht umfassend,
Schwanz bei beiden Geschlechtern verlängert {y =
3-13)
a) Kleine Art, Körpergröße 0,6 mm nicht über-
schreitend, Cuticula breit geringelt, Vagina mit
Cuticularverdickung T. agricola de Man
ß) Größere Arten, Körpergröße über 0,6 mm, an
Länge 1 mm erreichend
aa) Mundstachel kräftig geknöpft, Vo der Öso-
phaguslänge erreichend
T. davainei Bastian
ßß) Mundstachel sehr zart geknöpft, V12— Vis
der Ösophaguslänge erreichend
T. füiformis Bütschli
XXI. Aphelenclms Bastian
1. Körperlänge über 1 mm, äußerst schlank (a = 70
im Durchschnitt) A. elegans Micoletzky
484 Heinrich Micoletzky,
2. Körperlänge 0,5 mm, mäßig* schlank (a = 30 im
Durchschnitt) A. striatus Steiner
a) Cuticula mit 25—30 Längsstreifen am Leibes-
umfang, terricol A. striatus typicus
ß) Cuticula ohne Längsstreifuug", im Süßwasser
A. striatus var. aquaticus (Micoletzky)
XXII, Criconema Hofmännee et Menzel
1) Kleine Art, unter 1 mm lang, Schwanz abgestutzt
kurz (y = 16) C. rusticum Micoletzky
2. Größere Art über 1 mm lang, Schwanz zugespitzt,
lang (y = 5) C. aquaticiim Micoletzky
I. Alainiiis de Man.
1. Alaiinus primitivus de Man.
Menzel, 1914, p. 43.
Stefanski, 1914. p 10 — 11.
Micoletzky, 1914 (2), p. 250—251.
— , 1915 (2) p. 3.
Gesamtindividuenzahl: 1 $.
Das einzige Exemplar wies zufolge der kalt angewendeten
Formolkonservierung eine so ungünstige Einkrümmung auf, daß es
mir nicht mit Sicherheit gelang, eine Geschlechtsöffnung nachzu-
weisen; es ist somit möglich, daß es sich um ein jugendliches Indi-
viduum handelt. Die Maße nach de Man betrugen: L = 1,06 mm,
a=54, i5 = 4,3, y = 17.
Fundort. Ineu: Hochsee 1.
G e 0 g r a p h i s c h e V e r b r e i t u n g.^) Schweiz : Genfer See und
Torfmoose des Jura (Stefanski), Moosproben der Hochalpen (Menzel);
Süd-Afrika: Sambesi (Micoletzky).
II. ApJianolaimus de Man.
2. Aphmiolainius aquaticus Daday.
Stefanski, 1914, p. 12.
Micoletzky, 1914 (2), p. 251—252.
1) Hier wie bei den folgenden Arten wird nur die in meiner früheren
Arbeit (1914 u. 1915) noch nicht berücksichtigte Literatur herangezogen;
dasselbe gilt von der am Kopfe der Arten angeführten Literatur.
n = 6 ^^
(^ L = 0,8 mm
a = 37
^ = 5,1
G = 30,57o
11 = 1
Freilebende SüLJwasser-Nematodeu der Bukowina. 485
Gesaiiitiiidividueiizalil: 9, davon $ G, juv. 2, ^ 1.
? L = 0,99 mm (0,77—1,3 mm) ')
B = 0,0255 mm (0,0205-0,027 mm)
a = 38.5 (31—49,5)
ß = 4,92 (4,15-5,5)
y = 6,95 (5,9—7,65)
V=50,2% (48,3—53)
$ Gi-ll,8«/o (8,35— 17,17o) n = 41
G, = 9,9% (7,3-12,1%) 11 = 5 j Umschlag- = V^-'^s-
Verglichen mit dem ost-alpineu Material sind die weiblichen
Exemplare der Bukowina sowie des angrenzenden siebenbürgischen
Hochsees etwas kleiner, schlanker und tragen einen etwas längeren
Ösophagus und Schwanz, Auch hier liegt die Vulva durchschnitt-
lich genau in der Körpermitte, trotzdem in einzelnen Fällen merk-
liche Verschiebungen stattfinden. Die Ovarien sind relativ kürzer.
Auffallend klein ist das einzige Männchen, dessen Körperlänge unter
die Variationsbreite des Vergleichsmaterials reicht. Dessenunge-
achtet haben wir es mit einem reifen Individuum zu tun, das sonder-
barerweise mit dem kleinsten beobachteten Weibchen im Copula-
tionsstadium überrascht und fixiert wurde. Dieses Copulations-
stadium zeigt beide Spicula bis zur Hälfte in die Vulva versenkt
und den Männchenschwanz um das Weibchen geringelt. An den
Drüsenpapillen, deren Beginn bei 78,5% der Gesamtkörperlänge vom
Vorderende gelegen ist, konnte ich keine nennenswerte Veränderung
wahrnehmen. Die Papillenreihe übertrifft den Schwanz um das
l,13fache; die Zahl der präanalen Papillen betrug 9. Hinzufügend
sei abermals erwähnt, daß am Kopfe nur 4 und nicht, wie Stefanski
neuerdings im Anschluß an v. Daday bemerkt, 6 Kopfborsten ge-
funden werden.
Fundort. Czernowitz: Rott-Sumpf 5b ; Cecina: Waldtümpel 1;
Ineu: Bergsee la — b; stets sehr vereinzelt.
Geographische Verbreitung. Diese weitverbreitete Art
wurde jüngst von Stefanski auch im Genfer See aufgefunden, wo
sie recht selten vorkommt.
1) Im Gegensatz zu de Man, der zumeist nur Maximalwerte der
Körperlänge angibt und im weiblichen Geschlecht anscheinend nur eier-
tragende Exemplare berücksichtigt, sehe ich alle Nematoden, die die letzte
(4.) Häutung beendigt haben, als erwachsen an. Hier(1urch stößt ein Ver-
gleich meiner und der Maße DE Man's auf Schwierigkeiten.
486
Heinrich Micoletzky,
11 = 3
III. Ti'ipyla Bastian.
3. Tripyla 2yciplllatei Bütschli.
Menzel, 1914, p. 46.
Stefanski, 1914, p. 14.
Micoletzky, 1914 (2), p. 252.
Gesamtindividuenzahl : 77, davon $ 27 (6 eiertrag.), (^ 20, juv.
(?)!) 5, juv. (^) 1, juv. 24.
$L =2,17 mm (1,63—2,57 mm)
B =0.072 mm (0.052-0,098 mm)
a = 30,5 (26,3-34)
ß = 5,77 (5,45—6,2)
y = 7,66 (6,0—10,3)
V = 577o (55,5 - 58'7o)
Gi= 17,2% (13,6-20,70/0) Umschlag = % ) _
G2=16,17o (15,5—16,70/,,) Umschlag =^5 1^^-^
(^ L =2,16 mm (1,74—2,47 mm)
B = 0,074 mm (0,052—0,086 mm)
a = 29,5 (27—33,5)
jS = 5 89 (5,5—6,5)
y = 6,05 (5,2-6,8)
G = 38o/o (31,7- 45 "/o) n = 3
Gl= 25% (L = 2,3 mm) n = 1.
juv. (?) L = 1,77 mm (1,62—1,96 mm)
B = 0.062 mm (0,052-0,070 mm)
a =28.6 (26,5-31,3)
ß = 5,5 (5,1-5,8)
y =5,97 (5,3—6,3)
V = 51,6% (51-52%)
juv. (cJ) L = 1,44 mm
a =29
ß =3,7
y =5,3
Leider war es mir bei dieser Art nicht möglich, eine größere
Anzahl von Individuen zu messen, da die korkzieherartige Auf-
n = 4
n = 3
n=l
1) In Klammer gesetzte Geschlechtszeichen bedeuten Individuen
während der letzten Häutung; juv. schlechthin bedeutet Jugendform
von äußerlich indifferentem Geschlechte.
Freilebende Süßwasser-Neniatodeu der Bukowina. 487
lollung, die diese Species nach der kalt angewandten Fixierung auf-
weist und die auch Menzel aufgefallen ist, eine Messung in den
meisten Fällen nicht gestattet. Immerhin glaube ich das vorliegende
spärliche Material zum Vergleich hei-anziehen zu dürfen. Die Buko-
winer Vertreter sind größer, schlanker und etwas kurzschwänziger
im weiblichen, dagegen etwas langschwänziger im männlichen Ge-
schlecht. Die Vulva ist noch mehr caudal gelegen. Auffällig ist
die Vulvalage im Stadium der letzten Häutung; sie befindet sich
hier nahe der Körpermitte, so daß späterhin eine Verlagerung nach
hinten bzw. eine Streckung der prävulvaren Wachstumszone statt-
finden muß, während im allgemeinen das gegenteilige Verhalten
festgestellt werden konnte. Bezugnehmend auf die Maßangaben
Stefanski's sei bemerkt, daß sie sich, namentlich was die relative
Körperdicke (a = 27) betrifft, außerordentlich meinen Maßen nähern ;
leider versäumt es auch dieser Autor, exakte Angaben über die Zahl
der gemessenen Individuen anzuführen.
Fundort. Cecina: Waldrandtümpel 2b; Czance Teich 4
Czernowitz: Teich 2c, Sumpf 6b; Czernowitz-Bila: Wiesentümpel 11
Dorna: Altwasser; Franztal: Wiesentümpel 2; Inen: Bergsee Ib, 2
Luczyna: Gebirgswaldtümpel; Kotzman: Teich Ib; Eareu: Alm-
tümpel 3; Tereblestie: Brunnen 5.
Geographische Verbreitung. Schweiz: typisch in Tümpeln
der Hochalpen (2000 m) (Menzel), Genfer See und Rhone (Stefanski).
IV. Mo7iohystera Bastian.
4. Monohystera stagnalis Bastian.
(Taf. 19 Fig. la— Ij.)
Hofmännek u. Menzel, 1914, p. 81 — 82, fig. 1 — 2.
Menzel, 1914, p. 44, Monohyslera de maxi n. sp.
Micoletzky, 1914 (2), p. 252—253.
Gesamtindividuenzahl: 338, davon $ 216 (140 Eier bzw. Em-
brj^onen tragend), c^ 98, juv. (?) 4, juv. (^} 4, juv. 16.
$ L = 0,865 mm (0,468—1,1 mmj
B = 0.043 mm (0,026-0,065 mm)
a =20,5 (15-26,7) [ n = 91
ß = 6,45 (5,35-7,9) (eiertrag. 64)
y = 5,75 (4,8-8,4)
V =68,2% (61-72%) n = 4
488 Heinrich Micoletzky,
cJ L = 0,82 mm (0,64—1,02 mm )
B = 0.0373 mm (0,026—0,054 mm)
a =22,4 (19,8-^31,7) ,„ = 70
ß =6,1 (5.4-7,1)
y = 6.05 (5,15—8,4)
G = 20.15*'/o (17,3— 23«/o) n = 2
spi=2,74 (2,3—3,17) n = 5
Bei Betrachtung" der Variabilitätspolygone dieser Art fällt vor
allem die engere Variationsbreite des männlichen Geschlechts auf;
dies gilt besonders für die absolute Körperlänge und Körperbreite.
Am meisten von der ßinomialkurve weichen die Variationspolygone
der relativen Schwanzlängen ab, insbesondere weist das des weib-
lichen Schwanzes 2 deutliche, benachbarte Gipfelpunkte auf. Ein
Vergleich mit dem ost-alpinen Material kann hier nicht gegeben
werden, da seinerzeit auf die Konstruktion der Polygone verzichtet
wurde. Dagegen zeigen die relativen Variationsbreiten (S. 489),
daß das Vergleichsmaterial ganz ähnliche Verhältnisse aufweist und
daß auch das Verhältnis der Geschlechter ein ganz ähnliches ist,
mit Ausnahme des männlichen Schwanzes. Ein Vergleich der obigen
Maße mit jenen der ost-alpinen Individuen zeigt im Mittel nahezu
dieselbe absolute Länge, dagegen sind die alpinen Individuen in
beiden Geschlechtern schlanker und tragen einen längeren Öso-
phagus sowie Schwanz. Im großen ganzen ist sowohl bezüglich der
Mittelwerte als auch bezüglich der Variationsbreite eine große An-
näherung zu verzeichnen.
Obzwar ich mich bereits früher über diese und die folgende Art
in ziemlich eingehender Weise ausgesprochen habe, sehe ich mich
doch durch die neueste Literatur, insbesondere durch die Aufstellung
der neuen Art Monohystera demani der beiden Schweizer Autoren
Hofmänner u. Menzel, veranlaßt, abermals auf die Artberechtigung
der beiden ocellentragenden Süß Wassertürmen zurückzukommen. Er-
wähnt sei noch, daß auch Stefanski gleich Hofmänner beide Arten
gegen das Prioritätsgesetz unter dem jüngeren Namen M. paludicola
DE Man vereinigt. Im übrigen sei bemerkt, daß den Schweizer
Autoren nach dem Spiculum, das als „long et mince" bezeichnet
wird, tatsächlich de Man's M. paludicola vorgelegen hat.
Der Urheber unserer Art ist Bastian (1866). Ich muß aller-
dings gestehen, daß nach der Abbildung dieses Autors (tab. 9 flg. 11)
vom Männchenschwanze M. paludicola de Man vorgelegen haben dürfte,
Freilebende Süßwasser-Nematoden der Bukowina. 489
zumal die schlanken Spicula sowie die relative Schwanzlänge (für
.spi berechne ich 1,88) genau mit dem von mir berechneten Mittel-
wert übereinstimmt. Es wäre somit streng genommen der Name
31. staynalis Bastian's, wenn man die Abbildung des männlichen
Schwanzes des englischen Autors zugrunde legt, in M. stagnalis
DE Man umzuändern; hingegen müßte die mit kurzen, kräftigen
Spicula versehene, im weiblichen Geschlechte meist vivipare Art
einen neuen Namen erhalten. Ich glaube indessen von dieser nur
Verwirrung stiftenden Umtaufung aus folgenden Gründen absehen
zu können. 1. Es lagen Bastian beide Arten vor, die er nicht aus-
einander zu halten vermochte. Für M. stagnalis sprechen Vivi-
parität und plumpe Körperform (a = 20), andrerseits muß die Zeich-
nung des männlichen Schwanzes für die von de Man (1884) genau
iDescliriebene und abgebildete M. paludicola in Anspruch genommen
werden. Da nun 2. Bütschli (1873) ebenfalls die normalerweise
lebend gebärende Art als M. stagnalis anspricht und 3. de Man sich
veranlaßt sah, die stets ovipare Art mit den schlanken langen Spi-
cula als eigene Art — M. paludicola — aufzustellen, glaube ich mein
Vorgehen verantworten zu können.
Wie bereits früher (Micoletzky, 1914, p. 414) erwähnt, bietet
die sichere Aüseinanderhaltung dieser beiden naheverwandten Species
dort, wo sie vermischt vorkommen, namentlich im weiblichen Ge-
schlecht, große Schwierigkeiten, zumal die Unterscheidungsmerkmale
an den Flügeln der Variationsbreite zusammenfallen. Das gilt für
die schlankeren Individuen dieser und die plumperen der folgenden
Art, und ähnliches läßt sich für die Vulvalage feststellen, ja selbst
die sonst so charakteristischen Spicula zeigen in ihrem Längen-
verhältnis zum Schwänze entgegen meiner früheren Anschauung Be-
rührungspunkte. Allerdings ist hierbei noch die Plumpheit der
Chitinstäbchen bei der vorliegenden, die Schlankheit bei der folgen-
den Art heranzuziehen, um eine sichere Diagnose zu stellen. Hinzu-
gefügt sei noch, daß das Vorderende weniger verschmälert ist als
bei der verwandten Art; es ist dies eine Begleiterscheinung der
plumperen Körperform.
Was nun die neue Art Monohystera demani betrifft, so kann die-
selbe nach meinem Dafürhalten nicht als gute Art angesehen werden.
Ich kann sie nur als eine schlanke Varietät von M. stagnalis auf-
fassen, die somit als var. demani (Hoemänner et Menzel) anzu-
sprechen wäre. Die Gründe, die mich zu dieser Anschauung führen^
«ind folgende.
Zool. Jahrb. XL. Abt. f. .Sy.st. 32
490 Heinrich Micoletzkt,
1. Form und Größe der Spicula erinnern außerordentlich an die
plumpen, verhältnismäßig- kurzen Spicula der vorliegenden Art.
2. Der gesamte Habitus mit Ausnahme der Körperschlankheit
ist der gleiche wie bei unserer Art.
Als Abweichungen dieser Varietät vom Typus wären zu nennen :
1. auffallende Körperschlankheit ($a = 33— 42, (^a = 30— 35), wobei
merkwürdigerweise die Männchen plumper sind als die Weibchen.
Leider liegen keine exakten Maßangaben vor, so fehlt namentlich
ein Mittelwert. 2. Oviparität, die ich bei unserer Art (1914, p. 412)
in den Alpen gleichfalls häufig angetroffen habe, während sie mir
im Flachlande nicht mit Sicherheit vorgekommen ist. Hingegen
kommt dem unpaaren Ocellus gar kein systematischer Wert zu.
Nach den Angaben über Verwandtschaft der beiden Schweizer
Autoren würde M. demanl erst in dritter Linie an M. sfagnalis er-
innern, sie steht ihr jedoch nach meiner Auffassung viel näher als
die gleichfalls verwandten M. paludkola und M. microphthahna, so
nahe, daß ich vorschlage, sie als Varietät unserer Art einzureihen.
Was endlich die „papillenartige Ringelung" vor dem männlichen
After betrifft, so kommt sie den Männchen dieser und der folgenden
Art gleichfalls zu und wurde bei M. pahidicola bereits von de Man
(1884, tab. 2 flg. 7e) abgebildet.
Bevor ich die Jugendmaße gebe, möchte ich auf die bemerkens-
werte Änderung in der Sexualziffer gegenüber dem ost-alpinen Ma-
terial hinweisen. Diese beträgt in der Bukowina nur 46,5 (n = 322)
gegen 92 (n = 154) in den Ost-Alpen, so daß wir von einem Männ-
chenschwund auf nahezu die Hälfte sprechen können. Die Ge-
schlechtstüchtigkeit bzw. Fruchtbarkeit der Weibchen kann hingegen
als eine wesentlich hohe bezeichnet werden; so kommen hier 12,8
(2—32, n = 15) Eier bzw. Embryonen auf den Durchschnitt, während
das alpine Vergleichsmaterial nur die Zahl 9 (1 — 25, n = 15) auf-
weist.
Bezüglich der parasitären Infektion zweier Exemplare vgL
8. 470.
J u g e n d m a ß e.
juv. ($) L=- 0,607 mm (0,546-0,68 mm)
ß = 0,0266 mm (0,026-0,028 mm;
a = 22,8 (21—24,5)
ß = 5,9 (5,4—6,8)
y = 5,26 (4,67-5,8)
Freilebende Süßwasser-Nematoden der Bukowina. 491
juv. (<^) L = 0.59 mm (0,497—0,7 mm)
B = 0,0247 mm (0,022-0,026 mm)
a = 23,9 (22,4-27) n - 3
ß = 5,7 (5—6,75)
y = 5,9 (5,3—6,0)
Diese Maße zeigen bezüglich der relativen Ösophagus- und
Schwanzlänge die bekannten Erscheinungen der Jagendformen.
Vorkommen. Diese Art tritt trotz der absolut genommen
hervorragenden Häufigkeit — sie gehört mit Trüobus graciUs zur
häufigsten des Untersuchungsgebietes — nur in verhältnismäßig
wenigen Gewässern auf. So zeigt die Übersichtstabelle (S. 456), daß
nur 9 Einzel- und ebensoviele Sammelfundstellen von unserer Art
bewohnt werden, also im ersten Falle nur V^j i^^ zweiten ein
knappes V*? insgesamt ^5 sämtlicher Funde, während andere Arten,
die absolut genommen viel seltener auftraten, wie beispielsweise
Borylaimus stagnalis, Monohystera dispar und M. paludicola sowie
Plectus cirratus und insbesondere Monohystera ßiformis und M. vul-
garis, an ungleich mehr Fundstellen angetroff"en werden und sich
mithin einer bedeutend weiteren Verbreitung erfreuen.
Fundort. In den Tümpeln und Teichen der Ebene häufig,
mitunter als Leitform massenhaft auftretend, fehlt diese Art dem
gebirgigen Teile der Bukowina. Schon am Cecina-Berg bei Czerno-
witz, der sich etwas mehr als 300 m über das Niveau der Stadt
erhebt, habe ich sie nicht angetroffen, desgleichen weder am ßareu
noch am Ineu.
Czance: Teich 1 (Leitform). Merkwürdigerweise konnte unsere
Art in den beiden unteren Teichen nicht gefunden werden, trotzdem
diese ihren Zufluß aus dem obersten benachbarten Teich erhalten;
Czernowitz: Rott-Surapf 6a; Czernowitz-Rosch : Tümpel 14; Czernowitz-
Horecza: Tümpel 16; Czernowitz Pruth : Altwasser 24; Franztal:
Tümpel 2; Kiczera: Tümpel 2—3; Zastawna: Teich.
Geographische Verbreitung, M. st. var. demani : Schweiz,
Tümptel des ßhätikon 1850 m (Hofmännek u. Menzel).
5. Monohystera paludicola de Man.
Stefanski, 1914, p. 17—18.
MicoLETZKY, 1914 (2), p. 253—254.
Gesamtindividuenzahl : 143, davon $ 104 (22 eiertragend), ^ 20,
juv. (?) 2, juv. (c^) 1, juv. 16.
32*
492
Heinrich Micoletzky.
? L = 0,877 mm (0.588- 1,19 mm)
ß = 0,0318 mm (0,022—0,048 mm)
a = 21 A (22,7-33,2) [ n = 30
ß = 5,9 (4,67—7,0) (14 eiertrag.)
y =5,57 (4,4—7,1)
V = 62 % (57,5-68,5 «/o) n = 24
G = 22,1 % (16,5—29,5 «/«) n = 4
(^ L = 0,84 mm (0,65-0,98 mm)
B = 0,0316 mm (0,0255—0,037 mm)
a -26,3(22,4-32,3) v n = 12
ß =5,9 (5,4-7,0)
y =6,5(5,5-9)
G =20,1% (17,4-25 7o)n = 5
spi= 1,88 (0,9-2,5) 11= 12.
Die vorstehenden Maße stimmen im großen Ganzen recht gut
mit dem ost-alpinen Material überein. Im einzelnen sei bemerkt, daß
Ösophagus und Schwanz bei beiden Geschlechtern hier etwas kürzer
sind. Auffällig ist beim Männchen die geringere Körperschlankheit
als beim Weibchen.
Im übrigen kann ich meinen früheren Beobachtungen nur wenig
Neues hinzufügen. Die Sexualziffer beträgt hier nur 20 (n = 127)
gegen 57 (n = 99) dort, so daß der Männchenschwund bei dieser Art
noch beträchtlicher ist als bei der vorangehenden.
Was die relative Länge der Spicula (spi) betrifft, so sei darauf
hingewiesen, daß sie recht beträchtlichen Schwankungen ausgesetzt
ist, größeren Schwankungen, als ich früher vermutete, so daß es
einige — wenn auch wenige — Individuen gibt, die nach der rela-
tiven Spiculalänge für Exemplare der vorhergehenden Art mit extrem
langen Spicula gelten könnten. In diesem Falle muß Körperschlank-
heit sowie Beschaffenheit des akzessorischen Stückes entscheiden.
Die extrem langen Spicula hingegen übertreffen die Schwanzlänge
nicht unbeträchtlich, da ja stets nur die Bogensehnen der Spicula ge-
meint sind. Schließlich sei bemerkt, daß de Man in seiner Mono-
graphie (1884, tab. 2 flg. 7e) ein Männchen mit ziemlich langen
Spicula abgebildet hat. Ich berechne aus dieser Zeichnung für
spi = 1,31.
Mehr als 3 Eier habe ich im Uterus nicht beobachtet, meist
findet sich nur 1, seltener 2 Eier; die durchschnittliche Eigröße be-
trägt 38,9:21,7 jn (26,5-45 /i: 13,3— 26 ju, n = 6).
Freilebende Süßwasser-Nematoden der Bukowina.
493
Jugendstadien,
juv. (?) L = 0,595 mm (0,58—0,61 mm)
B = 0,023 mm (0,022—0,024)
a=25,7 (25,5-26) u = 2
ß = 5,77 (4.85-5,7)
y = 5,25 (5,2—5,3)
V = 59«/o n = l
juv.((^) L =0,72 mm
B = 0,022
a =32,5
ß =b,3 V n = 1
y =5.8
G=23%
spi= 1,55
Vorkommen. Weit verbreitet, doch nirgends häufig, bietet
diese Art das entgegengesetzte Verbreitungsbild der voranstehenden.
Sie fehlt am Cecina, bewohnt jedoch durchschnittlich ^4 aller Ört-
lichkeiten.
Fundort. Czance: Teich 1 vermischt mit M. stagnaUs; Czer-
nowitz-Stadt : Bach 5; Sumpf 3; Sumpf 6b; Czernowitz-Bila: Tümpel 7,
Bach 12; Czernowitz-Kosch : Tümpel 1; Czernowitz-Horecza : Tümpel
15d, 16, Czernowitz-Pruth: Fluß 17, sehr selten; Dorna-Watra: Ge-
birgsaltwasser ; Ineu: Bergsee la, 2; Kirlibaba: Gebirgsstraßen-
graben la; Kuczurmare: Tümpel 2; Ouchor: Gebirgswiesentümpel ;
Rareu: Almtümpel 2; Tereblestie: Tümpel 3, Brunnen 5; Toutry:
Quelle.
Geographische Verbreitung. Schweiz: Genfer See und
Sümpfe des Jura (Stefanski).
6. Monohystera vulgaris de Man.
Stefanski, 1914, p. 19—20.
MicoLETZKY, 1914 (2), p. 254,
— , 1915 (2) p. 4.
Gesamtindividuenzahl: 265. davon $ 258 (eiertrag. 41), juv. 7.
? L = 0,56 mm (0,395—0,7 mm)
B = 0,0213 mm (0,014—0,030 mm)
a = 26,5 (20,1—32) ^ n = 44
ß = 5,15 (4,15—7)
7 = 4,07(3,3-4,8)
494 Hbikrich Micoletzky,
. v = 60,5% (57-64%) n = 26
G = 34 «/o (29-40,8) n - 7
Die vorstehenden Maße stimmen sehr gut mit dem ost-alpinen
Material überein; nur die mittlere Ösophaguslänge ist etwas kürzer
und die Schwanzlänge bedeutender. Der Gonadenbeginn liegt durch-
schnittlich knapp hinter dem Beginn des 2. Körperdrittels. Die
durchschnittliche Eigröße beträgt 39,5:16,5 // (33—60:11—23,5 fi\
n = 13). Mehr als 1 Reifei gelangte nicht zur Beobachtung. Be-
merkenswert ist, daß ein 0,53 mm langes Exemplar aus dem Bach
bei Czance ein gefurchtes Ei auf dem Achtzellenstadium trug. Gegen
Fäulnis scheint diese Art ziemlich empfindlich zu sein. So hatte
ich eine Probe, die durchaus nicht faulig roch, 8 Tage stehen; nach
Ablauf dieser Zeit hatten die meisten Individuen ihre Bewegungen
derart eingestellt, daß sie lebend ohne Anwendung von Wärmestarre
untersucht werden konnten.
Vorkommen. Zeigt sich in gleicherweise wie in den alpinen
Gewässern als überaus häufiger und weitverbreiteter Süßwasserbe-
wohner. Mit M. fdiformis oftmals vergesellschaftet, zählen beide im
Verein mit Trilohus gracilis zu den häufigsten und weitverbreitetsten
Süßwasserbewohnern. Daß unsere Art in den Fundlisten vieler
Autoren trotzdem so spärlich vertreten ist, liegt einesteils an der
Kleinheit, andrerseits an der einige Übung voraussetzenden Artbe-
stimmung.
Fundort. Cecina: Waldrandtümpel 2b; Czance: Bach 5;
Czernowitz-Stadt : Abwasser 1, Teich 2 c, Bach 5 (Leitform), Sumpf 6;
Ozernowitz-Bila: Tümpel 8, Tümpel 9 (Leitform), Bach 12; Czeruo-
witz-Pruth: Fluß 17, Altwasser 19, 23—25; Dorna-Watra: Gebirgs-
altwasser; Franztal: Tümpel 1—2; Ineu: Bergsee 2, Gebirgswiesen-
tümpel 3; Kiczera: Tümpel 2—3; Kirlibaba: Gebirgsstraßengraben a;
Kotzman: Teich la, 2; Kuczurmare: Tümpel 1, 2; Ouchor-Dorna-W.:
Gebirgsbrunnen ; Radautz: Bach, Raren: Almtümpel 3: Tereblestie:
Brunnen 5.
Geographische Verbreitung. Schweiz: Genfer See (30 bis
40 m tief), feuchte Erde von den Gewässern der Rhone (Stefanski) ;
Süd- Afrika: Sambesi und Baakens River bei Port Elizabeth (Mico-
letzky).
Freilebeude Süßwasser-Nematoden der Bukowina.
495
n = 4 (2 eiertragend)
7. MonoJiystera similis Bütschli.
Stefanski, 1914, p. 20—21.
MiGOLETZKY, 1914 (2), p. 255.
— . 1915 (2) p. 4.
GesamtincUviduenzahl: 6, davon 2 eiertragend.
$ L = 0,49 mm (0,36—0,63 mm)
B = 0,019 mm (0,013-0,026 mm)
a = 26 (24—27)
ß =5.7(4,5-6,8)
y = 4,26 (4,1-4,5)
V = 60»/o (53—64%)
0 = 14,7% n=l '
Ei= 37 : 18 /< (37 : 17—19 u) n = 2
Sehr vereinzelt auftretend, bleibt diese Art etwas kleiner als in
den Ost- Alpen; den etwas kürzeren Ösophagus sowie den etwas
längeren Schwanz teilt sie mit M. vulgaris.
Fundort. Cecina : Waldrandtümpel 2b ; Czernowitz-Stadt :
Abwasser 1.
G e 0 g r a p h i s c h e V e r b r e i t u n g. Schweiz : Rhone und Genfer-
See (Stefanski); Süd- Afrika: Sambesi (Micoletzky).
8. MonoJiystera dispar Bastian,
Hofmänner, 1913, p. 612—613, tab. 15 fig. 2, 3a— b.
Stefanski, 1914, Monohysiera crassa, p. 18 — 19; M. dispar, p. 20.
Micoletzky, 1914 (2), p. 255—256.
Gesamtindividuenzahl : 178, davon $ 150 (eiertrag. 38), juv. 28.
$ L = 0,54 mm (0,336—0,91 mm
B = 0,0257 mm (0,0156—0,043 mm)
a = 21,5 (16,8—27) i n = 74
ß = 5,25 (4,2—6,9)
y = 5,55 (4,0—7,0)
V =63,5% (58- 67%) n = 44
G = 28"/o (21,3-33,77o) n= 13
Ei= 36,7 : 19,5 ß (26—59 jn: 14,5-37 /^) n = 20.
Die auf die obigen Maße gegründeten Variationspolygone, die
ich zwar konstruiert, aber, da sie nichts Neues bringen, nicht wieder-
gebe, zeigen große Übereinstimmung mit dem ost-alpinen Material.
496 Heinrich Micoi.etzky,
Die Bukowiner Exemplare zeigen einen etwas kürzeren Ösophagus.
Die Eigröße — mehr als 1 Ei wurde nie beobachtet — ist etwas
geringer. Das kleinste eine Vulva tragende Weibchen, das bereits
1 Ei aufwies, maß 0,336 mm an Länge; es scheinen somit auch hier
ähnlich wie für Monohystera fUiformis und M. vulgaris bedeutende
Größenunterschiede vorzukommen. Ähnliches gibt auch Stefanski
für den Genfer-See an (0,489 mm für seine M. crassa, 0,72 mm für
M. dispar).
Stefanski bemüht sich abermals, M. crassa und M. dispar als
selbständige Arten anzusehen. Zudem irrt Stefanski, wenn er die
Behauptung aufstellt, daß de Man die Identität von M. crassa
BüTSCHLi und M. vulgaris de Man vertritt, vielmehr hat der hollän-
dische Monographist ganz richtig erkannt, daß Bütschli's Art mit
der von Bastian aufgestellten zu vereinigen ist.
Stefanski gelang es gleich Hofmännee, das Männchen zu be-
obachten. Seine knappen Angaben stimmen mit der Abbildung
Hofmänner's ziemlich überein, nur das akzessorische Stück wäre
nach der angezogenen Abbildung eher als groß denn als klein zu
bezeichnen.
Jugendstadien.
juv.$ L = 0,38 mm (0.27—0,46 mm)
B = 0,0185 mm (0,0148—0,0222 mm)
a = 20,4 (18,2—22) n - 3
ß = 4,28 (3,65—4,8)
y =5,02(4,55-5,3)
Fundort. Häufig. Czance : Teich 1 ; Czernowitz-Stadt : Tümpel 5,
Teich 2c, Sumpf 6a; Czernowitz-Bila : Tümpel 7, Bach 12; Czerno-
witz-Pruth: Fluß 17, Altwasser 22 — 25; Dorna Watra: Gebirgsalt-
wasser, Gebirgswiesentümpel ; Franztal: Tümpel 1; Ineu: Gebirgs-
wiesentümpel 3; Kiczera: Tümpel 1, 2, Waldtümpel 4; Kirlibaba:
Gebirgsstraßengraben b; Kotzman: Teich la — b, 2; Kuczuimare:
Tümpel 1; Mihalcze: Tümpel; Tereblestie: Brunnen 5; Tontry:
Quelle.
Geographische Verbreitung. Schweiz: Arve-Fluß und
Genfer-See (Stefanski).
Freilebende Süßwasser-Neiiiatoden der Bukowina.
497
n = 44 (eiertrag. 8)
6
9. 31onohtjstei'a fiUforniis Bastian.
Menzel, 1914, p. 44—45.
Stefanski, 1914, p. 21. '
MicoLETZKY, 1914 (2), p, 256.
Gesamtindividueiizahl : 219, davon $ 205 (eiertragend 35), ^ 1,
juv. 13.
? L = 0,62 mm (0,45—0,865 mm)
B = 0,0246 mm (0.0174-0,0338 mm)
a =25,5(20,1-32)
ß = 5,5 (4,25-6,8)
7 = 4,85 (4,0—6,8)
V = 62,3 7o (59-71 %) n = 20
G =30,7% (22,6-39%) n = 7
Ei = 44 : 19 /< (30—50 /« : 15—22 //) n ■
S L = 0,68 mm
B == 0,023 mm
a = 29,7
ß =5,0
y =5,9
G = 23 'l,
Ei =30%
Ein Vergleich dieser Maße mit jenen des ost-alpinen Materials
läßt erkennen, daß die vorliegenden Vertreter nicht unbeträchtlich
größer sind, der Ösophagus ist etwas kürzer, während die übrigen
relativen Maße ziemlich gut übereinstimmen. Das einzige Männchen
ist etwas größer als der weibliche Durchschnitt und ziemlich schlank.
Die Maße Menzel's nähern sich ziemlich den meinigen, leider hat
er nur 1 einziges Weibchen daraufhin untersucht. Mehr als 1 Ei
habe ich nicht beobachtet; der Gonadenbeginn liegt im Mittel etwas
weiter vorn als beim alpinen Material, welche Tatsache auf eine
größere Fruchtbarkeit hindeutet.
Vorkommen. Wie in den Alpen ist auch diese Art im flachen
Lande außerordentlich verbreitet und gehört somit zu den gemeinsten
Süßwasser-Nematoden. So habe ich sie in der Hälfte der unter-
suchten Gewässer aufgefunden, und von den genauer durchsuchten
Fundstätten bewohnt sie ^/g.
Fundort. Cecina: Waldrandtümpel 2b; Czance: Teich 1, 4;
Czernowitz-Stadt: Abwasser 1. Teich 2 c, Bach 5, Sumpf 6b — c;
498
Heinrich Micoletzky,
Ozernowitz-Bila: Tümpel 7, 8, 11; Czernowitz-Rosch: Tümpel 13;
€zernowitz-Horecza : Tümpel 15 d; Czernowitz-Pruth : Fluß 17—18,
Altwasser 19-24; Czeremosz: Altwasser; Dorna-W.: Gebirgsalt-
wasser, Gebirgswiesentümpel; Franztal: Tümpel 1; Ineu: Bergsee Ic,
2, Gebirgstümpel 3; Kiczera: Tümpel 2—3; Kirlibaba: Gebirgs-
straßengraben a; Kotzman: Teich la, 2; Kuczurmare: Tümpel 1 — 2;
Mesticanesti: Gebirgstümpel; Ouchor: Gebirgstümpel; Radautz: Bach;
Rareu: Almtümpel 3; Tereblestie: Tümpel 1 — 3.
Geographische Verbreitung. Schweiz: Quelle bei Partnun
1900 m (Menzel), Sand d. Arve (Stefanski).
10. Monohystera setosa Bütschli.
BÜTSCHLI, 1873, Monohi/stera dubia, p. 65 — 66, tab. 5 fig. 26a— b?
— , 1874, M. setosa, p. 29—30, tab. 2 fig. IIa; tab. 3 fig. IIb.
de Man, 1888, M. setosa, p. 9 — 10, tab. 1 fig. 5.
Y. Daday, 1898, M. dubia, p. 95, tab. 1 1 fig. 9.
Schneider, 1906, M. setosa u. M. dubia, p. 625 — 626.
Hofmännee, 1913(1), M. setosa, p 413—418, fig. 1—4.
— , 1913(2), 31. setosa, p. 613—614, tab. 15 fig. 4a— b, 5a— b.
Steinee, 1914, M. dubia, p. 260.
Micoletzky, 1914(1), M. crassoides Micoletzky, p. 424 — 426, tab. 15
fig. 16a — c.
Stefanski, 1914, 31. setosa, p. 22—23.
Gesamtindividuenzahl : 36, davon $ 10 (2 eiertragend), <^ 16
juv. 10. Sexualziffer 160.
? L = 1,03 mm (0,695—1,65 mm)
B = 0,045 mm (0,0285-0,065 mm;
a = 22,9 (17,4-26,3)
ß = 4,4 (3,2—5,6)
y = 6,4 (5,4—7,9)
V = 68,4 o/o (65-71 \)
G = 24,1% (17,3-37,5%) n = 4
<^ L = 0,89 mm (0,67—1,17 mm)
B = 0,034 mm (0,0287-0,052 mm)
a = 26,5 (22,5—32) , n = 13
ß = 4,0 (3,75-4,75)
y =6,6(5,6—7,35)
G = 25,1 % (18,4—37 %) n = 7
n = 7 (eiertrag. 2)
Freilebende Süßvvasser-Neiuatoden der Bukowina. 499
F
'ornit
i\ nacl]
i Cobb:
■■')
?
mm
mm
Mund-
höhle
1,03 0,92
0,045 1,54
Seiten-
organe
1,9
1,84
Nerven-
ring -)
14
2,93
22,7
44,2'
50
68,4
84,4
3,82
4,36
3,9
2,8
j?'
mm
0.89
0,75
2,2
16
24,9^
25
50
84,9
o
mm
0,034
1,35
1,78
2,9
3,4
3,77
2,74
Ein aufmerksamer Vergleich der vorstehenden Literaturangaben
läßt erkennen, daß vermutlich allen Forschern die gleiche Art vor-
gelegen hat. Nur bezüglich Bütschli's erster Beobachtung, die aller-
dings, wie er selbst zugibt, ziemlich unvollständig ist, bin ich im
Zweifel. Alle Angaben dieses ausgezeichneten Forschers (1873)
sprechen für die Identität mit seiner 1 Jahr später beschriebenen
Meer- und Brackwasserform M. setosa, nur das in Form einer Spirale
auftretende Seitenorgan erhebt dagegen Einspruch. Von den späteren
Forschern ist es nur Schneiuee, der beide Arten anführt; leider finde ich
keine näheren Angaben, v. Daday, dem, wie ich vermute, zur Zeit
seiner Arbeit über die ungarischen Süßwasser-Nematoden die jüngere
Arbeit Bütschli's unbekannt geblieben sein dürfte, identifiziert seinen
Fund mit 31. dubia, deren Kenntnis er durch das Auffinden des
Männchens wesentlich erweitert. Die Seitenorgane sind nach diesem
Forscher „birnförmig'' ; eine Abbildung hierzu wird nicht gegeben.
Ich halte es — um spätere Irrtümer auszuschließen — für das
beste, Monohijstera dubia als zweifelhafte, unsichere Art einstweilen
bei Seite zu stellen und den Namen M. setosa für die in Rede
stehende Art anzuwenden, wie dies bereits von Hofmänner und
Stefanski geschehen ist. Mit ersterem, der eine dankenswerte
Studie über unsere Art veröffentlichte, befinde ich mich nur inso-
fern in einem gewissen Gegensatz, als dieser in seiner Notiz im
Zoologischen Anzeiger beide Arten für sicher identisch hält,
während ich dies wohl für wahrscheinlich, aber nicht für erwiesen
ansehe.
1) Die Erklärung dieser Formel findet sich auf S. 580. Alle Zahlen
mit Ausnahme der den DE MAN'schen Maßen entnommenen liegen Mittel-
Averte aus 3 Messungen (Individuen) für jedes Geschlecht zugrunde.
2) Ein Vergleich dieser Werte mit jenen meiner M. crassoides
(MiCOLETZKY, 1914, p. 425) zeigt, daß dort ein Druckfehler übersehen
wurde, indem dort, wo Mundhöhle steht, Nervenring stehen sollte !
500 Heinrich Micoletzky,
Durch ein abermaliges Studium des mir vorliegenden Materials
sowie insbesondere durch die Bekanntschaft mit dem Männchen sehe
ich mich zur Einziehung meiner Monohysfera crassoides genötigt.
Die Aufstellung dieser Art erfolgte insbesondere mit Rücksicht auf
die Beborstung des Vorderendes, auf die deutlich körnige bzw. zellige
Seitenmembran und die doppelte Darmzellenreihe.
Sämtliche bisher beobachtete Süßwasserfunde liegen innerhalb
der Variationsbreite meines obigen Längenmaßes, dagegen scheinen,
nach den übereinstimmenden Beobachtungen Bütschli's und de Man's
— welch letzterer Autor im wesentlichen die Maße seines Vor-
gängers übernahm — , die marinen und brackischen Vertreter dieser
interessanten Art größer zu werden ($ L = 1,7—2 mm, <^ 1,5 mm).
Eine Ausnahme hiervon macht nur die Angabe v. Daday's über die
Exemplare des Plattensees ($ L = bis 1,87 mm, (^ L = bis 1,58 mm).
Was die relativen Werte betrifft, so sind die vorliegenden Individuen
im weiblichen Geschlechte etwas weniger schlank (a = 20 — 30
HoFMÄNNEB, 25 — 26 BüTscHLi uud DE Man). Leider lassen v. Daday's
Angaben keine zuverlässigen relativen Werte berechnen, was sehr
zu bedauern ist, da diesem Forscher vermutlich die meisten Exem-
plare vorgelegen haben. Seine Artvertreter dürften aber doch plumper
als meine gewesen sein; so berechne ich für $ a= 14,4— 16,6 und
^ a — 15,8 — 17. Die relative Ösophaguslänge ß wird von Hofmänner
mit den Werten 4—5 für beide Geschlechter angegeben, während
nach BÜTSCHLI (1874) die Männchen einen etwas längeren Ösophagus
tragen (? /5 = 5 — 6, ^ ß = 4 — 5). Die Plattensee-Individuen zeigen
in dieser Hinsicht ein ganz abweichendes Verhalten ; so berechne ich nach
V. Daday für $^=2,5—3,6, für S ^ = 3,7—3,75 an, Verhältnisse,
die an die von mir weiter unten gegebenen Jugendmaße eiinnern.
Die relative Schwanzlänge y schwankt nach Hofmännee zwischen
6 und 8, nach Büt.schli zwischen 7 und 8 in beiden Geschlechtern,
während v. Daday im weiblichen Geschlecht ganz abweichende Maße
($7 = 3,6 — 7,5, (J 7 = 6,3—7,5) berechnen läßt. Nach meinen Be-
obachtungen sind die Männchen durchschnittlich etwas kleiner, etwas
schlanker und tragen einen etwas längeren Ösophagus, dagegen einen
etwas kürzeren Schwanz.
Über die Beborstung des Vorderendes liegen in der Literatur
recht verschiedene, einander widersprechende Angaben vor. Bei
seiner 31. dubia gibt Bütschli 6 Borsten an, und v. Daday spricht
von 6 — 8 kleinen Borsten. Da Bütschli damals nur flüchtig be-
obachten konnte, .ist auf seine erste Ansfabe kein besonderer Wert
Freilebende SüiSwasser-Neniatoden der Bukowina. 501
ZU legen. In seiner späteren Arbeit erwähnt er für M. setosa
12 Borsten in paarweiser Stellung von je einer größeren und einer
kleineren Borste. Auf seiner Abbildung ist jedoch nichts von dieser
paarweisen Anordnung zu erkennen, und zudem läßt die Abbildung
— wie auch de Man (1888) richtig bemerkt — eher auf 10 als auf
12 Borsten schließen. Dieser holländische Forscher spricht von 6
langen Kopfborsten, wie auch aus seiner Abbildung deutlich zu er-
kennen ist, und ihm schließen sich Hofmänner und Stefanski an.
HoFMÄNNEE zeichnet überdies noch am Vorderende der 3 ange-
deuteten Lippen je eine Borstenpapille ein, die auch ich gesehen
habe. Was nun meine Angabe von 12 Borsten bei M. crassoides be-
trifft, so kann ich sie nach genauester Durchsicht von 5 Männchen
und 4 Weibchen bei Immersionsbetrachtung (Zeiss, Apochr. 2 mm)
vollauf bestätigen. Allerdings sind diese Verhältnisse so subtil, daß
€S sehr genauen Zusehens und einer günstigen Lage des Präparats
bedarf, um diese Beborstung mit Sicherheit zu erkennen. Auf diese
Schwierigkeiten führe ich auch die Angaben de Man's und Hof-
männer's zurück, während sich Stefanski keinem genaueren Studium
dieser Art hingegeben haben dürfte.
Wie verschieden die Angaben über unsere Art sind, erhellt
recht deutlich an der Cuticula. Alle Forscher stimmen darin über-
ein, daß sie geringelt sei. Über die Stärke dieser Ringelung gebe
ich folgende Zusammenstellung. M. dubia: deutlich geringelt
BüTSCHLi, 1873, fein geringelt v. Daday, 1898; M. setosa: ziemlich
scharf geringelt Bütschlt, 1874, fein geringelt de Man, 1888, sehr
merklich geringelt Hofmänner, 1913 (2) und geringelt Stefanski,
1914. Genaue Angaben über den Abstand der Ringel hingegen fand
ich nirgends.
Die Form der Seitenorgane bei M. dubia wurde bereits er-
wähnt; bei M. setosa stimmen alle Beobachter in der Kreisform über-
ein, nur seine relative Größe wird verschieden angegeben. So ist
das Seitenorgan nach Bütschli (1874j am kleinsten, und ich be-
rechne seinen relativen Durchmesser aus seiner Abbildung D = 7 ^),
während de Man D = 3, Hofmänner sogar D = 2,8 aus ihren Ab-
bildungen berechnen lassen und meine M. crassoides D = 4,25 auf-
1) d. i. ^/^ des Körperdurchmessers auf der mittleren Höhe des
Seitenorgans; es entspricht dies dem Vorgehen de Man's bei den rela-
tiven Körpermaßen.
502 Heinrich Micoletzky,
weist. Ich liabe nun speziell daraufhin 4 Männchen und 4 Weib-
chen untersucht und gebe hier die Mittelwerte:
$ D = 3,95 (3,8-4,2))
c^ D = 2,45 (2,3—2,5)/^^ = ^
Die absolute Größe des Seitenorgandurchmessers schwankt beim
Weibchen von 5,4 - 6,1 ß, beim Männchen von 6,4—6,9 /*. Wir sehen
aus diesen Messungen mit aller Deutlichkeit, daß das Männchen
größere Seitenorgane besitzt als das Weibchen und zwar sowohl
relativ als auch absolut. Es erinnert dieses Verhalten an die inter-
essante Angabe Hofmännee's (Hofmänner u. Menzel, 1914, p. 85
bis 86, flg. 7 — 8) bei CyUndrolaimus hraclujstoma Hofmännee, wo eben-
falls ein wenn auch merklich größerer Unterschied in der Größe der
Seitenorgane beider Geschlechter im gleichen Sinne besteht. Dieser
auffallende Unterschied in der Größe der Seitenorgane bei beiden
Geschlechtern scheint darauf hinzudeuten, daß auch bei den frei-
lebenden Nematoden die Männchen mitunter besser mit Sinnes-
organen ausgestattet sind als die Weibchen. Es handelt sich hier
offenbar um Organe des chemischen Sinnes, dessen bessere Aus-
bildung bei den Männchen das Aufsuchen des anderen Geschlechts
erleichtern soll.
Was die Seiten mem brau anlangt, so erscheint es bei der
Auffälligkeit dieses Gebildes, das ja den meisten Angehörigen des
Genus Monohysfera zu fehlen scheint, merkwürdig, daß einzig und
allein Bütschli (1874) von einer ziemlich breiten und deutlichen
zelligen Seitenmembran spricht. Diese Seitenmembran ist beim
Weibchen etwas breiter als beim Männchen. Ihre relative Breite
beträgt beim
$ 3,5 1) (2,9—4,1) n = 3
cJ 3,6 (3,4^3,8) n = 4.
Die 4 Submedianfelder lassen je 5 spindelförmige Muskelzellen
erkennen, so daß 20 Muskelzellen auf den Körperquerschnitt kommen.
Bezüglich der Darm zellen möchte ich bemerken, daß Bütschli
bei seiner M. dubia ausdrücklich hervorhebt, daß sich diese Art den
übrigen Monohystera-Y ertretern anschließt, so daß folgerichtig der
Darm aus nur 1 Zellenreihe bestehen muß, während nach meinen Be-
obachtungen (an M. crassoides) 2 Zellenreihen den Darm zusammen-
setzen. Die meisten Exemplare allerdings lassen hierüber im mit
1) d. i. '/:^5 des Körperdurchmessers.
Freilebende SüISwasser-Nematodeii der Bukowina. 50^
Glycerin aufgehellten Zustand keine sichere Entscheidung zu.
Stefanski (1914) ist der einzige, der bei unserer Art die einzige
Reihe der Darmzellen direkt ausspricht.
Die Spicula finde ich etwas schlanker, als sie Hofmännek ab-
bildet; das akzessorische Stück muß nicht immer eine Verbreiterung
au seinem dem Spiculum abgewendeten Ende aufweisen ; so vermißte
ich diese Verbreiterung in 3 unter 5 Fällen. De Man bildet das
akzessorische Stück ohne Verbreiterung, Hofmänner dagegen mit
deutlicher Verbreiterung ab. Vielleicht handelt es sich um eine
Lageverschiebnng, vielleicht aber auch um ein Schwanken in der
Form.
Am Schwänze finden sich stets 2 lange Endborsten, zwischen
denen die Schwanzdrüsenmündung aufgefunden wird. Öfters finden
sich hingegen — wie de Man abgebildet hat — mehrere Borsten
in der 3 — 5-Zahl am Schwanzende oder in seiner unmittelbaren Nähe
vor. Die Größe des einzigen Reifeies betrug 44,5 : 22 a bei einem
nur 0,75 mm langen Weibchen.
Jugendstadien.
? L = 0,58 mm (0,5-0.675 mm)
B = 0,0257 mm (0,0222—0,0303 mm)
a = 22,4 (22—22,7)
ß =3,5 (3,1—3,67)
y =5,73 (5,5—5,95)
Genitalanlagenmitte = 49,3"/o (47,5 — 50,5) n = 3
Genitalorganlänge = 8,5% (3,7—13,4) n = 2.
Nach diesen morphologischen Zusätzen zu meiner früheren kvi-
beschreibung von M. crassoides wende ich mich dem Vorkommen zu>
Vorkommen. Diese Form gehört zu den selteneren Arten-
sie findet sich fast ausnahmslos im Pruthfluß und seinen Altwässern,
Der einzige Tümpel, der diese Art barg, ist möglicherweise auch
als modifiziertes Altwasser des Pruth aufzufassen.
Fundort. Czernowitz-Bila : Tümpe 17 ; Czernowitz-Pruth : Fluß
17—18, Altwasser 20-21, 23-25.
Geographische Verbreitung. Deutschland : Kieler Bucht,
marin und brackisch (Bütschli);. Main; botan. Garten zu Frank-
furt a. M. (BÜTscHLi: M. dubia)] Holland: Insel Walcheren b. Vlis-
singen, marin (de Man); Ungarn: Plattensee, sehr häufig (v. Daday):
Osterreich: Attersee (Micoletzky); Schweiz: Genfer See (Hofmännee,
Stefanski), Rhone (Stefanski), Züricher See (Steinee), Vierwald-
504
Heinrich Micoletzky,
Stätter See (Hofmänner); Finnland: Tvärminne, Brackwasser des
finn. Meerbusens (Schneidee).
80 1)
(eiertrag. 45)
V. Trilobus Bastian.
11. Trilobus grcicilis Bastian.
(Taf. 19—20 Fig. 2a— f, 3a— e.)
Stefanski, 1914, p. 24—28, tab. 1 fig. 4a— c, 5a — b, 6a — b, 8a — b.
Micoletzky, 1914(2), p. 256-257.
— , 1915(2), p. 5, tab. 1 fig. la— f.
Gesamtindividuenzahl : 604, davon ? 181 (84 eiertragend), (^43,
1 ^ (Zwitter), juv. ($j 46, juv. {^) 6, juv. 327, Sexualziffer 21,6.
2 L =1,68 mm (1,16—2,4 mm
B = 0,056 mm (0,041—0,082 mm)
a = 30 (22,5—39,5)
ß =5,6 (3,18—7,67)
y =9,0 (5,4-13,4)
V=45,27o (40,3-55%) n = 50
Gl =14,47, (6,85—21,3%) n = 48
G, Umschlag = 10,2% (4,9—14,5%) n = 18
G2 = 15% (6,85-21,5%) n = 48
G2 Umschlag =10,97o (7,7—15,4%) n=18
Ei = 51 : 30,5 n (32,5—78 f^i : 22-70 /*) n = 19
Eizahl = 3 (1—14) n = 49.
^ L = l,49 mm (1,2-1,8 mm)
B = 0,0465 mm (0,028—0,0585 mm)
a = 32,4 (24,5—40)
ß = 5,9 (5.1—6,9)
7 = 14,17 (9,5—17,6)
G = 25,37o (17,5-337o) n = 14
Gl = 22,6% (17,4-28,57o) n = 8
PI = 1,93 (1,66—2,4) n = 21.
Vergleichen wir die vorstehenden morphometrischen Werte mit
denen des ostalpinen Materials, so fällt uns eine weitgehende Über-
einstimmung auf. Die Vertreter der Bukowina (Vo der gemessenen
30
1) Die graphische Darstellung der Variabilität zeigen Fig. 2 a — f auf
Taf. 19. Bezüglich des ost-alpinen Vergleichsmaterials s. 1914, tab. 10 — II,
fig. 5a — e.
Freilebende Süßwasser-Nematoden der Bukowina.
505
Weibchen und Vi der Männchen stammen vom Bergsee des Ineii)
weisen nur im weiblichen Geschlecht einen etwas kürzeren Öso-
phagus und im männlichen einen etwas kürzeren Schwanz auf.
Auch die relative Ausdehnung der Geschlechtsorgane zeigt große
Ähnlichkeit, und nur die Eier sind beim vorliegenden Material etwas
kleiner. Eine auffällige Übereinstimmung sehen wir in der relativen
Ausdehnung der präanalen männlichen Papillenreihe {PI), indem sich
aus meinen früheren Angaben (1914, p. 435) als Durchschnittswert
1,93 berechnen läßt.
Von schärfer charakterisierten ßassen des Untersuchungs-
gebietes möchte ich nur die Hochseerasse des Ineu (See von 1800
und 2000 m) anführen und bemerken, daß sie bezüglich der Schwanz-
maße wohl dem Typus IV von Stefakski entspricht, dagegen nicht
bezüglich dei' Ösophaguslänge. Nachstehend folgen die Maße dieser
Hochsee rasse:
? L = 1,62 mm (1,16—2,4 mm)
B = 0,0563 mm (0,043—0,082 mm)
a = 28.8 22.5-32,5)
ß = 4,1 (3,18-5,4)
Y = 7,15 (5,4-10,2)
V =44,5%(42,8-55«/o)
G,==9,V2'% (6,4-15,6%:
n = 12
(davon 5 eier-
trag.)
G,= 9,9% (6,8-14,4%)
n = 10
Ei = 58,1 : 30,7 ju (38,5—78 /< : 22-36,5 /a) n
Eizahl = 1,2 (1—2) n = 5.
juv. ($) L = 1,29 mm (1,17-1,41 mm)
B = 0,041 mm (0,039—0,041 mm)
a = 31,3 (29—34)
ß = 3,75 3,5-4,0)
y - 6,0 (5,27-6,55)
V = 48,5% (46-50%)
G,= 8,6% (6,8-10,6%) \
9
G2=8,75% (7,3-11,6%)
n = 7
Diese Hochseerasse ist plumpei-, ihr Hauptcharakteristikum ist
jedoch der verhältnismäßig lange Ösophagus und Schwanz, während
absolute Körperlänge und Körperdicke sowie Vulvalage und Eigröße
keine nennenswerten Unterschiede aufweisen. Die Fruchtbarkeit
dieser Rasse scheint, nach der Ausdehnung der Gonaden zu urteilen,
eine geringere zu sein ; hiermit steht die mitunter beträchtliche Ei-
Zool. Jahrb. XL. Abt. f. Syst. 33
506 Heinrich Micoletzky,
große keineswegs im Gegensatz. Die Eizahl ist gering, meist kommt
nur 1 Ei zur Beobachtung.
Stefanski hat in seinem Genfer See-Material in jüngster Zeit
4 Rassen unterschieden. Ich habe daher an der Hand meiner Pro-
tokolle mir die Frage vorgelegt, ob die Rassen Stefanski's sich in
meinem gesamten Material wiederfinden lassen. Daß diese Nach-
prüfung, die sich nur an lebendem Material völlig einwandfrei
durchführen läßt, nicht in der gewünschten Weise möglich ist, liegt
daran, daß mir Stefanski's Arbeit erst zukam, als ich meine Unter-
suchungen der Hauptsache nach bereits abgeschlossen hatte.
Die Rasse III mit sehr kurzem Schwänze (y = 19) habe ich
überhaupt nicht gefunden. Das einzige Exemplar, das diesem
Schwanzmaße einigermaßen nahe kam, zeigte folgende morpho-
metrische Werte : $ L = 3,37 mm, a = 32, ß = b, y= Ib. Es ent-
spricht, was die Maße anbelangt — andere Angaben über dieses In-
dividuum habe ich leider keine — ziemlich den Voraussetzungen
Stefanski's, indem es die Maximalgröße aufweist (Fundort: Lunzer
Almtümpel).
Der Rasse IV mit sehr langem Schwänze, mithin dem Gegensatz
von Rasse III, kann ich etwas ausführlicher gerecht werden, da mir
eine Fülle langschwänziger Individuen zur Verfügung steht. Ich
lasse eine morphometrische Zusammenstelhmg meines Materials aus
den Süßwassern der Ost-Alpen und der Bukowina folgen und gebe
(Taf. 19—20 Fig. 3a— 3e)^ außerdem die dazugehörigen Variations-
polygone.
$ (langschwänzigj L = 1,54 mm (1,16—2,38 mm)
B = 0,0515 mm (0,0345—0,080 mm)
a -29,6 (23-39,5) n = 50
ß = 5,04 (3,2-6,6)
y = 7,12 (5,4-8,5)
V = 46,6"/o (40,5— 55"/o) n = 35.
Für diese langschwänzige Rasse IV gibt Stefanski folgende-
Maße für das Weibchen an: L = 1,872 mm, a = 29, ß = 7, y = 7.
Leider finden sich keine Angaben über die diesen Maßen zugrunde-
liegende Individuenzahl. Bezüglich der absoluten Körperlänge und
Körperbreite (auch relative Körperdicke) sowie selbstverständlich
bezüglich der relativen Schwanzlänge läßt sich eine gute Überein-
stimmung finden, hingegen weicht die relative Ösophaguslänge nicht
unerheblich ab. Während durchschnittlich meinem Material ein
Freilebende Süßwasser-Nein atoden der Bukowina. 507
längerer Ösophagus zukommt bei kürzerem Scliwanze, vereinigt
gerade Stefanski relativ kurzen Ösophagus mit kurzem Schwänze
in seiner Kasse IV. Vergleichen wir überdies, um die Begründung
und Einheitlichkeit dieser Rasse zu prüfen, die beigegebenen Varia-
tionskurven mit jenen des gesamten ost-alpinen und des bukowiner
Materials.
Die absolute Längenkurve (Fig. 3a) verläuft sehr einheitlich
und ist ziemlich typisch eingipfelig, wenn auch mit recht steilem
Anstieg. Sie ist jedenfalls einheitlicher als die mehrgipfeligen Ver-
gleichskurven. Die absolute Breitenkurve (Fig. 3b) ist sehr regel-
mäßig eingipfelig, jedenfalls viel regelmäßiger als die Vergleichs-
kurve des ost-alpinen Materials. Die relative Körperdicke (Fig. 3c)
dagegen, also der Quotient beider, verläuft in graphischer Darstellung
am zackigsten und läßt nicht weniger als 4, eventuell 5 Gipfelpunkte
erkennen, während die Vergleichskurven zwar auch recht unregel-
mäßig verlaufen, aber bei einem doch regelmäßigeren Verlauf nur
3— 4gipfelig sind. Einen ähnlichen, wenn auch nicht so unregel-
mäßigen Verlauf nimmt die Kurve der relativen (Fig. 3d) Ösophagus-
länge. Sie weist nicht weniger als 7 wenn auch unbeträchtliche
Gipfel auf, während die Vergleichskurven des Gesamtmaterials viel
einheitlicheren Verlauf zeigen. Daß sich endlich die Kurve der
relativen Schwanzlänge (Fig. 3e) der Binomialkurve nähert, ist wohl
selbstverständlich; es liegt dies an der Auswahl der Individuen in
bezug auf eben diese morphometrische Größe.
Sind wir nach dieser rein morphometrischen Betrachtung be-
rechtigt, die längschwänzigen Vertreter dieser so variablen Art als
eine markante Rasse anzusprechen ? Im bejahenden Sinne sprechen
absolute Länge und Breite sowie relative Schwanzlänge; relative
Körperdicke und namentlich relative Ösophaguslänge sprechen da-
gegen. Ganz abgesehen davon liegen sämtliche Mittelwerte mit Aus-
nahme der Schwanzlänge den Mittelwerten des Gesamtmaterials sehr
nahe. Diese Ausnahme erklärt sich aus der Auswahl des linken
VariationsÜügels. Bezüglich der Herkunft des längschwänzigen Ma-
terials sei erwähnt, daß dasselbe von 18 verschiedenen Fundorten
herrührt. Darunter befinden sich nahezu sämtliche Gewässertypen,
wie Straßengraben — Sumpf — Tümpfel der Ebene — Almtümpel
— Moor — Alpenfluß — Ebenenfluß — Altwasser — subalpiner See
und Karpathenhochsee.
Obzwar, wie schon eingangs betont wurde, eine exakte Nach-
prüfung der Rassen Stefanski's nur am lebenden Material möglich
33*
508 Heinrich Micoletzky,
ist, möchte ich doch einige Feststellungen am konservierten Material
folgen lassen. So habe ich 2 Präparate von Individuen untersucht,
die nach der Schwanzform dem Typus II zugehören mußten.
Ihre Maße sind:
? L = 1,92—215 mm
a = 28,8—30
ß = 6,35-6,45
y = 11—11,6
V = 42,3—42,5%
Die Mundhöhle beträgt 1,46 — 1,64% der Körperlänge. Die 3
Mundhöhlenzähnchen konnte ich nicht wahrnehmen. Die Schwanz-
spitze verhält sich typisch und trägt keine terminale Schwanzborste.
Die hierhergehörigen Männchen weisen die typische Papillenzahl
6 auf. Somit finde ich diesen Typus II weder morphometrisch noch
morphologisch nach den Angaben Stefanski's realisiert. Ähnlich
ging es mir mit dem Typus IV. Hier untersuchte ich 2 Weibchen,
eines aus dem Pruth, das andere vom Hochsee des Ineu, deren Maße
ich folgen lasse:
$ Pruth $ Ineu
L = 1,37 mm L = 1,65 mm
« = 26,2 a = 36,5
ß - 3,55 ß =ö
y =5,8 7 = 75
Die bei diesem Tj^pus gering sein sollende Mundhöhlen tiefe fand
ich mit 1,35 — 1,8% der Körperlänge, mithin ungefähr ebenso groß
wie beim Typus IL Außerdem gelang es mir nicht, die übrigen Merk-
male Stefanski's aufzufinden, mit Ausnahme der allerdings sehr
spärlich beborsteten (aber nicht völlig borstenlosen) Cuticula.
Zusammenfassend muß hervorgehoben werden, daß Stefanski
der weitgehenden Variabilität dieser kosmopiliten Art durch die
Aufstellung seiner 4 Rassen Rechnung getragen hat, doch glaube
ich schon jetzt, besonders gestützt auf meine umfassenden Variabili-
tätsstudien, die samt dem süd-afrikanischen Material sich auf 180
Weibchen und 75 Männchen, somit auf 255 erwachsene Individuen,
erstrecken, behaupten zu können, daß sich die Rassen Stefanski's
wohl kaum werden aufrecht erhalten lassen.
Bezüglich der Männchen sei bemerkt, daß die Zahl der prä-
analen Papillen zwischen 4 und 6 schwankt. Unter 44 Individuen
Freilebende Süßwasser-Nematoden der Bukowina. 509
fand sich nur 1 Exemplar mit 4 (L = 1,56 mm, y = 16) und 1 Exemplar
mit 5 Papillen (L=l,4mm, y = 11). Letzteres ist ein Zwitter.
Schon DiTLEvsEN (1911, p. 233—234, tab. 3, flg". 16, 20) hat auf die
Neigung unserer Art zum Hermaphroditismus hingewiesen und bildete
ein typisch organisiertes Weibchen mit sekundären männlichen Sexual-
merkmalen ab, ein Individuum, das regelrecht entwickelte Ovarien,
2 Eier und 4 wohlausgebildete Präanalpapillen trug. Der Fall, den
ich gesehen habe, spricht für einen noch weitergehenden Herma-
phroditismus. Die Maße dieses Zwitters sind: L=l,4mm, a = 26,8,
ß = 5,1, y = 11, V = 45%, Gl = 20,5«/o (13% Umschlag), G^ = 16,8%
(11%), PI =1,8. Die Entfernung der einzelnen Papillen vom After
cranialwärts beträgt: 44 ^ (After — hinterste Pap.) : 52 ^ : 31 /.i-.lS /u:
41 ju. Während die weiblichen Gonaden sehr gut ausgebildet sind
und ein prävulvar gelegenes 39 : 36,5 ß großes Ei tragen, ist die
Hodenanlage rudimentär; sie beginnt erst in der Mitte der Papillen-
reihe bei 78% der Gesamtkörperlänge zwischen der 2. und 3. Pa-
pille, also hinter dem Beginn des letzten Körperviertels. Im Innern
des rudimentären Hodenschlauches konnte ich keine Spermien ent-
decken. Spicula und akzessorisches Stück sind gleichfalls rückge-
bildet und haben etwa das Aussehen wie bei einem Männchen, das
sich knapp vor oder während der letzten Häutung befindet. Es
handelt sich somit physiologisch offenbar nur um einen Schein-
zwitter.
Was die Entfernung der präanalen Papillen betrifft, so gebe ich
diesmal nur den Durchschnittswert sowie die Variationsbreite der
maximalen relativen Papillenabstände wieder. Dieser Mittelwert
1,72 (1,27—3,3, n = 22) besagt, daß unter 22 Individuen der durch-
schnittlich größte Abstand zwischen 2 Papillen 1,72 mal den kleinsten
Abstand beträgt. Die Männchen mit regelmäßiger Papillenfolge
zeigen den weitesten Abstand zwischen 2 Papillen um 1 Vi größer
als den kleinsten, die Männchen mit unregelmäßiger Papillenfolge
einen 3^3 mal so großen Abstand.
Parasiten habe ich 3 mal beobachtet, 2 hiervon wurden ge-
nauer studiert. Der eine Fall betrifft ein 1,44 mm langes Männchen
aus dem Abzugsgraben des Horecza-Tümpels am linken Pruthufer
(Fundortstabelle No. 16). Es handelt sich um kleine spindelförmige
Gebilde von 11 — 13 jn Länge bei 1,5 — 3 mm Breite. Sie erfüllten den
Körper subcuticular von der Gegend des Nervenringes bis in das
erste Schwanzdrittel. In der Nähe des Enddarmes sah ich eine
Darmcyste von 8 ß Durchmesser. Die Geschlechtsorgane waren
510
Heinrich Micoletzky,
10
verkümmert, der Spicularapparat hingeg-en wohl entwickelt. Das
2. Mal sah ich ein während der letzten Häutung begriffenes Weib-
chen von 1,04 mm Länge, das im periösophagealen Gewebe zwischen
Nervenring und Ösophagusende einen eingerollten Nematoden trug,
der den Ösophagus des Wirtes zur Seite drängte. Dieser eingerollte
Wurm maß 31:21 ju bei einer Körperdicke von 7,2 ^t. Details sind
leider nicht zu erkennen.
Fundort. Horecza, Tümpel (No. 15 d) am rechten Pruthufer.
Jugendstadien.
juv. ($) L = 1,32 mm (1,04—1,88 mm)
B = 0,043 mm (0,0357-0,0545 mm)
a = 31 (25,4-36) ] n = 18
ß = 4,52 (3,5—5,85)
y = 1,1 (5,72-12,9)
V =46,7«/o (41,5—52%)
G, = 9,8"/o (6,8-16,4) (
G2=10,l (7,3—18,4) )
juv. iS) L = 1,11 mm (0,91—1,36 mm)
B = 0,039 mm (0,035—0,045 mm)
a = 28,6 (25,7—30)
ß = 5,2 (5,0-5,5)
y =11,3(10,8—13,2)
juv. L = 0,992 mm (0,415—1,41 mm)
B= 0,0355 mm (0,0205—0,0455 mm)
a = 27,8 (20—31) n = 6
ß = 4,83 (3,25—5,6)
y = 9,65 (5—12,1)
Auch hier sehen wir große Ähnlichkeit mit dem ost-alpinen Ma-
terial ; die Verschiedenheiten sind wohl zum großen Teil auf die den
Messungen zugrunde gelegte Individuenzahl zurückzuführen.
Vorkommen: Trilobus gracüis ist zweifellos die häufigste und
verbreitetste Art des üntersuchungsgebietes. Sie findet sich in
nahezu allen (29 von 33) Sammel- und in nahezu der Hälfte (22 von
53) der Einzelfundstätten. Als Konkurrenten wären nur Monohystera
ßlifornis und M. vulgaris sowie eventuell auch Plectus cirratus zu
nennen.
Fundort. Cecina: Waldrandtümpel 2a — b; Czance: Teich 1,
2, 4; Czernowitz-Stadt : Teich 2a— c, Sumpf 3a, Bach 5, Sumpf
Freilebeude Süßwasser-Nematodeu der Bukowina.
511
6a— c; Czernowitz-Bila : Tümpel 8, 9, 11; Czernowitz-Kosch : Tümpel
14; Czernowitz-Horecza: Tümpel 15a, d, 16; Czernowitz-Pruth :
Fluß 17, Altwasser 19—21, 23—25; Borna- Watra: Gebirgsaltwasser;
Frauztal: Tümpel 1; Inen: Hochsee la— c, 2, Gebirgswiesentümpel 3 ;
Kiczera: Tümpel 1—3; Kirlibaba: Gebirgsstraßengraben la; Kotz-
man: Teichla— b, 2; Kuczurmare: Tümpel 1—2; Mihalcze: Tümpel;
Ouchor: Gebirgstümpel; Radautz: Bach; Tereblestie: Tümpel 3, Alt-
wasser 4.
Geographische Verbreitung. Schweiz: Genfer-See und
Ehöne, Wald von Bätie (Stefanski); Süd- Afrika: Sambesi (Mico-
letzky).
IIa. Trilöbiis gracilis var, grandipapillatus (Brakenhoff).
Beakenhoff, 1913, p. 286—288, tab. 1 flg., 5—9, Trilohus grandi-
papillatus n. sp.
Gesamtin di vi duenzahl : 3 c^c^, davon eines im Untersuchungs-
gebiet.
Maße nach GobbI):
Mund-
höhle
mm 1,9 1,56
7,8
24
13,7—
50
93,2
^ mm 0,059 1,9
2,57
2,92
3,12
2,53
a = 32,2, /?=4,15, 7 = 14,7.
(J L = 1,91 mm (1,86—1,98 mm)
B = 0,0515 mm (0,0436-0,059 mm)
a = 38 (32,2-45,5)
ß =4,8(4,15-5,1)
y =14,5(13,7-15)
G = 32,37o (28,5—36,3%)
PI = 2,1 (1,7-2,6)
n = 3
1) Diese Maße beziehen sich auf das einzige Exemplar aus der
Bukowina bzw. Siebenbürgen!
512 Heinrich Micoletzky,
^ nach Beakenhofp:
L =2,56 mm
B = 0,440 mm
a =58
7 =15
PI = 2,3
Gelegentlich der Durclisiclit meines ost-alpinen Materials lielen
mir einige Männchen von Trilohus gracüis bereits bei schwacher
Vergrößerung durch die Größe sowie durch die Helligkeit der prä-
analen Papillenreihe auf, so daß die Papillen wie aufgeblasen er-
scheinen. Stets blieb dabei die vorderste Papille auffallend klein.
Die betreffende Notiz in meinen Artenzettelkatalog ist mir leider
bei Abfassung meiner Arbeit entgangen, und erst als ich abermals
ein derartig abweichendes Männchen zu Gesicht bekam, erinnerte
ich mich dieser Befunde, zumal durch die inzwischen erschienene
Abhandlung Bkakenhoff's meine Aufmerksamkeit rege geworden
war. Ein Vergleich zeigt dieselbe Ausbildung der Papillen wie bei
Bkakenhoff's neuer Art, obwohl bei einer Gegenüberstellung der
Maße die absolute Größe und die bedeutendere Körperschlankheit
des norddeutschen Exemplars absticht. Die große Übereinstimmung
in der Entfernung der Papillen ist am besten aus der folgenden
Tabelle ersichtlich:
Entfernung des Afters v. d. 1. (hint.)
Papille in ^
,, der 1. von der 2. Papille
„ 2. „ .. 3. „
„ 3. ,. „ 4.
„ 4. , .. 5. „
„ der vordersten Pap. vom
After in mm
Schwanzlänge
Absolute Länge des Körpers
Aus dieser Tabelle läßt sich der relative maximale Papillen-
abstand^) mit 2,37 (2,16—2,55, n = 3) berechnen, während ich nach
1) Vgl. TrUobus gracüis S. 509.
Männchen No. Braken-
1
2
3
HOFF
46
56
42
64
39
40
25
44
100
80
60
120
52
48
32
68
43
41
40
48
44
37
37
44
0,324
0,302
0,216
0,388
0,124
0,144
0,129
0,171
1,86
1,98
1,9
2,56
Freilebende Süßwasser-Xeniatoden der Bukowina. 513
Brakenhoff die etwas größere Zahl 2,73 (n = 1) erlialte. Diese
Werte lieg-en recht eng beisammen, so daß wir annehmen dürfen,
daß die Entfernung-en der Papillen bei dieser Varietät geringeren
Schwankungen ausgesetzt sind als bei der Stammart.
Ich habe nun im Material des Hochsees außer dem bereits er-
wähnten Männchen No. 3 auch 5 erwachsene Weibchen (davon 2
eiertragend) und 6 weibliche Exemplare während der letzten Häu-
tung aufgefunden. Da sich außer diesem aberranten Männchen
keines mehr fand, lag es nahe anzunehmen, daß unter dem weib-
lichen Material auch Vertreter des grandipafnUatus-Typus zu finden
sein würden. So habe ich mich denn bemüht, Unterschiede der weib-
lichen Exemplare dieser Fundstelle gegenüber dem Trüohus gracüis-
Typus herauszufinden, jedoch ohne Erfolg. Als ich hierauf die
detaillierte Beschreibung und Abbildung Brakenhofe's mit jener von
Trüohus gracilis und mit meinen Präparaten verglich, bin ich zu der
Ansicht gekommen, daß Trilobus grandipapülatus von der Stamm-
art einzig und allein durch die großen, im ausgestülpten Zustand
bestachelten Papillen samt Drüsenpapillen sowie durch die Stellung
dieser Papillen (namentlich die große Entfernung der 2. von der 3.
Papille) unterschieden ist, während alle übrigen Merkmale mit Trüohus
gracilis übereinstimmen. Diese übrigen Merkmale, die Brakenhoff
anführt, wie Form der Mundhöhle, nicht angeschwollene Schwanz-
spitze, schlanke Spicula und das mit flügelartigen Anhängen ver-
sehene akzessorische Stück sind, wie ich mich durch eingehenden
mit homogener Immersion (Apochr. 2 mm) vorgenommenem Vergleich
mit typischen Exemplaren der Stammform überzeugte, nicht zu-
treff'end. Was die relative Größe der Papillen betrifft, so maß ich
bei unserer Varietät V2~Vä,5 des Körperdurchmessers bei den großen
und ^/a — Ve cles Körperdurchmessers bei der kleinen vordersten
Papille, während beim typischen Trüohus gracüis die Papillenhöhe
nur etwa Vo des Körperdurchmessers auf der Höhe der Papillen be-
trägt. Schließlich sei erwähnt, daß die Papillen nicht immer, wie
das Brakenhoff abbildet, ausgestülpt sind, sondern daß sie manch-
mal halb, manchmal noch stärker eingezogen sind, in w^elchem Falle
die Bestachelung weniger augenfällig ist. Im Übrigen habe ich den
sorgfältigen Angaben und Abbildungen Brakenhoff's nichts Neues
hinzuzufügen.
Die vorstehenden Gründe bewegen mich, die neue Art Braken-
hoff's wieder mit der Stammform zu vereinigen, sie aber als eine
im männlichen Geschlechte wohlausgeprägte Varietät zu unter-
514
Heinrich Micoletzky,
scheiden, deren Cuticula zudem mit ziemlich vielen zerstreuten Borsten
besetzt ist.
Fundort. Draufluß in Kärnten (c^ 1), Lunzer Untersee in
N.- Österreich (c^ 2) und Hochsee (2000 m), am Ineu in Sieben-
bürgen ((^ 3).
Geographische Verbreitung. Nordwest -Deutschland:
Sandhatten (Oldenburg), Bewässerungsgraben (Beakenhoff).
12. Trilohiis pellucidus Bastian.
Micoletzky, 1914(1), p.
Stefanski, 1914, p. 28-
438-
-29.
-440.
Gesamtindividuenzahl :
(?) 3, juv. 6.
23, davon ? 10 (9 eiertrag.), ? 4, juv.
n = 9
(alle eiertrag.
30 yu) n = 3.
$ L = 2,2 mm (1,99—2,7 mm)
B = 0,0613 mm (0,056—0,065 mm;
a = 35,3 (32—36,8)
ß =6,1 (5,7-6,4)
y =7.9(7,1—8.7)
V = 52,7% (49,7-57%)
Gi= 19,8% (17,5-22,8%)
G,= 15,8% (13,5-19,2%)
Eizahl = 3 (1—6)
Eigröße = 54,9 : 29,2 jli (41—7 1 // : 28-
c^ L = 2,0 mm (1,92—2,05 mm)
B = 0,052 mm (0,0495-0,052 mm)
a = 39 (39,4—40,5) i n = 4
ß = 5,9 (5,3—6,2)
y =9,55(9-9,9)
G = 27,87o (27—28,5) n = 3
Pl= 1,31 (1,2—1,47) n = 4
Vergleichen wir die gegebenen morphometrischen Werte mit
dem spärlichen ost-alpinen Material. Die vorliegenden Weibchen sind
größer, schlanker, tragen einen kürzeren Ösophagus und einen durch-
schnittlich kürzeren Schwanz. Die Vulva liegt hinter der Körper-
mitte, der Gonadenumlag beträgt beiderseits V-2— % des nicht um-
geschlagenen Teiles. Die Männchen hingegen sind kleiner; diese
Gegensätzlichkeit ist wohl so zu erklären, daß die beiden Männchen
des ost-alpinen Materials außergewöhnliche Größe aufweisen. Sie
Freilebende Süüwasser-Nematodeu der Bukowina.
515
sind gleichfalls etwas schlanker und tragen die normale Zahl von
Papillen, nähern sich somit mehr den Maßen de Man's. Die Maße
Stefanski's deuten darauf hin, daß seine Exemplare einen längeren
Ösophagus und Schwanz aufweisen und zwar in beiden Geschlechtern,
während absolute Körpergröße und Körperschlankheit mit meinen
Angaben ziemlich übereinstimmen. Der relative maximale Papillen-
abstand^) beträgt 5,3 (4,3-6,4) n = 4.
Über die absoluten Entfernungen der Papillen unterrichtet die
folgende Tabelle:
c? 1 c? 2 ^3 c^ 4
Entfernung der hinteren
Papille
vom
After in ^
42,5
50
45
66
der 1. von der 2. Papille
17,5
17,5
57,5
41
.. 2. ,.
,. 3.
,.
50
50
17,5
19
.. 3. ,.
„ 4.
,,
15
25
35
24
,. 4. ..
,. 5.
,.
42,5
45
75
33
,. 5. „
,. 6.
r (VO
rd.) 80
90
50
122
Summe = Papillenlänge
247,5
277,5
278
305
Schwanzlänge in ^
207
214
214
207
Absolute Körperlänge in
mm
2,05
2,05
1,92
2,0
relative Papillenlänge =
PI
1,19
1,3
1,3
1,47
Jugend Stadien.
juv. $ L = 1,79 mm (1,7—1,88 mm)
B - 0,052 mm (0,052 mm)
a = 34,5 (33-36)
ß = 5,9 (5,8-6,0)
y = 6,45 (5,5-7,4)
V =48,9% (4,58-5,2%)
Vorkommen: Verhältnismäßig selten fand ich diese Art in
4 Einzel- und 5 Sammelfunden, somit insgesamt in etwa 7io aller
Fundstellen und zwar fast ausnahmslos im Tümpel und niemals im
Fließwasser.
Fundort. Czance: Teich 1; Czernowitz-Bila : Tümpel 10 — 11:
Czernowitz-Horeczn : Tümpel 15a— d ; Franztal : Tümpel 2 ; Tereblestie:
Tümpel 3.
Geographische Verbreitung. Schweiz: Genfer See,
Rhone (Stefanski).
1) Vgl. Trilobus gracilis S. 509.
516 Heinbich Micoletzky, •
VI. Aulolaimokles n, g,
Körpergestalt sehr schlank, mit lang fadenförmig ausgezogenem
Schwanz, Cuticula glatt, Vorderende nackt, mit Seitenorg-anen, Miind-
liöhle klein, röhrenförmig, Ösophagus mit 2 Anschwellungen, von
denen die hintere einen kräftigen, aber klappenlosen Bulbus zeigt,
weibliche Gonade paarig-asymmetrisch, Hode unpaar, männlicher
Schwanz mit Prä- und Postanalpapillen.
Verwandtschaft und Unterscheidung. Durch die
Körpergestalt, den Bau der Cuticula, das nackte Kopfende, durch
die trägen Bewegungen sowie durch die Papillen des Männchens an
Aulolaimus oxycephalus de Man ^) erinnernd, daher auch der Genus-
name. Durch den deutlichen Besitz der eigenartigen Sinnesorgane,
durch den Bau der Mundhöhle, insbesondere aber durch den auf-
fallenden Bau der weibliclien Genitalorgane (weit vorne gelegene
Geschlechtsöifnung, charakteristisches Aussehen der Vulva, paarige
asymmetrische Gonaden) und den peitschenartigen Schwanz ist der
einzige Vertreter des neuen Genus scharf getrennt und leicht wieder-
zuerkennen. Hinzugefügt sei, daß Seitenorgane und Mundhöhlenbau
ähnlich wie beim Genus Plectus gebaut sind.
13. Atilolaiiiioides elegans Micoletzky.
(Taf. 21 Fig. 6a— g.)
Micoletzky, 1915(1), p. 3, fig. 1.
Gesamtindividuenzahl : 4, davon 2 $, 2 (5".
Formel nach Cobb:
Seitenorgan vorderes Ösophagus-
Vorderrand Bulbusende ende 33 (2 7y '18 7 (11 4)
Q 1>76 mm 0,27 1,03 9,4 11,1 ' 21,2 808
^ 0,027 mm 0,47 0,7 1,23 1,41 1,54 0,91
24,8 — — 21
1,44 mm 0,41 1,3 J)^ 11,3 50 86
^ 0,023 mm 0,7 ' 1,0 " T;4 1^1 1,6 1,26
Diese Maße beziehen sich auf konserviertes Material. Die
Durchschnittsmaße nach der Formel de Man's, die sich gleichfalls
auf konserviertes Material beziehen, sind :
1) DE Man, 1884, p. 78—79, tab. 11 fig. 45.
Freilebende Süßwasser-Neniatotlen der Bukowina.
517
$ L -1,60 mm (1,45—1,76 mm)
B = 0,026 mm (0,025—0,027 mm)
a = 61.5 (58—65)
ß = 8,22 (74,5—9)
y =4,92 (4,63-5,2)
V=21,8«/o (21,2-22,4%)
G,= 3,67o (3,4-3,8%)
G,= 14,5% (10,4-18,7%)
^ L =1,385 mm (1,35-1,44 mm)
B = 0,0227 mm (0,0224—0,023 mm)
a = 61,4 (60,3 62,5)
ß = 7,87 (6,95—8,8)
y =6,65 (6,2—7,1)
G = 27,4% (25,2-29,6^/0 )
Gl = 43,2«/o (41-45,8%)
Die Maße nach dem lebenden Objekt sind:
$ L = 1,7 mm ) ö^ L = 1,64 mm (1,62-
a = 75 a = 69 (66—72)
n = l /S =7,5 (7-8)
y = 7,1 (6,6-7,6)
n = 2
ß =6,5
y=b
■166) ]
Die Konservierung mit Alkohol - Glycerin bedingt somit eine
weniger schlanke Körpergestalt einhergehend mit einer Verkürzung
der Gesamtkörperlänge, desgleichen eine Verkürzung von Ösophagus
und Schwanz.
Die Körperform beider Geschlechter ist als sehr schlank zu
bezeichnen. Die Körperbreite nimmt jederseits von der Mitte aus
nur wenig ab, erst vom Ösophagus nach vorn und vom After nach
dem Hinterende zu ist die Verjüngung eine recht merkliche. Der
Schwanz verjüngt sich hinter dem After im vordersten Sechstel nur
wenig, sodann aber plötzlich, um hierauf in ungefähr gleicher Stärke
(3 /<) haarfein bis an das zugespitzte Hinterende zu verlaufen. Die
Form des langen peitschenförmigen Schwanzes ist in beiden Ge-
schlechtern dieselbe. Augenfällig ist die große Transparenz der
Tiere, namentlich im lebenden Zustand.
Die Cuticula ist glatt, ungeringelt und ziemlich dünn. So
maß ich beim größeren Männchen 0,5—0,7 ju, beim größeren Weib-
chen 1 — 1,2 JU an Dicke. Bei stärkster Vergrößerung läßt sie eine
Spur von Schichtung erkennen, indem sich eine äußere und eine
518 Heinrich Micoletzky,
innere stärker chitinisierte Scliicht von einer mittleren weniger
stark lichtbrechenden Schicht abhebt. Diese Cuticula zeigt (Fig. 6c)
ein fein längsstreifiges Aussehen. Die Entfernung der einzelnen
Streifen beträgt beim Weibchen etwa 1,3 — 1,5 f.i, so daß etwa
40 Streifen auf die Körperoberfläche kommen. Diese Streifen ver-
laufen nicht parallel zur Längsachse, sondern schließen mit ihr einen
nach vorne zu spitzen Winkel ein, der etwa 10—15'' beträgt. Ge-
trennt sind diese Streifen von schmäleren Säumen mit feinkörniger
Struktur. Es handelt sich hier oifenbar um die Muskelkonturen
eines Polymyariers , bei welchem etwa 10 Muskelzellen auf den
Quadranten im Querschnitt kommen. Eine Seitenmembran fehlte
das Seitenfeld ist feinkörnig und von 1 fx Breite.
Die Seiten Organe (Fig. 6b) sind halbkreisförmig in die
Cuticula eingesenkt. Der Vorderrand ist vom Vorderende etwas
weiter entfernt als der Seitenorgandurchmesser (5 //). Dieses nach
hinten zu oifene Seitenorgan weist in seinem Innern 3 ziemlich
scharf markierte mit der Körperlängsachse nahezu parallele Striche
auf, denen in der Seitenansicht schwache kerbenförmige Einsen-
kungen der Cuticula entsprechen. Ocellen wurden nicht nachge-
wiesen. Den ösophagealen Nervenring habe ich nicht mit Sicherheit
auffinden können. Unmittelbar vor dem hinteren Ösophagealbulbus
fand ich eine größere Drüse (Ventraldrüse), deren Ausmündung ich
indessen nicht beobachten konnte.
Der vorne ziemlich merklich abgestumpfte Kopf (Fig. 6b) trägt
weder Borsten noch Papillen und ist somit als nackt zu bezeichnen.
Das Vorderende umgibt eine zarte, kaum sichtbare Hautfalte.
Der Bau der Mundhöhle ist nicht leicht zu erkennen. Sie
stellt (Fig. 6b) ein dreikantiges chitinisiertes Rohr von 0,8 fi Durch-
messer dar, das auf der Höhe des Seitenorgans beginnt und das im
vordersten Neuntel bis Elftel der Ösophaguslänge endigt, um in das
dünnwandige Ösophaguslumen überzugehen. Knapp hinter dem
Seitenorgan findet eine Andeutung einer kugligen Auftreibung statt,
die mit dem terminalen Munde durch ein nur andeutungsweise er-
kennbares trichterartiges Vestibulum (gestrichelt in Fig. 6b) in Ver-
bindung steht. Der etwa Vo der Gesamtkörperlänge messende Öso-
phagus zeigt 2 Anschwellungen, von denen die hintere (Fig. 6a)
sehr muskulös und augenfällig ist; wir haben es hier mit einem
kräftig ausgebildeten zylindrischen Ösophagealbulbus, mit einem in
den beiden vorderen Dritteln gelegenen Lumen zu tun, der jedoch
völlig der Zahnbildungen oder Klappen entbehrt. Die vordere An-
Freilebende Sütiwasser-Neiuatoden der Bukowiua. 519
Schwellung läßt 2 Teilanschwellungen erkennen, von denen die vordere
breiter als die hintere ist. Beide Anschwellungen sind vom eigent-
lichen Bulbus durch eine markante Einschnürung geschieden. Der
Mitteid arm steht durch einen kurzen Darmmund mit dem Öso-
phagusbulbus im Zusammenhang. Die Darmwand zeigt im konser-
vierten Zustande eine feinkörnige, schwach gelblich gefärbte Struktur.
Der durchschnittliche Darmdurchmesser beträgt 13—14,5 // bei einem
Lumen von 4,8 — 5 ß. Der Enddarm ist kurz, und die weibliche
Afterspalte ist nicht immer leicht wahrzunehmen.
Die weiblichen Geschlechtsorgane sind paarig, aber
asymmetrisch ausgebildet, und die Ovarien sind umgebogen. Der
vordere Gonadenast beträgt nur V* des hinteren. Soweit ich aus
den beiden mir vorliegenden weiblichen Exemplaren schließen kann,
scheint der Vorderast nur als Uterus bzw. Receptaculum seminis zu
fungieren. Reifeier habe ich keine beobachtet. Die Vulva liegt
außergewöhnlich weit vorne, nämlich etwas vor dem Ende des ersten
Körperviertels. Die Geschlechtsöifnung selbst (Fig. 6d) ist ein spindel-
förmiger Spalt, dessen Längsachse senkrecht zu der des Gesamt-
körpers steht. Diese Vulva ist von einer starken Chitinfalte ein-
gefaßt, die in der Aufsicht (Fig. 6d, ch) als deutlicher Ring (10 /^
Durchmesser beim größeren Weibchen in Erscheinung tritt, während
die Seitenansicht (Fig. 6e) erkennen läßt, daß es sich um ein die
Geschlechtsöifnung mantelartig einhüllendes hohles pfropfen artiges
Chitingebilde (11,2 ß Tiefendurchmesser beim größeren Weibchen)
handelt, das als direkte Fortsetzung der Körpercuticula aufzufassen
ist, allem Anscheine nach jedoch stärker chitinisiert erscheint. Hier-
für spricht sein stärkeres Lichtbrechungsvermögen.
Dieser Chitinhohlkegel läßt eine deutliche Radiärstreifung er-
kennen. An diesem Gebilde sitzen 4 in der Aufsicht (Fig. 6d, mn)
erkennbare Muskelzüge, die als Diktatoren der Geschlechtsöffnung
dienen, während die Elastizität des Chitinringes als Antagonist in
Betracht kommt. Vulvadrüsen kamen nicht zur Beobachtung.
Männliche Geschlechtsorgane. Der unpaare Hode be-
ginnt etwas hinter dem ersten Körperviertel und reicht mehr als
-/j der Gesamtkörperlänge nach hinten. Der Bau der Spicula (Fig. 6f)
läßt sich nur schwer erkennen, da die kräftig entwickelte Bursal-
muskulatur diese Organisationsverhältnisse verdeckt. Es sind 2
außergewöhnlich zarte, in der Seitenansicht wellig gekrümmte Chitin-
stäbchen vorhanden, die nach der Cloakenöffnung zu konvergieren.
In der Bogensehne gemessen, beträgt ihre Länge beim größeren
520 Heinrich Micoletzky,
Männchen 22,5 fji. Das akzessorische Stück ist verhältnismäßig-
kräftig-. Es hat die Form eines I-Trägers (Fig. 6g, acc) oder die
Qnerschnittsform einer Eisenbahnschiene und ist 2,4 [a, lang bei
einer Breite von 0,8 fx. Gegen die Geschlechtsöffnung zu läuft es
in 2 divergierende Spitzen aus (Fig. 6g) aus; seine Ventralrinne
dient als Führungsrinne der Spicula. Die Bursalmuskulatur, deren
Streifen etwa 3,2 fx voneinander entfernt stehen, ist sehr kräftig
entwickelt und reicht von der vordersten präanalen Papille bis
knapp vor den Beginn des stark verjüngten Schwanzteils.
Von Papillen sah ich beim größeren Männchen 4, von denen
3 prä- und 1 postanal gelegen ist, während das kleinere, möglicher-
weise noch nicht völlig reife männliche Exemplar der postanalen
Papille entbehrte. Diese Papillen (Fig. 6fj sind winzig klein und
ragen etwa 0,8 — 1 fx über den Körperrand empor. Es sind keine
Borstenpapillen, sondern sie werden von je einem zarten Kanal
durchbohrt. Die Stellung dieser Papillen scheint, nach den beiden
Männchen zu urteilen, eine konstante zu sein. Präanal- und Post-
analpapille sind vom After gleichweit (beim größeren Männchen
6,4 (x) entfernt. Die übrigen 2 Präanalpapillen, die man auch als
eigentliche Präanalpapillen den in unmittelbarer Afternähe gelegenen
Analpapillen gegenüberstellen könnte, liegen ziemlich weit vonein-
ander entfernt. So beträgt beim größeren Männchen die Entfernung
der vorderen Analpapille von der hinteren Präanalpapille 42 fx, die
Entfernung von dieser zur vorderen 83,5 fx. Setzt man die Ent-
fernung der Analpapille vom After gleich 1, so erhalten wir für
die vorstehend gegebenen absoluten Werte die relativen Zahlen 6,5
und 5,2.
Eine Schwanzdrüse scheint zu fehlen, dagegen sind drüsen-
artige Zellen im Anlangsteil des Schwanzes aufzufinden.
Lebensweise und Vorkommen. Diese interessante Art
bewegt sich sehr träge. Da ich sie in einem ziemlich schmutzigen,
von Hausgeflügel bewohnten sumpfai'tigen Tümpel, der in stark ver-
schilfte Partien übergeht, gefunden habe, ist eine Neigung zu
saprober Lebensweise wohl möglich. Sie scheint recht selten zu
sein, denn trotz eifrigster Nachforschung gelang es mir nicht, sie
wiederzufinden.
Fundort. Czernowitz-Stadt: D. Rott-Sumpf 29./3. 1912. 2 ^$
und 2 ??.
Freilebende Süßvvasser-Nematodeu der Bukowina. 521
VII. Ciflindrolainius de Man.
14. Cj/linäroJahniis cofnmiinis be Man.
DE Man, 1884, p. 83, tab. 12 fig. 48.
— , 1885, p. 8.
Steinee, 1914, p. 260,
Stefakski, 1914, p. 32—33.
Formel nach Cobb:
Seiten-
Mund-
organ-
höhlen-
Nerven-
mitte
ende
ring-?
mm 0,3
1,32
4,2
19
26,5
50
82
mm 0,017
2,0
3,7
4,75
5,3
5,7
4,33
JUV.
Maße nach de Man : a = 17,6, ß = 3,77, y = 5,5.
Das einzige jugendliche Exemplar dieser bisher nur aus der
Erde bekannten Art entstammt dem Hochsee (1800 m) des Ineu
und wurde an den vom Wasser inundierten Carex- Wurzeln am 26./7.
1914 gefunden.
Geographische Verbreitung. Deutschland: Umgebung
von Weimar (de Man): Holland (de Man); Österreich: Laibach
(de Man); Rußland: Umgebung von Moskau (de Man); Schweiz:
Genf (Stefanski), Umgebung von Zürich (Steinee).
VIII. Khahdolai^nus de Man.
15. ühabdola intus aquaticus de Man.
Micoletzky, 1913(2), p. 257.
Gesamtindividuenzahl : 5 $.
$ L = 0,48 mm (0,4—0,515 mm)
B = 0,0178 mm (0,0148—0,0185 mm)
a = 27,1 (26—28)
ß =5,46 (4,9-6,0)
y =3,37 (3,0—3,85)
V = 39,9«/o (38-41,5"/o)
G2 beim größten $=11,5%.
2:00]. .Tahrb. XL. Abt. f. Syst. 34
n = 5
(keines eiertrag.)
522
Heinrich Micoletzky,
Verglichen mit dem Ost-Alpenmaterial läßt das vorstehende
einen kürzeren Ösophagus und einen längeren Schwanz erkennen.
Bei der Vulvalage fällt eine noch weitere Lage nach vorne auf.
Reifeier gelangten nicht zur Beobachtung.
Fundort. Ineu: Bergsee Ic. 2.
16. Rhabdolcmnus terrestris de Man.
Micoletzky, 1914(2), p. 257—258.
? L - 0,375 mm , B = 0,0156 mm , a = 24 , ß = 5,05 , y = 2,98,
V=39,7%. n=l.
Fundort. Das einzige Exemplar wies der 1500 m hoch ge-
legene Almtümpel des Rareu auf.
IX. Cephalobus Bastian.
17. Cephalobus striatus Bastian.
Micoletzky, 1914(1), p. 444—445, tab. 15 fig. 17a— b.
Gesamtindividuenzahl : 2, davon 1$, 1 ^.
$ L = 0,456 mm ] (^ L = 0,575 mm
a =17,5 a =21,3
ß = 3,63 ß = 4,33
y = 11,2 ( y = 18,4
V=64»/o {""^^ G = 47,57o
Gl =17%
0.3=11,4%
lEi = 50:16;a
Das Männchen zeigte einen 9,6% der Gesamtkörperlänge messen-
den Hodenumschiag.
Fundort. Czernowitz-Stadt: Teich 2c (^; Tereblestie: Brunnen 5 ?.
18. Cephalobus oocyuroides de Man.
Micoletzky, 1914, p. 445—446.
Stefanski, 1914, p. 35—36.
Gesamtindividuenzahl: 8, davon $ 5 (1 eiertrag.), 1 c^, 2 juv.
Freilebende Süßvvasser-Nematoden der Bukowina.
523
n = 0
$ L = 0,526 mm (0,50—0,565 mm)
B = 0,0256 mm (0,0248—0,026 mm)
a =20.6 (19,4—21,8)
)S = 3,91 (3,7—4,05)
y =7,44 (6,8-7,8)
V = 57,5"/o (56-59,3)
Gi = 18 7o (11—26,3) n = 3
G2 = 13,5% mit 5,8% Umschlag n = 1 (eiertrag.)
Ei = 52 : 20,4 /< n = 1 (größtes ?).
0,527 mm
19
3,03
17,8
54%
9,7%
c? L =
y
G
GU
'n
Verglichen mit den Maßen de Man's (1884) sind die vorstehend
gemessenen Individuen kleiner, und das Männchen ist etwas kurz-
schwänziger, im übrigen zeigt sich eine recht gute Übereinstimmung.
Bezüglich der Gonadenausdehnung möchte ich erwähnen, daß beim
größten Weibchen der hintere Gonadenast etwas weiter reicht als
die halbe Entfernung Vulva-After. Bei einem 0,505 mm langen
Exemplar reicht der vordere Gonadenumschlag (G^ = 16,2, Gg-Um-
schlag = 29,5% !) ziemlich weit über die Vulva caudalwärts, dagegen
habe ich in diesem Falle keinen hinteren Gonadenast wahrnehmen
können. Der Schwanz gehört dem häufigeren Typus an (wohlabge-
setzte Spitze mit Dorsal- und Ventralpapille).
Fundort. Sehr vereinzelt; Eareu: Almtümpel 2—3.
GeographischeVer breitung. Schweiz : Rhone (Stefanski)
19. CepJialohus elongatus de Man.
DE Man, 1884, p. 96—97, tab. 14 fig. 57.
Daday, 1898, p. 115.
Marcinowskt, 1906.
— , 1909, p. 27—32, fig. 13.
DiTLEVSEN, 1911, p. 237—238.
Steiner, 1914, p. 261.
Gesamtindividuenzahl : 9, davon ? 4, c^ 3, juv. (?) 1, juv. 1.
34*
524
Heinrich Micoletzky,
$ L = 0,84 mm (0,715—0,985 mm)
B = 0,028 mm (0,026—0,031 mm)
a = 30.5 (27,5—32)
ß ^ 4,08 (3,6-4,7)
y - 13,9 (12,2—16,2)
V = 61% (56-63,5%)
^ L = 0,66 mm (0 61—0,71 mm)
B = 0,0215 mm (0,021—0,022 mm)
a=30,5 (29-31)
ß = 4,6 (4,4—4,8)
y = 21,5 (18—25)
G = 37,57o ]
Gü = 7,8% [n = l
Gl = 48»/o I (klein. ^)
Von diesen nach Makcinowski am häufigsten in Kulturpflanzen
lebenden Nematoden hat diese Forsclierin die Variationsbreiten zu
ermitteln gesucht. Wie nicht anders zu erwarten, erreicht unsere
Art bei parasitischer Lebensweise eine bedeutende Körpergröße, und
zwar so, daß die fieilebenden Individuen nur dem Minimalwert der
parasitierenden nahekommen. So wird die Körperläuge von Maeci-
NOwsKi mit 0,82—1,26 mm, von de Man und v. Daday mit 0,7 bis
0,9 mm im weiblichen Geschlecht angegeben, während die letzt-
genannten Autoren 0,9 mm Länge für das Männchen anführen. Bis
auf die ralative Dicke v. Daday's Exemplar, das viel plumper (a =
22,4) ist, stimmen meine Angaben recht gut überein.
Was die Form der weiblichen Gonade betrifft, so kann ich
Marcinowski's Angaben nur völlig bestätigen, indem nur ein ein-
ziger vorderer Gonadenast vorhanden ist, dessen Umschlag weit über
die Vulva hinausragt, während der hintere Ast nur einen kurzen
Uterusast darstellt. Das einzige daraufhin untersuchte (größte)
Weibchen zeigt folgende Genitalmaße: Gj = 22,5%, Umschlags
38,3%, G2 (üterusast nach hinten) = 3,8%. Umgerechnet auf die
Werte Marcinowski's erhalte ich für 2c
Vulva — Anus
Gonadenlänge bis hintere Grenze
also relative Gonadenausdehnung nach hinten 2,9, mithin etwas mehr
als V3 der Entfernung Vulva— After. Für 2d
Vulva— Qsophagusende \
Gonadenlänge von Vulva bis vordere Umbiegung/
Freilebende Süßwasser-Neraatodeu der Bukowina. 525
also relative Gonadenausdehniing nach vorne 1,64, mithin mehr als
die halbe Entfernung Vulva— Ösophagusende. Da Makcinowski als
Variationsbreite für 2c die Zahlen 2,1—1,1 angibt, so ist die relative
Gonadenausdehnung nach hinten eine sehr geringe zu nennen,
während die relative (gonadenausdehnung nach vorne 2d, für die
3,1 — 1,2 als Variationsbreite angegeben wird, innerhalb dieser Grenz-
werte liegt.
J u g e n d m a ß e.
juv. (?) L = 0,61 mm
a = 32,8
i5=4,6
y = 13,8
juv. L = 0,405 mm
a =26
n = 1 ^ = 3,4
y = 10,9
Diese Maße zeigen, daß Marcinowski mit ihrer Vermutung, daß
DE Man jugendliche Individuen bei seinen Maßangaben zugrunde
gelegen hätten, nicht Recht hatte. Der Unterschied zwischen frei-
lebender und parasitischer Lebensweise ist hier viel durchgreifender
als bei Cephalobus striatus.
Bezüglich meines größten Weibchens sei anschließend bemerkt,
daß hier eine Verschiebung des Excretionsporus nach hinten statt-
gefunden hat. So liegt das Ösophagusende bei 21,3"/o der (lesamt-
körperlänge, der vordere nicht eingeschnürte Ösophagusteil beträgt
13,37o, <iei' darauf folgende halsartige Teil 6,17o, und der Excretions-
porus liegt bei IGA^Io, während der Nervenring etwas weiter vorne
bei 15^0 den Ösophagus umgibt.
Vorkommen. Diesen in der Erde sehr häufig anzutreffenden
und als Pflanzenschädling bekannten Nematoden fand ich zwar selten,
aber durchaus nicht vereinzelt in stehenden Gewässern.
Fundort. Cecina: Waldrandtümpel 2b; Czernowitz- Stadt:
Teich 2c; Kiczera: Wiesentümpel 2; Rareu: Almtümpel 3.
Geographische Verbreitung. Deutschland: Umgebung
von Berlin (t, Marcinowski); Holland: (t, de Man); England: Syden-
ham (t, DE Man); Ungarn: Siö-Kanal (p, Daday): Schweiz: (Steiner);
Dänemark: Kildeskov (t, Ditlevsen).
X. Teratocephalus de Man.
20. Teratocephalus terrestris (Bütschli).
Menzel, 1914, p. 56.
Steiner, 1914, p. 261.
526 Heinrich Micoletzky,
MicoLETZKY, 1914(1), p. 449— 450.
Stdfansky, 1914, p. 33—34.
Von dieser weit verbreiteten Art habe icli nur 1 einziges Weib-
chen mit folgenden Maßen aufgefunden : L = 0,48 mm, a = 26, /S = 3,8,
y = ö;6, V = 57%, Gi = 22,47o (Umschlag = 17,4''/o), 1 Ei 48:45^.
Diese Maße liegen innerhalb der Variationsbreite des ost-alpinen
Materials. Menzel, der etwa 30 erwachsene moosbewohnende Indi-
viduen beobaclitete, dürfte schlankere Exemplare gesehen haben, da
er füra die Zahlen 30—38 angibt, außerdem ist sein Material lang-
schwänziger. Wie viele Individuen seinen Messungen zugrunde
liegen, ist leider nicht ersichtlich. Die Maße Stefanski's stimmen
mit meinen früher (1914) gegebenen Werten recht gut überein.
Eine Ausnahme macht nur der auffallend kurze Ösophagus 05 = Ve 0
Vorkommen. Diese Art scheint, soferne sie überhaupt ins
Wasser geht, die höher gelegenen Gewässer zu bevorzugen, wie aus
meinen sowie aus Daday's Funden hervorzugehen scheint.
Fundort. Ineu: Bergsee Ib.
Geographische Verbreitung, Schweiz: Rhätikon 1500
bis 3800 m (Menzel) in Moosen, Jura-Moose und Torfmoor des Sees
von Lussy (Stefanski).
21. Teratocephalus siyiraJis Micoletzky.
Micoletzky, 1914(1), p. 451—453, tab. 16, fig. 19a— c
Gesamtindividuenzahl : 13, davon ? 6 (1 eiertrag.) juv. (?) 6,
juv. 1.
? L = 0,463 mm (0,44—0,503 mm)
B = 0,0235 mm (0,0218-0,025 mm)
a =19,9(18,1-21,8)
ß =4,03(3,83—4,3)
y =8,98(7,65-10)
V = 54,4% (51-587o)
G,= 11,5% (5,3-13,8%)
G2= 11,9% (10,6-13,8%)
Mit dem ost-alpinen Material verglichen, sind die vorstehenden
Individuen etwas plumper und mit einem etwas kürzeren Ösophagus
versehen. Die Genitalorgane reichen etwas weiter, der Umschlag
ist meist recht beträchtlich, doch großen Schwankungen ausgesetzt.
So fand ich beispielsweise an einem 0,503 mm langen Weibchen die
Freilebeude Süiiwasser-Neniatoden der Bukowina.
527
n = 6
öenitalorgane nach vorne ll^/o (Umschlag 13%), nach hinten ll,97o
(Umschlag 87o) der Gesamtkörperlänge an Ausdehnung. Ein 0,457 mm
langes Exemplar trug ein Reifei von 47:17yt< Größe vor der Vulva.
Durch Hinzufügen der Jugend Stadien kann ich die morpho-
metrischen Angaben, namentlich bezüglich der letzten Häutung
(juv. $), erweitern :
juv. ($) L = 0,385 mm (0,355—0,408 mm)
B - 0,0166 mm (0,014—0,0196 mm)
a =23,4(20,2—26,2)
ß = 3,97 (3,16—4,25)
7 =7,67(7,5—7,8)
V = 55,3% (53,5—58,5%)
Gl =6,4% (5,6-7,2%) \
G,= 6,4% (5,6-7,2%) ) "
juv. L = 0,36 mm
a =20
■ß = 3,6
7 =7,8
Länge der Genitalanlage = 3,67o-
Vorkommen. Auch diese Art scheint gleich der vorigen die
Gewässer des Flachlandes zu meiden.
Fundort. Ineu: Bergsee Ib — Ic, 2.
22. Teratocephalus spiraloides Micoletzky.
MicoLETZKY, 1914(1), p. 453—454, tab. 16 fig. 20a— b.
Gesamtindividuenzahl: 2 juv.
juv. L = 0,496 mm (0,428—0,565 mm)
B = 0,01795 mm (0,0174-
a = 27,6 (24,6-30,6)
ß = 3,7 (3,25—4,15)
y = 7,23 (6,35-8,1)
0,0185 mm)
Die Jugendmaße stimmen mit jenen des Ost- Alpenmaterials recht
gut überein.
Vorkommen. Wie voriger Art, doch seltener. Meine ehe-
malige Vermutung, daß diese Art eine Moorform sein könne, bestätigt
sich nicht, dagegen ist die Möglichkeit der Kalkfeindlichkeit auf-
528 Heinbich Micoletzky,
recht zu erhalten, da beide Bergseen im typischen Urgebirge ge-
legen sind.
Fundort. Ineu: Bergsee Ic, 2.
XI. Flectus Bastian.
23. Plectus cirratus Bastian.
Menzel, 1914, p. 57—58.
Stefanski, 1914, p. 44 — 45.
Micoletzky, 1914(2), p. 261—262.
Gesamtindividuenzahl : 298, davon $67 (21 eiertragend) juv. ($)
24, juv. 207.
$ L = 0,96 mm (0,75—1,3 mm)
B - 0,041 mm (0,03-0,052 mm)
a = 24 (18,4—33,8) n = 56
ß = 4,35 (3,6—5,3)
y = 8,0 (6,1—13,2)
V = 48,8°/o (45,5-54%) n = 50
Gl = 12,7% (7,1-19,4%) n = 30
GiU = 8,2% (6,2-10%) n = 3
G, = 12,4% (8-19,4%) n = 30
G2U = 8,3% (6,2-9,3) n = 3
Ei = 45,2 : 28,5 ju (35—65 ju : 25—32,5 ju) n = 11.
Die Bukowiner Individuen sind durchschnittlich etwas größer
sowie eine Spur schlanker als die ost-alpinen. Bei einem Vergleich
der Variationswerte, insbesondere der Variationspolygone ^) müssen
wir uns vor Augen halten, daß das den morphometrischen Messungen
zugrunde gelegte Material aus den Ost- Alpen 214 bzw. 121 Individuen
betrug, während die voranstehenden Zahlen auf bedeutend weniger
Messungen basieren. Die absoluten Längen- und Breitenpolygone
zeigen mit Ausnahme des etwas größeren Mittelwertes der Länge
große Ähnlichkeit. Das Polygon der relativen Körperdicke weist
hier einen noch unregelmäßigeren Verlauf auf, indem 4 Gipfelpunkte
auftreten, von denen 3 denen des Ost-Alpenmaterials nahezu genau
entsprechen, indem auch hier bei den Werten 27 und 30 Neben-
1) Auf die Wiedergabe wurde, um das Tafelmaterial nicht zu ver-
mehren, verzichtet.
Freilebende Süßwasser-Nematodeu der Bukowina. 529
gipfel vorhanden sind, wälirend der linke Maximalgipfel mit dem
Mittelwert 24 zusammenfällt.
Das Polygon der relativen Ösophaguslänge zeigt ähnliche Ver-
hältnisse, aber einen weniger regelmäßigen Verlauf, und ähnliches
gilt in noch stärkerem Maße von der relativen Schwanzlänge, indem
hier im rechten Flügel 2 Unregelmäßigkeiten vorhanden sind. Es
handelt sich um 2 kleine Nebengipfel, einen beim Werte 10 und
einen isolierten bei 13. Ersterer ist durch 2, letzterer durch 1 In-
dividuum realisiert. Hingegen zeigt die Vulvalage eine viel regel-
mäßigere Anordnung um den Mittelwert, so daß eine breitgipfelige
Kurve zustande kommt. Wir finden hier somit, trotzdem weniger
als die Hälfte der Individuen dieser graphischen Darstellung zu-
grunde liegt als beim ost-alpiuen Material, ein der Binomialkurve
recht ähnliches Gebilde.
Die Eier sind durchschnittlich kleiner, und nur nahezu ^/^ der
nach der letzten Häutung befindlichen Weibchen fand ich eiertragend,
während dieses Verhältnis in den Ost-Alpen auf % stieg.^) Die
durchschnittliche Eizahl 1,27 (1 — 2, n = 17) ist nicht unbedeutend
niedriger als die des alpinen Materials (1,9).
Ein Vergleich der Maße Menzel's, die sich ungefähr auf 30 In-
dividuen beziehen lassen, zeigt, daß seine Vertreter, die teils dem
Süßwasser teils der Erde (Moos) entstammen, etwas grüßer, schlanker
und kurzschwänziger sind als die meinigen. Hingegen fallen
Stefanski's Maße in meine Variationsbreite. Trotzdem ich nicht
weniger als 928 Artvertreter gesehen habe, ist mir noch kein Männ-
chen vorgekommen.
J u g e n d m a ß e.
juv. (?) L = 0,82 mm (0,735—0,98 mm)
B = 0,038 mm (0,03—0,047 mm)
a = 21,7 (19—25,2)
ß =4,04(3,7—4,7)
y = 7,35 (6,6-8)
V=48,5%(47-51,5«/o)
G,= 7,8°/o (6,3-9,37o) \^_^
G,= l,bX (6,3-8,6«/o) I
n = 13
1) Diese Tatsache muß nicht notwendigerweise die höhere Frucht-
barkeit des Ost-Alpenmaterials nach sich ziehen. Man könnte sich auch
vorstellen, daß in den Alpen zufolge der niederen Gewässertemperatur die
530
Heineich Micoletzky.
Diese Jugendstadien während der letzten Häutung sind etwas
größer, zeigen jedocli im übrigen mit Ausnahme der etwas weiter
vorne gelegenen Vulva- Anlage eine auffallende Übereinstimmung mit
meinen früheren Angaben. Die Gonadenlängen beziehen sich auf
die beiden größten Exemplare (L = 0,88—0,98 mm).
Vorkommen. Jedenfalls seltener als in den Ost- Alpen, findet
sich diese Art durchschnittlich in dem dritten Teil der Fundstellen,
während sie in den Alpen in der Hälfte aller Gewässer angetroffen
wurde. Sie bevorzugt auch in der Bukowina die Bergwässer, wie
aus der Übersichtstabelle in den Kolonnen Bergsee und Almtümpel
sofort ersichtlich ist.
F u n d 0 r t. Cecina : Waldrandtümpel 2b ; Czernowitz-Stadt : Ab-
wasser 1, Teich 2c, Sumpf 3; Czernowitz-Bila: Tümpel 9, 11, Czerno-
witz-Pruth; Fluß 17, Altwasser 19, 23; Dorna-Watra: Gebirgsalt-
wasser; Ineu: Bergsee Ib — c, 2, Gebirgstümpel 3; Kiczera: Tümpel
2 — 3; Kirlibaba: Gebirgsstraßengraben b; Kotzman: Teich la — b,
2, 3; Kuczurmare: Waldrandtümpel 3; Ouchor: Gebirgstümpel;
Radautz: Bach; Eareu: Almtümpel 2— 3; Tereblestie: Tümpel 1 — 3,
Brunnen 5.
Geographische Verbreitung. Schweiz: Rhätikon 1803
bis 3582 m (p, t, Menzel), Genfer-See (Stefanski).
24. Pleetus tenuis Bastian.
MicoLETZKY, 1914(2), p. 262—263.
Gesamtindividuenzahl: 14, davon ? 9 (1 eiertragend) juv. (?) 1,
juv. 4.
? L = 0,753 mm (0,695—0,81 mm)
B = 0,020 mm (0,0185-0,022 mm)
a = 38 (31,5-44)
ß =4,6 (4,6)
y = 10,5 (10—11)
V = 48«/o (46,5~49,5«/o
juv. ($) L = 0,61 mm
a =32
^=3,8 ^''^^
7 =7,8
Eier länger iu den Geschlechtswegen verbleiben, und daher, da sie in
wärmeren Gewässern der Ebene schneller reifen, käme auf die gleiche
"Weibchenzahl in alpinen Gewässern mehr eiertragende.
Freilebende Süßwasser-Nematoden der Bukowina. 531
Diesen in der Bukowina verhältnismäßig seltenen Nematoden
fand ich in kleinen Exemplaren vor, was sich sowohl aus den Maßen
erwachsener Weibchen sowie aus dem Maße des sich häutenden
Weibchens ersichtlich ist. Das kleinere Weibchen trug ein Ei, und
tlie Genitalausdehnung maß beiderseits je 10,7 7o der Gesamtlänge.
Fundort. Czernowitz-Stadt : Teich 2a, 2c; Czernowitz-ßila :
Tümpel 7; Czernowitz-Pruth: Altwasser 19; Ineu: Bergsee 2; Ouchor:
Gebirgstümpel.
25. Plectiis parmis Bastian.
(Taf. 20 Fig. 4.)
MicoLETzKY, 1914(1), p. 464—466.
Gesamtindividuenzahl : 73, davon $ 52 (3 eiertrag.), juv. ($j 10.
juv. 11.
? L = 0,496 mm (0,38—0,625 mmj
B = 0,0197 mm (0,0155—0,026 mm
a =25,4(20,5-31,6)
ß =4,52(3,3-4,75)
;' =8,45(5,65-13)
V =49,57o (45—54)
Gi= 12,8^/o (7,5— 22,4"/o) n = 17
G2=10,8% (7,5-16,87o) n = 15
Ei= 43: 17,5 /x (37-48: 15— 20,5 a*) n = 3
Diese in den Ost-Alpen seltene Art traf ich in den Gewässern
der Bukowina in verhältnismäßig stattlicher Zahl an, so daß ich in
der Lage bin, Mittelwerte und Variationsbreite in einigermaßen aus-
reichendem Maße anzugeben. Demnach ist unsere Art den Maßen
DE Man's (1884) gegenüber tatsächlich schlanker (gegen a = 18 — 20)
trägt einen etwas kürzeren Ösophagus (gegen jö = 4) sowie im Mittel
einen etwas längeren Schwanz (gegen y = 10—11), bleibt aber durch-
schnittlich an Körperlänge zurück (gegen 0,57 mm). Die Variabili-
tätskurve von y (Fig. 4) zeigt 2 Gipfelpunkte, den Hauptgipfel nahe
dem Mittelwert (8 Indiv. bei y = 9), den Nebengipfel (3 Individuen
bei y = 6). Relative Schwanzlänge und relative Körperdicke vari-
ieren innerhalb eines ziemlich breiten Spielraumes. Der Gonaden-
umschlag ist meist recht beträchtlich und reicht in einzelnen Fällen
über die Vulva hinaus.
n = 36
532
Heinrich Micoletzky,
J u g e n d m a ß e.
juv. ($) L = 0,397 mm (0,33—0,45 mm)
B = 0,017 mm (0,0148-0,0222 mm)
a = 23,45 (20,2—27)
ß = 3,7 (3,07—4,05)
y = 7,99 (6,4-9,2)
V = 52,37o (49,5-59%) n = 9
juv. L = 0,356 mm (0,30—0,41 mm)
B = 0,0153 mm (0,0148—0,0159 mm)
a = 23,2 (20,5—26)
ß = 3,025 (3,0—3,05)
y = 8,8 (8,2—9,3)
10
11 = 2
Vorkommen. An wenigen Fundstellen (weniger als Vs der
gesamten Fundstellen), meist aber in größerer Zahl auftretend; in
einem Mühlbacli sogar Leitform,
Fundort. Czernowitz-Stadt : Teich 2c; Czernowitz-Pruth: Alt-
wasser 19, Franztal: Tümpel 1—2; Ineu: Bergsee Ib, Gebirgstümpel 3 ;
Kotzman: Teich 2; Kadautz: Bach; Raren: Almtümpel 3; Tereblestie:
Brunnen 5.
26. Plectus ffranulostis Bastian.
Micoletzky, 1914(1), p. 466—468.
Stefanski, 1914, p. 45 — 46.
Gesamtindividuenzahl : 25, davon $ 8 (1 eiertrag.), <^ 10,
(?) 1, juv. (c^) 1, juv. 5.
$ L =: 0,93 mm (0,875—0,96 mm)
B = 0,033 mm (0,0265—0,039 mm)
a = 28,7 (26—34,3)
ß = 4,8 (4,65—5,2)
y = 18,5 (13,5-23)
V=53,4«/o (51,5-55,7%
G, = 17,4% (12,4-19,2%) \
G, = 19% (18-21,5%) )
Ei = 52: 45,5//, n = 2.
JUV.
Freilebende Süßwasser-Nematoden der Bukowina. 533
c^ L = 0,951 mm (0,84—1,07 mm)
B = 0,0332 mm (0,0295 0,0375 mm)
a = 28,8 (26-30,7) ^ n = 6
ß =4,9 (4,5-5,4)
y = 16,8 (14—19)
G=42% (35,5—53»/,) n = 3
G, = 20,5% (16-25%) \
G, = 12,6 7o 10,4-15,1% I " ~ ^
Während in der Regel die terrestrischen Nematoden, die auch
das Süßwasser hier und da bewohnen, im Wasser größer werden als
in der Erde, scheint diese Regel für die vorliegende Art nicht zu
gelten. Bleibt sie doch nach de Man (1884, $ 1,7 mm, cJ 1,9 mm) an
Größe zurück. Leider gibt Stefanski keine Maße seine aquatilen
Exemplare bekannt. Ferner sind die vorstehenden Individuen in
beiden Geschlechtern durchschnittlich weniger schlank und tragen
einen längeren Ösophagus und im männlichen Geschlechte einen
längeren Schwanz. Fassen wir diese Angaben zusammen, so können
wir sagen, daß es sich um Individuen handelt, die den jugendlichen
Maßen näher stehen.
Die Vulva liegt nicht in, sondern stets etwas hinter der Körper-
mitte, und der hintere Ovarialast ist etwas länger als der vordere.
Das einzige eiertragende Weibchen weist 2 typisch kurzbestachelte
Eier auf, eines vor, eines hinter der Genitalöffnung. Der Hode ist
deutlich zweiteilig, wie ich dies schon beim ost- alpinen Männchen an-
gegeben habe. Der vordere Hode ist länger als der hintere. Auch
hier liegt der Hodenbeginn knapp hinter dem Beginn des 2. Körper-
drittels. Drüsenausführungsgänge sah ich stets nur 3 (n = 10), die
sich, was ihre Entfernungen voneinander betrifft, typisch verhalten,
und zwar so, daß die hinterste Papille etwa auf der Höhe der Spicula-
mitte gelegen ist und die Entfernungen nach vorne zu etwa im Ver-
hältnis von 1 (Entfernung des Afters von der hintersten Papille):
2 : 3 stehen. Präanal- sowie Schwanz-Papillen wurden wahrgenommen.
Wie DE Man (1884) angibt, tragen die jüngeren- Männchen nur 3
Papillen. Es könnte somit der ständige Besitz dieser Papillenzahl
im ausgereiften Zustand als ein Stehenbleiben auf jugendlicher Or-
ganisation bezeichnet werden, eine Auffassung, zu welcher die Körper-
maße eine gute Handhabe bieten. Das im Lunzer Seengebiet auf-
gefundene Individuenpaar nähert sich hingegen recht dem Typus,
und es erscheint nicht ausgeschlossen, daß es sich hier um in das
534
Heinrich Micoletzky,
Süßwasser verschleppte terrestrische Exemplare handelt. Sollten sich
die oben gegebenen Körpermaße sowie der dauernde Besitz von nur
3 Papillen auch anderwärts nachweisen lassen, so wären wir be-
rechtigt, eine eigene Süßwasser- Varietät aufzustellen, für die ich den
Namen var. aquaticus vorschlagen möchte. Das Vorhandensein von
nur 3 Papillen nähert unsere Süßwasserform der jüngst beschriebenen
neuen Art Plectus bland Hofmännee.
J u g e n d s t a d i e n.
jiiv. (?) juv. {^)
L = 0,94 mm L = l,01 mm
a = 28,5 a - 34,4
§ = 5,1 ß = 4,9
y =21 y = 16,2
V = 53,57o
Das noch nicht ausgereifte, während der letzten Häutung be-
findliche Männchen trug gleichfalls 3 präanale Papillen.
Vorkommen. Sehr vereinzelt (daher in Einzelfunden fehlend)
wenn aber auftretend, so meist nicht selten. So kommen 25 In-
dividuen auf nur 3 Fundstellen.
F u n d 0 r t. Kotzman : Teich 2 ; Raren : A Imtümpel 3 ; Tereblestie :
Brunnen 5.
G e 0 g r a p h i s c h e V e r b r e i t u n g. Genfer-See, Rhone, Moos von
Trionex (Stefanski),
XII. HJiabditis Dujardin.
27. Ithcibditis aquatica Micoletzki.
Micoletzky, 1914(1), p. 468—470.
Formel nach Cobb:
vord. Excret.-
Bulbus porus ^g g ^^7,4)
^ mm 0,97 i;54 12,4 14,3 19,3
^27
'56.8 94.5
mm 0,033 1,32 2,4
$ L = 0,97 mm
a =29
ß =5,2
y =18,2
n = l
2,55 2,85 3,47
<$ Ij = 0,62 mm
a = 33,6
ß =4,0
y = 15,3
1,93
Gesamtindividuenzahl: 2, davon $ 1, ^ 1.
Freilebende Süßwasser-Nematodeu der Bukowina,
535
Das einzige A\'eibchen trug- die Vulva ziemlicli merklich vor-
gewulstet, sonst habe ich meiner früheren Beschreibung nichts hinzu-
zufügen.
Fundort. Sehr selten. Kiczera: Tümpel 3; Eadautz: Bach.
28. Wiahditis paraelonffuta Micoletzki.
(Taf. 21 Fig. 8.)
MiCOLETZKY, 1915(1), p. 2, fig. 2.
Formel nach Cobb:
Stachel- vord. Nerv.-
ende Bulbus ring 20,5(11,6)' '17,8(22,5)
mm 0,845 3,85 9,65 10,5 13,5^) 16,5
48
81
^ 1
(^2
mm 0,0395 2,38 3,42 3,5 3,85 4,17 4,7 2,38
mm 0,61 2,45 9,8 11,4 15^) 18 22,5-) 50 75^) 87,5
mm 0,0275 1,64 3,1 3,35 3,68 3,93 4,25 4,5 4 2,87
mm 0,622 2,0 10,4 13,6 16,5^) 18,5 25,3^) 50 68=^) 85
3,37 3,73 3,85 4,2 4,42 4,2 2,8
mm 0,0275 1,52 3,2
Maße nach de Man:
? L - 0,845 mml
a =21,4
^=6,1
r =5,3
V = 48%
Gi=20,57o
G,= 17,87o
S L = 0,616 mm (0,61—0,622 mm)
B = 0,0275 mm (0,0275 mm)
a = 22,4 (22,2-22,6)
ß = 5,48 (5,4-5,55)
y = 7,3 (6,7-8,0)
G = 23,9"/o (22,5-25,3°/o)
Gl =47,6«/o (42,7-52,5%
Gesamtindividuenzahl 3, davon $ 1, (J 2.
n-2
1) Bedeutet Entfernung des Endes der halsartigen Einschnürung
zwischen den Bulben in Körper % vom Vorderende.
2) Bedeutet die Entfernung des Hodenbeginns in % vom Vorderende.
3) Bedeutet die Entfernung des Hodenendes in % vom Vorderende.
536 Heinrich Micoletzky,
Diese neue Art steht Rhahditis elongata (Schneider) so nahe,
daß ich mich darauf beschränken möchte, die Unterschiede hervor-
zuheben. Beim Männchen bietet die Stellung der Papillen gute
Allhaltspunkte. Es finden sich hier wie bei der verwandten Art
10 Papillenpaare, von denen 3 präanal, 7 postanal stehen. Die Über-
einstimmung der Papillenlage mit der subtilen Zeichnung Bütschli's ^)
(1876, tab. 24 fig. 9a— b) ist eine so auffallende, daß ich, wenn
mir nur 1 Exemplar vorläge, glauben müßte, es handle sich
nur um eine unbedeutende, mehr zufällige Abweichung. Da mir
aber 2 männliche Exemplare mit genau gleicher Papillenanordnung
vorgekommen sind, so muß ich die vorliegende Art als eine neue,
wenn auch B. elongata sehr nahe verwandte Species ansehen. Der
Hauptunterschied liegt (Fig. 7) in den 2 voneinander ebensoweit als
vom After gelegenen submedianen und ventralwärts verlagerten
Papillenpaare 1 — 2 sowie darin, daß sich hier am Bursahinterrand
nur 5 und nicht 6 Papillenpaare (6—10) vorfinden. Beim Weib-
chen liegt die Vulva etwas vor der Körpermitte, jedenfalls nicht
dahinter, wie Örley (1886, p. 81) angibt. Bhabditis elongata erreicht
überdies in beiden Geschlechtern eine ansehnlichere Körpergröße
($ L = 2,1 mm, (^ L = 1,24 mm nach Ökley, (^ L = 1,14 nach
BÜTSCHLIj.
Fundort. Czernowitz-Stadt : Abwasser 1, 11./9. 1911.
29. Mhnhditis fnonoJiystera Bütschli.
BÜTSCHLi, 1873, p. 106—107, tab. 8 fig. 53a— b.
DE Man, 1884, p. 121, tab. 18 fig. 78.
— , 1885.
Örley, 1886, p. 37.
CoBB, 1893, p. 29—30, tab. 3 fig. 1.
Marcinowsky, 1909, p. 39.
Steiner, 1914, p. 262.
Maße nach Cobb:
vord.
Bulb.
mm 0,4 4.38 16,2 18,8 32,5 50 66 82,5
^ mm 0,0225 3,13 5 5,06 5,3 5,62 5 3,0
1) Örley's (1886) Abbildungen lassen mitunter sehr an Deutlichkeit
zu wünschen übrig!
Excret.-
hint.
porus
18,8
Bulb.
32,5
26,3 (14)'
50 66
Freilebende Süßwasser-Nematoden der Bukowina. 537
Maße nach ue Man:
a=17,8 ]
ß = 3.07 n = 1
7 = 5,7 )
Gesamtindividuenzahl: 2 $.
Bisher wurde diese terricol häufige Art nicht als Süßwasserfund
angeführt. Den Beobachtungen Bütschli's (1873) und de Man's
(1884) kann ich Folgendes hinzufügen. Die einzelnen Eingel der
Cuticula stehen 0,7-0,9 ju voneinander entfernt. Die Cuticula
ist ziemlich dick (bis zu 2,4 ju) und besteht aus mindestens
3 Schichten. Sie trägt eine ziemlich breite (4,8 ß = ^4,? des Körper-
durchmessers) Seitenmembran, die 4 Linien aufweist. Der lange
Enddarm erreicht die doppelte Afterkörperbreite. Die Entfernung
Vulva^ — After beträgt etwas weniger als die Schwanzlänge, schließt
«ich somit an die von Bütschli beobachteten Fälle an, während
DE Man das gegenteilige Verhalten konstatierte.
Fundort. Eareu: Almtümpel 4.
GeographischeVerb reitung. Deutschland : Frankfurt a. M.
{BÜLSCHLi); Umgebung von Berlin (Maecinowski); Holland (de Man);
Schweiz (Steiner); Rußland: Umgebung von Moskau (de Man).
30. Rhuhditis teroides Micoletzky.
(Taf. 21 Fig. 8a— b.)
lÜCOLETZKY, 1915(1), p. 7, fig. 3.
Formel nach Cobb:
vord.Bulb. 1) 38 (14^ .33 (^,^
mm 1,32 1,4 7,3 10,6 14,0 59 97,67
^ mm 0,085 1,4 3,3 3,93 4,5 6,45 3,35
Maße nach de Man: $ a = 15,5, ß = 7,1, y = 43.
1) 24,2 (11,3)^
mm 0,853 2.35 8,8 12.9 16.1 50 96
mm 0,0474 1,76 2,9 3,4 3,7 5,57
a=lS, ß= 6,2, y = 25.
19 (12,8)'
mm 0,75 2,34 10,7 16.7 21,7 50 94,5
6i
.c?2
2,95 3,5 3,83 5,25 2,75
a = 19, iS = 4,6, y = 18,2.
1) Bedeutet Ende des halsartigen Teils zwischen den beiden Öso-
phagealbulben.
Zool. Jahrb. XL. Abt. f. Syst. 35
538 Heinrich Micoletzky,
Maße nach de Man:
^ L = 0,87 mm (0,75—1,02 mm)
B = 0,046 mm (0,04—0,052 mm)
a =18,9 (18-19,6)
ß =b (4,1-6,2)
y =20,9 (18,2—25)
G = 30«/o (25,8—33%)
juv. ? L = 0,44 mm, a = 14,9, ß = 3,74, y = 15.
Gesamtindividuenzalil : 5, davon $ 1 (eiertragend), ^ 3, juv. 1.
Da diese neue Art Rhabditis teres Schneidee so außerordentlich
nahe verwandt ist, daß ich sie im weiblichen Geschlechte überhaupt
nicht zu unterscheiden vermochte, will ich mich darauf beschränken,
die Unterschiede, die sich lediglich auf die Stellung der Bursal-
papillen beschränken, hervorzuheben. Zahl und Anordnung der
Bursalpapillen sind am besten aus den Abbildungen (Fig. 8a — b) zu
erkennen. Da diese Papillen in Zahl und Anordnung bei allen 3 be-
obachteten Männchen genau übereinstimmen, glaube ich berechtigt
zu sein, diese neue Art aufzustellen, obgleich zugegeben werden
muß, daß Rhahditis teres zu ihrer engsten Verwandschaft gehört.
Das einzige reife Weibchen trug 7 Eier vor und 14 hinter der Vulva,,
die sich teilweise in Furchung befanden und durchschnittlich 48 :
30 ju maßen.
Fundort. Czernowitz-Stadt: Abwasser 1.
Anhangsweise gebe ich einen Bestiramungsschlüssel:
^ Jederseits an der Bursa 3 Präanal-, 7 Postanalpapillen Rh. teres
Jederseits an der Bursa 2 Präanal-, 8 Postanalpapillen
Rh. teroides
31. Hhabditis covouata Cobb.
CoBB, 1893, p, 39, tab. 3.
DE Man, 18951), p. 81, fig. 2.
Maupas, 1900, tab. 21 fig. 9—11: tab. 22 fig. 1—3.
Formel nach Cobb :
vord. Bulbus •^) 24 (6,2) *24 (6,6)
mm 0,365 4,8 13 17,2 22 54 88
^ mm 0,0225 3,35 5,35 5,6 5,7 6,17 2,95
1) Diese Arbeit hat mir leider nicht vorgelegen.
2) Bedeutet Ende der halsartigen Einschnürung zwischen den beiden
Osophagealbulben.
Freilebende Süßwasser-Neiuatoden der Bvxkowina. 589
Maße nach de Man: a = 16,2, ß = 4,55, y = 8,3.
Gesanitindividueiizahl: 1 einziges Weibchen.
Bezüglich obiger Maße sei bemerkt, daß sie ziemlich gut mit
den Angaben von Cobb und Maupas übereinstimmen. Daß die Mund-
höhle hier kürzer als V4 der Ösophaguslänge sind, erklärt sich teil-
weise aus der durch die Kontraktion bei der Konservierung erfolgten
Verkürzung. Das Weibchen trug ein 32 : 17,6 /« langes Ei vor der
Vulva.
Fundort. Czernowitz-Stadt: Abwasser 1, bisher nur terricol
bekannt.
G e 0 g r a p h i s c h e V e r b r e i t u n g. Afrika : Algier t. (Maüpas) ;
Südsee: Fidschi-Inseln t. (Cobb).
32. Rhahditis sp,
(Taf 21 Fig. 9)
MiCOLETZKY, 1915(1), p. 8.
Formel nach Cobb:
vord. Excret.-
Bulbus porus 1) 20,2 (6,2)' ^25
mm 0,895 2^ 9,25 12,2 13,6_ 15,7 55,5 92
^ mm 0,03375 1,9 2,9 3,02 3,08 3,17 3,78 2,2
Maße nach de Man:
a = 26,5 ]
ß = 6,37 n = 1
y = 12,5 J
Gesamtindividuenzahl: 1 $.
Die Körperform ist mäßig schlank, beiderseits gleichmäßig ver-
schmälert. Der Schwanz ist ziemlich, aber nicht sehr kurz und
endigt fein zulaufend. Die Cuticula ist glatt mit einer Spur von
am Schwänze sichtbarer Querringelung. Sie besteht aus 3 Schichten
und trägt keine Seitenmembran. Das Vorderende trägt 3 möglicher-
weise in Doppellippen ausgezogene, mit winzigen Borstenpapillen
versehene Lippen. Die Mundhöhle ist typisch. Da sie gefaltet ist,
läßt sich ihre Länge nicht exakt feststellen. Die obige Zahl (2,47o)
in Cobb's Formel dürfte daher etwas zu niedrig gegriffen sein. Der
1) Bedeutet Ende der halsartigen Einschnürung zwischen den Öso-
phagealbulben.
35*
540 Heinrich Micolktzky.
Ösophagus zeigt 2 deutliche Anschwelluugen. Der vordere Bulbus
ist gegen die halsartige Einschnürung markant abgesetzt, der hintere
kräftige Bulbus trägt einen deutlichen Klappenapparat. Der Ex-
cretionsporus ist sehr deutlich, der Excretionsgang gewunden. Die
etwas hinter der Körpermitte gelegene, etwas vorgewulstete Vulva
zeigt in Seitenansicht (Fig. 9) 2 ovale bis birnförmige stärker licht-
brechende Gebilde. Die Geschlechtsorgane sind paarig, der hintere
Ast übertrifft den vorderen um ^5 seiner Länge.
Fundort. Czernowitz-Stadt: Abwasser 1.
XIII. Iroiius Bastian.
33. Ironus ignavus Bastian.
Hoi'MÄNNEB, 1913, p. 628—629.
Steiner, 1914, p. 260.
MicoLETZKY, 1914(1), p. 473 — 475.
Stefanski, 1914, p. 47—49.
Gesamtindividuenzahl: 1 juA\
juv. L= 1,32 mm
a =48
ß = 4,65
y = 6,5
Dieses Jugendstadium ist jünger als die beiden ost-alpinen und
zeigt daher noch deutlicher die jugendlichen Charaktere. Recht
interessant sind die Beobachtungen Hofmänner's , dem ein recht
reiches Material — 192 Individuen — aus verschiedenen Tiefen des
Genfer Sees zur Verfügung stand. Dieser Forscher konnte zu-
nehmende Größe nach der Seetiefe hin feststellen. Dies steht mit
der Tatsache in guter Übereinstimmung, daß ein auffallend großes
während der letzten Häutung befindliches Weibchen ^j (L = 2,85 mm),
das größer ist als der Durchschnitt erwachsener Exemplare, aus der
tiefsten von mir untersuchten Seestelle (Attersee, 107 m) stammte.
Es ist sehr bedauerlich, daß Hofmänner keine exakten Beobachtungen
über Variationsbreite und Mittelwert mitteilt. Die Genfer See-In-
dividuen schwanken bezüglich der Körperschlankheit (a) in viel ge-
ringeren Grenzen als die 10 von mir in den Ost-Alpen gemessenen
Vertreter. Die Sexualziffer wird von diesem Autor mit 12,5—25
n = l
1) MiCOLETZKY, 1914, p. 475.
Freilebeiulc Siißwasser-Nematoden der Bukowina.
541
ang-egeben, während sie in den Ost-Alpen — soweit das spärliche
Material Anhaltspnnkte gewährt — bedeutend höher ist.
Fundort. Sehr selten, Dorna-Watra: Gebirgsaltwasser.
G e 0 g r a p h i s c h e V e r b r e i t u n g. Schweiz : (Steinee) ; Genfer-
See (HoFMÄNNEK. Stefanski).
n-43
XIV. Diplofjastev Max Schultze.
34. Diploffaster fictov Bastian.
MiCOLETZKY, 1914(2), p. 263.
Gesamtindividuenzahl : 156. davon $ 75 (eiertrag. 23), S -"A
juv. (?) 2, juv. iS) 5, juv. 24.
? L = 1,24 mm (0,8—1,71 mm)
B = 0,0307 mm (0,02-0.0407 mm)
a = 40.8 (34-51)
ß = 6,05 (4,6—7,2)
a =7,45 (5,9-9,2)
V =47,87o (40,5-51,5«/o)
Gi=15,47o (8,2-19,l«/o) n = 33
GiU = ll,47o (7,3-167o) n = 13
G2=14,9% (5-190/0) n = 31
G2U=12»/o (4,8-15,2%) n = 12
Eigröße = 65 : 28,4 ß (56—78 /« : 19,5—35 ju) n
Eizahl=l,08 (1-2) n = 23.
(J L = l,24 mm (0,97—1,47 mm)
B = 0,024 mm (0,0204—0,028 mm)
a = 51 (40—57)
^=6,05 (5,4-7,0)
y = 8,3 (6,9—9,6)
G = 32,2o/o (25-39,5%)
GU = 4,567o (3-9) n = 21.
Ein Vergleich dieser Maße mit dem ost-alpinen Material läßt
erkennen, daß die Bukowiner Exemplare zweifelsohne größer und
schlanker sind sowie einen kürzeren Ösophagus und Schwanz auf-
weisen. Zudem liegt die Vulva hier im Durchschnitt vor der Körper-
mitte, während die Geschlechtsorgane beiderseits etwas kürzer sind.
Das männliche Geschlecht läßt zufolge Materialmangel bei den ost-
alpinen Vertretern keinen Vergleich zu.
,n = 28
542
Heinrich Micoletzky.
Obzwai' es mir nicht gelungen ist, diese Art in den Almtümpelu
des Lunzer Seengebietes aufzufinden, habe ich damals (1914, p. 477)
auf Grund der Kultur von Krustensteinen die Vermutung ausge-
sprochen, daß unsere Art saprober Lebensweise nicht abgeneigt sei.
Tatsächlich ist es mir gelungen, sie in einem Almtümpel im Rareu-
Gebiet in solcher Individuenfülle (95 von 130) anzutreffen, daß sie
als Leitform dieses Gewässers angesprochen werden muß. Dieses
den übrigen Fundorten völlig verschiedene Milieu zeigt sich deut-
lich in den Maßen der Almtümpelbewohner, indem sie in beiden Ge-
schlechtern nicht unbeträclillich größer sind als die Vertreter der
Ebene. Ferner sind sie in beiden Geschlechtern schlanker und tragen
einen längeren Schwanz, während sich die Ösophagusmaße gerade ent-
gegengesetzt verhalten, indem der Ösophagus bei beiden Geschlechtern
kürzer in Erscheinung tritt. Die weibliche Gonadenausdehnung
läßt keinen Unterschied erkennen, die Vulva hingegen ist vorder-
ständig, während die Bewohner der Ebene typische, also raittel-
ständige, Vulva aufweisen. Die hintersten Borsten papillen am männ-
lichen Schwanz liegen hier wie beim ost-alpinen Material deutlich
vor der Schwanzmitte. Der Übersichtlichkeit halber gebe ich die
entsprechenden Maße, die oben vermischt wurden, und stelle sie ein-
ander gegenüber:
A 1 m t ü m p e 1 b e w 0 h n e r :
$ L = l,49 mm (1,32-1,71 mm)
a = 43,5 (38,5—51)
ß = 6,25 (4,6-7,2) „ = u
y = 6,95 (5,9—8,7)
V = 45«/o (40,3-47,5)
G, = 14,7% (10,2-18,5%) \
G2 = 14,9% (ll-187o) 1
<S L = 1,4 mm (1,33—1,47 mm)
a = 54 (51-57)
ß = 6,3 (5,8-7,0)
y =7,55 (6,9-8,65)
Bewohner der Ebener^)
$ L = 1,14 mm (0,8—1,27 mm)
a = 39,5 (34-44)
ß =6,0 (4,9-6,7) ',n = 29
y = 1,1 (6,2-9,2)
V = 49,57o (48-51,5%)
1) Da dieses Material dem Cecina-Berg bei Czernowitz, etwa 300 ra
12
Freilebende Siißwasser-Nematoden der Bukowina.
548
Gi=15,57o (8,25— 19,1»/,) n =
G,= Un (5-19%) n = 19
L=l,18 mm (0,97—1,38 mm)
a=bO (40-57)
ß ^ 5,9 (5,4—7,1)
y = 8,6 (7,2—9,6)
21
20
Anschließend lasse ich die Jugend maße folgen:
juv. (?) L = l,08 mm (1,05-1,11 mm)
B - 0,0268 mm (0,0265—0,027 mm)
a = 40 (39—41)
ß = 5,51 (5,27—5,75)
y =7,33 (6,49-8,2)
V=53,8% (53-54,5% j
Gi=ll,8"/,. (7,7-16%)
G,= 10,2% (8,l-12,47o)
juv. (c^) L = 0,813 mm (0,75—0,88 mm)
B = 0,0199 mm (0,0185—0,02075 mm)
a = 40,8 (39-42,3)
ß = 5,15 (4,95-5,3)
y =6,57 (5,95-7,2)
G = 39,l% (35-40,6)
GU = 6,05% (4,8-7%)
juv. L = 0.56 mm
a = 31,5
^ = 4,6
y = 6,05
n
Während die Durchschnittsgröße der erwachsenen Männchen
und Weibchen annähernd die gleiche ist, erreichen erstere auf ge-
ringerer Körperlänge das letzte Häutungsstadium. Der Hoden-
umschlag (GU) scheint frühzeitig angelegt zu werden und prozentual
nicht mehr zuzunehmen.
Vorkommen. Verhältnismäßig selten, doch meist, wenn vor-
handen, so in größerer Anzahl. In einem Waldrandtümpel am
Cecina mit viel verwesendem Buchenlaub Ende August 1911 als Leit-
form (52 unter 68 Individuen), Ende November 1913 im gleichen
über dem Niveau der Stadt, entstammt, verdient, es ganz streng genommen
nicht diese Bezeichnung.
544
Heinrich Micoletzkv,
Tümpel Vi des Bestandes bildend (8 unter 32 Individuen), im Kareu-
Almtümpel gleichfalls Leitform (95 von 130 Individuen).
Fundort. Cecina: Waldrand tümpel la— b; Czernowitz-Stadt:
Sumpf 6b; Rareu: Almtnmpel 2.
35. Diplogaster rivalis (Leydig).
Leydig, 1854^), p. 291, tab. 11 fig. 8 — 9, Oncholainius rivalis.
Mecznikoff, E., 1863^), p. 502, tab. 12, Diplogaster sp.
BÜTSCHLi, 1873, p. 120—121, tab. 11 fig. 68, D. rivalis.
— , 1876, p. 371, D. rivalis.
DE Man, 1884, p. 86—88, tab. 12 fig. 50, D. rivalis.
ÖELEY, 1886, p. 42 — 43, D. rivalis.
CoBB, 1893, p. 24—25, D. rivalis.
Daday, 1898, p. 113, D. rivalis.
Kolkwitz u. Marsson, 1909, D. rivalis.
JÄGERSKIÖLD, 1909, p. 28—29, fig. 38, D. rivalis.
DiTLEVSEN, 1911, p. 236, D. rivalis.
Hofmänner, 1913, p. 630—631, D. rivalis.
Steiner, 1914, p. 261, D. rivalis.
Stefanski, 1914, p. 49, D. rivalis.
Gesamtindividuenzahl: 58, davon $ 31 (davon 25 trächtig), <^ 17,
juv. ($j 4, juv. {^) 3, juv. 3.
? L = 1,69 mm (1,5—2,48 mm)
B = 0,036 mm (0,024-0,052 mm)
a = 46,8 (37,5—6,0)
ß = 8.15 (6,5-9,4)
y = 7,2 (6-7,9)
V=49,87o (48-52«/o)
Gi=27.8«/o (20,5— 32«/o) n = 5
G,ü = 6,97o (6-7,7%) n = 2
G,= 26% (22-31%) n = 5
G,U = 8% (7,3-8,6%) n = 2
Ei bzw. Embryonenzahl 12 (6—19) n = 5.
^ L = 1,3 mm (1,11—1,53 mm)
B = 0,0255 mm (0,0194—0,0292 mm
a = 51,5 (42,5—62)
ß = 7,05 (6,24—8,8)
y = 8,4 (7,65—9,5)
G=27,47o (24,6—31,9%) n = 3
GU = 4,8% (L = 1,23 mm) n = 1.
n=r2
n = 7
1) Zitiert nach BÜTSCHLI, 1873.
Freilebende Süßwasser-Nematodeu der Bukowina. 545
Verglichen mit den Größen angaben de Man's sind die vorstehen-
den Individuen in beiden Geschlechtern kleiner; im weiblichen Ge-
schlechte erreicht ein einziges Exemplar annähernd das Maß des
holländischen Autors, die Männchen bleiben ziemlich weit unter
2 mm. Beide Geschlechter sind durchschnittlich plumper, der Öso-
phagus des Weibchens bleibt durchschnittlich etwas kürzer, der des
Männchens etwas länger, und das gleiche Verhalten zeigt der Schwanz.
Die beste Übereinstimmung in den Maßen herrscht mit Hoi'männek's
Genfer See-Material, doch lassen die fehlenden Mittelwerte keinen
exakten Vergleich zu, desgleichen vermisse ich die Bekanntgabe der
Sexualziffer. Im großen Ganzen scheinen ihm jedoch etwas kleinere
und weniger fruchtbare Artvertreter vorgelegen zu haben. Stefanski's
einziges Weibchen dürfte wohl unreif gewesen haben ; der auffallend
lange Ösophagus (ß=3,b) und Schwanz (y = 4,b) deuten darauf hin^
während bei a (= 3) wohl ein Druckfehler unterlaufen ist. Seine
absolute Länge deckt sich mit dem Durchschnittswert meiner wäh-
rend der letzten Häutung (juv. ($)) befindlichen Weibchen. Außer
den Jugeudstadien habe ich den Beobachtungen meiner Vorgänger
nichts neues hinzuzufügen.
Jugeudstadien.
juv. (?) L =0,955 mm (0,95-0,96 mm)
a = 46,5 (45-48)
ß =5,93 (5,9-6,05) ^n = 2
y = 5,3 (5,2—5,4)
V=46«/o (46)
G,= 10,2%|^^ = 1
juv. ((^) L =0,95 mm (0,86—1,14 mm)
a =40,2 (38,5—43,5)
ß = 5,3 (5,15- 5,5)
y = 5,25 (4,94—5,8)
Diese während der letzten Häutung befindlichen Individuen
zeigen die gewohnten Jugendmaße: Körperkleinheit, Körperplump-
heit sowie längeren Ösophagus und Schwanz.
Vorkommen. Diese anscheinend ausschließlich das Süßwasser
bewohnende Art, die ich in den Ost-Alpen nicht nachzuweisen ver-
mochte, ist im üntersuchungsgebiete entschieden häufiger anzutreffen
als Biplogaster ßctor; ich fand sie in mehr als Vio ^^^^i' Fundstellen
546
Heinrich Micoletzky,
(D. fiäor nur in Vao)- Sie bewohnt Sümpfe, Tümpel, Teiche und
Altwasser, selten auch Fließwasser (Flüsse), fehlt aber den Berg-
wässern.
Fundort. Czance: Teich 1 — 2; Czernowitz-Stadt: Sumpf 6a,
6c ; Czernowitz-Pruth : Fluß 18, Altwasser 19, 23; Kiczera: Tümpel
1, 3; Zastawna: Teich.
Geographische Verbreitung. Deutschland : Main (Leydig,
Bütschlt), Obenfluß in Posen, Mark^); Holland: Graben, Teiche,
Flüsse (de Man); Ungarn: kleiner Plattensee (v. Dadat); Dänemark
(Ditlevsen); Schweiz: Genfer-See (Hofmänner, Stefanski); Um-
gebung von Zürich (Steiner).
36. Dij)lof/ast€r striatus Bütschli.
BÜTSCHLi, 1876 p. 372.
COBB, 1893, p. 23—24.
Daday, 1898, p. 115.
Jägerskiöld, 1909, p. 30, fig. 40.
Gesamtindividuenzahl 17, davon $ 6 (eiertrag. 1), S 3, juv. ($) 5,
juv. (c^) 1, juv. 2.
Formel nach Cobb:
Ende d. vord.
ÖsOph.-BulbUS -j^g gt yyj r^
mm 0,817
1,3
8.2
13,4
41,3
68,4
mm
0,032
1,7
2,6
3,0
3,9
1,9
mm
0,664
1,5
9,8
26
16,2
(8,3)'
50
71,4
mm 0.026
1,8
3,1
3,6
3,9
3,0
Maße nach de Man:
$ L = 0,817 mm (0,65—0,96 mm)
B = 0,032 mm (0,0266—0,038 mm)
a = 25,5 (23,5-27,5)
ß = 7,5 (6,7-8,3)
y --= 3.16 (3,0—3,32)
V = 41,3«/o (40-43,5«/o)
G,= 16,9% (13— 21»/,,)
G-^= 17,7»/o (13-25%)
n = 6
1) Nach Jägerskiöld, 1909.
Freilebeude Süßwasser-Neniatoden der Bukowina.
547
(? L = 0,664 mm (0,578—0,715 mm)
B = 0,026 mm (0,024—0,0278 mm)
a =25,6 (24-27)
ß = 6,3 (6,0—6,6)
y =3,5 (3,0-3,9)
G = 24% (20,5-28%)
GU=8,37o (7,6-9%) n = 2.
Diese anscheinend saprober Lebensweise zuneigende Süßwasser-
art wurde bisher außer von Bütschli nur von Örley, dessen Arbeit
mir leider nicht zur Verfügung steht, beobachtet, während Cobb und
Daday nur aus der Literatur schöpften.
Mit den Maßen BüTscHLf s verglichen, erscheinen die vorstehen-
den Individuen bedeutend kleiner, beträgt doch ihre durchschnitt-
liche Länge nur fast die Hälfte. Da indessen alle übrigen Merk-
male recht gut mit der Beschreibung und den Abbildungen des Ent-
deckers übereinstimmen, trage ich kein Bedenken, sie mit dieser Art
zn identifizieren. Die Vulva fand ich stets deutlich vor der Körper-
mitte, am Beginne des 3. Körperfünftels. Diese nach vorne ver-
schobene Vulvalage mag mit der Schwanzlänge in Zusammenhang
stehen derart, daß bei sehr langem Schwänze die Genitalöffnung
etwas vor die Körpermitte zu liegen kommt. Die weiblichen Ge-
nitalorgane reichen nach vorne etwas mehr als ^/^ der Entfernung
Vulva— Ösophagusende, nach hinten reichen sie eine Spur weiter,
nämlich % der Entfernung Vulva— After. Der meist beträchtliche
Umschlag mißt % des nicht umgeschlagenen Teiles. Ein einziges
eiertragendes Weibchen enthielt 2 Eier, deren Größe 52 : 30 ^ betrug.
Jugendstadien,
juv. (?) L = 0,641 mm (0,6—0,67 mm)
B =0,0247 mm (0,0237-^0,026 mm)
a =25,9 (25-28,3)
ß =6,0 (5.5-6,4) 'n = 5
y =3,32 (3,32—3,37)
V = 44% (43-45,5%)
Gl =9,8% (8,35-11,2%) n = 2
G2=10,5% (8,35-12,2%) n = 3
juv. ((J) L =0,557 mm
a =25
ß =5,8
y =3,75
G = 29%
GU = 8,3%
n = l
548
Heinrich Micoletzky.
juv. L =0,443 mm (0,42—0,456 mm)
a = 25,3 (24,6—26)
ß =4,87 (4,65-5,1)
y = 3,19 (3,14—3,25)
Fundort. Czernowitz-Stadt : Abwasser 1.
Geographische Verbreitung. Deutschland: Main (Bütschli);
Ungarn: Wag- Fluß (Örley).
XV. Mononchus Bastian.
37. Mononchus rnaerostoina Bastian.
Micoletzky, 1914(1), p. 477—481.
Stefanski, 1914, p. 51 — 52.
Gesamtindividuenzahl : 39, davon $ 14 (eiertrag. 2), juv. (?) 1.
juv. 24.
$ L = 1,6 mm (1,1—2,35 mm)
B = 0,0587 mm (0,0425-0,084 mm)
a = 27,36 (23,6—33) n = 10
ß = 4,35 (3,3—5,1)
y =8,93 (6,6-12,8)
V =527o (49,5-54,5%) n = 8
Gl = 11,4 7o (10,5-12,4%) n = 3
G2= 12,1% (11— 13,2%) n = 6
juv. $ L = 1,41 mm (1,03—1,84 mm)
B = 0,0455 mm (0,0385—0,0585 mmi
a = 31 (26-36) i n = 13
ß =3,96(3,7—4,45)
y =8,0(6,7-9,45)
Die vorstehenden Bukowiner Individuen sind durchweg kleiner
als das ost-alpine Materia], obwohl die Maximalgrößen beiderseits
die gleichen sind. Es scheint diese Kleinheit mit frühzeitiger Ge-
schlechtsreife zusammenzuhängen. Ist doch hier die Minimalgröße
nur wenig über 1 mm, dort etwas über IV2 inni- Der Körper ist
etwas plumper, Ösophagus- und Schwanzmaße zeigen gute Überein-
stimmung mit meinen früheren Beobachtungen. Die auch hier nach
hinten verschobene Vulva liegt etwas mehr zentral. Gonadenlänge
und Gonadenumschlag zeigen keine Unterschiede. Die Eizahl
beider eiertragender Weibchen betrug 2. Die Männchen — es ge-
Freilebende Süßwasser-Nematoden der Bukowina. 549
lang mir nicht, eines aufzufinden scheinen sehr selten zu sein.
Auffälligerweise gibt Stefanski nur Maße von Männchen an, ob-
gleich diese sehr selten sind. Vielleicht handelt es sich um einen
unterlaufenen Irrtum im Geschlechtszeichen. So spricht namentlich
das Längenmaß hierfür, da Männchen wie gewöhnlich so auch hier
nacli DE Man kleiner sind.
Die Jugendstadien sind schlanker, zeigen im übrigen die ge-
wöhnlichen Erscheinungen. Auffällig ist die Größe, bis zu der sie
manchmal vor der letzten Häutung heranwachsen (1,84 mm gegen
1,45 mm des ost-alpinen Vergleichsmaterials). ^)
Vorkommen. Am häufigsten in Wiesen tümpeln und Alt-
wässern. Auch diese Art ist saprober Lebensweise nicht abgeneigt,
wie ein Fund von 18% (bei 49 Individuen des Fanges) in einem
Abwasser zeigt. Im großen Ganzen tritt sie nur vereinzelt auf und
ist keineswegs häufig zu nennen.
Fundort. Czance: Teich 4; Czernowitz- Stadt: Abwasser 1;
Czernowitz-Pruth: Fluß 17, Altwasser 19—20; Borna- Watra: Ge-
birgsaltwasser; Franztal: Tümpel 1 — 2; Ineu: Hochsee 1; Kiczera :
Tümpel 3; Kotzman: Teich 2; Tereblestie : Tümpel 2.
Geographische Verbreitung. Arve, Rhone und Genfer-
8ee (Stefanski).
38. Monoiichus tnuseortini Düjardin.
Dutardin, 1845, p. 237, Oncholaimus muscorum,
CoBB, 1889, p. 73, Mononchus muscorum.
DE Man, 1912, p. 448 — 452, M. muscorum.
Menzel, 1912, p. 536 — 538, M. muscorum.
Steiner, 1914, p. 260, M. muscorum.
Menzel, 1914, p. 52, M. muscorum.
Maße nach Cobb:
Papillen- Mund-
höhle höhlenende
mm 1,08 0.34 3,6 ? 24 50 92
juv
mm 0,049 2,4 3,43 ? 4,45 4,5 2,88
Maße nach de Man: a = 22, jS = 4,16, y = 12,5.
1) Durch ein Übersehen wurde die der Messung zugrunde gelegte
Individuenzahl n = q auf p. 480 vergessen.
550
Heinrich Micoi.etzky,
Die vorstehenden Maße des einzigen Exemplars stimmen recht
gut mit den Angaben de Man's und Menzel's überein, wenn man
bedenkt, daß die Unterschiede durch das jugendliche Alter bedingt
sind. Die Mundhöhle verhält sich überaus typisch. Die ventralen
Zahnleisten sind sehr ausgeprägt.
Vorkommen. Diese bisher nur terrestrisch (in Moosrasen) be-
kannte Art scheint zuweilen auch ins Süßwasser zu gehen.
Fundort. Ineu: Bergsee 2.
G e 0 g r a p h i s c h e V e r b r e i t u n g. Österreich : Karst bei Triest
300 m Höhe(t, Menzel); Deutschland: Jena (Cobb), Greiz (schwarzer
Pilzalgenfluß der Buche, de Man); Schweiz: Khätikon 2450 m t.
(Menzel, Steiner); Frankreich: Paris t. (Dujardin).
Verwandtschaft und Unterscheidung. Unsere Artist
entschieden mit M. spectabiUs Ditlevsen^) sehr nahe verwandt. Ich
halte es daher nicht für überflüssig, in Form einer Tabelle beide
Arten einander gegenüber zu stellen und einen Bestimmungsschlüssel
anzuhängen.
Eigenschaft
M. muscorum
M. S2)ectabilis
Maße (n. de
Man)
9 2) L = 2,0-3, 4 mm o^unbekannt
9L = bis4mm c/' biszu3,6mm
c. = 28-35
«=::31,4 « = 36
ß = i—4,G
ß^ö /? = 5
;- = 15,o-18
;. = 31,4 3) ^'=46
Vulvalage :
V = 59% der Gesamtlänge vom
Vordereude
V = 54 o/o
Mundhöhle
wie bei M. spectabiUs
wie bei M. muscorum
Schwanz
mäliig kurz, mit abgerun-
sehr kurz, mit in beiden Ge-
detem Ende
schlechtern zugespitztem
Ende
Männchen
unbekannt
ebenso häufig wie das 9
B e s t i m m u n g s s c h 1 ü s s e 1.
Arten, deren Mundhöhle an der Ventralseite mit zwei durch einen
engen Zwischenraum getrennten deutlich gezähnten
Längskanten versehen sind.
Schwanzende abgerundet, Schwanz mäßig kurz (y = 15— 18)
Männchen unbekannt M. muscomm
1) Ditlevsen, 1911, p. 224—227, tab. 3 fig. 17, 19, 27— 28j
tab. 4 fig. 36.
2) Nach den Angaben de Man's und Menzel's.
3) Die Angabe Ditlevsen's, p. 227 y = 5 beruht offenbar auf
einem Versehen !
Freilebende SüUwasser-Neuiatoden der Bukowina. 551
Schwanzende zugespitzt, Schwanz sehr kurz (y = 31— 46)
Männchen ebenso häufig wie das Weibchen M. spcdahiUs
Was die Verwandschaft mit M. papiUatus Bastian anlangt, so
bemerkt Ditlevsen, daß die genaue Untersuclmng auch bei dieser
Art das Vorhandensein einer dem dorsalen Zahn gegenüberliegenden
Ventralleiste erwiesen hat.') Wie ich mich an einem jugendlichen,
0,8 mm langen (a= 18,5, ß = 3,5, y= 14), aus der Erde stammenden
sowie an zwei anderen (einem jugendlichen und einem reifen ?) das
Süßwasser bewohnenden Exemplaren dieser Art überzeugen konnte,
ist dies tatsächlich der Fall, doch sind hier die Zähnchen der Leisten
so subtil, daß erst die genaueste Betrachtung mit Ölimmersion
(2 mm, 500— 1000 XLiiiearvergröß.) diese Details erkennen läßt. Die
Zahnleisten von M. muscorum und M. spectabilis hingegen sind bereits
bei mittlerer Vergi-ößerung (so beispielsweise bei vorliegendem In-
dividuum bei 340facher Linearvergrößerung) mit starken Trocken-
systemen mit aller erwünschten Deutlichkeit zu sehen. Diese Tat-
sache hat auch darin ihren Ausdruck gefunden, daß der gewissen-
hafte Beobachter de Man in seiner Monographie (1884) von dieser
Ventralleiste nichts erwähnt und auch in seiner so charakteristischen
Zeichnung diesem Detail nicht Rechnung trägt. Bei der Unter-
scheidung von M. papiUatus wäre mithin meines Erachtens noch
außer den von Ditlevsen angeführten 3 Merkmalen besonders
auf die Stärke und Markanz dieser Zahnleiste Gewicht zu legen.
XVI. Chi'oniadora Bastian.
39. Chromadora hioculata M. Schultze.
Stefanski, 1914, p. 30.
Micoletzky, 1914(2), p. 265—266.
Gesamtindividuenzahl: 2 ? (davon eiertragend 1).
? L = 0,635 mm (0,63-0,64 mm)
B = 0,026 mm (0,026 mm)
a = 24,4 (24,3-24,5)
ß = 6,3 (5,4-7,2)
y = 6,05 (6,05)
n = 2
1) Wie mir aus BÜTSCHLl's Zeichnung (1873, tab. 19 fig. 19 a) her-
vorzugehen scheint, hat bereits dieser ausgezeichnete Beobachter die Zähne-
lung am ventralen Mundhöhlenboden beobachtet, da er an den entsprechenden
Stellen Querstrichelung einzeichnet.
552
Heinric
llCOLETZKY.
V = 44,3%
Gl- 16,4 "/o öiU = 12,6^
0x^=16,2% G,V = 8,ri,
Ei -33,3: 22,2 /f
n = l
Die vorstehenden Maße nähern sich sehr meinen ost-alpinen
Werten, nur der Schwanz erscheint etwas länger, und die Vulva des
größeren eiertragenden Exemplars liegt ziemlich weit vor der Körper-
mitte. Bezüglich der Maße Stefanski's bemerke ich, daß die Genfer-
See- Exemplare größer und schlanker zu sein scheinen als die ost-alpinen.
Auch dieser Forscher gibt für das Männchen gleich de Man einen
relativ kürzeren Schwanz an, während mein reiches ost-alpines
Material keinen derartigen Unterschied beider Geschlechter er-
kennen läßt.
Vorkommen. Diese im ost-alpinen Gebiet mancherorts ge-
waltig wuchernde und stellenweise enorm häufige Art habe ich in
der Bukowina nur 2mal in Sammelfunden angetroffen und zwar im
Fluß- Alt Wasser, sie gehört somit zu den seltenen Arten.
Fundort. Czernowitz-Pruth : Altwasser 23 — 24.
Geographische Verbreitung. Schweiz : Genfer-See
(Stefanski).
40. Chromadora {Pavachromadora) alpina Micoletzky.
(Taf. 20 Fig. 5a-h.)
Micoletzky, 1913, p. 118, THodontolaimus alpinus n. //. n. sp.
HoEMÄNNER, 1913, p. 637, tab. 16 fig. 12a, 13a— b, Chromadora
foreli n. sp.
Micoletzky, 1914(1), p. 494—497, tab. 17—18 fig. 29a— f), Chroma-
dora {Parachromadora) alpina (Micoletzky).
Gesamtindividuenzahl : 122, davon $ 67 (davon 16 eiertragend).
3 3, juv. ($j 12, juv. {^) 2, juv. 38.
? L = 0,795 mm (0,405—0,965 mm)
B = 0,0386 mm (0,0196—0,0446 mm)
a -20,5(16,7—27,3)
ß -6,06(4,86-7,5)
y =7,2(6,1-8,3)
V - 51,5% (46,5-56«/o)
Gl - 20,57o (13-27«/o) n = 53
n = 58
(eiertrag. 15)
Freilebende Süßwasser-Nematoden der Bukowina.
553
G, U = 13,4\ (6,5-18,8"/o) n = 47
G2 = 19,5% (13-257o) n = 53
Ga U = 13.4"/o (7,2— 20»/o) n = 49
Eigröße = 51 :31 // (48-56 ^: 27,7- 37 ß) n = 14
c^ L = 0.76 mm (0,665—0,81 mm)
B - 0,0325 mm (0.028-0,0363 mm)
a =23,4(22,5 24)
ß =6,02(5,8—6,17)
y =10(9,5-10,9) \ n = S
a=27% (26,2 -287o)
Gl=377o (32,5-41%)
PaB = 65«/o (62— 687o)
PaZ = 12,7 (12— 13)
Das reichliche Material gestattete mir die Beigabe der Varia-
tionspolygone, wobei insbesondere die relative Ösophaguslänge durch
die Unregelmäßigkeit in graphischer Darstellung auffällt.
Vergleichen wir die obigen Maße mit dem verhältnismäßig spär-
lichen Ost- Alpenmaterial. Die Weibchen sind hier im Durchschnitt
etwas größer, Ösophagus und Schwanz etwas kürzer, während im
männlichen Geschlecht nahezu völlige Übereinstimmung herrscht.
Die Gonaden erstrecken sich beiderseits weiter, im maximalen
Körperdurchmesser ausgedrückt durchschnittlich das 4(2^2 — 5)fache
beiderseits, während das ost- alpine Material nur 2V.2 — 3fachen Durch-
messer aufwies. Von der Zweilappigkeit des Hodens konnte ich
mich bei einem 0.665 mm langen Männchen, das sehr durchscheinend
war, sehr deutlich überzeugen. Der Hodenbeginn lag hier bei 26,2"/(,
der Gesamtkörperlänge vom Vorderende entfernt, somit knapp hinter
dem Beginn des zweiten Körperviertels. Die Gesamthodenlänge maß
37,4%, der vordere Hode 21.8%, der hintere 15,67„ (beim größten
Männchen G^ = 23%, G^ = 18%).
Jugendmaße,
juv. ($) L = 0,698 mm (0,605 - 0,785 mm
B = 0,0335 mm (0,0295—0,037 mm)
a = 20,8 (19-23)
ß = 5,53 (5,1—6,3)
y =6,7(5,83-7,5)
V = 52,8"/, (48,5-56,5%)
G. = 13,5% (11,3-15,6%) n = 4
G2= 13,9% (13,3-14,2%) n = 3
Zoo]. .Jahrb. XL. Abt. f. Syst. 36
n = ll
Ö54
Heinkich Micoletzky,
juv. ((^) L = 0,655 mm (0,64—0,67 mm)
B =0,03325 mm (0,033—0,0335 mm)
a = 19,7 (19,2-20,3)
ß = 5,35 (5,3-5,4)
y =6,48 (6,45-6,5)
PaB = 62,5"/o (62-63%)
G = 33,2% I n = 1
Gl= 26% (15+11) j L = 0,67 mm
PaZ = 13 n = 2.
juv. L =0,439 mm (0,31 5-
a = 18,7 (16,4—24,6)
ß = 4,6 (4,25-5,0)
y =6,1(4,7-7,0)
-0,55 mm)
Die vorstehenden Jugendmaße, namentlich die Häutungsstadien,
bilden eine willkommene Ergänzung zu meinen früheren Studien
über diese Art. Auffällig ist der lange männliche Schwanz der
letzten Häutungsstadien. Die männlichen Präanalpapillen erheben
sich in diesem Stadium oft nur sehr wenig über die Körperkontur,
so daß ihre Zählung die genaueste Aufmerksamkeit erfordert. Ein
0,46 mm langes Jugendstadium" äußerlich indiiferenten Geschlechts
trug eine 7,4% der Gesamt körperlänge messende Genitalanlage hinter
der Körpermitte (in 567o vom Vorderende entfernt).
Es erübrigt sich noch, auf Hofmännee's Chromadora foreli ein-
zugehen. Ich habe mich überzeugt, daß beide Arten identisch sind.,
Hofmännee's Maße stimmen mit den oben gegebenen gut überein,
nur sind die Genfer-See-Exemplare etwas schlanker, tragen einen
etwas längeren Ösophagus und im männlichen Geschlechte einen
etwas längeren Schwanz. Da Hofmänner nur 2 Weibchen und
1 Männchen vorgelegen haben, ist diesen geringfügigen Abweichungen
kein Wert beizulegen. Die übrige Beschreibung des Schweizer Autors
deckt sich ziemlich gut mit meinen Beobachtungen bis auf den Bau
der Mundhöhle. So spricht Hofmänner nur von einem dorsal kom-
pliziert gebauten Zahn, während seine Abbildung fig. 12 zwei der-
artige Gebilde am Vorderrende der Mundhöhle erkennen läßt, die
meiner Zeichnung (1914, tab. 18 fig. 29c zdr und sdl) entsprechen.
Der winzige Ventralzahn {zv) wurde übersehen. Unrichtig ist die
Angabe, daß der Hode unpaar sei, diese Verhältnisse sind indessen
nicht an jedem Männchen klar zu erkennen, und da im Genfer-See
nur eines aufgefunden wurde, das laut Abbildung 12 Papillen trug,
Freilebende Sütiwasser-Neniatodeu der Bukowina.
555
so ist dieses Versehen leicht erklärlich. Die Abbildungen des Spicular-
apparats stimmen gleichfalls gut mit meinen Angaben. Da beide
Arbeiten im Jahre 1913 erschienen sind, erhebt sich die Frage, wem
die Priorität zuzuerkennen sei. Da meine vorläufige Mitteilung der
Akademie am 6,2. 1913 vorgelegt wurde und bereits vor Mitte
August im Buchhandel erschienen ist, während die Arbeit Hof-
männer's, die mir im Oktober 1913 durch die Liebenswürdigkeit des
Verfassers zukam, erst am 26./3. desselben Jahres in Druck gegeben
wurde, glaube ich berechtigt zu sein, die Prioi-ität für mich in An-
spruch zu nehmen.
Vorkommen. Obwohl diese Art ihren Speciesnamen zu Un-
recht trägt, scheint sie doch als kalt stenotherme Form ange-
sprochen werden zu dürfen. Ihr Vorkommen beschränkt sich nämlich
auf die beiden Bergseen der Karpathen, wo sie in solchen Mengen
vorkommt, daß sie im oberen See als Leitform (48% bei 179 Nema-
toden im Gesamtfang) kurzweg, im unteren als Leitform im ver-
schlammten Ufer mit Wassermoos (30,8% bei 88 Nematoden im Ge-
samtfang) bezeichnet werden kann. Im Flachlande fand ich sie nur
in einem offenen Brunnen, welcher Fundort wohl als eine Art Re-
fugium aufgefaßt werden darf.
Fundort. Ineu: Hochsee Ic, 2; Ouchor: Gebirgswiesentümpel:
Tereblestie: Brunnen 5.
Geographische Verbreitung. Genfer-See (HofmÄnner).
n = 2
41. Chromadora {JParachromadora) lacustris (Micoletzky).
MiCOLETZKT, 1914(1), p. 497—500, tab. 17 fig. 28a— e,
Gesamtindividuenzahl : 6, davon $ 4 (eiertrag, keines), juv. 2.
$ L = 0,83 mm (0,79—0,87 mm)
B = 0.0303 mm (0.0297—0,0308 mm)
a = 27,3 (25,6-29)
ß = 5,45 (5,1-5,8)
7=6,4(5,5—7,3)
V = 50% (48,5-51,5%)
juv. L = 0,636 mm (0,61—0,663 mm)
B = 0,026 mm (0,026 mm)
a = 23.4 (23,3^25.5)
^3=4,7(4,7)
y =6,3(5,5-7,1)
36*
n = 2
556
Heinrich Micoletzky.
Diese in den Ost- Alpen häufigere Art zeigt in der Bukowina
bzw. in den Grenzkarpathen das gegenteilige Vorkommen. Sie
scheint hier indessen — soweit das spärliche Material zu vermuten
gestattet — größer zu werden, was sowohl aus den erwachsenen
Weibchen als auch aus den jede Vulvaandeutung entbehrenden
Jugendformen, die somit deutlich vor der letzten Häutung stehen,
hervorgeht. Zudem sind die vorliegenden Individuen schlanker und
tragen einen längeren Ösophagus und Schwanz sowie die Vulva
mittelständig. Im übrigen stimmen sie mit der seinerzeit gegebenen
Beschreibung überein.
Vorkommen. Selten, scheint auf das Gebirge beschränkt
zu sein.
Fundort. Dorna-Watra: Gebirgsaltwasser; Ineu: Hochsee Ic.
n = 2
(eiertrag. 1)
XVII. Dorylaifnus Düjardin.
42. Dorylaiitius Carter i Bastian. ,
Menzel, 1914, p. 69 — 70.
Micoletzky, 1914(2), p. 268 — 269.
Gesamtindividuenzahl: 14, davon $ 3 (eiertrag. 1), juv. 11.
$ L = 2,16 mm (2,1—2,23 mm
B =0,052 mm (0,048—0,056 mm)
a =42 (40—44)
ß =4,32 (4,25—4,4)
}' = 36,0 (34—38)
V = 49,2% (48,3-50«/o)
G,= ll,3«/o (8,6-14%)
G,= 12,8% (12,2-13,5%)
Eigröße = 91 : 31,2 [jl n = 1.
juv. L = 0,94 mm 0,59—1,29 mm)
a =33,4 (25,3-41,5)
ß =2,76 (2,7-2,83)
7 = 16,7 (11,4-22)
Beide Weibchen sind wesentlich größer, etwas schlanker und
viel kurzschwänziger als mein ost-alpines Material. Außerdem
nähern sich jene Maße sehr jenen de Man's (1884), trotzdem beide
Exemplare der Region der Karpathen (Ineu: Hochsee 1800 m) ange-
hören. Sämtliche Individuen gehören der f. typica an. Menzel
Freilebende Süßwasser-Nematodeu der Bukowina.
557
fand überall in den Schweizer Hochalpen die knrzschwänzige Rasse.
Es ist sehr schade, daß dieser Forscher, dem ein sehr reichliches
Material dieser weitverbreiteten Art zur Verfügung stand, keine
Sexualziffer bekannt gegeben hat.
Bezüglich des mit Parasiten infizierten Individuums verweise
ich auf S. 470.
Fundort. Nur im Gebirge. Ineu: Hochsee Ib— c, Gebirgs-
wiesentümpel 3; Rareu: Bach 1, Almtümpel 3,
Geographische Verbreitung. Schweiz: zahlreiche Fund-
orte (nahezu in jeder Moosprobe) von 1450—4000 m (Menzel t.);
Österreich: St. Kanzian im Karst (Menzel t.).
43. Dorylaimus stagnalis Dujardin.
(Taf. 22 Fig. 10.)
Beakenhoff, 1913, p. 310.
Hofmänner, 1913, p. 668—640, tab. 16 fig. 18a— b.
Steinee, 1914, p. 263.
Micoletzky, 1914(1), p. 506—511, tab. 14 fig. 12a— e.
Menzel, 1914, p. 73.
Stefanski, 1914, p. 54.
Micoletzky, 1915(2), p. 17.
Gesamtindividueuzahl : 222, davon $ 52 (eiertrag. 12), $ 13,
juv. (?) 9, juv. (c^) 1, juv. 147.
$ L = 3,56 mm (2,23—5,4 mm)
B -0,0995 mm (0,075—0,135 mm)
a =35,7 (29-44)
ß = 4,5 (3,4-5,7)
y = 12,58 (9,1—16,5)
V = 43,50/0 (38— 50,57o
Gi=15,57o (10-22»/o) n = 28
G2=17,l% (12— 23*Vo) n = 29
Eigröße = 85,5 : 83,3 [x (69—104 : 30—45,5 i^) n = 7
Eizahl = 5,8 (1-16) n = 11.
^ L =3,365 mm (2,73—5,0 mm)
B =0,0888 mm (0,0675—0,121 mm)
a = 38,37 (30-46)
ß = 4,2 (3,6-5,0)
y =67,5 (52,5—90)
G =34% (31,8-38) n = 3.
n = 52
(eiertrag. 11)
n = 10
558 HeLNRICH MlCULBTZKY.
Ein Vergleich der Maße mit dem ost-alpinen Material ist um
so angezeigter, als beiderseits nahezu die gleiche Individuenzahl
diesen Werten zugrunde liegt. Die Mittelwerte zeigen, daß die
Gesamtlänge im Bukowiner Material in beiden Geschlechtern zurück-
bleibt, der Körper ist plumper, der Ösophagus im weiblichen Ge-
schlecht, der Schwanz in beiden Geschlechtern etwas länger. Hin-
gegen stimmen Vulvalage völlig und Gonadenlänge nahezu überein.
Der Umschlag der Gonade betrug hier die Hälfte bis den ganzen
nicht umgeschlagenen Gonadenteil. Eizahl und Eigröße zeigen keine
bemerkenswerten Verschiedenheiten. Der Hodenbeginn fällt etwas
hinter den Beginn des zweiten Körperdrittels, präanale Papillen und
Spicularapparat zeigen keine Besonderheiten. Mit einigen Worten
sei auf die hierhergehörigen Variationspolygone hingewiesen, die ich,
um das Tafelmaterial nicht zu vermehren, weglasse. Die graphische
Darstellung der absoluten Längen Variation (L) zeigt nicht weniger
als 6 Gipfel, 3 Hauptgipfel in der Mitte und 3 Nebengipfel in den
Flanken, somit bedeutend unregelmäßigeren Verlauf als beim ost-
alpinen Vergleichsmaterial. Die absolute Maximalbreite (B) zeigt
wie beim Vergleichsmaterial, dem sie in ihrem Verlaufe sehr ähnelt.
4 Gipfelpunkte, 2 Haupt- und 2 Nebengipfel. Die relative Körper-
dicke (a) variiert hier innerhalb engerer Grenzen, daher ist der
Kurvenanstieg steiler; der regelmäßigere Verlauf weist einen Haupt-
und einen Nebengipfel auf. Die relative Ösophaguslänge variiert
dreigipfelig. Eine tiefergreifende Abweichung zeigt die Variabilität
der relativen Schwanzlänge, die beim Ost-Alpenmaterial in nicht
weniger als 6 Gipfeln zackig verläuft, während sie hier einen
breiten Maximalgipfel nahezu inmitten des Mittelwerts sowie einen
Nebengipfel an der rechten Flanke aufweist. Die Variabilität der
Vulvalage endlich — ihr steht kein Vergleichsmaterial gegenüber —
besitzt einen Gipfel mit einem steilen Anstieg und einem treppen-
artigen Abfall. Jedenfalls können wir sagen, daß sich das Buko-
winer Material viel eher dem ost-alpinen Material nähert als den
Maßen de Man's oder Jägerskiüld's (1909). In jüngster Zeit sind
die Vertreter unserer weitverbreiteten Art in der Schweiz durch
HoFMÄNNEK, Menzel und Stefanski studiert worden. Ersterer gibt
Variationsbreiten an, die meinen Ost- Alpen Vertretern ziemlich nahe
kommen bis auf den etwas kürzeren Ösophagus. Menzel gibt für
sein hoch-alpines Material eine auffallend große Variationsbreite
für a (40—70!) beim Weibchen an, während er für das Männchen
für a 76 verzeichnet. Außerdem sind seine Exemplare mit einem
Freilebende Süßwasser-Nematoden der Bukowiu;
559
kürzeren Ösophagus (? /? = 4,5— 6, (^ jÖ = 6) versehen, während die
j\Iäunchen sehr kurzschwänzig (y = 115) sind. Stefanski endlich
beobachtete größere Exemplare von auffallender Körperplumpheit
(a = 31), die sehr an die Varietät crassus erinnern. Sie tragen einen
im weiblichen Geschlecht etwas kürzeren Schwanz.
Meinen früheren Beobachtungen habe ich nur noch hinzuzufügen
daß den Männchen außer den präanalen Papillen und der Anal-
papille (Fig. 10 ap) noch 2 Paare von Schwanzpapillen (Fig. 10 pap)
zukommen, in ähnlicher Weise wie ich dies für beide Geschlechter
von Dorylaimus intermedius [1914 (1) p. 502, tab. 19 fig. 32] nach-
gewiesen habe.
Jugendstadien.
juv. (?) L = 2,99 mm (2,5—4,1 mm)
a = 37,6 (31,5—48)
ß = 4,2 (3,75-4,3) ^ n = 5
y -11,3 (9,2-13)
V=44,5% (42-4^
juv. (c^) L = 3,85
a = 38,5
/5=5,7
y = 19,8
n
juv. L = l,98 mm (1,05-2,^
a = 35 (32—37)
ß = 3,77 (3,1—4,36)
y =10 (7,8-11,8)
n = 6.
Bezüglich der Jugendstadien möchte ich zunächst bemerken, daß
ich beim Bukowiner Material wenig Wert auf die frühesten Stadien
gelegt habe. Die Weibchen gelegentlich der letzten Häutung weisen
hier große absolute Längenschwankungen auf. Beim einzigen
Männchen wurde nur die Larvenhaut gemessen.
Vorkommen. Hauptsächlich Wiesentümpelbewohner (13 von
24 Funden), gehört diese kosmopolite Art zu den häufigsten (steht
an fünfter Stelle) des Untersuchungsgebietes und ist hier und da
Leitform.
Fundort. Czance: Teich 1, 4, Bach 5; Czernowitz-Stadt: Sumpf
6b— c; Czernowitz-Bila: Tümpel 7, 9—11 ; Czernowitz-Horecza : Tümpel
15a, c; Czernowitz-Pruth: Altwasser 19; Dorna-Watra: Gebirgs-
altwasser, Wiesentümpel; Franztal: Wiesentümpel 2; Kiczera:
560
Heinkich Micoletzky,
Tümpel 1, 3; Kotzman: Teich 2; Kuczurmare: Tümpel 1; Luczyna:
Waldrandtümpel; Tereblestie: Tümpel 1—4.
Geographische Verbreitung. Schweiz: Genfer-See (Hor-
MÄNNEE, Stefanski), RhOne (Stefanski), Rhätikon: 2000—2294 m
feuchte Moosrasen und Sickerstellen (Menzel); Süd- Afrika: Sambesi
(Micoletzky).
43a. JDori/liiimus stagnalis var. crassus (de Man).
DE Man, 1884, p. 186 — 187, tab. 32 fig. 133, Borylaimus crassus.
— , 1885, D. crassus.
Daday, 1898, p. 123, D. crassus.
Plotnikoff, 1901, D. crassus.
JÄGEKSKiÖLD, 1909, p. 41 fig. 55, D. crassus.
Steiner, 1914, p. 263, D. crassus.
Stefanski, 1914, p. 54 — 55, D. crassus.
Gesamtindividuenzahl : 19, davon $ 2 (beide eiertragend), juv. 17.
$ L = 3,61 mm (3,23—4,0 mm)
B = 0,141 mm (0,122—0,16 mm)
a =25,75 (25-26,5)
ß = 4,69 (4,36-5)
7 =12,6 (10,4—14,6) n = 2
V = 44,8% (43,7—460/;) ( (eiertrag.)
Gl =19,7% (19,4-20%)
G,= 21,l% (20,3-22%)
Eizahl = 12 (6—18)
Eigröße = 94,5-46 in (94—95: 40-
juv. L = 1,69 mm (0.925—2,03 mm)
a = 23,9 (21,6—25,2)
ß = 3,8 (3,2—5,5)
7=9,2(6-11,4)
Männchen bisher unbekannt.
Den Unterschieden zwischen Dorylaimus stag7ialis Duj. und
Borylaimus crassus de Man habe ich große Aufmerksamkeit ge-
schenkt. DE Man gibt in seiner Monographie (1884) folgende Merk-
male an, die ich der Übersichtlichkeit wegen in Form einer Tabelle
wiedergebe :
-52^)
n
Freilebende SüßAvasser-Nematoden der Bukowina.
561
Artmerkmal:
Doryl. stagnalis
Doryl. crassus
Maße 9 L
7,5 mm
4,86 mm (4,3—4,96 uim\
IX
40
27 (31-40)
ß
5-5,25
4,75 (4,2-4,5)
18
14 (11—14)
Ösophagus •)
V. : V.
Vs : 'k
Vulvalaee
vor der Knrpermitte
hinter der Kürpermitte
Gonadenlänge
kurz (hinten 'U^))
lang (hinten %-))
Schwanz
ungleichmäßig verjüngt
gleichmäßig zugespitzt
Vorkommen
Süßwasser
Erde
Verwandtschaft
mit Dorylaimus crassus
mit Doryl. stagnalis
(1885) mit Dorijl. longi-
caudatus
Der erste, der JDoryl. crassus für das Süßwasser nachwies, ist
V. Daday. Die Maße des ungarischen Autors stimmen bis auf den
kürzeren Ösophagus iß = 5,75) recht gut mit meinen eigenen überein,
während Stefanski's Material aus der West-Schweiz (L = 5 mm,
a = 34, j8 = 4, y = 14) größer und schlanker als das meinige ist und
sich den Maßen von Doryl. stagnalis nähert. Dieser Foi'schei" gibt
zu, daß die Unterschiede beider Arten sehr geringe sind, und sieht
in der Vulvalage das einzige zuverlässige Kriterium.
Ich habe nun alle von de Man herrührenden Unterschiede ge-
prüft und mit Ausnahme der Körperschlankheit bzw. Körperplump-
heit kein einziges Merkmal gefunden, das beide Arten voneinander
scheiden ließe. Bezüglich der Maße brauche ich meinen Angaben
nichts hinzuzufügen. Was das Verhältnis des vorderen dünneren
zum hinteren dickeren Ösophagusteil betrifft, so könnte ich bei
Doryl stagnalis 48,5%:51,5\ (n = 4), bei Doryl. crassus 41:59°/o
(n = 2) als Mittelwerte berechnen, so daß tatsächlich ein wenn auch
recht geringfügiger Unterschied zu bestehen scheint. Die Vulva
findet sich deutlich vor der Körpermitte. Mit besonderer Berück-
sichtigung der Angabe Stefanski's, der der Vulvalage große Be-
deutung beimißt, habe ich die Exemplare von Doryl. stagnalis, deren
Vulva in oder hinter der Körpermitte, zusammengestellt:
? L = 3,85 mm (3,3—4,2 mm)
a = 41 (36-49,5)
ß = 4,24 (3,5—5,1) U = 3
y = 16,4 (13,7—21,4)
V = 50,2 (50-50,5)
1) Gemeint ist das Verhältnis des vorderen dünneren zum hinteren
dicken Teil.
2) Gemeint ist der Abstand Vulva — After.
562 Hkinrich Micoletzky,
Diese Maße nähern sich weit mehr jenen des typischen Donjl.
stagnalis als Boryl. crassus. Diese Individuen sind größer und kurz-
schwänziger, vor allem aber bedeutend schlanker.
Während de Man in seiner Monographie (1884) diese Art dem
Boryl stagnalis am nächsten verwandt erachtet, ist er später auf
Orund seines reichlichen aus der Gegend von Moskau stammen-
den terrestrischen Materials zu anderer Ansicht gekommen. Die
russischen Vertreter sind vor allem bedeutend schlanker als die
holländischen, und de Man zieht Vergleiche mit Doryl longicaudatus
BüTscHLi, von welcher Species sich unsere nur durch die Größe und den
längeren sowie anders gestalteten Ösophagus unterscheide. Dieser
durch seinen langen Schwanz sehr augenfällige und gut charakteri-
sierte Vertreter unseres artenreichen Genus ist mir auch zu Gesicht
gekommen, doch scheint mir seine Verwandtschaft mit Doryl crassus
durchaus nicht sonderlich nahe zu sein. Vielmehr zwingen mich
alle vorstehenden Beobachtungen zur Annahme einer sehr engen
Verwandtschaft mit Dorylaimus stagnalis, zu einer so engen Ver-
wandtschaft, daß ich Doryl crassus nur als eine Varietät dieser
Stammform ansehen kann, als eine Varietät, die in ihrer terrestrischen
Easse, wenn ich mich so ausdrücken darf, morphologisch prägnanter
erscheint als im Süßwasser.^)
Diese var. crassus zeigt gegenüber der Stammart Doryl. stagnalis
folgende Unterschiede:
1. Körperplumpheit, indem a den Wert 30 nicht erreicht.
2. Der vordere, schmälere Ösophagusteil ist merklich kürzer als
der hintere, dickere.
3. Die Gonadenlänge ist durchschnittlich etwas beträchtlicher.
4. Das Vorkommen scheint vorwiegend terrestrisch zu sein.
Vorkommen. Hier und da, stets viel seltener als die Stamm-
art, meist im Gebirge. Mitunter mit der Stammart untermengt.
Fundort. Czance: Teich 1 — 2; Czernowitz-Horecza: Tümpel
15b; Ineu: Bergsee Ic, 2; Tereblestie: Brunnen 5.
1) Anhangsweise möchte ich erwähnen, daß ich im Hochsee des
Ineu (2000 m) unter 179 Individuen des Gesamtfanges an Nematoden
6 Exemplare dieser Varietät aufgefunden habe, sowie ein Männchen, das
sich in nichts von der Stammart unterschied und folgende Maße aufwies :
L = 3,21 mm, cf = 31, /!? = 3,65, j/==77,5. Die Körperplumpheit dieses
Exemplars , die indessen in den Variationsbereich der Stammart fällt
(Grenzwert), könnte eventuell für die Zugehörigkeit zur Varietät sprechen.
Freilebende Süliwasaer-Nematodeii der Bukowina.
56J
Geographische Verbreitung. Holland (de Man t);
l'ngarn: kleiner Platten-See (Dauay p.); Schweiz: Genfer-See, Rhone
(Stefanski p.), Umgebung von Zürich (Steiner) ; Rußland : Umgebung
von Moskau (de Man t.), Bologoje-See (Plotnikoef p.).
davon $ 11 (eiertrag. 3), ^ 1,
n = 8
(eiertrag. 3)
44. Dorylaimus bastiani Bütschli.
Menzel, 1914, p. 72 — 73, fig. 13 — 16, Dorylaimus hofmänneri n. sp.
MiCOLETZKY, 1914(2), p. 269, Dorylaimus bastiani.
- , 1915(2), p. 17, tab. 2 fig. 3a— f, D. bastiani.
Gesamtindividuenzahl : 39
juv. (?) 3, juv. iS) l, juv. 23.
? L = 1,57 mm (1,3—1,87 mm)
B = 0,0412 mm (0,0364—0,044 mm
a = 38,1 (30,5—45,3)
ß = 4,46 (3,4-5,2)
y = 15,03 (9,45-23,5)
V = 49,5% (45-52,6% n - 7
G,= 13,5% (10,4-17,8% \
G,= 13,4<'/o (10,5-16,4% j"
Eigröße = 71,5— 30,5 (7,15:28,6—32,5 jli) n = 2
^ L = 1,27 mm
B = 0,034 mm
a =37,5
jö =4,2 ln = l
7 =61
G = 31,5%
Gl =37,5% (20,5 + 17%)
Pz= 10
Diese in den Ost-Alpenseen so überaus häufige tonangebende
Art fand ich in den Gewässern der Bukowina nur vereinzelt. Die
hier gefundenen Exemplare sind größer, schlanker, mit etwas
längerem Ösophagus und kürzerem Schwanz versehen. Die Hälfte
von ihnen gehört der f. typica an, während in den Ost-Alpen der
größte Teil der f. longicaudata zugezählt werden mußte. Das einzige
Männchen stimmt sehr gut mit den seinerzeit gegebenen Mittel-
werten überein. Das in Häutung (letzte) begriffene Jugendstadium
(juv. (?) L = 1,17 mm, a = 30, ß = 3,33, y = 8,2, V = 45%) zeigt eine
cranialwärts verschobene Vulva. Bezüglich der Schwanzform sei be-
564
Heinrich Micoletzky.
merkt, daß auch hier wie beim Alpenmaterial alle Übergänge vom
typischen, plötzlich verschmälerten, an der Spitze abgerundeten
kurzen Schwanz bis zum fein zulaufenden, meist noch plötzlich ver-
schmälerten, mitunter jedoch selbst mehr allmählich verjüngten
Schwänze vorkommen. Letztere Schwanzform traf ich namentlich
im Hochsee des Ineu an.
Menzel's neue Art Dorylaimus liofmänneri muß ich mit unserer
Art für synonym erklären. Die einzigen Abweichungen, den etwas
längeren Schwanz (7 = 5 — 6) sowie die etwas größere Anzahl prä-
analer Papillen (12 — 16), halte ich nicht für ausreichend, um einer
neuen Art das Wort zu reden, da alle übrigen Charaktere recht gut
übereinstimmen.
Vorkommen. Stets vereinzelt, doch nicht gerade selten (V«
aller Fänge). Nahezu die Hälfte entstammt dem Gebirge, obwohl
nur V5— Ve aller Fänge von diesen Höhenlagen herrühren. Es neigt
somit diese Art kälteren Gewässern zu, worauf auch der Brunnen-
fund hinweist.
Fundort. Czance: Teich 4; Czernowitz-Stadt: Teich 2c,
Sumpf 6b ; Czernowitz-Pruth : Fluß 17— 18 ; Altwasser 20-21 ; Franztal :
Tümpel 2; Ineu: Hochsee Ib — c; Kiczera: Tümpel 2; Kuczurmare:
Tümpel 1; Tereblestie: Brunnen 5; Raren: Almtümpel 3.
Geographische Verbreitung. Schweiz: ßhätikon 1500
bis 2700 m (t. Menzel); Süd-Afrika: Sambesi (Micoletzky).
45. Dorylainitis flavoniaculatus Linstow.
Micoletzky, 1914(2), p. 269—270.
— , 1915(2), p. 19.
Gesamtindividuenzahl : 18, davon ? 5 (1 eiertragend),
juv. (?) 2, juv. iS) 1, juv. 7.
$ L = 2,83 mm (2,54-3,38 mm)
B -0,0426 mm (0,039—0,0497 mm)
a = 66 (65—68) . n - 3
ß = 6,9 (6,45—7,35) (eiertrag. 1)
y = 14,7 (13,4—15,6)
V = 45,8% (45-46,5%)
G,=^14,7% (12,3-17%)
G, = 20,l% (18-22,3%)
Eigröße= 77:25 ju
c? 3,
n = 2
Freilebende SüGwasser-Neniatoden der Bukowina.
565
11 = 3
(^ L = 2,34 mm (2.06—2,52 mm)
B = 0,0399 mm (0,035-0,043 mm)
a = 58,8 (56,5—60,8)
ß = 6,0 (5,5-6,7)
y =86 (80—97)
PaZ = 17,3 (16—19)
G = 29% (28,5—29,5%) n = 2
Verglichen mit dem Ost- Alpenmaterial zeigt das spärliche der
Bukowina die bedeutendere Körpergröße des Flachlandmaterials in
beiden Geschlechtern, ferner ist es schlanker, trägt einen etwas
kürzeren Ösophagus und Schwanz, alles Eigenschaften, die einem
extremen Auswachsen der Form gleichzusetzen sind. Vulvalage
und Gonadenausdehnung zeigen keine Abweichung, desgleichen der
Hodenbeginn, während die Papillenzahl etwas höher ist.
Jugendstadien
juv. ($) L = 1,9 mm
a = 54,5
^=5,9
n = l
y = 10,4
V -46
Larvenhaut definitum
juv. ((J) L = 2,05 mm 1,92 mm
a = 60,5 54
ß = 6,3 5,95
^ = 13,7 99
juv. L = 0,94 mm
a =46
ß =4,15
y =9,1
G (Anlagemittej 49%.
In Übereinstimmung mit der bedeutenderen Körpergröße des
vorliegenden Materials steht die Absolvierung der letzten Häutung.
Beim Männchen sind die Spicula deutlich, die kleinen Papillen hin-
gegen nahezu nicht ausgebildet, so daß ich ihre Zahl nicht an-
geben kann.
Vorkommen. Gleich voriger Art in der Bukowina nur ganz
vereinzelt. Der Abwasserfund bestätigt die bereits beim ost-alpinen
Material (1914) vermutete Neigung zu saprober Lebensweise.
566
Heinrich Micoi.etzky,
Fundort. Cecina : Waldrandtümpel 2a— b, 3 ; Czernowitz-Stadt :
Abwasser 1.
Geographische Verbreitung. Süd -Afrika: Sambesi
( Micoletzky).
46. Dorylaimus filiformis Bastian.
1866, p. 107, tab. 10 fig. 48—49, Dorylaimus fdifon
Bastian
p. 108, tab. 10 fig. 50
DE Man, 1884, p. 187
und
51, D. polyUastus.
188, tab. 32 fig. 134, D. filiformis,
Daday, 1898, p. 126, D. filiformis.
ZSCHOKKE, 1900, p. 89—90.
Daday, 1901, p. 16, D. filiformis.
— , 1906, p. 48, 51—52, D. filiformis.
JÄGERSKiÖLD, 1909j p. 41, fig. 56, D. filiformis.
Daday, 1906(1), p. 52, D. filiformis.
— , 1910(2), D. filiformis.
HoFMÄNNEK, 1913, p. 644, tab. 16 fig. 24, D. filiformis.
Steiner, 1914, p. 263, D. filiformis.
Stefanski, 1914, p, 55, D. filiformis.
Gesamtindividuenzahl: 4, davon $ 3, juv. 1.
? L = 2,09 mm (2,08-2,1 mm)
B = 0,0332 mm (0,0325—0,034 mm)
a = 63 (62-64)
ß = 5,9 (5,5-6,3)
7 = 13,35 (13,3—13.4)
V = 50,5«/o (49,5-52,50/0)
Gl =15,2 (11,8-18,7%)
GiU = 10,2 (9,3— ll,2«/o)
G,= 13,3«/o (13-13,7«/oJ
G2U = 11,5% (11,2-11,9%)
Bastian, de Man, v. Daday (1898 und 1901) sowie Hofmänner
haben Maßangaben über diese Art gemacht, so daß nach diesen
Beobachtungen die Variationsbreite sich folgendermaßen angeben läßt:
$ L= 1,7-3,2 mm
a = 33,3(?)-75
y =5(?)— 20 - . ' •
Hierzu sei bemerkt, daß v. Daday sowohl bei seinem ungarischen
als auch beim Material aus Deutsch Neuguinea so plume (a — 33,3
n = 2
Freilebende Süßwasser-Nematodcn der Bukowina. 567
bis 34) Individuen vor sich hatte, daß ein Zweifel an der Artzuge-
hörigkeit nicht ganz unterdrückt werden kann. Sehr zweifelhaft
ist ferner die Angabe dieses Forschers über die Schwanzmaße des
Weibchens aus Neuguinea, aus der sich für y = 5(!) berechnen läßt.
Nach allem, was wir von der Variabilität dieser Art wissen, nach
den Angaben Bastian's, de Man's, Hofmännee's und Stefanski's^
sowie den vorliegenden wenn auch nur spärlichen Maßen erscheint
eine so extreme Schwanzlänge sehr unwahrscheinlich, und ich ver-
mute daher, daß v. Daday im Material von Neuguinea eine andere
Dorylaimus- Art vorgelegen haben dürfte. Seine Angaben über das
bisher unbekannte Männchen beschränkten sich leider nur auf Maß-
angaben, die allerdings mit denen Hofmännee's, dem die Arbeit des
ungarischen Autors unbekannt war, bis auf den enorm kurzen Schwanz
(y = 161) recht gut übereinstimmen.
Vorstehende Maße nähern sich am meisten den Angaben Bastian's
(L = 2,54 mm, a = b9, ß = 6, y = 13), desgleichen die Vulvalage, die
der Engländer im Gegensatze zu de Man und Hofmänner nicht vor,
sondern in der Körpermitte fand.
Das Männchen habe ich nicht gesehen. Da Zschokke (p. 90)
zweifelsohne mit seiner Bemerkung: „als synonym muß ich betrachten
Dorylaimus filiformis Bastian und Doryl. polyUastus Bastian. Von
ersterer Art beschreibt Bastian nur das Weibchen, von der zweiten
kennt er nur das Männchen. In den Rhätikon- Gewässern traf ich
die beiden Formen immer gemischt an, so daß sie wohl als die
2 Geschlechter ein und derselben Art gedeutet werden müssen"
Recht hat, kannte Bastian bereits das Männchen, wenn auch unter
fremdem Namen.
Ein Vergleich der Abbildungen Hofmännee's mit jener Bastian's
zeigt die Identität beider Männchen. Der englische Altmeister gibt
16—20 Papillen an, Hofmännee hat beim einzigen Männchen
15 Papillen gesehen. Die Maße zeigen eine weniger gute Über^'
einstimmung.
(^ L = 1,95 mm Bastian 248 mm Hofm.
a = 38,3 65—67
ß = l 6,4
7-59 112
Diese Art gehört somit nach der Organisation des Männchens
in die nächste Verwandtschaft von Dorylaimus basfiani und D. flavo-
568 Heinrich 3Iicoletzky,
macidaüis. Ob die präanale Papille (Afterpapille), von der Hof-
MÄNNEE nichts erwähnt, hier tatsächlich fehlt, müssen künftige
üntersucher bestätigen.
Diese elegante Art ist in der Bukowina recht selten. Sie ist
im konservierten Zustand von D. flavomaculatus nur schwer zu unter-
scheiden, und man muß sehr genau zusehen, um die Papillen und das
€twas knopfförmig abgesetzte Vorderende zu erkennen, während
andererseits die gelben Flecken bei D. flavomaculatus im konservierten
Zustand zwar meist farblos sind, ihre Stelle jedoch durch spindel-
förmige Flecken von körniger Beschatfenheit eingenommen wird.
Vorkommen. Selten, scheint diese Art eine weite Verbreitung
zu besitzen.
Fundort. Czernowitz-Stadt: Sumpf 3; Franztal: Tümpel 2.
Geographische Verbreitung. Holland (p. de Man);
England: Falmouth, Bagshot (p. Bastian); Ungarn: Plattensee,
Budapest (p. Daday); Schweiz: Seen im Rhätikon (p. Zschokke),
Oenfer-See (Hofmänner), See v. Vert (Canton Vaud) u. Moos v. Jura
(Stefanski); Afrika: Nil, Deutsch Ost- Afrika (p. Daday); Asien:
Borsok-See und Kiren-nor i. d. Mongolei (p. Daday); Australien:
Deutsch Neuguinea? (p. Daday).
47. Dorglainuis obtusicaudatiis Bastian.
Bastian, 1866, p. 106—107, tab. 9 fig. 41—42, Dorylaimus ohtiisi-
caudatus.
DE Man, 1884, p. 167—168, tab. 26 fig. 109, D. obtusicaudatus.
— , 1885, D. obtusicaudatus.
Daday, 1898, p. 124, D. obtusicaudatus.
DE Man, 1906, p. 163—164, fig. 8—9, D. obtusicaudatus.
— , 1907, p. 20—21, tab. 3 fig. 3, D. obtusicaudatus.
JÄGEESKiÖLD, 1909, p. 37 — 38, fig. 49, D. obtusicaiulatus.
DiTLEVSEN, 1911, p. 244, D. obtusicaudatus.
HoFMÄNNEE, 1913, p. 641 — 642, D. obtusicaudatiis.
Steinee, 1914, p. 262, D. obtusicaudatus.
Gesamtindividuenzahl : 10, davon $ 5 (keines eiertr.), jur. 5.
$ L = 2,55 mm
n = l
a = 21,5
ß = 4,35
7 = 47
Freilebende Süßwasser-Nematodeu der Bukowina. 569
juv. L = 1,47 mm (0.835—2,15 mm)
a = 20 (17—25)
ß = 3,3 (2,8—4,1)
y = 48 (22,7-85)
11 = 3
Leider habe ich bei dieser Art nur ein einziges erwachsenes
Exemplar gemessen. Es hängt dies damit zusammen, daß die Be-
obachtung ganz zu Beginn meiner Süßwasser-Nematodenstudien fiel.
Ich stelle hier die Variationsbreiten nach den Angaben de Man's,
Hofmänner's und v. Daday's zusammen:
$ L = 2,9 - 3,33 ^ h = 2,3—2,45
a = 25-30 a = 29—35
/3 = 4— 5 ^ = 4—5
y = 52—100 y = 75-80
V. Dadat dürfte, nach den Maßen zu urteilen (L = 2,21 mm,
•a = 16,3, ß = 3,75, y = 26), ein noch nicht völlig reifes Weibchen vor-
gelegen haben.
Ein 1,32 mm langes Jugendstadium trug eine 59 ^ lange Gonaden-
anlage, deren Mitte bei 48,3 7o der Gesamtkörperlänge vom Vorder-
ende entfernt lag. Sonst habe ich mir über diese in der Erde häufige
Art keinerlei Notizen gemacht und hoffe gelegentlich meiner in An-
griff genommenen Arbeit über terricole Nematoden diese Lücke aus-
füllen zu können.
Vorkommen. Nur gelegentlicher Süßwasserbewohner, der
meist durch Spül- oder Schwemm Wirkung der Erde entführt werden
dürfte.
Fundort. Czernowitz- Stadt: Teich 2a; Czernowitz-Pruth:
Fluß 18, Altwasser 19, Raren: Bach 1; Tereblestie: Brunnen.
Geographische Verbreitung. Deutschland: Erlangen,
Weimar (de Man); Holland (de Man); Österreich^): Laibach (de
Man); Ungarn: Siö-Fluß (Daday); Schweiz: Genfer-See (Hofmänner);
Frankreich: Umgeb. v. Paiis (de Man); England: Sydenham, Fal-
mouth (Bastian); Dänemark: verbreitet u. gemein t. u. p.(Ditlevsen):
Rußland: Umgeb. v. Moskau (de Man). Überall t. mit Ausnahme
von Ungarn und der Schweiz.
1) Die Angabe über das Vorkommen dieser Art in meiner Arbeit:
Beiträge zur Kenntnis der Ufer- und Grundfauna einiger Seen Salzburgs,
sowie des Attersees (in: Zool. Jahrb., Vol. 33, Syst., 1912), im Zellersee
beruht auf einer Verwechslung mit dem Männchen von D. stagnalis.
Zool. .Jahrb. XL. Abt. f. Syst. 37
570
Heinrich Micoletzky,
48. Dorf/lainiiis centrocercus de Man.
DE Man,
Steiner,
1884,
1914,
119.
11
p. 175, tab. 28 fig.
p. 263.
$ L = 148 mm
B = 0,055
a =27
ß =5,1
y =45,5
V =52,5«/o
G, = 20,2«/o (14»/o)i)
G,= 22%(13,2%)
Eigroße = 89:39 fx.
Diese anscheinend recht seltene, durch den angelförmigen Schwanz:
charakterisierte terrestrische Art traf ich in einem einzigen Exem-
plare im Süßwasser, das, obwohl eiertrag-end (1 Ei), etwas kleiner
und plumper ist als die Maße de Man's.
Fundort. Franztal: Tümpel 2.
Geographische Verbreitung. Holland (de Man t.):
Schweiz: (Steiner t.).
49. Dorylainius niacrolaimus de Man.
Menzel, 1914, p. 74.
Stefanski, 1914, p. 56.
Micoletzky, 1914(2), p. 270—271.
— , 1915(2), p. 19.
Gesaratindividuenzahl : 4, davon $ 2, juv. 2.
? L = 2,84 mm (2,55-3,13 mm)
B = 0,0638 mm (0,056-0,0715 mm)
a = 44,6 (43,8—45,5)
ß = 4,15 (4-4,5)
y = 12,6 (12,2-13,1)
V = 48,5% (46,5~50,5«/o)
G, = 14,4 (13)
G2=14 (13)
n = 2
')
1) Die (lonadenausdehnung betrifft d. .
geklammert ist die Ausdehnung des Umschlags
as größere Exemplar, ein-
Freilebende Süßwasser-Nematoden der Bukowina. 571
Beide Individuen bleiben etwas kleiner als der Durchschnitts-
wert des Ost-Alpenmaterials, während die Werte gut übereinstimmen.
Menzei/s Vertreter nähern sich obigen jV[aßen, Steeanski's jenen
des Ost-Alpengebietes.
Vorkommen. Gehört im Flachlande im Gegensatz zu den
Alpen zu den seltenen Arten, ich konnte jedoch in den Ost-Alpen
nicht weniger als 53 Exemplare dieser bisher als selten bekannten
charakteristischen Art auffinden. Menzel, der sie im Rhätikon
(Schweiz) und im Karst fand, zählt sie gleichfalls zu den seltenen
Vorkommnissen.
Fundort. Kotzman: Teich 2; Kuczurmare: Tümpel 1.
G e 0 g r a p h i s c h e V e r b r e i t u n g. Schweiz : Rhätikon (1828 m,
p. Menzel), Genfer-See und Lac Vert im Kanton Vaud (p. Steeanski) ;
Süd-Afrika: Sambesi (Mtcoletzkt).
XVIII. Tylenchus Bastian.
50. Ttjlenchiis filiformis Bütschli.
MicOLETZKY, 1914(1), p. 527—529.
Menzel, 1814, p. 62.
Gesamtindividuenzahl : 2, davon ? 1, juv. 1.
$ L = 0,87 mm ) juv. L = 0,39 mm
1
a = 33,5 I _ , a = 20,3
^~ ß =4:
y = 6,34 J 7 = 4,3
Vorkommen. In der Bukowina selten (im Ost- Alpengebiet
üuviatile, nicht seltene Art).
Fundort. Cecina: Wiesentümpel 4, Waldrand tümpel 5.
Geographische Verbreitung. Schweiz: in Höhen von
900—3800 m in Moosproben (Menzel).
51. Tylenchus ffraciUs de Man (nee Tylenchus graciUs Cobb 1889).
DE Man, 1884, p. 148, tab. 23 fig. 96.
Steiner, 1914, p. 362.
juv. L = 1,21 mm
a = 70
ß = 7,5 (6,2)
y = 16,2 J
37*
!...
572
Heinrich Micoletzky,
Dieses einzige jugendliche Exemplar trug einen Stachel, dessen
Hinterende 12,5 ii vom Vorderrand des Körpers entfernt lag. Die
Entfernung der Mitte des vorderen Ösophagealbulbus vom Vorder-
rande betrug 75 /^, die des Excretionsporus 127 fx. Der hintere
Bulbus ist kaum angedeutet, die Grenze deshalb schwierig zu er-
kennen, ich habe daher für ß zwei Maße angegeben. Der Darm
weist bis zu 10 ii Durchmesser und mitunter unregelmäßige, meist
aber rundliche, lichtbrechende Körner auf. Die Vulva fehlt noch
vollständig. Geschlechtsorgane habe ich nicht gesehen. Im übrigen
stimmt dieses unreife Individuum völlig mit der Beschreibung und
Abbildung de Man's überein. Die Trägheit der Bewegung ist mir
auch aufgefallen.
Vorkommen. Bisher nur als Erdbewohner bekannt, scheint
diese Art hier und da ins Süßwasser zu gehen und gegen Fäulnis-
prozesse nicht sonderlich empfindlich zu sein.
Fundort. Czernowitz-Stadt: Sumpf 6b.
G e 0 g r a p h i s c h e V e r b r e i t u n g. Holland : Wald- und Wiesen-
erde (de Man); Schweiz (Steinee).
52. Tyletichus agricola de Man.
DE Man, 1884, p. 150—151, tab. 23 fig. 99, Tylenchus agricola.
— , 1885, T. agricola.
Steinee, 1914, p. 262, T. agricola.
Gesamtindividuenzahl : 2, davon 1 $, 1 cJ.
Formel nach Cobb:
Stachel- vord. Excret.- Köi-per-
ende Bulbusende porus mitte 24
mm 0.515 2,75
8,7
12,4 16.4 50
54
68,5
mm 0,0213 2,15
3,6
3,9 4,1 4,15
4,1
2,2
Maße nach de Man
$ L = 0,515 mm
cJ L = 0,52 mm
a = 24,2
ß =6,1
y = 3,18
n = 1
a = 32,5
ß = 4,13
y = 4,33
n = l
V = 54«/o
Gl= 24^
Freilebende Süßwasser-Nematoden der Bukowina. 573
Das Männchen ist in der Körperform nicht so gnt erhalten,
lim die CoBB'sche E'ormel konstruieren zu können. Beide Exemplare
stimmen mit Text und Abbildung de Man's gut überein bis auf
folgende 3 Punkte:
1. Nicht der männliche, sondern gerade der weibliche Schwanz
ist der längere.
2. Der Stachel ist etwas kürzer, nämlich beim ^ Vs? beim 9
Vo der Ösophaguslänge.
3. Es ist ein deutliches akzessorisches Stück vorhanden. Die
Länge des Spiculums in der Bogensehne gemessen beträgt 20,8 ju,
das akzessorische Stück ist hakenförmig gebogen und 5,6 ju lang.
Vorkommen. Gleich der vorigen und der nachfolgenden Art
nur gelegentlicher Süßwasserbewohner, der bisher nur in der Erde
bekannt war.
Fundort. Rareu: Almtümpel 3.
Geographische Verbreitung. Diese nach de Man äußerst
häufige terrestrische Art wurde trotzdem bisher nur aus Holland
(de Man), Deutschland: Erlangen (de Man) und der Schweiz
(Steiner) gemeldet.
53. Tylenchus davainei Bastian.
Bastian, 1866, p. 126, tab. 10 fig. 109 — 111, Tylenchus davainei.
BÜTSCHLI, 1873, p. 37, tab. 1 — 2 fig. 7a — c, T. davainei.
DE Man, 1884, p. 151 — 152, tab. 24 fig. 100, T. davainei.
— , 1885, r. davainei.
CoBB, 1889, T. davainei.
DiTLEVSEN, 1911, p. 243, T. davainei.
Steiner, 1914, p. 262, T. davainei.
? L = 0,83 mm
a =31,8
ß =6,1
y =6,13
V =65%
Ctj = O0,ö /f(
Eigröße = 48:20,5 [x
Das einzige ein Reifei tragende Exemplar ist kleiner und etwas
langschwänziger als das Material de Man's.
Vorkommen. Bisher nur terricol bzw. als Moosbewohner be-
kannt.
574
Heinrich Micoletzky,
Fundort. Rareu: Almtümpel 3.
G e 0 g r a p h i s c h e V e r b r e i t u n g. Deutschland : Frankfurt a. M.
(BÜTscHLi), Jena (Cobb), Weimar (de Man); Holland (de Man);
Schweiz (Steinee); Frankreich: Montpellier (de Man); England
(Bastian); Dänemark: Christiansholm (Ditlevsen); überall t.
XIX. Aphelenchris Bastian.
54. Aphelenchus striatiis Steinee var, aquaticus n. var.
-431, fig. 22 — 23, Aphelenchus striatus n. sp.
p. 529, tab. 19 fig. 35a — b, Tylenclms sp. bzw.
tab. 15—16 fig. 18a-
Gephalohus alpiniis
Steinee, 1914, p. 430
Micoletzky, 1914(1),
hdbosus.
— , 1914(1), p. 447—449
Micoletzky.
— , 1914(2), p. 271—272. Ti/lencJws bulbosus Micoletzky.
— , 1915(1), p. 2, Tylenchus bulbosus Micoletzky.
Gesamtindividuenzahl : 15, davon $ 12 (eines eiertrag.), c? '^•
juv. ($) 2.
Maße nach de Man:
$ L = 0,456 mm (0,36-0,575 mm)
B = 0,014 mm (0,012—0,017 mm)
a =32,4 (26-43)
ß = 8,5 (8—9)
y = 12,5 (10,8-15,4)
V = 68«/o (64,5-71,5%)
G = 45,17o (43-^47,2%)
c^ L = 0,35 mm
a = 36,3
ß =7,8
y = 18,8
Körper ziemlich schlank, Yorderende schwach abgesetzt, kappen-
förmig, Schwanz allmählich verjüngt mit stumpf zugespitztem Ende,
das eine kurze Schwanzdrüse trägt Cuticula borstenlos, äußerst
zart quergeringelt mit ziemlich schmaler Seitenmembran (Ve — Vs des
Körperdurchmessers). Mundstachel sehr zart, nur mit Andeutung
eines Knopfes, Vo — ^i'i2 <^es Ösophagus lang. Ösophagealbulbus sehr
kräftig, kreisrund. Excretionsporus 2 Bulbuslängen hinter dem
Bulbusende oder näher. Vulva am Ende des zweiten oder am Be-
ginn des letzten Körperdrittels. Weibliches Genitalorgan asymme-
n
Freilebende Süßwasser-Neniatoden der Bukowina. 575
trisch, Ovar weit nach vorne reichend, ohne Umschlag-, Uterus Vs
der Entfernung Vulva — After einnehmend, — ^. Hodenbeginn etwas
hinter dem ersten Körperdrittel, Spicula groß, kräftig, ziemlich eckig
gebogen mit scharf ditferenziertem Klingen- und Handhabenteil.
Von Schwanzpapillen wurde mit Sicherheit nur ein latero-ventrales
Paar auf der Schwanzhälfte nachgewiesen.
Auffällig ist die große Variabilität der Körperschlankheit, Ein
0,415 mm langes Weibchen trug ein 41,5:12,5 // großes Ei vor der
Vulva.
J u g e n d s t a d i e n.
juv. (?) L = 0,342 mm (0,32—0,365 mm)
a = 26,9 (24—29,8)
^==8,1 (7,4-8,8)
y - 10,9 (10,4-11,5)
7=71% (67-75 Vo)
Das größere der beiden Exemplare, das die Vulvaanlage zu
Beginn des letzten Körperviertels zeigt, weist eine nahezu völlig
ausgebildete Gonade von 38,3"/o der Gesamtkörperlänge auf.
Verwandtschaft und Unterscheidung. Die vorliegen-
den Exemplare sind ÄpJielencJms striatus Steinee so nahe verwandt,
daß ich kein Bedenken trage, sie nur als Varietät in den Formen-
kreis dieser Art einzureihen. Da das Männchen Steiner unbekannt
blieb, kommt als einzig nennenswerter Unterschied nur die Längs -
streifung der Cuticula bei der Stammform in Betracht, während
unsere bisher nur im Süßwasser aufgefundene Varietät der Cuticular-
Längsstreifung völlig entbehrt.
Wie die vorstehenden Literatiirangaben erkennen lassen, habe
ich diese Varietät bereits früher unter anderem Namen beschrieben.
Zufolge der außerordentlichen Zartheit und Kleinheit, die eine sehr
gute Erhaltung des Präparats schwierig gestaltet, bin ich einem
Irrtum verfallen und sehe mich durch genaues Vergleichsstudium
eines reichlicheren Materials mit meinen älteren Präparaten ge-
zwungen, die beiden Namen Cephalohus alinnu^ Micoletzky und
Tylendms hulhosus Micoletzky einzuziehen. Was meine früheren
Angaben betriift, so bemerke ich, daß die Beschreibung bei Cephalohus
alpinus (1914 [1]) völlig zutreffend ist bis auf das, was über die für
Cephalohus- MÜg gehaltene Mundhöhle gesagt und gezeichnet wurde.
Bei flg. 18a ist zufolge der Kontraktion des Ösophagus bei der
Konservierung der Excretionsporus weit nach vorn gerückt: der
576 Heinrich Micoletzky,
dem Bulbus folgende Darmabsclinitt ist zunächst eng und verbreitert
sich erst allmählich. Der unvollständigen Beschreibung und Abbil-
dung You Tylenchus sp. (1914 [1], p. 529 u. tab. 19 flg. 35a— b) sowie
der Beschi-eibung Yon Tylenchus bulbosus (\9 14: [2], p. 271 —272) habe
ich hinzuzufügen, daß die relative Ösophaguslänge ß im erstereu
Falle gleich 7,2, im letzteren 9,4 beträgt, da ein hinterer Bulbus
nicht existiert sondern nur ein dem echten Bulbus folgender Darm-
abschnitt ohne Fetttröpfchen. Die Seitenmembran ist stets vor-
handen (Steinee zeichnet sie auch in seiner flg. 23 ein), allerdings
meist nur am Schwanzabschnitt gut zu erkennen. Der Abschnitt
Verwandtschaft und Unterscheidung käme in Wegfall.
Vorkommen. Mit Plectufi parvus Leitform in einem mit Algen
überzogenen Holzstückchen aus einem Mühlbach (25,5% der Gesamt-
menge von 55 Nematoden).
Fundort. Radautz: Mühlbach; Rareu: Almtümpel 3.
Geographische Verbreitung. Nieder-Österreich : Ybbs-
Fluß, Lunzer Mitter-See; Ober-Österreich: Hallstätter-See, überall in
Krustensteinen (Mk^oletzky). Die Stammart fand Steiner terricol
in der Schweiz bei Bellinzona.
XIX. Crieonema Hofmänner et Menzel.
Körperform plump, Cuticula äußerst derb geringelt, unbewehrt
oder in Zapfen auslaufend, stets borstenlos ohne Seitenmembran.
Kopfende kaum abgesetzt mit oder ohne Borsten, mit oder ohner
Papillen. Mund mit langem, hinten geknöpftem mit einem deutlichen
Lumen versehenen Stachel. Ösophagus mit wenigstens einer (mittleren ?)
Anschwellung. Weibliche Genitalorgane meist paarig, mitunter un-
paar, dann aber mit caudalwärts gerichtetem Uterusast. Im Süß-
wasser oder in Moospolstern lebend.
Verwandtschaft und Unterscheidung. Dem Genus
Tylencholaimus de Man nahe verwandt insbesondere durch den eine
deutliche Höhlung aufweisenden langen und hinten geknöpften Mund-
stachel, von ihm unterschieden durch die derb geringelte Cuticula
und die meist paarigen Gonaden.
Bestimmungsschlüssel der Arten.
Körper klein unter 1 mm lang 1
1. Ringel der Culicula unbewehrt, hinten nicht in zapfen-
förmige, ringsum verlaufende Fortsätze ausgezackt 2
Freilebende Süßwasser-Xematoden der Bukowina. 577
2. Schwanz abg-estutzt, y = 16 1. C. rusHcmn n. sp.
2*. Schwanz zu gespitzt, y = 20— 21
2. C. morgense Hofmännee
1* Ringel der Cuticula bewehrt, hinten in zapfenförmige rings-
um verlaufende Fortsätze ausgezackt 3. C. guernei (Cektes)
Körper groß, über 1 mm lang 3
3. Schwanz abgerundet, Stachel kurz (4 — 5 ^/q der
Gesamtkörperlänge messend) i.C.tylenchiforme(D ad ay)
3* Schwanz zugespitzt, Stachel lang (12^0 der Ge-
samtkörperlänge messend)
5. C. aquaticum (Micoletzky)
Von diesen 5 Arten sind 3 paludicol (C. rusticum, tylenchiforme
und aquaticum), eine terrestrisch (C. guernei) und eine (C. morgense)
terricol und paludicol aufgefunden worden.
55. Criconenia rusticum Micoletzky (Taf. 22 Fig. IIa — c).
Micoletzky, 1915(1), p. 8, fig. 4.
Formel nach Cobb:
Stachel- Ösoph.- Hinter-
ende ende 39 5_ —337 ende
0 mm 0,44 0 13 17,6 ' 51,3 ' 93,7 100
^ mm 0,408 2,35 8,4 9,1 9,2 6,7 2,52
Maße nach de Man:
a = 10,8 )
ß = 5,7 n = 1
y = 15,9 )
Die Körperform (Fig. IIa) ist ungemein plump, nach beiden
Seiten hin nur wenig verschmälert, derart, daß beide Körperenden
ungefähr in gleicher Breite abgestutzt erscheinen. Die Cuticula
ist sehr grob geringelt. Der mittlere Abstand der Querringel ist
5,5 )M. Die Cuticula ist borstenlos, bis zu 3,2 ja dick und aus
3 Schichten zusammengesetzt. Die beiden äußersten sind quer-
geringelt, die innerste ist glatt. Die Zahl der Ringel beträgt ins-
gesamt 99, hiervon entfallen bis zum Stachelende 16, bis zum
Gonadenbeginn 27, bis zur Genitalöflfnung 51 Ringel und auf den
Schwanz 6 Ringel. Das Kopfende (Fig. Hb) ist nackt, borsten-
und papillenlos und deutlich quer abgesetzt. Die Ringelung setzt
^78 Heinrich Micoletzky,
sich bis zum Vorderrand fort. Die Peripherie des Vorderrandes er-
scheint daher bei Seitenansicht papillenartig vorspringend.
Die Mundhöhle wird von einem kräftigen 2,8 // dicken und
57,5 fJL langen hinten deutlich geknöpften, dreiteiligen Stachel mit
deutlichem Lumen eingenommen. Der Ösophagus läßt 2 An-
schwellungen erkennen, eine vordere größere, die das Stachelende
umfaßt, und eine darauffolgende. Während die vordere Anschwellung
groß und deutlich ist, hebt sich die folgende nur sehr undeutlich
von der Umgebung ab.
Der Darm ist körnig und scheint ein ebenso weites Lumen zu
besitzen wie die Stärke seiner Wandung, doch sind diese Verhält-
nisse sehr unklar.
Die weiblichen Geschlechtsorgane sind paarig symme-
trisch ohne Umschlag. Sie reichen beiderseits ziemlich weit, nach
vorne bis fast an den Ösophagus heran, caudalwärts bis in After-
nähe. Die Geschlechtsöffnung ist nur schwer zu sehen, ihre Anwesen-
heit gab sich beim einzigen Exemplar durch die Unterbrechung der
Cuticularschicht zu erkennen. Der Schwanz (Fig. 11c) ist stumpf
und abgestutzt. Eine Schwanzdrüse habe ich nicht beobachtet, der-
gleichen weder Nervenring noch Excretionsporus. Männchen un-
bekannt.
Fundort. Tereblestie: Brunnen 5.
Verwandtschaft und Unterscheidung. Die vorliegende
Art ist offenbar C. morgense Hofmänner nahe verwandt. Da Hof-
männer in seiner vorläufigen Mitteilung^) keine Abbildung gibt,
muß ich, soweit es nach seiner Beschreibung möglich ist, die Unter-
schiede herauslesen. Demnach besitzt diese Art vor allem einen zu-
spitzten und kürzeren Schwanz {y = 20—21). C. aquaticum (Mico-
letzky) 2) unterscheidet sich vor allem durch den Habitus (Schwanz
viel länger und spitz zulaufend), ferner durch die am Vorderende
befindliche chitinige Stachelführung, durch das unpaare Genital-
organ und die im letzten Körperdrittel gelegene Genitalöffnung.
C. tylenchiforme (Daday) [= Hoplolaimus tylenchiformis) '•^) ist be-
1) Hofmänner u. Menzel, 1914, p, 90 — 91.
2) = Ti/lencholnimus aquaiicus Micoletzky, 1914 (1), p. 531 — 532,
tab. 19 fig. 'sSa— b.
3) Daday, 1905, Untersuchungen über die Süßwasserfauna — Mikro-
fauna Paraguays, in: Zoologica, Vol. 18, Heft 44.
Die Gründe, die für die Einziehung des Genus Iloplolaimus Daday
sprechen, sind folgende : der Habitus, die grob geringelte Cuticula, Stachel,
Freilebende Süßwasser-Nematoden der Bukowina. 579
deutend größer (L = 1,1 mm), etwas schlanker (a = 15,8), besitzt
«inen kürzeren Ösophagus {ß = 7,4) sowie einen bedeutend kürzeren
Stachel. Außerdem ist das Vorderende von 6 Papillen umgeben.
Bemerkungen und Erklärungen der Abkürzungen im Text.
L absolute Körperlänge in rara
B absolute maximale Körperbreite in mm
, ,. „.. ... Körperlänge
« relative Korperbreite . , „ ,
maximale Körperbreite
8 relative Ösophaguslänge v.
Osophaguslänge
. Körperlänge
y relative «chwanzlange t=-,^ ,^^
öcnwanzlänge
V Lage der Vulva in Körperlänge- *'/^ vom Vorderende
6 Gonadenbeginn in Körperlänge- ^^ vom Vorderende
Gl Gonadenlänge in Körperlänge- ^/^
G^ vorderer Gonadenast in Körperlänge- ''/„
Og hinterer Gonadenast in Körperlänge-^/^
GL\, GU^ vorderer bzw. hinterer Genitalumschlag in Körperlänge- ^/^
Gl^, GI^ Länge des vorderen bzw. hinteren Hodens in Körperlänge-'" q
, . „ . , , Schwanzlänge
spi relative Spiculalange r— ; — -— ,
öpiculalänge (Bogensehne)
PaB Papillenbeginn iu Körperlänge- % vom Vorderende
PaZ Papillenzahl
PI relative Papillenausdehnung -^
Strecke der Papillenfolge
n Zahl der den Messungen zugrunde liegenden Individuen
juv. ($) $ während der letzten Häutung mit Vulvaanlage
juv.(S) entsprechendes Stadium des ^ mit rudim. Spicularapparat
t terricol, Erdbewohner
p paludicol, Süßwasserbewohner
Ösophagus sowie Gonaden stimmen mit den Angaben des von HOFMÄNNEE
und Menzel aufgestellten Genus Criconenm überein. Gegen diese Ein-
reihung erheben scheinbar zwei Angaben Einwand : v. Daday spricht von
einem „kompakt erscheinenden Stilett'' und vermißt eine Afteröffnung.
Bedenkt man hingegen, daß v. Dadat ein einziges konserviertes Exemplar
vorlag, so ist die Annahme einer Täuschung wohl sehr berechtigt. Die
Höhlung des Stachels sieht man nur bei Immersionsbetrachtung deutlich,
zudem besitzt diese Art ein ziemlich kurzes Stilett. Der After ist bei
grober ßingeluug mitunter sehr schwer oder gar nicht zu sehen.
580 Heinrich Micoletzky,
Die COBB'sche Formel besteht aus einem Bruche, in dessen Zähler
die Abstände des Mundhöhlenendes, des Nervenringes, des hinteren Oso-
phagusendes, der Vulva und des Afters , in dessen Nenner die diesen
Stellen entsprechenden Körperdurchmesser eingetragen sind. Als Einheit
gilt die Körperlänge, und alle Werte werden in "/^^ derselben ausgedrückt.
Formel nach Cobb:
absolute Körperlänge in mm Mundhöhlenende
absolute maximale Dicke in mm entsprechender Durchmesser
Nervenring Ösophagusende Vulva Anus
entspr. Durchm. entspr. Durchm. maxim. Durchm. entspr. Durchm.
Die hochstehenden Zahlen bei der die Vulvalage kennzeichnenden
Zahl bedeuten:
— vor der Zahl eine einzige unpaare vordere nicht umgebogene Gonade
— hinter der Zahl eine einzige unpaare hintere nicht umgebogene Gonade
" eine umgebogene Gonade ; vor und hinter der Vulvazahl : symmetrische
vimgeschlagene Gonaden. Die bei diesen Zeichen stehenden Zahlen
geben die Ausdehnung der Gonaden, die eingeklammerten die des
Umschlags in Körper- ^/^ an. Beim (J wird die maximale Körper-
dicke unter der Körperdicke angezeigt; von hier aus gebe ich hoch-
gestellt auch die Hodenlänge (meist nur Hodenbeginn) an. Beim $
findet sich die maximale Körperdicke nur dort unter der Körpermitte,
wo sie nicht an der Stelle der Vulva liegt.
Freilebende S^üUwas.sei-Nematoden der Bukowina. 581
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584 Heinrich Micoletzky,
Erklärung der Abbildungen.
Die Tafeln 19 — 20 enthalten Variationspolygone. Es handelt sich
durchwegs um Klassenvarianten. Auf der Aljszisse sind Klassengrenzen
bzw. die Varianten, auf der Ordinate sind die die Varianten aufweisenden
Individuenzahlen, jedoch in Prozente umgerechnet, aufgetragen. Die den
einzelnen Polygonen zugrundeliegenden Individuenzahlen decken sich
durchwegs mit jenen der DE MAN'schen Formel im Text.
Tafe
1 19.
Fig. la.
3Io 1 lohystera stagnalis .
$L.
Fig. Ib.
«
6 L.
Fig. Ic.
j)
? B.
Fig. Id.
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Fig. lg.
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Fig. Ih.
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Fig. Ij.
„
^ V-
Fig. 2a.
Trüobus
gracilis.
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Fig. 2b.
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Fig. 2c.
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Fig. 2d.
„
$/^.
Fig. 2e.
„
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Fig. 2f.
„
? V.
Fig. 3a.
,.
Iang8<
langschwänzige Individuen. ^ L.
Freilebende Süßwasser-Nematoden der Bukowina. 585
Tafel 20.
Fig. 3b. Trilohus gracilis, langschwänzige Individuen. $ B.
$ a.
Fig. 3c.
»
Fig. 3d.
»
Fig. 3e.
•»
Fig. 4.
Plecins parvus. $
Fig. 5a.
Chromadora alpina.
Fig. 5b.
„
Fig. 5c.
n
Fig. 5d.
„
Fig. 5e.
„
Fig. 5f.
„
Fig. 5g.
„
Fig. 5h.
n
?«.
9 V.
2 G..
Tafel 21.
Fig. 6a. Äulolaimoides elegans Micoletzky. Skizze des Vorder-
«ndes von 9 1 S'Uf mm-Papier nach Maßen konstruiert. 666 : 1.
Fig. 6b. Äulolaimoides elegans. Skizze des Kopfendes auf mm-
Papier nach Maßen konstruiert. 2000 : 1. mh Mundhöhle, so Seitenorgan.
re Vestibulum.
Fig. 6c,. A^dolaimoides elegans. Cuticular-Ornamentierung nach ^ 1.
Obj. 2, Ok. 12. 1500:1. v vorn, h hinten.
Fig. 6d. Äulolaimoides elegans. Flächenansicht der Vulva. Obj. 2,
Ok. 12. 1500: 1. ch Chitingebilde, rini Dilatatoren der Vulva, da Darm.
Fig. 6e. Äulolaimoides elegans. Seitenansicht der Vulva. Obj. 2,
Ok. 12. 1500:1. c/i Chitingebilde.
Fig. 6f. Äulolaimoides elegans. Analgegend des (^ 1 . Obj. 2, Ok. 8.
1000: 1.
Fig. 6g. Äulolaimoides elegans. Schema der Führung der Spicula.
spi Spiculum. acc Führungsschiene (akzess. Stück). Die Ventralrinne ist
dem Beschauer zugekehrt.
Fig. 7. Rhabditis paraelongjta Micoletzky. Schwanz des J. Obj. 3,
Ok. 8. 100 : 1. sp Spiculum. acc akzess. Stück.
Fig. 8a — b. Rhabdiüs teroides Micoletzky. Skizze des Schwanzes
des ^ in Seiten- und Rückenlage.
Fig. 9. Rhabdiüs sp. ^ '^ Seitenlage, Schwanz infolge Raum-
ökonomie eingekrümmt dargestellt. Obj. 4, Ok. 4. 250 : 1.
Zool. Jahrb. XL. Abt. f. Syst. 38
586 Heinrich Micoletzky, Freilebende Süßwasser-Nematoden der Bukowina.
Tafel 22.
Fig. 10. Dorylaimus stagnaUs. Konturen des männlichen Schwanzes
in Seitenlage. Obj. 3, Ok. 4. 333 : 1. ap Analpapille. schp Schwanzpapillen.
Fig. IIa. Criconema rusticum Micoletzky. ^ in Seitenlage, Obj. 4^
Ok. 4. 250: 1.
Fig. Hb. Criconema rusticum. Kopfende in Seitenlage. Obj. 3,
Ok. 8. 667:1. d dorsal, v ventral.
Fig. 11c. Criconema rusticum. Schwanzende. Obj. 3,0k. 8. 667:1.
Sämtliche Zeichnungen der Tafeln 21 — 22 mit Ausnahme von Fig. 6a,
6b, 6g und Fig. 8a — b wurden mit dem ZElSS'schen Zeichenapparate
entworfen. Die Objektive sind Apochromate, die Okulare Kompensation s-
okulare von Zeiss.
Nachdruck verboten.
tibersetztmgsrecJd vorhehallvn.
Stellung und Lage der Zwillingsflecke und des Innen-
randfleckes auf den Flügeln von Vanessa urticae L.
und var. ichnusa BON. als neue Gesichtspunkte für die
Bestimmung des phyletischen Alters der urticae-Rassen.
Von
Dr. med. K. Hasebroek in Hamburg.
Mit 2 Abbildnngen im Text.
Bekanntlich zeichnet sich die var. ichnusa der Vanessa urticae
für gewöhnlich durch das Fehlen der Zwillingsflecke in den Zellen
III^— IV^ und IV^— IV^ aus. Man findet jedoch bei sehr vielen
«c/mitsa- Exemplaren mehr oder weniger Andeutungen der Flecke,
bisweilen beide in voller Schärfe ausgebildet. Ich habe in der
Sitzung des Entomologischen Vereins von Hamburg- Altona am
8. Oktober 1914 über eine kleine Entdeckung berichtet, nämlich die,
daß an 4 von 12 var. ichnusa, die ich als Puppen aus Sardinien
bezogen hatte, derartig vorhandene Zwillingsflecke gegenüber den
analogen Flecken bei V. urticae wurzelwärts verlagert seien. Im
Protokoll dieser Sitzung ^) sind bedauerlicherweise die Verhältnisse
umgekehrt dargestellt, denn nicht var. ichnusa zeigt, wie es dort
heißt, die Zwillingsflecke weiter randwärts, sondern V. urticae. Es
hat diese Verwechslung der Falter sein Gutes gehabt: ich wurde
daraufhin von Herrn Kefss in Rüdnitz i. d. M. interpelliert, und
1) In: Gubener Intern, entomol. Ztschr., 1915 v. 27. März.
38*
588 ^- Hasebroek,
dieser schrieb mir, daß nach seinen früheren Untersuchungen ^) über
[unterschiede zwischen V. urticae und var. ichnusa die Sache umge-
kehrt liegen müsse. Ich konnte die falsche Angabe des Protokolls
natürlich sofort richtigstellen und erhielt dadurch zugleich die
Anregung, meine Beobachtung systematisch zu erweitern und die
Tatsache näher zu verfolgen. Ich bin dabei zu interessanten Ergeb-
nissen gekommen, die ich hier wiedergeben will.
Wenn man die Vfl. von V. urticae mit denen der var. ichnusa
auf den beistehenden Photographien vergleicht, so bemerkt man bei
genauerem Zusehen folgendes. Bei F. urticae liegen die Zwillings-
flecke viel weiter randwärts als bei var. ichnusa; zugleich ist die
Verbindungslinie der beiden Flecken bei V. urticae annähernd senk-
a b
Fig. A.
a Vanessa urticae L. b var. ichnusa Bon. mit vorbandeneu Zwillingsfieckeu.
recht, bei var. ichnusa schräger zum Verlauf der Trennungsader IV^
Andererseits sind bei urticae die Flecke sowohl von der Mittelzelle
als vom Vorderrand des Flügels viel entfernter als bei var. ichnusa
gruppiert.
Ich habe bis jetzt keine Ausnahme von dieser Regel gefunden,
obgleich ich auch in anderen Sammlungen noch weitere var. ichnusa
mit vorhandenen Zwillingsflecken darauf hin angesehen habe.
Ich nahm nun eine genauere Messung an vielen Exemplaren,
und zwar bei urticae von verschiedener Provenienz, vor. Ich maß
die Entfernungen der Mittelpunkte der Zwillingsflecke einerseits
von der scharf bestimmbaren Mitte des Einschnittes zwischen Kopf
1) Reuss, Is urticae the reddest form?, in: Entomologist, 1910.
Vanessa urticae L. und var. ichmisa Bon.
Tabelle 1.
589
A.
Vanessa urticae
Abstand der Zwi
vom Kopf— Hals-
einschnitt
Seite oberer unterer
lingsflecke
vom Flügel-
rand
oberer unterer
Abstand der
Flügel spitze
vom
Kopf-Hals-
einschnitt
1.
aus Hamburg
1 mm mm
rechte 16.5 15,5
linke 17,5 16,5
mm mm
7 ' 7
7 : 7 •
mm
27
28
2.
aus Hamburg
rechte
linke
16,5 i 16
16,5 16
7 7
7 : 7
27
27
:?.
aus Kvickjock i. Lappland
{var. polaris)
rechte
linke
18 17
17,5 j 16,5
7,5 7,5
7,5 1 7,5
28
28
4.
aus Kvickjock i. Lappland
{var. polaris)
rechte
linke
16,5 15
16,5 . 15,5
7 l 7
7 ; 7
26
26
5.
unbekannt
rechte
linke
17,5 16,5
18 i 17
7,5
7,5
7,5
7,5
27
28
6.
aus der Krim
rechte
linke
16 14,5
16,5 i 15,5
6,5 1 6.5
6.5 6,5
25
26
7.
aus Royan i. Frankreich
rechte
linke
15 14
15,5 1 14,5
7 1 7
7 : 7
25
25
Mitte
werte
16,7 16,0
7,0
7,0
27
Tabelle 2.
B.
var. ichnnsa
Abstand der Zwl
vom Kopf — Hals-
einschnitt
Seite oberer unterer
lingsflecke
vom Flügel-
rand
oberer unterer
Abstand der
Flügelspitze
vom
Kopf-Hals-
einschnitt
1.
aus Sardinien
i
mm mm
rechte | 14,5 13.5
linke 14,5 13
mm
8
8
mm
8
8
mm
24
24
2.
aus Sardinien
rechte — 13.5
linke -- 14
1
—
9,5
9,5
25
25
3.
aus Sardinien
rechte
linke
15,5
15,5
13,5
13,5
8,5
8,5
9
9,5
26
26
4.
unbekannt
rechte 15
linke 15
13,5
13,5
1^
9
9,5
25
25
Mittel
werte
15,0
13,5
8,2
9,0
25
590
K. Hasebroek,
und Halsschild, andererseits vom Flügelrande. Zugleich notierte ich
zur Feststellung der relativen Größe der Flügel die Entfernung
zwischen Flügelspitze und Mitte des Kopf-Halseinschnittes. Ich
maß beide Seiten, Tabelle 1 gibt die Maße für F. urticae, Tabelle 2
für var. ichmisa.
Auf den Wert 100 als gemeinsame Flügellänge umgerechnet,
erhält man aus den Mittelwerten die Tabelle 3.
Tabelle 3.
Abstand der
Zwillingsflecke
vom Kopf— Hals-
einschiiitt
vom Flüg-elrand
oberer unterer
oberer unterer
A.
B.
für Vanessa urticae
für var. ichnusa
62 ! 60
60 54
26 26
33 36
Die Zahlen der Tabelle 3 ergeben sicher, daß die Zwillings-
flecke bei V. urticae einerseits weiter von der Mittel-
linie des Körpers und damit der Flügelwurzel, anderer-
seits näher dem Flügelrande stehen als bei var. ichnusa.
Zugleich bestätigen die Zahlen der Randabstände, daß
bei F. urticae die Flecke parallel, bei var. ichnusa
schräge zum Flügel rande gestellt sind.
Nun wirft sich von selbst die Frage auf: sind die V. urticae-
Flecke als randwärts oder die var. ichnusa-Flecke als wurzelwärts
verschoben aufzufassen? Und läßt sich dies mit einiger Sicher-
heit feststellen?
Zunächst mußte bestimmt werden, inwieweit die übrigen
Zeichnungselemente sich an der Verlagerung beteiligen. Es handelt
sich in dieser Beziehung um zweierlei:
1. um die Vorderrandbindenflecke,
2. um den Innenrandfleck.
ad. 1. Einigermaßen sicher ist nur die Messung bei dem
zweiten Vorderrandfleck an dem scharf bestimmten Winkel, wo
die Ader IIF^ in die Mittelzelle einmündet, und bei dem dritten
Vorderrandfleck, wo dieser von der scharfen Spitze des weißen
Spitzendreieckes begrenzt wird.
Ich stelle in den Tabellen 4—6 die betreffenden Abstände,
wieder von der Mitte des Halseinschnittes genommen, in mm zu-
Vanessa mticae L. und var. ichnusa Bon.
591
sammen. Die Nummeru 1—7 bezeichnen die gleichen Falter wie
in den Tabellen 1 und 2.
Tabelle 4.
Abstände der Vorderrandflecke v. Kopf-Halseinschnitt in mm.
1.
r. 1.
2.
r. 1.
4.
r. ; 1.
I 1.
6.
r. i 1.
7.
r. i 1.
Vanessa urticae
II. Vorderrandfleck
III.
var. ichnusa
II. Vorderrandfleck
III.
13,514
20,5 21
13,5
195
13,5
19,5
14 14
20,5 21
13 12,5
18,5118
13,5! 13,5
19 19
14,514,5
22 21,5
13,5 13,5
19,5 19,5
15
21,5
13,5
20
13,5
20
14
19,5
Die Mittelwerte, in Verbindung mit den früher bestimmten mitt-
leren Flügellängen, sind in Tabelle 5 gegeben.
Tabelle 5.
II. Vorderrandfleck
III. Vorderrandfleck
Mittlere Flügel-
länge
für Vanessa urticae
für var. ichnusa
14 mm
13,3
20,4 mm
19,1
27 mm
25
Hieraus erhält man für die Einheit 100 in Tabelle 6 die Zahlen
Tabelle 6.
II. Vorderrandfleck
III. Vorderrandfleck
für Vanessa urticae
für oar. ichnusa
Aus der Tabelle 6 geht hervor, daß im Gegensatz zu den
Zwillingsflecken die Vor der ran dflecke in ihren relativen
Stellungen zur Flügellänge bei V. urticae und var. iehmisa keine
nennenswerten Abweichungen voneinander erkennen lassen.
ad 2. Der Innenrandfleck ist bei seiner variablen Größe und
häufigen Verwischung, infolge des Fehlens eines gut bestimmbaren
einheitlichen Punktes, nicht einer genauen Messung zugängig. Man
ersieht aber direkt aus meinen Photographien von F. urticae und
592 ^- Hasebroek,
var. ichnusa, daß der Innenrandfleck bei V. urticae schräger innenrand-
abwärts vom ersten Vorderrandfleck zieht und mit seiner Mitte
senkrechter unter der Mitte des zweiten Vorderrandfleckes steht,
so daß er sich dem weiter randwärts befindlichen unteren Zwillings-
flecke nähert, während er bei var. ichnusa ausgesprochen mit dem
Zwillingsflecke zusammen wurzelwärts zurückbleibt. Der F. urticae-
Innenrandfleck hat also mindestens die Tendenz, sich ebenfalls rand-
wärts auszubreiten.
Aus 1 und 2 ergibt sich, daß die Verlagerung der Zwillings-
flecke keineswegs mit einer Verlagerung der anderen Bindenflecken
zusammenhängt, sondern daß dieZwillings flecke zusammen
mit dem Innenrandfleck für sich und isoliert von
der Verlagerung betroffen werden.
Handelt es sich nun um eine wirkliche Verschiebung w^ährend
der Ausbildung des Flügels? Oder haben wir von vornherein und
schon frühestens eine verschiedene Anlage vor uns?
Ich bin in der Lage, dies aus der vorliegenden Kenntnis der
Ontogenese der Flügelzeichnung von F. urticae dahin zu entscheiden:
daß bei T'. iirticae die Zwillingsflecken und zwar mit an Sicherheit
grenzender Wahrscheinlichkeit im Verein mit dem Innenrandfleck
im allerletzten Stadium der Entwicklung zum definitiven Falter
randwärts wandern.
Es existiert eine sehr genaue Untersuchung über die Entwick-
lung der Zeichnungselemente auf dem F. urticae-F\ügel durch Gräfin
M. V. Linden^). Ich gebe die betreff'enden Bilder im Original wieder.
Man vergleiche die Fig. B, a— e mit meinem Photogramm des
fertigen Falters F. urticae. Was sofort in die Augen fällt, ist eine
stärkere SchrägstellungderZwillingsfleckein sämtlichen v.LiNDEN'schen
Abbildungen gegenüber der Stellung am fertigen F. iirticae-Flügd.
Nicht ganz so deutlich erscheint wegen der größeren dimensionalen
Verhältnisse der Fig. B, a— e eine größere Nähe der Zwillingsflecke
zur Mittelzelle, doch ist auch diese in Fig. B ohne weiteres evident.
Um die dimensionalen Verhältnisse gleichzumachen, nahm ich
wieder eine genaue Messung der Abstände vor. Eine solche ist
annähernd wenigstens möglich, denn weil es sich in den Bildern
um die losgetrennten Flügelwurzeln handelt, so ist der proximale
1) Untersuchungen über die Entwicklung der Zeichnung des Schraetter-
lingsflügels in der Puppe, in: Tübinger Zoologische Arbeiten, Vol. 3,
Leipzig, 1898 (im Separatum zu haben).
Vanessa urticae L. und var. ichmisa Bon.
59^
BXXS
Fig. B.
a— e Entwicklung des V. urticae-Flügels in der Puppe.
e Wärmepuppe (nach Dr. Gräfin M. v. Linden).
Punkt einer Messung- nicht nennenswert von dem fixen Punkt meiner
früheren Messungen, in der Mitte des Hals-Kopf-Einschnittes, der
in der Mittellinie des Falterkörpers liegt , verschieden. In der
Tabelle 7 sind die Abstände aus den 5 v. LiNDEN'schen Bildern nach
dem gleichen Schema wie früher in mm zusammengestellt und wieder
auf die Einheit 100 umgerechnet.
Das Zahlenverhältnis der Flügelwurzelabstände 61 und 56
stimmt weit besser zu den früheren var. ichnusa- Werten 60 und 54
der Tab. 3 als zu den F. urticaeAY erten 62 und 60.
Doch nun zu den Flügelrandabständen der v. LiNDEN'schen
Bilder mit 18 und 17: fallen diese nicht etwa gegenüber den hohen
var. kknusa-W erten 33 und 36 der Tab. 3 total aus der Rolle? Nun.
594
K. Hasebroek,
Tabelle 7.
■ Abstand der Zwil
von der Flügelwurzel
oberer unterer
ingsflecke in mm
vom Flügelrand
oberer unterer
Abstand der
b lügelspitze
von der
Wurzel
1.
29
28
7,5
7,5
46
2.
26
25
8
7,5
46
3.
29 26
9
8
46
4.
28 26
9
8
46
5.
29 , 27
8
8
46
Mittelwerte
28
26
8.2
7,8
46
auf 100 be-
rechnet
61
56
18
17
-
sie tun dies nicht nur nicht, sondern sie geben uns, wie ich zeigen
kann, einen strikten Beweis an die Hand dafür, daß tatsächlich die
Zwillingsflecke in der F. wr^icae-Puppe aus einer anfänglichen mr.
ichnusa-SteWimg randwärts wandern, und zwar im allerletzten Stadium
der Ausbildung des fertigen Flügels.
Man vergleiche hierzu die Fig. Ba— e der Puppenflügel mit
meinen Falterphotographien von F. urticae und var. ichnusa. Es er-
hellt, daß die Puppenflügel von der Ader III ^ an bis zum Innenrand
im Randfeld noch nicht fertig sind. Sie haben eine starke Rand-
schrägung nach dem Innenrand zu, die an den fertigen Flügeln nicht
mehr vorhanden ist: hier steht der Randsaum annähernd recht-
winklig auf dem Innenrand. Das kann kein Zufall sein; es findet
sich bei allen meinen Faltern, daß der Vorderflügel ein annähernd
rechtwinkliges Dreieck darstellt. Ich habe somit in der Fig. Ba— e
€ine Ergänzung vorzunehmen, wenn ich die wahren Randabstände
der Zwillingsflecke für das Stadium der vollen Flügelausdehnung
nach dem Schlüpfen erhalten will. Hierzu ist es nur nötig, die
Ader IV\ die zwischen den Zwillingsflecken verläuft, um so viel zu
verlängern, wie es dem Verhältnis der Ader am fertigen F. urticae-
Flügel entspricht.
Da, wie wir aus der Tab. 1 und 3 ersehen, die beiden F. urticae-
Zwillingsflecke an meinen Faltern 1—7 wegen ihres Parallelismus
Vanessa urticae L. und var. iclmusa Bon. 595
zur Saumlinie so gut wie ausnahmslos gleiche Abstände vom Flügel-
rande haben, so erhalten wir aus der ergänzten Länge der Ader IV^
ohne weiteres das Plus für die wahren Abstände der Flecke.
Die Ader IV ^ mißt in den Puppenbildern Ba— d (e ist nicht
meßbar): 11,5—10,5—12,0-12,0. d. i. im Mittel 11,5 mm, bei einer
Flügelspannlänge von 46 mm. Dieselbe Ader IV^ mißt an meinen
7 F. urticae-Fa.\te.m: 11—11—10—11—11—11-9,5, d. i. im Mittel
10,6 mm bei einer mittleren Flügelspannlänge von 27 mm. Um die
Ader IV ^ der Puppenbilder in das richtige Verhältnis zur Spann-
länge 46 zu bringen, bedarf es nach der einfachen Formel 46 : x
=^ 27 : 10,6, also x = 18, einer Verlängerung der Ader IV ^ um 6,5 mm.
Dies ergibt für den mittleren Abstand von 8 mm (der Tab. 7) die
Zahl 14,5, was auf die Einheit 100 berechnet — die ich ja für die
zugehörigen ^Vurzelabstände 60 und 54 (der Tab. 3) zugrunde gelegt
habe — den ^^'ert 31,5 ausmacht. Man sieht, daß jetzt in der Tat auch
die Abstände der Zvvillingsflecke der V. Mr^/a/e-Puppenflügel in höherem
Grade den Randabständen von var. ichnusa mit 33 und 36 (der Tab. 3)
sich nähern als den V. «(Hirne- Abständen 26 und 26 (derselben Tab. 3).
Die Diiferenz gegenüber dem F. «^Hicae-Abstand 26 ist so groß, daß
die Annahme einer Mittelstellung mindestens erlaubt ist. Und da
andrerseits der Wurzelabstand des oberen var. icAm«sa-Zwillings-
fleckes 33 (der Tab. 3) doch noch auffallend innegehalten ist, so
kann man kaum anders als annehmen, daß in denv. Linden-
schen Bildern die F. wr^icae-Zwillingsflecke in der
Puppe in der Abwanderung zum Rande erst begriffen
sind. Hierfür spricht auch die deutliche Verschiedenheit der in
Tab. 7 angeführten absoluten Zahlen der Flügelrandabstände vom
oberen und unteren Zwillingsfleck, die gegenüber der Übereinstim-
mung am fertigen F. ttriicae- Flügel (7 : 7) auf den Puppenflügelbildern
zwischen 7,5 und 9 mm schwanken, trotz der gleichen Flügelspann-
länge von 46 mm. Es liegt doch durchaus nahe, anzunehmen, daß
die Puppenbilder der Gräfin v. Linden nicht absolut gleichen Puppen-
stadien entsprochen haben.
Unsere zahlenmäßigen Feststellungen über eine Abwanderung
der Flecke randwärts erscheinen bemerkenswert, denn der Umstand,
daß das betreifende Vorderflügelfeld zwischen Ader IIP und Innen-
rand, wie wir sehen, beim fertigen Flügel noch weiter auszuwachsen
hat, erlaubt den Schluß, daß die in der F. MH«c«6'-Puppe mit var.
ic/m««s«-Stellung angelegten Zwillingsflecke gleichzeitig mit der letzten
Phase der Ausdehnung der Flügelfläche sich randwärts verschieben.
596 K. Haskbroek,
Über eine j^leich ermaßen sich vollziehende Wanderung- des Innen-
randfleckes von V. urticae aus der var. ichnusa-Stelhmg läßt sich aus
den Puppenbildern B a — e durch Messung nichts Sicheres entnehmen,
es muß das durch spezielle Untersuchungen im allerletzten Stadium
der Puppe noch näher festgestellt werden. Daß der Fleck aber
noch zu wandern hat, bis die definitive V. urticae-hage, erreicht ist^
ist nach dem Puppenbilde Fig. B d kaum zweifelhaft, denn er steht
hier sicher noch viel zu weit zurück, wenn man das Bild mit meiner
F. wr^^cae-Photographie vergleicht.
Wie sollen wir uns nun die Vorgänge bei der Wanderung
denken? Gezwungen wäre es sicherlich, nicht die gleichen prin-
zipiellen funktionellen Vorgänge bei der Herausbildung der Zwillings-
flecke von F. urticae und var. ichnusa anzunehmen. Dann ist e»
aber schwer begreiflich, daß bei var. ichnusa, deren Flügel doch
ebenfalls noch auszuwachsen hat — auch var. ichnusa hat den senk-
rechten Saum (Fig. A) — , die Flecke zurückbleiben. Es kann sich also
kaum um ein einfaches passives Verschieben der Flecke mit den sich
erweiternden Flügelmembranen handeln. Aus diesem Dilemma kommt
man nur dadurch heraus, daß man an dem Anlagefleck bei F. urticae
ein zugleich stattfindendes sukzessives Apponieren von schwarzem
Pigment randwärts mit Verschwinden von Schwarz wurzelwärts an-
nimmt. Dies scheint auf den ersten Anblick sehr gezwungen zu
sein. Es liegen aber gerade für F. urticae Beobachtungen über einen
solchen Gang der Ereignisse vor. van Bemmelen fand nämlich,
wie V. Linden angibt (p. 415), daß ein Paar andere Flecke, nämlich
in Binde II III (Eimer), „durch bleibendes Roth 36 Stunden vor
dem Ausschlüpfen des Imagos verwischt wurden und die schwarzen
Flecke der definitiven Zeichnung sich dabei nicht über, sondern
seitlich von den primären dunklen Stellen bildeten. Auf das
bleibende Roth folgte dann innerhalb weiterer 12 Stunden Schwarz
und Blau". Es ist klar, daß ein solcher Vorgang eine richtige
Wanderung ermöglicht, und es ist daher erlaubt, mit einem prin-
zipiell gleichen Vorgang, der in der Beschuppung räumlich unab-
hängig von der Membrananlage erfolgt, auch für die Zwillingsflecke
zu rechnen.
Dreierlei beweist die Annehmbarkeit dieser Auffassung noch
strikter :
1. Die VAN BEMMELEN'sche Beobachtung betrifft die Costalpartien
des Flügels: hier ist die gleiche relative Auszeichnung der Membran
Vauessa urticae L. und var. ichnusa Bon. 597
schon früh erreicht und abgeschlossen, wie unsere Messungen der Vorder-
randtiecken oben ergeben. Die van BEMMELEN'sche Fleckenwande-
rung muß also unabhängig von der Membran erfolgen.
2. Auch die Gräfin v. LixDEN'sche Beobachtung zeigt in deren
Bildern für die Zwillingsflecke die anfänglich hellere Anlage, die
über Rot zum Schwarz führt. Die Fig. Bc zeigt im Bilde derartigen
Übergang bei dem unteren Zwillingspunkt.
3. Die Ausbildung zum Schwarz erfolgt in der van Bemmelen-
schen Beobachtung erst in den letzten 12 Stunden vor dem Schlüpfen
des Falters, das fällt in dieselbe Zeit, die wir für Wanderung der
F. nrficae-Flecke nach den Puppenbildern annehmen müßten.
Nun zu den Konsequenzen unserer Ergebnisse.
Man kann sagen : statistisch zeigt die var. ichnusa bei der
Herausbildung zum definitiven Falter ein offenbares Stehenbleiben
von Zwillingsflecken und Innenrandfleck, während die Herausbildung
der V. urticae Zeichnung mit einer Weiterwanderung dieser Zeich-
iiungselemente verknüpft ist. Es kann sich in der var. ichnusa-Zeich-
nung daher nicht um einen Rückschlag aus der F. urUcae-Zeidmung
handeln, woraus logisch folgt, daß die var. ichnusa die ältere Anlage
gegenüber F. urticae bedeutet.
Dies wird durch eiu weiteres Tatsachenmaterial der Temperatur-
Elemente an F. urticae noch wahrscheinlicher.
Die bis jetzt geltende Annahme, daß F. urticae die sogenannte
Stammform sei, aus der sich die var. ichnusa durch äußere Bedin-
gungen als Variation herausgebildet haben, stützt sich auf den
scheinbar sicheren Nachweis, daß F. urticae durch hohe Tempera-
turen den var. ic/m?/sa-Charakter annimmt. Die betrefi'enden Re-
sultate sind immer wieder bis in die neueste Zeit bestätigt worden.
So schien es in Hinsicht auf die südlichen Regionen von Corsica
und Sardinien, den einzigsten Fundorten der reinen var. ichnusa, in
Verbindung mit der insularen Isolierung als so gut wie ausgemacht,
daß var. ichnusa nur unter Temperatureinflüssen aus einer anfänglich
entstandenen Abart durch insulare Isolierung sich zur festen Lokal-
variation aus der älteren F. urticae entwickelt habe. Standfüss
schreibt in dieser Beziehung: „. . . . wie steht es mit Vanessa urticae
var. ichnusa Bon. von Corsica und Sardinien ? Haben wir auf Grund
der oben besprochenen Tatsachen diese Insularform gleichfalls als
einen alten, nur in dieser mehr oder weniger isolierten Fauna noch
erhalten gebliebenen Typus der Van. urticae L. aufzufassen? Hier
würde die Auffassung unrichtig sein. Van. ichnusa Bon. tritt nicht
598 K. Hasebkoek,
nur aus dem Formenkreise der an den verschiedenen Orten ihres
weitverbreiteten Vorkommens ziemlich variierenden Vmi. urticae L,
scharf heraus, sondern läuft diesbezüg-lich auch diametral entgegen-
gesetzt, wie die einzige der Van. urticae sehr nahestehenden Art
der Erde, nämlich Van. müherti God. von Nordamerika. Während
die letzte Species von der Flügelwurzel ab bis nach dem zweiten
Drittel beider Flügelpaare hin überwiegend geschwärzt erscheint,
hellt sich var. ichnusa auf. Auch der schwarze Wurzelfleck in der
Nähe des Costalrandes der Vorderflügel verschwindet bei gewissen
Individuen der Soramergeneration fast vollkommen. Wir werden
also var. icJmusa wegen des schroffen Gegensatzes gegen die nächst
verwandten Typen als abgeleitete Form aufzufassen haben. Danach
wird also ichnusa Bon. mit vollem Recht als Varietät von Van. ur-
ticae L. bezeichnet. Allein nicht immer werden die Verhältnisse .so
einfach liegen und das Problem der Abhängigkeit der Formen von-
einander so leicht zu lösen sein."^)
Es ist jedoch klar, daß nach unserer Feststellung einer bisher
nicht beachteten oder übersehenen gesetzmäßigen Differenz zwischen
der V. urticae- und var. «cÄwwsa-ZwilliDgsfleckenstellung die Verhältnisse
nicht mehr so einfach liegen. Der Nachweis, daß ein so charakteristi-
scher Teil der Zeichnung sich keineswegs bei beiden Formen deckt
und daß in dieser Beziehung jede V. urticae in der Puppe bis in
den letzten 24 Stunden ca. vor dem Ausschlüpfen noch eine offen-
bare var. ichnusa ist, führt nach dem biogenetischen Gesetz zu einem
phyletisch höheren Alter für var. ichnusa als für V. urticae. Die
bisherige Ansicht, das var. ichnusa die abgeleitete Form ist, könnte
bestehen bleiben, wenn die künstliche Temperatur-«c^w^^sa auch
die Tendenz zur var. «c/mMsa-Fleckenstellung zeigte, wie sie bei der
echten var. ichnusa zutage tritt. Dies ist nun aber nicht der Fall:
denn alle Temperatur-ic/?wwsa zeigen beim Rückgangs
der Zwillingsflecke deren V. urticae-Stellnng bis zu-
letzt unverändert gewahrt. Es entsteht also in dieser
Beziehung keine wahre var. ichnusa, sondern nur eine
Schein-ichnusa in der Farbentönung.
Außer Herrn Reuss scheint bisher niemand auf diesen Umstand
aufmerksam geworden zu sein. Herr Reuss schreibt mir, indem er
auf den Inhalt seiner 1910 im Entomologist publizierten Arbeit ver-
1) StandeüSS, Handbuch d. palaearkt. Groß- Schmetterlinge. Jena
1896, p. 220.
Vanessa urticae L. und var. ichuusa Bon. 599'
Aveist, der das Resultat von annähernd 2000 Puppenexperimenten
zugrunde liegt, wörtlich folgendes: „Die beiden ZwillingsÜecke ver-
kleinern sich bei urticae sowohl bei Kälte- als bei Hitzeeinwirkungen,
sie kommen auch ganz zum Verschwinden. Falls noch Spuren der
Flecke sichtbar bleiben, so läßt sich stets feststellen, daß Lage-
V er ander uugen nicht entstehe n." Und auch hinsichtlich der
Verfolgung des Innenrandfleckens schreibt er: „Bei urticae verkleinert
sich der große Innenrandfleck zuweilen (hauptsächlich Wärmereaktion);
die Auflösung in die Grundfarbe geschieht, f^Us nicht die häufige
Wischbildung vorliegt, nur von der Proximalseite her. Das Schwarz
hält sich an der Grenze des gelben Begleitfleckens am längsten, und
eine Lageverschiebung im Sinne von ichnusa findet
nicht statt." Zum Beweis gibt R. eine Zeichnung — er war so
liebenswürdig, mir das Original zuzusenden — seiner Arbeit im
„Entomologist" bei, die F. urticae und var. ichnusa ineinandergezeichnet
darstellt. Hier sieht man die typische von mir selbständig gefundene
Verschiedenheit der Zwillingspunkte und des Innenrandfleckens,
erstere zugleich mit der Schrägstellung der var. ichnusa-Flecke. Ich
habe mich an einigen Temperatur-ZcAmtsa des Hamburger Museums
überzeugt, daß diese Tatsache richtig ist. Auch im Seitz findet
man an den Abbildungen der bekannten Temperaturerzeugnisse
atrebatensis unteren Zwillingsfleck und Innenrandfleck, an iclmusoides
den Innenrandfleck als für V. urticae typisch weiter randwärts er-
halten. Das sind sichere Dokumente für die erhalten bleibenden
V. wr^icae- Stellungen bei der künstlichen Herausbildung der Schein-
ichnusa.
Man könnte einwenden, daß die Temperaturexperimente zu einer
Zeit augestellt seien, in der bereits die Wanderung der Flecke voll-
zogen sei. Aber selbst in frühester Zeit des Puppenstadiums von
V. urticae scheint schon das Zurückhalten der Wanderung nicht mehr
möglich zu sein, denn Reüss hat mit 2 — 3 Tage alten Puppen
operiert und auch dann keine andere Stellung als die typische
V. urticae erzielt. Eine Rückführung ist somit unter keinen Um-
ständen möglich gewesen.
Nun noch eine Tatsache: Herr Reuss ist in ganz vereinzelten
Fällen als einzigstes auf var. ichnusa zurückführbares wahres Merk-
mal das Auftreten einer gelblichen (und dadurch grünlich wirkenden)
Basalbestäubung bis zum Innenrand und ersten Costalfleck heran
aufgefallen und zwar nur auf Dauerexposition in 0—5" C — also
Kälte — und bei jungen 2 Tage alten Puppen. Er schreibt in
^00 K. Haskbhoek.
dieser Hinsicht, daß er in der MERKiFiELD'schen Sammlung einige
höchst bemerkenswerte Falter gesehen habe — ebenfalls Kälte-
exposition auf Eis — , die gleichzeitig in England aus importierten
var. zc/mM5a-Puppen geschlüpften Exemplaren ungewöhnlich gut an-
genähert waren, daß diese Falter jedoch nach seiner Erinnerung in
■der Entwicklung der Distalteile der Flügel sehr zurückgeblieben
waren. Er gibt nur in einer Skizze eine Abschrägung des Flügel-
randes, wie sie die Gräfin v. LiNDEN'schen Puppenbilder a— e aufweisen.
Über eine eventuelle Stellungsveränderung von Zwillingspunkten
weiß er mir leider nichts Sicheres mehr anzugeben.
Dieses Verhalten der MEREiriELü'schen Kunstformen scheint mir
«in Hinweis darauf zu sein, daß nur eine wirkliche und weitge-
triebene Hemmung der Entwicklung imstande ist, ein wahres
?c/<w«sa-Merkmal in V. urticae hervorzubringen. Das würde also
ebenfalls für die Richtigkeit der Auffassung sprechen, daß der
V. «r^icae-Charakter gegenüber der var. ichnusa ein fortschrittlicher
ist, daß also V. urticae jüngeren Datums ist als var. ichnusa.
Die durch unsere Untersuchung erhaltene große Wahrschein-
lichkeit, daß es sich in der var. ichnusa um den ältesten Typus
handelt, muß uns veranlassen, auch die übrigen Lokalrassen von
V. urticae auf ihre Beziehungen zu var. ichnusa zu prüfen. Auch
hier liegen die Verhältnisse jetzt nicht mehr so einfach, daß man
nur aus dem Verhalten die Farbentönung unter Temperatureinwir-
kungen Schlüsse zu ziehen berechtigt bleiben dürfte, ohne den Stand
der Zwillingsflecke zu berücksichtigen. Standfuss betrachtet be-
kanntlich die var. polaris Stdgk. und wohl auch die Van. milherti
GoD. als ältere Formen, und zwar die letztere echte Art milherti
speziell deswegen, weil in dieser der „nördliche Typus" mit stärkster
Schwärzung „in noch gesteigertem Maße" zum Ausdruck kommt.^)
Bei meinen für die vorstehende Untersuchung angezogenen V. urticae-
Faltern No. 3, 4 und 5 war die var. polaris bereits vertreten: hier
lag die V. «rficae-Stellung der ZwillingsÜecke schon unbedingt vor.
Aber auch alle anderen Lokalformen von F. urticae, die ich nach
dem SEiTz'schen Werk habe prüfen können, zeigen immer nur die
ausgesprochene V. ^(r^icae-Stellung : es sind das Turcica Stdge. von
der Balkanhalbinsel, Bukovina, Bulgarien, Kleinasien ; risana Moore
vom Himalaya bei Sikkim; chinensis Leech von West-China und
Ost- Tibet; connexa Btle. von Japan: endlich die bereits als viel-
1) Standfuss, 1. c, p. 276.
Vanessa urticae L. und var. ichuusa Bon. 601
leicht gute Art anzusprechende Van. caschmirensis Koll. Alle diese
Formen muß man somit mindestens der V urticae nahe stellen.
Herr Reuss schreibt mir von seinem Standpunkt aus folgendes:
„Es ist wesentlich; daß alle anderen urticae ähnlichen Lokalformen,
z. B. connexa, chinensis, milberti ($$ zeigen z. B. die Zwillingsflecke !)
genau die gleichen Lagerungsverhältnisse der beiden interessanten
Flecke und der Innenrandflecke haben, wie sie sich bei urticae
finden. Die Form ichnusa steht also ganz für sich allein. Auch in
bezug auf die Basalbestäubung steht ichnusa isoliert, bei milherti
liegt deutlicher Nigrismus vor."
Wenn es sich nun auch in der Tat in diesen Lokalformen um
einen gesteigerten Ausdruck des nördlichen Typus von F. urticae
handelt, so müssen wir dennoch auf Grund unserer eindeutigen
Untersuchung der Zwillingsflecke auch diese Formen zunächst noch
für jüngeren Datums als var. ichnusa halten. Zu entscheiden wäre,
wie ich meine, über deren relatives Alter gegenüber F. urticae leicht
•durch die Untersuchung und Verfolgung der Ontogenese der Flügel-
zeichnung. Sollte sich hier die Persistenz der var. icÄMWsa Stellung
der Zwillingsflecke nicht so ausgesprochen finden, also die defini-
tive F. urticae Stellung schon sehr früh in der Puppe vorhanden
sein, so müßten diese Formen älteren Datums sein als F. urticae.
Sollte kein Unterschied von der F. wr<?cae-Entwicklung zu konsta-
tieren sein, so wird man keinen Anhalt dafür haben, ob diese Rassen
als gleichalterig oder jünger als F. urticae betrachtet werden müssen.
FiscHEE schreibt, durch die Temperaturexperimente veranlaßt,
folgendes: „Es hat nun sehr viel Wahrscheinlichkeit für sich, daß
■die var. polaris und connexa aus der Eiszeit übrig gebliebene Formen
sind, und daß wenigstens aus der ersteren unter dem wärmer ge-
wordenen Klima der postglacialen Zeit die mitteleuropäische urticae
und aus dieser bei weiterem Vordringen nach Süden und unter Ein-
fluß der insularen Absonderung die var. ichnusa als ein weit ge-
triebener Ausläufer sich herausentwickelte." ')
Wir unsererseits kommen unter Zugrundelegung unserer Unter-
suchung der Zeichnungselemente der Zwillingspunkte natürlich zu
einer gerade entgegengesetzten Folge der Ereignisse: zuerst war
var. ichnusa da, und aus dieser heraus entwickelten sich F. urticae
und dann die nördlichen Rassen. Sollte diese Auffassung nicht sehr
1) FisCHEE, im Kap. Temperaturexperimente, in: Spulee's Schmetter-
lingswerk, p. C.
Zool. Jahrb. XL. Abt. f. Syst. 39
ß02 ^- Hasebroek,
viel für sich haben, weil wir dann einfach von Süden nach Norden
fortzuschreiten hätten, ohne die unübersehbare Komplikation einer
nördlichen glacialen Eeliktenkonstruktion ? Man weiß doch ziem-
lich sicher, daß das Gebiet Europas in der großen miocänen Eiszeit
noch ganz vergletschert und daß erst in der zweiten Eiszeit große
Teile Südeuropas und des südlichen Mitteleuropas frei geblieben
waren. Ist es da nicht eigentlich etwas gezwungen, anzunehmen^
daß ein Reliktenzentrum nördlich sich etabliert haben sollte und
daß nun von hier die Ausbreitung nach Süden erfolgt sei? Ist es nicht
viel annehmbarer, daß das Reliktenzentrum im Süden vorhanden war
und daß mit dem Rückgang des Eises gegen Norden erst die Ent-
wicklung der Rassen urticae, dem Rückgang folgend, sich vollzog?
Man glaubt ja gerade für Corsica und Sardinien gefunden zu haben,
daß hier die Fauna sich entwickelt hat durch „Erhaltensein von
Formen, die einen ursprünglicheren Charakter haben als die
nächststehenden Festlandsformen, z. B. Deil. tithymali B. von den
Kanaren und D. galii H. G. von Corsica und Sardinien gegenüber
Deil. euphorbiae L. Dieser Reliktencharakter der Inselfauna ist nicht
etwa eine Besonderheit der Schmetterlinge."^) An unserer Auf-
fassung ändert es nichts, daß man außerdem für Corsica und
Sardinien die gleichzeitige Ausbildung neuer Arten gern hervorhebt.
Man exemplifiziert dies z. B. an Arg. elisa God. gegenüber Arg.
niobe. Mir will scheinen, daß man sich auch für diese elisa hat nur
durch die Verallgemeinerung der Temperaturresultate leiten lassen,
nämlich von der Annahme, daß hier, analog wie bei var. ichnusa gegen-
über V. urticae, eine Aufhellung der Farbentönung in Rechnung zu
setzen sei. Ich meine jedoch, daß die große Fleckenarmut von elisa
an sich schon den Charakter einer ursprünglicheren Form bedeutet.
Und nun noch etwas recht Auffallendes: Arg. elisa God. zeigt
sowohl nach den Abbildungen in Seitz und Spuler als nach den
Tieren meiner Sammlung die vielleicht unseren ichnusa-Zwillings-
flecken analogen proximalsten Flecke in den Zellen 111=^— IV ^ und
IV^— IV^ dicht an der Mittelzelle und in Schrägstellung.
Arg. elisa soll nach Seitz einen „deutlichen Übergang zur Gruppe
Arg. aglaya^' bilden: auch bei aglaija selbst sowohl als bei den ab.
ab. ottomana Rob. aus West-China, bessa Frühst., vifatha Moore,
myonia Frühst, von Japan sehen wir in den Bildern bei Seitz diese
Flecken noch näher zum Mittelpunkte stehen als bei Arg. niobe,
1) Spuler, 1. c, p. LXXXII.
Vanessa nrticae L. und var. ichnusa Bon. 603
und noch deutlicher fällt bei elisa in die Augen der weitere Abstand
der Flecke vom Rande des Flügels gegenüber Arg. niobe, wo der
obere Fleck fast schon in der Mitte zwischen Vorderrand und Saum-
rand steht. Das spricht auch an dieser Form für eine vor sich ge-
gangene Abwanderung zum Rande. Ist das nicht eine evidente
Parallele zu unserem urticae — ic/«wMsa-Paradigma ? Wenn man wirk-
lich die Berechtigung hat, die Arg. elisa in nahe Verbindung mit
Arg. niobe zu bringen, so würde nach diesem Parallelismus jeden-
falls auch Arg. elisa nicht mehr als neue corsicanisch-sardinische
Späterentwicklung aus Arg. niobe zu betrachten sein, sondern die
Sache wieder umgekehrt liegen.
Zum Schluß möchte ich Herrn Reuss auch an dieser Stelle für
die mir gemachten ausführlichen Mitteilungen aus seiner mir
nicht zugänglichen Arbeit im „Entomologist" ^) danken. Er ist mir
auf dieser kleinen Forschungsreise zum stillen Begleiter geworden,
der meine eigenen Beobachtungen sichern konnte.
1) Anm. b. d. Korrektur. Mittlerweile auch deutsch in der Gubener
Internat, entomol. Ztschr., 1916, No. 22 erschienen unter dem Titel:
„Ist Vanessa urticae Fe. v. ichnusa Bon. eine gute Art?"
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Vertag von Gustav Fischer in Jena.
P. Weise, Lith., Jena.
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